| |
Durch den Wind
Danyu ist völlig durch den Wind. Das liegt natürlich an ihrer englischen Internet-Liebe und der Tatsache, dass sie eine Aufnahmeprüfung an der Uni Nanjing machen will, aber eigentlich mit ihren Gedanken immer in Europa ist. Heute Abend überfällt sie mich mit dem Vorschlag eine christliche Gesprächsgruppe zu gründen, aber ich bin skeptisch, weil ich Zweifel habe, ob die Teilnehmer die Bibel zur Grundlage machen wollen. Allgemeines Gelaber über Gott bringt in meinen Augen nichts. Sie redet sich fest und dann stellt sie fest, dass ihre Tasche mit dem Schlüssel für zu Hause in der Bibliothek eingeschlossen wurde, weil es schon so spät ist.
An diesem Abend wird sie noch dreimal bei mir klingeln, zuletzt gegen Mitternacht, weil sie so ratlos ist, denn zu Hause könne sie niemand reinlassen. Ihre Mutter öffne nachts nicht und müsse ja davon ausgehen, dass ihre Tochter es nicht sein kann, die so spät um Einlass bittet. Schließlich habe sie ja einen Schlüssel. Danyu rennt zwischen Bibliothek, mir und ihrem Freund von der Uni hin und her wie ein kopfloses Huhn. Am Ende bittet sie mich, ihr Asyl für eine Nacht zu gewähren. Ein Stuhl sei genug. Das passt mir aber überhaupt nicht. Ich will ihr hundert Yuan für Taxi und Hotel leihen, ihr Geld ist ja auch eingeschlossen. Will sie nicht. Da habe sie Angst, sagt sie. Da kenne sie ja keiner. Das sei so anonym. Du meine Güte, denke ich, die macht mich wahnsinnig! Mit übermenschlicher Geduld palavere ich so lange mit ihr im Treppenhaus, bis ihre Mutter endlich auf dem Mobiltelefon zurückruft und sie nach Hause fahren kann. Ich denke: „Mensch, Mensch, Mensch!“ und denke das auch noch, als am nächsten Tag per E-Mail ihre wortreichen Erklärungsversuche und Entschuldigungen für die Panikattacke einlaufen.
Skandal im Sitzbezirk
Heute schleppt mich Danyu, die Autorin, die alle sin-o-meter-Leser schon kennen, in eine Sondervorstellung mit drei Ausschnitten aus zwei Werken der legendären Kun-Oper (Kunqu). Die Kun-Oper ist noch älter als die Peking-Oper, sonst ist vieles gleich. Man hört also auch dieses scheppernde Klong-Klong und diese quietschenden Streichinstrumente. Die englischen Untertitel links und rechts gab es aber früher vermutlich noch nicht im Theater. Sie fallen hier und heute auch nach dem ersten Akt aus. Den Rest sieht man unten im Bild. Oder man liest mal nach durch einen Mausklick hier oder aufs Bild.

Apropos Klick: Wir müssen uns umsetzen, weil Danyu ihre Sitznachbarin so mit ihrer vielen Fotografiererei nervt, dass die sich beschwert. Und zwar bei mir! Ehe das in Zickenterror ausartet, suche ich fieberhaft nach einem Kompromiss. Und prompt sitzen wir nicht mehr bei ARD und ZDF, sondern in Reihe vier dieses kleinen Saals des kleinen Nanjinger Museums. Die Tante in Reihe zwo ist beruhigt und genervt durch das Geräusch des Auslösers bin jetzt nur noch ich.
Danach stehen wir im Regen. Kein Taxi will uns mitnehmen. Also lasse ich mich ins nächste Teehaus schleppen (wo's auch Eis gibt) und erfahre - ich bin ja inzwischen schon so was wie der Beichtvater der exzentrischen und nach eigenen Angaben auch bereits latent selbstmordgefährdeten Schriftstellerin -, dass ihre englisch-französische Internetliebe die Reißleine gezogen hat, um Reißaus zu nehmen. (Kann ich irgendwo verstehen.) Ihr Herz ist gebrochen. Oder gestohlen. Oder beides. Tja. Was soll nun jemand mit meiner unendlichen, überwiegend aus amerikanischen TV-Serien gespeisten Lebensweisheit dazu sagen? Ich sage bzw. schreibe (später): "Feelings are traitors. They come and go as they like and don't respect the person who has them; nor do they care about his or her fate. So, it is no sin to behave strangely, but it may feed your demons. And [...] the demons keep you away from the Lord. "
Wow! So weise wie ich möchte ich auch mal sein!
Das Shampoo-Wunder
Das wäre ein Fall für "Die drei ???": Ich habe also dieses sündhaft teure Shampoo der Marke "Kopf und Schultern" erworben, weil man ja bei der Körperpflege nicht sparen soll. Aber vor meinem Urlaub war der Inhalt blau und roch gut und jetzt ist der Inhalt weiß und riecht fast gar nicht. Außerdem werden oben am Deckel Gebrauchsspuren (blaues, geronnenes Shampoo) erkennbar. Nachts bekomme ich von dem Zeug Kopfhautjucken, als hätte ich mich mit Juckpulver statt mit Shampoo übergossen. Da muss eine total überraschende chemische Reaktion stattgefunden habe, vielleicht wegen der großen Hitze? Oder eine neue Spielart des Wunders der Verwandlung von Wasser in Wein? Statt Jesus wäre dann aber ein echter Pfuscher am Werk gewesen! Oder sollten die Maler meine Shampoo-Flasche für einen Farbabgleich missbraucht haben? Das Shampoo ist ja so weiß wie meine neu gestrichenen Wände. Oder haben die Reinmachfrauen das Chaos genutzt, um mir da was reinzumachen, also billiges gegen teures Shampoo auszutauschen? ... Ich stelle mir vor, wie ich unten an die Rezeption gehe und versuche das mit meinem Chinesisch zu erklären. Nee, lasse ich lieber, sonst gibt es wieder so'n Louis-de-Funès-Auftritt.
Überhaupt ist Duschen kein Vergnügen, seit der Vorhang weg ist. Ich muss immer gucken, dass keiner guckt. Also, das geht so nicht! So kann man nicht befreit duschen. Da muss ich nun doch nach unten an die Rezeption und mich beklagen. "Wenn ich dusche, können alle es sehen", erkläre ich, weil mir das chinesische Wort für Vorhang entfallen ist und "curtain" die Dame an der Rezeption nicht versteht. Kurze Rücksprache mit dem völlig verblüfften Fräulein, das ich hier noch nie gesehen habe. Die dachte wohl, ich komme später. Man vertröstet mich auf morgen. Dann klopft aber plötzlich doch das Fräulein an und hängt mir am Fenster einen zweiten Duschvorhang auf. Glänzt ihr Haar nicht irgendwie nach teurem Shampoo???
Überhaupt dieses Chaos: Nichts ist mehr da, wo es vorher war. Ich suche ein Heft, Latschen, ein Duftkissen, einen Holz-Anhänger... Meine Stühle stehen anders. Die Klingel ist kaputt. Auf dem Balkon ist eine junge Eidechse ertrunken und verwest. Wurde wohl vom Gewitterregen überrascht.
Naja, sehen wir das Positive: Die vorher mit Kleberesten verunstalteten Wände erstrahlen nun in Perlweiß-Weiß und ich kann endlich meine Kinoplakate anhängen, die seit einem Jahr auf neue Wände warten. Und den zertrümmerten Stuhl aus der letzten Saison hat auch keiner in Rechnung gestellt. Apropos Stühlezertrümmern: Was macht Bayern? Verliert 2:1 in Mainz. Habe ich aber nicht mit ansehen müssen; gezeigt wurde VfB gegen Dortmund. Die stehen ja in der Tabelle auch höher.
Evas Koffer
Als ich mit meinem Kollegen Wang den Airbus verlasse und mich Richtung Ausgang des Nanjinger Flughafens begebe, sehe ich, dass Eva alias Chen Dong doch an Bord war. Sie steht gerade bei der Schweinegrippe-Inspektion, wo ich mich länger aufhalte, weil ich meine Nanjinger Telefonnummer eintragen soll, die ich natürlich nicht im Kopf und auch sonst nirgendwo habe. Wang, Chen und ich sitzen dann auch alle im selben Bus. Eva erzählt begeistert von ihrem Sommerkurs in Heidelberg und zeigt mir ein Arbeitsheft, auf dessen Rückseite sich die internationalen Teilnehmer mit ein paar Worten verewigt haben. Beim Umsteigen auf die U-Bahn versuche ich mich als starker großer Bruder und schwenke ihren tonnenschweren Koffer ("Bücher und Schokolade", sagt sie), als wären Federn drin. In Wahrheit fühlt sich mein Arm an, als ob ein Schaufelradbagger dranhängen würde. Ich lotse Eva, da ich Zhonghuamen besser kenne als sie, zu der Busstation, die uns Wang empfohlen hat. An der U-Bahn-Station fragt sie einen Taxifahrer, der nach Gästen für den Flughafen Ausschau hält, und will entmutigt schon auf die U-Bahn wechseln. Nix da, sage ich, wenn Wang gesagt hat, hier gibt's einen Bus für Sie, dann gibt es den auch! Vergeblich versucht Eva die ganze Zeit mir den Koffer wieder abzunehmen. Vor allem rät sie, dass ich das Ding ziehen soll, da gebe es doch so eine Roll-Vorrichtung. Ich halte das für eine Warmduscher-Einrichtung und mache demonstrativ noch etwas Muskeltraining mit dem Koffer. "Der Griff wird das nicht aushalten", warnt Eva. "Ach was", sage ich. Zack, löst sich auch schon der Griff vom Rahmen des Koffers. Schief baumelt der Rest an meiner Hand. Eva, auf deren Oberlippe sich kleine Schweißperlen gebildet haben - ich hoffe, wegen der Hitze und nicht vor Zorn - würde jetzt vermutlich gern sagen: "Siehste, hättste mal auf mich gehört!" Aber solche Sätze verbietet natürlich die sprichwörtliche chinesische Höflichkeit. Immerhin muss ich nun nicht mehr Tarzan spielen. Ratlos händige ich ihr den Koffer aus. Dann überqueren wir, indem Eva vorführt, wie man einen Koffer auf Rollen zieht, die autobahnähnliche Straße und ich bin immerhin noch gut genug, auf ihre Koffer und Taschen aufzupassen, während sie sich nach einer Fahrkarte erkundigt. Die gibt es tatsächlich und ich kann mich befreit von Evas Koffern trennen. "Jetzt bin ich beruhigt", sage ich.
Als ich aus der U-Bahn komme, schüttet es wie aus Kübeln. Ich nehme die Plastiktüte als Regenschirm und komme durchnässt an. Meine Wohnung ist komplett neu gestrichen und es gibt neue Moskitonetze an den Fenstern. Deswegen ist alles umgeräumt worden und nichts mehr an seinem Platz. Kissen liegen im Bücherschrank, Ordner im Kleiderschrank. Beim Auspacken stelle ich fest, dass mein Brustbeutel (der, den ich gestern schon einmal vergessen hatte) weg ist und mit ihm geschätzte 45 Euro in neuen Scheinen sowie - welche Ironie - ein Gerät, das übersetzt ins Deutsche "Gedächtnisstift" heißt.
Wie Didus es schaffte zweimal nicht ins Kino zu gehen und danach fast von der Polizei abgeführt wurde
Dieser Tag verdient eine so lange Überschrift! Dabei war der Beginn wolkenlos: Der rüstige Fahrrad-Rentner ist bereits vor mir aufgestanden; beim Frühstück sehen wir uns wieder. Dort nebeln mich dann jedoch Hispano-Nikotinsklaven mit blauem Dunst ein - wir sitzen wegen des heißen Wetters beim Frühstück im Freien - und Wespen lassen sich nur weglocken, wenn man seine Marmelade auf dem Nachbarplatz postiert. Trotzdem esse ich für den ganzen Tag. Was ich dabei noch nicht weiß: Ich werde meine Kräfte brauchen. Denn der Rest des Tages ist eine einzige Didus-Show.
Ich habe mir vorgenommen am Nachmittag die heute anlaufenden "Inglourious Basterds" anzuschauen und vorher meine Steuererklärung bei der Post aufzugeben. Aber da ist eine Riesenschlange vor mir. Ich trage am Tisch noch ein paar Daten nach. Dann dauert mir das aber doch zu lange und ich verlasse unverrichteter Dinge die Post. Leicht verspätet erscheine ich im Kino. Der Film hat zum Glück noch nicht angefangen. Aber: Ich habe meinen Brustbeutel mit dem Geld in der Herberge gelassen. Mit drei Euro ist nichts zu wollen. Ich kehre missmutig in die Herberge zurück. Inzwischen habe ich mir für 15 Uhr "Maria, ihm schmeckt's nicht" im CINEMA herausgesucht. Noch eine Stunde Zeit. Ich klebe also endlich meine Umschläge ans Finanzamt zu und frankiere fantasievoll mit den Marken, die ich am Automaten für mein Kleingeld kriege, weil man ja nirgends mehr ein Postamt findet. Und ab die Post! Passt scho', würde mein Zimmergenosse, der Franke, sagen, den ich noch einmal an der Rezeption sehe.
Der Film fängt angeblich ohne Werbung an und ich komme ca. 100 Minuten vor Abflug aus dem Kino, versichert mir der Student, der hinterm Tresen aushilft. Ich verschwinde im Kino. Mein ganzes Gepäck, ein Rucksack, zwei Plastiktüten, neben mir. Fünfzehn Minuten 50-er-Jahre-US-Schlager, dann kurz Werbung. Ich blicke nur noch zur Uhr. Dann: der Vorspann zu "Coco Chanel". Ich raus. "Ja, ich hab' nicht gesehn, dass Sie da reingegangen sind." Der Film "Maria, ihm schmeckt's nicht" laufe unten im Keller. Das schmeckt mir gar nicht: Wenn einem so was nicht mitgeteilt wird und es auch keine Karten gibt, wo das draufsteht, wie soll ich so was denn wissen? Ich bekomme meine umgerechnet zwölf Mark zurück und lege mich mit "Kim Novak badete nie im See von Genezareth" auf eine Mainwiese.
Was, liebe sin-o-meter-Leser, will uns nun dieses Geschichte sagen? Natürlich dass das Leben genau deswegen so spannungs- und abwechslungsreich ist, weil so oft nicht das Wahrscheinliche eintrifft, sondern das Unwahrscheinliche. Ich saß in meinem Leben bereits mehr als 1000 Mal in einem Filmtheater. Aber im falschen Film war ich, glaube ich, noch nie. Und wann passiert so was? Genau dann, wenn es am besten zu einer Geschichte passt, die gerade geschrieben wird und in der man selbst die Hauptfigur ist. Irgendwo zwischen Balduin, dem Ferienschreck, und Kevin allein in New York.
Dass ich wenig später in Gefahr geriet von der Polizei abgeführt zu werden kam so: Viertel nach fünf kommt die S-Bahn am Flughafen an. Der Flug geht um halb sieben. Und nun geht es Schlag auf Schlag: Die Tante am Schalter verweist mich auf das automatische Einbuchungssystem am Automaten. Da stehe einer, der mir helfe, wenn es Schwierigkeiten gebe. Der haut aber genau dann ab, als ich feststelle, dass mir der Automat nicht hilft, wenn ich neben der Studentin mit dem Künstlernamen Eva sitzen will, die meines Wissens ebenfalls mit LH 780 vom Sprachkurs in Heidelberg zurückfliegt. Also ich zurück zur Theke mit der Tante. Die wirbelt wahllos mit der Hand in der Luft herum. Da irgendwo sei schon einer. Ich renne in der Gegend rum wie ein herrenloser Hund. Und genau so behandelt mich dann auch der Lufthansa-Angestellte, der schließlich in Automatennähe auftaucht. Der Mann erweist sich als total lustloser und wenig hilfsbereiter Schnösel. Daten von anderen Fahrgästen seien geheim, teilt er mir kurz angebunden mit. Bei mir brennt die Zündschnur. War ja bisher ohnehin schon nicht mein Tag. Ich also zurück zum Schalter, wo sich unterdessen eine Schlange gebildet hat. Ich bitte ein holländisches Paar mich vorzulassen, da ich ja schon vor ihnen da gewesen sei und demnach in der Schlange vor ihnen stehen würde, wenn man mich nicht zum Automaten geschickt hätte. Da kommt der Lufthansa-Schnösel an und sagt den fliegenden Holländern, sie müssten mich nicht vorlassen, der Automat sei völlig in Ordnung und ich ein Idiot (nicht wörtlich, sinngemäß). Daraufhin raste ich total aus und verlange den Namen des Vorgesetzten des Schnösels um mich zu beschweren. Den will er auch gleich selbst anrufen. Zugegeben, meine Empfehlung, er hätte angesichts solcher Umgangsformen lieber Taxifahrer werden sollen (nicht sinngemäß, wörtlich), trägt nicht gerade zur Entspannung der Lage bei und dass ich den Schnösel danach so laut als "letzten Heuler" brandmarke, dass alle Passagiere es mithören können, lockert die Atmosphäre auch nicht auf. Deshalb ruft der Schnösel nun nicht den Chef, sondern die Polizei und teilt ihr telefonisch mit: Da sei ein Kunde, der sei frech und werde laut. Ich bestätige das, indem ich auch was in den Hörer reinrufe: Frech sei er do...! Gespräch zu Ende. Die Szene wird langsam tumultartig und ich wirke vermutlich wie Louis de Funès, wenn er 'n Rappel kriegt und überall Bretter sieht. In dieser Rolle voll aufgehend gieße ich noch Öl ins Feuer, indem ich frage, wer bei Lufthansa eigentlich König sei, der Kunde sei es ja offensichtlich nicht. Ich bekomme darauf keine Antwort. War ja auch mehr 'ne rhetorische Frage. Dann wandere ich zurück zur Schlange und treffe unterwegs auf die Polizei, die ich begrüße mit den Worten: "Ich bin der, wegen dem Sie hier sind!" Die Ordnungshüter gehen aber erst mal zu dem Schnösel. Ich weise den Weg: "Gehen Sie da man hin. Ich habe Sie ja auch nicht gerufen!" Ich warte noch mal gefühlte zehn Minuten am Lufthansa-Tresen, bis ich an der Reihe bin. Vergeblich versucht die Tante mich an einen anderen Stand zu vermitteln. Zwischendurch kontrolliert die Polizei, der ich erkläre, der Schnösel sei pampig geworden, meinen Pass. Und ich versichere den Beamten, dass es meiner voller Ernst war, als ich behauptete, dass der Schnösel lieber als Taxifahrer arbeiten sollte - wenn überhaupt. Das war keine Beleidigung. In einem freien Land, da werde man sich ja noch mal aufregen dürfen als Kunde, der "für so eine Fahrkarte 5000 Euro, äh, 500 Euro" bezahle. "Wenn der bei mir arbeiten würde, wäre der morgen entlassen", wettere ich weiter. Frei nach Arne Heller schieße ich schließlich den Vogel ab, indem ich den Beamten zu Protokoll gebe: "Wir leben ja hier in der Deutschen Demokratischen Republik! Da wird man ja noch mal seine Meinung sagen dürfen, wenn man nicht zufrieden ist." Ja, nee, ich hab' den Versprecher dann schon noch bemerkt. Man eröffnet mir, dass der Schnösel darauf verzichtet, Anzeige gegen mich zu erstatten. Ich erwidere sichtlich gerührt: "Der soll mich doch verklagen!" Am Ende erkundigt sich der Beamte, der übrigens verstörenderweise aussieht wie Christoph Waltz in "Inglorious Basterds", noch nach meinem Wohlbefinden und meinem Wohnsitz und will wissen, ob mir noch zu helfen sei, also, ob mir sonst noch irgendwomit geholfen werden könne. Ich antworte, dass das so schon in Ordnung sei. Die Tante am Tresen, die mich mal gleich hätte bedienen sollen, dann wäre der Stress mit ihrem wenig hilfreichen Kollegen nicht passiert (das sage ich ihr auch), versucht dann noch erfolglos "Evas" Sitzplatz für mich herauszufinden, jedoch ohne Erfolg.
Der Flugsteig ist wie leer gefegt, als ich eine knappe halbe Stunde vor Abflug eintreffe. Bei der Sicherheitsprüfung musste mein Panasonic-Telefon in einem Extra-Raum auf Sprengstoffspuren untersucht werden. Mein Kommentar: "Gibt es dafür keinen Hund?" Und: "Wie würden Sie reagieren, wenn ich jetzt ganz schnell weglaufen würde?"
An Bord der Maschine treffe ich zwar keine Eva, dafür aber meinen Kollegen Herrn Wang, der mit seiner Frau ihren Sohn in Frankfurt besucht hat. Eine Eva bekomme ich dann auch noch zu sehen, denn während des Fluges schaue ich meine bisher einzige Folge von "Desperate Housewives" (man muss ja mitreden können) sowie "17 Again", "Monsters vs. Aliens" und "Despereaux, den kleinen Mäusehelden". Ein kleiner Mäuserich kämpft darin furchtlos gegen eine Übermacht von Ratten, die alle keinen Durchblick haben.
Bahnfahrt via Bonn
Der erste Teil meiner Rückreise funktioniert reibungslos: Bahnfahrt via Bonn nach Frankfurt am Main. Unterwegs fülle ich meine Einkommenssteuererklärung aus und ersticke fast in den Belegen, die ich in einer Plastiktüte bei mir habe. Zwischenstopp und kurze Wanderung mit vollem Gepäck zu meinem Brotgeber, dem Akademischen Austauschdienst, zwecks Lagebericht; bin sogar fast verabredungsgemäß vor Ort in Bonn und kann auch noch ein paar Fragen zur Einkommensdingsda klären und die fehlenden Daten eintragen, als ich um 18 Uhr auf der wunderschönen Bahnstrecke entlang des Rheins via Koblenz (und Andernach) weiterfahre. Mein Zimmergenosse in Frankfurt ist ein rüstiger Franke auf Fahrradtour, der nach seiner Fahrt den Rhein entlang wegen der großen Hitze eine Verschnaufpause in Frankfurt einlegt. Wir reden über den SPIEGEL-Artikel über die chinesische Restaurant-Mafia in Deutschland, den ich noch nicht gelesen habe.
Ferien auf dem Bauernhof - die Kurzversion
Nach dem Gottesdienst reicht es noch für einen Fototermin mit Pastor Dr. Dau-Schmidt vor der Katharinenkirche. Vorher verschwindet Xiaochen mit Magen-Darm-Problemen spurlos im Gemeindehaus, das zwischenzeitlich schon abgeschlossen wurde. Xiaochen hat davon nichts bemerkt und lässt sich auch sonst nichts anmerken. Feiqian fotografiert auf dem Rückweg Looses Haus, weil es Häuser in der Farbe nicht gebe in China. Kurz sind wir auch noch bei Tante Lore vor dem Haus, die ich schnell korrigieren muss, als sie Japan mit China verwechselt. Aber älteren Damen sieht man ja alles nach. Am frühen Nachmittag nach der Kurzversion von Ferien auf dem Bauernhof dann aber bereits Abreise in Richtung Hamburg. Sie werden erst nach mir wieder chinesischen Boden betreten...
Ich betrete dafür, vom Bahnhof kommend, noch einmal den Boden von Andis vornehmem Grundstück und spontan vereinbaren wir für den Abend eine letztes Sommergrillen. Es wird ein Grill-Duett, denn vergeblich versuchen wir Thotti und Tim noch zum Kommen zu bewegen. Naja, so bleibt mehr Wurst für uns...
Feiqian und Xiaochen zu Gast in Großenaspe
Wegen einer aißergewöhnlichen Verspätung der AKN von zwanzig Minuten komme ich halb zehn vom Hof und sehe die beiden jungen Damen, den Höpenredder hinabschreitend, nach eingebrochener Dunkelheit ratlos auf der Kreuzung am Bahnhof stehen. „Nicht weglaufen!“, rufe ich ihnen von oben zu. In Inas Auto geht es zum Schmiedekamp. Mit Feiqian schau' ich noch kurz Sportstudio (Bayern gegen Bremen, 1:1).
Hessen-Hauskreis in Großenaspe
Wer hätte das gedacht! Stefan Keller hat sich mit seiner Vision von der Grillparty auf meiner kleinen Ecke Land (Klein-Sibirien) doch noch durchgesetzt. Am Abend tauchen zunächst Andrea und Ralf auf. Der meint, wir könnten doch auch im Schmiedekamp grillen. Aber das wäre ja witzlos. Also werden die nacheinander eintrudelnden Kfz beladen mit Stühlen, Tisch, Grillkost und Getränken. Das Wetter ist makellos. Allerdings wird es kühl, als die Sonne verschwindet. Und die beiden Höft-Kinder sollen ins Bett. Gegen elf Uhr ist Schluss. Die Höfts bleiben über Nacht bei uns. Die Kellers nächtigen in der „Mühle“ und das junge Ehepaar Strauß enteilt in der neu zugelegten Familienkutsche zurück nach Hamburg. Die wenigen Aufräumarbeiten in Klein-Sibirien erledige ich am nächsten Morgen noch vor dem Gemeindekick gemeinsam mit Olaf.
Yixuan, Yang Liu und Hao Hui in Großenaspe
Ankunft der drei Studentinnen am gestrigen Abend. Hao Hui hat als Geschenk eine chinesische Schriftrolle mitgebracht. Ganz groß! Gottesdienst mit Pastor Krämer, der sich auch noch ausgedehnt mit ihnen unterhält.
Am Nachmittag der große Höhepunkt: Ferien auf dem Bauernhof! Wegen des warmen Wetters geht es in die Reithalle. Yixuan versteht sich blendend mit Chico und will gar nicht wieder runter. Yang Liu dagegen ist vor allem von Sandy, dem Hausschaf, angetan. Kein Wunder, heißt doch Schaf auf chinesisch "yang"! Kaffee und Kuchen und Federball mit Silas auf dem Hof. Hao Hui will dann noch einmal ganz Großenaspe sehen, also fahren wir zum Aussichtsturm auf dem Ketelvierth. Auf dem Fahrrad macht Hao Hui die beste Figur. Die anderen beiden Mädchen sehen etwas wackelig aus. Auf dem Ketelvierth sind wir nicht allein, denn dort bereitet die Gemeindejugend einen Grillabend vor. Die Studentinnen bekommen gleich den richtigen Eindruck von Großenaspe: Die meisten Jugendlichen haben sie auch schon morgens im Gottesdienst gesehen. So gehört sich das!
Am Abend ist Hao Hui, die Frühaufsteherin, völlig erledigt. Obwohl sie sich noch per Internet (Blog oder Facebook oder so) in der Heimat melden, ist an den nächsten beiden Tagen Aufruhr an der Nanjinger Uni, weil Yixuans Mutter keine Nachrichten von ihrer Tochter hat. Sie ruft also fast alle Lehrer und einige Studenten an, was zur Folge hat, dass ich in zwei Tagen vier E-Mails zum gleichen Thema im Briefkasten haben werde.
Kostenloses Blog bei Beeplog.de
Die auf Weblogs sichtbaren Daten und Inhalte stammen von
Privatpersonen. Beepworld ist hierfür nicht verantwortlich.
|
|
|