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"Xiexie, Yijie!"
Nachdem ich heute nach dem Unterricht noch mal nachgefragt habe, schickt Klassensprecherin Yijie endlich das Gruppenfoto von der Tour zum Fantawild-Park (sin-o-meter berichtete), DER Alternative zum Wildpark Eekholt. Ich schreibe prompt zurück: "Xiexie, Yijie!" (übersetzt: "Danke, Cecilia!").
Links von mir: Wu Yu, Xinhang und (halb kniend) Feiqian, hinter mir die Computer- Jungens. In der Mitte rechts von mir: Hao Hui, Youjin und Du Li.
Untere Reihe links von mir: Yang Liu, Yi Xuan und Xin Liu.
Untere Reihe rechts von mir: Liu Chao, Yijie mit (Sonnenbrille und) Wang Dan, Xi Min und Yinyin mit Minmin.

Cathy und Hillson und ich

Bereits zum zweiten Mal treffe ich mich heute am Xuanwu-See mit Cathy, die in Wirklichkeit Jiakun heißt und in einem Tourismus-Institut Koreanisch unterrichtet. Wir haben uns zum ersten Mal auf einer von Michaels legendären Partys kennen gelernt und sie wollte gern ihr Deutsch etwas aufbessern; wer kann dazu schon nein sagen, wenn er so hilfsbereit ist wie ich? Sie ist übrigens eine gute Lehrerin, was sich darin erweist, dass sie mich die zweite Hälfte des Spätnachmittags in Chinesisch unterweist: Wie du mir, so ich dir! Letzte Woche waren wir anschließend in einem mittelmäßigen Restaurant essen, heute folgen wir dem Ruf des Michael-Nachfolgers Hillson. Denn Michael, so vernehme ich zu meiner Überraschung, befindet sich im Scheidungsstress! Die Ehe mit einer etwas jüngeren Chinesin hat irgendwie nicht funktioniert. Aber Michael trage sich bereits mit neuen Heiratsabsichten. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus. Heraus kommt dafür, dass Michaels künftige Ex-Gattin wohl auch gar kein Englisch konnte. Ich sage: Sich dafür zu entscheiden sein Leben mit jemandem zu verbringen, ist ja schon 'ne harte Nummer. Wenn dieser Jemand aber nicht dieselbe Muttersprache spricht, ist das Hochseilakrobatik, aber wenn man sich fast gar nicht verständigen kann, dann ist das Hochseilakrobatik ohne Seil! (Naja, so habe ich das zumindest sinngemäß gesagt.) Aber jeder muss eben das tun, wovon er am meisten überzeugt ist. Und wovon man nicht überzeugt ist, das sollte man eben nicht tun. Das war immer schon mein Motto. Hillson ist derweil davon überzeugt, dass er in Michaels Fußstapfen treten kann. Aber Cathy, die ist von Hillson gar nicht überzeugt. Sie fühlt sich von ihm genervt. "He's always so pushy!", sagt, nein, klagt sie. Er dränge sie immer, schicke ständig eine SMS und wenn sie die ignoriere habe sie ihn gleich an der Strippe. Ich wusste ja immer, dass diese Mobiltelefone einen Haken haben... Leider kommen wir so spät zur Party, dass nur noch ein paar Pizzastücke zu uns gelangen. Dafür darf Cathy mit Hillson singen und ich treffe Jerry, eine tätowierte US-Variante von Michael, und Eveline, die ich schon aus dem GoDi kenne oder, besser gesagt, sie mich. Eveline doziert so lange über Schlafmangel, dass schließlich alle ermüdet aufbrechen. Aber es reicht noch für ein Gruppenfoto.
Nachttaxi ins Badehaus
Mit Echo (sin-o-meter berichtete) wird es garantiert nicht langweilig. Echo ist eine Frau mit sensationell schlechtem Orientierungssinn und zwölf Minuten Verspätung. Mit dem Taxi will sie in ein Spezialitäten-Restaurant. Das liegt aber, wie sich erweist, als wir aussteigen, nur fünf Minuten Fußweg von unserem Treffpunkt entfernt. Und ist schon voll. Wir landen in einem Eisladen der Marke Hägar (oder so), wo wir für vier Kugeln Eis umgerechnet zwanzig Mark bezahlen. Danach lasse ich mich wieder in ein Taxi setzen. Echo führt uns zu einem Badehaus. "Früher war hier ein Restaurant", versichert sie. Zwischenzeitlich habe ich sie versucht davon zu überzeugen, dass die bibeltreuen Christen die einzig wahren Gläubigen sind und man den Rest vergessen kann. Im selben Atemzug versuche ich sie in ihrem Studienort Chicago, wohin sie bald zurückkehren wird, in die Willow-Creek-Gemeinde zu lotsen. Erfolgreich gelotst hat sie uns schließlich wider Erwarten auch noch, und zwar in ein Feinschmecker-Restaurant. Dort will sie gleich tausend verschiedene Gerichte bestellen. Ich sage: "Wer soll das alles essen?" Am Ende gehen wir mit drei Packungen Essensresten nach Hause und Echo beschwert sich, dass ich das Taxi zuerst zur Uni lenke. "You are no gentleman", beklagt sie sich. Ich stimme zu, gebe aber zu bedenken, dass ich sie beim Einstieg zu fragen versucht hätte, aber nicht zu Wort gekommen sei. Zwischendurch habe ich sie auch schon mal als "stupid" kritisiert; man sieht, wir verstehen uns.
Auf dem Weg vom Eisladen zum Badehaus (oder Massagesalon, was immer das war) wechselt Echo überraschend das Thema und erzählt mir auf einmal alles von ihrem katholischen "boy-friend" in den USA, der sie sofort heiraten möchte. Sie wisse aber nicht so recht. Er rede auch nie über seinen Glauben. Ich sage: Wenn er dich sofort heiraten will, spricht das immerhin für seine redlichen Absichten. Anders als mit ihrem "boy-friend" war sie mit einem Fremden aus dem Internet allerdings bereits handelseinig geworden, was Heiraten anbelangt. Es handelt sich um einen Geschiedenen mit zwei Kindern, den sie nie gesehen hat, der aber ohne jeden Zweifel ihr Seelenverwandter sein müsse, auch wenn der Kontakt jetzt abgerissen sei. Zu guter Letzt hatte sie auch noch eine Liebesaffäre mit ihrem Verleger, der nach deren Scheitern dafür gesorgt habe, dass sie mit ihrem Roman (ein Exemplar hat sie mitgebracht) nicht viel Geld verdient hat. Gegen halb drei bin ich zu Hause. Ich verlasse das Taxi zehn Minuten nach ihr und habe mich also doch noch als "Gentleman" erwiesen. Nun muss Echo aber wirklich schnellstens nach Chicago zurück, finde ich.
Im Zirkus
Nach einem Vortrag an der China-Universität für Kommunikation, an der meine Kollegin Katja, die Österreicherin, lehrt, einem Vortrag mit etwa 65 Zuhörern am Freitagabend, der im Rahmen einer Marketing-Aktion für das deutsche Hochschulwesen stattfindet, die zu meinem Aufgabenprofil gehört, lande ich, weil eine deutsche Praktikantin morgen achtzehn wird, mit Katja und einigen ihrer Studenten im Mazzo, das ist so ein ... Nachtclub. Also, so was von dekadent! Ich kam mir zunächst vor wie in einem indischen Tempel, alles Gold, Kronleuchter und teurer Teppich und so. Da werden Früchte auf Riesentabletts serviert wie in einem Harem, die Ohren gefoltert wie in einer Disko, Whisky getrunken und gezockt wie in einem Western-Saloon und auf die Pauke gehauen wie bei einer Polka. Für Zirkus-Ambiente sorgt ein kleinwüchsiger Clown, der Pudel aus Luftballons dreht.
Aber China ist hier schon wieder besser als Deutschland, denn dort passen sicher keine uniformierten Polizeibeamten in der Bar auf, dass nichts aus dem Ruder läuft (höchstens Derrick in Zivil). Und tanzende Damen im Bikini gibt es hier nur auf Monitoren. Alles noch ganz züchtig. Das Gehirn scheint in solchen Bars aber trotzdem am Eingang abgegeben werden zu müssen, den Rest bläst die Musik weg. Deswegen kann ich auch nicht länger als fünfzehn Minuten bleiben (exakt gestoppt), denn ohne Hirn bin ich nur die Hälfte wert. Ich kann aber gar nicht sagen, dass ich bereue mitgegangen zu sein. Auch wenn ich nichts mehr von den Verheerungen mitbekommen habe, die der eine Liter Whisky, der komplett ausgetrunken worden sein soll, unter den kaum erwachsenen Student(inn)en angerichtet hat, war dieser Ausflug in die chinesische Halbwelt doch sehr interessant. Hatte, wie gesagt, was von Zirkus. Da geht man auch rein, guckt sich die Clowns und die wilden Tiere an und geht wieder nach Hause.
Warum Jack London und Hermann Hesse Elementares gemeinsam haben
Am heutigen Nachmittag bin ich Teil einer fünfköpfigen Prüfungskommission, die in einer mündlichen Prüfung über die Zulassung von Bewerbern für den Magisterstudiengang an der Uni Nanjing befinden soll. Sechs Studenten versuchen bei Antworten auf Fragen zu ihrer Motivation und ihren Vorkenntnissen in Linguistik und Literaturwissenschaft zu glänzen; zwei davon sind Studenten unseres eigenen Fachbereichs und schließen in diesem Semester mit einem B.A. ab. Die Studentin, die sich auf meine Nachfrage für Hesses "Steppenwolf" interessiert, weil sich das Buch für einen Vergleich mit Jack London eigne, da dieser ja auch Bücher über Wölfe ("Wolfsblut") geschrieben habe, hätte lieber gleich gesagt, dass sie keine Ahnung von Literatur hat. Auch die erste Kandidatin kann mich mit ihren zaghaften Antworten gar nicht überzeugen. "Für mich ist die durchgefallen", bekunde ich forsch, erfahre aber sogleich, dass die Bewerberin, die nicht mal zu sagen wusste, was sie an Deutsch interessiert und warum sie weiter Deutsch studieren möchte, die beste schriftliche Zulassungsprüfung abgeliefert hat.
Ostersonntag
An Ostern zieht es mich dann doch wieder eher in die konservative St.-Paul's-Gemeinde. Allerdings sind die noch nicht mal fertig mit dem chinesischen GoDi, der vorher stattfindet, als ich eintreffe. Und dabei hatte ich mich so beeilt, um noch halbwegs pünktlich zu kommen. Ostern ist eben was Besonderes. So predigt dann heute in der Kirche der deutsche Theologe Sigurd (bekannt durch den Eintrag vom 21.12.2008). Allerdings muss ich sagen, dass mich kaum etwas in der Kirche mehr nervt als Prediger, die ihre Kinder als Exempel zur Veranschaulichung von geistlichen Inhalten verwenden. Zwar kommt das in China natürlich doppelt gut an, aber ich kann die Masche "wie mein kleiner Sohn neulich, als..." nicht mehr hören. Danke, reicht! Immerhin kann ich Sigurds Englisch viel besser verstehen als das seiner chinesischen Brüder und Schwestern im Herrn.
Apropos Schwestern im Herrn, die geschätzte Schwester im Herrn Lili hat für mich ein paar Lieder kopiert, die dank einer Reportage auf Bibel-TV in christlichen Kreisen in Deutschland unter dem Titel "Hymnen Kanaans" offenbar zu einigem Ruhm gekommen sind und noch exportiert werden sollen.
Nachmittags gibt es für mich - wer hätte das gedacht? - sogar noch ein paar Schoko-Ostereier. Und deutschen Kuchen. Denn ich bin zu Gast bei einer sechsköpfigen Familie aus Deutschland und spiele in deren Garten mit den Kindern und deren Papa Fußball. Das mag so weit noch nicht kurios genug für eine sin-o-meter-Notiz sein. Aber interessant wird die Sache zweifellos, wenn ich verrate, dass dieser Papa vor 24 Jahren mit mir im Musik- und Mathe-Grundkurs saß und aus Großenaspe, Ortsteil Brokenlande, stammt. Genau wie mich hat es Karl von B. aus beruflichen Gründen nach Nanjing verschlagen. Er wohnt mit seiner Familie, zwei Mädchen, zwei Jungs und eine Ärztin (seine Frau), in einer kleinen Villa mit Garten in einem beschaulich-adretten Wohnviertel für ausländische Experten am Stadtrand, abgeschirmt durch Sicherheitskräfte und beschränkten Zugang. Meine An- und Abreise erfolgt durch Karls persönlichen Chauffeur!
Was lernen wir daraus? Im Leben geschieht nicht immer das Wahrscheinlichste! (Das Fußballspiel im Garten gewinnen aber trotzdem die Senioren.)
Fantawild
Der dritte Tag von Liu Chaos Kurzurlaub führt bis an den Rand totaler Erschöpfung. Nach nur vier bis fünf Stunden Schlaf müssen wir schon wieder raus. Heute findet nämlich der allsemestrige Studentenausflug statt. Die Studenten des zweiten Studienjahres haben den Fantawild-Abenteuerpark von Wuhu in der Nachbarprovinz Anhui zum Zielort erkoren. Wir werden mit dem Taxi abgeholt, treffen den Rest der Schar vor dem Bus am Außencampus der Uni und landen in der chinesischen Version von Disney World mit Cowboystadt, Astro- und Azteken-Tempel, Wasserrutsche und Achterbahn. Der (un-)heimliche Höhepunkt allerdings ist, von Liu Chao mit sensationellem Gespür für das Wesentliche entdeckt, eine 3-D-Tour durch eine von Godzilla und seinen Kumpels verwüstete Großstadt. Schon das Haus, in dem die Schau dargeboten wird, spricht für sich: Es steht auf dem Kopf und auf dem Dach, das eigentlich das Fundament ist, turnen Saurier herum. In einer Art Flugsimulation wird man auf einem Pseudo-Raumgleiter an brennenden Häuserfassaden vorbei, mitunter auch durch sie hindurch geschleudert. Aus den Ruinen lugen überall gierige Tyrannosaurier hervor. Gelegentlich schnappen sie auch nach einem. Liu Chao kreischt für eine Chinesin erfreulich wenig. Wir können dem Grauen mit knapper Not entkommen. Die 4-D-Unterwasser-Show nach Motiven von "Findet Nemo" ist auch nicht schlecht. Für die vierte Dimension sorgen Windstöße, Wasserspritzer und ein Rumpeln im Sitz. Außerdem sind wir dabei, wie per Greenscreen-Effekt harmlose Chinesen zu Supermännern und Kriegshelden oder Ungeheuern werden. Leider geht im Dunkeln meine Sonnenbrille verloren.
Im Bus zurück nach Nanjing spielen wir mit einigen Studenten Mau-Mau mit verschärften Großenasper Regeln und zu Hause liefern Liu Chao und ich völlig übermüdet noch eine ganz lausige Leistung in dem beliebten Kniffel-Plagiat „Der große Wurf“ ab. Mir gelingt nicht mal 'ne kleine Straße, von „großem Wurf“ kann folglich keine Rede sein. Schließlich schleppe ich Liu Chao und ihre Koffer noch zum Bahnhof. Sie wird im Nachtzug nach Peking schlafen wie ein Stein und ich in der Bude mit dem Müllberg.
Noch ein Friedhof
Den heutigen Karfreitag widmen wir passenderweise dem riesigen Ming-Gräber-Areal unterhalb des Purpur-Bergs. Ein von einer Mauer umschlossenes Gelände dient dem ersten Kaiser der Ming-Dynastie, der sich vor 600 Jahren durch grausame Strenge um die Einheit des Reiches verdient gemacht hat, als Rückzugsgebiet seit seinem Ableben. Neben ihm liegen offenbar auch seine Nachfolger. Trotz eines Eintrittspreises von 70 Yuan dürfen wir noch nicht mal deren Ruhe stören, weil das eigentliche Mausoleum Baustelle ist.
Von den malerischen Ming-Gräbern geht es dann mit dem Bus zum Xuanwu-See, wo irgendwann das zweimillionste Foto entstanden sein muss. Oder beim Essen danach. Denn gut ausgebildete Chinesinnen fotografieren auch noch beim Essen. Als Entschädigung erhalte ich einen 50-Yuan-Gutschein fürs Zu-viel-Essen, den ich aber nur durch Noch-mehr-Essen einlösen kann.
Auf dem Friedhof
Liu Chao wird zur Touristin im eigenen Land und ich zum Touristen in der eigenen Stadt. Wir besuchen den Yuhuatai-Friedhof, der mit Aussichtsturm, Museum, Gedenkstätte und einem exakt 42,3 Meter hohen Mahnmal den Märtyrern von Maos Revolution gewidmet ist, strammen Kommunisten, die seinerzeit, Ende der zwanziger Jahre und Mitte der dreißiger Jahre, für ihren Glauben einfach hingerichtet wurden (von Angehörigen der Kuomintang, der nationalistischen Partei von Chiang Kai-shek). Liu Chao macht ungefähr eine Million Fotos. Die Fotos, die ich mache, sind angeblich von minderer Qualität, was ich nicht verstehe, denn das Lächeln der Chinesin im Bildmittelpunkt sieht auf allen Bildern immer hundertprozentig gleich aus. Was kann ich da noch falsch gemacht haben? Anschließend machen wir noch einen Abstecher zur Einkaufsmeile am Konfuzius-Tempel, wo dann zu vorgerückter Stunde irgendwann das einmillionste Foto entstanden sein muss, denn nach Sonnenuntergang leuchtet hier alles fotogen-farbenfroh wie am Piccadilly Circus. Dem hält kein chinesischer Auslöser auf Dauer stand.
Der Mann, den keine Türen mochten
Zum bereits zweiten Mal musste ich heute in China eine Tür eintreten. Diesmal meine eigene Badezimmertür. Zum bereits vierten Mal war ich in China ein- oder ausgesperrt! Dabei hatte ich den Reinigungstanten am Montag noch mitgeteilt, dass das Schloss kaputt sei, auch wenn von außen nichts zu sehen sei, aber nee, auf mich hört ja wieder keiner! Jetzt liegen überall Holzsplitter auf dem Boden und das Schloss hängt schief. Aber wenn man morgens ins Bad muss und fünfzehn Minuten später zur Uni, dann kann man nicht lange Umstände machen. Dann muss man rabiat werden. Ich sage, ehe ich aufbreche, aber noch rasch unten am Empfang Bescheid und hinterlasse eine Nachricht: "I had to break my bathroom door. You might want to take a look."
Das kaputte Schloss in der Badezimmertür kommt zur Unzeit, denn ich erwarte heute Besuch. Bereits gestern habe ich eine Luxus-Luftmatratze besorgt. Beim Aufpumpen habe ich allerdings den Schlauch bei der Pumpe ins falsche Loch gesteckt und mich einige Zeit gewundert: Was dauert das denn so lange?...
Liu Chao, mit schweren Koffern bewaffnete Ex-YUST-Studentin und heute rechte Hand des Chefs bei einem Zugbau-Joint-Venture von Siemens, wird nachmittags von der U-Bahn-Station abgeholt, nachdem ich einmal sinnlos um den Block geirrt bin. Da stand sie wohl noch bei McDonald's. Was antworte ich auch nicht auf ihre SMS, beschwert sie sich. Nun also eine Frau im Haus: Vor- oder Nachteil? Der geneigte sin-o-meter-Leser entscheide selbst: Verdreifachung des Hausmülls, Vervierfachung des Flaschen- und Kosmetik-Arsenals im Bad, Verzehnfachung der Haar-Reste im Bad (gemessen an der Gesamtlänge aller aufgefundenen Haare) und nie mehr genug Joghurt im Kühlschrank. Im Gegenzug verdanke ich dem werten Gast eine drastische Reduzierung langweiliger Tagesabschnitte und Selbstgespräche, den Hinweis, dass die blaue Flasche, die ich einst als Shampoo gekauft, aber dann mangels Schaumentwicklung als Badedas verwendet habe, in Wahrheit Hair-Conditioner ist und wozu man Hair-Conditioner verwendet. Um diesem Aha-Effekt Nachdruck zu verleihen, spendiert mir Liu Chao auch gleich eine Flasche echtes Badedas (mit Gurken-Extrakt). Außerdem darf ich künftig keine Socken mehr länger als einen Tag tragen und muss mir dreimal so teures Klopapier besorgen. Na, wenn da keine Freude aufkommt!
Yangzhou, 2. Tag
Der so genannte "schlanke Westsee" (im Gegensatz zum normalen Westsee in Hangzhou) ist die größte Attraktion der Stadt. Ausgehend vom Yechun-Teehaus wandere ich einen Kanal entlang bis zum gelben Daming-Tempel, der zusammen mit einer Pagode den Westsee im Norden begrenzt, und folge so der Strecke, die einst ein berühmter Kaiser frühmorgens mit dem Boot zurückzulegen pflegte. Als Höhepunkt gilt die auf dem Foto zu sehende "Fünf-Pavillon-Brücke", die typisch ist für den Brücken-Baustil im Süden Chinas und als Wahrzeichen von Yangzhou betrachtet wird. Was hier nicht zu sehen ist, sind die Horden von Touristen, die den Pavillon belagern, und die Armadas von so genannten "Lustbooten", das sind Paddelboote mit Drachenkopf, auf denen Touristen sich über den See schippern lassen.
Obwohl ich meine Zeit großzügig geplant habe, gerate ich am Ende (ich habe das Massage-Hotel bereits geräumt) doch wieder enorm unter Zeitdruck, weil ich mich eine Stunde vor Abfahrt meines Busses nach Nanjing entschlossen habe, nicht auf der Buslinie 29 zurückzufahren, die ich genommen habe, als ich zum See fuhr (ca. 30 Minuten), sondern lieber umschwenke auf die 66 bzw. 20, die auf direkterem Wege zum Busbahnhof führt. So hoffe ich Zeit zu gewinnen. Leider habe ich durch den Wechsel der Haltestelle eine Viertelstunde verloren und es kommt zu einem wilden Wettlauf gegen die Zeit. Denn Bus 66 kommt einfach nicht, von Nr. 20 ganz zu schweigen. Inzwischen nur noch vierzig Minuten bis zur Abfahrt meines Busses, des letzten für heute. Ich winke bereits, ganz untypisch für mich, nach Taxis, ein sichtbares Zeichen äußerster Verzweiflung. Und ohne Erfolg. Alle besetzt. Erschwerend kommt hinzu, dass ich noch mein Gepäck aus dem Lager holen muss und man mir am Mittag geraten hat, sieben bis zehn Minuten vor Abfahrt am Busbahnhof aufzutauchen; denn manchmal fahren Busse hier einfach früher ab. Noch 35 Minuten. Drei Busse rollen an. Gierig stiere ich nach den roten Nummern an den Frontscheiben. Keine 66. Keine 20. Andere Linien sind auf meiner Karte nicht eingezeichnet. Wenn ich jetzt nicht fahren kann, komme ich heute hier nicht mehr weg. Das war's dann wohl, denke ich. Noch mal ab ins Billighotel. Oder? Ich gehe entschlossen auf den zweiten Bus zu, der gerade hält; denn ich sage mir, dass auf dieser Strecke doch auch noch andere Busse zum Busbahnhof fahren müssen. Ich frage den Fahrer des Busses Nr. 17. Er nickt. Ich frage nach der Anzahl der Stationen. Er sagt: "Sieben bis acht!" Das, so rechne ich schnell aus, könnte bei guter Verkehrslage in 20 Minuten zu schaffen sein. Ich zähle die Haltestellen mit und rechne jedes Mal die Gesamtzeit hoch. Am Ende bin ich Viertel vor sieben am Busbahnhof. Der Mann am Gepäckschalter ist mürrisch. Er meint, wenn ich richtig verstanden habe, ich hätte viel früher kommen sollen. Da er mächtig nach Schnaps riecht, nehme ich das nicht so ernst, nuschel' irgendwas und bekomme mein Gepäck. Erleichtert sitze ich schließlich im Bus nach Nanjing und bin mir sicher: Gott liebt mich.
Yangzhou, 1. Tag
Weil Montag wegen der chinesischen Spielart von Allerheiligen frei ist, fahre ich heute mit einem Bus vom Nanjinger Dongzhan nach Yangzhou, die malerische Stadt im Norden von Nanjing. Allerdings muss ich zuvor vier Stunden am Bahnhof herumlungern, weil ich erst den Bus um 19 Uhr nehmen kann. Vorher bin ich mal wieder auf Abwege geraten und in einem morastigen Stadtrand-Acker (Baugebiet) gestrandet, weil es da laut Karte einen Weg über oder unter dem Bahndamm geben sollte. Kann man total vergessen. Was ich erst bei meiner Rückkehr herausfinde, hätte mir diesen Stress ersparen können und kann zugleich als Tipp für Leute dienen, die durch Eingabe des Suchbegriffs "Reisen nach Yangzhou/Jiangsu" zum sin-o-meter gelangt sind: Vom Nanjinger Dongzhan kommt man mit Bus 28 sowohl zum Bahnhof (von dem aus ich heute zu Fuß gegangen bin) als auch zur Universität Nanjing. Bei völliger Dunkelheit komme ich in Yangzhou an und pilgere Richtung Innenstadt.
Wie mach' ich das nur immer? Ich muss einen eingebauten Sensor haben. Ich habe bereits einige Hotels links liegen gelassen und finde in der Wangyue Lu tatsächlich auf Anhieb ein Zimmer für nur 15 Yuan. So jedenfalls verspricht man es mir. Ist aber auch 'ne gruftige Absteige. Die Bude hat nicht mal 'n Fenster und auch kein Schloss in der Tür. Wie ich dann später herausfinde, finanziert der Laden sich wohl eher durch die Nebenkosten für besondere Dienstleistungen (wie Massage direkt auf dem Zimmer), für die ich natürlich gar keine Verwendung habe. Ich will nämlich nur Wolfsburg gegen Bayern sehen und kann durchaus nicht ahnen, dass ich danach doch eine Massage nötig habe, eine Seelenmassage nämlich. Nach dem Schock ist an eine gute Nacht nicht mal im Traum mehr zu denken. Es ist auch viel zu heiß in diesem lichtlosen Loch. (Die Hitze kommt in dieser Gegend so schnell, wie man das Licht anknipst.) Am nächsten Tag beim Ausbuchen muss ich dann hundert Prozent Aufschlag zahlen; wenn ich richtig verstanden habe, für die Bettwäsche. Stand wohl im Kleingedruckten.
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