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Die Herberge zum blauen Himmel
Warum wir China so lieben, ewige Bestenliste Platz eins: Nur hier bringen es nette junge Rezeptionistinnen fertig, mich mit der Frage zu begrüßen, ob ich ein Superstar sei, was ich natürlich sofort bejahe. So heute geschehen am Empfang der Blauer-Himmel-Herberge, in die ich am Nachmittag umgezogen bin (bereits meine dritte Unterkunft in Sanya). Nicht nur zwei Hotels, auch zwei hilfsbereite Mitbewohner habe ich verschlissen, letzteres bei dem Versuch, mit dem herbergseigenen W-Lan ins Netz zu kommen. Erst als Peter, der Boss, den Tresendienst übernimmt und er persönlich Hand anlegt, kann ich mit dem alten Bibliotheks-Hewlett-Packard meinen Eintrag hier im sin-o-meter aktualisieren. Ich sitze in der überdachten Open-air-Herbergsbar und bin umgeben von Mücken, die nicht in Bestform sind, und heiteren Herbergsgästen, die schon eher in Bestform sind. Die zockenden Amerikaner verbrüdern sich gerade mit den drei russischen Mädels vom Nachbartisch. Nach vielen Zocker- und Alkohol-Runden verlegen sie sich auf „Tat oder Wahrheit“, ein Spiel, bei dem man intime Details ausplaudern oder etwas Peinliches tun muss. Es wird also so oder so peinlich. Am Ende bekommt die blonde Russin zum Lohn von ihrem US-Sitznachbarn den ersten Kuss. Da hat sich die Völkerverständigung ja wenigstens gelohnt! Auch anderswo geht es fröhlich zu: Die drei Gäste aus der IFS-Schüleraustauschgruppe, ein Franzose, eine Französin und deren Freund, ein Amerikaner, die alle drei ein Jahr an Schulen und in Gastfamilien in Guangzhou bzw. Nanjing verbringen und eigentlich mit mir in dem 6-Bett-Zimmer untergebracht sind, tauchen erst auf, als die Sonne längst wieder am Himmel lacht. Offenbar haben sie die Nacht am Strand durchgemacht.
Was Dubai recht ist...
Sanya hat entschieden etwas mit Dubai gemeinsam. Dort wurde ja, direkt vor der Küste, diese künstliche Insel in Palmenform und mit lauter Mega-Hotels errichtet. Die Form einer Palme haben die Chinesen zwar nicht zu bieten, dafür ist ihre vier Quadratkilometer große Kunstinsel von echten, goldummäntelten Palmen umgeben. Das ganze Unternehmen nennt sich Phoenix Island, denn wie Phönix aus der Asche erheben sich hier aus dem blanken Meer monströse Bauten, die offensichtlich hoch hinaus wollen. Vier von sechs geplanten Apartment-Türmen stehen schon als Rohbau, Bauwerk Nummer fünf wird die Attraktion: Das Sieben-Sterne-Hotel wird die Form einer geschlossenen Muschel haben, aber in der Mitte, also zwischen den beiden Muschelhälften, weht der Wind durch. Der Wanderarbeiter aus der Provinz Sichuan, der seit vier Jahren an und auf der Insel arbeitet, schwärmt mir vor: Sanya habe immer gute Luft und schönes Wetter und die Aussicht hier auf der Insel sei doch großartig. Da stimme ich zu. Ich sitze, nachdem ich die palmenumsäumte Baustelle umrundet habe, im Schatten des Phönix-Monuments, das zugleich Gedenkstätte für den Empfang der olympischen Fackelläufer 2008 in Sanya ist, da gesellt sich der Arbeiter, ein sonnengegerbter Gärtner, zu mir. Vorher habe ich mir im bereits fertig gestellten Konferenzzentrum, indem ich mich dem Empfang für eine Gruppe chinesischer Touristen einfach angeschlossen (aber brav auf Getränke und Kuchen verzichtet) habe, eine 3-D-Simulation der fertigen Insel angesehen: ein Hubschauberlandeplatz, ein eigener Schiffsanleger, Swimming-pools, Bungalows für Reiche, Einkaufshütten, die aussehen wie Bungalows für Reiche...

Mögen der Gärtner und ich auch in zwei völlig verschiedenen Welten leben, eines haben wir auf jeden Fall gemeinsam: Weder er noch ich wird jemals eine Nacht in einem der Luxusräume verbringen, die hier vor unseren Augen entstehen.
Willkommen bei den Ch'tis!
Auf dem Luhuitou- oder (auf Deutsch) Hirsch-dreht-Kopf-Hügel gibt es den Luhuitou- (Hirsch-dreht-Kopf-)Park, und der kostet unverschämte 45 Yuan Eintritt. Auf dem Weg zum Gipfel verwickelt mich ein etwas verwahrlost aussehender Russe in ein Gespräch in praller Sonne und fragt mich, ob er nicht einen Job für mich wüsste. Er habe leider gar kein Diplom oder sonst einen Abschluss, sagt er; da kann ich natürlich auch nicht viel helfen.
Die Verkäuferin am Eingang zum Park kann wie alle Einheimischen hier auf der Insel kein „sch“ sprechen, weshalb ich völlig verwirrt bin: „Zehn", also „shi“ hört sich bei ihr an wie „si“ („vier“), also höre ich „Vier-vier-fünf“ anstatt „vierundvierzig“. Willkommen bei den Ch’tis! Ich lege einfach einen Fünfziger hin. Wird schon stimmen. Stimmt aber nicht. Der Park ist reine Abzocke. Man hat zwar einen schönen Blick auf die Stadt, aber den hat man auf Erhebungen in Stadtnähe bekanntlich immer. Und das Monument ist auch jetzt nicht der Brüller. Ein Hirsch und zwei menschliche Gestalten illustrieren die Sage eines jungen Kriegers, der auf einen Hirsch angelegt hatte, der sich jedoch in diesem Moment, es war wohl eher eine Hirschkuh, in ein wunderschönes Mädchen verwandelte. Und wenn sie nicht gestorben sind... Außerdem gibt es noch einen buddhistischen Wunschbaum mit roten Schleifen und goldenen Schlössern und, dazu passend, einen Teich mit Goldfischen. Ich hätte lieber wie der Hirsch einen Blick zurück tun sollen und denselben Weg gehen, auf dem ich kam. Stattdessen verprasse ich völlig sinnlos und völlig gegen meine Gewohnheit 40 Yuan für eine Möchtgernachterbahn ins Tal, die aber auf halber Höhe endet, mich unschlüssig aussteigen und ins Verderben laufen lässt. Ich finde nämlich den Weg zurück nicht, drehe dann auch noch verzagt um und umrunde schließlich die gesamt Hügelkette. Ich lande in einer staubigen Endlosbaustelle, denn wir überall in China muss auch hier alles Alte und Traditionelle hässlichen Hochhauskomplexen weichen. Die Hitze und der Baulärm und der Krach vorbeipesender Mopeds treiben mich fast zum Wahnsinn. Ich komme dennoch in geistiger Gesundheit, wenn auch ziemlich erschöpft in meinem Hotelzimmer an, kann mir aber nur noch für sieben Yuan was zu essen kaufen, weil ich vergeblich hoffe, bei einer Barabhebung die immens hohen Gebühren sparen zu können. Die Banktanten weisen mich stur ab, obwohl ich mich extra begriffsstutzig gestellt habe. Ich kaufe mir eine Nudelsuppe für vier Yuan und Bananen für zwei. Morgen wird sich herausstellen, dass ich die 1 Prozent Gebühr auch bei Barabhebungen am Schalter entrichten muss und ich werde Banken als Verbrecher beschimpfen (auf Englisch) und es wird mir gar nichts nützen. Sicherlich wirke ich mit meiner Stuwwelpeter-Frisur auch eher kurios als furios. Tja, nur nicht den Kopf verlieren, das war schon das Motto des sagenumwobenen Hirsches.

Chinas Mallorca

In weichen Wellen ziehen sich die hellgrünen Hügel landeinwärts, die im Osten und Westen die Bucht säumen, in der ich gerade schwimme. An einigen Stellen ragen aber auch schon weiße Villen und hässliche Hotelmonster aus dem satten Grün in die Höhe und verschandeln das Bild. Für „60 money“ kann man sich auf den Liegen unter Palmenschirmen eine Massage verabreichen lassen. Eine chinesische Familie macht sich einen Spaß daraus, den kleinen braunen Schoßhund immer wieder ins Wasser zu werfen. Ob der das wohl auch so lustig findet? Im Hintergrund fährt jemand Wasserschirm. Das geht so: Ein Schiff zieht eine Leine hinter sich her, an der ein Fallschirm hängt und an dem hängt: ein Wagemutiger. Eine Szene, die man sich auch am Strand von Alcudia vorstellen könnte und in der Tat ist Hainan, die Tropeninsel im äußersten Süden Chinas, an deren südlichstem Zipfel mit der Stadt Sanya ich mich befinde, so etwas wie das chinesische Mallorca oder eher noch Gran Canaria, wo man ja ebenfalls im Januar baden gehen kann. Nur ist die chinesische Tropeninsel viel größer, fast so groß wie Taiwan, Durchmesser knapp 300, Umfang knapp 600 Kilometer. Und wo auf Mallorca alles fest in deutscher Hand ist, bestimmen hier Russen das Bild. Fast alles, was für Touristen von Belang ist, ist auch auf Russisch beschriftet und als deutscher Urlauber wird man gelegentlich auf Russisch angesprochen.
Doch zurück zum Strandleben: Der Himmel ist blau, das Wasser auch und so muss Urlaub eigentlich sein. Alles wäre noch schöner, wenn ich nicht elf Mark Gebühr dafür zahlen müsste, dass ich hier Geld von meinem eigenen Konto abhebe (die nächste Stufe ist Raubmord), und wenn ich nicht im ersten Hotel, das viel zu teuer war, meinen Kamm liegen gelassen hätte. Jetzt kämme ich mich mit der Gratis-Zahnbürste, die hier zum Service gehört, und sehe aus wie Struwwelpeter. Da hilft nur eins: Ich muss zum Frisör!
Potemkinsche Dörfer in der Grünen Küche
Gestern saßen wir noch im Salon des Fachbereichs, die Studenten des IKG-Studiengangs (Doppelmasterstudiengang Interkulturelle Germanistik in Kooperation der Universitäten Göttingen und Nanjing, paritätisch besetzt mit deutschen und chinesischen Studenten) und ihre Profs, um einer Reihe studentischer Magisterarbeitsthemenvorstellungen beizuwohnen, und die Lehrer schwitzten dabei in Anbetracht einer Außentemperatur von 18 Grad Celsius nicht minder als die Prüflinge. Das war die Arbeit; heute nun das Vergnügen: Damit die Studenten ihre Professoren mal näher kennen lernen können, gehen wir gemeinsam essen. Vize-Dekanin Kong hat sich dazu was ganz Besonderes ausgedacht: Ein Restaurant namens Grüne Küche. Dafür müssen wir (die Studenten holen mich am Südtor ab) zwar mit Bus Nr. 65 eine halbe Stunde fahren, aber der Laden, erste Adresse für tibetische Mönche, die diversen Reinheitsvorschriften Genüge zu tun haben, hat es in sich: Tausend Köstlichkeiten auf dem Büfett und alles ohne Eier, Fleisch und Milch. Potemkinsche Dörfer: Die Leckereien sehen z.T. aus wie Krabben oder Fleischspieße – ist aber alles vegetarisch bzw. vegetalisch! Sogar der Kuchen. Sogar die Seife auf dem Klo soll rein pflanzlich sein. Da geht man doch mal extra aufs Klo! Die deutsche Studentin neben mir, die gestern noch über die hochspekulative Raum-Theorie referiert hat, sitzt nun in diesem ganz konkreten Raum und folgt immer denselben Vektoren: hin zum Büfett, zurück zum Tisch. Bei mir ist es ähnlich: Vor der Speiseeistheke (hier wurde aber doch Milch verwendet) erscheine ich so lange, bis die Bedienung auf einmal spurlos verschwunden ist. Danach bin auch ich verschwunden, aber nicht spurlos. Heute ist nämlich letzter Öffnungstermin in der Bibliothek und alle wollen sich mit Ferienlektüren versehen lassen. Außerdem stehen, als ich ankomme, bereits zwei Studenten vor der Tür. Sie müssen sich ihre nicht akzeptable Abschlussarbeit abholen und eine zweite Fassung schreiben.

Mit Sonnenschein ins neue Jahr
Heute hole ich mit Danyu die letzten Sonntag ausgefallene Wanderung auf den Zijin-Berg nach. In der Sonne sitzen wir auf einem Felsen mit Talblick und es ist frühlingshaft warm. Wir vergessen völlig, dass es hier um fünf dunkel wird und müssen schließlich im Dämmerlicht zurück. In der Dunkelheit, die uns im Tal erwartet, finden wir auch keinen Bus mehr. Eigentlich soll ja bis um halb zehn noch ein Bus fahren, aber das gilt vermutlich nicht für Feiertage... Jenseits der Bushaltestelle stehen drei Versprengte, die auch noch guter Hoffnung sind, d.h., sie hoffen auf ein Taxi. Aber alle Taxis, die aus der Hotelzufahrt hinter uns kommen oder dorthin fahren, ignorieren uns stur. Zappenduster.
An der Rezeption des Nobel-Hotels, zu dem die gut ausgebaute Straße hinter der Haltestelle führt, versucht die frierende Künstlerin, nachdem sie eine gefühlte halbe Stunde auf dem Klo war, ein Taxi zu bestellen. Fehlanzeige. Oder gleich ganz in dem Hotel absteigen? Ich sage: Schmarr'n! und nötige sie den Rückweg zu Fuß anzutreten. Unterwegs, schon in Stadtnähe, liest uns dann ein Taxi auf und bringt uns in ein Grillrestaurant, wo wir unseren inzwischen doch erheblichen Appetit stillen können. Zu Hause bin ich erst weit nach Mitternacht!
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