Cruise Missile
Langsam wird die Zeit knapp für Karl, denn seine drei Jahre an der Spitze von Bosch-Siemens-Haushaltsgeräte in Anhui neigen sich dem Ende zu. Wir haben daher beschlossen, uns vor der großen Abschiedsparty noch mal zu treffen. Karl hat ein mexikanisches Restaurant mit Klinik-unter-Palmen-Flair ausgewählt. Wir sitzen also draußen unter Palmen und essen Enchilladas. Ich erzähle von der 30.000-Yuan-Frage und Karl wetzt bereits die Messer, um mit Hilfe eines Anwalts Druck zu machen. Am Nebentisch wird es unterdessen immer lauter. Drei befreundete Chinesen sitzen dort um ein durchsichtiges Bierfass herum, das die Gestalt einer Cruise-Missile-Mittelstreckenrakete hat und offenkundig auch genau demselben Zweck dient, nämlich möglichst viele Menschen in möglichst kurzer Zeit außer Gefecht zu setzen. Als ich bereits im Aufbruch begriffen bin, verbrüdert sich Karl kurz entschlossen mit der Horde. Der auf der uns zugewandten Seite sitzende, etwa vierzig Jahre alte Herr erweist sich als Anwalt. Wer weiß, vielleicht heuert Karl den nach ein paar Bier noch für mich an! Der Tisch ist klebrig-feucht; das ist kein Wunder, denn beim Zapfen geht jedes Mal die Hälfte am Glas vorbei. Oder die Gläser sind so randvoll gefüllt, dass sie unmöglich unfallfrei am Munde anlangen können. Karl stimmt in den fröhlichen Zapf-mich-oder-ich-fress-dich-Reigen ein, der Rhythmus, wo man immer mit muss. Also bleibe ich noch etwas. Plötzlich ist einer der drei Freunde verschwunden. Als er torkelnd wieder auftaucht, strandet er erst mal bei den zwei Damen am Nebentisch, um ihnen einen auszugeben. Er hatte ja auch zuvor schon überdeutlich bekundet, dass eine von denen ihm gefalle. Sicher haben die beiden Chinesinnen genau von diesem Moment den ganzen Tag geträumt!
Inzwischen besteht die Cruise Missile nur noch aus durchsichtigem Glas. Ich denke, nun ist bald Schluss hier. Karl hat bereits einen Anruf von Charlotte bekommen. Ja, er sei quasi im Aufbruch befindlich. Ungünstig nur, dass jetzt gerade - ich traue kaum meinen Augen - noch einmal nachgerüstet wird und die zweite Bierrakete mitten auf dem Tisch andockt. Das ist für mich das richtige Signal. Da ich kein Bier trinke, bin ich in der Runde ohnehin so etwas wie der Spielverderber von der Friedensbewegung, eine Rolle, die mir so wenig behagt, dass ich schließlich nach mehrfacher Ankündigung aufbreche. Es ist schon nach elf. Ich werde vielsilbig verabschiedet. Doch am Ausgang bleibe ich bei meinen beiden blonden deutschen Kolleginnen Kathi und Kathi hängen, die die Cruise Missile schon eine Weile aus kritischer Distanz beäugt haben. Nicht, dass da noch was in die Luft fliegt!