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Dichterlesung
Sicher der Höhepunkt meines Deutschlandsaufenthalts: Erst wandle ich an der Seite meines kinokundigen Nachfolgers noch mal auf alten film-o-meter-Pfaden und sehe in der Frankfurter Pressevorführung „Die unglaubliche Geschichte des Benjamin Button". Einen Tag später, also heute, bin ich dann zu Gast beim ERF. Im Raum Monte Carlo darf ich vor einer Gruppe von knapp dreißig Kindern einen Auszug aus „Karl und Konsorten – Die Formel-1-Affäre“ vorlesen. Und die Kinder hören tatsächlich zu! Ehrlich, so was könnte ich öfter machen. Außerdem gibt es ein (kurzes) Wiedersehen mit vielen lieb gewonnenen Kollegen und Kolleginnen aus meinem früheren Leben. Abends bei der Zockerrunde im Hause Rapsilber wird die legendäre Zocker-Traudl schmerzlich vermisst. Aber auch ohne die Konkurrenz dieser gerissenen Gegenspielerin reicht es für mich mal wieder nicht zum Gesamtsieg. Die Nacht verbringe ich im frisch bezogenen Eigenheim des Ehepaars Mertens unweit meiner einstigen Radelstrecke an der Lahn. In den folgenden Tagen werde ich noch auf einer Überlandwanderung das Ziel knapp verfehlen und mit dem männlichen Teil der Familie Simon Einblick in die höchsten Räumlichkeiten einer alten Ritterburg nehmen. Wir sprachen schließlich eingangs vom Höhepunkt.
Operation gelungen, Patient fährt!
Kinder, was kann man schlafen nach so einer Operation! Morgens und abends und nachts. Ansonsten erinnere ich mich nur noch an die zwei Reißer auf dem beliebten Fernsehkanal Das Vierte, die ich gestern Abend mit regem Interesse vom Bett aus verfolgte. Heute hau' ich ab. Ich bin entlassen. Bekomme auch nur noch eine dürftige Suppe statt des Menüs, für das ich mich am Donnerstag noch eintragen ließ. Die Hakenplatte aus Metall samt den sechs Schrauben hat man mir auf eigenen Wunsch auf den Nachttisch gelegt. Sie kann nicht wiederverwendet werden, obwohl sie noch aussieht wie neu. Das Ding erinnert passend zum Thema an einen Fahrradschraubenschlüssel, nur dass hier die Löcher alle gleich groß sind. Die Taubheit im Arm wird noch etwas bleiben, sagt der Arzt; außerdem muss ich schon wieder zur Füsiotherapie. Ich verlasse die Klinik und um zu beweisen, wie wenig mich doch so ein Sturz vom Radl mit zwei Operationen aus der Bahn werfen kann, lege ich die vierzehn Kilometer zurück nach Hause mit dem Fahrrad zurück, das seit zwei Tagen draußen am Fahrradständer auf mich wartet. Und nur weil sich die Gurke, von der ich gestürzt bin, unterdessen nicht mehr in meinem Besitz befindet, lasse ich es mir nehmen, diesen Rückweg nicht auf dem Unfallgerät anzutreten. Und natürlich fahre ich auch hier und da ein bisschen freihändig, jawohl! In Brokenlande schaue ich noch kurz bei Totti Heller vorbei, der überraschenderweise sogar da ist und ausnahmsweise nicht an der Seite seines Arbeitgebers Arved Fuchs arktische Mysterien erforscht, weil er heute ganz trivial für seine Mutter die Küche renoviert, wovon ich ihn jedoch ca. eine Stunde lang abhalte, ehe ich wieder meinen Drahtesel besteige, der übrigens keine guten Bremsen und kein Licht mehr hat. Vielleicht ... hätte ich die Gurke doch behalten sollen!
Operation gelungen, Patient lebt!
Begib dich in das Krankenhaus, gehe nicht über los, ziehe keine 4000 Mark ein. Leider ist es kein Monopoly-Spiel, das mich zum zweiten Mal binnen eines halben Jahres auf den OP-Tisch bringt, sondern eine so genannte Metallentfernung. Wieder wache ich also in einem Klinikzimmer auf; diesmal, in der Lehmannklinik zu Neumünster, liege ich allerdings allein. Ansonsten ist alles wie dereinst im Juli: Wieder habe ich eine bandagierte Schulter, wieder hängt an mir so eine Plastikflasche dran, in die einige Kubikzentimeter eigenen Blutes getropft sind. Und wieder gilt meine erste Sorge dem Austausch der peinlichen OP-Kluft gegen eigene Kleidungsstücke des täglichen Gebrauchs.
"Schacht! Schacht!"
Der schönste Moment der heute stattfindenden mündlichen Prüfungen, die ich zusammen mit einer deutschen Studentin durchführe, die Konversation unterrichtet, ist zweifellos, als die Studentin mit dem deutschen Namen Cecilia ihr Wunschlos zieht. Ich habe fünf Dialoge einüben lassen. Dann darf das Prüflingsduo zwei Lose ziehen und eines der beiden ausgewählten Themen ablehnen. Cecilia, die ohnedies mit fast akzentfreiem Deutsch (und auch sonst) zu entzücken weiß, springt vor Freude mehrfach in die Luft und ruft: „Schacht! Schacht!“ Gemeint ist ein Lehrbuchtext, in dem der garstige Herr Schacht durch unhöfliches und arrogantes Betragen seine Sekretärin zur Kündigung treibt und am Ende zerknirscht allein dasteht. Cecilie macht daraus mit ihrer kaum minder begabten Partnerin ein Zwei-Frau-Bühnenstück von hohem Lehr- und Mehrwert und voller Emotionen. Noch dramatischer war kurz zuvor übrigens die Darbietung von „Jenny“, die mit ihrer Partnerin ebenfalls Losglück hat und die Sekretärin so zusammenstaucht, dass sogar der Prüfer es mit der Angst zu tun bekommt. Schließlich weiß er, dass Jenny normalerweise brav und still im Unterricht sitzt und kein Wässerchen trüben kann.
Die Baozi (sin-o-meter berichtete) verschenke ich nachmittags an die Hilfsarbeiter, die mir die Waschmaschine des ausgezogenen Nachbarn und dessen Gasflasche in meine Wohnung getragen und installiert haben. Der Mann im Blaumann zögert erst irritiert, aber als ich erkläre, dass ich die Baozi ja wohl schlecht fünf Wochen lang bei mir in der Küche stehen lassen kann, ohne dass die Fleischfüllung Schaden nimmt (wofür ich im Chinesischen allerdings einfachere Worte finde), ist er dann doch willig. Kurze Zeit später sind die beiden Jungs wieder da und schließen die Waschmaschine am Wasserhahn an (was sie zunächst noch nicht zu können vermeinten). Baozi sind doch eine hilfreiche Angelegenheit!
Ansonsten korrigiere ich, bis ich weiße Mäuse sehe, und das wird heute, ich meine natürlich: morgen, um 3 Uhr in der Frühe passieren. Zum Glück hat mir mein Ex-Kollege Helmut aus Yanji eine geniale Excel-Datei kopiert, in der ich die Noten nur eintragen muss; Excel rechnet dann alles für mich aus. (Der Anruf bei Helmut erfolgte vor einigen Tagen, nachdem ich drei Stunden lang versucht hatte, mir so einen Excel-Notenrechner selbst zu erstellen. Gut, wenn man irgendwann einsieht, dass es Dinge gibt, die andere Menschen viel besser können als man selbst.)
Dem Alm-Öhi wär' das nicht passiert!
Heute Morgen auf dem Weg zum GoDi lauert mir Yuca auf. Die Japanerin, die ein Stockwerk unter mir wohnt, hatte mir, als sie im Bus neben mir saß, mal signalisiert, dass so ein christlicher GoDi sie durchaus interessieren könnte. Dann habe ich ihr versprochen: Nächstes Mal, wenn ich gehe, klopfe ich vorher bei dir an und sage Bescheid. Gestern Abend war Yuca dann aber zu überrascht, um zuzusagen. Über Nacht hat sie es sich dann, wie sie mir erklärt, anders überlegt.
Kurz nachdem wir Platz genommen haben, werde ich diskret rausgewinkt und der „Kirchendiener“ fragt mich, ob Yuca eine Einheimische sei, die sind ja nicht zugelassen. Ich erläutere schmallippig, sie sei Japanerin, und bin schon wieder auf meinem Platz. Und das war noch nicht alles an vermeidbaren Scherereien: Kaum ist der GoDi aus, bringt mich ein übermütiger amerikanischer Bruder im Herrn mächtig in Schwierigkeiten, als er erklärt, ich sei ja heute viel fröhlicher und strahlender und ausgelassener usw. als sonst. Der Grund sei ja offensichtlich, keine Frage, sie, die Dame neben mir, „mache meinen Tag“, was natürlich großer Blödsinn ist. In Wahrheit ist der Alm-Öhi mein Vorbild und ich mache am liebsten alles alleine außer vielleicht essen gehen. Aber man kann ja nun auch nicht sagen: „Was laberst du da für'n Käse!“ Das wäre ja auch Yuca gegenüber unhöflich. Yuca bilanziert dann, als wir im Regen nach Hause zurückgehen, dass das ja mal eine sehr interessante Erfahrung gewesen sei, und verschweigt den Amerikaner dezent. Jetzt bin ich gespannt, ob sie dieses Experiment noch mal wiederholt. Immerhin werden zwischen meinem jetzigen GoDi und dem nächsten mindestens sechs Wochen liegen.
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