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Letzter Tag
Heute geht es zum Flughafen. Ein letzter E-Mail-Abruf: Der Abstecher zu Doro nach Stuttgart geht klar. Ferner werde ich konfrontiert mit einer Anfrage aus Deutschland und die führt mich zu dem Kollgen zwei Stockwerke tiefer, dem Jura-Prof Ertl aus Bayern, der im deutsch-chinesischen Rechtsinstitut sitzt. Erstaunt erfahre ich, dass er heute um elf noch im selben Flugzeug Platz nehmen wird wie ich. Und ist im Gegensatz zu mir um neun noch nicht reisefertig!
Jetzt aber los! An der Metro-Station Zhonghuamen bekommt man Busse zum Bahnhof. Ein Taxifahrer fängt mich wieder mal ab. Zwanzig Yuan sind ein fairer Preis. Ich bin Fahrgast Nummer vier. Es geht ohne langes Warten los. Mein letzter 100-Yuan-Schein macht am Flughafen ein bisschen Ärger beim Wechseln, aber passt scho'... Als ich mich bei LH 780 in die Warteschlange stelle, sind der Jura-Professor und Geo-Professor Wünnemann, ein weiterer an der Universität Nanjing als Dozent beschäftigter Kollege, schon da und machen Witze darüber, dass ich die letzten Äpfel des freundlichen Gastwirts Chen aus Xinjie vertilge. Die wären sonst ja bei mir zu Hause schlecht geworden und das geht nun wirklich nicht!
Vorletzter Tag
In Nanjing ist es bei meiner Ankunft nicht ganz so heiß, wie ich befürchtet habe, aber von der frischen Kühle der Berge kann natürlich nicht die Rede sein. Auf dem Weg zu meiner Wohnung treffe ich noch die Kollegin Chen Min, die für die Noten zuständig ist. Die hat jetzt erst mal sechs Wochen Ruhe vor meinen schlechten Noten. Zu Hause schmeiße ich die Klimaanlage und den Computer an und aktualisiere das sin-o-meter.
Reise in den Regen VI: Dianchi
Die Ankunft in Kunming gegen vier lässt sich verschmerzen, denn zum Glück dürfen alle Passagiere noch im stehenden Bus liegen bleiben. Vorher habe ich auch kaum ein Auge zugetan. Um sieben wird es langsam leer in der Kutsche. Auch ich mache mich auf. Ziemliche Halsschmerzen plagen mich nach der lausigen Nacht im heißen Schlafbus. In der Tasche des Pseudo-Regenmantels, der mir als Ersatzdecke diente, gibt es zum Glück noch blaue Mentos aus Xinjies Supermarkt, extra stark.
Ich lasse das Gepäck im Busbahnhof und nehme Bus 44 zum Dianchi im Süden von Kunming. Die Fahrt dauert 40 Minuten. Gut, dass ich am 3. Juli "David" getroffen habe. Hinweis für Kunming-Reisende: Der berühmte Minoritäten-Park (in den mich vor fast genau fünf Jahren eine chinesische Reisebekanntschaft eingeladen hat) befindet sich eine Station vor der Endstation der Linie 44 direkt vor dem Eingang zum See-Park. Ich gebe mir neunzig Minuten für den kleinen Ausflug zum Dian-See (wörtlich übersetzt Dian-"Teich", ist aber ein großer Teich), denn um elf geht mein Zug. Morgens um acht ist an dem malerischen Seeufer mit der tollen Aussicht noch nicht viel los. Es ist mild, Regen liegt in der Luft. Der Himmel ist bedeckt. Und das Wasser? Das wirft die wenig schmeichelhafte Frage auf: Was haben die Reisfelder von Yunnan mit dem Dian-See gemeinsam? Antwort: die hellgrüne Färbung. Der See ist total eutroph.
Vor mir liegt Wasser bis zum Horizont, links und rechts sind die Ufer der Bucht zu erkennen. Besonders schön ist der Blick auf die im oberen Drittel wolkenverhangenen Westberge. Ich wandere in Richtung Westen am Seeufer entlang und komme zu einer Seilbahnstation. Mit den Augen folge ich der Seilbahn, die zu dem Tempel oben in den Westbergen führt, den ich leider nicht mehr besuchen kann. Ich verlasse den Park und überquere noch einen Autodamm, im Süden der grüne See, der hier riecht wie pures Ammoniak, im Norden der Minderheiten-Park, der an das Wasser grenzt. Arbeiter, auf kleinen Booten oder in Schutzanzügen im Wasser stehend, sind mit Reinigungsaktionen beschäftigt und treiben Algen zusammen. Es ist zehn vor neun. Ich muss den Rückweg antreten. Am Eingang zum Park zeige ich meine Eintrittskarte (20 Yuan) hoch, als die Dame im Wärterhäuschen mir hinterherschreit, und bin ausnahmsweise sehr pünktlich wieder zurück.
Ich kann sogar noch im Busbahnhof Zähne putzen und auf den wenigen Metern zum Bahnhof noch ein paar Fangbianmians (Instant-Nudelsuppen) für die Zweitagesreise kaufen. Im Zug gibt es statt eines Kindergartens diesmal eine Mädchentruppe samt (männlicher) Lehrkraft. Alle stammen aus einem Institut für Technologie in Yancheng bei Nanjng, wie ich im Lauf der nächsten 48 Stunden erfahren werde. Die Mädels sind nicht ganz so nervig wie der Kindergarten und für alle Fälle habe ich ja meine Ohrstöpsel, die selbst gedrehten. Aus feuchtem Klopapier. Die schützen, wirken und drücken.
Reise in den Regen V: Zhongpizang

Völlig matt erhebe ich mich nach fiebriger Nacht, dennoch wird erst mal kalt geduscht, denn mein 30-Yuan-Zimmer verfügt nicht über heißes Wasser. Draußen ist immer noch alles verhangen. Um elf mache ich mich auf den Weg zum Busbahnhof. Keiner da. Die Tante macht schon Mittagspause.
Ich mache eine Wanderung, indem ich ganz einfach dem Trampelpfad folge, der vom Busbahnhof aus in die Wildnis führt. Was schreit hier eigentlich die ganze Zeit wie ein angestochenes Schwein? Ein nicht angestochenes, aber abgeschlepptes Schwein. Eine junge Sau weigert sich hartnäckig, ihrer vermutlich neuen Besitzerin ins Dorf zu folgen. Trotz Schweineleine um den Hals ist hier nichts zu wollen. Am Ende trägt die Bäuerin die junge Sau auf dem Arm weiter. Aber die Frage bleibt natürlich: Wer nimmt hier wen auf den Arm?
45 Minuten dauert die Wanderung. Ich überquere kleine Bäche und begegne Kuhhirten. Das Dorf, zu dem ich unterwegs bin, ist garantiert autofrei. Es ist nur zu Fuß zu erreichen. Das wird spätestens klar, als ich zwischen zwei Reisfeldern im Matsch ausrutsche. Hinter dem Dorf mache ich im Sonnenschein Pause. Ich sitze auf einem Stein zwischen dem Reisfeld oberhalb und dem Reisfeld unterhalb meines kleinen Plätzchens mit herrlichem Talblick. Es hat sich in der Tat mächtig aufgeklart. Meilenweit leuchtet alles lindgrün (die Fotos stammen aus dem Winter); jetzt sind die Reisfelder nicht so stark bewässert, dass sie aussehen wie eine Seenplatte. Am Dorfrand machen zwei junge Leute Feuer. Ich treibe ihnen auf dem Weg zwei Gänse entgegen. Dann wasche ich meine Kleidung notdürftig unter einem offenen Wasserrohr am Wegesrand. Meine Jacke ist total eingesaut, meine Schuhe sind total eingesaut. Inzwischen sind auch Frau plus Ferkel im Dorf eingetroffen. Das ist unüberhörbar. Jugendliche spielen auf einer Terrasse mit Talblick Billard, der Tisch ist zweifellos die Attraktion hier. Weiter unten auf dem Dorfplatz wird ein Bambusbaumstamm behauen und bearbeitet. Einige Kinder sind mir neugierig hinterhergelaufen, sagen aber nichts. Die Leute hier sprechen nicht gut Chinesisch, es ist nicht ihre Muttersprache. Ein Mann, den ich unterwegs nach dem Namen der Ortschaft frage, versteht mich immerhin ganz gut. Zhongpizang. Hoffentlich habe ich den Namen nun auch richtig in Pinyin umgewandelt! Zwei auffällig verschiedene Bauweisen prägen das Dorfbild: Gelbe Lehm-Häuser mit Reetdach und rote Backsteinhäuser mit Flachdach, vermutlich Ausdruck zweier verschiedener Ethnien im selben Dorf.
Auf dem Rückweg komme ich auf den letzten Metern dann doch noch vom Weg ab. Ich merke es am Dach des Busbahnhofes über mir. Das hätte eigentlich vor mir auftauchen müssen. Ich habe das Fieber noch in den Gliedern und fühle mich, wohl auch wegen der plötzlichen Sonne, so matt und kraftlos wie ein Fußball im Dornengestrüpp. Nach Umkehren ist mir gar nicht zumute. Ich balanciere über eine schmale Mauer, die einen kleinen Abhang überquert und gelange zum unteren Rand eines Maisfelds, durch das ich mich nun nach oben schleppe. Völlig erledigt komme ich auf dem Parkplatz an. Eine endlos lange Pause auf den Stufen am Bahnhof (nach Erwerb der Fahrkarte für 18.30 Uhr) macht schon die Bauarbeiter über mir nervös. Ich habe keinerlei Kraft und Motivation mehr für einen weiteren Reisterrassenversuch, obwohl jetzt Sonnenschein herrscht und ich gute Karten habe. Ich werde mich später noch ärgern über meine Lethargie, aber momentan ist nichts zu wollen.
Ich schleppe mich zurück in die Stadt. Auf dem großen Platz muss ich schon wieder Pause machen, aber jetzt sehe ich, was für einen fantastischen Talblick man von hier hat. Ich bekomme fast einen Sonnenbrand, nach nur zehn Minuten. In dieser Höhe ist man der Sonne eben näher. Auch von meiner Herberge aus habe ich einen großartigen Talblick. Als ich mich verabschiede und mein Gepäck hole, deckt Chen mich mit Früchten ein. Ich gebe ihm ein Heftchen mit frommen Sprüchen. Ein Student aus Kunming spricht mich auf Englisch an, als ich schon wieder auf dem großen Platz pausiere. Dann die Rückfahrt. Im Schlafbus bin ich diesmal mit zwei Schweizerinnen und einem US-Pärchen in bester Touri-Gesellschaft. Ich rede aber nicht mit ihnen. Eine ewig lange Pause auf der Strecke ins Tal dient zum Buswaschen und dazu, meine Geduld auf die Probe zu stellen. Ich kann gleich zweimal auf Klo gehen. Schöne Aussicht: Dem Trocken-Klo fehlen Teile von Decke und Wand. Schließlich setzt die Dämmerung ein. In Nansha gibt es dann mitten in der Nacht noch einen Zwischenfall mit einem Restaurantbetreiber, in dessen Laden der Busfahrer und seine Leute essen. Ich erahne die nächste Geduldsprobe in dem stickigen Bus und denke: Da kannst du doch sicher deine Abendtoilette erledigen. Die Frau des Hauses hat auch schon zuvorkommend ihre Schüsseln aus der Abwäsche geholt. Da kommt der Typ im gerippten Unterhemd und will mich nun schlechterdings nicht Zähne putzen lassen. Ich bin physisch, psychisch und moralisch bekanntlich nicht in Bestform, kurzum, ich bin uneinsichtig. Der will doch nur den starken Mann markieren. Ich frage provokant, ob er einen Yuan wolle für sein Waschbecken oder was los sei. Will er nicht. Ich sage: "Ist kein Problem!" und putze betoooont gründlich Zähne. Die zeige ich ihm dann nett grinsend und bedanke mich. Man muss ja immer freundlich bleiben.
Reise in den Regen IV: Xinjie

Im strömenden Regen geht es morgens um sieben zum Busbahnhof von Gejiu. Über die Hauptstadt des Verwaltungsbezirks Yuanyang Nansha geht es hoch hinauf nach Xinjie. Im Bus bin ich nicht der einzige Ausländer. Vorne sitzt ein Pärchen, das ich nicht so recht zuordnen kann. Rumänien?
Der erste Streckenabschnitt folgt einem wegen des vielen Regens tosenden Flusslauf, der wie ein gefräßiges braunes Monster aus den Bergen hinabgestürzt kommt und beim Blick aus dem Heckfenster wirkt, als würde er uns verfolgen, um uns zu verschlingen. Dann überqueren wir das braune Monster mittels einer Brücke und lassen es hinter uns.
Die Ankunft in Xinjie erfolgt gegen halb elf. Die Stadt ertrinkt in Regen und ist total von Wolken eingehüllt. Ich wandere mit Gepäck drauflos. Überall gibt es kleine Hotels. Aber wo steige ich ab? Ich brauche einige Zeit zum Überlegen. Ich müsste schon heute Abend wieder abreisen, wenn ich noch den legendären Steinwald bei Kunming besichtigen möchte, an dem ich gestern auf dem Weg nach Gejiu vorbeikam. Der freundliche Herr Chen Xiaoshong und sein sehr günstiges Gasthaus (30 statt 35 Yuan für ein Einzelzimmer) bekommen schließlich den Zuschlag und ich streiche den Steinwald. Herr Chen ist sehr hilfsbereit und breitet vor mir die Touristen-Landkarte der Gegend aus, die wohl mal ein französischer Tourist angefertigt hat und die jetzt als Fotokopie überall im Umlauf ist. Aber die vielen Höhepunkte kann ich wegen Zeitknappheit gar nicht wahrnehmen.
Mein Zimmer liegt im Obergeschoss, hat eine eigene Terrasse mit Blick auf: Wolkenschwaden. Ein deutsches Buch von Andreas Altmann über Vietnam und Kambodscha, erschienen im Fredekring-Verlag, liegt aufgeschlagen auf der Galerie. Nachmittags gönne ich mir eine Nudelsuppe auf dem Marktplatz. Ich sitze mit Blick auf die von Fußgängern bevölkerte Straße unter Plane neben ein paar Einheimischen in der typischen Hani-Kleidung. Eine ältere Frau trägt eine Art grünen Turban und die Jacke verzieren gemusterte bunte Linien. Es regnet Bindfäden. Erste Anzeichen einer Erkältung machen sich bemerkbar, weil ich gestern auf der Wanderung durchnässt wurde. Oder tropft die Nase nur wegen der scharfen Suppe?
Auf einem großen Platz oberhalb der Marktstraßen stehen Dutzende von roten Touri-Taxis. Ich löse ein großes Palaver mit Taxifahrern aus, weil ich nicht schon wieder abgezockt werden will. 100 bis 120 Yuan für einen Privatausflug erscheinen mir indiskutabel. Ein junges Mädchen aus einem Bus, der nicht an mein Ziel fährt, hat mich hergelotst und hilft mir beim Verhandeln. Schließlich gewinnt eine Frau am Steuer den Poker. In ihrem Privattaxi fahre ich für 20 Yuan zu dem berühmten, 18 km entfernten Reisterrassen-Aussichtspunkt Tigermaul, und zwar in Gesellschaft von zwei jungen Damen: Vorn auf dem Beifahrersitz sitzt "Lucy", neben mir ein junge Dame, die wegen ihrer modischen Kurzhaarfrisur aussieht wie ein Frisör-Lehrling; beide aus Kunming, beide kommen zurück aufs Land zu den Eltern (Urlaub, Arbeitslosigkeit).
Abermals Palaver gibt es dann am Eingang zu besagtem Tigermaul ("Laohuozui"): Reisterrassen als religiöses Erlebnis: Man weiß, sie sind da, aber nie zu sehen. Ich soll trotzdem Eintritt zahlen: 30 Yuan für 200 Meter Reisterrassen-Gucken, auch bei freier Sicht gilt da: Die spinnen die Chinesen! Das drücke ich gegenüber dem Kassen-Trio, das den Eingang zu dem Wanderweg überwacht, zwei jungen Frauen, einem Mann, natürlich höflicher aus. Da die Wolken trotz der Beteuerungen des Trios wenig weichen, mache ich mich zu Fuß auf den Rückweg: bergauf immer der Straße nach. 2 km sind es bis nach Amengkong und auf dem Weg zu der kleinen Siedlung bekomme ich immerhin einen Ausschnitt der legendären Terrassen geboten. Ein Loch in den Wolken, die über das Tal segeln, macht's möglich. Auch schön. Dann, es muss zwischen fünf und sechs Uhr sein, setzt plötzlich starker Regen ein und ich merke, dass meine Jacke nicht wirklich als Regenjacke taugt. Bei Amenkong habe ich Glück, dass ein Privatwagen mich aus Mitleid mitnimmt. Ich friere hinten im Wagen und die Fahrt kommt mir erstaunlich lang vor. Am Ende muss ich nichts bezahlen und werde im strömenden Regen in Hotelnähe herausgelassen. Ich habe rasende Kopfschmerzen und fühle mich irgendwie krank. Ich hole mir Paracetamol aus der Apotheke neben meinem Hotel und schaue, nachdem ich mich unten im Supermarkt noch rasch mit einem Sortiment von Essbarem ausgestattet habe, im Fernsehen "Charlie & die Schokoladenfabrik" auf Chinesisch. Danach wälze ich mich durch eine fiebrige Nacht und schwitze wie ein Schwein am Spieß.
Reise in den Regen III: Gipfelsturm in Gejiu
Kühl und regnerisch ist es in Gejiu, als ich am frühen Morgen ankomme. Ich mache mich frisch, ziehe mich um und erkunde die morgendliche Stadt. Die ist gar nicht so hässlich. Erst sitze ich im Park eines Industriemuseums, wo die Chinesen mal wieder zig zwitschernde Vögel in die Bäume gehängt haben, mitsamt ihren Käfigen, versteht sich. Möchte wirklich mal wissen, was sie sich davon versprechen. Soll man die Piepmätze kaufen? Jedenfalls fühlt man sich wie im Dschungel wegen der Geräuschkulisse.
Gejiu liegt in einem Talkessel und wird der Länge nach durchzogen von einem kleinen Binnensee, vermutlich künstlich angelegt, ähnlich der Außenalster in Hamburg. Die Stadt wächst. Am Rand wird, wie überall in der Volksrepublik, gebaut. Auf dem Hang oberhalb der Stadt thront eine Pagode. Sie spornt mich an zu einem Gipfelsturm: Ich lasse ein Wohngebiet hinter mir und erklimme den Hang. Ein kleiner Trampelpfad führt durch den regenfeuchten Wald. Der wird steiler, nasser und glitschiger, je höher ich komme. Ich muss mich an Zweigen hochziehen, um nicht den Halt zu verlieren. Unter mir gähnt die Tiefe, aber keine Angst: Von der trennt mich noch jede Menge dorniges und nassses Buschwerk. Na, nicht zu viel drüber nachdenken. Nass bis auf die Haut, mehrfach auf dem rutschigen Boden ausgeglitten, sehe ich aus wie Sau, als ich mich dem vorläufigen Ziel nähere. Ein Bauer, der irgendwas ins Tal schleppt, weist mir an einer Weggabelung die Richtung. Wahrscheinlich aber hat er meine Aussprache gar nicht verstanden. Alles erinnert stark an meine Wanderung in den Reisterrassen von Longsheng anno 2004. Damals bremste mich auch der Regen aus. Oben auf der Anhöhe erwarten mich ein kleiner Weiler, kläffende Köter, eine modrige Terrasse mit Aussicht auf Gejiu, eine Art Transformatorenhaus und eine Asphaltstraße. Ein Moped-Pärchen bietet mir sogar eine Fahrt ins Tal an. Ich lehne ab. Gut, ich hätte es leichter haben können, aber ist das meine Art?
Ich eile weiter zum höchsten erreichbaren Gipfel. Oberhalb der Siedlung gibt es nur noch wenige Bäume, dafür steil abfallende Weideflächen und immer wieder vorbeiwabernde Wolken, die mir die Sicht nehmen. Auch der glitschige Lehmboden bleibt mir erhalten. Vom höchsten Punkt aus blicke ich nach ein paar Minuten in eine dichte Nebelwand. Dann der Abstieg. Inzwischen ist es schon zwei Uhr nachmittags. Ich folge der asphaltierten Straße und stelle fest: Die Pagode ist eine Baustelle; nebenan ist ein Tempel-Neubau fast fertig. Ich finde es überraschend, dass das kommunistische China eine religiöse Weihestätte neu errichten lässt. Der Tourismus als Geldquelle macht's möglich. Neben der Tempelanlage ist ein großer Platz, von dessen Rand man auf die dunstige Stadt blicken kann und auf dem gekocht wird. Ich lasse mich überreden Platz zu nehmen unter einem Schirm (es tröpfelt immer wieder leicht) und bestelle eine kräftige und vor allem triefnasenfördernde Nudelsuppe. Neidisch lungern Hunde neben den Bänken und hoffen auf ihren Anteil. Die hilfsbereite Köchin weist mir dann auch noch den vernünftigen Weg nach unten: Es gibt Stufen, ca. 2000 an der Zahl.
Gejiu liegt auf ca. 1800 Metern und ich war eben noch 2000 Treppenstufen höher. Die Suppe und die 2000 Stufen haben meine Verdauung mächtig angekurbelt. Unten am Eingang zu diesem treppenreichen Naturwanderweg habe ich fast einen Krampf im Magen. Das WC am See kommt keine Sekunde zu früh! Donnerwetter! Am Bahnhof erfahre ich, dass der Bus nach Xinjie schon weg ist. Dabei habe ich mich extra beeilt. Die Schalterdame hatte mir am Morgen eine Stunde später als Abfahrtszeit genannt. Mit dem Bus fahre ich zurück Richtung Stadtmitte, irre planlos im Regen herum und finde schließlich im Nr. 10-Guest-Hotel für 100 Yuan eine Bleibe, deren Komfort deutlich über meinem Schnitt liegt. Abends suche ich mir noch einen Salon, in dem ich mir einen neuen Haarschnitt verpassen lassen kann. Für 10 Yuan waschen sie mir die Haare gleich zweimal, vorher und nachher. Natürlich habe ich, als ich gegen 21 Uhr mit neuer Frisur aus dem Salon trete, keine Ahnung mehr, wo ich bin. Da Gott gnädig ist, finde ich schließlich aber doch noch zurück ins Gasthaus Nr. 10, wo immerhin ein echtes Bett auf mich wartet.
Reise in den Regen II: Ankunft Kunming
Endlich in Kunming. Das Zugleben ist doch irgendwie beschränkt. Nur meiner Patellasehne hat die Ruhekur gefallen. Dafür hat sie jetzt einiges vor sich. Ich habe nämlich beschlossen, dass ich gleich weiterreise, und mir am Busbahnhof flugs die nächste Fahrkarte noch weiter in den Süden, nach Gejiu, gekauft. Wegen der Berge dauert die aber auch schon wieder die ganze Nacht! Und im Schlafbus, Abfahrt 21.35 Uhr, werde ich kein Auge zumachen, ich war in so einer Kiste schon mal von Guilin nach Shenzhen unterwegs. Doch die Zeit ist knapp. David, Englisch-Lehrer und im Nebenberuf Reiseführer, spricht mich an der Hauptstraße am Bahnhof an. Ich frage nach dem Weg zum Dianchi, dem großen See im Süden von Kunming. Doch statt den anzusteuern, entscheide ich mich lieber für eine Runde Sattessen bei KFC. Dann geht es weiter nach Gejiu, die dritte Nacht auf Rädern. Während einer Pause in der Nacht ist das nächste Klo das einer Augenklinik. Immer dem Licht nach!
Reise in den Regen I: 2 + 3 + 2 = 7
Im Schlafwagen bin ich diesmal von einem Kindergarten umgeben. Ein Gör schaukelt an meinem Bett und als er es auch noch okkupiert, ist es mit meiner Kinderfreundlichkeit vorbei. Das sei ja schließlich nicht sein Bett, zische ich. Seine Mutter fragt ihn dann, ob er verstanden hat, was ich sagen wollte. Auch sonst finden die Kinder mich mal wieder hochgradig interessant. Als endlich alle schlafen und ich am Ende des Ganges, wo noch Licht ist "Ende einer Dienstfahrt" lese, bittet mich ein Schaffner, ob ich als Übersetzer für zwei Gruppen von Rucksacktouristen einspringen könne, die kein Chinesisch sprechen. Hat sich aber schnell rumgesprochen, dass ich des Chinesischen mächtig bin. Es stellt sich heraus: Die Jungs und Mädels aus England und Spanien, die nachts irgendwo zugestiegen sind, wollen ihre Sitzplatzkarte gegen Aufpreis in eine Schlafwagenkarte eintauschen. Sie wollen übrigens nach Guilin, Ankunft in 18 Stunden. Da werde ich hellhörig: Guilin? 18 Stunden? Das liegt ziemlich weit entfernt von Kunming, dem Ziel meiner Reise. Am Nachmittag des heutigen 2. Juli, ich bin schon 26 Stunden unterwegs und denke, in zwei, drei Stunden, bin ich in Kunming, eröffnet mir dann eine Schaffnerin, ja morgen um diese Zeit sind es noch ein, zwei Stunden bis zur Endstation. Das trifft mich hart, denn so bleiben mir, da die Rückfahrt voraussichtlich genauso lange dauert, exakt drei Tage zum Reisen in Yunnan, da 2 + 3 + 2 = 7!
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