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Wird Didus die zarte Yijie erwürgen oder von ihr erschlagen werden?

Weder noch! Zwar ging der Prüfungsmarathon (drei Studentengruppen zu je neun Studenten und drei Professoren müssen in einer Disputation ihre B.A.-Arbeiten vorstellen) durchaus an die Substanz und fünf Studenten habe ich diese Woche schon mit lästigen mündlichen Nachprüfungen traktiert, aber Yijie, die in meiner Prüfungsgruppe sitzt und ihr Thema "Brigitte und Nüyou Love - Frauenzeitschriften in Deutschland und China" gekonnt vorgetragen hat, gehört natürlich nicht zu solchen Wackelkandidaten. Ihr wird heute die zweitbeste Leistung von allen bescheinigt. Da ist manch hartes Brot, das die Studenten in den vier Jahren zuvor zu kauen hatten, längst verdaut und somit auch kein Grund gegeben für gewalttätige Übergriffe.
Nach dem Prüfungsmarathon und der Notenkonferenz geht es dann traditionsgemäß in ein Restaurant (Studenten laden ein), in dem dann zwar nicht alle Hüllen, aber sehr wohl ein paar sittliche Hürden fallen. Dabei spreche ich gar nicht von gestellten Bildern, sondern von einigen vorwiegend männlichen Studenten, die dem Alkohol so stark zusprechen, dass es manchmal schon nicht mehr schön ist. Die sonst so eloquente Xinliu (nicht im Bild), die ich eben noch in pflegerischer Begleitung am Waschbecken vor dem WC angetroffen habe, liegt unansprechbar auf zwei Stühle hingestreckt. Yicheng, von mir im Vorjahr mit einer Nachprüfung drangsaliert, will mich zum Rauchen animieren. Er hält mich dabei so liebevoll im Arm, dass es den nüchternen Studentinnen beim Zusehen zu viel wird und eine ihn sanft von mir entfernt wie eine Zecke aus dem Hundefell. Lehrer Qin hat unterdessen zur Lulle gegriffen. Bisher wusste keiner von uns Kollegen, dass er raucht. Ex-Chefin Kong aus der Sippe des Konfuzius und dem edlen Weisen durch eine geradezu spröde anmutende Nüchternheit verpflichtet, kann ihre Entrüstung nur mit Mühe verbergen. Frau Chang muss wieder singen. Die Gläser sind wie üblich vorm Zerspringen. Und alles johlt. Ich muss eine Rede auf Chinesisch halten. Vier Sätze müssen reichen. Schließlich gellen "Jirou"-Rufe, auch deren englische Übersetzung "Muscle!" durch die Runde. Das ist der Kosename für den Kollegen Chang, der für sein ausgeprägtes Aufbautraining zwecks Erwerb einer präsentablen Muskelmasse berüchtigt ist. Er lässt (unterm T-Shirt, wie gesagt, nicht alle Hüllen fallen) seine Brustmuskeln zucken und zeigt seinen Bizeps. Die Mädchen sind völlig aus dem Häuschen. Bis auf Xinliu natürlich.

Schließlich wird es ruhiger. Vor allem Feiqian ist sprachlos. Denn Xiaoqi, seit gemeinsamem Deutschlandaufenthalt ihr Freund, hat als Conférencier so viel Antriebsflüssigkeit verbraucht, dass seine Kumpels ihn hinaustragen und hernach in ein Taxi verfachten müssen. "Die Party ist nun aus, und alle gehen nach Haus", resümiere ich. Eine Stunde später treffe ich auf dem Campus die brave Yangliu (sin-o-meter berichtete), die den Abend mit ihrem Freund ausklingen lässt, den ich bei der Gelegenheit auch endlich mal kennen lerne.
Die 30.000-Yuan-Frage
... lautet: "Akzeptieren Sie das?" und die Antwort lautet: "Nein!" und das Ganze hat natürlich wieder zu tun mit diesem Alptraum aus verwesendem Fleisch und hochtoupierten hellrot gefärbten Haaren, das hier aus unerfindlichen Gründen über eine Taxilizenz verfügt. Als hätte es noch eines Beweises bedurft, dass dieser Alptraum aus Gier und Fahruntüchtigkeit mit dem von mir verabreichten Kinnhaken noch gut bedient war, präsentiert sie nun vor den versammelten Polizeibeamten eine ganz neue Rechnung, bei der sich aufgrund irgendwelcher Arbeitskraftausfälle Unkosten auf 30.000 Yuan summierten, die ich natürlich zu begleichen hätte. Ich schüttele mit dem Kopf und traue kaum meinen Ohren. Auch die Belege für meine erste Rate, die man mir zur Einsicht überreicht, addieren sich nicht auf die bereits entrichtete Summe von 9.000 Yuan. Die Belege, die ich in der Hand halte, wirken in ihrer schieren Unzahl, als hätte jemand ein Jahr im Koma gelegen und sei dabei umfangreich medikamentös behandelt worden. Es ist alles mal wieder eine grausame Satire mit mir in der Hauptrolle! Es fing auch schon satirisch an heute Nachmittag nach dem Unterricht. Bei über dreißig Grad verlor ich, diesmal nicht von meinen treuen Kollegen begleitet, die ich nicht schon wieder belästigen wollte, erst mal die Orientierung, lief schließlich ein ganz anderes Polizeirevier an und stellte die dort versammelten Beamten mit meinen Aussagen erst mal vor ein Rätsel. Zum Glück rief Sophie, die Dame vom Auslandsamt, von der richtigen Polizeidienststelle zu meinem Ausbleiben befragt, zur rechten Zeit an. Ich reichte das Telefon einfach weiter. Dann gab es einen Lieferdienst der besonderen Sorte: Ich werde per Dienstwagen zur zuständigen Station eskortiert. Während dieser höchst skurrilen Dienstfahrt, ruft dann, um die Turbulenzen zum Höhepunkt zu treiben, Liu Chao aus Peking an, die erst mal einen Schreck bekommt: "Ich kann jetzt schlecht reden. Ich werde gerade von der Polizei abgeführt..." Schließlich betrete ich das Gelände der richtigen Polizeistation, wo die Tante mit dem hochtoupierten Haar schon auf mich wartet. Komisch, dass ich die eben nicht gefunden habe.
Bipolare affektive Störung
Beim Essen sind ihre Augen wie immer größer als der Mund. Jetzt soll ich die ganzen Suppen auslöffeln, die Danyu sich hat servieren lassen. Das Problem: Ich mag chinesische Suppen nicht besonders. Dann nervt die umtriebige Autorin so lange mit dem Gutachten, bis ich im Anschluss an das gemeinsame Mittagessen in eiskalt klimatisiertem Restaurant, das immerhin sie bezahlt (ohne zu wissen, dass heute mein Geburtstag ist), einwillige mit ihr ein Internetcafé aufzusuchen, um mir mal die E-Mail anzusehen, die eine New Yorker Anwältin geschickt hat. Ich bin zu ihrem Unwillen immer noch nicht überzeugt, aber sie kann die E-Mail ja mal an mich weiterleiten.
Als wir im Süden der Stadt in der Nähe des Stadttors Panmen den Kaiserkanal entlang wandern, auf dem Ausflugsschiffe an uns vorbeischwadronieren, kommt dann wieder ihre Bipolare affektive Störung zum Ausbruch. Danyu wird ausfallend, beleidigend und das Ganze klingt aus in der üblichen tränenreichen Depression, auf deren Höhepunkt sie sich (immerhin mit Blick auf den Kanal) an meiner Schulter ausheult. Das gibt sich aber wieder, als wir unter mächtigen Zeitdruck kommen und partout kein Bus zum Bahnhof kommt. Wir rennen zur großen Kreuzung – andere Bushaltestelle. Gerade noch erreichen wir einen Bus. Auf dem Bahnhof lasse ich sie zehn Minuten vor Abfahrt des Zuges alleine zum Bahnsteig rennen, während ich zur Gepäckaufbewahrung stürme und, da es die zweimal gibt, zunächst auch noch falsch anstehe. Wie immer schaffe ich den Zug dann doch noch. Fahrkarten hatten wir bereits mittags gekauft. In Nanjing wartet der Herr Papa, ein ca. sechzigjähriger, schmächtiger Mann mit grauem Haar, schon hinter der Absperrung. Danyu, geboren 1978, wird immer noch von Papa mit dem Auto abgeholt wie ein Schulmädchen. Kurz angebunden verabschiedet sie mich, nicht ohne zuvor noch mehrfach von dem Gutachten gesprochen zu haben.
Der Garten des Verwalters Wang
An der Nordpagode hole ich Danyu ab, die treue sin-o-meter-Leser bereits aus früheren Blog-Einträgen kennen und die die letzten acht Monate in den USA verbracht hat. Sie hat Neuigkeiten: Ihre Oma ist im Winter gestorben, aber ihr Vater wollte sie emotional nicht belasten und sie erfährt es erst bei ihrer Rückkehr. Die zweite Neuigkeit ist: Ihre Mutter sitzt wegen Falun-Gong-Aktivitäten im Gefängnis und kann nicht besucht werden. Wir durchschreiten gemeinsam den berühmten "Park des demütigen Verwalters Wang" aus dem beginnenden 16. Jahrhundert, der einige höchst malerische Ansichten bietet, weshalb er auch proppevoll ist. Das ist dann nicht mehr so malerisch. Natürlich ist dieses Treffen nicht ohne Hintergedanken. Die umtriebige Autorin, die in Chicago wegen ungebührlichen Verhaltens von der Katholischen Theologischen Universität (CTU) geflogen ist, bereitet einen Antrag zur Gewährung fortdauernder Residenz für herausragende Künstler in den USA vor. Und ich soll dafür eines von zehn Gutachten schreiben. Ich wende ein, dass ich kein einziges Werk von ihr gelesen hätte (ihre drei Bücher sind bisher nur in Chinesisch erschienen), wie sollte ich da ein Gutachten schreiben? Sie schlägt mir zwecks Bildung eines Urteils Zeitungskritiken und Resümees vor. Als ich immer noch Einwände habe, muss ich mir (sinngemäß) anhören, alle anderen Gutachter hätten ihr die Füße geküsst, um ihr ein Gutachten schreiben zu dürfen, nur ich hätte so überzogene Ansprüche.
Auf dem Tigerhügel
Vergleichsweise spontan habe ich mich, wie schon vor einem Jahr um diese Zeit, für ein verlängertes Wochenende in Suzhou entschieden. Ich kämpfe mich heute bis zum Gipfel des Tigerhügels, dem so genannten "Nummer eins Punkt" in Suzhou, vor. In einem von einem Kanal umschlossenen Park (12 Mark Eintritt)l thront auf dem Gipfel eines kleinen Hügels, zu dem man sich wahlweise durch das umgebende Wäldchen oder durch eine Reihe von Tempelportalen begibt, eine uralte Pagode, die, dem Schiefen Turm von Pisa nicht unähnlich, schon etwas angeschäkert ist und mithin leicht Schlagseite hat, weswegen sie leider auch nicht bestiegen werden kann. Etwas nervös bin ich schon am Eingang bei der Feststellung geworden, dass mein Telefon ausgerechnet heute kein Guthaben mehr aufweist, was aus zweierlei Gründen ärgerlich ist: 1. Meine Chefin, die Leiterin der Abteilung für Deutsche Philologie, hat quasi im Moment vor der Sperrung noch eine Mitteilung geschickt, ob ich ihre E-Mail schon gelesen hätte, was ich nun natürlich nicht bestätigen kann. E-Mail und Internet sind in diesen Tagen rund um den 60. Jahrestag der "Befreiung" Tibets ein Torso: ein Ding ohne Arme und Beine. 2. Gerade hat eine - man muss schon fast sagen: alte - Freundin ihren Besuch in Suzhou angekündigt, die bipolare Künstlerin Danyu. Zum Glück lässt mich der Ewige mal wieder nicht im Stich: In der Nähe des Eingangs zum Park findet sich ein "China-Mobile"-Laden. Für fünfzig Yuan kann ich aufladen und erfahre von der Chefin, dass ich ab nächster Woche einen Kurs (Zeitungslektüre) weniger habe. Die offizielle Begründung: Die Studenten wollten den beliebten Lehrer Qin vor dessen Abreise nach Deutschland noch mal im Unterricht erleben. Hat natürlich nichts damit zu tun, dass ich letzte Woche im Unterricht "Zeitungslektüre" eine Glosse durchgenommen habe, in der sich der Autor über die Zensur in China lustig machte, und eine andere, in der die Pressebeschränkungen während der Olympischen Spiele karikiert wurden, was am Schluss der Stunde mit der Frage quittiert wurde: "Können Sie bitte mehr Rücksicht auf unsere Gefühle nehmen?", worauf ich erwiderte: "Ich fürchte, da müssen Sie durch."

Sichtlich entspannt wandere ich den Kanal entlang - schicke Brücken überall - und kann schließlich die Parkwächterin sogar davon überzeugen, mich noch ein zweites Mal wieder in den Tigerhügel-Park zu lassen, obwohl die Technik meine Eintrittskarte als entwertet ablehnt. Leicht macht sie es mir freilich nicht: Ich muss am Ende eine alibihafte Quizfrage beantworten, mit der ich beweisen soll, dass ich schon drin war. Man wird ja noch mal fünf gerade sein lassen können! Dann bin ich drin und genieße nun den Park ohne die innere Unruhe, was die Chefin gewollt haben könnte. Die Quizfrage war eigentlich Blödsinn. Wenn ich vor fünf Wochen mit meiner ungültigen Karte hier gewesen wäre, wüsste ich ja auch noch, wie es in dem Park in etwa aussieht, und einen Prospekt habe ich auch. Ich bleibe so lange in dem Park, bis ich mich plötzlich ganz allein darin befinde und am Ausgang vor verriegelten Gittern stehe. Ich muss mal wieder klettern und springen.
Es wird dunkel und ich habe die üblichen Schwierigkeiten, einen Bus zu bekommen. Zum Glück habe ich einen Stadtplan mit allen Busverbindungen gekauft. Ich wandere in südlicher Richtung und bekomme dann einen Bus an einer etwa einen Kilometer entfernten Haltestelle.
Der Europa-Tag
... ist ein bisschen schwach auf der Brust. Die gemeinsam von Goethe-Institut und Alliance Française organisierte Ausstellung “Homo Urbanus Europeanus“ des französischen Fotografen Jean-Marc Caracci mit fünfzig Schwarzweißbildern aus 31 Hauptstädten Europas hat man nach fünfzehn Minuten ausgiebig in Augenschein genommen. Die als Konzert angekündigte Jazz-Musik der Gruppe "Wayne’s Basement”, eines 2009 in Schanghai gegründeten Akustik-Trios, ist mehr so eine Art Hintergrundgeplänkel. Und dass trotz zwanzig Mark Eintritt bei meinem leicht verspäteten Eintreffen in der ehemaligen Fabrikhalle (ich hatte bis 18 Uhr Unterricht) nur noch Reste am Büfett vorzufinden waren und sich die Getränkeauswahl auf Wein und Wasser beschränkt, ist für mich Grund genug für das Fazit: "Da geh' ich nicht wieder hin!" Daran ändern auch ein paar bekannte Gesichter wie Doppelmagisterstudentin Kathi oder meine Studentin "Eva", zugleich Goethe-Praktikantin, und auch die zwei netten jungen Damen von einer Unternehmensberatung nichts, mit denen ich ins Gespräch komme, nachdem eine von ihnen mir ein Taschentuch offeriert hat, weil ich mir beim Schlemmen der kargen Reste offenkundig die Finger eingesaut habe.
Pavillon der Dämmerung
Bei ziemlich schwülen 30 Grad Celsius und mehr picknicke ich heute mit der charmanten Li Jianqing im Park auf einer der Inseln im Xuanwu-See. Anders als bei unserem letzten Besuch an gleicher Stelle (sin-o-meter berichtete) bleibe ich heute von Störungen im Magen-Darm-Trakt verschont, obwohl ich fast alle zuvor im Supermarkt erworbenen Artikel selbst essen muss. Die kleine Li, wie sie sich selbst nennt, rührt nur Joghurt und Bananen an. Das kennt man ja von den jungen Damen mit ihrem Schlankheitswahn. Außerdem wird sie nicht müde, über die Hitze zu stöhnen, wobei ich ihre sittlich zu missbilligende Verwendung des englischen f-Wortes zu rügen habe. Ich muss zuweilen doch arg an der Kinderstube der kleinen Li zweifeln.
Abends treffe ich die Studentin Liu Meng, der ich noch eine Einladung zum Essen schulde. Da die kleine Li unbedingt noch einen Blick auf den See in der Dämmerung werfen möchte, wozu wir uns zu einem verlassenen Aussichtspunkt auf der Nordseite der Insel begeben, muss ich die Pizza-Verabredung mit Liu Meng um eine Stunde verschieben, was diese aber nicht übel nimmt.
Du, die Bude ist voll!
Heute ist meine kleine Bibliothek mal richtig gut besucht. Das so genannte Exzellenz-Programm (Vorbereitung von Vorzeige-Studenten auf ein Studium in Deutschland) unter der Leitung meiner Kollegin Katharina ist auf Exkursion und besucht in diesem Rahmen auch die deutsche Leihbücherei. Die muntere Studentenschar steht, während ich am Schreibtisch mit meiner Studentin Youjin über ihre B.A.-Arbeit zum "Grenzgang" von Stephan Thome (den kennen wir doch - sin-o-meter berichtete) beratschlage, schon eine ganze Weile draußen vor der Tür in der Gegend herum und Youjin und ich fragen uns: "Wollema se reilasse?" Da stürmen sie auch schon herein, die Horden!
Zur Belohnung für meine rudimentäre Einführung darf ich abends als Ehrengast am großen Pizza-Essen im deutschen Restaurant "Swede und Kraut" teilnehmen. Ich sitze neben Schneewittchen (die kennen wir doch - sin-o-meter berichtete). Auch von Kollegin Katharina gibt es Neues: Sie hat sich im Winter einen Amerikaner geangelt (oder von ihm angeln lassen), der auch mit am Tisch sitzt. Im Sommer wird in Amerika geheiratet. Man soll ja immer das tun, wovon man am meisten überzeugt ist!
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