Der Garten des Verwalters Wang
An der Nordpagode hole ich Danyu ab, die treue sin-o-meter-Leser bereits aus früheren Blog-Einträgen kennen und die die letzten acht Monate in den USA verbracht hat. Sie hat Neuigkeiten: Ihre Oma ist im Winter gestorben, aber ihr Vater wollte sie emotional nicht belasten und sie erfährt es erst bei ihrer Rückkehr. Die zweite Neuigkeit ist: Ihre Mutter sitzt wegen Falun-Gong-Aktivitäten im Gefängnis und kann nicht besucht werden. Wir durchschreiten gemeinsam den berühmten "Park des demütigen Verwalters Wang" aus dem beginnenden 16. Jahrhundert, der einige höchst malerische Ansichten bietet, weshalb er auch proppevoll ist. Das ist dann nicht mehr so malerisch. Natürlich ist dieses Treffen nicht ohne Hintergedanken. Die umtriebige Autorin, die in Chicago wegen ungebührlichen Verhaltens von der Katholischen Theologischen Universität (CTU) geflogen ist, bereitet einen Antrag zur Gewährung fortdauernder Residenz für herausragende Künstler in den USA vor. Und ich soll dafür eines von zehn Gutachten schreiben. Ich wende ein, dass ich kein einziges Werk von ihr gelesen hätte (ihre drei Bücher sind bisher nur in Chinesisch erschienen), wie sollte ich da ein Gutachten schreiben? Sie schlägt mir zwecks Bildung eines Urteils Zeitungskritiken und Resümees vor. Als ich immer noch Einwände habe, muss ich mir (sinngemäß) anhören, alle anderen Gutachter hätten ihr die Füße geküsst, um ihr ein Gutachten schreiben zu dürfen, nur ich hätte so überzogene Ansprüche.