Wuxi - Yuantouzhu
Unten schimmert der See, eine riesige, spiegelblanke Fläche. Ich bin schon wieder schweißnass. Ich sprinte den dicht bewachsenen Hügel über knirschendes Laub hinab. Atemlos komme ich unten an. Da stehe ich vor einem Wassergraben. Wo bin ich hier?

Ich habe mir mal wieder auf Umwegen Eintritt zu einem touristischen Höhepunkt verschafft und mich auf der Insel Yuantouzhu nach Unterquerung einer geschlossenen Baustellenzufahrt querfeldein über zwei Hügel in die Nähe des 2200 qkm großen Tai-Sees gepirscht. Nur dieser schmale Graben trennt mich hier unten von einer Art Park direkt am See. Ich werfe meinen Rucksack schon mal ans andere Ufer. Es wäre doch gelacht, wenn ich nicht mit einem Satz da rüberkäme. Schließlich habe ich doch früher im Weitsprung mal 5,15 m geschafft! Ich nehme kurz Anlauf und lande mit einem Fuß im Schlamm und mit dem andern im Wasser. Ein Blick aufs Hemd zeigt: Ich habe mich total mit Wasser und Schlamm bespritzt. Das ist ungünstig, es zieht nämlich sowieso gerade eine Erkältung heran. Ich ziehe das Hemd aus und den Pullover aus dem Rucksack über. Wenigstens trocken. Ich weiß nicht genau, was das hier ist, aber ich sehe rasch, dass der kleine Graben ein paar Meter weiter links in einer Sackgasse endet. Dort hätte ich also trockenenen Fußes den Park betreten können.
Ein malerischer Blick auf den endlosen See vor mir, auf dem der Fischer und seine Frau im Sonnenuntergang in ihrer kleinen Barke über das Wasser gleiten, entschädigt mich für die feuchte Landung auf diesem irgendwie nach Privatgrundstück aussehenden, menschenleeren Gelände, das hervorragend gepflegt ist. Ein Geistersanatorium? In der Mitte gibt es einen Fischteich samt Pavillon und kleinen Brücken. Schließlich begegne ich doch ein paar Leuten, als ich die Uferpromenade entlangwandere. Hangaufwärts befindet sich ein großes, weißes Gebäude und ich erkenne: Das ist ein Erholungsheim für Parteikader der Provinz Jiangsu. Nur braucht von denen anscheinend derzeit keiner Erholung.
Ich folge einer asphaltierten Straße und lande schließlich auf einer Art touristischem Pilgerweg, der bergab der Küste folgt und gelegentlich Abstiege ans felsige Seeufer erlaubt. Ich komme vorbei an der "72-Gipfel-Villa" und dem Guangfu-Tempel. In einem einsamen Antik-Restaurant mit Seeblick, etwas weiter unterhalb, störe ich eine Gesellschaft, die auf dem Balkon feiert, nur kurz. Ich schau mal oben nach, da ist der Blick noch besser, aber alle Tische sind verwaist. Und auch ich kann nicht bleiben, um die Sicht auf die Drei-Hügel-Inseln mit dem Leuchtturm zu genießen. Auch hier am Ufer gibt es einen Leuchtturm. Ich passiere ihn, als es schon dunkelt, und erreiche ein künstliches Dorf mit Brücken und einem ausrangierten Schoner, dazwischen blühen überall die Kirschen und Pflaumen. Ein Traum in Weiß! Aber ich sehe nur noch die Kontraste.
Ich komme zum Ausgang. Hier sammelt ein Gratis-Touri-Bus die letzten Versprengten ein. Nach einigem Warten nimmt er uns alle mit zum Hauptportal. Dort sehe ich aber keinen Bus und entscheide mich, zu Fuß bis zur Brücke zu wandern, über die ich am frühen Nachmittag, Bus Nr. 1 vom Bahnhof und einen gewaltigen Stau hinter mir lassend, auf die Insel gelangt bin. Kurz vor der Brücke ist eine Haltestelle, doch hier fährt der Bus mit der richtigen Nummer einfach an mir und einem Pärchen vorbei. Auf dem Weg zur Bushaltestelle hinter der Brücke, also jenseits der Insel, überholt noch einmal der richtige Bus, aber nachdem ich kurz darauf die nächste Haltestelle erreicht habe, kommt keiner mehr, war ja klar. Nachdem ich eine halbe Stunde im Dunkeln gewartet habe, entschließe ich mich an der Hauptstraße auf einen anderen Bus zu warten. Schließlich bekomme ich einen, der nach eigener Auskunft ins Zentrum fährt. Zum Glück gibt es in Wuxi zwei nagelneue, bereits fertiggestellte und ziemlich auffällige Betonkolosse, zwischen denen irgendwo mein Hotel steht. Diese Orientierungspunkte helfen mir schließlich, zu einem Zeitpunkt, da alle Straßen grau sind, wieder ins Bett zu finden. Vorher hole ich mir allerdings im Supermarkt gegenüber einen Doppelpack im Sonderangebot: eine Flasche Cola mit einer Flasche Orangensaft. Die Cola leere ich noch auf der Straße zur Hälfte. War doch irgendwie warm heute.