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Echo
Wie ein Geist steht sie plötzlich neben mir, als ich vor einer Kreuzung meinen Schritt verlangsame, und spricht mich an. Ich erkenne sie wieder als die Frau, die eben im GoDi noch vor mir saß und eine halbe Stunde zu spät kam. Sie wird sich entpuppen als eine der sonderbarsten Figuren, die ich hier in China bisher kennen gelernt habe: Echo. Ja, so nennt sie sich wirklich. Außerdem hat sie noch zwei chinesische Namen, einer davon ist Danyu. Das erzählt sie mir, während sie mich zurück zur Uni begleitet oder sich von mir begleiten lässt, wie man's nimmt. Außerdem erfahre ich, dass sie in Chikago Theologie studiert, gleichzeitig Christin und Atheistin ist (ebenso wie ihr Prof), dass sie ihre Identität zwischen Chikago und Nanjing verloren hat, dass sie hier eine Berühmtheit war, die drei Bücher veröffentlicht hat, darunter einen Lyrikband und einen Roman, dass sie nun aber keiner mehr kennt, dass sie wegen einer Ohreninfektion zurück nach Nanjing gekommen ist, dass sie später in Hongkong promovieren will und dass sie gerade ein A in einer Seminararbeit über Walter Benjamin geschrieben hat. Die hat sie auch dabei und zeigt sie mir. Ich bin mir nicht sicher, was ich von so viel Extravaganz halten soll, und bitte sie doch nächstes Mal ihren Roman zum GoDi mitzubringen. Frei nach dem beliebten Kirchen-Motto: Wir sehen uns im Gottesdienst!
Der Mann auf der Mauer
Von dem französischen Comic-Autor Jacques Tardi gibt es ein Werk namens „Ici Même!“ (auf Deutsch: „Hier Selbst!“). Das ist die Geschichte eines Mannes, der auf einer Mauer lebt und mit Nachnamen Même heißt. Die Frau, der ich heute am einen Ende der Stadtmauer von Nanjing begegne, scheint dasselbe extravagante Domizil zu haben. Sie hat dort, wo der begehbare (und von mir heute zu touristischen Zwecken begangene) Teil der Mauer endet, ein grünes Zelt aufgeschlagen. Davor stehen ein paar spärliche Möbel und Alltags-Utensilien. Frauen-Mauer statt Frauen-Power sozusagen. Als ich den Durchgang erreiche, kommen wir kurz ins Gespräch und sie berichtet mir, obwohl ich wegen ihres starken Regionaleinschlags beim Sprechen kaum etwas verstehe, dass sie jeden Tag hier sei.
Das andere Ende der Mauer mündet ebenfalls in einer Sackgasse: Ich befinde mich mal wieder mitten auf einer Baustelle (wie 2005 in Xi'an). Da es kein Verbotsschild gibt, dringe ich aber trotzdem auf Brettern, die momentan definitiv nicht die Welt bedeuten (und sie auch nicht tragen), vor zu der Torverkleidung über dem Haupteingang Xuanwumen ("Eingang zum See", denn der Xuanwu-See liegt gleich hinter der Mauer). Es knirscht im Gebälk, von unten schauen schon ein paar chinesische Touristen neugierig, was zehn bis zwölf Meter über ihnen da oben unter dem Dach der Ausländer so ganz allein treibt. Jenseits der nach Renovation lechzenden Aufbauten gibt es nur noch undurchdringliches Gestrüpp. Die Mauer ist zugewachsen. Ich muss zurück. Nichts wird aus meinem Plan, bei Xuanwumen von der Mauer zu steigen und mit der U-Bahn zurückzufahren. Vom Hinweg jedoch ist mir ein Mauerabschnitt in Erinnerung geblieben, der sehr niedrig ist. Dort sind es, schätzt mein geschultes Auge, weniger als drei Meter bis zum Erdboden. Und da unten anders als damals, beim historischen Hamburger Fenstersturz (1999), der einen Fußbruch nach sich zog, kein Beton auf mich wartet, sondern Rasen, hänge ich mich also mit beiden Armen an die Regenrinne (die ist aus Beton), springe und spare so zwanzig Minuten Fußweg. Ich steuere hurtig die Hauptstraße an. Ein Passant, ein älterer Herr, der Zeuge meines Abgangs geworden zu sein scheint, zeigt mir den „Daumen hoch“. In Deutschland hätte ich wohl eher den „Du, du, du!“-Zeigefinger zu sehen bekommen.
Randfigur
Heute auf der Fachbereichssitzung habe ich nur Bahnhof verstanden. In der auf Chinesisch geführten Unterredung war ich so 'ne Art Edel-Statist. Auch auf den Fotos, für die wir vorher vor dem Uni-Hauptgebäude posierten, bin ich, passend dazu, nur eine Randerscheinung oder versuche mich als Mann im Hintergrund. In voller Größe ist der Schnappschuss vom Deutsch-Kollegium zu sehen, wenn man diesen Satz anklickt.

Messe monetärer Möglichkeiten
Der gestrige Dienstag und heutige Mittwoch standen ganz im Zeichen der Bildungsmesse CIEET 2009. Das Ganze muss man sich vorstellen wie beim Christival in der Halle mit dem Markt missionarischer Möglichkeiten, nur dass es hier eben nicht um den Markt missionarischer Möglichkeiten geht, sondern um den Markt universitärer Möglichkeiten. In einem gewaltigen Saal des Grand Metro Park Hotels, das früher Hilton hieß und auch genauso aussieht, wie man sich ein Hilton vorstellt, nur teurer, reihte sich ein Stand an den anderen, präsentierte sich eine Vorzeige-Universität, namentlich aus den USA, neben der anderen. Wir dagegen repräsentierten mit nur einem Stand gleich sämtliche Universitäten Deutschlands. Da sieht man schon die Unterschiede im Bildungssystem. In den USA sind die Universitäten doch etwas kommerzieller angelegt. Man könnte so gesehen auch sprechen von einem Markt monetärer Möglichkeiten. Denn wer soll das bezahlen? Notabene: In Deutschland gibt es an vielen deutschen Unis weiterhin keine Studiengebühren. An der Seite meines (in punkto Studienberatung viel kompetenteren) Kollegen, dem Leiter des Informationszentrums Schanghai, und seiner chinesischen Mitarbeiterin (die die meiste Arbeit mit den heranstürmenden Chinesen hatte), betreute ich, angereist im grauen film-o-meter-Jackett, also unseren Ausstellungsort mit, hinter uns Riesenplakate mit dem Kölner Dom und Schloss Neuschwanenstein. Und da wir mit unserem Stand für ein ganzes Land mit seinen Studienmöglichkeiten standen, konnten wir uns über mangelnde Kundschaft nicht beklagen. So hätte das mal früher am Büchertisch der SMD an der Uni sein sollen! Sogar meine eigenen Studenten schauen zu meiner Freude vorbei (sie waren sogar vor mir da und haben schon nach mir gefragt) und stauben eine Mütze mit der Aufschrift "Deutschland und China gemeinsam in Bewegung" ab. Die Dinger lagern seit meiner Ankunft kartonweise in der Bibliothek.
Ja wie, fragt ihr, das war alles? Nichts passiert, keine Pleite, kein Pech, keine Panne? Nun, sagen wir: fast keine. Denn leider bin heute zum ersten Mal in meinem Leben (oder fast) vom Wege abgekommen. Will heißen: Ich dachte, der Bus mit der 25 geht bestimmt auch. Immerhin ist doch 5 mal 5 = 25. Nummer 5 ließ nämlich auf sich warten und ich war sowieso schon spät dran. Ich sitze also in der 25 und freue mich. Die Richtung stimmt. Doch dann biegt der schräge Fahrer ganz unvermutet ab und fährt nach Süden! Ich denke: Na, der fährt sicher nur einen kleinen Schlenker und findet danach auf den rechten Weg zurück. Machen wir's kurz: Ich kam über eine Dreiviertelstunde später an, weil ich zu Fuß durch die halbe Stadt zurück musste. (Ich wollte nicht noch mal in den falschen Bus steigen.) Aber der Mensch denkt, Gott lenkt: Da ganz in der Nähe, im Nanjinger Museum, einst im fernen September ja die Bauhaus-Layout-Ausstellung war (siehe Eintrag zum 15.9.), konnte ich mich prima orientieren und die ein bis zwei oder drei Kilometer Irrweg quasi mühelos zurücklegen. Dabei ging es sogar noch vorbei an einem netten Teich, den ich noch gar nicht kannte, allerdings aus Zeitgründen auch nicht groß würdigen konnte. Das film-, äh, sin-o-meter-Jackett erwies sich dabei übrigens als grandios hinderlich. In der Sonne geht es hier inzwischen schon hart auf die 20 Grad zu!
Kollegin Katja
Heute Nachmittag treffe ich im edel ausgestatteten Kunst-Café Sculpting on Time, das natürlich sie ausgesucht hat, obwohl es bei mir um die Ecke liegt, meine Grazer Kollegin Katja, die Deutsch an einer Universität für Kommunikation und Medien im Süden der Stadt lehrt. Katja nennt die Gegend mit dem Charme, den man ihrem Studienort Wien nachsagt, auch gern "Walachei". Sie hat Großes vor bzw. Großes steht ihr bevor: Im Mai kommen, als Gast der Bosch-Stiftung, in deren Diensten sie steht, der Walser-Biograf Jörg Magenau und der Schriftsteller Marcel Beyer nach Nanjing. Selbst letzteren kennen aber nur literarisch Interessierte, z. B. ich. Im Oktober und November habe ich zwei Bücher von ihm gelesen (und auch am 23.10. im sin-o-meter darüber geschrieben), ohne zu wissen, dass er nach Nanjing kommen würde. Wie sage ich doch immer: Der Mensch denkt...
Mit uns am Tisch sitzt auch Katjas mit ausgereister Lebensgefährte, der graduierte Pharmazeut Gerald, der sich als nicht minder erfreulicher Gesprächspartner erweist und mir prompt ein paar Chinesischkurse und Comics auf einen leihweise abzugebenden ÚSB-Stab kopiert. Katja und Gerald erwarten mich alsbald in der Walachei.
Kuchen und Clementinen
Professor Hong schneit, nein, regnet herein. (Seit Tagen fühlt man sich hier wie Noah kurz nach Vollendung der Arche.) Bewaffnet ist er mit mehreren Kilogramm Kuchen und Clementinen. Und mein erster Gedanke ist: Der hat bestimmt sin-o-meter gelesen und will Wiedergutmachung leisten! Jedenfalls, das war zu befürchten, steht die nächste Konsultation an. Ich schieße noch einen Giftpfeil auf die dubiose Textvorlage vom letzten Montag ab, doch der agile Professor weiß mich sofort zu besänftigen: Diesmal gebe es nichts Bedenkliches, versichert er mir und tatsächlich geht es diesmal, im nächsten Kapitel des Buches über französische Kultur, um die Shakespeare-Figuren Prospero und Ariel, Kleists Prinzen von Homburg, Arno Breker, Jean Cocteau und einen russischen Romanisten. Und da ich die für den Meister-Übersetzer nicht ganz so bekannten Figuren der literarischen Welt gern identifizieren helfe und das für mich kein so großes Opfer ist wie zuvor, gibt es eben statt der Einladung ins Edel-Restaurant diesmal auch nur Kuchen und Clementinen. Dem Ewigen, der über mich wacht, sei Dank.
Warum sich der Osterhase nie in China blicken lässt oder: Willkommen in der Passionszeit!
Das muss jetzt auch noch rein ins sin-o-meter: Auf dem Weg zum GoDi überquere ich gerade wieder einen Zebrastreifen, diesmal den in der Changjiang Lu, und werde fast weggespritzt von einem Straßenreinigungsfahrzeug. Außer Wasser entströmt dem Ungetüm (als so'ne Art Martinshorn für Straßenreinigungsfahrzeuge) die Melodie von Jingle Bells. Tja, da wundert sich keiner mehr darüber, dass der Osterhase sich, anders als der bekannte Herr in Rot, nie in China blicken lässt!
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