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Vom Schubkarren gesprungen
Im Gottesdienst der Gemeinde mit dem Namen des Heiligen Paulus treffe ich Michaels Noch-Ehefrau Liuhongye (auf dem Foto von einer Geburtstagsfeier ganz rechts), die heute im Chor mitsingt. Nun bekomme ich mal ihre Version des Ehedramas zu hören: Der gute Michael sei ja ständig mit seiner Ex-Frau Xiu Qin zusammen und das könne sie nicht ertragen. Solange er sich von der nicht lossage, könne sie nicht mit ihm zusammen sein. Jetzt wolle er die Scheidung, was sie eigentlich auch nicht so gut findet. Ja, sage ich, ich hätte so was Ähnliches schon gehört... Schön sei das alles nicht.

Einen Tag später wird mir Michael schreiben, dass er schon so gut wie tot gewesen und erst seit fünf Tagen aus dem Krankenhaus raus sei, wo er zwei Herzoperationen über sich habe ergehen lassen müssen. Bei der zweiten sei ihm ein Herzschrittmacher eingesetzt worden. Seine Ehefrau kümmere sich nicht um ihn, sende höchstens ab und zu eine SMS, habe ihn in 15 Monaten zwanzig Mal verlassen. Das Geld für die Operation sei von der Xiu Qins Familie gekommen. (Mehr zum Ehedrama um Michael kann man hier nachlesen.)
Nie war er so wertvoll wie heute
Das hat man davon, wenn man mit einem T-Shirt mit dem Aufdruck "Run for Jesus" herumrennt. Eigentlich bin ich schon erschöpft, als ich von meinen zwanzig Runden im Wutaishan-Stadion zurückkomme und vor dem Eingang in das Wohnheim für ausländische Fachkräfte verpuste. Es sind heute 30 Grad und die 87 Prozent Luftfeuchtigkeit lassen die sich anfühlen wie 36. Inzwischen hat der Riesenhaufen Krempel, der da schon einen halben Tag stapelweise herumsteht Begleitung bekommen: Eine neu aus Hangzhou zugezogene US-Kollegin steht daneben und sieht so ratlos aus wie der sprichwörtliche Prophet, der vorm Berg steht und ruft: "Hebe dich hinweg", aber nichts passiert. Da wir schon bei biblischer Diktion sind: In diesem Moment ergreift der Heilige Geist Besitz von mir und ich stelle mich als Nachbar vor und biete sogleich meine Hilfe an. Das sieht ja ein Blinder, dass die Amerikanerin, etwa 50 Jahre alt, das nicht alleine bewerkstelligen wird. Angeblich sollen "helpers", von denen sie spricht, als hätte ein ominöses, aber nicht sehr vertrauenerweckendes Orakel sie prophezeit, irgendwann heute eintreffen und den Krempel schleppen, aber dreißig Minuten später sind die meisten Kisten und Möbel bereits in ihrem Zimmer, das natürlich im obersten Stockwerk liegt. Dabei komme ich mir vor wie der Hase in der berühmten Fabel vom Hasen und dem Igel. Immer wenn ich unten ankomme, um die nächste Kiste zu holen, steht die Ami-Tante schon da! Am Ende habe ich ungefähr achtzig Prozent geschleppt und deren Besitzerin zwanzig. Vor allem am Anfang der Schleppaktion scheint mein Eintreffen bei ihr auch den letzten Funken Bereitschaft, eine der Kisten auch nur anzufassen, zum Verlöschen gebracht zu haben. Immerhin: das weiße Stubentigerchen, das sich mit seinem Gelass unter den Umzugskartons befindet und von der Reise so verstört wurde, dass es unsichtbar geworden ist wie ein McGuffin, trägt sie selbst nach oben. Mehr und mehr macht sich bei mir aber nun bemerkbar, dass meine Beine gerade acht Kilometer gelaufen sind, doch meine Eitelkeit diktiert mir nur: "Kein Problem, ich schwitzte ja sowieso schon."
"You had a nice work-out", sagt sie schließlich, als ich mich verabschiede um mich zwischen meine eigenen vier Wände zu verkriechen, "I should offer you a drink." Aber leider habe sie ja nichts da, nur ihre 10 Tonnen Plunder. Und Katzenfutter.

Ich liege also so da, wie ich da so liege, und höre es plötzich draußen donnern. Gegen fünf Uhr geht ein gewaltiger Wolkenbruch nieder. Sicher ist die Herrin der tausend Kisten heilfroh, dass Kätzchen und Kisten jetzt nicht mehr draußen stehen. Ich finde allerdings, dass die verspäteten Hilfskräfte es mehr als verdient hätten, in diesem Regen die verbliebenen Bücherkisten reintragen zu müssen.
Der im Regen kam
Als ich in Hamburg das Flugzeug besteige, liegt mal wieder eine schwere Entscheidung hinter mir: die Tube Zahnpasta der Marke DENTALUX , die mit 125 ml das zulässige Gesamtgewicht bei der Sicherheitsbehörde übersteigt, wegschmeißen oder extra wegen dieser einen Tube zurück zur Gepäckaufgabe? Jeder mit nur einem Gramm Menschenkenntnis weiß natürlich, wie ich mich hier entschieden habe und womit ich mir gleich die Zähne putzen werde.
Fürwahr, ein ereignisreicher Sommerurlaub liegt hinter mir mit lauter interessanten Begegnungen aus dem Einst und Jetzt, z.B. Ende Juli auf dem Abi-Jubiläumsnachtreffen auf freiem Felde mit 10 Teilnehmern (7 plus 3) oder auf Veranstaltungen mit prominenten Gastrednern wie dem künftigen SPD-Kanzlerkandidaten Steinbrück oder dem Prediger Hanspeter Wolfsberger, außerdem mit Tonnen von Heuballen, vielen Toren auf dem Fußballplatz, zwei bei der Bundesliga-Saisoneröffnung in Brokstedt, einem chinesischen Abendessen mit dem nächsten Sino-Großenasper und dessen Familie, noch mehr Schlemmereien auf der Dozenten-Konferenz in Bonn, mit einem Besuch auf der Hornburg des Götz von Berlichingen, dessen Goethe-Drama ich ja alljährlich hier in Nanjing lesen lasse (der Mann war nur 1,50 m groß oder seine Ritterrüstung ist eingelaufen), einer Tour über die Elbe nach Finkenwerder, einem Fachvortrag über steuerlich absetz- oder auch nicht absetzbare Vorsorgeaufwendungen, einem schwer zu versteuernden 5000-Euro-Nettogewinn durch Verkauf von Schweizer Franken, die ich vor zwei Jahren gekauft habe, mit Radtouren von Helmstadt-Bargen nach Bad Rappenau und Bad Oeynhausen nach Bünde ins Tabakmuseum, einem Wiedersehen mit Freunden vom ERF, die dieses Museum (jaja, die längste Zigarre der Welt!) schon vorher zu schätzen wussten, und der besten Cutterin seit Auslaufen der Arche Noah, mit zwei Mexiko-Rückkehrern, die zu 75 Prozent meine Kollegen in Ecuador waren, mit einem Onkel, den wir jetzt viel öfter sehen als früher und zu dem wir inzwischen auch nicht mehr Onkel sagen müssen, einem Propsten, der seinem Dienstzeitende und einem Anwachsen seiner Familie entgegensieht, einem Freund, der seinem Bruder Kühe gekauft hat, die keinen Gewinn abwerfen und einem anderen, der erst nur glaubt zu viele Chips gegessen zu haben und auf einmal im Krankenhaus liegt.
Natürlich gehören zu diesem Sommer auch meine größten Flops (und das Wetter war definitiv keiner!):
- Mückenalarm! Die Mini-Vampire sind ja eigentlich ein Problem meines chinesischen Einsatzortes, aber meine Beine werden in Großenaspe von lautlosen, durchsichtigen Moskitos zerstochen und ich bin fast so schlimm dran wie Andy Morgan in "Flucht durch die Fieberhölle". Kein Tag in Großenaspe vergeht ohne neue Stiche. Nie wieder ohne meine Nanjinger Mückenabwehrplättchen!
- Nach acht Jahren fällt da einem, den ich bisher für einen guten Freund hielt, ein, dass er mit mir nicht mehr reden möchte (das hätte er auch mal eher sagen können).
- Schienenersatzverkehr auf der AKN-Strecke! Argl!
- Die Kurlichtspiele in Bad Bramstedt sind geschlossen.
- Postsparbuch-Abhebungen sind total überreglementiert.
- "Person im Gleis", die mich am 15. Juli zwei Stunden verspätet in Wetzlar ankommen lässt, weil der Anschlusszug in Koblenz weg ist.
Auch als film-o-meter-Mann war ich wieder fleißig: "Harry Potter 7.2" (24 Grad), "Final Destination 5" (17 Grad), "Wickie auf großer Fahrt" (22 Grad), "Cirkus Columbia" (24 Grad). Und im Flugzeug schaffe ich es endlich, vier Filme am Stück zu schauen: "Wasser für die Elefanten" ( film-o-meter-Kritik hier), "Source Code" ( film-o-meter-Kritik hier), "Der Mandant" (20 Grad) und "Rio" (24 Grad).
Wo wir schon bei Gradzahlen sind: Geradezu verstörend ist das Wetter, das mich in Nanjing erwartet: 23 Grad und Regen - so kaltes Wetter habe ich hier im August noch nie erlebt. Im Bus zur Stadtmitte gebe ich mich betont zugeknöpft, damit ich mir nicht wieder eine Tante Lu ans Bein binde ( Skandalgeschichte vergessen? Klick hier!). Zu Hause zeigt mir eine durch die Hitze verbogene und, ihres natürlichen Schwerpunktes verlustig gegangen, vom Sockel gefallene Wachskerze, welche Temperaturen hier im Sommer normal sind. Ich schlafe drei Stunden und erlebe nachmittags beim Einkaufen dann noch einen Reinfall: Die 400-Gramm-Erdbeerjoghurtbecher, von denen ich mich morgens fast ausschließlich ernähre, gibt es nicht mehr und der Brombeer-Joghurt, den ich zu kaufen vermeint habe, erweist sich als echte chinesische SpezIalität: Bohnen-Joghurt!
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