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Samstag, 18. Juni 2011

Während die anderen feiern...
Von DM, 23:59

..., nämlich das 25-jährige Abi-Jubiläum, feiern wir auch, d.h. Karl (siehe Eintrag vom 8. Juni) und ich, immerhin zusammen rund 4 % des Jahrgangs. Zwar handelt es sich eigentlich um ein Sommerfest aus Anlass des Abschieds der Familie von Bodelschwingh aus Nanjing nach immerhin drei Jahren, aber Karl und ich genehmigen uns desungeachtet einen Muultrecker auf "Abi '86". Außerdem macht der Sommer heute Pause, denn eine Kaltfront mit Regen hat die Temperatur auf für Nanjing im Juni sagenhafte 18-20 Grad sacken lassen. Als ich Karls Freund und früherem Kollegen Michael (sin-o-meter berichtete), der zusammen mit Gattin Linda ebenfalls zu den Gästen gehört, von meiner Unbill mit der Taxi-Tussi berichte, erklärt der sich spontan bereit, mir mit Rat und Tat zur Seite zu stehen: "Kopier das mal alles und gib es mir Montag. Ich habe einflussreiche Freunde." Nachdem Martin aus Simbabwe mir gestern bereits den Vorschlag einer siebenwöchigen Gebetskette ("to step on the devil's head") unterbreitet hat, dürfte es nun allmählich aufwärts gehen für mich in diesem desaströsen Drama.
Im späteren Verlauf des Abends gerate ich zwischen die Fronten von Karls Schwager Christian, der in Peking als Korrespondent der F.A.Z. tätig ist, und einer reichlich angeschäkerten blonden Deutschen mittleren Alters und Bildungsgrades, die plötzlich neben mir, ihm gegenüber sitzt und uns ein Gespräch aufzwingt. Dabei zieht sie eine Fluppe nach der anderen durch und wenn sie China erwähnt sagt sie "Scheina", als gäbe erst das ihr das Recht als Ausländerin ernst genommen zu werden. Dabei ist sie doch hier unter Deutschen. Scheina also, das Land sei ja viel besser, als die notorisch negativen Journalisten immer schrieben. So habe in einer Firma in Chongqing einst eine Schwangere, die in Wahrheit gar nicht schwanger gewesen sei, für einen Skandal gesorgt und der "Spiegel" sei voll drauf reingefallen. Ich gebe zu bedenken, dass der "Spiegel" eigentlich immer recht gut recherchiere und sich gründlich absichere. Christian geht dagegen eher undiplomatisch auf sie los und berichtet von brutalen Rechtsverletzungen, etwa beim Staudammbau. Die Frauen ausländischer Experten würden so was natürlich nicht zu sehen bekommen. Aber Journalisten hätten dorthin zu gehen, wo das offizielle China die Ausländer nicht so gern habe. Schon sind wir bei der Grundsatzfrage, ob China reif sei für die Demokratie. "Nein", schließt das die Dame kategorisch aus, die Diktatur sei gut für Scheina. Scheina sei ein Riesenreich, das keine Demokratie vertrage. Wenig später sind wir bei Hitler, der dann ja auch gut für Deutschland gewesen sein müsste. "Und überhaupt", meint Christian, "vielleicht solltest du etwas weniger trinken." Ich versuche bei der Hitler-Sache noch mal kurz zu vermitteln und bekomme als Lohn die volle Breitseite, noch ehe ich meinen Satz zu Ende gesprochen habe: Ha, Hitler sei ja ein Gegenbeispiel für Demokratie, da die Deutschen ihn selbst gewählt hätten. Schließlich wird es für die Dame auch Zeit, sich irgendwo noch was zu trinken zu besorgen. Kurz darauf muss auch ich gehen, um die U-Bahn noch zu erwischen, die zwanzig Minuten Fußmarsch entfernt verläuft.

Ich schaffe die U-Bahn, muss aber in Minggugong noch mal aussteigen, weil ich Danyu versprochen habe, ihr unverzüglich die Tasche auszuhändigen, die ich aus Versehen mitgenommen habe, als wir am Abend von der Uni aus mit dem Bus in die gleiche Richtung gefahren sind. Eigentlich wollte sie mich mal wieder in eine Kun-Oper einladen (siehe Eintrag Skandal im Sitzbezirk). Ich fand die Idee gut, hatte mir Karl doch am Mittwoch auch schon davon vorgeschwärmt. Letzte Woche standen wir bereits einmal vor dem Gebäude. Doch Danyu, deren Divenhaftigkeit nur noch von ihrem katastrophalen Organisationsvermögen übertroffen wird, hatte sich nicht mal informiert, ob und wann Vorstellung war. An dem Abend gar nicht. Als ich mich am Nachmittag am Computer über die historische letzte "Wetten dass..?"-Sendung mit Thomas Gottschalk informierte, auf dem Bild der beliebte Moderator mit Hunziker, Klum undsoweiter, fragte sie mich, ob ich das sei. Ich nutze natürlich die Gelegenheit und erwidere: "Klar, sieht man doch, dass ich das bin..." Ich hätte doch früher mal eine Fernsehsendung gehabt, in der ich gelegentlich mit Filmstars in Berührung gekommen sei. Immerhin ist dieser Teil der Erläuterungen wahrheitsgemäß. Und Danyu, die selbst kurz davor ist, einen Vertrag mit der lokalen TV-Station zu schließen - als Moderatorin oder Schauspielerin -, wundert sich nicht weiter. Nur die schönen Frauen um Gottschalk herum machen sie nervös... "Always so  many girls around you!", moniert sie. "Nur beruflich", erkläre ich. Langer Rede kurzer Sinn: Hätte sie auf ihre Diva-Allüren verzichtet und mich später auf dem Weg zum Bus nicht gebeten, ihre blöde Tasche zu tragen, damit sie ihr Dessert essen konnte, wäre ich auch sicher heute Abend nicht mit ihrer Tasche ausgestiegen.
Jetzt steht sie erleichtert, aber auch noch etwas zerknittert wegen der zehn unbeantworteten SMS auf meinem auf Stumm geschalteten Telefon auf der anderen Seite der elektronischen Fahrkartenkontrolle, um ihre Tasche mit dem neuen "Ei-Phone", Geschenk von Papa, das sie sich sowieso bald klauen lassen wird, in Empfang zu nehmen. Auf die Minute genau. Denn ich muss sofort wieder nach unten. Die U-Bahn, die jetzt kommt, ist nämlich definitiv die letzte heute.


Hängt ohne Tasche ganz schön durch: Hysterikern Danyu

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