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Nur eine Sekunde
Ich habe meinen letzten Unterricht des Kalenderjahres 2009 hinter mich gebracht (zum Abschluss gab es noch mal einen kleinen Test) und habe für den Abend zwei Freikarten für ein Konzert. Cathy-Jiakun geht mit. Sie wird das schon finden, denke ich. Wir treffen uns an der U-Bahn-Haltestelle Xinjiekou. In Wahrheit, weiß Jiakun zu berichten, ist der Konzertsaal aber noch etwa einen Kilometer zu Fuß entfernt, der gleiche Ort wie damals im Sommer. Wir müssen uns sputen. In zehn Minuten geht es schon los! Da freuen sich Jiakuns über den Asphalt knallenden Festtags-Hochhacken!
Es gibt die üblichen Stücke, klassische Gassenhauer, die die Chinesen so schätzen, Strauß, Donau, Radetzkymarsch und ein längeres modernes Stück mit Klavier, Geige und Gesang. Das gefällt uns am besten. In der Pause treffen wir meinen US-Kollegen Paul. Er hat auch eine Freikarte bekommen. Das Konzert gipfelt in einem Silvester-Konfettiregen in Gold! Danach brechen wir zusammen zu Michaels großer Silvesterparty am Konfuzius-Tempel auf. Es gibt kein Taxi. Wir nehmen Bus Nr. 1. Ich kenne den besser als sie. Sie kennt das Restaurant besser als ich. Ohne sie wäre ich irgendwo in der Nacht gestrandet, denn Michaels Mobiltelefon ist heute außer Dienst, wie ich feststellen muss, als ich ihn wegen unserer Verspätung anrufe. Als wir endlich eintreffen, fliegt Jiakun auf, weil sie sich gar nicht angemeldet hat. Noch schlimmer: Sie hat zwei ihrer Freundinnen eingeladen, die natürlich auch nicht angemeldet waren! Da hält sich Michaels Begeisterung spürbar in Grenzen, denn er hatte doch extra um persönliche Anmeldung gebeten, damit die Küche planen konnte. Jiakun wird den Rest des Jahres wegen dieser Peinlichkeit im Jammertal verbringen. Ich verordne ihr eine Grußkarte an Michael zum 1. Januar. Als Dankeschön für meine hilfreichen Tipps erhalte ich ein Neujahrsgeschenk: eine Tafel Lindt-Schokolade aus dem Wessi-Laden und einen Film aus Taiwan. Ich werde unisono aufgefordert ein Lied vorzusingen und wähle „Alle Jahre wieder“; da kann ich immerhin zwei Strophen auswendig und es ist auch nicht so hoch wie „O du fröhliche“ oder „Stille Nacht“. Beim Neujahrs-Countdown gibt es Chaos, weil die Uhr im Restaurant vor geht. Schließlich übernimmt Tom die Verantwortung für die richtige Zeit, aber seine Uhr hinkt hinterher.
(Foto: Jiakun, Michael und ich)
Die Tanten vom vorderen Tischende fangen noch an zu tanzen und zum Abschied wollen einige von ihnen noch meine E-Mail-Adresse, obwohl ich sie eigentlich nicht unbedingt wiedersehen muss. Immerhin: Eine der Tanten ist vom Fernsehen. Die kann mich mal auf ein Interview einladen. Ich tröste mich mit dem statistischen Faktum, dass 99,9 Prozent aller Leute, die meine E-Mail-Adresse erhalten, nie im Leben schreiben. Unter diese Quote wird vermutlich auch, und das ist dann schon eher bedauerlich, die Chinesin fallen, die seit einem Jahrzehnt in München lebt und entsprechend gut Deutsch kann. Jetzt besucht sie zu den Feiertagen ihre Familie.
Michael ist keine zwanzig mehr. Er muss nach Mitternacht ins Bett. Nach dem Fest, etwa um ein Uhr, schlendere ich mit Jiakun über die leer gefegte Einkaufsmeile am Konfuzius-Tempel. Es ist um die Zeit aber überhaupt nicht mehr bunt hier. Zu spät. Verödet förmlich. Feuerwerk gibt es übrigens auch weit und breit nicht zu sehen. Es gab ein behördliches Verbot. Man dachte wohl an die Katastrophe von Peking vor einem Jahr, als eine verirrte Rakete einen Bauriesen in Schutt und Asche legte. Jiakun sagt: "So, das war schon alles? Jetzt ist 2010?" Es ist eben doch nur eine Sekunde...

Jetzt gehn wir über'n See
Im Anschluss an den Gottesdienst in St. Paul's treffe ich außer meiner alten Bekannten Emilie überraschend viele Deutsche (darunter Evas Flugzeugbekanntschaft, einen Lehrer) und Danyu, die junge Autorin mit Neigung zu hysterischen Anfällen. Ich habe mich nämlich mit ihr zum Wandern verabredet. Wie immer kommt alles anders. Erst besteht Danyu darauf, mich, obwohl ich doch geschmierte Brötchen im Rucksack habe, in ein französisches Restaurant einzuladen, weil sie sich zum x-ten Mal für mein Empfehlungsschreiben an die Chicago Theological University (CTU) bedanken muss, und dann hat sich gestern Abend mein Ex-Kollege Helmut mitsamt Kolleginnen Ursula und Minjiong aus Yanji angekündigt. Wir wandern also nur einmal über die Inseln im Xuanwu-See und treffen dann um halb sechs die drei Rundreisenden zum Abendessen in dem Pizza-Restaurant bei mir um die Ecke. Zwischendurch im Bus hat mir die vielseitige Künstlerin unbedingt noch ihre Mappe mit Fotomodell-Bildern zeigen müssen. Hier eine Kostprobe. Sie ist es wirklich, aber ihr wisst, wie das mit solchen Fotos ist: Man kann kaum glauben, dass das die Person ist, die gerade im Bus neben einem sitzt.

Eine einfache Nudelgeschichte

Cathy überrascht mich mit Kinokarten für „Eine einfache Nudelgeschichte“, die erste Komödie von Star-Regisseur Zhang Yimou, kommt dafür aber auch 25 Minuten zu spät zum Sprachtraining. Ich habe derweil fleißig Vokabeln gepaukt. Als ich mich gestern im Kino umgehört habe, erfuhr ich, dass momentan alle Filme ohne englische Untertitel laufen. Ich bin daher skeptisch, kann dann aber doch noch ganz gut folgen. Erstens ist der Film der chinesische Neuaufguss von „Blood Simple – Eine mörderische Nacht“ und zweitens flüstert mir Cathy gelegentlich Übersetzungen schwieriger Abschnitte ins Ohr, wobei der Rand ihrer Brille auf etwas irritierende Weise meine Schläfe streift.
Weihnachten mit Steven und Jeremy
Wie im letzten Jahr feiere ich in der internationalen Gemeinde Weihnachten mit einem Festbankett. Steven und Jeremy nebst Familien nehmen sich meiner an, weil ich (in der Nähe des Büfetts) so allein in der Gegend herumsitze. Beide sind Lehrer, und zwar an der Universtiy of Astronautics. Steven hat eigentlich Physik studiert. Jetzt unterrichtet er Englisch. Jeremy erzählt von verschiedenen außercurricularen Aktivitäten, die er mit Steven verantwortet. Wegen der Kinder müssen beide früh weg und ich finde mich am Rand der Bühne wieder. Dort sind die Schokokrümel von der Torte gefallen und ich fülle damit mehrfach meine Dessertschüssel auf. Danach beginnt der stimmungsvolle Gottesdienst, der wie üblich im Kerzenschein endet. Nach dem Gottesdient spreche ich noch kurz mit Elysée und Martin aus meinem Hauskreis sowie einer Chinesin, die verbotenerweise zu den NICF-Gottesdiensten kommt. (Eigentlich dürfen zu einer Gemeinde von Ausländern nur Taiwanesen, Hongkong- und Macao-Chinesen gehen.)
Kärtchen und Chor
Tja, heute ist leider ein normaler Arbeitstag. Es ist trübe Luft, die Nacht scheint länger als am Montag, wo ich ja auch um 6.45 Uhr aus dem Haus musste. Ich spiele „Das Geschenk der Weisen" von O. Henry von CD vor. Ziel: Finden Sie den auktorialen Erzähler.
Zu einem „Fröhliche Weihnachten“ im Chor haben die lieben Studenten sich dann doch noch aufgerafft, als der Unterricht schon zu Ende ist. Youjin war mal wieder die Anstifterin. Die schickt mir auch immer SMS mit Glückwünschen zu Feiertagen. In der anderen Klasse bekomme ich zwei reizende Kärtchen von Liu Jian und Ma Yawen. Die beiden sind ein ganz entzückendes Pärchen: sitzen immer zusammen, gehen immer zusammen auf Klo und schreiben im Diktat immer dieselbe Note (mit verschiedenen Fehlern)! Und ihre Weihnachtsgrußkarten, die sie mir nach dem Unterricht immerhin nicht ganz zeitgleich überreichen, sind vom selben Hersteller. Ma Yawen bedankt sich in ihrer Karte für „die interessanten Unterricht“. Liu Jian wünscht: „Alles Gute!" Ich bin gerührt.
Essen muss ich heute ja nicht. Am Abend mache ich zwei Jahre Ferien. Ich habe es verdient nach dem langen Tag.
Maximo und Magendrücken
So richtige Vorweihnachtsstimmung kommt ja nicht auf, wenn man am 23. Dezember nachmittags mit freiem Oberkörper auf dem Balkon sitzt und liest. Zugegeben, ich bin gerade meine zwanzig Runden im Wutaishan-Stadion gelaufen, aber bei Winterwetter wäre ich sicher schon wieder abgekühlt. Der Kalorienverlust ist übrigens heute besonders sinnvoll, denn am Abend gibt es ein Weihnachtsbankett und diesmal werde ich nicht, wie im letzten Jahr, den Bus verpassen, der uns, eine Handvoll ausländischer Dozenten, in ein Nobel-Hotel kutschiert. Ich bin sogar zwanzig Minuten zu früh!
Constanza hat mich gleich ausgemacht hinten auf der Rückbank des Busses und setzt sich zu mir. Sie hat nicht nur an die von mir entliehenen DVDs gedacht, sondern mir auch noch ein kleines Weihnachtspräsent mitgebracht. Ich darf es aber erst morgen öffnen. Wir haben uns die letzten Monate freitags einige Male zum Essen getroffen, damit ich mein Spanisch etwas aufpolieren konnte. Constanza ist heute Abend glücklich und ich weiß auch, warum: Morgen trifft in Schanghai Maximo aus den USA ein. Der heißt nicht nur so, sondern ist es auch: der „maximo lider“ ihres Herzens nämlich, ihr seit seit vier Monaten schmerzlich vermisster Zukünftiger. Während wir dinieren, muss er schon unterwegs sein. Constanza wird ihren Vertrag nicht erfüllen und schon im März, nach einer Chinareise mit Maximo, in ihre argentinische Heimat zurückkehren, was meinem Spanisch sicher nicht zum Vorteil gereichen wird.
In einem vornehmen Festsaal haben sich auf Einladung der Provinzregierung von Jiangsu rund zweihundert Ausländer eingefunden und werden gleich zwanzig Meter Büfett-Tische abschreiten um sich mit Köstlichkeiten auszustatten. Constanza hat sich in den Kopf gesetzt, heute bei der Tombola etwas zu gewinnen, aber als das letzte Los gezogen wird und sie noch eine minimale Chance auf den Hauptpreis, einen weißen Plüschbären, siebzig Zentimeter lang, hat, schreit, als hätte ihn ein spitzer Gegenstand getroffen, plötzlich der 75-jährige Politik-Professor neben ihr auf, der in den sechziger Jahren einige Zeit in Argentinien verbracht und seiner bezaubernden Sitznachbarin an diesem Abend schon sein halbes Leben erzählt hat. „Ich habe noch nie etwas gewonnen!“, erläutert der sichtlich bewegte Gelehrte seinen emotionalen Ausbruch. Er lässt sich nun also vorne auf der Bühne den Plüschbären aufbinden. Uns anderen bleiben immerhin das gute Essen und einige folkloristische Tanz- und Gesangseinlagen. Der Ananasreis und die Schokowaffeln haben es mir besonders angetan. Constanza und ich setzen uns noch für ein Abschiedsfoto auf die von den Musikerinnen verlassenen Stühle auf der Bühne, als die Party aus ist, aber leider ist ihre Batterie mal wieder leer.
In der Nacht werde ich nur drei Stunden schlafen können. Magendrücken.
Der Mann im Baum
Der ältere Herr im Baum ist eigentlich die einzige nennenswerte Besonderheit am heutigen vierten Advent, aber dafür doch um so kurioser. Ich habe mich allein auf meinen Hausberg Zijin Shan begeben. Der Himmel ist heute strahlend blau. Auf dem Gipfel lungern wie immer allerhand Touristen herum und er, der Mann im Baum, hängt im Baum, mit den Kniegelenken in einen Ast eingehakt, Kopf nach unten. So hängt er da schon so lange, wie ich auf dem Gipfel raste, und liest Zeitung mit Hilfe von Steinen, die er auf die Seiten legt, damit der Wind sie nicht wegweht. Mir liegt es auf der Zunge zu fragen: „Warum hängen Sie im Baum?“, aber das kommt mir dann doch zu neugierig vor. Zumindest bestätigt sich der altbekannte Befund, dass die Jungen die Alten hier in China nicht mehr verstehen und umgekehrt.

Übrigens: Der Zijin-Berg ist genauso hoch wie der jüngst fertig gestellte Zifeng-Turm, den man von hier aus gut sehen kann: 448 Meter.
Meifa

Cathy hat es auch nicht leicht. Ende November haute sie die Schweinegrippe um und sie musste ins Krankenhaus. Und letzte Woche hatte sie Windpocken. Ein Unglück kommt eben selten allein. Und nun sitze ich mit ihr beim Frisör und sie hofft sicherlich, dass ein drittes Unglück ausbleibt. Das Jahr ist nämlich rum und Cathy will kürzere Haare. Ich weiß auch nicht, ich wollte nur mal fragen, was sie denn heute Abend noch so vorhabe, und das habe ich so klingen lassen, als hätte ich nichts dagegen, dabei zu sein. Tja, und nun sitze ich beim Frisör, einem hippen Laden, in dem ein halbes Dutzend Kunden gleichzeitig verschönert werden kann (deswegen sagt man jetzt auch Schönschnitt, "meifa", statt Haarschnitt, "lifa"). Dabei ist ja mein Jahr noch gar nicht rum und ich bin folglich nur Zuschauer. Zur Entschädigung lädt sie mich anschließend in Giuseppe Parisis CIAO ITALIA in der Shigu Lu ein. Sie ist fast die einzige Chinesin in dem vornehmen Laden. Typisch vornehmer Laden ist auch dies: Die Lasagne-Portion ist so klein, dass zwei davon für mich gerade gereicht hätten. Da Chinesinnen indes notorisch um ihre Schlankheit besorgt sind, schafft Cathy nicht mal ihre paar Nudeln in Sahnesoße.
Roter Wein und blauer Fleck oder: Weihnachtsfeier Teil 2
Gemeinsam mit Feiqian und Chen Dong alias Eva geht es mit dem Uni-Bus zurück in meine Wohnung. Im Bus bin ich so vertieft in das Gespräch mit Feiqian, dass ich erst beim Aussteigen merke, dass mein französischer Kollege Alain rechts neben mir sitzt. Der hätte ja auch mal was sagen können!
Wir sind um eins in meiner Wohnung. Aber erst mal gehen wir jetzt essen. Am Südtor treffen wir auf Xiaoqi, der auch zu dem Jahrgang gehört (einer von drei Jungs), aber nicht mit uns essen, sondern lieber seine Haare in Fasson bringen lassen will. Eva bestellt ein Reisgericht. Feiqian und ich entscheiden uns für etwas mit Pilzen. Schmeckt gut. Wir warten dann bei mir zu Hause auf Jinting, die Leiterin des Glühwein-Kommandos. Feiqian wartet draußen, damit Jinting uns finden kann. Bei mir in der Wohnung kümmern wir uns dann um die Zubereitung des Spezial-Glühweins, der heute Abend auf der Weihnachtsfeier der Deutsch-Abteilung serviert werden soll, das heißt, die Studentinnen kümmern sich darum. Ich korrigiere derweil ihre Geschichte-Tests. Denn bei Glühwein kann ich nun gar nicht helfen, schon gar nicht mit Rezepten. Wenn nichts zu tun ist, löchert mich Eva mal wieder mit indiskreten Fragen und will außerdem wissen, was sie im Test für eine Note bekommt. „Erst mal sehen, was die anderen geschrieben haben“, antworte ich. Eine völlig entnervte Yangliu ruft an, weil sie im Stau steckt und daher viel zu spät kommen wird. Dreimal sagt sie: „Ich habe eine Bitte an Sie. Aber, nnnng, wie kann ich das sagen?“ und macht mich ganz nervös damit. Ihr Problem: Da sie Xi Min versprochen hat, vorher mit mir den Ablauf durchzugehen, bittet sie mich, so zu tun, als wäre sie heute nie im Stau gewesen. „Solange ich nicht für Sie lügen muss“, sage ich.
Als ich in meiner neuen Jacke und meinem film-o-meter-Jackett (Outfit 1) im Saal eintreffe, muss ich zuerst Luftballons aufblasen, bei denen einem nach dreimaligem Pusten die Luft wegbleibt; dann saut Yijie alias Cecilia meine neue Jacke mit blauem Zeugs ein. Und das ging so.
Didus: „Was ist denn das?“
Cecilia: „Wollen Sie mal sehen?“ SPRÜH!
Und schon habe ich blaues Zeugs auf der Jacke haften. So schnell konnte ich gar nicht antworten. Cecilia scheint nun aber doch der Schreck in die Glieder gefahren zu sein, dass da so viel rausgekommen ist. Sie rubbelt verstört an meiner Jacke herum wie Loriot in einem seiner Pannensketche und verteilt das Blau auf dem gesamten Ärmel. „Keine Angst, das geht ganz leicht wieder ab. Beim Waschen.“ Die neue Jacke kostete umgerechnet 27 Mark. Und ich weiß genau: Im modernen China gibt mir das kein Recht empört zu sein.
Für die Weihnachtsfeier habe ich die ersten fünf Minuten des JESUS-Films von der Technik-Expertin der Studenten auf einen Computer kopieren lassen und lasse das anstelle einer langen Rede vom eigentlichen Sinn des Weihnachtsfestes laufen. „Was ging da damals ab?“, frage ich analog zum Motto der Feier.
Wesentlich besser kommt aber mein Lesestück „Leckere Weihnachtsplätzchen von Großmutter“ an (Kopie aus dem Vorjahr), eine Geschichte, bei deren Vortrag ständig um die Wette gerannt werden muss. Und ihren besonderen Spaß haben natürlich alle, als ich bei einer Lehrer-Vergesäßungsaktion pantomimisch als arroganter Darcy um die Gunst von Elizabeth Bennet („Stolz und Vorurteil“), verkörpert von einer deutschen Kollegin, buhlen muss. Am Ende muss ich auch noch tanzen. Alles abgekartet. Die Mehrens-Sprechchöre kamen wie auf Kommando und die Rolle des von der Liebe gedemütigten arroganten Schnösels, der dann auch noch tanzen muss: wie das kleine Einmaleins von allem, was ich hasse, auf fünf Minuten gerafft. Als Tanz wähle ich Ringelpiez mit Nach-drei-Sekunden-wieder-Loslassen. Klassischer Fall von guter Miene zum bösen Spiel. Außerdem ist mal wieder alles zu laut. Kurz vor Ende der Veranstaltung gehe ich ins Klo um mir Klopapier in die Ohren zu stopfen, renne aber danach in der Gegend rum wie diese Mars-Sonde, zu der Houston keinen Kontakt mehr hat. Mein persönlicher Höhepunkt ist die Musical-Version des Märchens vom Wolf und den sieben Geißlein, das, wie ich mir habe sagen lassen, durch eine Zeichentrickserie in China zu ungeahnter Popularität gelangt ist. Die Studenten des Jahrgangs 08 spielen das eindrucksvoll nach, unterstützt von Schafskopf-Stirnbinden aus Pappe. Beim Abschlussfoto muss ich Cecilia, die hinter mir steht, fast die Arme umdrehen, weil sie immer über meinem Kopf Häschenohren macht. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.
Schuss vor den Bug
Als heute Nachmittag die Magister-Studenten die Gliederungen und Entwürfe ihrer im nächsten Jahr fälligen Arbeiten vorlegen müssen, platzt der Fachbereichsleiterin, die zusammen mit mir und vier weiteren Professoren den Studenten gegenüber sitzt, der Kragen: Von ernsthaften Überlegungen, wie die Arbeit gestaltet werden soll, sind zumindest einige der Prüflinge noch so weit entfernt wie die Erde vom Mars. Hier zeigt sich ein ganz massiv verbreiteter Virus einmal mehr überdeutlich: die Aufschieberitits. Hinzu kommt, dass gerade die Studenten, die ihren B.A. an einer anderen Uni gemacht haben, einfach noch zu große Rückstände hinsichtlich der Befähigung zum selbstständigen und eigenverantwortlichen Arbeiten aufweisen. Dem Studenten Zhao geht die Kritik so unter die Haut, dass er während der Sitzung kurz raus muss. Einige Professoren haben Mitleid. Ich stimme der gestrengen Fachbereichsleiterin aber zu: ein plakativer Entwurf zu Walsers Romanen, der keinerlei inhaltliche Durchdringung des Themas erkennen lässt, ist dann doch zu wenig für einen Magisterstudenten.
Weihnachtsfeier Teil 1
Draußen regnet und stürmt es. Nachdem es gestern Abend ja ganz schön spät wurde, schlafe ich in Ruhe aus. Danach geht es ins Sprachlehrzentrum des Goethe-Instituts, das zu einer Weihnachtsfeier geladen hat. Ich sitze am Tisch mit einem Lehrer, der hervorragend Deutsch spricht, und vier Studenten, die besser in Englisch sind als in Deutsch. Frau Yi, die an einem anderen Tisch sitzt, beschere ich mit einem Buch. Dafür stellt sie mir in Aussicht, dass sie die überfälligen Bücher aus meiner Bibliothek bald zurückgeben wird. Adventslichter brennen und wir dürfen Papiersterne basteln, die dann an der Tafel des Unterrichtsraums aufgehängt werden. Der Weihnachtsmann kommt auch und hat sogar das „goldene Buch“ dabei, in dem die guten und schlechten Taten der Studenten aufgezeichnet sind. Mein Tischnachbar bekommt Stress wegen mangelnder Hausaufgaben, andere tadelt der Mann in Rot wegen der Verwendung eines Mobiltelefons während des Unterrichts. Die Leiterin des Zentrums wird gerügt, weil der Weihnachtsmann erfahren hat, dass sie nachts zu viel arbeitet. Aber es gibt dennoch Geschenke. „Stille Nacht“ und „O du fröhliche“ singen wir gleich zweimal, weil es im Liederheft nur vier Lieder gibt. Dabei sollten die Deutschen doch wissen, dass die Chinesen Singen lieben.
Kara-OK
Danyu, die exzentrische Künstlerin mit den manisch-depressiven Attacken, hat sich in den Kopf gesetzt, dass sie mich heute Abend zum Dank für ein Empfehlungsschreiben an eine amerikanische Theologie-Fakultät ins Restaurant einlädt, und meistens setzt sie ja ihren Kopf durch. Das gilt auch für die Idee mit dem Ausflug in eine Karaoke-Bar, von der sie zuvor gesprochen und von der ich insgeheim gehofft hatte, sie hätte das irgendwie vergessen. Diese Karaoke-Bars sind aber eigentlich gar keine Bars, sondern Parzellen oder meinetwegen auch Gummizellen, in denen man seine ganz privaten Partys feiern kann, was nebenan in einer größeren Zelle lautstark geschieht. Vor bequemen Sitzmöbeln steht ein großer Fernseher und daneben eine Art Computer, an dem man die Lieder, die man singen möchte, programmieren kann wie bei einer Musik-Box. Danyu trällert ein Lied nach dem anderen in das Mikrofon, das ständig übersteuert und die Lautsprecher gequälte Geräusche absondern lässt. Ab und zu ist mal ein englisches Lied dabei, daran darf ich mich dann versuchen. Ansonsten vergisst sie mal wieder Zeit und Raum und muss am Ende, so gegen ein Uhr, nach draußen und in den Fahrstuhl geschleift werden, weil für mich längst Kara-k.o. statt Kara-o.k. gilt. Im Fahrstuhl fällt sie mir schließlich um den Hals und draußen bricht sie in Tränen aus, weil sie sich von mir zurückgewiesen fühlt. Ich fühle mich maßlos überfordert.
Adventssingen
Mein ehemaliger Mitschüler Karl und seine Frau haben zum Adventssingen geladen. Ich nehme Bus Nr. 97 vom Bahnhof und memoriere den Namen der Station Yanmin Shanzhuang, den Karl mir genannt hat, damit ich den Ort, wo ich aussteigen muss, auch ja nicht verpasse. Da! Schon höre ich die Stimme im Bus „Yanmin Shanzhuang“ sagen. Schnell zum Ausstieg! Aber als der Bus hält, hört sich der Stationsname auf einmal anders an und ich steige lieber nicht aus. Denn bestimmt habe ich mir in der Nervosität nur eingebildet, dass die Stimme „Yanmin Shanzhuang“ gesagt hat, und in Wirklichkeit hat sie etwas ganz anderes gesagt. Bald wird mir klar, dass da mal wieder was schief gelaufen ist, und zwar, als plötzlich alles aussteigt und ich mit dem Fahrer allein im Bus zurückbleibe. Wenig später stehe ich in einer verlassenen Stadtrandgegend allein an einer Haltestelle, die definitiv nicht Yanmin Shanzhuang heißt und auch nicht mehr Ähnlichkeit mit Karls Kolonie hat als der Mond mit der Erde, und warte auf den ersten Bus, der in die Gegenrichtung fährt. Auch auf der Gegentour hält der Bus nur eine Station nach Yanmin Shanzhuang und ich muss noch mal 15 Minuten laufen. Es ist wie verhext. Und das am 2. Advent!
In Karls und Charlottes Ausländer-Siedlung sehen natürlich alle Häuser und Straßen gleich aus. Sie heißen auch alle gleich. Alles Gärten: Hui Jin Garden, Qi Fu Garden, Renmin Garden! Mein Gedächtnis lässt mich im Stich. Ich war im Mai zuletzt hier, aber damals wurde ich gefahren. Die Bauarbeiter, die ich frage, haben auch keine Ahnung und schicken mich in eine Sackgasse. Schließlich rufe ich Karl mit dem Mobiltelefon an, was ich nur höchst ungern tue. Im Hintergrund ertönt bereits lautes vorweihnachtliches Singen. Am Ende liest Karl mich auf der Straße auf und ich kann zusammen mit einem guten Dutzend Deutscher, die ihr eigenes Kulturgut wiederentdecken in „Vom Himmel hoch“ mit einstimmen. Und anschließend gibt es – Karl hatte nämlich kürzlich einen Termin in der Heimat – Lebkuchen und Mandelspekulatius (nicht die billigen von Aldi)! Gegen halb neun fährt mich der alte Schulfreund dann sicherheitshalber höchstpersönlich zum Bahnhof.
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