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Die Papierschneidekünstlerin

Man lernt ja doch immer wieder interessante Leute kennen. Heute ist es die Scherenschnittkünstlerin Yuan Guan. Für die Nicht-Eingeweihten: Es handelt sich hierbei um die Kunst, mit der Schere einen Papierbogen so zu bearbeiten, dass hernach ein Bild dabei herauskommt. Muss man erst mal können! Malen kann die Künstlerin auch. Ihr bevorzugtes Motiv sind Adam und Eva im Paradies bzw. der Baum des Lebens. Sie ist nämlich Christin und hat mich auch schon in der Gemeinde St. Paul's gesehen, wie sich alsbald herausstellt. Aber der Reihe nach: Hinter alldem steckt natürlich mal wieder meine rührige Kollegin, der charmante Österreich-Export Katja. Mit ihr treffe ich mich an der Nanjinger Bibliothek. Katja ist mit'm Radl da. Wir schauen uns in der Alten Galerie eine Schriftzeichenkunstausstellung an. Hintergrund des Treffens ist eine Delegation aus Hamburg, die am Mittwoch in Nanjing erwartet wird und die das Ziel hat im Mai, etwa zeitgleich mit der Eröffnung der EXPO in Schanghai, einen Vortrag samt Werkstatt an der Universität Nanjing abzuhalten. Es geht dabei um Marketing für die Stadt Hamburg oder so was. Habe ich auch nicht genau verstanden, aber jedenfalls kommen die. Und ich werde dann auch mal kommen. Wir wandern bis zu Katjas Domizil. Unterwegs kaufe ich gelbes Klebeband (für die Buchrückensignaturen meiner neuen Bücher) und wir stoßen auf gleich zwei Hundebesitzer, die ihren Vierbeinern nach der Verrichtung des Geschäfts die Geschäftsverrichtungsvorrichtungen abwischen. China, das Land der Riesenhaufen und Schmeißfliegenparadiese unter Löchern in Beton-Latrinen, auf dem Weg in die Moderne. Welches Beweises bedürfte es noch mehr? Zu Hause bei Katja gibt es einen Schneebesen für die Kopfmassage, Mandelmilch und Wiener Waffeln aus dem Traditionshause Manner. Katjas Bruder Roland, der auf Besuch ist, trifft mit Katjas Gerald aus Schanghai ein und weiter geht's zur Familie von Yuan Guan, die alle zum Jiaozi-Essen eingeladen hat. Die Mutter des Hauses ist so begeistert von Rolands Wiener Charme, dass sie ihn am liebsten abküssen möchte, was sie auch gleich mehrfach wiederholt. Roland ist derlei offenbar gewohnt: Er wird nicht mal rot! Ich spiele diesmal nur eine Nebenrolle. Kaum zu glauben, aber Roland isst sogar mehr als ich. Der Vater des Hauses, Pensionär, erweist sich als Pionier der Radioteleskop-Technik noch zu Maos Zeiten. Er hat an meiner Uni seinen wissenschaftlichen Abschluss gemacht und zeigt uns seine wissenschaftliche Arbeit aus jener Zeit: ein abgegriffenes abenteuerliches Konvolut aus Tabellen und Formen, eingeklebten Kopien verschiedener anderer Werke, handschriftlichen Passagen in Chinesisch und Schreibmaschinenseiten in Englisch. Die englischen Textteile, darunter ein Abstract, belegen den hohen Rang des Forschers. Denn Englisch war ja damals verpönt und wurde nur benutzt, wenn es gar nicht anders ging. Außerdem zeigt er uns Fotos von damals streng geheimen Radioteleskop-Antennen (ihr wisst schon, so ein Ding wie beim Finale von "Golden Eye") bei Kunming und Peking, die heute noch funktionstüchtig sind. Yuan Guans große Schwester hat einen amerikanischen Soldaten geheiratet und lebt in Washington D.C. Aber auch die Scherenschnittkünstlerin selbst, eine Absolventin der Nanjing Normal University, war mit ihren Werken bereits in den Vereinigten Staaten und hat international Anerkennung erfahren. Mit ihren Ausstellungen war sie in Hongkong, Washington, New York und Wien zu sehen, wo eine Arbeit von ihr sogar für das Ausstellungsplakat verwendet wurde, wie sie nicht ohne Stolz erzählt. 2003 gewann sie den Großen Preis des chinesischen Scherenschnitt-Festivals. Aber reich wird man dadurch auch nicht. Die Wohnung ist komfortabel, aber von Luxus keine Spur. Wir blättern noch etwas im Album der Künstlerin, aber ich werde langsam nervös, weil es schon nach zehn ist und ich glaube, dass auf CCTV-5 Frankfurt gegen Bayern zu sehen sein wird. Wir verabschieden uns also. Die Familie wickelt mir einen Original-Scherenschnitt ein. Ich sage: "Schön, den kann ich ja wunderbar mit Tesa bei mir ans Fenster hängen!" - "Bist du wahnsinnig?", schilt mich Katja. "Das ist ein Kunstwerk, das hängt man doch nicht ans Fenster!" (Dialog auf Deutsch geführt.) Nun ja, wieder was gelernt. Mit mehrmaligen Aufforderungen bald wiederzukommen verabschieden wir uns schließlich in den Fahrstuhl. Katja deutet vage in die Ferne. Dort sei der Bahnhof. Ich fahre von dort, so der Plan, mit der Metro nach Hause. Tatsächlich ist der Bahnhof aber noch eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt. Als ich ankomme, fährt auch keine Metro mehr, aber Bus Nr. 33 tut's auch. Ein rundum gelungener Abend – fast. Bayern verliert 1:2, aber Glück im Unglück: Das Spiel, das schon in der Halbzeitpause ist, als ich daheim ankomme, wird gar nicht übertragen. Der Scherenschnitt liegt eingepackt auf dem Tisch. Ich traue mich nicht, das Original-Kunstwerk noch mal zu berühren
Bären können fliegen
Leider haben mich ja meine treu sorgenden Viren davon abgehalten, mich persönlich von meiner Spanisch-Tutorin Constanza zu verabschieden, die erst mit ihrem Máximo Líder durch Tibet getourt ist und dann ihre Zelte in Nanjing abgebrochen hat. Aber nun meldet sie sich per E-Post zurück und schickt auch gleich ein Foto mit, das in diesem Eintrag freilich einen Anachronismus darstellt, denn es handelt sich um eine Aufnahme von der Weihnachtsfeier am 23. Dezember, über die hier im sin-o-meter unter der Überschrift Maximo und Magendrücken mehr zu lesen ist.

Fast zeitgleich meldet sich die junge Autorin Lu Min, die im Mai mit einem Künstler-Stipendium nach Göttingen geht und deren Kurzgeschichte "Tod an der Kreuzung" ich gerade in der chinesischen Kurzgeschichten-Anthologie "Unterwegs" gelesen habe, die ich jedem Prosa- oder China-Interessierten nur wärmstens empfehlen kann! Im Gegensatz zu den spröden und notorisch unaufgeregten Erzählungen, die einem zeitgenössische deutsche Autoren ständig zumuten, hält man hier noch ein Buch in der Hand, in dem auch tatsächlich etwas passiert: Bären können fliegen, ein korrupter Beamter versteckt sich im Bauch einer Prostituierten, Wanderarbeiter verschwinden spurlos beim Bau einer Autobahnbrücke und ein halbseitig Gelähmter segelt zusammen mit einer dicken Frau durch die Luft, nachdem der Gasbehälter einer Stickstoffdüngerfabrik explodiert ist. Die etwas andere Oster-Überraschung!
Absolventen auf der Atemschaukel, Aspiranten im Auswahlgespräch
Tja, was soll ich sagen bzw. schreiben? Es gibt wenig Neues. Routine ist eingekehrt. Grüner Schleim besiedelt immer noch Hals und Nase. Unterricht von Montag bis Mittwoch. Danach kann ich mich zwei Tage lang den Korrekturen widmen oder meinen Beitrag zur Ringvorlesung Ende März vorbereiten: "Von Paulus zu Luther - eine kleine (literarische) Kulturgeschichte".
Am Vormittag hatte ich Unterricht bei den Absolventen, die eine schwere Deutschprüfung hinter sich haben, ohne die sie den Abschluss nicht machen können. Doch zum Durchatmen bleibt wenig Zeit. Denn nun gilt es, die Aufmerksamkeit wieder auf die Abschlussarbeit zu lenken. Und ich mache etwas Werbung für die neuen Bücher, die das Goethe-Institut mir geschickt hat: Herta Müller und ihre "Atemschaukel" natürlich vorneweg. Dazu der neue Roman von Nora Bossong, die uns ja im letzten Semester persönlich die Ehre gegeben hat.
Die Bibliothek, wo die neuen Schmöker lagern, musste ich heute freilich nach einer Stunde schon wieder schließen, weil ich um 14 Uhr am Auswahlgespräch für die nächsten Doktoranden mitzuwirken hatte. Dass Aspirant Nummer drei unser aller werter Kollege Li Bin aus dem Fachbereich sein würde, traf mich völlig unvorbereitet. Es ist nun aber - weder für mich noch für die drei anwesenden Kolleginnen - nicht ganz einfach, hundertprozentig objektiv zu bleiben, wenn einer der drei Kandidaten, die für zwei Doktorandenplätze ausgewählt werden müssen, ein direkter Kollege ist, auf dessen Hochzeit man vor ein paar Monaten noch ausgiebig geschlemmt hat. Und siehe da, wer hätte das gedacht: Völlig überraschend landet Herr Li auf Platz 2!
Die widerwärtige Welt der Viren
Genau genommen bin ich seit meiner Rückkehr aus dem sonnigen Süden pausenlos krank; das war 2004 im Februar genauso. Damals kam ich aus Hongkong in die Provinz Jilin zurück. Temperaturdifferenz: ca. 25 Grad. Ähnlich ist es jetzt hier. Heute haben wir um die fünf Grad, Regen. Der soll noch ungefähr zehn Tage anhalten. Der März ist hier meistens so. Die Folge: In meiner Nase befindet sich mehr grüner Schleim als Chlorophyll in einer Frühlingswiese. Am Wochenende war es besonders schlimm. Da kam noch eine Magenverstimmung dazu. Und immer das Geschwitze nachts, ich wache jede Nacht einmal klatschnass auf und kann mir das Wasser vom Arm streichen. Das nervt nur noch!
Außerdem fielen Telefon und Internet, wenn auch aus verschiedenen Gründen, gleichzeitig aus. (Ich weiß also erst seit heute, dass der FC B neuer Tabellenführer ist!!!) Und mein Vokabelheft, lebenswichtiger Lernstoff, ist auch unauffindbar! Und ich hab' mir, des Essens wegen anhaltender Appetitlosigkeit entwöhnt, auf die Zunge gebissen. Hat geblutet wie'n Schwein im Schlachthof. Also: War nicht so meine Woche...
Unerklärlicherweise bin ich aber zum Unterrichtsbeginn immer rechtzeitig wieder in Form (so auch 2004)! Das muss alles psychosomatisch sein! Seit Montag ist nun endlich wieder Unterricht. Das ist die beste Therapie, auch wenn ich krächze wie ein abgedrehter Hahn! Da ich ja auch schon etwas krank war, als ich die Studenten bei den Prüfungen im Januar letztmals sah, wirkt das jetzt ein bisschen komisch. Chen Dong alias Eva fragte auch schon, wie lange ich denn nun schon krank sei. Ich: "6 Wochen!" Jetzt noch etwas Husten und Halsweh, aber wenn ich den morgigen Unterrichtstag überstehe, woran ja niemand ernsthaft zweifelt, ist auch schon wieder fast Wochenende, da sich meine 12 Stunden auf drei Tage verteilen. Nur der Dienstag, also heute, ist hart, weil ich um acht Uhr morgens die erste und um 17 Uhr abends die letzte Unterrichtsstunde habe. Die vier Freistunden über Mittag habe ich genutzt, um nach Hause zu fahren. Ich musste schließlich im zuständigen Büro dringend mal die Sache mit dem Internet klären. Und wie man sieht, ist dieses Problem jedenfalls aus der Welt.
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