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60 Jahre Volksrepublik China - Teil 1
Die Entdeckung des Abends heißt Constanza. Sie trägt eine Brille, deren Gläser in ihrem Gesicht wirken wie Wohnzimmerfenster; der Rest ist eine Mischung aus Penelope Cruz und Anne Hathaway, allerdings die weniger attraktive Ausgabe von Anne Hathaway wie in der ersten Filmhälfte von „Plötzlich Prinzessin“, als Anne noch diese hässliche Brille tragen muss. Anne, ich meine, Constanza, ist aufgewachsen und studierte in Buenos Aires. Jetzt kommt sie gerade aus Japan, wo sie wohl auch unterrichtet hat. Hier an der Nanjinger Uni unterrichtet sie Spanisch-Studenten im letzten Studienjahr in Geschichte. Es macht mir einen Riesenspaß an Constanza meine angestaubten Spanisch-Kenntnisse auszuprobieren. Sie hält mich anfangs, im Bus, der uns zum großen Festbankett anlässlich des 60. Jahrestages der Gründung der Volksrepublik China bringt, für einen Franzosen und will wissen, aus welcher Gegend in Frankreich ich komme. Sehr schmeichelhaft. Ich verweise auf meinen Sitznachbarn, der wirklich Franzose ist.
Auf drei endlos langen Tischen erwartet uns im großen Saal eines Nobelhotels ein endloses Büffet mit lauter Köstlichkeiten. Schon jetzt steht fest: Heute werde ich wieder essen bis zum Umfallen. Dazu spielen noch traditionelle chinesische Musiker und Musikerinnen, am Ende gibt es ein Solo im Peking- oder Kun-Oper-Stil inklusive Maske. Vorher die Reden. Auch ein deutscher Vertreter von Bosch, der größten deutschen Firma hier in Nanjing, darf eine Ansprache halten. Es hört aber schon seit seinem Vorredner keiner mehr zu. Alles brabbelt durcheinander. Ich muss mich vor die Bühne drängen, um den Worten meines Landsmanns lauschen zu können. Aber es sind ohnehin immer dieselben Floskeln, die in China nie Rost ansetzen. Ein Amerikaner mäkelt: „Der redet ja fast länger als der Chinese vor ihm!“ Recht hat er. Auch über mir schwebt eine Gedankenblase mit den Worten: „Anfangen! Anfangen! Oder es gibt Krach!“
Dann ist die Party aus und alles geht nach Haus. Constanza will sich rasch noch meine E-Mail-Adresse aufschreiben. Ich war so geistesgegenwärtig, die Argentinierin auf ein paar spanischsprachige DVDs hinzuweisen, die sie ja mal ausleihen kann. Und überhaupt.
Auf den Spuren von Tom Cruise
Im Süden der Provinz Zhejiang befindet sich ein malerisches Dorf namens Xitang, das man wie Venedig auch zu Wasser besichtigen kann. Es geht dann unter Brücken hindurch und man hat Blick auf zumeist weiße einstöckige Gebäude, die allerdings heute überwiegend nur noch als Touristenfallen oder Museen (oder beides in einem) dienen. Überall locken Stände mit Leckereien und Souvenirs. Während wir uns für zehn Yuan pro Person mit drei Booten von Sino-Gondolieri durch das Dorf schippern lassen - ich sitze mit Herrn Weismann im selben Boot -, ist die Sicht auf das pittoreske Ufer zumeist verdeckt, da unsere Studentinnen ständig von Deck aus für Fotos mit Hintergrund posieren müssen.
Auf einem kleinen Schiff, das freilich nicht mehr fährt, sondern auf dem Hauptkanal vor Anker liegt, gibt es die Hauptmahlzeit. Nachdem wir gerade vier Stunden lang mit dem Bus angereist sind, muss eine Hungerrevolte niedergeschlagen werden. Frau Yin, die Fachbereichsleiterin, hält eine kurze Rede und erklärt darin, was es mit diesem Sonderfall eines gemeinsamen Ausflugs von Professoren und Studenten für eine Bewandtnis hat: Es handelt sich um eine Belohnung für den besonders erfolgreichen Jahrgang 06, der chinaweit den besten Schnitt in der Prüfung für Deutschstudenten an chinesischen Universitäten erzielt hat. Unter Führung von Xuelian und Xiaoshi besichtige ich hernach noch ein paar der Touristenfallen, darunter ein Knopfmuseum. Dann geht mir das alles zu langsam hier und ich flaniere die verbleibende Stunde vor der erneut vierstündigen Busfahrt alleine durch die Lagunenstadt. Ich hätte am Ende gar nicht so pünktlich zu sein brauchen, denn Yin, mit Herrn Weismann im Gefolge, ist 25 Minuten zu spät. Sonst eher meine Rolle. So kommen wir auch schön in den Wochenendverkehr auf der Autobahn. Naja, ich habe Mau-Mau-Karten dabei. Die vertreiben mir, meiner Vorgängerin Kristina und der Schriftstellerin Bossong, die die längste Niederlagenserie hinlegt, die ich je bei Dreier-Mau-Mau erlebt habe, die Zeit bis zum Einbruch der Dunkelheit. Dann sind wir zwar noch nicht da, können aber keine Spielkarten mehr erkennen.
Wer noch ein etwas genaueres Bild von Xitang haben möchte, der lege eine DVD mit "Mission: Impossible 3" ein. Denn Tom Cruise hat hier 2005 gedreht und für noch mehr Trubel gesorgt, als in Xitang ohnehin schon los ist. Ein großes Plakat vor einem der Restaurants kündet von dem Besucher, der noch prominenter ist als die Uni Nanjing.
Der Didus auf der heißen Blechwand
Da ich ja mittwochs keinen Unterricht habe, beschließe ich heute mal um den Xuanwu-See zu laufen. Sieht etwa so lang aus wie die Außenalster. Aber da es ja nun im Universum hin und wieder doch mal eine Verschwörung gegen mich gibt, ist der Park gerade, ausgerechnet und zufällig heute geperrt. Im Norden gesperrt, wo ich gegen eine Wand laufe, und im Süden, wo ich allerdings genervt durch eine Wand laufe. Da ist nämlich eine Tür in der blauen Blechbarriere. Die Pförtner können gar nicht so schnell reagieren, wie ich da durchlaufe. Sie winken, rufen, ich winke, rufe: "Hallo!" Das muss ich mir ja schließlich sonst auch ständig anhören, dieses "Hallo!" Dann höre ich noch hinter mir schreien: "Stop, stop!" und: "No!" Ich bin aber schon auf und davon. So flitze ich zunächst etwas desorientiert an der Baustelle vorbei, wo sich die Arbeiter schon nicht mehr über mich wundern - die sind am Debattieren und offensichtlich im Dissens über irgendwas -, und habe den Rest des Parks für mich allein. Hin und wieder am Rand mal eine Bepflanzungskolonne oder ein Bauarbeiter. Am Ausgang dann die erwartete nächste Blechwand, daneben wachen zwei Uniformierte. Die denken sicher, der bekloppte Ausländer merkt gleich, dass er in einer Sackgasse steckt, und kehrt um. Alles, was sie aber dann noch von mir hören werden, ist ein Klong-klong, mit dem von der Blechwand springe. Es war da so eine Art Trittleiter im Blech, drei waagerechte Stäbe... Man könnte das wahlweise kommentieren mit der Liedzeile: "Mit meinem Gott kann ich Wälle zerschlagen, mit meinem Gott über Mauern springen" oder mit der Textzeile: "Den running Didus in seinem Lauf hält weder Ochs' noch Esel auf!"
Es müssen doch mehr Kilometer sein als um die Alster, ich krieche nachher nur noch. Und ich muss ja auch einen Umweg nehmen, um nicht schließlich wieder vor der ersten Blechwand zu stehen. Dafür gibt es am Abend eine kräftige Stärkung, denn heute sind alle ausländischen Lehrkräfte zum Buffet geladen. Ich sitze mit Trevor, Nora, Kristina (meiner unmittelbaren Vorgängerin, die für einen Monat an ihre alte Wirkungsstätte zurückgekehrt ist) und unserem gemeinsamen Vorgänger, Ex-Direx Weismann, am Tisch und stelle fest, dass Trevor (fast) so viel essen kann wie ich. "Westler können so was", meint die Fachbereichsleiterin, Chinesen dagegen hätten nach der Uhr zu essen. Um die kümmern wir uns heute gar nicht und stürmen anschließend noch den Deutschen-Stammtisch am Nord-Campus. Nora verlangt nämlich nach Inspiration für ihren nächsten Roman. Trevor darf übrigens auch mit, schließlich war sein Ururgroßvater Deutscher. In einer Redepause von Trevor erzählt Nora, dass sie noch studiert und vielleicht auch noch promovieren will, weil ihr Vater das wichtig findet. Ich sage: "Wer auf Platz drei der SWR-Bestenliste gestanden hat, der braucht keinen Doktortitel mehr." Kurz vor 22 Uhr erinnere ich Herrn Weismann mahnend an die Skype-Verabredung mit seiner Frau daheim. Dankend macht er sich davon und vergisst prompt seine Tasche. Als er sich die später bei mir abholt, berichtet er nicht ohne Verdruss, dass an dem Abend das Internet tot gewesen sei. Nichts war's also mit dem nächtlichen Telefonat. Das ist doch fast so ärgerlich wie Bauarbeiten im Park.
Leonce und Lena
Am Nachmittag trainiere ich die beiden für den diesjährigen nationalen Debattier-Wettbewerb ausgewählten männlichen (!) Studenten zum Thema „Sollten Studenten mehr Mitspracherecht bei Uni-Lehrplänen haben?“
Am Abend ist im Theatersaal der Universität die Premiere des mit Unterstützung des Goethe-Instituts und chinesischen Darstellern inszenierten Büchner-Lustspiels „Leonce und Lena“. Ich sitze in der ersten Reihe, um mitlesen zu können, neben Hao Hui, daneben Jung-Autorin Nora Bossong. Ich habe mir das Stück vorher aus meiner Bibliothek entliehen. Schwierig sind nur die dunklen Szenen, weil das Bühnenlicht dann nicht ausreicht, um lesen zu können. Und von denen gibt es einige. Ein sprödes Stück in einer nicht ganz so spröden Inszenierung, ist mein Resümee, als ich mit Nora nach Hause gehe.
Am nächsten Tag bin ich mit großem Bild, in ein Buch vertieft, von dem niemand weiß, dass es das Theaterstück ist, in der Zeitung abgebildet, wie mir meine österreichische Kollegin Katja brühwarm zu berichten weiß.
Verblüff deine Studenten!
Das habe ich mir letzte Woche, in der ersten Unterrichtsstunde, vorgenommen: Ich werde meine neuen Studenten des Jahrgangs 08, 25 neue Gesichter, total verblüffen. Ich werde innerhalb von einer Woche alle ihre Namen im Gedächtnis abgespeichert haben. Der Trick geht so: Man lässt jeden Studenten seinen Nachbarn vorstellen, fragt beim Namen noch mal nach, schreibt ihn sich auf (ganz wichtig: mit Tonzeichen!) und dazu eine Notiz, an welche bekannte Person einen die Studentin oder der Student erinnert. Falls das nicht möglich ist, eine kurze Beschreibung der Frisur, Brille oder des Hautreinheitsgrads. Zu Hause lernt man dann diese Kombination auswendig wie Vokabeln und das Ergebnis lautet: Verblüff deine Studenten!
China's Next Super Brain
Eigentlich sollte Nora Bossong, die junge Autorin von Webers Protokoll, die für drei Wochen zu Gast an der Uni ist, heute mit auf den Ausflug zum Sun Yat-sen-Mausoleum und dem benachbarten Ming-Grab. Aber ich halte am Treffpunkt vergeblich Ausschau nach ihr. Der Ausflug ist nichts Neues für mich. Die Uni stiftet mal wieder einen Bus und einen Reiseführer und den Eintritt für die Touristen-Hochburgen müssen wir, die ausländischen Lehrkräfte auch nicht entrichten.
Ich muss schmunzeln, als der Reiseführer im Bus das Wetter in Nanjing erklärt und sagt, dass dieser Sommer nicht so heiß ausgefallen sei wie normalerweise. „I don't know why“, sagt er. Er kann nicht ahnen, dass in der internationalen Gemeinde im Juni das gemeinschaftliche Gebet für einen kühlen Sommer ausgerufen wurde („God will give us a cool summer, this year!“) und auch nicht, dass ich mich damals bei dem Gedanken ertappte: „Ja, ja, kühler Sommer, träum weiter, Bruder...“ Zwei Dinge sind aber doch neu heute: Ich stoße diesmal wirklich bis zur Grabstätte des legendären ersten Ming-Kaisers Hong Wu vor, der als Anführer eines Bauernaufstands die Yuan-Dynastie (Mongolen) ablöste, Nanjing zur Hauptstadt Chinas machte und die Epoche der langlebigen Ming-Dynastie (1368-1644) begründete. In Nanjing wollte er auch begraben sein und ließ sich hier daher sein Grab schaufeln, mehr als 15 Jahre vor seinem Tod im Jahre 1398.
Im April, bei meinem letzten Besuch hier, stand ich noch vor einer Baustelle. Neu sind auch die meisten Teilnehmer an diesem Ausflug: Ich lerne den Amerikaner Trevor und drei Franzosen kennen. Trevor scheint irgendwie auch christlich beschlagen zu sein. Sein Vater war Theologie-Lehrer oder so was. Das war sicher noch nicht mein letztes Gespräch mit ihm. Am meisten anfangen kann ich mit Alain Dautricourt, der auch schon um die halbe Welt gekommen ist und zuletzt in Kanada und den USA als Französisch-Lehrer beschäftigt war. Von den beiden anderen Franzosen kommt nur einer zu Wort, der zu der Kategorie Menschen gehört, die es nicht ertragen, wenn sie länger als eine Minute aus einem Gespräch ausgeklinkt sind. Er gibt sich als nicht praktizierender Buddhist zu erkennen und hat auch ein paar Verschwörungstheorien auf Lager, von denen ich aber nicht viel verstanden habe, weil ich mich zwischenzeitlich auch ausgeklinkt habe, gedanklich.
Beim Abstieg vom Mausoleumshügel treffe ich Chinas Next Super Brain: Ein etwas wirrköpfig wirkender Chinese besteht darauf, mir seine achtjährige Tochter vorzustellen, die mich bereits vorher in fast akzentfreiem Englisch angesprochen hat. Dann soll ich mir eine Mathe-Aufgabe ausdenken. Ich sage: „33 plus...“ Da unterbricht mich der Papi und diktiert eine dreistellige Additionsaufgabe mit drei Summanden. Sogleich tickt Chinas Next Super Brain, Papi reicht ihr ein Stück Papier und die Zahl die Chinas Next Super Brain aufschreibt, ist, wie nicht anders zu erwarten war, die gleiche wie auf der Anzeige des Taschenrechners, auf den Chinas Next Super Brain keinen Blick werfen konnte. Ich gratuliere Chinas Next Super Brain und ihrem Manager und muss mich verabschieden, denn unten am Eingang des Mausoleums gibt es das gemeinsame Mittagessen. Neben mir sitzt Alain. Ich kann also weiter Französisch üben.
Dann seile ich mich ab, weil ich am Nachmittag in Michaels neues Heim eingeladen bin. Natürlich ist das großer Unsinn. Ich hätte ja mit dem Reisebus zurückfahren können. Denn die nächste Station ist die Stadtmauer und nicht weit von meiner Wohnung entfernt. Aber warum einfach, wenn's auch kompliziert geht? Nicht zum ersten Mal überschätze ich mein Orientierungsvermögen und finde erst nicht zur Bushaltestelle. Dann steige ich in Nummer 3, die nach Norden in Richtung Bahnhof fährt. Ich steige viel zu weit nördlich aus, weil ich ja die Busstrecke nicht kenne, und muss eine halbe Stunde in sengender Sonne zu Fuß gehen, um zum Bahnhof zu kommen. Dort stehe ich noch mal eine halbe Stunde am Fahrkartenautomaten, weil heute großer Reisetag ist: Viele Studenten kommen aus dem Urlaub zurück. Die Schlange neben mir löst sich auf, weil der Automat den Geist aufgegeben hat. Und ich bin ehrlich erstaunt, dass das nicht der Automat ist, vor dem ich (gefühlt) seit Stunden anstehe. Ich warte sekündlich darauf, dass auch hier „Out of service“ aufblinkt. Aber es passiert nichts. Ich muss mir das merken für die nächste Situation, in der ich mir einrede, dass alles Dinge des Universums sich gegen mich verschworen haben, nur um mich zu ärgern.

Ich hatte mich bei Michael angemeldet für halb vier. Um 17.20 Uhr bin ich da. Hinter mir liegt der erfolglose Versuch, ein Taxi zu finden. Das Taxi, das schließlich anhielt, konnte mit Michaels Wegbeschreibung nichts anfangen. Ich stelle mal wieder fest: Taxis und ich – das ist einfach eine Mischung, die nicht stimmt. Hinter mir liegt auch eine Fahrt in der Motor-Rikscha, damit ich den Weg von der U-Bahn-Station bis zu Bus Nummer 55/Haltestelle Konfuzius-Tempel auch wirklich finde, den Michael in seiner Wegbeschreibung empfohlen hat. Der Rikschafahrer sieht aus wie blind, kneift seine Augen zusammen zu einem Schlitz, nicht breiter als eine 1-Yuan-Münze, aber er lädt mich am rechten Ort aus. Ich bekomme sogar einen Sitzplatz und muss auf der einstündigen Überfahrt frieren, weil ich direkt unter der Klimaanlage sitze. Beim Ausstieg treffe ich schließlich zwei Damen mit einer Blume, die mich erinnert an die fleischfressende Riesenpflanze aus „Das magische Auge“. Ich frage forsch, ob sie zufällig auch unterwegs seien zu Michaels Party. Eine von beiden versteht mich sogar. Dann gehen wir einmal orientierungslos um den Block mit der Wohnung und schließlich finde ich den richtigen Eingang.
Bei Michael gibt es jede Menge leckeren Kuchen (er verdient ja mit Bäckereien und Leckereien seinen Lebensunterhalt). Die neu bezogene Wohnung ist voll mit Fotos der Hochzeit, die vor ein paar Wochen stattfand und kleinen Gemälden von Michaels neuer Gemahlin, einer Künstlerin, die übrigens fast dreißig Jahre jünger ist als ihr frisch Angetrauter. Michael reicht mir sein Fotoalbum. Seine siebzigjährige Lebensgeschichte versucht Michael gerade in selbst verfassten Memoiren aufzuarbeiten: geboren eine Woche vor Ausbruch des 2. Weltkriegs in Sheffield; von den Leuten auf den meisten Bildern nur noch er am Leben; seine erste Frau Jennifer, die 2003 nicht dazu zu bewegen war, ihrem Mann nach China zu folgen. Ein Seitensprung in ihrer Abwesenheit. Die Scheidung. Michael überließ Jennifer fast seine gesamte Habe. Er schreibt ihr noch heute, bekommt aber nie eine Antwort. Dann die Hochzeit mit der Chinesin Lin oder Ling, die im März dieses Jahres geschieden wurde. Er konnte kein Chinesisch, sie kein Englisch. Ich kann Michael trotzdem ein bisschen verstehen: Dass sein Leben drüben auf der britischen Insel so bunt und abwechslungsreich wäre wie hier, wird wohl niemand ernsthaft behaupten wollen. Vielleicht wäre er auch schon aus Langeweile gestorben. Auf dem kalorienreichen Fest treffe ich u.a. auch Peter, meinen Tennis-Partner, der kürzlich wegen eines Lochs in der Straße verunglückt ist, und Sophia, eine 77-Jährige mit sehr gutem Englisch, die die zehn Kilometer bis zum Zielort auf dem Fahrrad zurückgelegt hat und auch sonst gut beisammen ist. Ansonsten nervt die ältere der beiden Damen aus Bus Nr. 55, die ständig mit doppelter Lautstärke spricht und ständig andere Leute unterbricht. Trotzdem ist sie es, die mich, zusammen mit ihrer Begleiterin, auf dem Rückweg unterhält und auch dafür sorgt, dass ich am Konfuzius-Tempel in den richtigen Bus (Nr. 95) steige. Nora Bossang hat eine SMS geschickt (ich habe seit ein paar Tagen eine chinesische SIM-Karte) und entschuldigt sich mit einem falsch gestellten Wecker.
Bleibt alles anders
Frau Kong, die Vize-Dekanin des Fachbereichs Fremdsprachen, hat mich und meinen Ur-Vorgänger, den pensionierten Hamburger Gymnasialdirektor Weismann, zu einem Diner geladen. Zunächst sind wir bei Familie Kong zu Hause. Auch ihr Mann spricht Deutsch. Er studierte an der FU Berlin. Allerdings ist er einer von denen, die besser verstehen als sprechen können. Nicht nur, dass wir eingeladen sind, es gibt auch noch Geschenke in bunten Tüten. Das ist ja fast so schön wie die Kindergeburtstage früher! Während dort die Geschenke jedoch zumeist kaschierte Rausschmeißer waren, ist das für uns nur das Startsignal zum Aufbruch in das Restaurant drüben um die Ecke.
Danach trennen sich unsere Wege: Ich bin für Herrn Weismann Reiseführer beim Flanieren durch die hochmoderne und bunt schillernde Einkaufsmeile Hunan Lu, das Ehepaar Kong muss die Tochter vom Privat-Unterricht abholen. Der China-Rückkehrer mit dem weisen Namen, der vier Wochen lang den Lehrerkader verstärkt, war vor knapp dreißig Jahren in meiner heutigen Funktion nach Nanjing abgeordnet. Er erkennt nichts mehr wieder. Damals war der einzige Wolkenkratzer das Jingling-Hotel, das heute wirkt wie ein Farn im Fichtenwald. Nur in meiner Bibliothek, in die wir zum Schluss noch einen Blick werfen, regt sich noch der diskrete Muff der Achtziger.
Autoren unter sich
Ich laufe jetzt immer am Mittwoch (mein neuer freier Tag) um die Tennisanlage hinter der Shanghai Lu und meine Patellasehne findet das gut! Ich entlasse mich also mal als (fast) geheilt aus der Lauf-Zwangspause.
Danyu, die mir als dem Beichtvater der Nation inzwischen regelmäßig die lyrischen Botschaften ihrer englischen E-Mail-Liebe als Kopie zuleitet, steht mal wieder vor der Tür und beordert mich in das Café Banpocun in der Qingdao Lu, weil ich unbedingt ihren guten Freund, den Autor Huang Fan kennen lernen soll. Sie selbst ist zu spät und ich unterhalte mich bei Eis und einer Früchteplatte erst mal mit dem drahtigen Dichter mit der Mütze und seinem Kumpel. Beide unterrichten auch Literatur oder Literaturwissenschaft an der Uni. Ich erfahre noch einmal, wie groß die Kluft ist zwischen den handverlesenen offiziellen Autoren, die von der KP protegiert werden und auch dieses Jahr auf der Buchmesse erscheinen dürfen, und Einzelkämpfern wie Huang Fan und Danyu. Huang Fan signiert mir ein Buch, das ich nicht lesen und dessen Titel ich mir nicht merken kann. Positiv ist zu vermerken, dass er, immerhin ein Künstler, nicht raucht und ebenso wie ich kein Freund von VIP-Verkleidungen ist, sondern lieber so rumläuft, wie es ihm gefällt.
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