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Tante Lu oder: Schlimmer geht's immer! oder: Die Ewigkeit und ein Tag
Ich hab's ja immer gewusst: Das Leben ist eine grausame Satire mit mir in der Hauptrolle! Nein, es reicht nicht aus, dass ich immer noch mit der Zeitumstellung zu kämpfen habe, um elf todmüde ins Bett gehe, um zwei wach werde und bis kurz vor sechs putzmunter im Bett liege und die dunkle Decke anstarre, um neun (!) Uhr morgens werde ich dann auch noch brutalstmöglich aus dem Schlaf gerissen, weil es an der Tür klingelt. Ich denke, die Putzkolonne hat mal wieder den Reinigungstag verlegt, wanke zur Tür und vor mir steht - huhu! - in bester Stimmung: die Tante aus dem Bus (siehe Eintrag von vorgestern)! So schnell kann ich gar nicht gucken, so prompt steht sie in meinem Wohnungsflur. Und dass ich gerade noch geschlafen habe, völlig zerzaustes Haar, lässt sie völlig kalt. Ich frage: Was wolle sie denn hier? Sei sie gerade zum Einkaufen in der Nähe? Sie: Nö, ich wollte dich besuchen! Ich denke: Wie hat die mich bloß gefunden? Ich hatte ihr doch extra besonders unpräzise Angaben über meine Wohnung gemacht. Aber lügen kann ich ja nicht. Na, das wird sich noch ändern heute. Wie komme ich bloß aus dieser Nummer wieder raus? Kann mich nicht mal jemand von diesem Planeten beamen?
Also gut, sage ich mir, testen wir mal, wie viel die Tante (sie heißt übrigens Lu Subo, das habe ich seit zwei Tagen schriftlich) aushält. Kurz entschlossen, ohne Zähne geputzt oder meine Morgentoilette gemacht zu haben, fasele ich irgendwas von Notwendigkeiten und nutze die unerhört frühe Zeit, um fällige Erledigungen zu machen, z.B. im Auslandsamt der Uni vorstellig zu werden, wo ja einige immer noch unter Schock stehen dürften, weil ich mit meinen Lufthansa-Problemen per E-Mail alle in Atem gehalten habe. Aber die Wogen sind bei der langmütigen Miss Sophie rasch geglättet. Ich hoffe insgeheim, Tante Lu hat das endlose Palaver so gelangweilt, dass sie heimlich Reißaus genommen hat, aber Pustekuchen: Sie hat brav draußen vor der Tür gewartet. Huhu! Weiter in der sengenden Hitze des Vormittags zur Abteilung für Computerangelegenheiten. Ich brauche endlich eine erneuerte Internetverbindung (ohne die ich das hier auch kaum schreiben könnte). Ich muss jetzt alles mit der neuen Campus-Karte zahlen, erfahre ich hier, und bis zum 1. September warten, weil man immer 20 Yuan pro Monat zahlt, auch wenn man einen Tag vor dessen Ablauf mit der Internetnutzung beginnt. China wird Deutschland immer ähnlicher! Und Tante Lu hat wieder artig gewartet. Die nächste Angriffswelle auf ihre Strapazierfähigkeit rollt an: Ich muss mal eben einkaufen. Dazu gehe ich natürlich nicht in den Supermarkt um die Ecke, sondern steuere den am weitesten zu Fuß erreichbaren Carrefour nahe der Nanjinger Bibliothek in der Taiping Lu an. Ich gehe zu Fuß zwei Kilometer, Tante Lu schiebt ihren Drahtesel unbeirrt neben mir her. Nur wenn ich Zebrastreifen nutze wie in Deutschland gewohnt, bleibt sie erschrocken zurück und meint, das könne man in China nicht bringen, die Autofahrer seien hier rücksichtslos. Meine spezielle Technik, einfach Löcher in die Luft gucken, kann ich ihr nicht vermitteln, weil meine Sprachkenntnisse das nicht hergeben. Noch ein kurzer Umweg um die Bibliothek herum, wo es wenig Schatten gibt, denn jeder weiß: Chinesinnen fürchten die Sonne wie der Teufel das Weihwasser. Sonne beschädigt nämlich ihren schönheitsidealgemäß strahlend weißen Teint. Doch Frau Lu ist unbeeindruckt. Sie trägt ja auch diesen überdimensionalen Strohhut Marke "Hast du mich gesehen?", während ich unter der Hitze ächze. Ich schleppe sie in den Untergrund, wo sich der Carrefour ausgebreitet hat und willige sofort ein, Tante Lu meine kaputte Uhr zu überlassen, wegen der ich ja auch hier bin. Sie bedeutet mir, mal hinter der nächsten Ecke zu verschwinden, sicher könne sie mir einen viel besseren Preis beim Uhren-Eildienst besorgen, als wenn sich ein dummer Westler (so sagt sie das freilich nicht) da anstellt. Zehn Minuten warte ich hinter der Ecke, während sie mit dem Uhrmacher am Tresen seiner kleinen Boutique verhandelt, und kann nur erraten, was da abgeht. Dann bekomme ich meine funktionstüchtige Uhr ausgehändigt. Die Batterie aus meiner alten, kaputten Uhr konnte zwar wunschbedingt nicht eingebaut werden, die sei zu klein, aber immerhin hat mich Tante Lu damit für den ruinierten Vormittag zumindest ein bisschen entschädigt..
Unten im Supermarkt macht sie aber alles wieder zunichte: Erst mal kommt Tante Lu mit diesem gruseligen Einkaufswagen angewackelt, die benutze ich nie. Aus Prinzip. Trotzdem dackelt sie damit die ganze Zeit hinter mir her und schnappt sich die Sachen aus meinem Korb, legt sie bei sich rein. Ich hole mir die Sachen wieder. Kindergarten! Milchpulver kaufe ich ihrer Meinung nach viel zu viel. Ich sage: Damit komme ich nur sieben Tage aus! Hoffentlich hasst sie mich dafür. Tante Lu ist generell gar nicht so ganz einverstanden mit den Sachen, die ich kaufe, nimmt sie mir resolut wieder weg und ersetzt sie durch ihre Vorschläge. Ich denke nur noch: Hilfe! Was anderes kann ich gar nicht denken. Kompromiss: Ich kaufe gleich zweimal Natriumglutamat und das weiße auch in der von mir bevorzugten Menge. Ich brauche die für Spaghetti, erkläre ich und hoffe, Tante Lu schüttelt sich innerlich vor Ekel. Ich renne noch schnell zur Marmelade und bin vor Tante Lu dort. Sonst hätte sie vermutlich einzuwenden gehabt, dass die gar nicht gesund sei.
Wir sind wieder über Tage und ich denke schon seit Minuten darüber nach, wie ich Tante Lu ganz niederträchtig übers Ohr hauen könnte: Ich nehme einfach Bus Nr. 1 zurück zur Zhujiang Lu und Tante Lu guckt mit ihrem Fahrrad in die Röhre. Aber ich bringe diese doppelte grobe Unsportlichkeit dann doch nicht übers Herz. Auf dem Rückweg will Tante Lu eine meiner Taschen und meine zwei Kiwi-Flaschen in ihren Fahrradkorb legen, was ich mit der Begründung ablehne, ich bräuchte Muskeltraining, dürrer Kerl, der ich bin. Ich benutze also meine zwei mit einer Plastiklasche verbundenen Flaschen Kiwi-Nektar als Hanteln und - du ahnst es nicht! - zack! reißt mir die Lasche ab und die Flaschen purzeln wie Kegel auf den Boden. Siehste, sagt Tante Lu mit ihrem überlegenen Blick, das hätte ich dir gleich sagen können. Beide Flaschen landen in Tante Lus Fahrradkorb. Allmählich dämmert mir, dass ich auch mit dem Rückweg zu Fuß nur eines erreiche: dass ich selbst völlig fertig bin. Die Taschen hängen an meinen Armen wie zwei Kartoffelsäcke à 1 Zentner, ich schwitze wie ein Schwein am Spieß und Tante Lu lächelt. Ich überlege: Tante Lu dürfte so etwa fünfzig Jahre alt sein, das heißt, sie hat die Härten der Kulturrevolution, Landverschickung, harte Arbeit erlebt, als sie zehn bis fünfzehn Jahre alt war. Damals ist man auch nicht überall mit Auto hingefahren, sondern geradelt oder zu Fuß gegangen. Fazit: Tante Lu ist hart im Nehmen. Ich muss mir was anderes einfallen lassen.
Die Gelegenheit kommt prompt. Denn in der Changjiang Lu kann Tante Lu ihre Neugier nicht länger bezähmen und fragt, ob ich schon verheiratet sei (sie selbst ist geschieden, wen wundert's!). Ich sage, noch nicht. Aber mir ist vollkommen klar: Wenn ich Tante Lu jetzt was erzähle vom überzeugten Single-Dasein und so, also, das geht gar nicht. In China glaubt einem so was keiner. Da ist Verheiratetsein so wichtig wie eine Nase im Gesicht haben und genausogut könnte ich Tante Lu einen Gutschein über zwanzig Rendezvous zum Tee ausstellen (Erbarmung!). Ich muss Tante Lu also ein Märchen auftischen von einer bildschönen Dreißigjährigen, meiner großen und einzigen Liebe. Es gebe da nur noch ein paar berufliche Dinge, die uns trennten, sie in Deutschland, ich hier, aber 2011 oder 2012 - "Gott weiß, wann" - sei auf jeden Fall Hochzeit. Spätestens. (Selbst heiraten kann nicht schlimmer sein als drei Stunden mit Tante Lu!) Ich erfinde noch ein paar schwärmerische Details und kann sofort sehen, dass das die volle Breitseite war: Tante Lus Kinnlade klappt runter wie der Deckel einer Tiefkühltruhe im Gefrierwarengroßhandel. Diese Wirkung ist auch für mich erschreckend, denn ich wage kaum mir vorzustellen, dass Tante Lu tatsächlich, also... Lassen wir das.
Tante Lu findet schließlich doch noch die Sprache wieder. Als wir endlich wieder an meinem Wohnheim stehen, sage ich den Satz, den ich mir die letzten fünfzehn Minuten zurechtgelegt habe: "Tja, ich fürchte, ich muss dich jetzt verabschieden. Ich muss jetzt duschen und danach zur Arbeit!" Duschen ist das Codewort für die seit drei Stunden (gefühlt: drei Tage) schmerzlich vermisste Intimität. Ich hoffe, Tante Lu erkennt das. Tut sie, lässt sich aber nicht davon abhalten, mir noch die beiden Flaschen Kiwi-Nektar raufzutragen. Dann ist aber auch gut. Sie kriegt noch eine Visitenkarte von 2003, wo meine Yanjier Adresse und - übergeklebt - die Telefonnummer des Büros unseres Nanjinger Instituts draufstehen, wo ich mich so gut wie nie aufhalte. Dann kann ich die Tür hinter Tante Lu schließen. Hoffentlich für immer.
Mensch, Mensch, Mensch! Und ich dachte, die anstrengende Autorin, von der hier im sin-o-meter auch schon die Rede war, sei die GAN, die größte anzunehmende Nervensäge. Jetzt weiß ich: Schlimmer geht's immer!
Du bist nicht allein!
Du bist nicht allein! Als hätte es dafür im Reich der Mitte noch eines Beweises bedurft, verwickelte mich gestern im Bus vom Flughafen Nanjing zur nächsten U-Bahnstation meine ca. 50 Jahre alte Sitznachbarin sogleich in ein Gespräch. Dabei habe ich durch betont starkes und auch nach Beginn der einseitigen Unterhaltung kaum nachlassendes Vertieftsein in den aktuellen SPIEGEL eigentlich weniger als gar keine Signale ausgesendet, die besagen: "He, ältere Dame dort neben mir im Bus, sprich mich gelangweilten Ausländer doch mal an, ich werde dir bestimmt während dieser Busfahrt perfekt die Zeit vertreiben!" Wie desinteressiert muss man eigentlich noch gucken, damit man in Ruhe gelassen wird?! Nun, es wird sich schlicht und einfach um eine dieser interkulturellen Habitusdifferenzen handeln: Die Zeit eines allein Reisenden, namentlich eines allein reisenden Ausländers, ist hierzulande so eine Art ewiges Freiwild. Am Ende muss ich dann, das gebietet die interkulturelle Höflichkeit, noch meine Telefonnummer rausrücken und mir die der Dame in die Plastiktüte stecken. Sie wohne nämlich ganz in der Nähe von mir, Buslinie 11, und ich solle doch jetzt mal mit ihr regelmäßig Englisch üben. Mir gelingt gerade noch der subtile Hinweis, dass ich erst mal meinen Unterrichtsplan studieren müsse und man unter der Telefonnummer vorerst auch niemanden erreichen könne. Das Telefon muss ich nämlich erst wieder freischalten lassen. Auch aus dem weltweiten Netz bin ich mal wieder ausgesperrt, weil ich fast zwei Monate nicht daheim war, und eigentlich wollte ich heute Vormittag im Büro auch nur rasch den hier für alle verfügbaren Computer zum E-Mail-Abruf nutzen, platze aber mitten hinein in die Semestervorbesprechung des Kollegiums, auf die ich gestern von der Vize-Chefin hingewiesen worden bin - per E-Mail.
Der F 6 L 812 S
Heute macht sich Großenaspe kollektiv auf ins kleinere Nachbardorf Heidmühlen, wo zum fünften Mal das legendäre Dreschfest und zugleich das Jubiläum der Heidmühler Dreschvereinigung stattfinden, natürlich zum Auftakt mit einem komplett plattdeutsch gehaltenen Gottesdienst. Obwohl die Hauptdarsteller, Birte T. geb. B. und ich, uns wenige Minuten vor dem Betreten der Bühne sicher sind, jede Textzeile vergessen zu haben, lachen anschließend alle an den zuvor von Birte markierten Stellen. "Ach, Trine, dat is doch allens Tüdelkram. För uns Mannslüüd, dor gifft dat'n Wettbewerb - för de Treckers. Min schönen Deutz F 6 L 812 S mit Allrad, Transfermatic-Hydraulik und Hydro-Blocklenkung to'n Bispeel, dat is wat!" Hinnerk träumt vom besten Trecker, Trine vom Tortenrekord anlässlich des Dreschfestes, das sich mit angrenzendem Parkplatz über zwei große Wiesen erstreckt. An die Trecker- und Landmaschinenausstellung hängt sich ein Flohmarkt an, wo ich die Novelle "Die schwarze Spinne" ergattere - mitsamt Stempel der NSDAP-Verwundetenversorgung und einer Widmung von 1943!
Wie ich vorgestern per Telefon erfuhr, ist nun auch mit meinem Rückflug offenbar alles in Ordnung - nachdem ich per E-Mail in Nanjing schon alles und jeden verrückt gemacht hatte. Gott ist groß und wir sind klein!
Zwei Minuten

Ich hätte in China bleiben sollen. Erst verschlunzen die meinen Rückflug und ich kann sehen, wo ich bleibe, dann verliere ich einen Prozess gegen die Comdirect-Bank, weil die einfach Wertpapiere für mich gekauft haben, obwohl sie das Geld von dem von mir angegebenen Konto nicht einziehen konnten und ich das im Gegensatz zur Richterin ("Herr Mertens, die Sitzung ist geschlossen!") und dem Anwalt der Bank ("unsägliche Ausführungen des Klägers") nicht für sinnvoll zu erachten vermochte. (Ich war in China und konnte das von der Bank vorgeschossene Geld nicht zurückzahlen, weil ich ja von dem Vorgang nichts wusste. Dann haben die einfach mein Depot geplündert, bis sie so viel Geld hatten, wie sie brauchten, und das mitten in der Finanzkrise zu den schlechten Kursen!) Wie sagte doch mein Kumpel Ede, Pastor im Mühlheimer Verband, bei dem ich bis einige Tage zu Besuch war: Zinsgeschäfte sind sowieso unbiblisch. Daran hätte ich mich mal halten sollen. Ede hat mich am Donnerstag zu einem Golfturnier in Lingen mitgeschleppt. Eigentlich sollte ich ja Caddy sein, aber Ede hat den Wagen dann doch lieber selbst gezogen. Sicher ist sicher. Ich bekam trotzdem ein Mars und eine Apfelschorle für den 6-Stunden-Tag. Dafür musste ich für den organisierenden Golf-Pastor Karsten G. (extra aus dem fernen Schwabenländle angereist) Fotos schießen, obwohl man mit so einer teuren Kamera ja an sich noch mehr Schaden anrichten kann. Mehr zu den christlichen Golfern, die dieses - übrigens von Ede gewonnene - christliche Golfturnier aus der Taufe gehoben haben, gibt es hier. Motto: Mehr Christen auf den heiligen Rasen!

Ansonsten gilt, so meine Erkenntnis vom satten Grün, für Golfer dasselbe wie für Fußballer:
1. Am wichtigsten ist auf'm Platz.
2. Auf'm Platz werden Christen wieder zu Menschen.
Zur Abwechslung hatte ich dann bei der Abreise heute Vormittag auch mal Glück: Die Sachen, die ich bei Ede auf'm Balkon zum Trocknen aufgehängt und nicht wieder ins Gepäck getan hatte, fielen mir sieben Minuten vor Abfahrt des Zuges wieder ein. Kann ich das noch schaffen? Nur wenn ich Carl Lewis und Ben Johnson in Personaluntion bin. Ich versuche es trotzdem, pfeffere meinen grünen Rucksack in die Ecke des Wartehäuschens, pese vom Bahnhof Brake zurück zum Hause Schulz, hechte mit spärlichen Erklärungen atemlos zurück in den ersten Stock mit dem aparten Gästezimmer, finde meine Wäsche und lasse meine besorgten Gastgeber mit den Worten: "Ist sowieso schon zu spät. Nehme ich eben den nächsten!" schulterzuckend zurück, düse so schnell, wie ich gekommen bin, wieder ab, sehe im Laufschritt einen Zug über die Eisenbahnbrücke vor mir rasen, der aber so schnell ist, dass es nicht meiner sein kann, und erreiche tatsächlich noch den Zug nach Herford, der mit zwei Minuten Verspätung einrollt. In Herford erreiche ich mit schlafwandlerischer Sicherheit den Anschlusszug. Als mich Martin, ein pensionierter Lehrer und werter Kollege aus gemeinsamen Yanjier Tagen, am Bahnhof in Empfang nimmt, finde ich nur lobende Worte für die Bahn, die ja heute kaum Verspätung hat - so was!
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