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Freitag, 08. Mai 2009

Die Rückkehr der Bestie
Von DM, 23:59

Die Bestie ist zurück, die Bestie Hitze mit dem siebenköpfigen Monster Skito (abgekürzt Mo. Skito) im Gefolge. Täglich klettert das Thermometer vor meinen fassungslosen Augen, seit der Mai gekommen ist, ein bis zwei Grad höher und ich frage mich, wohin das noch führen soll. Zu Mücken natürlich. Und die halten sich mal wieder an keine Regel, stechen mich tagsüber draußen nicht weniger als nachts drinnen. Und da! Da war schon wieder eine. Fliegt direkt hier am Bildschirm vorbei und streckt mir die Zunge raus. Unter Loriots Filzlaus-Mikroskop hätte man das sehen können! Die halten sich an keine Regel. Sie dringen nachweislich durch verschlossene Fenster ein, wirklich! Da muss irgendwo eine 0,2 Nanometer große Ritze sein oder sie fliegen unter dem Klimaanlageschlauch durch. Und wer hat eigentlich diesen Mist erfunden, dass Mücken erst am Ende des Sommers saugen, weil sie das Menschenblut für das Ausbrüten ihrer Eier brauchen? Welcher Konrad-Lorenz-Superbesserwisser-Verhaltensforscherspinner hat diese Legende in die Welt gesetzt, die Menschen wie mich in falsche Sicherheit wiegt? Alles Quatsch! Die saugen aus purer Lust an der Freud'. Und die saugen auch nicht einmal und dann ist fertig. Nein, die sind wie Säuglinge. Die schlürfen etwas, dann haben sie plötzlich keinen Appetit mehr, rülpsen erst mal und wollen lieber spielen statt trinken und dann haben sie auf einmal wieder Hunger und stechen noch mal. Ergebnis: Mein linkes Bein ist übersät mit kleinen ekligen Pusteln in Kniekehlen, am Fuß, am Bein, vornehmlich im Wadenbereich. Hinzu kommt, dass man ja bei dieser elenden Hitze auch nicht mehr weiß, ob es juckt, weil überall Schweiß aus den Poren kommt, oder ob das der neueste Anschlag von Monster Skito ist. Überhaupt jucken Mückenstiche im Sommer viel mehr als im Winter. Und wer hat eigentlich den Mist erfunden, dass Mückenstiche nicht jucken, wenn man 24 Stunden lang Übermenschliches leistet und heldenhaft wie ein Iron Man aufs Kratzen verzichtet oder die Stiche mit Seife einreibt? Alles Quatsch.
Was? Juckt euch alles nicht? In Deutschland gibt es jetzt noch keine Mücken? Na, vielen Dank!
Also Themawechsel. Passend zur Hitze bin ich jetzt in einem Hauskreis mit lauter Afrikanern gelandet, die sich in einem Wohnheimzimmer der Universität für Pharmazeutik treffen. Wenn die kleine Ruby (Tochter des Simbabwers Martin) mal nicht kräht wie eine Trillerpfeife mit kaputter Kugel, dann kann man auch ganz gut hören, was die Geschwister im Herrn aus Gabun, Kamerun, Simbabwe und Sambia zu erzählen haben. Ich finde es natürlich grandios, dass das Leben mich auf so einen Hauskreis durch 18 Monate Westafrika vorzubereiten wusste. So fällt mir die Integration in diesen speziellen Kreis, in den sich immer wieder Afro-Französisch einschleicht, obwohl offiziell in Englisch getagt wird, natürlich nur halb so schwer. Und an Zufall glauben, wie ich gerade las, ja nur Ignoranten.
Viel los diese Woche: Gestern haben mir Kollegin Katja und ihr Freund Gerald, soeben von wichtigen Treffen in Deutschland zurück, geholfen einen Gutschein einzulösen, den ich erhielt, als Liu Chao im ausstellenden Restaurant in meinem hilfreichen Beisein ihre Energiekrise bekämpft hat. Dadurch, dass wir 100 Yuan Verzehrkosten überschreiten, werden uns nun 50 Yuan erlassen. Am Ende zahle ich aber trotzdem über hundert Yuan. Wo ist da denn nun die Ersparnis? Naja, und morgen geht's zu einer Gartenparty, zu der Ex-Mitschüler Karl von B. geladen hat. Ich freue mich schon auf Fußball mit den Kindern im Garten.
Mittags habe ich mit einer Kollegin zu Mittag gegessen. Sie fühlt sich manchmal ein bisschen marginalisiert in der Gruppe der Lehrer. Da gibt es auch Irritationen über Fachbücher, die, ohne sie zu konsultieren, angeschafft wurden - kleine Kompetenzrangeleien wie wohl in jeder "Firma". Anlass unserer Zusammenkunft war die Auswahl von sieben Studenten-Kurzgeschichten für einen Verlags-Wettbewerb, darunter so verheißungsvolle Titel wie "Di-Da-Di" (Platz 6 für den originellen Mobiltelefon-Krimi), "Eine Klingel in der Nacht" (eine Gruselgeschichte, Platz 5) oder "Huzi" (1. Platz). "Huzi" ist die Geschichte eines alten Mannes, dessen Hund Huzi gestorben ist und der sich vereinsamt fühlt, nachdem seine Frau gestorben ist und er auch von Sohn und Schwiegertochter nicht so richtig willkommen geheißen wird. Nach Auskunft der Autorin musste sie selbst beim Schreiben weinen (oder fast), denn es handle sich um eine wahre Geschichte.
Ja, auch ich breche viel lieber in Tränen aus wegen einer bewegenden Geschichte als wegen desaströser Grammatik. Das ist aber auch bei den Aufsätzen, die ich im Rahmen der Zwischenprüfungswoche diese Woche schreiben ließ und heute korrigiere, zusehends weniger der Fall. Auch die Klausur zur "Zeitungslektüre" (brandaktuelles Thema: Klinsmanns Rauswurf; im März haben wir noch ein Interview mit dem optimistischen Bayern-Trainer behandelt, welche Dramaturgie!) ist gut ausgefallen. Da sind schon einige Fortschritte zu ... Siehst du, jetzt hat sie mich erwischt: Diesen Stich auf der Innenseite des linken Unterschenkels hatte ich doch eben noch nicht, oder? Und warum eigentlich immer links?

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Mittwoch, 29. April 2009

"Xiexie, Yijie!"
Von DM, 23:59

Nachdem ich heute nach dem Unterricht noch mal nachgefragt habe, schickt Klassensprecherin Yijie endlich das Gruppenfoto von der Tour zum Fantawild-Park (sin-o-meter berichtete), DER Alternative zum Wildpark Eekholt. Ich schreibe prompt zurück: "Xiexie, Yijie!" (übersetzt: "Danke, Cecilia!").
Links von mir: Wu Yu, Xinhang und (halb kniend) Feiqian, hinter mir die Computer- Jungens. In der Mitte rechts von mir: Hao Hui, Youjin und Du Li.
Untere Reihe links von mir: Yang Liu, Yi Xuan und Xin Liu.
Untere Reihe rechts von mir: Liu Chao, Yijie mit (Sonnenbrille und) Wang Dan, Xi Min und Yinyin mit Minmin.

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Samstag, 25. April 2009

Cathy und Hillson und ich
Von DM, 23:59


Bereits zum zweiten Mal treffe ich mich heute am Xuanwu-See mit Cathy, die in Wirklichkeit Jiakun heißt und in einem Tourismus-Institut Koreanisch unterrichtet. Wir haben uns zum ersten Mal auf einer von Michaels legendären Partys kennen gelernt und sie wollte gern ihr Deutsch etwas aufbessern; wer kann dazu schon nein sagen, wenn er so hilfsbereit ist wie ich? Sie ist übrigens eine gute Lehrerin, was sich darin erweist, dass sie mich die zweite Hälfte des Spätnachmittags in Chinesisch unterweist: Wie du mir, so ich dir! Letzte Woche waren wir anschließend in einem mittelmäßigen Restaurant essen, heute folgen wir dem Ruf des Michael-Nachfolgers Hillson. Denn Michael, so vernehme ich zu meiner Überraschung, befindet sich im Scheidungsstress! Die Ehe mit einer etwas jüngeren Chinesin hat irgendwie nicht funktioniert. Aber Michael trage sich bereits mit neuen Heiratsabsichten. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus. Heraus kommt dafür, dass Michaels künftige Ex-Gattin wohl auch gar kein Englisch konnte. Ich sage: Sich dafür zu entscheiden sein Leben mit jemandem zu verbringen, ist ja schon 'ne harte Nummer. Wenn dieser Jemand aber nicht dieselbe Muttersprache spricht, ist das Hochseilakrobatik, aber wenn man sich fast gar nicht verständigen kann, dann ist das Hochseilakrobatik ohne Seil! (Naja, so habe ich das zumindest sinngemäß gesagt.) Aber jeder muss eben das tun, wovon er am meisten überzeugt ist. Und wovon man nicht überzeugt ist, das sollte man eben nicht tun. Das war immer schon mein Motto. Hillson ist derweil davon überzeugt, dass er in Michaels Fußstapfen treten kann. Aber Cathy, die ist von Hillson gar nicht überzeugt. Sie fühlt sich von ihm genervt. "He's always so pushy!", sagt, nein, klagt sie. Er dränge sie immer, schicke ständig eine SMS und wenn sie die ignoriere habe sie ihn gleich an der Strippe. Ich wusste ja immer, dass diese Mobiltelefone einen Haken haben... Leider kommen wir so spät zur Party, dass nur noch ein paar Pizzastücke zu uns gelangen. Dafür darf Cathy mit Hillson singen und ich treffe Jerry, eine tätowierte US-Variante von Michael, und Eveline, die ich schon aus dem GoDi kenne oder, besser gesagt, sie mich. Eveline doziert so lange über Schlafmangel, dass schließlich alle ermüdet aufbrechen. Aber es reicht noch für ein Gruppenfoto.

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Freitag, 24. April 2009

Nachttaxi ins Badehaus
Von DM, 23:59

Mit Echo (sin-o-meter berichtete) wird es garantiert nicht langweilig. Echo ist eine Frau mit sensationell schlechtem Orientierungssinn und zwölf Minuten Verspätung. Mit dem Taxi will sie in ein Spezialitäten-Restaurant. Das liegt aber, wie sich erweist, als wir aussteigen, nur fünf Minuten Fußweg von unserem Treffpunkt entfernt. Und ist schon voll. Wir landen in einem Eisladen der Marke Hägar (oder so), wo wir für vier Kugeln Eis umgerechnet zwanzig Mark bezahlen. Danach lasse ich mich wieder in ein Taxi setzen. Echo führt uns zu einem Badehaus. "Früher war hier ein Restaurant", versichert sie. Zwischenzeitlich habe ich sie versucht davon zu überzeugen, dass die bibeltreuen Christen die einzig wahren Gläubigen sind und man den Rest vergessen kann. Im selben Atemzug versuche ich sie in ihrem Studienort Chicago, wohin sie bald zurückkehren wird, in die Willow-Creek-Gemeinde zu lotsen. Erfolgreich gelotst hat sie uns schließlich wider Erwarten auch noch, und zwar in ein Feinschmecker-Restaurant. Dort will sie gleich tausend verschiedene Gerichte bestellen. Ich sage: "Wer soll das alles essen?" Am Ende gehen wir mit drei Packungen Essensresten nach Hause und Echo beschwert sich, dass ich das Taxi zuerst zur Uni lenke. "You are no gentleman", beklagt sie sich. Ich stimme zu, gebe aber zu bedenken, dass ich sie beim Einstieg zu fragen versucht hätte, aber nicht zu Wort gekommen sei. Zwischendurch habe ich sie auch schon mal als "stupid" kritisiert; man sieht, wir verstehen uns.
Auf dem Weg vom Eisladen zum Badehaus (oder Massagesalon, was immer das war) wechselt Echo überraschend das Thema und erzählt mir auf einmal alles von ihrem katholischen "boy-friend" in den USA, der sie sofort heiraten möchte. Sie wisse aber nicht so recht. Er rede auch nie über seinen Glauben. Ich sage: Wenn er dich sofort heiraten will, spricht das immerhin für seine redlichen Absichten. Anders als mit ihrem "boy-friend" war sie mit einem Fremden aus dem Internet allerdings bereits handelseinig geworden, was Heiraten anbelangt. Es handelt sich um einen Geschiedenen mit zwei Kindern, den sie nie gesehen hat, der aber ohne jeden Zweifel ihr Seelenverwandter sein müsse, auch wenn der Kontakt jetzt abgerissen sei. Zu guter Letzt hatte sie auch noch eine Liebesaffäre mit ihrem Verleger, der nach deren Scheitern dafür gesorgt habe, dass sie mit ihrem Roman (ein Exemplar hat sie mitgebracht) nicht viel Geld verdient hat. Gegen halb drei bin ich zu Hause. Ich verlasse das Taxi zehn Minuten nach ihr und habe mich also doch noch als "Gentleman" erwiesen. Nun muss Echo aber wirklich schnellstens nach Chicago zurück, finde ich.

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Freitag, 17. April 2009

Im Zirkus
Von DM, 23:59

Nach einem Vortrag an der China-Universität für Kommunikation, an der meine Kollegin Katja, die Österreicherin, lehrt, einem Vortrag mit etwa 65 Zuhörern am Freitagabend, der im Rahmen einer Marketing-Aktion für das deutsche Hochschulwesen stattfindet, die zu meinem Aufgabenprofil gehört, lande ich, weil eine deutsche Praktikantin morgen achtzehn wird, mit Katja und einigen ihrer Studenten im Mazzo, das ist so ein ... Nachtclub. Also, so was von dekadent! Ich kam mir zunächst vor wie in einem indischen Tempel, alles Gold, Kronleuchter und teurer Teppich und so. Da werden Früchte auf Riesentabletts serviert wie in einem Harem, die Ohren gefoltert wie in einer Disko, Whisky getrunken und gezockt wie in einem Western-Saloon und auf die Pauke gehauen wie bei einer Polka. Für Zirkus-Ambiente sorgt ein kleinwüchsiger Clown, der Pudel aus Luftballons dreht.
Aber China ist hier schon wieder besser als Deutschland, denn dort passen sicher keine uniformierten Polizeibeamten in der Bar auf, dass nichts aus dem Ruder läuft (höchstens Derrick in Zivil). Und tanzende Damen im Bikini gibt es hier nur auf Monitoren. Alles noch ganz züchtig. Das Gehirn scheint in solchen Bars aber trotzdem am Eingang abgegeben werden zu müssen, den Rest bläst die Musik weg. Deswegen kann ich auch nicht länger als fünfzehn Minuten bleiben (exakt gestoppt), denn ohne Hirn bin ich nur die Hälfte wert. Ich kann aber gar nicht sagen, dass ich bereue mitgegangen zu sein. Auch wenn ich nichts mehr von den Verheerungen mitbekommen habe, die der eine Liter Whisky, der komplett ausgetrunken worden sein soll, unter den kaum erwachsenen Student(inn)en angerichtet hat, war dieser Ausflug in die chinesische Halbwelt doch sehr interessant. Hatte, wie gesagt, was von Zirkus. Da geht man auch rein, guckt sich die Clowns und die wilden Tiere an und geht wieder nach Hause.

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Dienstag, 14. April 2009

Warum Jack London und Hermann Hesse Elementares gemeinsam haben
Von DM, 23:59

Am heutigen Nachmittag bin ich Teil einer fünfköpfigen Prüfungskommission, die in einer mündlichen Prüfung über die Zulassung von Bewerbern für den Magisterstudiengang an der Uni Nanjing befinden soll. Sechs Studenten versuchen bei Antworten auf Fragen zu ihrer Motivation und ihren Vorkenntnissen in Linguistik und Literaturwissenschaft zu glänzen; zwei davon sind Studenten unseres eigenen Fachbereichs und schließen in diesem Semester mit einem B.A. ab. Die Studentin, die sich auf meine Nachfrage für Hesses "Steppenwolf" interessiert, weil sich das Buch für einen Vergleich mit Jack London eigne, da dieser ja auch Bücher über Wölfe ("Wolfsblut") geschrieben habe, hätte lieber gleich gesagt, dass sie keine Ahnung von Literatur hat. Auch die erste Kandidatin kann mich mit ihren zaghaften Antworten gar nicht überzeugen. "Für mich ist die durchgefallen", bekunde ich forsch, erfahre aber sogleich, dass die Bewerberin, die nicht mal zu sagen wusste, was sie an Deutsch interessiert und warum sie weiter Deutsch studieren möchte, die beste schriftliche Zulassungsprüfung abgeliefert hat.

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Sonntag, 12. April 2009

Ostersonntag
Von DM, 23:59

An Ostern zieht es mich dann doch wieder eher in die konservative St.-Paul's-Gemeinde. Allerdings sind die noch nicht mal fertig mit dem chinesischen GoDi, der vorher stattfindet, als ich eintreffe. Und dabei hatte ich mich so beeilt, um noch halbwegs pünktlich zu kommen. Ostern ist eben was Besonderes. So predigt dann heute in der Kirche der deutsche Theologe Sigurd (bekannt durch den Eintrag vom 21.12.2008). Allerdings muss ich sagen, dass mich kaum etwas in der Kirche mehr nervt als Prediger, die ihre Kinder als Exempel zur Veranschaulichung von geistlichen Inhalten verwenden. Zwar kommt das in China natürlich doppelt gut an, aber ich kann die Masche "wie mein kleiner Sohn neulich, als..." nicht mehr hören. Danke, reicht! Immerhin kann ich Sigurds Englisch viel besser verstehen als das seiner chinesischen Brüder und Schwestern im Herrn.
Apropos Schwestern im Herrn, die geschätzte Schwester im Herrn Lili hat für mich ein paar Lieder kopiert, die dank einer Reportage auf Bibel-TV in christlichen Kreisen in Deutschland unter dem Titel "Hymnen Kanaans" offenbar zu einigem Ruhm gekommen sind und noch exportiert werden sollen.
Nachmittags gibt es für mich - wer hätte das gedacht? - sogar noch ein paar Schoko-Ostereier. Und deutschen Kuchen. Denn ich bin zu Gast bei einer sechsköpfigen Familie aus Deutschland und spiele in deren Garten mit den Kindern und deren Papa Fußball. Das mag so weit noch nicht kurios genug für eine sin-o-meter-Notiz sein. Aber interessant wird die Sache zweifellos, wenn ich verrate, dass dieser Papa vor 24 Jahren mit mir im Musik- und Mathe-Grundkurs saß und aus Großenaspe, Ortsteil Brokenlande, stammt. Genau wie mich hat es Karl von B. aus beruflichen Gründen nach Nanjing verschlagen. Er wohnt mit seiner Familie, zwei Mädchen, zwei Jungs und eine Ärztin (seine Frau), in einer kleinen Villa mit Garten in einem beschaulich-adretten Wohnviertel für ausländische Experten am Stadtrand, abgeschirmt durch Sicherheitskräfte und beschränkten Zugang. Meine An- und Abreise erfolgt durch Karls persönlichen Chauffeur!
Was lernen wir daraus? Im Leben geschieht nicht immer das Wahrscheinlichste! (Das Fußballspiel im Garten gewinnen aber trotzdem die Senioren.)

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Samstag, 11. April 2009

Fantawild
Von DM, 23:59

Der dritte Tag von Liu Chaos Kurzurlaub führt bis an den Rand totaler Erschöpfung. Nach nur vier bis fünf Stunden Schlaf müssen wir schon wieder raus. Heute findet nämlich der allsemestrige Studentenausflug statt. Die Studenten des zweiten Studienjahres haben den Fantawild-Abenteuerpark von Wuhu in der Nachbarprovinz Anhui zum Zielort erkoren. Wir werden mit dem Taxi abgeholt, treffen den Rest der Schar vor dem Bus am Außencampus der Uni und landen in der chinesischen Version von Disney World mit Cowboystadt, Astro- und Azteken-Tempel, Wasserrutsche und Achterbahn. Der (un-)heimliche Höhepunkt allerdings ist, von Liu Chao mit sensationellem Gespür für das Wesentliche entdeckt, eine 3-D-Tour durch eine von Godzilla und seinen Kumpels verwüstete Großstadt. Schon das Haus, in dem die Schau dargeboten wird, spricht für sich: Es steht auf dem Kopf und auf dem Dach, das eigentlich das Fundament ist, turnen Saurier herum. In einer Art Flugsimulation wird man auf einem Pseudo-Raumgleiter an brennenden Häuserfassaden vorbei, mitunter auch durch sie hindurch geschleudert. Aus den Ruinen lugen überall gierige Tyrannosaurier hervor. Gelegentlich schnappen sie auch nach einem. Liu Chao kreischt für eine Chinesin erfreulich wenig. Wir können dem Grauen mit knapper Not entkommen. Die 4-D-Unterwasser-Show nach Motiven von "Findet Nemo" ist auch nicht schlecht. Für die vierte Dimension sorgen Windstöße, Wasserspritzer und ein Rumpeln im Sitz. Außerdem sind wir dabei, wie per Greenscreen-Effekt harmlose Chinesen zu Supermännern und Kriegshelden oder Ungeheuern werden. Leider geht im Dunkeln meine Sonnenbrille verloren.
Im Bus zurück nach Nanjing spielen wir mit einigen Studenten Mau-Mau mit verschärften Großenasper Regeln und zu Hause liefern Liu Chao und ich völlig übermüdet noch eine ganz lausige Leistung in dem beliebten Kniffel-Plagiat „Der große Wurf“ ab. Mir gelingt nicht mal 'ne kleine Straße, von „großem Wurf“ kann folglich keine Rede sein. Schließlich schleppe ich Liu Chao und ihre Koffer noch zum Bahnhof. Sie wird im Nachtzug nach Peking schlafen wie ein Stein und ich in der Bude mit dem Müllberg. 

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Freitag, 10. April 2009

Noch ein Friedhof
Von DM, 23:59

Den heutigen Karfreitag widmen wir passenderweise dem riesigen Ming-Gräber-Areal unterhalb des Purpur-Bergs. Ein von einer Mauer umschlossenes Gelände dient dem ersten Kaiser der Ming-Dynastie, der sich vor 600 Jahren durch grausame Strenge um die Einheit des Reiches verdient gemacht hat, als Rückzugsgebiet seit seinem Ableben. Neben ihm liegen offenbar auch seine Nachfolger. Trotz eines Eintrittspreises von 70 Yuan dürfen wir noch nicht mal deren Ruhe stören, weil das eigentliche Mausoleum Baustelle ist.
Von den malerischen Ming-Gräbern geht es dann mit dem Bus zum Xuanwu-See, wo irgendwann das zweimillionste Foto entstanden sein muss. Oder beim Essen danach. Denn gut ausgebildete Chinesinnen fotografieren auch noch beim Essen. Als Entschädigung erhalte ich einen 50-Yuan-Gutschein fürs Zu-viel-Essen, den ich aber nur durch Noch-mehr-Essen einlösen kann.

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Donnerstag, 09. April 2009

Auf dem Friedhof
Von DM, 23:59

Liu Chao wird zur Touristin im eigenen Land und ich zum Touristen in der eigenen Stadt. Wir besuchen den Yuhuatai-Friedhof, der mit Aussichtsturm, Museum, Gedenkstätte und einem exakt 42,3 Meter hohen Mahnmal den Märtyrern von Maos Revolution gewidmet ist, strammen Kommunisten, die seinerzeit, Ende der zwanziger Jahre und Mitte der dreißiger Jahre,  für ihren Glauben einfach hingerichtet wurden (von Angehörigen der Kuomintang, der nationalistischen Partei von Chiang Kai-shek). Liu Chao macht ungefähr eine Million Fotos. Die Fotos, die ich mache, sind angeblich von minderer Qualität, was ich nicht verstehe, denn das Lächeln der Chinesin im Bildmittelpunkt sieht auf allen Bildern immer hundertprozentig gleich aus. Was kann ich da noch falsch gemacht haben? Anschließend machen wir noch einen Abstecher zur Einkaufsmeile am Konfuzius-Tempel, wo dann zu vorgerückter Stunde irgendwann das einmillionste Foto entstanden sein muss, denn nach Sonnenuntergang leuchtet hier alles fotogen-farbenfroh wie am Piccadilly Circus. Dem hält kein chinesischer Auslöser auf Dauer stand.

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Mittwoch, 08. April 2009

Der Mann, den keine Türen mochten
Von DM, 23:58

Zum bereits zweiten Mal musste ich heute in China eine Tür eintreten. Diesmal meine eigene Badezimmertür. Zum bereits vierten Mal war ich in China ein- oder ausgesperrt! Dabei hatte ich den Reinigungstanten am Montag noch mitgeteilt, dass das Schloss kaputt sei, auch wenn von außen nichts zu sehen sei, aber nee, auf mich hört ja wieder keiner! Jetzt liegen überall Holzsplitter auf dem Boden und das Schloss hängt schief. Aber wenn man morgens ins Bad muss und fünfzehn Minuten später zur Uni, dann kann man nicht lange Umstände machen. Dann muss man rabiat werden. Ich sage, ehe ich aufbreche, aber noch rasch unten am Empfang Bescheid und hinterlasse eine Nachricht: "I had to break my bathroom door. You might want to take a look."
Das kaputte Schloss in der Badezimmertür kommt zur Unzeit, denn ich erwarte heute Besuch. Bereits gestern habe ich eine Luxus-Luftmatratze besorgt. Beim Aufpumpen habe ich allerdings den Schlauch bei der Pumpe ins falsche Loch gesteckt und mich einige Zeit gewundert: Was dauert das denn so lange?...
Liu Chao, mit schweren Koffern bewaffnete Ex-YUST-Studentin und heute rechte Hand des Chefs bei einem Zugbau-Joint-Venture von Siemens, wird nachmittags von der U-Bahn-Station abgeholt, nachdem ich einmal sinnlos um den Block geirrt bin. Da stand sie wohl noch bei McDonald's. Was antworte ich auch nicht auf ihre SMS, beschwert sie sich. Nun also eine Frau im Haus: Vor- oder Nachteil? Der geneigte sin-o-meter-Leser entscheide selbst: Verdreifachung des Hausmülls, Vervierfachung des Flaschen- und Kosmetik-Arsenals im Bad, Verzehnfachung der Haar-Reste im Bad (gemessen an der Gesamtlänge aller aufgefundenen Haare) und nie mehr genug Joghurt im Kühlschrank. Im Gegenzug verdanke ich dem werten Gast eine drastische Reduzierung langweiliger Tagesabschnitte und Selbstgespräche, den Hinweis, dass die blaue Flasche, die ich einst als Shampoo gekauft, aber dann mangels Schaumentwicklung als Badedas verwendet habe, in Wahrheit Hair-Conditioner ist und wozu man Hair-Conditioner verwendet. Um diesem Aha-Effekt Nachdruck zu verleihen, spendiert mir Liu Chao auch gleich eine Flasche echtes Badedas (mit Gurken-Extrakt). Außerdem darf ich künftig keine Socken mehr länger als einen Tag tragen und muss mir dreimal so teures Klopapier besorgen. Na, wenn da keine Freude aufkommt!

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Montag, 06. April 2009

Yangzhou, 2. Tag
Von DM, 01:59

Der so genannte "schlanke Westsee" (im Gegensatz zum normalen Westsee in Hangzhou) ist die größte Attraktion der Stadt. Ausgehend vom Yechun-Teehaus wandere ich einen Kanal entlang bis zum gelben Daming-Tempel, der zusammen mit einer Pagode den Westsee im Norden begrenzt, und folge so der Strecke, die einst ein berühmter Kaiser frühmorgens mit dem Boot zurückzulegen pflegte. Als Höhepunkt gilt die auf dem Foto zu sehende "Fünf-Pavillon-Brücke", die typisch ist für den Brücken-Baustil im Süden Chinas und als Wahrzeichen von Yangzhou betrachtet wird. Was hier nicht zu sehen ist, sind die Horden von Touristen, die den Pavillon belagern, und die Armadas von so genannten "Lustbooten", das sind Paddelboote mit Drachenkopf, auf denen Touristen sich über den See schippern lassen.
Obwohl ich meine Zeit großzügig geplant habe, gerate ich am Ende (ich habe das Massage-Hotel bereits geräumt) doch wieder enorm unter Zeitdruck, weil ich mich eine Stunde vor Abfahrt meines Busses nach Nanjing entschlossen habe, nicht auf der Buslinie 29 zurückzufahren, die ich genommen habe, als ich zum See fuhr (ca. 30 Minuten), sondern lieber umschwenke auf die 66 bzw. 20, die auf direkterem Wege  zum Busbahnhof führt. So hoffe ich Zeit zu gewinnen. Leider habe ich durch den Wechsel der Haltestelle eine Viertelstunde verloren und es kommt zu einem wilden Wettlauf gegen die Zeit. Denn Bus 66 kommt einfach nicht, von Nr. 20 ganz zu schweigen. Inzwischen nur noch vierzig Minuten bis zur Abfahrt meines Busses, des letzten für heute. Ich winke bereits, ganz untypisch für mich, nach Taxis, ein sichtbares Zeichen äußerster Verzweiflung. Und ohne Erfolg. Alle besetzt. Erschwerend kommt hinzu, dass ich noch mein Gepäck aus dem Lager holen muss und man mir am Mittag geraten hat, sieben bis zehn Minuten vor Abfahrt am Busbahnhof aufzutauchen; denn manchmal fahren Busse hier einfach früher ab. Noch 35 Minuten. Drei Busse rollen an. Gierig stiere ich nach den roten Nummern an den Frontscheiben. Keine 66. Keine 20. Andere Linien sind auf meiner Karte nicht eingezeichnet. Wenn ich jetzt nicht fahren kann, komme ich heute hier nicht mehr weg. Das war's dann wohl, denke ich. Noch mal ab ins Billighotel. Oder? Ich gehe entschlossen auf den zweiten Bus zu, der gerade hält; denn ich sage mir, dass auf dieser Strecke doch auch noch andere Busse zum Busbahnhof fahren müssen. Ich frage den Fahrer des Busses Nr. 17. Er nickt. Ich frage nach der Anzahl der Stationen. Er sagt: "Sieben bis acht!" Das, so rechne ich schnell aus, könnte bei guter Verkehrslage in 20 Minuten zu schaffen sein. Ich zähle die Haltestellen mit und rechne jedes Mal die Gesamtzeit hoch. Am Ende bin ich Viertel vor sieben am Busbahnhof. Der Mann am Gepäckschalter ist mürrisch. Er meint, wenn ich richtig verstanden habe, ich hätte viel früher kommen sollen. Da er mächtig nach Schnaps riecht, nehme ich das nicht so ernst, nuschel' irgendwas und bekomme mein Gepäck. Erleichtert sitze ich schließlich im Bus nach Nanjing und bin mir sicher: Gott liebt mich.

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Samstag, 04. April 2009

Yangzhou, 1. Tag
Von DM, 23:59

Weil Montag wegen der chinesischen Spielart von Allerheiligen frei ist, fahre ich heute mit einem Bus vom Nanjinger Dongzhan nach Yangzhou, die malerische Stadt im Norden von Nanjing. Allerdings muss ich zuvor vier Stunden am Bahnhof herumlungern, weil ich erst den Bus um 19 Uhr nehmen kann. Vorher bin ich mal wieder auf Abwege geraten und in einem morastigen Stadtrand-Acker (Baugebiet) gestrandet, weil es da laut Karte einen Weg über oder unter dem Bahndamm geben sollte. Kann man total vergessen. Was ich erst bei meiner Rückkehr herausfinde, hätte mir diesen Stress ersparen können und kann zugleich als Tipp für Leute dienen, die durch Eingabe des Suchbegriffs "Reisen nach Yangzhou/Jiangsu" zum sin-o-meter gelangt sind: Vom Nanjinger Dongzhan kommt man mit Bus 28 sowohl zum Bahnhof (von dem aus ich heute zu Fuß gegangen bin) als auch zur Universität Nanjing. Bei völliger Dunkelheit komme ich in Yangzhou an und pilgere Richtung Innenstadt.
Wie mach' ich das nur immer? Ich muss einen eingebauten Sensor haben. Ich habe bereits einige Hotels links liegen gelassen und finde in der Wangyue Lu tatsächlich auf Anhieb ein Zimmer für nur 15 Yuan. So jedenfalls verspricht man es mir. Ist aber auch 'ne gruftige Absteige. Die Bude hat nicht mal 'n Fenster und auch kein Schloss in der Tür. Wie ich dann später herausfinde, finanziert der Laden sich wohl eher durch die Nebenkosten für besondere Dienstleistungen (wie Massage direkt auf dem Zimmer), für die ich natürlich gar keine Verwendung habe. Ich will nämlich nur Wolfsburg gegen Bayern sehen und kann durchaus nicht ahnen, dass ich danach doch eine Massage nötig habe, eine Seelenmassage nämlich. Nach dem Schock ist an eine gute Nacht nicht mal im Traum mehr zu denken. Es ist auch viel zu heiß in diesem lichtlosen Loch. (Die Hitze kommt in dieser Gegend so schnell, wie man das Licht anknipst.) Am nächsten Tag beim Ausbuchen muss ich dann hundert Prozent Aufschlag zahlen; wenn ich richtig verstanden habe, für die Bettwäsche. Stand wohl im Kleingedruckten.

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Sonntag, 29. März 2009

Echo
Von DM, 23:59

Wie ein Geist steht sie plötzlich neben mir, als ich vor einer Kreuzung meinen Schritt verlangsame, und spricht mich an. Ich erkenne sie wieder als die Frau, die eben im GoDi noch vor mir saß und eine halbe Stunde zu spät kam. Sie wird sich entpuppen als eine der sonderbarsten Figuren, die ich hier in China bisher kennen gelernt habe: Echo. Ja, so nennt sie sich wirklich. Außerdem hat sie noch zwei chinesische Namen, einer davon ist Danyu. Das erzählt sie mir, während sie mich zurück zur Uni begleitet oder sich von mir begleiten lässt, wie man's nimmt. Außerdem erfahre ich, dass sie in Chikago Theologie studiert, gleichzeitig Christin und Atheistin ist (ebenso wie ihr Prof), dass sie ihre Identität zwischen Chikago und Nanjing verloren hat, dass sie hier eine Berühmtheit war, die drei Bücher veröffentlicht hat, darunter einen Lyrikband und einen Roman, dass sie nun aber keiner mehr kennt, dass sie wegen einer Ohreninfektion zurück nach Nanjing gekommen ist, dass sie später in Hongkong promovieren will und dass sie gerade ein A in einer Seminararbeit über Walter Benjamin geschrieben hat. Die hat sie auch dabei und zeigt sie mir. Ich bin mir nicht sicher, was ich von so viel Extravaganz halten soll, und bitte sie doch nächstes Mal ihren Roman zum GoDi mitzubringen. Frei nach dem beliebten Kirchen-Motto: Wir sehen uns im Gottesdienst!

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Samstag, 28. März 2009

Der Mann auf der Mauer
Von DM, 23:59

Von dem französischen Comic-Autor Jacques Tardi gibt es ein Werk namens „Ici Même!“ (auf Deutsch: „Hier Selbst!“). Das ist die Geschichte eines Mannes, der auf einer Mauer lebt und mit Nachnamen Même heißt. Die Frau, der ich heute am einen Ende der Stadtmauer von Nanjing begegne, scheint dasselbe extravagante Domizil zu haben. Sie hat dort, wo der begehbare (und von mir heute zu touristischen Zwecken begangene) Teil der Mauer endet, ein grünes Zelt aufgeschlagen. Davor stehen ein paar spärliche Möbel und Alltags-Utensilien. Frauen-Mauer statt Frauen-Power sozusagen. Als ich den Durchgang erreiche, kommen wir kurz ins Gespräch und sie berichtet mir, obwohl ich wegen ihres starken Regionaleinschlags beim Sprechen kaum etwas verstehe, dass sie jeden Tag hier sei.
Das andere Ende der Mauer mündet ebenfalls in einer Sackgasse: Ich befinde mich mal wieder mitten auf einer Baustelle (wie 2005 in Xi'an). Da es kein Verbotsschild gibt, dringe ich aber trotzdem auf Brettern, die momentan definitiv nicht die Welt bedeuten (und sie auch nicht tragen), vor zu der Torverkleidung über dem Haupteingang Xuanwumen ("Eingang zum See", denn der Xuanwu-See liegt gleich hinter der Mauer). Es knirscht im Gebälk, von unten schauen schon ein paar chinesische Touristen neugierig, was zehn bis zwölf Meter über ihnen da oben unter dem Dach der Ausländer so ganz allein treibt. Jenseits der nach Renovation lechzenden Aufbauten gibt es nur noch undurchdringliches Gestrüpp. Die Mauer ist zugewachsen. Ich muss zurück. Nichts wird aus meinem Plan, bei Xuanwumen von der Mauer zu steigen und mit der U-Bahn zurückzufahren. Vom Hinweg jedoch ist mir ein Mauerabschnitt in Erinnerung geblieben, der sehr niedrig ist. Dort sind es, schätzt mein geschultes Auge, weniger als drei Meter bis zum Erdboden. Und da unten anders als damals, beim historischen Hamburger Fenstersturz (1999), der einen Fußbruch nach sich zog, kein Beton auf mich wartet, sondern Rasen, hänge ich mich also mit beiden Armen an die Regenrinne (die ist aus Beton), springe und spare so zwanzig Minuten Fußweg. Ich steuere hurtig die Hauptstraße an. Ein Passant, ein älterer Herr, der Zeuge meines Abgangs geworden zu sein scheint, zeigt mir den „Daumen hoch“. In Deutschland hätte ich wohl eher den „Du, du, du!“-Zeigefinger zu sehen bekommen.

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Montag, 23. März 2009

Randfigur
Von DM, 23:59

Heute auf der Fachbereichssitzung habe ich nur Bahnhof verstanden. In der auf Chinesisch geführten Unterredung war ich so 'ne Art Edel-Statist. Auch auf den Fotos, für die wir vorher vor dem Uni-Hauptgebäude posierten, bin ich, passend dazu, nur eine Randerscheinung oder versuche mich als Mann im Hintergrund. In voller Größe ist der Schnappschuss vom Deutsch-Kollegium zu sehen, wenn man diesen Satz anklickt.

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Mittwoch, 11. März 2009

Messe monetärer Möglichkeiten
Von DM, 23:59

Der gestrige Dienstag und heutige Mittwoch standen ganz im Zeichen der Bildungsmesse CIEET 2009. Das Ganze muss man sich vorstellen wie beim Christival in der Halle mit dem Markt missionarischer Möglichkeiten, nur dass es hier eben nicht um den Markt missionarischer Möglichkeiten geht, sondern um den Markt universitärer Möglichkeiten. In einem gewaltigen Saal des Grand Metro Park Hotels, das früher Hilton hieß und auch genauso aussieht, wie man sich ein Hilton vorstellt, nur teurer, reihte sich ein Stand an den anderen, präsentierte sich eine Vorzeige-Universität, namentlich aus den USA, neben der anderen. Wir dagegen repräsentierten mit nur einem Stand gleich sämtliche Universitäten Deutschlands. Da sieht man schon die Unterschiede im Bildungssystem. In den USA sind die Universitäten doch etwas kommerzieller angelegt. Man könnte so gesehen auch sprechen von einem Markt monetärer Möglichkeiten. Denn wer soll das bezahlen? Notabene: In Deutschland gibt es an vielen deutschen Unis weiterhin keine Studiengebühren. An der Seite meines (in punkto Studienberatung viel kompetenteren) Kollegen, dem Leiter des Informationszentrums Schanghai, und seiner chinesischen Mitarbeiterin (die die meiste Arbeit mit den heranstürmenden Chinesen hatte), betreute ich, angereist im grauen film-o-meter-Jackett, also unseren Ausstellungsort mit, hinter uns Riesenplakate mit dem Kölner Dom und Schloss Neuschwanenstein. Und da wir mit unserem Stand für ein ganzes Land mit seinen Studienmöglichkeiten standen, konnten wir uns über mangelnde Kundschaft nicht beklagen. So hätte das mal früher am Büchertisch der SMD an der Uni sein sollen! Sogar meine eigenen Studenten schauen zu meiner Freude vorbei (sie waren sogar vor mir da und haben schon nach mir gefragt) und stauben eine Mütze mit der Aufschrift "Deutschland und China gemeinsam in Bewegung" ab. Die Dinger lagern seit meiner Ankunft kartonweise in der Bibliothek.
Ja wie, fragt ihr, das war alles? Nichts passiert, keine Pleite, kein Pech, keine Panne? Nun, sagen wir: fast keine. Denn leider bin heute zum ersten Mal in meinem Leben (oder fast) vom Wege abgekommen. Will heißen: Ich dachte, der Bus mit der 25 geht bestimmt auch. Immerhin ist doch 5 mal 5 = 25. Nummer 5 ließ nämlich auf sich warten und ich war sowieso schon spät dran. Ich sitze also in der 25 und freue mich. Die Richtung stimmt. Doch dann biegt der schräge Fahrer ganz unvermutet ab und fährt nach Süden! Ich denke: Na, der fährt sicher nur einen kleinen Schlenker und findet danach auf den rechten Weg zurück. Machen wir's kurz: Ich kam über eine Dreiviertelstunde später an, weil ich zu Fuß durch die halbe Stadt zurück musste. (Ich wollte nicht noch mal in den falschen Bus steigen.) Aber der Mensch denkt, Gott lenkt: Da ganz in der Nähe, im Nanjinger Museum, einst im fernen September ja die Bauhaus-Layout-Ausstellung war (siehe Eintrag zum 15.9.), konnte ich mich prima orientieren und die ein bis zwei oder drei Kilometer Irrweg quasi mühelos zurücklegen. Dabei ging es sogar noch vorbei an einem netten Teich, den ich noch gar nicht kannte, allerdings aus Zeitgründen auch nicht groß würdigen konnte. Das film-, äh, sin-o-meter-Jackett erwies sich dabei übrigens als grandios hinderlich. In der Sonne geht es hier inzwischen schon hart auf die 20 Grad zu!

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Donnerstag, 05. März 2009

Kollegin Katja
Von DM, 23:59

Heute Nachmittag treffe ich im edel ausgestatteten Kunst-Café Sculpting on Time, das natürlich sie ausgesucht hat, obwohl es bei mir um die Ecke liegt, meine Grazer Kollegin Katja, die Deutsch an einer Universität für Kommunikation und Medien im Süden der Stadt lehrt. Katja nennt die Gegend mit dem Charme, den man ihrem Studienort Wien nachsagt, auch gern "Walachei". Sie hat Großes vor bzw. Großes steht ihr bevor: Im Mai kommen, als Gast der Bosch-Stiftung, in deren Diensten sie steht, der Walser-Biograf Jörg Magenau und der Schriftsteller Marcel Beyer nach Nanjing. Selbst letzteren kennen aber nur literarisch Interessierte, z. B. ich. Im Oktober und November habe ich zwei Bücher von ihm gelesen (und auch am 23.10. im sin-o-meter darüber geschrieben), ohne zu wissen, dass er nach Nanjing kommen würde. Wie sage ich doch immer: Der Mensch denkt...
Mit uns am Tisch sitzt auch Katjas mit ausgereister Lebensgefährte, der graduierte Pharmazeut Gerald, der sich als nicht minder erfreulicher Gesprächspartner erweist und mir prompt ein paar Chinesischkurse und Comics auf einen leihweise abzugebenden ÚSB-Stab kopiert. Katja und Gerald erwarten mich alsbald in der Walachei.

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Montag, 02. März 2009

Kuchen und Clementinen
Von DM, 23:59

Professor Hong schneit, nein, regnet herein. (Seit Tagen fühlt man sich hier wie Noah kurz nach Vollendung der Arche.) Bewaffnet ist er mit mehreren Kilogramm Kuchen und Clementinen. Und mein erster Gedanke ist: Der hat bestimmt sin-o-meter gelesen und will Wiedergutmachung leisten! Jedenfalls, das war zu befürchten, steht die nächste Konsultation an. Ich schieße noch einen Giftpfeil auf die dubiose Textvorlage vom letzten Montag ab, doch der agile Professor weiß mich sofort zu besänftigen: Diesmal gebe es nichts Bedenkliches, versichert er mir und tatsächlich geht es diesmal, im nächsten Kapitel des Buches über französische Kultur, um die Shakespeare-Figuren Prospero und  Ariel, Kleists Prinzen von Homburg, Arno Breker, Jean Cocteau und einen russischen Romanisten. Und da ich die für den Meister-Übersetzer nicht ganz so bekannten Figuren der literarischen Welt gern identifizieren helfe und das für mich kein so großes Opfer ist wie zuvor, gibt es eben statt der Einladung ins Edel-Restaurant diesmal auch nur Kuchen und Clementinen. Dem Ewigen, der über mich wacht, sei Dank.

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Sonntag, 01. März 2009

Warum sich der Osterhase nie in China blicken lässt oder: Willkommen in der Passionszeit!
Von DM, 23:59

Das muss jetzt auch noch rein ins sin-o-meter: Auf dem Weg zum GoDi überquere ich gerade wieder einen Zebrastreifen, diesmal den in der Changjiang Lu, und werde fast weggespritzt von einem Straßenreinigungsfahrzeug. Außer Wasser entströmt dem Ungetüm (als so'ne Art Martinshorn für Straßenreinigungsfahrzeuge) die Melodie von Jingle Bells. Tja, da wundert sich keiner mehr darüber, dass der Osterhase sich, anders als der bekannte Herr in Rot, nie in China blicken lässt!

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