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Samstag, 31. Dezember 2011

Dinner for One
Von DM, 23:59

Es ist zwar nicht mein erster Jahreswechsel am Strand, aber der erste an einem, den ich tagsüber noch als Badestrand nutzen konnte. Gegen fünf endete der Versuch, den Abend auf dem kleinen Hügel mit dem berühmten Luhuitou-Standbild ausklingen zu lassen, in einer Sackgasse am Hang. Da die Sonne nur noch eine Stunde zu sehen sein würde, bin ich in einer gerade erst an dieser Stelle eröffneten Filiale meines Sanyaer Stammrestaurants "Do and me" gestrandet. Anders als bei den Ablegern in der Innenstadt war ich hier der einzige Gast - "Dinner for One" einmal anders. Lediglich die Mitarbeiter leisteten mir gegen halb sechs im oberen Stockwerk Gesellschaft. Die müssen ja auch mal essen.
Ich vertreibe mir den Silvesterabend mit einer DVD von "American Graffiti" und breche kurz vor Mitternacht zum Strand auf. Dort sitze ich auf einem leeren Raketenkarton und ahne nichts Böses, als plötzlich neben mir der Krieg ausbricht. So hört es sich zumindest an, als die Russen die ersten Feuerwerke zünden. Da chinesische Sicherheitsstandards nicht so ganz mit deutschen übereinstimmen, gehe ich mal schnell aus der Schusslinie der Stalinorgel, aus der mit lautem Krachen Richtung Strand gefeuert wird. Kaum wähne ich mich auf einer Liege in Sicherheit, da werde ich von einem angeschäkerten Russenpärchen gesetzteren Alters mal wieder für einen Russen gehalten. Es soll wohl "Prosit Neujahr" heißen, was die Dame mir entgegengluckst. Ich erkläre mit Mühe, dass ich kein Russisch verstehe, daher auch nicht antworten könne. Ich verlasse die beiden umgehend. Am Strand haben zwei überdurchschnittlich schöne Chinesinnen überdurchschnittlich gewaltigen Stress. Die eine rennt der anderen hinterher, die sich mit Schmollmund und Riesenschritten am Meer entlang bewegt. Ich wandere nun selbst eine Weile am Strand entlang, immer wieder gibt es Feuerwerke. Ein Glück, dass so viele Russen hier sind. Die Chinesen feiern diesen Tag ja nicht groß. Aus einer Gruppe Soldaten, die in Uniform im Sand sitzen, blendet mich einer mit einer grellen Taschenlampe. Zum Schluss schaue ich noch kurz bei den beiden Russen-Partys mit Live-Musik vorbei, die auf und hinter der Promenade auch weit nach Mitternacht noch für ohrenbetäubenden Lärm sorgen. Ein russischer Engel mit weißen Flügeln hat sich gerade über das Mitternachtsbuffet hergemacht. Die Chinesen haben sichtlich Mühe, an diesem Tag ihre notorische Neigung zum frühen Ladenschluss durchzusetzen.

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Freitag, 30. Dezember 2011

Heiter bis wolkig, tropffrei und sauber
Von DM, 23:59

Das Wetter ist ja hier in Sanya immer gleich: heiter bis wolkig, mal mehr wolkig, mal mehr sonnig. Heute ist es eher wolkig, deswegen schaffe ich es nicht ins Meer und flaniere stattdessen am Sanya-Fluss entlang. Beim Essen bei "Kentucky Fried Chicken" vermeine ich bei einem Blick aus dem Fenster des ersten Stocks auf den Platz vor dem Restaurant meinen blauen Reisegefährten mit seinem Freund zu entdecken. Ehe ich mich vergewissern kann, gehen die beiden Männer weiter. Ich wandere auf  die andere Seite des Flusses. Aber natürlich ist ausgerechnet der Tag, an dem ich mich auf eine Bank am Flussufer setzen will, Maltag: Überall stinkt es nach frischer Farbe, dass man Kopfschmerzen bekommt. Interessant immerhin, wie die Malerkolonne arbeitet: Statt eines Pinsels werden Handschuhe in die weiße Farbe getaucht und dann streicht die ganze Hand über die weißen Stangen des Geländers. Tropffrei und sauber. Da ist in Deutschland meines Wissens auch noch keiner drauf gekommen.

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Donnerstag, 29. Dezember 2011

Trikolore
Von DM, 23:59

Gegen halb fünf hole ich die Tüte mit den Mandarinen und Bananen in der Seilbahnstation wieder ab, die man mir beim Betreten des Parks abgenommen hat, obwohl ich den Affen bestimmt nichts davon abgegeben hätte. In der Seilbahn sitzen mir diesmal eine Oma und ein junger Mann gegenüber. Ich erinnere mich noch, dass ich vor zwei Jahren aus Xincun ganz gut weggekommen bin, nun aber wird meine Rückreise nach Sanya zum eigentlichen Abenteuer dieser Reise.
Phase 1: Mit einer Motor-Rikscha lasse ich mich zu der Kreuzung bringen, die auf der Strecke Lingshui-Sanya liegt. Vor einem kleinen Kiosk stehen schon andere Fahrgäste herum wie bestellt und nicht abgeholt.
Phase 2: Ein total überfüllter Klapperbus hält. Ich bin ganz stolz, dass ich die Aufschrift "Sanya" als chinesisches Schriftzeichen entziffert habe und quetsche mich in den voll beladenen Bus. Allerdings bin ich etwas verblüfft: Nur 4 Yuan knöpft die resolute Schaffnerin mir ab. Die Hinreise kostete mehr als viermal so viel.
Phase 3: An einer Kreuzung in einem mir völlig unbekannten Kaff lädt uns die resolute Schaffnerin aus. "Kommt schon noch ein Bus nach Sanya", erklärt sie einsilbig. Gemeinsam mit einigen anderen Versprengten stehe ich schon wieder in der Gegend herum wie Falschgeld. Langsam geht die Sonne unter. Ein dicker Motorradfahrer mit Doppel-Sitzfläche in seinem Beiwagen steht schon etwa zehn Minuten vor uns herum. Der Mann, der entfernt an den Henker aus dem Rick-Master-Abenteuer "Das Geheimnis des Henkers" erinnert, diskutiert schon seit zehn Minuten mit demjenigen meiner Reisegefährten, der ein knallblaues Hemd trägt und offenbar über das am meisten begrenzte Kontingent an Geduld verfügt. Da komme ja nun kein Bus mehr, erklärt der Henker uns. Die kräftige Frau neben mir zeigt sich unbeeindruckt. Am Ende jedoch hat der Henker den Blauen weich gekocht, dann kocht der Blaue den Fahrgast in der roten Jacke und schließlich mich im weißen Hemd weich. "Zehn Yuan für jeden von uns" hat er ausgehandelt, das gilt aber nur, wenn wir alle drei mitmachen. "Das wird aber kalt", wende ich zunächst ein. "Ach was", meint er und deutet auf das rote Schutzblech, hinter dem ich Platz nehme. Die Kiste knattert los. Der Rote sitzt hinter dem Henker, ich links von ihm und rechts neben mir der Blaue. Gemeinsam bilden wir so eine Art Trikolore. Jedenfalls flattern unsere Hemden wie die französische Nationalflagge, während wir auf der holprigen Nebenstrecke dem Auf und Ab des Rhythmus, bei dem man immer mit muss, folgen. Natürlich ist mir in meiner kurzen Hose doch ganz schön kalt im Fahrtwind, da nützt es auch nichts, dass laut Wetterbericht das Thermometer heute nicht unter 18 Grad fällt. Aber ich bin stolz auf mich, dass ich heute morgen meiner inneren Stimme gefolgt bin und ein zweites Hemd mitgenommen habe. Trotzdem bin ich geschockt, als auf einem Schild steht: "Sanya 45 km". Xincun ist doch kaum mehr als fünfzig Kilometer von Sanya entfernt. Das kann ja noch eine lange Tortur werden!
Im nächsten Kaff hält der Henker an und deutet auf einen leeren Minibus, der offenbar nach Sanya fährt. Ich reiche ihm die vereinbarten zehn Yuan, aber der Vergleich mit dem Bösewicht aus Rick Master wäre ja nur halb so passend, wenn der Henker nicht eine krumme Tour versuchen und mal eben das Dreifache von mir verlangen würde. Ich lasse ihn mit den Worten abblitzen, zehn seien vereinbart gewesen, und würdige ihn keines Blickes mehr. Ich bin froh, dem Fahrtwind des Henkers entronnen zu sein. Die Dämmerung ist hereingebrochen und das wäre auf dem Motorradbeiwagen doch noch ganz schön kühl geworden für mich!
Phase 4: Der Mini-Bus setzt sich nach weiteren zehn bis fünfzehn Minuten des Wartens tatsächlich in Bewegung, hält aber so oft, dass wir eine Stunde bis Sanya brauchen. An einer mir völlig unbekannten Einmündung verabschiedet sich mein Reisegefährte in Blau, der übrigens, wie ich unterwegs erfahren habe, ein LKW-Fahrer ist, der Fisch zwischen hier und der Provinz Guangdong hin- und herkutschiert. Zwei Tage Entspannung zwischen den Touren ermöglichen es ihm, in Sanya einen Freund zu treffen, der als Wanderarbeiter in der Baubranche beschäftigt ist und, wenn ich richtig verstanden habe, bei einer Firma für Renovierungen arbeitet. An einer Busstation werden kurz darauf alle verbliebenen Fahrgäste aus dem Bus geworfen. "Ich muss aber zum Busbahnhof", erkläre ich. Denn wie soll ich mich sonst zurechtfinden? Keine Sorge, heißt es, es gehe gleich weiter. Es handelt sich nur um eine Art Betriebs- oder Pinkelpause. Nach weiteren endlos wirkenden Minuten durch die bereits nächtliche Stadt erreicht der Bus den Busbahnhof, die Endstation, und ich kann mich endlich wieder orientieren. Nachts sind bekanntlich alle Straßen grau. Bei meiner Lieblingsrestaurantkette "Do and Me" werde ich mich jetzt erst mal stärken.

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Rückkehr zur Insel der Affen
Von DM, 17:30

Manche Geschichten haben ein spätes Ende: Heute, am dritten Tag meines Weihnachtsurlaubs, beende ich, was ich vor knapp zwei Jahren nicht vollenden konnte (sin-o-meter-Bericht hier): meinen Besuch auf der Affeninsel Houzi Dao vor Xincun. Die Anreise über Lingshui erfolgt, nachdem ein Mitreisender aufgepasst hat, dass ich hier in den richtigen Bus steige, in einem Klapperbus, bei dem ich, obwohl die Fahrt jetzt vier statt drei Yuan kostet, jederzeit befürchte, die Fenster könnten herausfallen, so laut scheppern sie auf der unebenen Piste. In Xincun, wo eine nagelneue Uferpromenade sich vor der schmalen Durchfahrt zur Affeninsel-Bucht erhebt, wo man vor zwei Jahren im Unrat herumwühlen konnte, besteige ich die Seilbahnkabine (der Preis für die Seilbahn ist in den sagenhaften 163 Yuan für den Park inbegriffen) und schwebe mit Blick auf die Bucht mit den endlosen Reihen von Fischer(haus)booten auf die Nanwan-Affeninsel.
Hier ein Auszug aus den "Hinweisen für Touristen":

  • Bitte kein Essen zum Affenfüttern mitbringen. Falls Sie doch Essen mitbringen, bewahren Sie es sicher in Ihren Taschen auf.
  • Fütterverhalten sollte nach den Anweisungen des Personals erfolgen.
  • Affen beim Füttern nicht anfassen.
  • Affen nicht ärgern oder reizen, um Affenangriffe zu vermeiden.
Es erwartet mich ein piekfeiner Park, in dem die meisten der domestizierten Rhesusaffen frei herumturnen, sich die Läuse aus dem Fell sammeln oder herumdösen. Die anderen sind zu Zirkusstars geworden. In zwei zehnminütigen Vorstellungen bekommt man einiges geboten für sein Eintrittsgeld: radfahrende Affen, Affen, die ihrem Dompteur mit dem Knüppel drohen, ihm den Hut vom Kopf hauen, zu zweit auf einem weißen Pony reiten oder Handstand auf den Hörnern eines Ziegenbocks machen, der selbst mit seinen vier Hufen gerade über ein zehn Zentimeter dickes Brett zu balancieren hatte und nun auf einer Art Untertasse auf besagtem Brett steht. Selbst die Aras machen am Rand der Bühne Faxen vor Begeisterung und krächzen fröhlich herum. Andere Affen sitzen im Gefängnis, dem so genannten "Monkey Jail". Wahrscheinlich haben sie sich nicht gut benommen und wie zum Erweise dessen reißt einer einem der Gäste mit einer blitzschnellen Bewegung durch den Maschendrahtzaun hindurch einen roten Umschlag aus der Hand, mit dem dieser vor dem Zaun herumwedelte. Nun bedecken rote Fetzen den Boden des Affengefängnisses. Tja, damit dürfte es mit der Entlassung auf Bewährung wohl Essig sein.

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Dienstag, 27. Dezember 2011

Nichts dazugelernt
Von DM, 23:59

Nachmittags Prüfung, abends im Flieger in die Sonne: Ich habe spontan beschlossen einen kleinen Ausflug auf die Tropeninsel Hainan zu machen, so etwas wie Chinas Gran Canaria. Erstmals musste ich dafür von einem ATM-Automaten aus eine Überweisung tätigen, was mich einiges an Nerven gekostet hat, aber da es sich um das letzte Zimmer in der Herberge zum blauen Himmel, in der ich schon vor zwei Jahren zu Gast war, hendelte, ließ die Rezeption nicht locker und traktierte mich mit SMS, bis ich die 500 Yuan Anzahlung brav überwiesen hatte.
Das dank des günstigen Flugs (umgerechnet vierhundert Mark) gesparte Geld ist gleich aufgebraucht, da ich weder in Nanjing noch am Zielort Sanya, wo ich nach einem schweißtreibenden Flug (ich im Unterhemd auf dem Sitz der Sichuan-Airlines) um zwei Uhr morgens eintreffe, einen kostengünstigen Bus erwische und also auf die verhassten Taxis angewiesen bin. Eine halbe Stunde habe ich in Nanjing am Zhonghuamen auf Zeit gespielt, ehe ich die Summe für eine Einzelfahrt zum Flughafen hinblättern musste. Und die Strecke, auf der mich der Sanya-Taxifuzzi zum Donghai-Küstenabschnitt transportiert, kommt mir so lang vor, dass ich kaum glauben kann, dass das der direkte Weg war.
Und heute nun, am ersten Strandtag, lerne ich, dass ich nichts dazugelernt habe. Wie damals im Februar 2011 (ein paar Insel-Impressionen sind hier zu sehen) verletze ich mich gleich beim ersten Ausflug ins Meer an einem von scharfkantigen Muschelresten bewachsenen Bojenseil.

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Dienstag, 20. Dezember 2011

Wie die Jungfrau...
Von DM, 23:59

Wie die Jungfrau zum Kind - und das passt ja irgendwie zu Weihnachten -, so bin ich an Konzertkarten für eine Darbietung mit regionalen Spitzensopranistinnen der hiesigen Musikhochschule gelangt. Meine Chefin hat sie besorgt. Ich treffe Michael Roes (siehe letzter Eintrag), in ein Mittelding zwischen Armee- und Trekking-Anzug gehüllt, und den ebenfalls des Deutschen mächtigen Professor Wu, der für irgendwelche internationalen Kulturprojekte zuständig ist, am Südportal der Uni und muss - großes Zähneknirschen - in ein Taxi steigen, das ich aber wenigstens nicht bezahlen muss. Das übernimmt Professor Wu. Vor dem Konzertsaal treffen wir meinen jungen Kollegen Li mit seiner Mutter.
Vorne gibt die chinesische Ausgabe von Bianca Castafiore alles (inklusive Kleider- und Frisurwechsel in der Mitte des Konzerts). Ich sitze ziemlich weit vorne neben MIchael, der mir, obwohl ich den Autor von 18 Romanen gerade gefragt habe, ob sein neuestes Werk sein Debüt sei, im Taxi das Du angeboten hat. (Sind wir nicht alle Künstler irgendwie?) Ich ärgere mich mit ihm über die brabbelnden Blumenmädchen hinter uns und staune mit ihm über die nicht enden wollenden Fluten üppigster Blumensträuße, die die Sopranistinnen, also Maestra Castafiore mit ihren Schülerinnen, am Ende der hoch tönenden Veranstaltung (und auch schon davor) von eifrigen Anhängerinnen überreicht bekommen. "Da werden Erinnerungen an die Hitparade wach!", raune ich Michael zu, der die ganze Zeit grinsen muss. Am Ende häufen sich so viele Blumen um die Maestra herum an, dass man die Musikinstrumente des gesamten Orchesters mit ihnen aufwiegen könnte.
Als der Professor und Michael sich anschicken in der Kälte am Straßenrand ein Taxi heranzuwinken, melde ich mich mal kurz und schmerzlos ab: "Ich geh zu Fuß." Ich habe keine Lust, die Hintergründe meiner Taxiphobie zu erklären.  "Zu weit!", meint der Professor. "Ach", erwidere ich, "in einer Stunde bin ich bestimmt zu Hause." Es werden dann aber doch nur 45 Minuten. Ich stoße unterwegs auf Bus Nr. 6.

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Freitag, 16. Dezember 2011

"Nero! Du willst, dass ich mich umbringe?"
Von DM, 23:59

Im Vorfeld gab es bereits Irritationen: Die Studenten des dritten Studienjahrs, die alljährlich die Organisation der Weihnachtsfeier gemeinsam mit der deutschen Lehrkraft zu stemmen haben, fühlten sich von mir nicht ernst genommen, als ich auf ihre allzu vorsichtig und verhalten vorgetragene E-Mail-Anfrage nach dem Glühweinkochen - traditionell in meiner Küche - mit einem Rezept antwortete. Jedenfalls musste sich telefonisch Chefin Yin einschalten, um zu klären, dass ich sowohl die Küche als auch weitere Beiträge wie etwa den Moderationstext willig bereit zu stellen durchaus disponiert bin. Direkt nach dem Unterricht fahren die vier Studenten vom Kochkommando mit mir gemeinsam per U-Bahn zu meiner Wohnung. Aber ehe wir dort ankommen, lade ich erst mal zünftig zum Pizzaessen ins Babela's. Danach holen wir den Wein aus dem Lehrerzimmer. Changting aus dem Jahrgang 08 versorgt uns unterwegs mit Kannen, einen Kochtopf hat Profesorin Kong hinterlassen. So kann der Wein in meiner Küche zum Glühen gebracht werden. Vorher muss ich jedoch meinen Heizkörper zum Glühen bringen, denn in den Wintermonaten schalte ich in der Küche Heizung und Kühlschrank aus und öffne das Fenster. Man nennt das auch einen begehbaren Kühlschrank. Das Kochkommando besteht aus Wenbin, Lanting (die beide vor ein paar Wochen überraschend im GoDi von St. Paul's aufgetaucht sind), Xuwen und Yuqiu. Während sie in der Küche den Wein auf Temperatur bringen, versuche ich im Wohnzimmer Diktate zu korrigieren. Zwischendurch probe ich mit Wenbin, der Klassenprima, die Moderation.
Natürlich geht wieder was schief: Bei meiner Kraftpunkt-Präsentation, so heißt ein computerbasiertes Diaschau-Programm, ist plötzlich die entscheidende letzte Seite futsch, auf der ich anhand von "O du fröhliche" Grundwahrheiten des Evangeliums von Jesus Christus darzulegen versuche. Da muss bei der Konvertierung was schief gelaufen sein. Der Teufel steckt im Detail. Während Eva (siehe Eintrag gestern) mir auf die Schulter tippt und energisch die Worte spricht: "Wir wollen draußen noch mal das Lied üben!", muss ich den Text schnell aus dem Gedächtnis noch einmal schreiben. Und dann bin ich auch schon draußen vor der Tür, wo sich der Chor zur Generalprobe versammelt hat.
Bei der Begrüßung erwähne ich lobend unsere Ehrengäste Kinder-Uni-Professor Wünnemann, Romancier Michael Roes sowie Dichter und Dramatiker Thorsten Becker (zu ihm gleich mehr), der mich zehn Minuten vor Beginn dringlich um einen Stuhl für seinen Auftritt gebeten, sich selbigen dann aber doch lieber selbst besorgt hat.
Beim Dia-Vortrag kann ich froh sein, dass ich ein Mikrofon in der Hand habe, um das große Gebrabbel halbwegs zu übertönen. "O du fröhliche" tönt dann auch unerwartet gut. Ich dirigiere mit der Hand wie die selige Frau Marsch dereinst uns Grundschulkinder und fühle mich wie der große Zampano dabei.
Höhepunkt des Abends wird dann aber der Auftritt von Thorsten Becker, der früher mit Heiner Müller befreundet war und auf der Grundlage seines eigenen Prosawerks Agrippina - Senecas Trostschrift für den Muttermörder Nero eine Kostprobe seines verblüffenden darstellerischen Vermögens abliefert, indem er als von Nero zum Selbstmord genötigter Seneca - gespielt im blauen Bademantel und in Badelatschen - sogar das notorisch unruhige Publikum zum Schweigen und Staunen bringt: "Nero!", hallt es durch den Saal. "Du willst, dass ich mich umbringe?"
Etwas in Senecas Schatten steht die ungewöhnliche Interpretation von Shakespeares "Sommernachtstraum" durch die 10-Studenten, vor allem die Schauspieler ohne Mikrofon gehen im Crescendo der Brabbelgespräche unter. Während Wenbin sich meist gar nicht auf die Bühne traut und lieber von der Seite ins Mikro spricht, sonne ich mich mal wieder mit Vergnügen im Rampenlicht, obwohl ich nie genau weiß, wann ich dran bin. Einmal muss mich Wenbin sogar aus einem Gespräch herausreißen. 122 Mal muss ich abschließend eine Zahl nennen, damit der jeweilige Zahleninhaber nach vorne kommen und aus der Hand von Weihnachtsmann Feixiang sein Wichtel- alias Julklapp-Geschenk (Ankündigung in der Einladung: "Es wird gewichtet!") in Empfang nehmen kann. Ein Verwirrter, so nennt ihn Professorin Chen, sorgt unter den Gästen für etwas Verwirrung. Er begrüßt ständig wildfremde Leute und sortiert noch Akten auf einem der VIP-Tische, als schon längst alles abgebaut und der Saal gefegt ist. Kollege Li glaubt sogar, meinen tragbaren Computer vor ihm in Sicherheit bringen zu müssen.
Yin will mit dem immer noch lebenden Senaca alias Becker einen trinken gehen. "Trinken?", rufe ich entsetzt. "Na, Tee trinken, Mensch!", erwidert sie. Aber ich kann trotzdem nicht mit, denn wie im Vorjahr öffne ich im Anschluss an die Veranstaltung für Xiaoshi, die jetzt Lehrerin an einer Mittelschule ist, meine Bibliothek; ihre 06-Jahrgangsgenossin Liu Min und Hao Hui ("Inge"), die jetzt Jura studieren, schließen sich an. Xiaoshi und Liu Min machen noch eine Stippvisite in meiner Wohnung, wo ich die zwei versprochenen Deutschland-Landkarten des Akademischen Austauschdienstes nach einigem unkoordiniertem Suchen endlich doch noch aufstöbere und sie ihnen freudig aushändige. Zu Weihnachten gehören nun mal Geschenke.

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Donnerstag, 15. Dezember 2011

O du fröhliche...
Von DM, 23:59

Nun werde ich auch noch zum Chorleiter, zumindest vorübergehend. Da ich mir in den Kopf gesetzt habe, wie jedes Jahr Grundwahrheiten der Bibel an den Anfang der morgigen Deutsch-Weihnachtfeier meiner Uni zu stellen, die ich nun sogar moderieren darf, und dafür als Aufhänger das beliebte Weihnachtslied "O du fröhliche" gewählt habe, benötige ich jetzt natürlich auch einen Chor, der das Lied singt. Auf meine Anregung hat Ex-Studentin Eva, die jetzt im Goethe-Sprachlehrzentrum als Deutsch-Lehrerin beschäftigt ist, eine Spontan-Truppe bestehend aus ihr selbst und acht zumeist weiblichen Schülern ihres Kurses aus dem Boden gestampft und da der Goethe-Chor gerade etwas führerlos ist und Eva auch keine große Sopranistin vor dem Herrn, muss ich ran und gebe in einem Unterrichtsraum des Goethe-Lernzentrums an der Shanghai Lu den Takt vor. Gestern war die erste, heute Abend die zweite Probe. Gut, dass wenigstens ich immer den rechten Ton treffe.
Am Mittag traf ich mich heute mit Michael, dem Engländer (sin-o-meter berichtete), der gerade eine Herzschrittmacher-OP ("Eigentlich war mein Herz o.k. Ich glaube, ich brauchte die gar nicht!") und seine dritte Scheidung hinter sich hat ("Meine Frau war ja nie da, außerdem ist sie psychisch krank!"). Seine Jahresbilanz: "terrible". Jetzt will er im Sommer seine Ex-Frau (Nummer zwei) zum zweiten Mal heiraten, ebenfalls bedeutend jünger als er, denn erstens braucht er ein Visum als Ehemann einer Chinesin und zweitens habe sie, berichtet er, seine Herzschrittmacher-OP im August bezahlt. Er stehe also bei ihr und ihrer Familie in der Pflicht. Außerdem habe er sich sowieso nie von ihr trennen wollen. Eher beiläufig erwähnt der Zweiundsiebzigjährige, dessen Tochter ihn bei ihrer Trauung in England nicht dabei haben will, weil er dereinst seine erste (englische) Frau verließ, dass er schon kurz nach der Eheschließung seine dritte Frau mit seiner zweiten Frau betrogen hat. Das sei natürlich nicht sehr korrekt gewesen. Eigentlich war das - ich habe ja auch schon mal mit seiner dritten Frau geredet - auch der Grund für ihre dauernde Abwesenheit von der ehelichen Wohnung, die Michael in Kürze aufgeben wird. Und als sich dann beide im August an seinem Krankenbett begegnet seien - ein Eifersuchtsdrama ersten Ranges! "O du fröhliche..."

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Samstag, 10. Dezember 2011

Christmas Benefit Concert
Von DM, 23:59

Am Vorabend des 3. Advents habe ich mich mit Huilin, dem Mädchen auf der Bank (sin-o-meter berichtete), zu einem Benefiz-Weihnachtskonzert der internationalen Schule (wo auch Karls Kinder während ihrer Nanjing-Ära unterrichtet wurden) verabredet. Die zehn Mark Eintritt kommen u.a. armen Kindern in Kambodscha zugute. Im Foyer, wo wir zwischen so vielen Eltern wie Falschgeld herumstehen, gibt es Kuchen und Pizza-Stückchen. Huilin ist einigermaßen überrascht: Kaum Chinesen sind in der Menge, die auf Einlass wartet, auszumachen. Überall wird Englisch gesprochen, vereinzelt Deutsch.
Der Theatersaal ist beeindruckend: aufsteigende Sitzreihen in einer hohen Halle mit guter Akustik. Es riecht nach gerade fertig geworden. Die musikalischen Darbietungen umfassen alles, was Amerikaner unter echter Weihnachtsmusik verstehen. Es wird umso feuriger, je weiter der Abend fortschreitet, das deutsch-amerikanische Wilde-Hühner-Quartett in der Reihe vor uns reagiert dementsprechend auch immer beschwingter und spätestens bei dem Mitmach-Lied "For Christmas my true love gave me a ..." kocht der Saal. Das ist auch gut so, denn draußen ist es heute so kalt, dass Huilin im Anschluss an die Veranstaltung gar nicht schnell genug in die U-Bahn kommen kann.

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Donnerstag, 08. Dezember 2011

Der Junge mit den Geldhosen
Von DM, 23:59

So hieß vor über drei Jahrzehnten ein Kinderfilm in der ARD. Anders als bei mir haben sich dessen Hosentaschen von allein mit Geld gefüllt. Aber auch ich habe heute eine dicke Tasche. Mir wurden nämlich vorgestern im Fünf-Sterne-Grand-Hotel von Nanjing über 27.000 Yuan (die höchst chinesische Banknote ist ein 100-Yuan-Schein) von Gästen aus Schanghai ausgezahlt, nachdem die Überweisung meiner Auslagen für die legendäre Kinder-Uni (sin-o-meter berichtete) auf mein Konto mehrfach gescheitert war, weil der Name des Empfängers nicht stimmte. Mein Gehaltskonto habe nämlich nicht ich eröffnet, sondern die Uni, aber unter welchem Namen, das wird wohl nie vollends geklärt werden können. Mir wurde damals die Karte einfach in die Hand gedrückt, das ist in China so Usus, und ich kenne - absurditas absurditatum - bis heute nur die PIN. Die reicht aber, um mein Konto, wie ich beschlossen habe, in Kürze leer zu räumen (Zinsen gibt es da ja auch nicht). Zwei Tage lang lag meine graue Postbüx mit dicker Tasche in meinem Zimmer herum. Bis heute: dem Tag, an dem ich das Abenteuer Kontoeröffnung wage.
"English speaking counter" steht da zwar an der Scheibe des Schalters, hinter dem eine junge Dame in Post-Uniform (kein Gelb!) mich immer wieder gequält anlächelt, aber das Formular spricht leider nur Chinesisch und erst das dritte Exemplar kann angenommen werden, wie mir die junge Dame, die mit ihrem Lächeln wohl über das leere Versprechen mit dem "English speaking counter" hinwegzutäuschen versucht, verständlich macht. Endlich stehen mit Hilfe der Kollegen um sie herum Name, Vorname und die Passnummer im richtigen Feld und alle haben begriffen, dass ich ein Festgeldkonto für 3,5 Prozent Zinsen möchte. Etwa eine Stunde - vom Ziehen der Nummer (wie beim deutschen Arbeitsamt!) bis zum Empfang des Postsparbuchs - bringe ich vor den Schaltern zu, um bei der chinesischen Postbank mein erstes eigenes Konto zu eröffnen. Aber am Ende ist es geschafft und ich kann spürbar erleichtert meiner Wege ziehen. Ich habe noch viel vor: im Goethe-Sprachlehrzentrum für die Weihnachtsfeier der Deutsch-Abteilung nächsten Freitag werben und zwei zerschlissene film-o-meter-Hosen zur Schneiderei bringen, um sie für umgerechnet fünf Mark reparieren zu lassen. Meine Geldhose will schließlich auch mal Urlaub haben und im Schrank liegen.

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Sonntag, 04. Dezember 2011

Vincent will mehr
Von DM, 23:59

Heute verlasse ich geradezu fluchtartig um 11.30 Uhr den GoDi der internationalen Gemeinde, denn morgen reist mein aktueller Tennis-Partner Vincent zurück in die USA. Und heute wollen wir noch mal auf die Bälle eindreschen, haben den Platz aber nur für 12 Uhr bekommen. Vincent, Ende sechzig, ist vor vier Jahrzehnten aus China in die Vereinigten Staaten ausgewandert und hat nun einen Lehrauftrag in China. Doch seine Frau erwartet ihn zur Weihnachtszeit in der Heimat und so ist heute unser vorerst letztes Treffen auf dem Platz. Vincent ist total übermotiviert und hat eine Phase von ca. 15 Minuten, wo ich keinen Punkt lande. Erst ganz am Schluss gelingen mir wieder ein paar gelungene Netzangriffe.
Am Nachmittag ist noch Zeit für eine DVD im Kerzenlicht. Seit vor etwa drei Wochen mein DVD-Gerät an die Wand flog (Kritik hier), als ich den Film "Surrogates" nicht zu Ende sehen konnte, muss ich mich jetzt mit einem Adapter herumärgern, den ich mir für umgerechnet vierzig Mark habe andrehen lassen. Damit kann ich Filme auf dem Computer abspielen und auf dem Fernsehbildschirm sehen. Tolle Sache - theoretisch. Seit ich in Schanghai Zeuge werden durfte, wie meine Hangzhouer Kollegin Katharina (vorher in Nanjing) beim Erwerb eines Ladegeräts für ihr Mobiltelefon gnadenlos auf die Hälfte oder noch weniger des Ausgangspreises heruntergehandelt hat, werde ich irgendwie das Gefühl nicht los, dass ich für dieses Computer-zum-Fernseher-Teil des Typs MT-PTOI möglicherweise zu viel Geld ausgegeben habe. Jedesmal muss ich an vier Mini-Knöppen, so groß wie Zwiebackkrümel, das Bild anpassen, damit die Gesichter der Darsteller nicht aussehen wie Bohnenstangen und die Farben nicht wie auf dem Höhepunkt eines LSD-Rausches. Das Bild wird trotzdem nie so scharf wie auf dem Computer. Dafür fehlen an den Bildrändern jeweils etwa zehn bis zwanzig Prozent. Der Film "Larry Crowne", den ich eingelegt habe, ist zudem ziemlich schwach (12 oder 13 auf dem film-o-meter). Da macht selbst die Adventskerze, die im Sommer geschmolzen war und nicht mehr gerade stehen kann, schlapp. Sie stürzt sich mit einem theatralischen Auflodern in das Glas mit der vertrockneten Blume vom Lehrertag.

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