Das Pfingstwunder
Sie sehen nicht so aus, als könnten wir sie schlagen: große Kerls, die mit ihren einheitlich rot-weißen Trikots wirken wie eine eingespielte Mannschaft. Dagegen wir: eine bunt zusammengewürfelte Truppe aus fast so vielen Nationen wie von unserer Mannschaft Spieler auf dem Kunstrasen stehen. Unser Torwart sieht aus wie Bob Marley, unser Mittelfeldregisseur heißt Kennedy, hielt heute die Predigt und ist weit von der Idealfigur eines Fußballers entfernt. Die meisten sind Afrikaner, der 22-jährige Kanadier Ben und ich die einzigen Weißen in dem wilden Haufen der Nanjinger internationalen Gemeinde (NICF), die das Fußballfeld eigentlich für das alljährliche Abschiedspicknick gebucht hat, bei dem traditionell diejenigen Gottesdienstbesucher und Mitarbeiter mit Gebet und Gesang verabschiedet werden, die die Stadt (und meist auch das Land) im Sommer verlassen werden. Aber die durchtrainiert wirkenden Chinesen in den rot-weißen Trikots, die den Platz am Olympiazentrum (wo 2014 die Jugend-Olympiade stattfindet) ab vier Uhr haben, haben hinter unserem Rücken mit dem Ball am Fuß bereits das Feld übernommen; da hält es die Fußballverrückten unter uns nicht mehr an den Picknickkörben. Rasch ist ein halbstündiges Freundschaftsspiel ausgemacht. Und da spazieren sie auch schon, keine fünf Minuten sind gespielt, durch unseren Strafraum. Den Freistoß, der zum tödlichen Pass wird, habe ich an der Außenlinie verschuldet. Bob Marley im Tor kann nur noch zusehen, wie das 0:1 fällt. Die Euphorie währt nicht lang: In der Abwehr tun sich auch bei den langen Kerls Löcher auf. Vielleicht traut sich auch keiner dem in Ermangelung von Fußballschuhen barfuß spielenden Dribbelkünstler aus Malawi oder Ghana auf die Füße zu treten, der da im Sturmzentrum wirbelt. Er kommt zum Schuss: Ausgleich. Wenig später kann der Torwart der Chinesen einen Distanzschuss nicht festhalten. Der Ball trudelt vor meine Füße, ich muss nur noch in Gomez-Manier abstauben und bin froh, dass ich den Ball nicht über die Latte gehauen habe: Jubel über das 2:1. Nun verlieren die Chinesen völlig die Übersicht, agieren im Sturm harmlos wie Arminia Bielefeld, während die Afrikaner Samba tanzen zum 3:1. Und Ben, frisch gebackener Vater einer Tochter, gelingt Minuten vor Schluss sogar noch ein Wembley-Tor aus der Distanz. Endstand 3:1 oder 4:1 - es spielt keine Rolle. Wir staunen nur über dieses kleine Pfingstwunder, freuen uns und leeren Wasserflaschen im Akkord. Afrika steht im Fußball eben doch eine ganze Ecke vor den Chinesen. Gastfreundlich, wie Chinesen so sind, verbrüdern sie sich nach dem Spiel anerkennend mit uns. Beim obligatorischen Fototermin dienen sie uns als Fotografen. Einige wechseln auch mal schnell die Seite und kommen mit aufs Bild.
Die von mir beigesteuerte Wassermelone hat das Picknick unterdessen unbeschadet überstanden: Niemand hat sich getraut, sie aufzuschneiden. Ich schenke sie Bens dreiköpfiger Familie, die mit mir gemeinsam mit der U-Bahn nach Hause fährt.