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Mittwoch, 30. November 2011

Koreaner!
Von DM, 23:59

Beim gestrigen Essen der ausländischen Lehrkräfte habe ich mich freundlich an die koreanische Kollegin gewandt, weil mir in Schanghai ein südkoreanischer Professor auf der Suche nach einer neuen Beschäftigung seinen Lebenslauf in die Hand gedrückt hat. Sie könne mir helfen, sagt sie. Wir treffen uns heute um Punkt zwei Uhr in der Eingangshalle des Fachbereichs Sprachwissenschaften. Ich will ihr nur rasch das Papier mit dem Lebenslauf aushändigen. Aber nachdem ich die Erklärungen von gestern Abend wiederholt habe, weigert sie sich mit der mehrfach auf Chinesisch vorgetragenen Erklärung "Ich habe keine Beziehung zu ihm!" das Blatt anzunehmen. Ich verstehe nur Bahnhof und wiederhole, es gehe doch nur darum, das Blatt an den Leiter der Koreanisch-Abteilung, ihren Chef oder ihre Chefin, weiterzuleiten. Nichts zu wollen. Das sei ausgeschlossen. Ich bitte sie schließlich, bereits um Fassung ringend, mir das Brieffach ihres Abteilungsleiters zu zeigen. Sie könne das dann ja dort für mich einwerfen. Das tut sie dann auch, nachdem wir gemeinsam mit dem Fahrstuhl in den siebten Stock gefahren sind. "Zufrieden?", scheint ihre Miene sagen zu wollen. Vielleicht könne ich ja später dazu einige erklärende Worte an ihn richten, wenn sie geneigt sei, mir zu zeigen, wo sein Büro sich befinde. Sie ist nicht geneigt. Mit einem spröden Dankeschön verabschiede ich mich.
Koreaner sind die letzten Heuler!

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Samstag, 26. November 2011

Die Abenteuer von Tim und Struppi
Von DM, 23:59

Lange hat sie ja nicht durchgehalten. Gestern war sie noch betont einsilbig und hat selbst einfachste und auf Deutsch vorgetragene Fragen nicht beantwortet, wie zum Beispiel: "Habt ihr die letzte U-Bahn noch erwischt?" Heute dagegen feiert sie schon wieder mit uns: meine schwäbische YUST-Kollegin Ursula, die mich Mittwoch noch im Kniffel-Spiel geschlagen, danach aber das Wettrennen in der U-Bahn verloren hat. Ich lasse die Konferenz nämlich mit einer großen Sause ausklingen und habe Hongzhen zu diesem Zweck beauftragt, sieben Plätze in einem Restaurant in der Nähe des Renmin Gongyuan (wo, wie kürzlich sogar der SPIEGEL berichtete, chinesische Eltern einen Heiratsmarkt mit Zetteln an Wäscheleinen etabliert haben) oder doch eher in sicherer Distanz zum Renmin Gongyuan. Ich schwitze mich auf dem Weg dorthin halbtot. Als erste der geladenen Ex-Studentinnen, die jetzt in Schanghai arbeiten, taucht die seit zwei Jahren verehelichte (sin-o-meter berichtete am 28. Juni 2009) Li Jun auf, die ihren Lehrer schon früher gern mit Charme umwickelte (was nicht ganz wirkungslos blieb) und mich passend dazu heute mit einem Schal beschenkt. (Damit liegen Schals in der ewigen Rangliste der populären Geschenke junger chinesischer Damen an mich nahezu uneinholbar auf Platz eins - mein vierter Schal! Wenn Stenzi noch mit mir reden würde, müsste ich ihm glatt einen vermachen.) Li Jun hat rot gefärbte Haare und sieht blendend aus. "Schick", sage ich, "kommst du gerade vom Frisör?" Das Essen ist ein voller Erfolg, am Ende gelingt es mir sogar, Hongzhen ein Schnippchen zu schlagen und die Zeche (400 Yuan) zu zahlen. Das ist angemessen (dass ich zahle), denn Hongzhen verdanke ich einen wunderbaren Nachmittag. Damit meine ich nicht das Restaurant, das auch, aber vorher hat sie meine Jugend wieder zu Leben erweckt - in 3-D! Ich spreche natürlich von der sensationellen Steven-Spielberg-Verfilmung der unübertrefflichen Abenteuer von Tim und Struppi. Hongzhen hat durch Mitgliedschaft in einem Internetclub und Frühbucherrabatt doch tatsächlich eine Eintrittskarte für umgerechnet zwei Mark (weniger als zehn Prozent des Normalpreises) für mich ergattert. Dafür musste ich alleine sitzen, denn überraschend hatte sich noch eine Freundin mit angesagt. In der Nachmittagsvorstellung (Englisch mit chinesischen Untertiteln) ist das Kino selbst in Schanghai nicht ganz bis zum letzten Platz gefüllt, sodass ich meine Jacke in dem warmen Saal zum Glück auf einem freien Platz ablegen konnte. Es haben diesmal in meiner Nähe auch gar keine Chinesen während des Films telefoniert. Total ungewöhnlich! Nach dem Film half ich dann Hongzhen die Orientierung zu behalten und wir legten die Strecke zum Renmin Gongyuan zu Fuß zurück. Ganz schön warm wurde mir da mit dem Gepäck für eine Woche Konferenz auf dem Rücken. An die zwanzig Grad sind auch für diese Breitengrade im November etwas überraschend.

Leider ist Jahrgangs-Schönheitskönigin Yinji, frisch verheiratet, ausgefallen; außer Hongzhen sind Fenghua, ebenfalls frisch getraut, Shenling (sin-o-meter berichtete) und eben Li Jun gekommen. Natürlich muss ich mich als alter YUST-Betreuer auch noch mal rasch nach dem geistlichen Zustand der jungen Damen erkundigen. Da muss Fenghua mal eben rasch aufs Klo, aber das nützt ihr natürlich nichts. Sie muss hernach trotzdem erklären, dass ihr Ehemann noch keine Kirche von innen gesehen hat. Wenn das Herr Linke hört!, warne ich. Sollen sie doch eine Hauskirche eröffnen, rate ich. Ich glaube, Fenghua ist nach Themawechsel.
Inzwischen ist auch Ursula auf dem Weg, die sich per SMS immer noch lieber mit Hongzhen abstimmt als mit mir. Es ist auch noch genug zu essen da, als sie von einem Treffen mit einer anderen Studentin auftaucht. Wenig später muss ich dann allerdings abtauchen: zum Bahnhof. Ich sitze zehn Minuten vor Abfahrt schon auf meinem Platz im Zug nach Nanjing und sende Hongzhen eine SMS, damit sie sich nicht sorgt. Spannende Abenteuer, peinliche Pannen und überraschende Wendungen, die sind heute ganz und gar den Experten überlassen: Tim und Struppi. Die haben auch viel bessere Nerven als ich!

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Freitag, 25. November 2011

Das ausgefallene Fachgespräch
Von DM, 23:59

Eigentlich hatte ich mich für heute Abend, anlässlich des fröhlich-geselligen Abschlusses der Veranstaltung, mit Professor Liu Wei, dem Vize-Dekan des hiesigen Deutsch-Instituts, verabredet, der wie ich über Joseph Roth promoviert und, wovon ich mich mit Hilfe des mir von ihm eigens überreichten Exemplars seiner Dissertation persönlich umgehend überzeugen konnte, mich natürlich auch in Kapitel eins unter Forschungsstand erwähnt hat. Wir wollten noch ein kleines Fachgespräch führen. Doch der von mir eigens frei gehaltene Platz an meiner Seite bleibt auch nach dem letzten Gang des Menüs leer. Der Grund spricht sich in der heiteren Runde, in der ich allerdings schon bald allein am Tisch sitze, schließlich herum: Im Hotel hat sich ein Gewitter zusammengebraut: Fehler bei der Abrechnung. Ich denke mit Grausen an meinen Stress als Organisator der Konferenz in Nanjing vor Jahresfrist zurück. Selbst nach Mitternacht - ich kehre, da ich mich wie üblich nicht mit den anderen auf die Partymeile begeben habe, von einem Nachtspaziergang zurück - sitzen die Herren, darunter als Vertreter der Fudan-Universität Professor Liu, im Foyer des Hotels und versuchen den Knoten durchzuhauen. Man sieht die Köpfe förmlich rauchen. 

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Donnerstag, 24. November 2011

Gefangener der Katakombe
Von DM, 23:59


Schanghai bei Nacht. Kann auch (anders als auf dem Foto mit einigen geschätzten  Konferenz-Kollegen) sehr dunkel und trübe und menschenarm sein. So wie in diesem Viertel, in dem ich buchstäblich festhänge. "Ich will hier raus!", denke ich und zwänge meinen Kopf durch den schmalen Spalt zwischen Plexiglas und Dach des U-Bahnabstiegs, in dessen Katakombe ich eingesperrt wurde. Nichts zu wollen, ich passe da nicht durch. Kein Weg ins Freie. Dass inzwischen keine U-Bahn mehr fährt, war mir schon klar. Schließlich habe ich die letzte, der ich meine geschätzten YUST-Kolleginnen entsteigen zu sehen hoffte, gerade an mir vorbeirauschen sehen. Die YUST-Kolleginnen scheinen, da sie über einen Stadtplan  verfügen, bemerkt zu haben, dass der Ort, den uns beim Umsteigen ein Bahnangestellter empfohlen hat, um zur Fudan-Uni zurückzukommen, rechtzeitig bemerkt zu haben, dass dieser Ort viel zu weit entfernt liegt von unserem Hotel. Ich hatte diesen Erkenntnisprozess noch vor mir. Und nachdem ich mal wieder orientierungslos drauflosgelaufen war, schwante mir alsbald, dass es doch  besser wäre umzukehren, sich noch mal in die immer noch beleuchtete U-Bahn-Katakombe hinabzubegeben und sich da, wo der U-Bahnplan hängt, auf halber Strecke zu den Bahnsteigen, noch mal einen Überblick über die Gesamtlage hier zu verschaffen. Als ich dann aber die Treppe wieder emporstieg, tja, da waren auf einmal die Rollläden unten. Da hat mich jemand hinterrücks hier unten eingesperrt! Ich renne von Ausstieg A nach B und gröle "Bedienung!", ich öffne Türen, an denen man sonst achtlos vorbeiläuft, finde aber niemanden. Nun stehe ich hier oben und spähe so halb über die Plexiglaskante nach draußen wie ein blinder Passagier durchs Bullauge unter Deck, nur dass ich statt trübem Meer trübe Schanghaier Nacht sehe. Sinnlos rumgeschraubt und mich dabei eingesaut habe ich auch schon, aber an der Plexiglaskante löst sich außer einer Schraube nichts. Ich habe gewissermaßen eine Schraube locker, tolle Aussichten! Ich schreie einen Radfahrer und noch einen an, ob er mir mal helfen könne. Einer blickt sich kurz um und fährt dann irritiert weiter. Ich erlebe, was landauf, landab soeben für einen Aufschrei der Empörung gesorgt hat: mangelnde Hilfsbereitschaft, weil man doch zu dem Betfoffenen "keine Beziehung" habe. Im Fall, der für Schlagzeilen sorgte, war der Betroffene ein zweijähriges, vom Auto überfahrenes Kind, das seinen Verletzungen erlag. Doch da! Zwei junge Männer, die direkt auf Augenhöhe an mir vorbeischlendern, sind zu nah, als dass sie einfach weitergehen könnten. Ich frage, ob einer von ihnen ein "shouji", ein Handgerät habe, wie hier Mobiltelefone heißen. Das ist in China ja eigentlich eher eine rhetorische Frage. Die Jungs gucken irritiert. Vielleicht sei auf der anderen Seite offen, schlägt man mir vor. Ich verneine. Da müsse doch unten einer sein. Ich verneine erneut.  Ja, wollen die mir nun helfen oder nicht?
Mitternacht vorbei. Und ich sitze also mal wieder in der Tinte. Dabei hatte alles so schön begonnen: Mit meinen YUST-Kolleginnen Ursula und Bettina war ich mitten im leuchtenden Schanghai, im Glimmer-Viertel Pudong (hier stehen dicht an dicht einige der höchsten Wolkenkratzer der Welt), auf Einladung der Ex-YUST-Studentin Hongzhen gemütlich essen gewesen - direkt neben dem großen Fernsehturm (siehe Foto). Dann wurde es, wohl aufgrund der ausgeuferten Knipserei, am Schluss etwas knapp mit dem U-Bahn-Anschluss. Denn in Schanghai endet das Weltstadt-Gehabe gegen 23 Uhr. Dann stellen viele U-Bahnen den Betrieb ein, die zur Fudan-Uni, wo wir hin müssen, sogar schon etwas früher. Pech für uns. Ein Angestellter verwies uns auf jene Station, in der ich jetzt eingesperrt bin. Wir sputeten uns, um zum Bahnsteig zu gelangen. Vor mir begannen einige Chinesen zu rennen. Ich rufe nach hinten: "Die laufen alle. Wir sollten auch mal laufen." Denn die Einheimischen wissen vermutlich besser als wir, wann man sich beeilen muss, um die letzte U-Bahn noch zu erwischen. Als ich unten bin, hält tatsächlich gerade ein Zug, hat die Türen just geöffnet. Ich blicke mich um. Meine Kolleginnen habe ich offensichtlich abgehängt. Dabei bin ich nicht mal schnell gelaufen. Nur bisschen getrabt. Ich stelle mich in die Tür, um den Zug noch ein paar Sekündchen aufzuhalten, falls sie nun zumindest atemlos auf der Treppe auftauchen sollten - wo bleiben die nur? -, dann ertönt das Signal zum Türenschließen. Rein oder raus?, denke ich, bleibe dann aber drin. Soll ich meiner Schwestern Hüter sein? Wie der geneigte sin-o-meter-Leser inzwischen weiß, habe ich die vorletzte U-Bahn erwischt, aber was aus meinen Kolleginnen geworden ist, ob sie die letzte oder ein Taxi genommen haben, werde ich nie erfahren. Denn morgen wird keine von ihnen mehr mit mir reden als unbedingt notwendig.
Nur eines ist sicher: Später als ich sind sie nicht im Hotel angekommen. Denn eine halbe Stunde habe ich in den Katakomben verbracht, ehe plötzlich tatsächlich von unten ein U-Bahn-Angestellter auftaucht, den offenbar einer der beiden Passanten telefonisch informiert hat, die ich angehalten habe. Wieso hat der mich denn eben da unten nicht rufen gehört?!? Die Jalousie geht also hoch, ich bin frei. Doch jetzt habe ich noch einen endlos langen Marsch vor mir, ohne Stadtplan, durch eine Stadt, die ich nicht kenne, die 16 Millionen Einwohner hat und in der bei Nacht auch alle Straßen grau sind. Ich orientiere mich an Straßenschildern, die glücklicherweise hier in Schanghai - tolle Idee! - an jedem Ende eine Himmelsrichtung angeben, und erreiche nach ca. 45 Minuten Fußmarsch durch die Schanghaier Nacht die Tongji-Uni und wenig später, gegen eins, halb zwei, die Fudan. Wie gut, könnte man jetzt eigentlich sagen, dass ich mich noch mal unten in der U-Bahnstation über meinen genauen Standort im Verhältnis zu der Station, wo ich normalerweise ausgestiegen wäre, vergewissert habe! Man könnte aber auch sagen: Wo mein Orientierungssinn versagt, kann ich mich immer noch auf die Gnade Gottes verlassen, die selbst meine Dusseligkeit noch überragt.

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Mittwoch, 23. November 2011

Warme Semmeln
Von DM, 23:59

Auch in diesem Jahr geht, wie vor exakt zwölf Monaten in Nanjing (sin-o-meter berichtete), alles, was ich anpreise, weg wie warme Semmeln. Diesmal ist mein Angebot aber auch besonders günstig: Ich verschenke kleine, grüne Schiller-Heftchen mit der Erzählung "Verbrecher aus verlorener Ehre", die von der Kinder-Uni übrig geblieben sind. Kollege Schulz hat den Text für seinen Lektüre-Kurs vorgesehen und nimmt gleich 36 Stück auf einmal. In der Pause muss ich schon die letzten Reserve-Exemplare der von mir herausgegebenen Büchlein aus der Tasche holen, um Menschen noch lächeln zu sehen.

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Dienstag, 22. November 2011

Zu spät und viel zu spät
Von DM, 23:59

Beim Frühstück bin ich in Anbetracht der Strapazen von gestern nicht so in Eile und als ich noch gemütlich esse, sind auch die letzten beiden Kolleginnen bereits kurz vorm Aufbruch zum Konferenzsaal. Ob ich mit wolle. "Nö", sage ich, "jetzt ist doch Festplatten-Frank mit seiner alljährlichen Präsentation dran, das interessiert mich sowieso nicht." Ich wisse nur leider gar nicht, wo wir uns jetzt träfen. Die gerade abschwirrenden Kolleginnen haben auch nur vage Informationen.
Ich irre dann eine halbe Stunde hilflos über den Campus, den ich so ganz gut kennen lerne, sehe auch das "rote Haus", das man mir beschrieben hat, aber die Konferenz finde ich nicht. Am Ende der unfreiwilligen Campus-Besichtigung stehe ich im höchsten Gebäude der Uni, einem imposanten Hochhaus mit Stalin-Charme, und sehe dabei so ratlos aus, dass eine Deutsch-Studentin auf mich aufmerksam wird. Gemeinsam mit ihrem Mobiltelefon findet sie heraus, dass hier im großen Saal zwar normalerweise konferiert wird, nur heute eben sei unsere Konferenz woanders. Nur nicht die Nerven verlieren, sage ich mir, am Ende wird alles gut. Das sieht nur jetzt nach Problem aus und ist morgen schon vergessen. Noch ein paar Telefonate, dann lotst sie mich zum richtigen Ort. Und da kommen mir auch schon meine Frühstückskolleginnen entgegen. Hoppla, der erste Teil der heutigen Sitzung ist schon vorbei. Die beiden Damen sind offenbar zu spät eingetroffen und wurden, so schildern sie mir die Lage, brutal an den Pranger gestellt. "Sei froh, dass du nicht dabei warst", raunt mir die blondere von beiden zu. Tja, ich biege mal schnell um die Ecke, da stehen einige in der Pause und rauchen. Ich mische mich schnell und unauffällig unter sie. Hat ja keiner gemerkt, dass ich gefehlt habe. Bei so vielen Leuten... Dann wende ich mich an den Konferenzleiter, den ich vor etwa 15 Minuten anzurufen versucht habe, um mich nach dem Weg zu erkundigen. Dieser Anruf ist mir natürlich inzwischen peinlich und muss schnell unter den Teppich gekehrt werden. "Ich hätte da noch eine Frage", sage ich, als wäre ich schon eine Stunde lang in der Sitzung gewesen. Zum Gruppenfoto erscheine ich mittags pünktlich und sichere mir einen Sitzplatz in der ersten Reihe; aber vollständig ist das Bild trotzdem nicht.

Am Nachmittag geht es mit dem Bus nach Suzhou: Konferenzausflug. Die meiste Zeit lese ich Martin Mosebach oder unterhalte mich mit Ursula und Bettina, den Kolleginnen aus Yanji. Der Ausflug ist für mich nicht sonderlich interessant. Im Park des braven Beamten Sowieso war ich bereits am 14. Mai mit Stadtneurotikerin Danyu (sin-o-meter berichtete).

Der Abend krönen wir das Wiedersehen von YUST- und Ex-YUST-Fachkräften und lassen den Abend in einer Pizzeria ausklingen, wo unsere Schanghaier Kollegen Thomas und Ralf bereits die Plätze angewärmt haben.

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Montag, 21. November 2011

Das Bild hängt schief!
Von DM, 22:59

Es war doch nicht so eine gute Idee, heute Vormittag noch Unterricht zu geben, die Bibliothek zu öffnen und mich zeitgleich innerlich wie äußerlich auf die Reise nach Schanghai einzustellen, wo heute die jährliche Konferenz der Deutschdozenten beginnt. Ich renne zwischen Wohnung und Bibliothek hin und her wie das Spielzeug-Motorrad von Goebel-Chemie, das man durch Hin- und Herrollen des Hinterrades aufziehen konnte, bis es wie bekloppt durch die Wohnung schoss und irgendwann gegen die Wand donnerte. Als ich die Bibliothek das erste Mal verlasse, stehe ich draußen vor der Tür, habe gerade das Schnappschloss zugedrückt und stelle fest, dass ich meinen Schlüssel auf dem Schreibtisch liegen lassen habe. Ich renne zur Bibliotheksverwaltung. Zum Glück kann man mir aufschließen. Gegen elf kehre ich in die Bibliothek zurück, betreue einige Studenten, Yinuo zum Beispiel, die ein Gutachten benötigt und mir noch einige Informationen geben muss. Es ist schon später als geplant, als ich schließe. Und diesmal habe ich den Schlüssel in der Schublade eingesperrt, die man (da hier auch die Strafgelder der Studenten für verspätet zurückgegebene Bücher lagern) ebenfalls per Schnappschloss sichern kann. Mir bleibt nur eine Bruce-Lee-artige Gewaltaktion (die sich ein Stück weit auch gegen mich selbst richtet), um die Holzschublade völlig zu zertrümmern. Zwei Bretter, die vorher die Frontseite der Schublade bildeten, fliegen in die Ecke, der Schlüssel liegt tatsächlich dahinter. Ich lege den Schlüssel sonst nie da rein, aber das nützt mir jetzt auch nichts.
Zu Hause gehen noch mal dreißig Minuten verloren, weil ich mir Holzsplitter aus den Fingern operieren muss. Ich kann das nicht haben, dieses Gefühl, da sitzt was in mir drin, das nicht zu mir gehört! Diese Kettenreaktion von Ereignissen, die den ganzen geplanten Ablauf auf den Kopf stellt, erinnert mich an den Loriot-Sketch "Das Bild hängt schief". Ich müsste mir jetzt nur noch mit dem Operationswerkzeug ins Auge stechen, vor Schreck  rücklings in die Badewanne stürzen, dabei den Duschvorhang zerreißen und so weiter. Aber ich lasse die Satire mal lieber in dem Moment enden, da ich den größeren der beiden Splitter endlich zu fassen habe. Hans-Jo. würde das jetzt eine "Fleischwunde" nennen. Da ich gestern Abend nach einer kleinen Wanderung mit Huilin in Ermangelung eines Reisepasses, den man neuerdings für Zugreisen vorlegen muss, noch keine Fahrkarte kaufen konnte, hetzt mich ja auch nichts - Glück im Unglück.
Ich komme schließlich gegen 17.15 Uhr in Schanghai an. Leider finde ich dann aber doch nicht den Weg zur Fudan-Universität, dem Tagungsort, sondern irre mal wieder durch die Gegend. Dass Chinesen, die man nach dem Weg fragt, nie zugeben, nichts zu wissen, sondern einen lieber zum Mond schicken, macht die Sache auch nicht leichter. Am Ende bin ich aber doch am Ziel. Sabina (sin-o-meter berichtete) und zwei andere Schanghaier Kolleginnen entdecken mich als erste. "Du kommst genau richtig zum Essen!", begrüßt mich Sabina. Das Essen ist "mamahuhu". Nachdem ich die Yanjier Kolleginnen begrüßt habe, ist noch eine wichtige Aufgabe zu erledigen: Ich darf der erfreuten Kollegin Stefanie E. den Kult-Pullover aushändigen, den sie vor einem Jahr am Tagungsort Nanjing im Hotel liegen ließ. Immerhin ein Trost: Missgeschicke widerfahren auch anderen.

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Montag, 14. November 2011

Sprachliche Herausforderung
Von DM, 23:59

Nachdem ich der U-Bahn entstiegen bin, sehe ich, wie auf der anderen Seite der Bus D1 gerade abfährt, der mich zum Xianlin-Campus der Nanjinger Pädagogischen Hochschule (Nanshida) bringen soll, wo ich heute Abend einen Vortrag zum Thema "Leben und studieren in Deutschland" halten soll. Ich flitze, so schnell wie das der halbe Zentner Broschüren und Info-Material zulässt, die ich mitschleppe, über die Straße, winke dem beschleunigenden Bus zu; der ignoriert mich, wechselt auf die linke Spur und fährt an mir vorbei. Hinter mir aber ist die Ampel gerade rot geworden, an der Kreuzung muss er halten. Die Dauer der Rotzeit wird in China von den Ampeln in Sekunden angezeigt. Ich habe eine halbe Minute. Ich eile dem Bus hinterher, klopfe energisch an die Tür. Der Fahrer schaut mich durch die Scheibe unwillig an. Ich hebe meine schwere Tasche hoch, tippe mit meinem rechten Zeigefinger auf meine Armbanduhr. Die Tür geht auf. Der Bus ist proppevoll und es ist schweineheiß. Mein film-o-meter-Moderatoren-Jackett wird zur Belastung. Doch niemand wird allen Ernstes von mir verlangen, dass ich in dieser Stadt noch mal ein Taxi nehme.
Am Eingang der Nanshida erwartet mich Felix, der freundliche Kollege vom Bosch-Lektorenprogramm. Wenig später trifft Frau Chen ein, die Chefin der hiesigen Deutsch-Abteilung, eine frühere Professorin der Uni Nanjing, die den Vortrag für mich organisiert hat. Es erscheinen fast sechzig Studenten. Frau Chen fordert mich heraus, den Vortrag auf Chinesisch zu halten, da Englisch den meisten Anwesenden nicht so geläufig sei und ihr Deutsch auch noch nicht so gut entwickelt. Am Ende wird es ein chinesisch-englischer Vortrag mit gelegentlichen Ausrutschern ins Deutsche. Keine einzige Broschüre bleibt zurück. Selbst die Landkarte von Deutschland, die sich mitten im Vortrag von der Wand gelöst hat, ist am Ende spurlos verschwunden. Mit dem überladenen D1 gibt es kein Wiedersehen: Felix, dessen Unterkunft ebenfalls im Stadtzentrum liegt, und ich werden von einem weit fortgeschrittenen Studenten mit Deutschlanderfahrung und Auto zur nächsten U-Bahn-Station chauffiert.

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Samstag, 12. November 2011

Neues aus Chicago
Von DM, 23:59

Huang Fans Kollegin Danyu ruft mich aus Chicago an, wo sie im dritten Anlauf Theologie studiert. Ich erfahre einiges Neues: Ihre Mutter, die wegen Falun-Gong im Gefängnis saß, ist wieder frei, auch scheinen ihre Eltern nicht mehr an Scheidung zu denken. Sie hat schon wieder einen amerikanischen Verehrer, "Pastor" nennt sie ihn, einen Chinesen, der schon lange in den USA lebt. Trotzdem zögert sie, seine Eheersuchen anzunehmen. Er hat irgendeine Erbkrankheit, die sich auf gemeinsame Kinder übertragen könnte. Ein Problem, das ich vermutlich nicht lösen kann. Ich höre mir trotzdem alles geduldig an. Schließlich hat die leicht neurotische Autorin, die ich im Mai in meinem Gutachten für eine permanente Künstler-Aufenthaltsgenehmigung in den Vereinigten Staaten mit Iris Murdoch verglichen habe, noch die glorreiche Idee, mich in Deutschland zu besuchen. Ich habe zum Glück ja noch neun Monate Zeit, mir zu überlegen, was dagegen spricht. Das Gespräch dauert so lange, dass ich schon im Bus sitze und zufällig an der Wohnung ihrer Eltern vorbeifahre, als sie endlich nichts mehr zu berichten weiß. Ich verbringe den Rest des Tages auf dem Zijin-Berg.

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Donnerstag, 10. November 2011

Wiedersehen mit Huang Fan
Von DM, 23:59

Nachdem ich gestern, um die letzten Gelder der Kinder-Uni zu verballern, Prof. Wünnemann, dessen Praktikantin Lotta sowie Rebecka Z. vom Rechtsinstitut ins deutsche Restaurant "Swede und Kraut" eingeladen habe (Hauptgesprächsthema: Kakerlaken), gibt es heute nun ein Wiedersehen auf meine Kosten mit Huang Fan, dem Autor, den mir dessen Kollegin Danyu einst vorgestellt hat. Er ist gerade aus Taiwan zurück, wo er drei Monate mit einem Schriftsteller-Stipendium verbracht hat. Er berichtet von hohen Löhnen und niedrigen Preisen und von der englischen Übersetzung einer seiner Kurzgeschichten, die er mir alsbald zuzusenden verspricht. Außerdem erscheint sein bekanntester Roman "Das elfte Gebot" nun auch in einer Taiwan-Ausgabe. Ich überreiche ihm ein Geschenk des deutschen Romanciers Stephan Thome, der mit uns beiden lose befreundet ist: Thomes ersten Roman, den Huang Fan in Taiwan bereits in den Buchläden entdeckt hat.

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Samstag, 05. November 2011

Ausgetrickst!
Von DM, 23:59

"Heute Nachmittag gehe ich zum Xuanwu-See. Hast du Zeit und kannst kommen?" Mit diesen Worten schrieb sich vor einiger Zeit (am 22. Oktober) das Mädchen auf der Bank zurück ins sin-o-meter. Ich habe Zeit. Seit meine Sprachpartnerin Jiakun sich aus meinem Leben gestohlen hat (hat wohl endlich einen Freund gefunden), ist der Sonnabend gewissermaßen vakant. Jetzt treffe ich mich quasi als Ersatz ab und zu mit Huilin. Den heutigen kleinen Wandertag, von ihrer Uni ausgehend durch ein Park-Areal unterhalb des Zijin-Bergs, beschließt sie ziemlich souverän mit einer Einladung zum Essen in einem Restaurant in der Nähe meiner Universität, in dem ich schon mit Liu Chao war. Meine ohnehin eher zaghaften Versuche, das Essen zu bezahlen, sind zwecklos: Huilin hat alles vorher per Internet bestellt und bezahlt. Ausgetrickst auf Chinesisch! 

 

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