Auf dem Tigerhügel
Vergleichsweise spontan habe ich mich, wie schon vor einem Jahr um diese Zeit, für ein verlängertes Wochenende in Suzhou entschieden. Ich kämpfe mich heute bis zum Gipfel des Tigerhügels, dem so genannten "Nummer eins Punkt" in Suzhou, vor. In einem von einem Kanal umschlossenen Park (12 Mark Eintritt)l thront auf dem Gipfel eines kleinen Hügels, zu dem man sich wahlweise durch das umgebende Wäldchen oder durch eine Reihe von Tempelportalen begibt, eine uralte Pagode, die, dem Schiefen Turm von Pisa nicht unähnlich, schon etwas angeschäkert ist und mithin leicht Schlagseite hat, weswegen sie leider auch nicht bestiegen werden kann. Etwas nervös bin ich schon am Eingang bei der Feststellung geworden, dass mein Telefon ausgerechnet heute kein Guthaben mehr aufweist, was aus zweierlei Gründen ärgerlich ist: 1. Meine Chefin, die Leiterin der Abteilung für Deutsche Philologie, hat quasi im Moment vor der Sperrung noch eine Mitteilung geschickt, ob ich ihre E-Mail schon gelesen hätte, was ich nun natürlich nicht bestätigen kann. E-Mail und Internet sind in diesen Tagen rund um den 60. Jahrestag der "Befreiung" Tibets ein Torso: ein Ding ohne Arme und Beine. 2. Gerade hat eine - man muss schon fast sagen: alte - Freundin ihren Besuch in Suzhou angekündigt, die bipolare Künstlerin Danyu. Zum Glück lässt mich der Ewige mal wieder nicht im Stich: In der Nähe des Eingangs zum Park findet sich ein "China-Mobile"-Laden. Für fünfzig Yuan kann ich aufladen und erfahre von der Chefin, dass ich ab nächster Woche einen Kurs (Zeitungslektüre) weniger habe. Die offizielle Begründung: Die Studenten wollten den beliebten Lehrer Qin vor dessen Abreise nach Deutschland noch mal im Unterricht erleben. Hat natürlich nichts damit zu tun, dass ich letzte Woche im Unterricht "Zeitungslektüre" eine Glosse durchgenommen habe, in der sich der Autor über die Zensur in China lustig machte, und eine andere, in der die Pressebeschränkungen während der Olympischen Spiele karikiert wurden, was am Schluss der Stunde mit der Frage quittiert wurde: "Können Sie bitte mehr Rücksicht auf unsere Gefühle nehmen?", worauf ich erwiderte: "Ich fürchte, da müssen Sie durch."

Sichtlich entspannt wandere ich den Kanal entlang - schicke Brücken überall - und kann schließlich die Parkwächterin sogar davon überzeugen, mich noch ein zweites Mal wieder in den Tigerhügel-Park zu lassen, obwohl die Technik meine Eintrittskarte als entwertet ablehnt. Leicht macht sie es mir freilich nicht: Ich muss am Ende eine alibihafte Quizfrage beantworten, mit der ich beweisen soll, dass ich schon drin war. Man wird ja noch mal fünf gerade sein lassen können! Dann bin ich drin und genieße nun den Park ohne die innere Unruhe, was die Chefin gewollt haben könnte. Die Quizfrage war eigentlich Blödsinn. Wenn ich vor fünf Wochen mit meiner ungültigen Karte hier gewesen wäre, wüsste ich ja auch noch, wie es in dem Park in etwa aussieht, und einen Prospekt habe ich auch. Ich bleibe so lange in dem Park, bis ich mich plötzlich ganz allein darin befinde und am Ausgang vor verriegelten Gittern stehe. Ich muss mal wieder klettern und springen.
Es wird dunkel und ich habe die üblichen Schwierigkeiten, einen Bus zu bekommen. Zum Glück habe ich einen Stadtplan mit allen Busverbindungen gekauft. Ich wandere in südlicher Richtung und bekomme dann einen Bus an einer etwa einen Kilometer entfernten Haltestelle.