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Glückssträhne
Auf Tag folgt Nacht, auf Nacht der Tag, auf Pech folgt Glück: Auch wenn sich die Hoffnung auf klareres Wetter im Nu in Nebel auflöst, als ich aus der Tür meiner provisorischen Bleibe trete, habe ich heute ziemlich viel Glück. Ich wandere noch ein bisschen durch das buddhistische Basislager des Jiuhuashan. Man sieht schon etwas mehr als gestern. Die Tempelanlagen, die gestern nur dunstige Schemen waren, haben jetzt Farben und Konturen. Die schwarzen Piepmätze mit den hahnenkammähnlichen roten Flecken an den Ohren, die in tristen Käfigen vor einem Laden hängen, an dem ich gestern noch gelangweilt vorbeischlenderte, fangen plötzlich an zu reden, dass jeder Papagei vor Neid erblassen müsste. Allerdings ist ihr Wortschatz in Chinesisch noch schlechter als meiner und zu einem richtigen Dialog kommt es auch nicht. Ich wandere noch etwas herum und überlege, wie ich von Jiuhuashan Bahnhof zurück nach Tongling komme, wo ich eine Fahrkarte für den einzigen Zug nach Nanjing um 16.41 Uhr erworben habe. Einen Bus nach Tongling soll es planmäßig erst um 15.50 Uhr geben. Die Sorge, wie ich so früh nach Tongling komme, dass ich rechzeitig am Bahnhof bin, löst sich in Wohlgefallen auf, da es nun plötzlich wie aus dem Hut gezaubert einen Bus um 14.30 Uhr gibt, den ich natürlich sofort nehme. Ich bin zeitig am Busbahnhof und wenig später am Bahnhof. Auf dem Bahnsteig spricht mich ein umtriebiger Chinese aus Maanshan im Norden der Provinz Anhui an, der mich auf unerklärliche Weise an Carsten Kröger erinnert. Wie dieser hat auch mein Begleiter immer was Interessantes zu erzählen: Er kritisiert so laut die Regierung, dass auch die Leute auf den Nachbarsitzen es hören können. Die Nanjinger Hotelangestellte neben mir wagt gar nicht etwas dazu zu sagen. Auch ihr Reisebegleiter, ein Student, hüllt sich in Schweigen und freut sich über jede Art von Themawechsel. Inzwischen findet unser eloquenter Reisegefährte doch noch ein paar gute Seiten an China. Er selbst ärgert sich, dass er erst eine Wohnung kaufen muss, ehe er seine Freundin heiraten und mit ihr nach Hefei ziehen kann. In Maanshan steigt Carsten Krögers Doppelgänger dann aus und es wird fast ein bisschen langweilig. Für die anderen. Ich komme dagegen doch noch ein bisschen zum Lesen.
Die Reise nach Tongling
Heute fällt wegen der chinesischen Variante der Bundesjugendspiele mein Unterricht aus. Ich nutze die vier aufeinanderfolgenden unterrichtsfreien Tage für eine Stippvisite auf dem Jiuhuashan (Neunblumenberg) in der Nachbarprovinz Anhui, drei Zugstunden entfernt. Gestern bin ich nur bis Tongling gekommen. An einem Bahnhof, der draußen vor der Tür der eigentlichen Stadt liegt, fühlte ich mich zunächst wie bestellt und nicht abgeholt. Doch es gelang mir rasch, herauszufinden, dass Bus 2 und 16 in die Stadtmitte führen. Weiter zum Fuß des besagten Berges, wo man in gelbe Touri-Busse verfrachtet wird, die dreißig Yuan extra kosten, ging es aber gestern nicht mehr. Dafür muss ich heute früh raus, denn der Bus fährt schon um sieben. Neben mir sitzt ein junger Arzt, der in einem kleinen Ort in der Nähe Dienst in einem Krankenhaus tut. Wie auf Kommando - "Achtung, Didus im Anmarsch!" - trübt sich nach heiterem Wetter während der gestrigen Anreise der Himmel umso mehr ein, je näher ich dem Wunschziel komme. Und so sieht es lange Zeit so aus, als sollte ein völlig verwahrlost aussehender Landstreicher, der an einem öffentlichen Gebäude herumlungert und nur mit einem schlafsackähnlichen Umhang und einer zerschlissenen Hose bekleidet ist, durch die man ca. 64 Prozent seines blanken Hinterteils sieht, die spektakulärste Aussicht heute bleiben. Denn als ich an dem Ausgangspunkt aller Unternehmungen in diesem buddhistischen Natur- und Kulturpark, einer von Klöstern und Touristenunterkünften geprägten Siedlung, ankomme, hüllt mich dichter Nebel ein. Zehn Meter Sichtweite. Man sieht schemenhafte Konturen aus den wabernden Schleiern auftauchen, was ja auch mal interessant ist, aber für 160 Yuan (ca. 35 Mark) Eintritt dann doch bisschen wenig. Da kann man im Grunde auch gleich wieder umkehren!
Vom wilden Affen gebissen!
Ratlos und ziellos wandere ich die Straße bergan, als plötzlich ein Auto neben mir hält. Ein bereits mit drei Leuten bestücktes Privattaxi wird nicht müde, mich davon zu überzeugen, dass es am besten für mich wäre, mal rasch einzusteigen. Es ist nicht schwer, meine naturgegebene Skepsis zu überwinden. Wir rasen empor, durchstoßen die Wolkendecke, was mich kurz hoffen lässt, landen dann aber doch wieder unter ihr. Der Chauffeur bringt mich zu einem Punkt, an den mich der gelbe Bus auch noch gebracht hätte, wenn es mir vergönnt gewesen wäre, in dieser Suppe den Durchblick zu behalten. Doch die drei Löcher für drei Busfahrten sind mir entgangen und ich habe zehn Yuan extra gezahlt. Dafür zeigt man mir freundlich, wie ich von der Sammelstelle Phönix, wo ich mich nun eingefunden habe, nach ganz oben komme. Der Gebirgspfad, auf dem ich wie üblich nicht ganz allein unterwegs bin, windet sich durch vom Klosterleben geprägte Siedlungen, die Treppe führt nicht selten durch die Häuser hindurch, sodass man auch gleich ein paar Souvenir angedreht bekommen kann, wenn man nicht Dr. Didus heißt. Unterwegs posiere ich ab und zu für junge Wanderleute. Doch eine Horde wilder Rhesusaffen, die sich zwischen dem ins Tal fließenden Bach, einem Kabel und Gebüsch hin- und herschwingen, ehe ein Tourist sie mit Mandarinen anlockt, stehlen mir die Schau. Das kann ich nur schwer ertragen. Also bringe ich mich rasch wieder in den Mittelpunkt, indem ich den sich an den Südfrüchten gütlich tuenden Affen bitte, mir doch auch was abzugeben. Als ich mich nähere, ist der Affe auf einmal wie vom wilden Affen gebissen und springt mir kreischend ans Knie. Da kramen sogar ältere Touris ihr verstaubtes Englisch wieder hevor, um mich zur Vorsicht zu mahnen. Der wilde Affe hat sich aber schon wieder beruhig und ich ziehe weiter. Ich habe noch Äpfel im Gepäck, die ich auch nicht teilen werden. Am höchsten Punkt des Aufstiegs ragt ein Kloster auf einem der Felsen malerisch empor, das "Tim im Tibet" alle Ehre machen würde. Der Ort heißt Tiantai ("Himmelsterrasse"). 
Leider hat inzwischen Regen eingesetzt und so klare Sicht wie auf dem Postkartenmotiv oben habe ich natürlich nicht. Doch ab und zu treiben Abwinde die Wolkenschwaden hinfort und geben den Blick auf die Hänge unterhalb frei. Ich lasse das Kloster hinter mir und wandere weiter. Es lohnt sich, denn auf dem Weg zur "Blumenterrasse" durchquere ich eine immens schmale Felsspalte und sehe auch noch das berühmte Buddha-Gesicht (ein Felsen, der, aus der richtigen Perspektive betrachtet, aussieht wie ein Gesicht mit Nase, Augen und Brauen). Ein Lob, muss ich denken, meinem Ausstatter Jack Bröselskin, dem ich die unverwüstliche "Postbüx" und die nicht minder unverwüstliche "olle Lederjacke" verdanke. Vor allem die olle Lederjacke bietet immer wieder Schutz vor dem feuchten Nass von oben. Inzwischen bin ich übrigens mutterseelenallein im Gebirge unterwegs und fühle mich ein bisschen wie der Held aus "127 Stunden", dem letzten Film meines früheren Interview-Partners Danny Boyle. Beim Abstieg werde ich dann doch noch für meine Strapazen entlohnt: mit einer wahrhaft himmlischen Panorama auf die umliegenden Hänge des Jiuhaushan, deren Spitzen aus einem weißen Nebelschleier herausragen, dessen Anblick einem den Atem raubt. Hinzu kommt die Farbenspiel des Herbste mit gelb-braunen Tupfern im Grün der Berge. Ich staune so lange, dass ich reichlich spät wieder unten bin. Aber ich bin gar nicht unten. Ich bin in einer vom Nebel verhüllten Siedlung, in der ich prompt den Weg verliere und plötzlich in einer Waldlichtung stehe, in der ein paar gefällte Bäume alles sind, was hier noch an einen Wanderweg erinnert. Ich muss wieder zurück in die Spur. Aber das ist leichter gesagt als getan bei einer Sichtweite unter zwanzig Metern! Ein Klappern. Da irgendwo ist Leben in dieser verlassen wirkenden Siedlung. Doch das Klappern rührt von einer Wasserwippe im Bach, die oben voll läuft und dann mit einem Klappern nach unten kippt, sich dort entleert und wieder hochschwingt. Die kann mir nicht aus der Patsche helfen. "Nur nicht die Nerven verlieren", sage ich mir, "es ist doch unmöglich, dass ein Touristenwanderweg im Nichts endet. Tatsächlich stoße ich, als ich den Weg zurückgehe, eine asphaltierte Straße, die von Laternen gesäumt ist. Nun kann der Weg in die Zivilisation nicht mehr weit sein. Ich lande in einer Tempelsiedlung, die zugleich Abfahrtsort der gelben Busse ist. In dem Nebel finde ich die zwar erst, nachdem ich mich bei einem der verstreuten Touristenrudel erkundigt werde. Wenige Minuten vor fünf besteige ich den letzten Bus von hier, der dann auch um fünf pünktlich abfährt - mit mir als einzigem Gast. Ich finde eine Herberge, deren Betreiberin mich ständig anschreit und auch sonst wenig geübt darin zu sein scheint, ihren Gästen Wünsche von den Augen abzulesen. Immerhin ist das Hotelzimmer auch nicht teuer (umgerechnet 16 Mark) und nachdem ich eine Weile gezittert und dreimal darum nachgesucht habe, trifft auch endlich die Fernbedienung für die Klimaanlage ein. Ich wandle auf MacGyvers Spuren und befestige in Ermangelung von Kleiderbügeln mit einem Kugelschreiber meine völlig durchnässten Socken an der Klimaanlage, sodass der warme Strahl sie über Nacht trocknen kann. Die Kleidung zum Wechseln liegt im Tal in der Gepäckaufbewahrung an der Busstation.

Unser heutiger ganz besonderer Gaststar
Man braucht nur irgendeine verschrobene Idee, nennt das Kunst und schon fährt man damit durch die Weltgeschichte. Das war so ungefähr der Wortlaut eines Kommentars meiner Psychologie-Kollegin Annette, als sie heute Mittag in der Bibliothek von unserem heutigen - wie hieß das in der Muppets-Show? - "ganz besonderen Gaststar" Ottjörg A.C. hört. In der Mupptets-Show hätte der extravagante Künstler, der äußerlich an den "großen Lebowski" erinnert und mit dem im Gefolge die Institutsleiterin heute nach meinen Vormittagsstunden den Hörsaal stürmt, sicherlich eine gute Figur gemacht. In aller Kürze: Ottjörg (Vorname? Nachname? Künstler!) tourt durch die Weltgeschichte zur Anfertigung und späteren Präsentation farbiger Tiefdrucke von Kritzeleien auf Schülertischen. Seine zentrale These: Tischkritzeleien haben was Globales. Als ich gegen elf seinen Dia-Vortrag verlasse, um die Bibliothek zu öffnen, bremst er mich: Moment! Nicht ohne sein Kunstbuch Deskxistence, das ich natürlich gern in den Bestand meiner Bücher aufnehme. Den Rest des Vortrags kann Benno für mich verfolgen, der zuvor in der Absolventenklasse, ebenfalls als Gaststar, von seinen Erfahrungen mit dem Magisterstudiengang Literatur- und Kulturtheorie in Tübingen berichten durfte.
Der große Tag
Lieber Professor von Ye Siyuan (Benno), bei diesem Eintrag handelt es sich um den Blog von Dr. Mehrens, der mit Benno zusammen die Kinder-Uni auf die Beine gestellt hat. Dieser Text entstand für eine DAAD-Publikation und wurde von mir überdies Benno für seinen Praktikumsbericht zur Verfügung gestellt. Es handelt sich bei Siyuans Bericht also mitnichten um eine Kopie aus dem Internet.
Nanjing (Bericht des sin-o-meter-Korrespondenten). Mit zwei Fachvorträgen zu ökologischen Fragestellungen trug sich die Universität Nanjing nach Schanghai und Wuhan in die Liste der Hochschulstandorte ein, die im Rahmen der DuC-Nachhaltigkeitsinitiative Ausrichter einer Kinder-Universität wurden. Das Programm stieß auf beachtliche Resonanz. 
Da staunten auch die altehrwürdigen Gemäuer der Universität Nanjing nicht schlecht, als an einem sonnigen Samstag mitten im goldenen Oktober fast achtzig Kinder zwischen 13 und 16 Jahren einen ihrer Hörsäle stürmten, um an der ersten an dieser Universität veranstalteten DuC-Kinder-Uni teilzunehmen. Unter dem Motto Umwelt in Bewegung setzten der Kinder-Uni-erprobte Leiter des Schanghai-Hamburg-Büros Lars Anke und der frisch gebackene National Friendship-Preisträger Prof. Dr. Bernd Wünnemann die inhaltlichen Akzente. Anke, der unter dem Titel Umweltfreundliche Stadtentwicklung in anschaulicher Form Chancen und Vorteile des ökologischen Wohnungsbaus erläuterte, gehört zu den Pionieren der Kinder-Uni-Arbeit in China und hatte bereits der Kinder-Uni in Schanghai 2010 in Verbindung mit der EXPO seinen Stempel aufgedrückt. Auch der mit der höchsten von der Regierung der Volksrepublik China an Ausländer zu vergebenden Auszeichnung geehrte Geo-Wissenschaftler Wünnemann war in Schanghai bereits als Kinder-Uni-Referent im Einsatz. Der deutsche Langzeitdozent für physische Geografie prägte nach einem Buffet auf Einladung des sin-o-meter, bei dem die Kinder sich im Anschluss an den anspruchsvollen Vortrag von Lars Anke stärken konnten, das Nachmittagsprogramm mit dem Themenschwerpunkt Trockenheit in China – eindrucksvoll und laiengerecht erläutert. Beide Vorträge honorierten die Schüler mit interessierten Nachfragen. Vor allem die sie unmittelbar betreffenden Informationen zum Wassermangel in China fanden im Anschluss an Prof. Wünnemanns Vortrag beachtlichen Widerhall unter den jugendlichen Gästen, womit sich erwies, dass ein Vortrag zum Thema Wüstenbildung noch lange kein trockenes Programm bedeutet.

Für das Rahmenprogramm hatte Kinder-Uni-Direktor Dr. Didus mit tatkräftiger Unterstützung von Prof. Dr. Chen und einiger jüngerer Kollegen des Universitätsinstituts für deutsche Philologie, deren Leiterin Frau Prof. Yin die Kinder-Universität gewohnt souverän eröffnete, sowie des eigens für die Veranstaltung eingestellten Assistenz-Projektmanagers Ye "Benno" Siyuan (Absolvent der SISU in Schanghai) einigen Aufwand betrieben, um die Deutsch-Schüler zu beeindrucken. Neben gemeinsam für die Kinder-Unis Wuhan (am 14. Okt.) und Nanjing (15. Okt.) hergestellten Kinder-Uni-T-Shirts, DuC-Mützen und -Schlüsselanhängern gab es ein extra für die Kinder-Uni produziertes Bändchen mit einer Erzählung von Friedrich Schiller, des berühmten Jenaer Hochschullehrers, mit dem in Ergänzung zu einer Sonderseite im Programmheft dezent auf die Vorzüge ostdeutscher Hochschulstandorte aufmerksam gemacht wurde. Hintergedanke: Programmhefte mögen eine eher kurze Lebensdauer haben, einen Schiller dagegen wirft man nicht so rasch weg.

Auch die örtlichen Medien waren auf die Veranstaltung aufmerksam geworden: Am Vormittag erschien die Kameramannschaft eines Jiangsuer Provinzsenders mit pädagogischem Schwerpunkt zu Dreharbeiten. Kinder-Uni-Chef Dr. Didus stand in einem Interview Rede und Antwort zur Idee der Kinder-Universität und zu den Vorzügen des Hochschulstandortes Deutschland. In Anbetracht des insgesamt außerordentlich positiven Verlaufs dieser zweisprachig durchgeführten Veranstaltung war umso mehr zu bedauern, dass Vertreter des Generalkonsulats Schanghai sowie hohe Vertreter der Universität Nanjing aufgrund anderweitiger Verpflichtungen nicht persönlich zugegen waren. Der Leiter der Abteilung Kultur und Bildung des Generalkonsulats Schanghai, Wilfried Eckstein, richtete sich jedoch in einem Grußwort an die jungen Gäste, das Didus verlas.

Ein Ratespiel im Stil der legendären ZDF-Kindersendung "Eins, zwei oder drei" auf schwarz-rot-goldenen Lösungsfeldern, ein Wettrennen zum Auftakt des Nachmittagsprogramms, bei dem die traurige Geschichte der durch eine Baumaßnahme aus ihrem Heimat-Biotop vertriebenen Waldtiere Karl (Käfer), Lydia (Ameise) und Thekla (Spinne) erzählt wurde, sowie jede Menge Kinder-Joy-Überraschungseier rundeten das Programm ab, an dessen Ende die hoch erfreuten Teilnehmer mit speziellen Kinder-Uni-Diplomen in deutscher und chinesischer Sprache den Titel einer "Diplom-Nachwuchskraft für Umweltfragen" zuerkannt bekamen. Gerüchteweise war aus dem Umfeld der Organisatoren zu vernehmen, dass sich nach Abschluss der Veranstaltung in den Privatgemächern des Dr. Didus der Konsum von Produkten der Marke "Kinder" vervielfacht hat.

Der Teufel im Detail
Und nun doch noch eine dicke Pleite. Benno, mein Bote, frisch aus Wuhan zum Werbeartikel-Austausch (unsere Mützen hin, T-Shirts und Schlüsselanhänger aus Wuhan her) zurück, präsentiert die T-Shirts, deren Entwurf auf mich zurückgeht. Doch statt Veranstaltung steht auf dem Rücken Vetanstaltung und statt Kinder-Universität Kinder-Uniuersität. Ich rufe sofort in Wuhan bei der Kollegin an und die stellt erbittert fest: Die Druckerei hat die korrekten Entwürfe eigenmächtig geändert und natürlich von deutscher Rechtschreibung keinen Schimmer. Erschwerend kommt hinzu: Die (in Wuhan ausgetauschte) Schreibschrift machte einige Buchstaben leicht verwechselbar. Während Benno die Taschen mit den Werbematerialien sowie den von mir erstellten Programmheften (inklusive eines kleinen Schiller-Büchleins, das ich herausgebe) füllt, arbeite ich in der Bibliothek weiter. Morgen müssen noch Kinder-Überraschungseier für das Quiz "Eins, zwei oder drei" gekauft werden. (Die heißen hier übrigens "Kinder-Joy" und bestehen aus zwei Hälften: eine Hälfte ist Spielzeug, die andere besteht aus braun-weiß gestreifter "Schoko-Mac"-Krem, die man aus der Eierschale schaben muss und in der zwei "Giotto"-Kugeln kleben.) Und mehr und mehr kristallisiert sich heraus: Kinder-Uni – das ist wie Weihnachten und Ostern am selben Tag!
Am Abend schmökere ich in einem Exemplar der fertig gedruckten Programmhefte und stelle fest: Bei "umweltfreundlich" fehlt das i. Ich erleide umgehend einen mittelschweren Nervenkoller, denn ich bin, quasi in Personalunion, Chefredakteur, Chef-Designer, Chefautor und Herausgeber des Programmhefts.
Nachwuchkraft
In letzter Sekunde, beim Schließen des Dokuments, bevor es Benno morgen in Druck gibt, bemerke ich den Fehler: Da fehlt das s bei "Diplom-Nachwuchskraft für Umweltfragen" auf den Urkunden, die am kommenden Sonnabend am Ende der von mir veranstalteten Kinder-Universität verliehen werden sollen. Inzwischen wissen wir, dass weder ein Vertreter des Generalkonsulats aus Schanghai noch ein hoher Repräsentant der Universität Nanjing zugegen sein werden bei der Eröffnung am Sonnabend Vormittag. Das entspricht nicht den Wünschen der Pekinger Chefetage des Akademischen Austauschdienstes, aber mir persönlich macht das gar nichts aus. Je weniger hohe Tiere, desto mehr bin ich der Chef.
Morgenstund' hat Mist im Mund
Daran könnte sich Deutschland mal 'ne Scheibe abschneiden: Fällt hier der Feiertag auf einen Sonnabend oder Sonntag, ist der Montag danach frei. Anlässlich des heiligen Nationalfeiertags am 1. Okt. sogar Montag bis Mittwoch. Dass dann aber auch noch Donnerstag und Freitag frei sind, dafür aber am darauf folgenden Wochenende gearbeitet werden muss, ist indes schon wieder des Guten zu viel. Sonntags ist mein Bio-Rhythmus nämlich voll auf Wochenende und GoDi eingestellt. Zum Glück habe ich aufgrund einer Vorahnung zwei Wecker gestellt, sonst hätte ich heute mal wieder verschlafen. Ich muss die U-Bahn nehmen, der Uni-Bus ist schon weg. 7.04 Ortszeit. Ein vor dem Eingang zur U-Bahn rechts abbiegendes Moped fährt mich an und die blinde Tussi beschimpft mich. Ich unterlasse es, einem spontanen Impuls folgend das Moped samt Fahrerin in Grund und Boden zu treten. Denn wer neue Schuhe anhat, tritt damit bekanntlich nicht in den Mist, wie eine bereits andernorts zitierte chinesische Spruchweisheit lautet.
Pâtes zum Tag der deutschen Einheit
"Pâtes" nennt mein französischer Kollege Alain das Gericht eines offenbar uigurischen "Gastarbeiters", in dessen Straßenrestaurant in einer kleinen Gasse jenseits der Hauptstraße er am Vormittag ein paar Fotos geschossen hat. Zur Feier des Tages lädt er mich auf einen Teller "Pâtes" ein. Es handelt sich dabei um selbst hergestellte Nudeln etwas gröberen Zuschnitts. Nach einem üppig gefüllten Teller bin ich papp-, äh, pâte-satt! Ich nutze die Gelegenheit und engagiere Alain spontan und quasi so nebenbei als Pressefotograf für die Kinder-Universität in knapp zwei Wochen. Sein erster bezahlter Auftrag, jubelt Alain.
Nationalfeiertag
Am heutigen Nationalfeiertag nehme ich mir ein Boot. Nachdem ich vor einem Jahr mit der entzückenden Jianqing (Foto) und im Sommer mit der weitaus weniger entzückenden Danyu über den Xuanwu-See geschippert bin, nehme ich mir diesmal ein Boot ganz allein für mich (was alles in allem wesentlich entspannender ist) und schippere, da der Xuanwu-Hu heute fest in der Hand von Touristen sein dürfte, für den Sonderpreis von 50 Yuan eine Stunde über den Mochou-See. Ich mache kurz Halt an der verlassenen Mini-Insel, die offenbar früher als Ausflugsziel galt, denn in der Mitte steht ein halb verfallener Pavillon. Während die Dämmerung den Hochhaus-Horizont graut eintönt, lege ich in der Nähe der U-Bahn-Haltestelle Mochou-Hu wieder an. Den Rückweg trete ich zu Fuß an und stelle mal wieder fest, dass nachts alle Straßen grau sind. Am Ende sitze ich doch in der U-Bahn und bin eine Stunde später zu Hause als geplant.

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