Schönes Osterei
Ist das eine geplante Osterüberraschung oder fällt nur zufällig auf dieses Wochenende? Jedenfalls ist doch auch mal 'ne schöne Idee: Das "Büro der Provinz Jiangsu für Belange ausländischer Experten" lädt mich und eine Reihe anderer Lehrkräfte meiner und mindestens einer anderen Nanjinger Universität zu einer dreitägigen Reise nach Hangzhou, die Hauptstadt der Nachbarprovinz Zhejiang ein, dreieinhalbstündige Busfahrt, Verpflegung, zwei Übernachtungen im Vier-Sterne-"Holiday-Hotel" und Eintrittspreise für Theater und Bootstour über den Xihu inklusive. Ich hätte die ganze Reise problemlos auch ohne Portmonee antreten können.

Ich lerne den nach Australien ausgewanderten Juden Max alias Menahem kennen, einen jovialen älteren Herrn, dessen Eltern auf abenteuerliche Weise in der Ukraine dem Holocaust entkommen sind, Bauern hatten sie versteckt. Menahem hat eine Schwäche für die deutsche Sprache, die er als Kind gelernt hat, ehe die Familie nach Israel auswanderte, und besteht darauf, dass ich ein paar Sätze auf Deutsch mit ihm wechsle. Das Verstehen sei gut, meint er, nur beim Sprechen hapere es. Ich werfe beim Essen so ziemlich alles in die Waagschale, was ich über israelische Geschichte weiß. Und da das Leben uns ja immer irgendwie auf die Dinge vorbereitet, die uns widerfahren, lese ich zufällig gerade das Buch "Andernorts" eines jüdischen Autors, in dem ein verrückter Rabbi meint, den Messias klonen zu können. So wirke ich wohl einigermaßen informiert über Israel.
Im Bus bin ich von Briten umgeben. Gleich zwei Damen heißen Sarah, eine davon ist aber Chinesin. Als sagenhafter Höhepunkt der Reise entpuppt sich die Tanz-Show "The Romance of the Song Dynastie", in der in einem halben Dutzend Kapiteln (von der Steinzeit bis in die Zeit der Song-Dynastie) die Geschichte dieses Fleckchens Erde visualisiert wird. Das Theater befindet sich in einer Art Freilichtmuseum, über dem ein aus einem Bergmassiv gemeißelter zehn Meter hoher Buddha thront. Überall stehen kostümierte Schwertkämpfer aus der Song- und anderen Dynastien in der Gegend herum oder führen Kabinettstückchen vor. Die etwa einstündige Theatervorführung raubt uns den Atem, insbesondere wenn die ganze Sitzreihe plötzlich zur Seite geschoben wird und neben uns, an dem Ort, an dem wir gerade noch saßen, Kanonen und Kämpfer aus dem Keller emporgeschwebt kommen und es plötzlich knallt und raucht und Feuer gespuckt wird wie in der Neujahrsnacht. Kämpfer schwingen sich auf Balustraden, die eben noch nicht zu sehen waren und ein kleines Baby wird vom Helden unter Gefahr für Leib und Leben vor den Schergen einer finsteren Macht gerettet. Nicht minder spektakulär ist der Wasserfall, der plötzlich von der Decke rauscht und die Bühne in einen Teich verwandelt, über den dann die hereingeschobenen Brückenhälften führen, aber – o Schreck! – die Brückenteile treiben so schnell wieder auseinander, wie sie eben hereinrauschten und trennen die Liebenden der Song-Dynastie, um deren Geschichte es hier ja eigentlich geht. Angesichts solche Effekte geraten die meisterhaft choreografierten Tanz- und Akrobatikdarbietungen der prächtig kostümierten und geschminkten Darsteller fast zur Nebensache, obwohl sie doch für sich genommen schon für genügend Ohs und Ahs gesorgt hätten. Wenn man China noch nicht liebt (oder das Lieben wegen irgendwelcher Taxitussis, die Zebrastreifen für eine Attraktion im Zoo halten, verlernt hat), hier spätestens lernt man es.
Der Weg vom Song-Dynastie-Freilichtmuseum zum legendären Westsee (Xihu) führt durch ein paar grüne Hügel, auf denen Tee angebaut wird, und ist leider von Kraftfahrzeugen verstopft. Erst gegen Abend kommen wir zu unserer Bootstour auf dem See. Erinnerungen an 2004 werden wach. Damals führte mich eine Konferenz in die legendäre Stadt und ich sah den berühmten See zum ersten Mal. Ich flaniere nach der Bootstour mal wieder auf abseitigen Wegen. Der chinesischen der beiden Sarahs gelingt es trotzdem, mich dabei im Bild festzuhalten.
