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Der Gastspieler
Und nun die Pointe des Zusammentreffens mit Huilin. Letzte Woche und auch diese Woche spiele ich Tennis mit meinem Tenniskumpel Peter, und zwar wo? Genau dort, wo Huilin studiert: auf dem Gelände der Agrarwirtschafts-Uni. "Are you sure you are coming to my university?", fragt sie per SMS, als ich in der U-Bahn auf dem Weg bin. Ich antworte: "Pretty sure!" Sie trifft dann sogar noch vor Peter auf dem Platz ein. Ihr Zimmer liegt in Sichtweite der Tennisanlage, ca. hundert Meter entfernt. Welch ein Zufall, staunen wir. Nachdem ich sie mit Peter bekannt gemacht habe und wir uns die Bälle um die Ohren hauen, immer in Furcht vor einem drohenden Gewitter, verschwindet Huilin, um uns zwei Dosen Pepsi zu kaufen, die sie vor dem Gehen in meine Tasche packt. "Du warst an meiner Uni", schreibt sie mir später, "ich bin Gastgeber, du bist Gast." Wer kann sich dieser Logik widersetzen?
Das Mädchen auf der Bank
Das gibt es eigentlich nur im Film, dass ein Mann auf einer Bank im Park mit Blick auf einen malerischen See sitzt, dass eine junge Frau sich dazusetzt und dass die beiden in ein Gespräch geraten, das den ganzen Nachmittag (sechs Stunden) dauert. Im Film - oder in China. So geschehen mir, heute nach dem Gottesdienst. Ich wollte eigentlich nur in Ruhe Ostwind - Westwind lesen, aber nachdem ich einem Bettler auf Chinesisch erklärt habe, dass ich kein Kleingeld hätte, was Huilin mit einer anerkennenden Bemerkung bedacht hat, und nachdem ich erspäht habe, dass sie in einem dicken Wälzer über europäische Literatur blättert, kann ich meine Neugier nicht bezähmen und will natürlich wissen, ob sie zufällig das studiere, was ich unterrichte. Nein, dem ist nicht so, sie studiert an der Universität für Agrarwirtschaft undsoweiter undsofort. Sechs Stunden. Before Sunrise lässt grüßen.
Yanglius Abschied
Prüfungen erst morgen wieder. Ich liege noch mit laufender KlimAAnlage in der Koje, da hat Yangliu (sin-o-meter berichtete) schon zweimal angerufen. Sie tut es auch noch ein drittes Mal, nachdem ich mein Telefon laut geschaltet habe. Grund: Heute seien ihre Eltern da, um sie abzuholen. Sie laden mich als alten Freund der Familie zum Essen ins "Babela's" um die Ecke ein. Wer kann dazu schon nein sagen!?
Ihre Mama hat 'ne neue Frisur, die ich, aufmerksam wie immer, natürlich sofort bemerke (sie ist auch erst einen Tag alt). Ihr Papa schüttelt meine Hand und ich sehe den halbierten Zeigefinger, der bei meinem Besuch 2009 noch bandagiert war. Als wir in den Fahrstuhl steigen, merke ich endlich, dass der junge Mann, der sich immer in vornehmer Distanz zu uns gehalten hat, auch dazugehört. Es ist Yanglius Freund (auf dem Foto sieht man sie mit seinem Vorgänger). Ganz nett, wie ich finde. Er taut beim Essen auch noch etwas auf. Studiert Jura und macht ein Praktikum. Geld ist knapp. Leider wohnt er nicht so ganz in der Nähe ihrer Heimatstadt, in die sie heute erst mal zurückzieht, aber mal sehen...
"The Kids Are All Right"
Heute haben meine sechs Magister-Studentinnen Prüfung (darunter auch die zarte Yijie, siehe unten). In diesem Kurs gibt es nur As und Bs. So talentierte Studenten möchte man als Lehrer immer haben. Als Dankeschön für die sorgsam ausgearbeiteten Referate, die sogar meine immer überzogenen Erwartungen erfüllen, gibt es eine Einladung in die "Green Cuisine", ein vegetarisches Restaurant, in dem ich nicht zum ersten Mal mit Studenten zu Gast bin. Am Südausgang treffe ich mich im Anschluss an die Prüfung um halb 7 mit Yixuan, Wu Fei und Yijie, während Yinyin und die anderen beiden gerade im Bus an uns vorbeifahren. Yixuan hat sie gesehen! Sie waren am Nordende der Uni eingestiegen. Natürlich zeigt sich nach dem langen Warten am Busstand und danach im Bus, dass ich wieder mal Recht hatte: Mit der U-Bahn wären wir schneller gewesen...
Am Ende lassen sie es sich fast zu gut gehen. Yijie legt mir ein leckeres Bällchen nach dem anderen auf den Teller: "Was da genau drin ist weiß ich auch nicht, aber lecker, oder?" Die hochbegabte Yinyin will mir in der guten Laune des Abends einen Bären aufbinden: Sie sei ein philippinisches Waisenkind, adoptiert von zwei Frauen. Haha, sage ich, wohl zu viele amerikanische Filme gesehen. Das sei ja genau wie in dem Film "The Kids Are All Right", den ich übrigens NICHT empfehlen kann. Später wird sie schreiben: "Bitte nicht ernst nehmen. Ich war wohl besoffen!" Nur: In der "Green Cuisine" gibt es gar keinen Alkohol. Die dortigen Muultrecker sind Essigsäfte!
Während die anderen feiern...
..., nämlich das 25-jährige Abi-Jubiläum, feiern wir auch, d.h. Karl (siehe Eintrag vom 8. Juni) und ich, immerhin zusammen rund 4 % des Jahrgangs. Zwar handelt es sich eigentlich um ein Sommerfest aus Anlass des Abschieds der Familie von Bodelschwingh aus Nanjing nach immerhin drei Jahren, aber Karl und ich genehmigen uns desungeachtet einen Muultrecker auf "Abi '86". Außerdem macht der Sommer heute Pause, denn eine Kaltfront mit Regen hat die Temperatur auf für Nanjing im Juni sagenhafte 18-20 Grad sacken lassen. Als ich Karls Freund und früherem Kollegen Michael (sin-o-meter berichtete), der zusammen mit Gattin Linda ebenfalls zu den Gästen gehört, von meiner Unbill mit der Taxi-Tussi berichte, erklärt der sich spontan bereit, mir mit Rat und Tat zur Seite zu stehen: "Kopier das mal alles und gib es mir Montag. Ich habe einflussreiche Freunde." Nachdem Martin aus Simbabwe mir gestern bereits den Vorschlag einer siebenwöchigen Gebetskette ("to step on the devil's head") unterbreitet hat, dürfte es nun allmählich aufwärts gehen für mich in diesem desaströsen Drama.
Im späteren Verlauf des Abends gerate ich zwischen die Fronten von Karls Schwager Christian, der in Peking als Korrespondent der F.A.Z. tätig ist, und einer reichlich angeschäkerten blonden Deutschen mittleren Alters und Bildungsgrades, die plötzlich neben mir, ihm gegenüber sitzt und uns ein Gespräch aufzwingt. Dabei zieht sie eine Fluppe nach der anderen durch und wenn sie China erwähnt sagt sie "Scheina", als gäbe erst das ihr das Recht als Ausländerin ernst genommen zu werden. Dabei ist sie doch hier unter Deutschen. Scheina also, das Land sei ja viel besser, als die notorisch negativen Journalisten immer schrieben. So habe in einer Firma in Chongqing einst eine Schwangere, die in Wahrheit gar nicht schwanger gewesen sei, für einen Skandal gesorgt und der "Spiegel" sei voll drauf reingefallen. Ich gebe zu bedenken, dass der "Spiegel" eigentlich immer recht gut recherchiere und sich gründlich absichere. Christian geht dagegen eher undiplomatisch auf sie los und berichtet von brutalen Rechtsverletzungen, etwa beim Staudammbau. Die Frauen ausländischer Experten würden so was natürlich nicht zu sehen bekommen. Aber Journalisten hätten dorthin zu gehen, wo das offizielle China die Ausländer nicht so gern habe. Schon sind wir bei der Grundsatzfrage, ob China reif sei für die Demokratie. "Nein", schließt das die Dame kategorisch aus, die Diktatur sei gut für Scheina. Scheina sei ein Riesenreich, das keine Demokratie vertrage. Wenig später sind wir bei Hitler, der dann ja auch gut für Deutschland gewesen sein müsste. "Und überhaupt", meint Christian, "vielleicht solltest du etwas weniger trinken." Ich versuche bei der Hitler-Sache noch mal kurz zu vermitteln und bekomme als Lohn die volle Breitseite, noch ehe ich meinen Satz zu Ende gesprochen habe: Ha, Hitler sei ja ein Gegenbeispiel für Demokratie, da die Deutschen ihn selbst gewählt hätten. Schließlich wird es für die Dame auch Zeit, sich irgendwo noch was zu trinken zu besorgen. Kurz darauf muss auch ich gehen, um die U-Bahn noch zu erwischen, die zwanzig Minuten Fußmarsch entfernt verläuft.
Ich schaffe die U-Bahn, muss aber in Minggugong noch mal aussteigen, weil ich Danyu versprochen habe, ihr unverzüglich die Tasche auszuhändigen, die ich aus Versehen mitgenommen habe, als wir am Abend von der Uni aus mit dem Bus in die gleiche Richtung gefahren sind. Eigentlich wollte sie mich mal wieder in eine Kun-Oper einladen (siehe Eintrag Skandal im Sitzbezirk). Ich fand die Idee gut, hatte mir Karl doch am Mittwoch auch schon davon vorgeschwärmt. Letzte Woche standen wir bereits einmal vor dem Gebäude. Doch Danyu, deren Divenhaftigkeit nur noch von ihrem katastrophalen Organisationsvermögen übertroffen wird, hatte sich nicht mal informiert, ob und wann Vorstellung war. An dem Abend gar nicht. Als ich mich am Nachmittag am Computer über die historische letzte "Wetten dass..?"-Sendung mit Thomas Gottschalk informierte, auf dem Bild der beliebte Moderator mit Hunziker, Klum undsoweiter, fragte sie mich, ob ich das sei. Ich nutze natürlich die Gelegenheit und erwidere: "Klar, sieht man doch, dass ich das bin..." Ich hätte doch früher mal eine Fernsehsendung gehabt, in der ich gelegentlich mit Filmstars in Berührung gekommen sei. Immerhin ist dieser Teil der Erläuterungen wahrheitsgemäß. Und Danyu, die selbst kurz davor ist, einen Vertrag mit der lokalen TV-Station zu schließen - als Moderatorin oder Schauspielerin -, wundert sich nicht weiter. Nur die schönen Frauen um Gottschalk herum machen sie nervös... "Always so many girls around you!", moniert sie. "Nur beruflich", erkläre ich. Langer Rede kurzer Sinn: Hätte sie auf ihre Diva-Allüren verzichtet und mich später auf dem Weg zum Bus nicht gebeten, ihre blöde Tasche zu tragen, damit sie ihr Dessert essen konnte, wäre ich auch sicher heute Abend nicht mit ihrer Tasche ausgestiegen.
Jetzt steht sie erleichtert, aber auch noch etwas zerknittert wegen der zehn unbeantworteten SMS auf meinem auf Stumm geschalteten Telefon auf der anderen Seite der elektronischen Fahrkartenkontrolle, um ihre Tasche mit dem neuen "Ei-Phone", Geschenk von Papa, das sie sich sowieso bald klauen lassen wird, in Empfang zu nehmen. Auf die Minute genau. Denn ich muss sofort wieder nach unten. Die U-Bahn, die jetzt kommt, ist nämlich definitiv die letzte heute.

Hängt ohne Tasche ganz schön durch: Hysterikern Danyu
Das Pfingstwunder
Sie sehen nicht so aus, als könnten wir sie schlagen: große Kerls, die mit ihren einheitlich rot-weißen Trikots wirken wie eine eingespielte Mannschaft. Dagegen wir: eine bunt zusammengewürfelte Truppe aus fast so vielen Nationen wie von unserer Mannschaft Spieler auf dem Kunstrasen stehen. Unser Torwart sieht aus wie Bob Marley, unser Mittelfeldregisseur heißt Kennedy, hielt heute die Predigt und ist weit von der Idealfigur eines Fußballers entfernt. Die meisten sind Afrikaner, der 22-jährige Kanadier Ben und ich die einzigen Weißen in dem wilden Haufen der Nanjinger internationalen Gemeinde (NICF), die das Fußballfeld eigentlich für das alljährliche Abschiedspicknick gebucht hat, bei dem traditionell diejenigen Gottesdienstbesucher und Mitarbeiter mit Gebet und Gesang verabschiedet werden, die die Stadt (und meist auch das Land) im Sommer verlassen werden. Aber die durchtrainiert wirkenden Chinesen in den rot-weißen Trikots, die den Platz am Olympiazentrum (wo 2014 die Jugend-Olympiade stattfindet) ab vier Uhr haben, haben hinter unserem Rücken mit dem Ball am Fuß bereits das Feld übernommen; da hält es die Fußballverrückten unter uns nicht mehr an den Picknickkörben. Rasch ist ein halbstündiges Freundschaftsspiel ausgemacht. Und da spazieren sie auch schon, keine fünf Minuten sind gespielt, durch unseren Strafraum. Den Freistoß, der zum tödlichen Pass wird, habe ich an der Außenlinie verschuldet. Bob Marley im Tor kann nur noch zusehen, wie das 0:1 fällt. Die Euphorie währt nicht lang: In der Abwehr tun sich auch bei den langen Kerls Löcher auf. Vielleicht traut sich auch keiner dem in Ermangelung von Fußballschuhen barfuß spielenden Dribbelkünstler aus Malawi oder Ghana auf die Füße zu treten, der da im Sturmzentrum wirbelt. Er kommt zum Schuss: Ausgleich. Wenig später kann der Torwart der Chinesen einen Distanzschuss nicht festhalten. Der Ball trudelt vor meine Füße, ich muss nur noch in Gomez-Manier abstauben und bin froh, dass ich den Ball nicht über die Latte gehauen habe: Jubel über das 2:1. Nun verlieren die Chinesen völlig die Übersicht, agieren im Sturm harmlos wie Arminia Bielefeld, während die Afrikaner Samba tanzen zum 3:1. Und Ben, frisch gebackener Vater einer Tochter, gelingt Minuten vor Schluss sogar noch ein Wembley-Tor aus der Distanz. Endstand 3:1 oder 4:1 - es spielt keine Rolle. Wir staunen nur über dieses kleine Pfingstwunder, freuen uns und leeren Wasserflaschen im Akkord. Afrika steht im Fußball eben doch eine ganze Ecke vor den Chinesen. Gastfreundlich, wie Chinesen so sind, verbrüdern sie sich nach dem Spiel anerkennend mit uns. Beim obligatorischen Fototermin dienen sie uns als Fotografen. Einige wechseln auch mal schnell die Seite und kommen mit aufs Bild.
Die von mir beigesteuerte Wassermelone hat das Picknick unterdessen unbeschadet überstanden: Niemand hat sich getraut, sie aufzuschneiden. Ich schenke sie Bens dreiköpfiger Familie, die mit mir gemeinsam mit der U-Bahn nach Hause fährt.
Cruise Missile
Langsam wird die Zeit knapp für Karl, denn seine drei Jahre an der Spitze von Bosch-Siemens-Haushaltsgeräte in Anhui neigen sich dem Ende zu. Wir haben daher beschlossen, uns vor der großen Abschiedsparty noch mal zu treffen. Karl hat ein mexikanisches Restaurant mit Klinik-unter-Palmen-Flair ausgewählt. Wir sitzen also draußen unter Palmen und essen Enchilladas. Ich erzähle von der 30.000-Yuan-Frage und Karl wetzt bereits die Messer, um mit Hilfe eines Anwalts Druck zu machen. Am Nebentisch wird es unterdessen immer lauter. Drei befreundete Chinesen sitzen dort um ein durchsichtiges Bierfass herum, das die Gestalt einer Cruise-Missile-Mittelstreckenrakete hat und offenkundig auch genau demselben Zweck dient, nämlich möglichst viele Menschen in möglichst kurzer Zeit außer Gefecht zu setzen. Als ich bereits im Aufbruch begriffen bin, verbrüdert sich Karl kurz entschlossen mit der Horde. Der auf der uns zugewandten Seite sitzende, etwa vierzig Jahre alte Herr erweist sich als Anwalt. Wer weiß, vielleicht heuert Karl den nach ein paar Bier noch für mich an! Der Tisch ist klebrig-feucht; das ist kein Wunder, denn beim Zapfen geht jedes Mal die Hälfte am Glas vorbei. Oder die Gläser sind so randvoll gefüllt, dass sie unmöglich unfallfrei am Munde anlangen können. Karl stimmt in den fröhlichen Zapf-mich-oder-ich-fress-dich-Reigen ein, der Rhythmus, wo man immer mit muss. Also bleibe ich noch etwas. Plötzlich ist einer der drei Freunde verschwunden. Als er torkelnd wieder auftaucht, strandet er erst mal bei den zwei Damen am Nebentisch, um ihnen einen auszugeben. Er hatte ja auch zuvor schon überdeutlich bekundet, dass eine von denen ihm gefalle. Sicher haben die beiden Chinesinnen genau von diesem Moment den ganzen Tag geträumt!
Inzwischen besteht die Cruise Missile nur noch aus durchsichtigem Glas. Ich denke, nun ist bald Schluss hier. Karl hat bereits einen Anruf von Charlotte bekommen. Ja, er sei quasi im Aufbruch befindlich. Ungünstig nur, dass jetzt gerade - ich traue kaum meinen Augen - noch einmal nachgerüstet wird und die zweite Bierrakete mitten auf dem Tisch andockt. Das ist für mich das richtige Signal. Da ich kein Bier trinke, bin ich in der Runde ohnehin so etwas wie der Spielverderber von der Friedensbewegung, eine Rolle, die mir so wenig behagt, dass ich schließlich nach mehrfacher Ankündigung aufbreche. Es ist schon nach elf. Ich werde vielsilbig verabschiedet. Doch am Ausgang bleibe ich bei meinen beiden blonden deutschen Kolleginnen Kathi und Kathi hängen, die die Cruise Missile schon eine Weile aus kritischer Distanz beäugt haben. Nicht, dass da noch was in die Luft fliegt!
Liebeskummer
Heute ist ein landesweiter Feiertag: das Drachenbootfest. Ich sitze nach einem heftigen Regen, der die Luft abgekühlt hat, mit meiner derzeitigen Lektüre am Hanzhong-Tor auf einer Bank - immer auf der Hut vor Mücken. Da, wo ich eben saß, hat mich eine allzu lautstark auftretende Rentnertruppe vertrieben. Hier nun steht schon eine ganze Zeit ein langer, sportlich wirkender Student in knallblauer Trainingsjacke ziellos in der Gegend herum. Schließlich setzt er sich neben mich und beginnt eine Unterhaltung. "I am sad today!", bekennt er mit belegter Stimme. "I just broke up with my girl-friend." Ich erspare ihm die Nachfrage, ob nicht vielleicht eher die Freundin mit ihm Schluss gemacht habe, so wie er die Sache aufnimmt. Denn ich weiß natürlich genau, wie der arme Junge sich fühlt. Schließlich kenne ich die Situation ja aus einer ganzen Reihe amerikanischer Fernsehserien und zeige mich gewappnet mit Ratschlägen auf dem Niveau von: "Alles ist schwer, ehe es leichter wird" oder: "Am Anfang ist es schwer, nach ein paar Wochen wird es besser". Er bedankt sich, als hätte er soeben Rat von einem weisen Shaolin-Mönch eingeholt, und setzt seinen Weg durch den grauen Tag fort. Schließlich vertreiben mich auf dem Pflaster vor mir Fußball spielende Kinder, deren Zielgenauigkeit zu wünschen übrig lässt. Alles ist schwer, ehe es leichter wird!
Matchball in der Metro

Es ist so eine Art Vogelschießen auf Großstadtniveau, das sich heute, am Sonnabend vor dem Drachenbootfest, rund um den Mochou-See ereignet: überall Stände, an denen man Getränke und Naschwerk erstehen kann, und ein Wettbewerb, bei dem natürlich keine Vögel und auch keine Tontauben geschossen werden, sondern bei dem das schnellste Boot gewinnt. Je drei Schiffe starten gegeneinander. Cathy hat mich zu diesem Spektakel überredet. Sie selbst ist mit einigen Freunden aus der deutsch-chinesischen Firma BSH (Bosch-Siemens-Haushaltsgeräte, Karls Firma) gekommen. Wir stehen am Westufer auf einer schwimmenden Plattform, die sich unter der Last der Zuschauer zeitweise bedenklich in den See senkt. Leider ist das Wetter ziemlich regnerisch und da ich für den Nachmittag von meinem Tennis-Kumpel Peter per SMS zu einer ominösen Tennis-Party ("You will cook for yourself!") anlässlich des Finales von Roland-Garros geladen bin, verlasse ich frühzeitig das sinkende Schiff, will sagen: bekomme gar nicht mehr mit, wie die Ruder-Mannschaft von BSH im Halbfinale ausscheidet, was Cathy mir aber flugs per SMS nachreicht. Auch BASF hat es nicht gepackt. Schlechter Tag für Deutschland. Guter Tag für China.
Peters Party ist von ganz eigener Art: Erst mal muss ich einem Chinesen an der U-Bahnstation mein Telefon in die Hand drücken, damit der mir auf Peters Instruktion hin die Richtung zeigen kann. Peter holt mich dann nach einem schweißtreibenden Fußmarsch an der Kreuzung Weigang ab. Danach hängen wir, ein halbes Dutzend Freunde und Kollegen, Kleinkram knabbernd am Stubentisch herum. Ein Amerikaner, den ich aus der Kirche kenne, muss wie zuvor ich mühsam per Telefonfernsteuerung ans Ziel gelotst werden. Dann gibt es eine Runde Frisbee im Park (mir zu heiß, ich schaue zu). Schließlich müssen die Gäste die Sachen für den Verzehr erst mal selber aus dem Supermarkt holen und selbst bezahlen, ehe sie sie dann selbst zubereiten. Ich verspreche Spaghetti. Da es die im SUGUO nicht gibt, weiche ich auf Hamburger aus. Dabei liegt der Kikoku (Kinder-Kochkurs mit Birte), zu dem mich Tante Anneliese in den Sommerferien 1981 oder 1982 überredet hat, so lange zurück, dass ich nur mit Mühe erinnere, wie die gehen. Aber irgendwie wird aus dem Kilo Hack, zwei Eiern und einer Zwiebel, die ich zwei Brillenträger aus dem Kreis der Geladenen schneiden lasse, dann doch noch ein echter Renner. Das liegt sicher nicht nur am Kikoku, sondern auch daran, dass ich die Verantwortung für das Salzen (zwei Esslöffel) einer der im Kochen etwas geübteren Damen überlassen habe, die neben mir in der Küche herumwuseln und deren Gerichte Güteklasse A haben, wie sich alsbald erweist. Der letzte Hamburger verschmort in der Pfanne, während wir längst alle satt in den Seilen hängen. Nach ein paar Runden UNO, bei denen ich mich vergeblich bemühe, vernünftige Regeln zu installieren, gibt es auch schon den ersten Ballwechsel zwischen der Chinesin Li Na und Schiavone aus Italien. Ärgerlicherweise müssen wir Peter beim Stand von 4:4 im zweiten Satz (völlig unnötiges Rebreak von Schiavone) alleine lassen, damit wir die letzte U-Bahn noch erwischen. Der Amerikaner hat schon seit dem ersten Satz alle nervös gemacht.
Noch mehr Chinesen als sonst kleben in der U-Bahn an ihren Mobiltelefonen. Sicher gibt es da überall Live-Ticker. Beim Umstieg in Linie 1, wo ich mich von meinen Mitreisenden trennen muss, dann nach einem zunächst missverständlichen Telefonat mit Peter die erlösende SMS: "Li Na win". Klarer Fall: Peters Englisch ist nicht so gut wie Li Nas Rückhand. Ich ärgere mich. Hätte es einen dritten Satz gegeben, hätte ich den bei mir zu Hause in aller Ruhe verfolgen können. Den entscheidenden Tie-Break (7:0) sehe ich an diesem Abend trotzdem noch: Das chinesische Sportfernsehen wiederholt die entscheidenden Bälle zum historischen Triumph in einer Endlosschleife.
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