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Letzter Tag
Heute geht es zum Flughafen. Ein letzter E-Mail-Abruf: Der Abstecher zu Doro nach Stuttgart geht klar. Ferner werde ich konfrontiert mit einer Anfrage aus Deutschland und die führt mich zu dem Kollgen zwei Stockwerke tiefer, dem Jura-Prof Ertl aus Bayern, der im deutsch-chinesischen Rechtsinstitut sitzt. Erstaunt erfahre ich, dass er heute um elf noch im selben Flugzeug Platz nehmen wird wie ich. Und ist im Gegensatz zu mir um neun noch nicht reisefertig!
Jetzt aber los! An der Metro-Station Zhonghuamen bekommt man Busse zum Bahnhof. Ein Taxifahrer fängt mich wieder mal ab. Zwanzig Yuan sind ein fairer Preis. Ich bin Fahrgast Nummer vier. Es geht ohne langes Warten los. Mein letzter 100-Yuan-Schein macht am Flughafen ein bisschen Ärger beim Wechseln, aber passt scho'... Als ich mich bei LH 780 in die Warteschlange stelle, sind der Jura-Professor und Geo-Professor Wünnemann, ein weiterer an der Universität Nanjing als Dozent beschäftigter Kollege, schon da und machen Witze darüber, dass ich die letzten Äpfel des freundlichen Gastwirts Chen aus Xinjie vertilge. Die wären sonst ja bei mir zu Hause schlecht geworden und das geht nun wirklich nicht!
Vorletzter Tag
In Nanjing ist es bei meiner Ankunft nicht ganz so heiß, wie ich befürchtet habe, aber von der frischen Kühle der Berge kann natürlich nicht die Rede sein. Auf dem Weg zu meiner Wohnung treffe ich noch die Kollegin Chen Min, die für die Noten zuständig ist. Die hat jetzt erst mal sechs Wochen Ruhe vor meinen schlechten Noten. Zu Hause schmeiße ich die Klimaanlage und den Computer an und aktualisiere das sin-o-meter.
Reise in den Regen VI: Dianchi
Die Ankunft in Kunming gegen vier lässt sich verschmerzen, denn zum Glück dürfen alle Passagiere noch im stehenden Bus liegen bleiben. Vorher habe ich auch kaum ein Auge zugetan. Um sieben wird es langsam leer in der Kutsche. Auch ich mache mich auf. Ziemliche Halsschmerzen plagen mich nach der lausigen Nacht im heißen Schlafbus. In der Tasche des Pseudo-Regenmantels, der mir als Ersatzdecke diente, gibt es zum Glück noch blaue Mentos aus Xinjies Supermarkt, extra stark.
Ich lasse das Gepäck im Busbahnhof und nehme Bus 44 zum Dianchi im Süden von Kunming. Die Fahrt dauert 40 Minuten. Gut, dass ich am 3. Juli "David" getroffen habe. Hinweis für Kunming-Reisende: Der berühmte Minoritäten-Park (in den mich vor fast genau fünf Jahren eine chinesische Reisebekanntschaft eingeladen hat) befindet sich eine Station vor der Endstation der Linie 44 direkt vor dem Eingang zum See-Park. Ich gebe mir neunzig Minuten für den kleinen Ausflug zum Dian-See (wörtlich übersetzt Dian-"Teich", ist aber ein großer Teich), denn um elf geht mein Zug. Morgens um acht ist an dem malerischen Seeufer mit der tollen Aussicht noch nicht viel los. Es ist mild, Regen liegt in der Luft. Der Himmel ist bedeckt. Und das Wasser? Das wirft die wenig schmeichelhafte Frage auf: Was haben die Reisfelder von Yunnan mit dem Dian-See gemeinsam? Antwort: die hellgrüne Färbung. Der See ist total eutroph.
Vor mir liegt Wasser bis zum Horizont, links und rechts sind die Ufer der Bucht zu erkennen. Besonders schön ist der Blick auf die im oberen Drittel wolkenverhangenen Westberge. Ich wandere in Richtung Westen am Seeufer entlang und komme zu einer Seilbahnstation. Mit den Augen folge ich der Seilbahn, die zu dem Tempel oben in den Westbergen führt, den ich leider nicht mehr besuchen kann. Ich verlasse den Park und überquere noch einen Autodamm, im Süden der grüne See, der hier riecht wie pures Ammoniak, im Norden der Minderheiten-Park, der an das Wasser grenzt. Arbeiter, auf kleinen Booten oder in Schutzanzügen im Wasser stehend, sind mit Reinigungsaktionen beschäftigt und treiben Algen zusammen. Es ist zehn vor neun. Ich muss den Rückweg antreten. Am Eingang zum Park zeige ich meine Eintrittskarte (20 Yuan) hoch, als die Dame im Wärterhäuschen mir hinterherschreit, und bin ausnahmsweise sehr pünktlich wieder zurück.
Ich kann sogar noch im Busbahnhof Zähne putzen und auf den wenigen Metern zum Bahnhof noch ein paar Fangbianmians (Instant-Nudelsuppen) für die Zweitagesreise kaufen. Im Zug gibt es statt eines Kindergartens diesmal eine Mädchentruppe samt (männlicher) Lehrkraft. Alle stammen aus einem Institut für Technologie in Yancheng bei Nanjng, wie ich im Lauf der nächsten 48 Stunden erfahren werde. Die Mädels sind nicht ganz so nervig wie der Kindergarten und für alle Fälle habe ich ja meine Ohrstöpsel, die selbst gedrehten. Aus feuchtem Klopapier. Die schützen, wirken und drücken.
Reise in den Regen V: Zhongpizang

Völlig matt erhebe ich mich nach fiebriger Nacht, dennoch wird erst mal kalt geduscht, denn mein 30-Yuan-Zimmer verfügt nicht über heißes Wasser. Draußen ist immer noch alles verhangen. Um elf mache ich mich auf den Weg zum Busbahnhof. Keiner da. Die Tante macht schon Mittagspause.
Ich mache eine Wanderung, indem ich ganz einfach dem Trampelpfad folge, der vom Busbahnhof aus in die Wildnis führt. Was schreit hier eigentlich die ganze Zeit wie ein angestochenes Schwein? Ein nicht angestochenes, aber abgeschlepptes Schwein. Eine junge Sau weigert sich hartnäckig, ihrer vermutlich neuen Besitzerin ins Dorf zu folgen. Trotz Schweineleine um den Hals ist hier nichts zu wollen. Am Ende trägt die Bäuerin die junge Sau auf dem Arm weiter. Aber die Frage bleibt natürlich: Wer nimmt hier wen auf den Arm?
45 Minuten dauert die Wanderung. Ich überquere kleine Bäche und begegne Kuhhirten. Das Dorf, zu dem ich unterwegs bin, ist garantiert autofrei. Es ist nur zu Fuß zu erreichen. Das wird spätestens klar, als ich zwischen zwei Reisfeldern im Matsch ausrutsche. Hinter dem Dorf mache ich im Sonnenschein Pause. Ich sitze auf einem Stein zwischen dem Reisfeld oberhalb und dem Reisfeld unterhalb meines kleinen Plätzchens mit herrlichem Talblick. Es hat sich in der Tat mächtig aufgeklart. Meilenweit leuchtet alles lindgrün (die Fotos stammen aus dem Winter); jetzt sind die Reisfelder nicht so stark bewässert, dass sie aussehen wie eine Seenplatte. Am Dorfrand machen zwei junge Leute Feuer. Ich treibe ihnen auf dem Weg zwei Gänse entgegen. Dann wasche ich meine Kleidung notdürftig unter einem offenen Wasserrohr am Wegesrand. Meine Jacke ist total eingesaut, meine Schuhe sind total eingesaut. Inzwischen sind auch Frau plus Ferkel im Dorf eingetroffen. Das ist unüberhörbar. Jugendliche spielen auf einer Terrasse mit Talblick Billard, der Tisch ist zweifellos die Attraktion hier. Weiter unten auf dem Dorfplatz wird ein Bambusbaumstamm behauen und bearbeitet. Einige Kinder sind mir neugierig hinterhergelaufen, sagen aber nichts. Die Leute hier sprechen nicht gut Chinesisch, es ist nicht ihre Muttersprache. Ein Mann, den ich unterwegs nach dem Namen der Ortschaft frage, versteht mich immerhin ganz gut. Zhongpizang. Hoffentlich habe ich den Namen nun auch richtig in Pinyin umgewandelt! Zwei auffällig verschiedene Bauweisen prägen das Dorfbild: Gelbe Lehm-Häuser mit Reetdach und rote Backsteinhäuser mit Flachdach, vermutlich Ausdruck zweier verschiedener Ethnien im selben Dorf.
Auf dem Rückweg komme ich auf den letzten Metern dann doch noch vom Weg ab. Ich merke es am Dach des Busbahnhofes über mir. Das hätte eigentlich vor mir auftauchen müssen. Ich habe das Fieber noch in den Gliedern und fühle mich, wohl auch wegen der plötzlichen Sonne, so matt und kraftlos wie ein Fußball im Dornengestrüpp. Nach Umkehren ist mir gar nicht zumute. Ich balanciere über eine schmale Mauer, die einen kleinen Abhang überquert und gelange zum unteren Rand eines Maisfelds, durch das ich mich nun nach oben schleppe. Völlig erledigt komme ich auf dem Parkplatz an. Eine endlos lange Pause auf den Stufen am Bahnhof (nach Erwerb der Fahrkarte für 18.30 Uhr) macht schon die Bauarbeiter über mir nervös. Ich habe keinerlei Kraft und Motivation mehr für einen weiteren Reisterrassenversuch, obwohl jetzt Sonnenschein herrscht und ich gute Karten habe. Ich werde mich später noch ärgern über meine Lethargie, aber momentan ist nichts zu wollen.
Ich schleppe mich zurück in die Stadt. Auf dem großen Platz muss ich schon wieder Pause machen, aber jetzt sehe ich, was für einen fantastischen Talblick man von hier hat. Ich bekomme fast einen Sonnenbrand, nach nur zehn Minuten. In dieser Höhe ist man der Sonne eben näher. Auch von meiner Herberge aus habe ich einen großartigen Talblick. Als ich mich verabschiede und mein Gepäck hole, deckt Chen mich mit Früchten ein. Ich gebe ihm ein Heftchen mit frommen Sprüchen. Ein Student aus Kunming spricht mich auf Englisch an, als ich schon wieder auf dem großen Platz pausiere. Dann die Rückfahrt. Im Schlafbus bin ich diesmal mit zwei Schweizerinnen und einem US-Pärchen in bester Touri-Gesellschaft. Ich rede aber nicht mit ihnen. Eine ewig lange Pause auf der Strecke ins Tal dient zum Buswaschen und dazu, meine Geduld auf die Probe zu stellen. Ich kann gleich zweimal auf Klo gehen. Schöne Aussicht: Dem Trocken-Klo fehlen Teile von Decke und Wand. Schließlich setzt die Dämmerung ein. In Nansha gibt es dann mitten in der Nacht noch einen Zwischenfall mit einem Restaurantbetreiber, in dessen Laden der Busfahrer und seine Leute essen. Ich erahne die nächste Geduldsprobe in dem stickigen Bus und denke: Da kannst du doch sicher deine Abendtoilette erledigen. Die Frau des Hauses hat auch schon zuvorkommend ihre Schüsseln aus der Abwäsche geholt. Da kommt der Typ im gerippten Unterhemd und will mich nun schlechterdings nicht Zähne putzen lassen. Ich bin physisch, psychisch und moralisch bekanntlich nicht in Bestform, kurzum, ich bin uneinsichtig. Der will doch nur den starken Mann markieren. Ich frage provokant, ob er einen Yuan wolle für sein Waschbecken oder was los sei. Will er nicht. Ich sage: "Ist kein Problem!" und putze betoooont gründlich Zähne. Die zeige ich ihm dann nett grinsend und bedanke mich. Man muss ja immer freundlich bleiben.
Reise in den Regen IV: Xinjie

Im strömenden Regen geht es morgens um sieben zum Busbahnhof von Gejiu. Über die Hauptstadt des Verwaltungsbezirks Yuanyang Nansha geht es hoch hinauf nach Xinjie. Im Bus bin ich nicht der einzige Ausländer. Vorne sitzt ein Pärchen, das ich nicht so recht zuordnen kann. Rumänien?
Der erste Streckenabschnitt folgt einem wegen des vielen Regens tosenden Flusslauf, der wie ein gefräßiges braunes Monster aus den Bergen hinabgestürzt kommt und beim Blick aus dem Heckfenster wirkt, als würde er uns verfolgen, um uns zu verschlingen. Dann überqueren wir das braune Monster mittels einer Brücke und lassen es hinter uns.
Die Ankunft in Xinjie erfolgt gegen halb elf. Die Stadt ertrinkt in Regen und ist total von Wolken eingehüllt. Ich wandere mit Gepäck drauflos. Überall gibt es kleine Hotels. Aber wo steige ich ab? Ich brauche einige Zeit zum Überlegen. Ich müsste schon heute Abend wieder abreisen, wenn ich noch den legendären Steinwald bei Kunming besichtigen möchte, an dem ich gestern auf dem Weg nach Gejiu vorbeikam. Der freundliche Herr Chen Xiaoshong und sein sehr günstiges Gasthaus (30 statt 35 Yuan für ein Einzelzimmer) bekommen schließlich den Zuschlag und ich streiche den Steinwald. Herr Chen ist sehr hilfsbereit und breitet vor mir die Touristen-Landkarte der Gegend aus, die wohl mal ein französischer Tourist angefertigt hat und die jetzt als Fotokopie überall im Umlauf ist. Aber die vielen Höhepunkte kann ich wegen Zeitknappheit gar nicht wahrnehmen.
Mein Zimmer liegt im Obergeschoss, hat eine eigene Terrasse mit Blick auf: Wolkenschwaden. Ein deutsches Buch von Andreas Altmann über Vietnam und Kambodscha, erschienen im Fredekring-Verlag, liegt aufgeschlagen auf der Galerie. Nachmittags gönne ich mir eine Nudelsuppe auf dem Marktplatz. Ich sitze mit Blick auf die von Fußgängern bevölkerte Straße unter Plane neben ein paar Einheimischen in der typischen Hani-Kleidung. Eine ältere Frau trägt eine Art grünen Turban und die Jacke verzieren gemusterte bunte Linien. Es regnet Bindfäden. Erste Anzeichen einer Erkältung machen sich bemerkbar, weil ich gestern auf der Wanderung durchnässt wurde. Oder tropft die Nase nur wegen der scharfen Suppe?
Auf einem großen Platz oberhalb der Marktstraßen stehen Dutzende von roten Touri-Taxis. Ich löse ein großes Palaver mit Taxifahrern aus, weil ich nicht schon wieder abgezockt werden will. 100 bis 120 Yuan für einen Privatausflug erscheinen mir indiskutabel. Ein junges Mädchen aus einem Bus, der nicht an mein Ziel fährt, hat mich hergelotst und hilft mir beim Verhandeln. Schließlich gewinnt eine Frau am Steuer den Poker. In ihrem Privattaxi fahre ich für 20 Yuan zu dem berühmten, 18 km entfernten Reisterrassen-Aussichtspunkt Tigermaul, und zwar in Gesellschaft von zwei jungen Damen: Vorn auf dem Beifahrersitz sitzt "Lucy", neben mir ein junge Dame, die wegen ihrer modischen Kurzhaarfrisur aussieht wie ein Frisör-Lehrling; beide aus Kunming, beide kommen zurück aufs Land zu den Eltern (Urlaub, Arbeitslosigkeit).
Abermals Palaver gibt es dann am Eingang zu besagtem Tigermaul ("Laohuozui"): Reisterrassen als religiöses Erlebnis: Man weiß, sie sind da, aber nie zu sehen. Ich soll trotzdem Eintritt zahlen: 30 Yuan für 200 Meter Reisterrassen-Gucken, auch bei freier Sicht gilt da: Die spinnen die Chinesen! Das drücke ich gegenüber dem Kassen-Trio, das den Eingang zu dem Wanderweg überwacht, zwei jungen Frauen, einem Mann, natürlich höflicher aus. Da die Wolken trotz der Beteuerungen des Trios wenig weichen, mache ich mich zu Fuß auf den Rückweg: bergauf immer der Straße nach. 2 km sind es bis nach Amengkong und auf dem Weg zu der kleinen Siedlung bekomme ich immerhin einen Ausschnitt der legendären Terrassen geboten. Ein Loch in den Wolken, die über das Tal segeln, macht's möglich. Auch schön. Dann, es muss zwischen fünf und sechs Uhr sein, setzt plötzlich starker Regen ein und ich merke, dass meine Jacke nicht wirklich als Regenjacke taugt. Bei Amenkong habe ich Glück, dass ein Privatwagen mich aus Mitleid mitnimmt. Ich friere hinten im Wagen und die Fahrt kommt mir erstaunlich lang vor. Am Ende muss ich nichts bezahlen und werde im strömenden Regen in Hotelnähe herausgelassen. Ich habe rasende Kopfschmerzen und fühle mich irgendwie krank. Ich hole mir Paracetamol aus der Apotheke neben meinem Hotel und schaue, nachdem ich mich unten im Supermarkt noch rasch mit einem Sortiment von Essbarem ausgestattet habe, im Fernsehen "Charlie & die Schokoladenfabrik" auf Chinesisch. Danach wälze ich mich durch eine fiebrige Nacht und schwitze wie ein Schwein am Spieß.
Reise in den Regen III: Gipfelsturm in Gejiu
Kühl und regnerisch ist es in Gejiu, als ich am frühen Morgen ankomme. Ich mache mich frisch, ziehe mich um und erkunde die morgendliche Stadt. Die ist gar nicht so hässlich. Erst sitze ich im Park eines Industriemuseums, wo die Chinesen mal wieder zig zwitschernde Vögel in die Bäume gehängt haben, mitsamt ihren Käfigen, versteht sich. Möchte wirklich mal wissen, was sie sich davon versprechen. Soll man die Piepmätze kaufen? Jedenfalls fühlt man sich wie im Dschungel wegen der Geräuschkulisse.
Gejiu liegt in einem Talkessel und wird der Länge nach durchzogen von einem kleinen Binnensee, vermutlich künstlich angelegt, ähnlich der Außenalster in Hamburg. Die Stadt wächst. Am Rand wird, wie überall in der Volksrepublik, gebaut. Auf dem Hang oberhalb der Stadt thront eine Pagode. Sie spornt mich an zu einem Gipfelsturm: Ich lasse ein Wohngebiet hinter mir und erklimme den Hang. Ein kleiner Trampelpfad führt durch den regenfeuchten Wald. Der wird steiler, nasser und glitschiger, je höher ich komme. Ich muss mich an Zweigen hochziehen, um nicht den Halt zu verlieren. Unter mir gähnt die Tiefe, aber keine Angst: Von der trennt mich noch jede Menge dorniges und nassses Buschwerk. Na, nicht zu viel drüber nachdenken. Nass bis auf die Haut, mehrfach auf dem rutschigen Boden ausgeglitten, sehe ich aus wie Sau, als ich mich dem vorläufigen Ziel nähere. Ein Bauer, der irgendwas ins Tal schleppt, weist mir an einer Weggabelung die Richtung. Wahrscheinlich aber hat er meine Aussprache gar nicht verstanden. Alles erinnert stark an meine Wanderung in den Reisterrassen von Longsheng anno 2004. Damals bremste mich auch der Regen aus. Oben auf der Anhöhe erwarten mich ein kleiner Weiler, kläffende Köter, eine modrige Terrasse mit Aussicht auf Gejiu, eine Art Transformatorenhaus und eine Asphaltstraße. Ein Moped-Pärchen bietet mir sogar eine Fahrt ins Tal an. Ich lehne ab. Gut, ich hätte es leichter haben können, aber ist das meine Art?
Ich eile weiter zum höchsten erreichbaren Gipfel. Oberhalb der Siedlung gibt es nur noch wenige Bäume, dafür steil abfallende Weideflächen und immer wieder vorbeiwabernde Wolken, die mir die Sicht nehmen. Auch der glitschige Lehmboden bleibt mir erhalten. Vom höchsten Punkt aus blicke ich nach ein paar Minuten in eine dichte Nebelwand. Dann der Abstieg. Inzwischen ist es schon zwei Uhr nachmittags. Ich folge der asphaltierten Straße und stelle fest: Die Pagode ist eine Baustelle; nebenan ist ein Tempel-Neubau fast fertig. Ich finde es überraschend, dass das kommunistische China eine religiöse Weihestätte neu errichten lässt. Der Tourismus als Geldquelle macht's möglich. Neben der Tempelanlage ist ein großer Platz, von dessen Rand man auf die dunstige Stadt blicken kann und auf dem gekocht wird. Ich lasse mich überreden Platz zu nehmen unter einem Schirm (es tröpfelt immer wieder leicht) und bestelle eine kräftige und vor allem triefnasenfördernde Nudelsuppe. Neidisch lungern Hunde neben den Bänken und hoffen auf ihren Anteil. Die hilfsbereite Köchin weist mir dann auch noch den vernünftigen Weg nach unten: Es gibt Stufen, ca. 2000 an der Zahl.
Gejiu liegt auf ca. 1800 Metern und ich war eben noch 2000 Treppenstufen höher. Die Suppe und die 2000 Stufen haben meine Verdauung mächtig angekurbelt. Unten am Eingang zu diesem treppenreichen Naturwanderweg habe ich fast einen Krampf im Magen. Das WC am See kommt keine Sekunde zu früh! Donnerwetter! Am Bahnhof erfahre ich, dass der Bus nach Xinjie schon weg ist. Dabei habe ich mich extra beeilt. Die Schalterdame hatte mir am Morgen eine Stunde später als Abfahrtszeit genannt. Mit dem Bus fahre ich zurück Richtung Stadtmitte, irre planlos im Regen herum und finde schließlich im Nr. 10-Guest-Hotel für 100 Yuan eine Bleibe, deren Komfort deutlich über meinem Schnitt liegt. Abends suche ich mir noch einen Salon, in dem ich mir einen neuen Haarschnitt verpassen lassen kann. Für 10 Yuan waschen sie mir die Haare gleich zweimal, vorher und nachher. Natürlich habe ich, als ich gegen 21 Uhr mit neuer Frisur aus dem Salon trete, keine Ahnung mehr, wo ich bin. Da Gott gnädig ist, finde ich schließlich aber doch noch zurück ins Gasthaus Nr. 10, wo immerhin ein echtes Bett auf mich wartet.
Reise in den Regen II: Ankunft Kunming
Endlich in Kunming. Das Zugleben ist doch irgendwie beschränkt. Nur meiner Patellasehne hat die Ruhekur gefallen. Dafür hat sie jetzt einiges vor sich. Ich habe nämlich beschlossen, dass ich gleich weiterreise, und mir am Busbahnhof flugs die nächste Fahrkarte noch weiter in den Süden, nach Gejiu, gekauft. Wegen der Berge dauert die aber auch schon wieder die ganze Nacht! Und im Schlafbus, Abfahrt 21.35 Uhr, werde ich kein Auge zumachen, ich war in so einer Kiste schon mal von Guilin nach Shenzhen unterwegs. Doch die Zeit ist knapp. David, Englisch-Lehrer und im Nebenberuf Reiseführer, spricht mich an der Hauptstraße am Bahnhof an. Ich frage nach dem Weg zum Dianchi, dem großen See im Süden von Kunming. Doch statt den anzusteuern, entscheide ich mich lieber für eine Runde Sattessen bei KFC. Dann geht es weiter nach Gejiu, die dritte Nacht auf Rädern. Während einer Pause in der Nacht ist das nächste Klo das einer Augenklinik. Immer dem Licht nach!
Reise in den Regen I: 2 + 3 + 2 = 7
Im Schlafwagen bin ich diesmal von einem Kindergarten umgeben. Ein Gör schaukelt an meinem Bett und als er es auch noch okkupiert, ist es mit meiner Kinderfreundlichkeit vorbei. Das sei ja schließlich nicht sein Bett, zische ich. Seine Mutter fragt ihn dann, ob er verstanden hat, was ich sagen wollte. Auch sonst finden die Kinder mich mal wieder hochgradig interessant. Als endlich alle schlafen und ich am Ende des Ganges, wo noch Licht ist "Ende einer Dienstfahrt" lese, bittet mich ein Schaffner, ob ich als Übersetzer für zwei Gruppen von Rucksacktouristen einspringen könne, die kein Chinesisch sprechen. Hat sich aber schnell rumgesprochen, dass ich des Chinesischen mächtig bin. Es stellt sich heraus: Die Jungs und Mädels aus England und Spanien, die nachts irgendwo zugestiegen sind, wollen ihre Sitzplatzkarte gegen Aufpreis in eine Schlafwagenkarte eintauschen. Sie wollen übrigens nach Guilin, Ankunft in 18 Stunden. Da werde ich hellhörig: Guilin? 18 Stunden? Das liegt ziemlich weit entfernt von Kunming, dem Ziel meiner Reise. Am Nachmittag des heutigen 2. Juli, ich bin schon 26 Stunden unterwegs und denke, in zwei, drei Stunden, bin ich in Kunming, eröffnet mir dann eine Schaffnerin, ja morgen um diese Zeit sind es noch ein, zwei Stunden bis zur Endstation. Das trifft mich hart, denn so bleiben mir, da die Rückfahrt voraussichtlich genauso lange dauert, exakt drei Tage zum Reisen in Yunnan, da 2 + 3 + 2 = 7!
Die Not mit den Noten
Ein Mann kommt fünf Minuten zu spät zum Bahnhof, der Zug ist weg. Reaktion: Er stellt seine Uhr fünf Minuten zurück. Jetzt kann er ja wohl den Zug bekommen, oder? Das ist meine Meinung zum Thema Noten. Ich bin die Uhr, die Leistung der Studenten die Uhrzeit, der Zug die Wirklichkeit und das Zurückdrehen die Lüge, die gar nichts bringt. Aber ich habe es ja kommen sehen, dass das wieder Stress gibt mit meinen Noten. Die armen Studenten, die kriegen ja einen Schock, wenn sie nur 88 Prozent statt 92 bekommen, wird mir deutlich gemacht. Kurzum, ich muss doch tatsächlich auf Befehl von oben meine Noten ändern. Dabei geben meine geschätzten Kolleginnen und Kollegen unumwunden zu, dass die Notenvergabe allgemein in China keine Angelegenheit der Wahrheit und nichts als der Wahrheit ist. Es ist wie mit Dumping-Preisen, die den Markt verderben. Man sagt mir also: "Die Studenten haben bei der Arbeitssuche keine Chance zu erklären, warum sie im Verhältnis zu anderen Studenten so schlechte Noten haben. Denn bei der Bewerbung schaut man sich eben nur die Noten an." Es bleibe kein Raum für Erklärungen wie: "Wir hatten aber einen Deutschen als Lehrer, der benotet wie eine Schweizer Uhr."
Durch eine stärkere Gewichtung der Abschlussprüfung und fünf geschenkte Punkte für die Teilnehmer des Lektürekurses (den ich zur Einführung in den Journalismus aufgemöbelt habe) gelangen schließlich sogar meine Noten noch in den Toleranzbereich. Doch die Arithmetik macht's möglich: Jetzt haben wir zwei Durchgefallene (mit schlechten Prüfungen) mehr. Einen können wir aber noch retten, indem wir die bessere seiner zwei Prüfungen mit 60 statt 50 Prozent werten. Noch Fragen?
Die Braut kam per Motorrad
Ich stehe vor einem ziemlich unbelebten Platz namens Malu ("Pferdestraße") in einem Schanghaier Randbezirk und soll angeblich gleich abgeholt werden. Das wirft die bekannten drei Fragen auf: Was soll ich hier? Wie bin ich hier hergekommen? Und wie komme ich hier wieder weg?
1. Was mache ich hier? Alles begann am Freitag Abend, als mich am Ende des Prüfungsstresses Hongzhen, Ex-YUST-Studentin, anruft und über die Hochzeit von Li Jun, ihrer Ex-Kommilitonin, in Kenntnis setzt. Am Wochenende gebe es eine Feier, ob ich nicht kommen wolle. Ich sage, dass ich das nicht schaffen kann. Am Abend lese ich aber E-Mails von Hongzhen und der Braut, die ich wegen der vielen Arbeit mit dem Eintragen der Semesternoten früher nicht gelesen habe. Später ruft Li Jun auch noch mal an und ich fahre also doch am Sonntag nach Schanghai!
2. Wie bin ich hier hergekommen? Morgens weiß ich noch nicht mal, wo die Festlichkeit stattfindet. Ich kann weder Hongzhen noch Li Jun erreichen, schon gar nicht mit dem eigenen Telefon, das mal wieder abgeschaltet wurde, weil ich die Rechnung, die ich nie bekomme, auch nie bezahle. Ich rufe um acht auf dem Weg zum Bahnhof von einem Kiosk aus Hongzhen an, aber die schläft wohl noch. Vorher einmal falsch verbunden, weil die kluge Tante neben mir unbedingt für mich wählen musste, vielen Dank! Ich muss mich beeilen. Mein Zug fährt um halb zehn.
Halb zwölf bin ich am Bahnhof von Schanghai. Das große Schlemmen soll um zwölf Uhr stattfinden, aber der Ort ist ca. eine Stunde entfernt, hat Li Jun am Freitag erzählt. Ich kann mich diesmal nicht an die eherne Didus-Regel halten und muss ein Taxi nehmen. Natürlich erwische ich einen Schlawiner, ein ziegenbärtiges Schlitzohr, das sehe ich sofort. Der schaltet kein Taxometer ein, da kann ich lange reden! 180 Yuan. Das bedeutet: Eigentlich kostet das Taxi die Hälfte. Aber ehe ich zäh verhandeln kann, ist es mir lieber, der gute Junge ruft mit seinem Mobiltelefon mal bei Hongzhen oder Li Jun an und die sagen ihm, wohin er fahren soll. Das klappt tatsächlich und ich zahle 150 Yuan. Dafür düst er über die Autobahn und ist immerhin um Viertel nach zwölf schon da, wo ich jetzt stehe wie bestellt und nicht abgeholt. Der Ziegenbart telefoniert auch nicht noch mal, als ich ihn bitte. Er sagt, die kämen gleich und holten mich genau hier ab. Und da stehe ich also nun und wir sind bei Frage drei:
3. Wie komme ich hier wieder weg? Es ist zwanzig nach zwölf, da kommen sie auch schon um die Ecke geschossen: zwei Krafträder! Und das Mädchen im fleischfarbenen Kleid, das auf dem ersten hinten drauf sitzt, das erkenne ich trotz der merkwürdig ondulierten Frisur sofort: Li Jun, Ex-Studentin, heute Braut. Ich klettere auf dasjenige der beiden Gefährte, das noch keinen Mitfahrer hat und wir pesen in Richtung des Restaurants, wo auf zwei Etagen in verschiedenen Räumen Köstlichkeiten serviert werden. Ich werde in den Raum mit ehemaligen YUST-Studenten gelotst. Vorher muss ich mich aber im WC umziehen und tausche das blaue Unterhemd gegen ein blaues Oberhemd, das zu so einer Festlichkeit doch etwas passender erscheint. Dann setze ich mich auf den mir zugewiesenen Platz und erkenne die schöne Yinji aus „meinem“ Jahrgang 03 sowie zwei Studentinnen des Jahrgangs 04 wieder, aber ich erkenne nicht wieder: Guangyong, den Studenten des Jahrgangs 02, der jetzt in einer Schanghaier Firma arbeitet, gar nicht weit vom Ort der Festlichkeit. Ja, warum habe ich den denn nicht erkannt? Weil er der doppelte Umfang dessen ist, der er war, als ich ihn das letzte Mal sah! Ich sage: „Sie sind jetzt sehr kräftig!“ und kräftige mich selbst erst mal mit ein paar, naja, eher einer Menge der Köstlichkeiten vor mir auf dem Tisch. Später muss ich mit Fenghua, Shenling und Hongzhen einen Saft heben und als Krönung bringen wir den Choral „Du stehst zu unserer Freundschaft“ dar, mit dem die Braut gewissermaßen an der YUST einst ihren musikalischen Durchbruch hatte.
Etwas nach drei ist die Party dann vorbei. Der Bräutigam ist schon reichlich angeschäkert, als draußen auf dem Parkplatz der Brautstrauß fliegt und die Fänger noch für Fotos posieren. In der Ausklangzone spreche ich zur Braut noch ein paar mahnende Abschiedsworte über die Dinge, die die Welt zusammenhalten, dann geleitet sie uns noch schnell zum Bus, wo Hongzhen sich nicht verkneifen kann auf die Schwangerschaft hinzuweisen, auf die das junge Paar verblüffenderweise gar nicht mehr warten muss. Ich verstehe die Anspielung natürlich nicht, obwohl ich sie mit allgemeinen Äußerungen zum Thema Generationswandel selbst heraufbeschworen habe. Mit dem Bus geht es zurück in die Innenstadt (eine Stunde). An der U-Bahn verabschiede ich mich von den Yinji, Fenghua, Shenling und Hongzhen sowie einer weiteren Ex-Studentin.
Bereits vorher war mir klar, dass ich am Bahnhof noch eine ATM-Geldausspuckmaschine würde finden müssen, weil ich all mein Geld mittags für das Taxi ausgegeben habe und ja auch noch ein Geldumschlag für die Braut fällig war. Ich suche am Bahnhof so lange nach der richtigen ATM-Maschine, dass es dunkel wird. Auf dem Weg zum Erwerb der Rückfahrkarte sprechen mich zwei Schwarzmarktgauner an: Hier Fahrkarte nach Nanjing für 120 Yuan. Ich sage: zu teuer! Da geht er auf hundert, vermeine ich zu hören, und lobt mich als zähen Verhandler. Plötzlich Tumult. Ein Rennen und Fliehen setzt ein: Polizei macht den Schwarzmarkt unsicher. Die Fahrkarte habe ich in der Hand, mein Geld habe ich auch noch. Da kommen diffizile Fragen aus den heiligen Domänen von Jurisdiktion und Moral auf: Ist man Schwarzhändlern gegenüber eigentlich zu Solidarität und Redlichkeit verpflichtet? Ich wollte ja auch gar nichts von denen. Die wollten was von mir. Ich hätte mich einfach absetzen sollen. Aber ihr kennt mich: Ich renne den Lotterbuben sogar noch hinterher, mit den hundert Yuan in der Hand. Aber nun sind es auf einmal 110. Argwöhnische Blicke nach der Polizei. Nein, er will meine hundert Yuan nicht. Ich bin zu stur, 110 zu bezahlen. (Der wahre Preis der Fahrkarte ist 93 Yuan.) Er nimmt mir die Karte wieder weg. Ich gehe und kaufe eine reguläre, aber für den letzten Schnellzug gibt es natürlich keine Karten mehr. Das hätte ich mir bei dem Gefeilsche eben ja denken können. Der Ehrliche ist immer der Dumme! Der Bummelzug fährt eine Stunde später, zehn vor neun, ab. Und ich werde mich noch ärgern. Denn der Bummelzug hält sich aus ungeklärter Ursache eine Stunde in einem Vorort von Schanghai auf, ist nicht gut klimatisiert und die gedrungene ältere Chinesin in den kolossalen schwarzen Kniestrümpfen, die sich mir gegenüber auf dem Doppelsitz hingehauen hat, weiß längst, was mir erst dämmert: Das wird eine lange Nacht. Immerhin: Bus Nr. 1 fährt sogar noch nachts um zwei. Als ich einsteigen will, klopfe ich den Fahrer aus seinem 5-Minuten-Schlaf. Gegen halb drei bin ich zu Hause. Hochzeit als Tour de Force!
Hohe Literatur und Seifenoper
Brav haben die meisten Studenten des zweiten Jahrs sich auf die mündlichen Einzelprüfungen vorbereitet, in denen ich sämtliche Texte des abgeschlossenen Lehrbuches abfrage. Jetzt kommt nur noch die Prüfung für Magisterstudenten am Donnerstag und die Urlaubszeit steht vor der Tür!
Danyu, die rührige Schriftstellerin, die mich regelmäßig mit immens eloquenten E-Mails versorgt, hat für den Abend vorgeschlagen, sich von mir in ein sündhaft teures Teehaus am Xuanwu-See einladen zu lassen. Angeblich hätte ich ihr so was mal versprochen. Aber erst mal kommt sie eine halbe Stunde zu spät; ich war inzwischen schon wieder weg und es ist reines Glück, dass ich auf Verdacht eine halbe Stunde später, um 18 Uhr, noch mal am Treffpunkt Bibliothek vorbeikomme, nachdem ich zwischendurch Studenten getroffen habe. Ich verschweige diese Umstände; sie ist schon verstört genug. Wir gehen in den Vortrag eines Skandinavistik-Professors aus Berkeley, der als Gastreferent über Architektur als Motiv in der skandinavischen Literatur spricht und anhand von Ibsens „Nora – Ein Puppenheim“ und „Die Stützen der Gesellschaft“, Selma Lagerlöf, August Strindberg sowie dem dänischen Autor Hermann Bang zeigt, wie das Motiv von Abbruch und Aufbau von Häusern oder andere Formen von Haus-Metaphern die sich verändernden sozialen und psychischen Realitäten zum Ausgang des 19. Jahrhunderts spiegeln. Danyu hat kaum etwas verstanden, obwohl der Vortrag ihre Idee war. Ich wusste davon gar nichts.
Also ab ins Teehaus. Alles ist hier ganz traditionell, nur die Preise vermutlich nicht: 80 Yuan für ein paar Schlucke Tee aus einer Mini-Tasse! Immerhin: Das Milchspeiseeis vorher ging auf Danyus Rechnung. Nein, Danyu muss keine Operation fürchten. Die Geschichte ist schon wieder Schnee von gestern, interessiert sie nicht mehr. Sie will jetzt bald einen Roman über ihre Amerika-Erfahrungen schreiben. Darin kann sie dann auch gleich die Geschichte mit ihrem „boy-friend“ abarbeiten, den sie natürlich verlassen wird. Sie weiß es nur noch nicht. Aber sie redet nur noch von ihrer ominösen Internet-Bekanntschaft, die sich nach langer Zeit wieder gemeldet hat. Ich sage: Der hat zwei Kinder und lebt von deren Mutter getrennt; so richtig christlich hört sich das für mich nicht an. Aber er sei ihr Seelenverwandter, das spüre sie. Deswegen bereue ich auch die 80 Yuan nicht. Danyus Leben ist die pure Seifenoper und ich bin darin zum Glück nur Statist. Gegen Mitternacht flanieren wir den See entlang und ich setze sie schließlich ins nächste Taxi. Da ist sie ganz konsterniert, dass ich nicht mit einsteige. „Ich muss doch in eine ganz andere Richtung“, sage ich, was habe sie denn gedacht? Sie kommt mir vor wie ein kleines Kind, das nicht gern allein sein mag und sich im Dunkeln schnell verläuft.
Trabbi-Witz
Cathy wird heute im Park während der Sprach-Etüde total von Mücken zerstochen. Ich habe Autan aufgetragen. Das treibt alle Angriffe zu ihr. Die Gewitterluft macht die Mücken aggressiv. Am Ende ziehen wir mit einem Umweg über einen Uhrmacher und einen Eisladen weiter zu Hillsons Englisch-Party, obwohl Cathy nicht müde wird zu betonen, dass Hillson alle Mädchen in die Flucht treibe, weil er nicht gut in Konversation sei. Dafür kommen wir dann ja endlich und reißen Hillson gemeinsam mit vier weiteren Gästen aus der Lethargie. (Hillson liegt ausgestreckt auf dem Sofa des Blue-Gulf-Restaurants, als wir eintreffen.) Das Thema ist heute: mein Lieblings-Film-Dialog. Hillson liest aus „Forrest Gump“ vor. Ich kann mein Zitat aus „Zwei glorreiche Halunken“ („Du digge Sau, wenn man dich abknallt, gibt's 'n Fettfleck und 's macht nicht mal viel Krach!“) leider nur auf Deutsch rezitieren, was die Wirkung natürlich mindert.
Der Weg zum Uhrmacher hat übrigens eine Vorgeschichte: Ich musste meine Uhr letzte Woche reparieren lassen: neue Batterie, neues Rädchen. Aber zwei Tage nach der Reparatur war sie schon wieder kaputt. Ich also wieder hin. Ein Teil wird ausgetauscht für noch mal 50 Yuan. Insgesamt 80 Yuan. Cathy beschwert sich: Das sei ja viel zu teuer, und fängt einen Streit mit dem Uhrmacher an, dem ich nicht folgen kann. Mir fällt dafür der Witz vom voll getankten Trabbi ein, der seinen Wert verdoppelt. Für die Reparaturkosten hätte ich mir vier neue Uhren kaufen können. Aber ich brauche eben meine Datumsanzeige. Und ist nicht so eine Armbanduhr letztlich fast so etwas wie ein treues Haustier? Das kann man auch nicht einfach so entsorgen, wenn es nicht mehr richtig will.
Prüfungszeit
Ich mache die Prüfung „Texte verfassen“ etwas interessanter für mich, indem ich meine Schützlinge Gedichte von mir selbst interpretieren und dann einschätzen lassen, von wem das poetische Meisterwerk stammen könnte. Schmeichelhafte Antworten wie Goethe, Hölderlin oder eine Frau, die in der Nazi-Zeit unter Repressalien gelitten habe, erfreuen mich ebenso wie im letzten Semester mein gutes Abschneiden bei der Umfrage, welche Kurzgeschichte ihnen am besten gefallen habe. Mir fällt dazu jetzt nur noch der beliebte Herbst-Spruch meines alten Kumpels Jan Loose ein: „Ein Poet steht vor der Tür: Dichter Nebel.“
Die arg traurige Geschichte vom armen Mäuschen
Der Unterricht ist für dieses Semester beendet. Es ist Prüfungszeit. Heute hatte ich bereits zwei meiner insgesamt fünf Prüfungen. In Zeitungslektüre mussten die Studenten ein Fax von Verona Pooth zu einer Nachricht umbauen, die Prüfung im Grundkurs Deutsch zum Abschluss der Lehrbucharbeit habe ich ganz auf den Film „Krabat“ zugeschnitten, den wir in der letzten Woche gesehen haben. Im Diktat können die Studenten nun zeigen, dass sie Wörter wie Müllersbursche oder Mühlräder wiedererkennen können. Das hat natürlich nicht überall gleich gut geklappt, wie ich bei den Korrekturen feststelle, die ich um sechs Uhr abends unterbrechen muss, weil das Abschiedsbankett der Uni ansteht. Dort beschwert sich die unter mir wohnende Japanerin über den Krach von neulich Nacht, als ich auf der Internetseite der Bahn versuchte, einen Zug zu buchen, was damit endete, dass eine Computer-Maus in die Ecke flog und danach nicht mehr zu gebrauchen war. „You have such a short temper“, sagt sie. „It's hot“, antworte ich.
Vortrag in Pukou
Ja, das wird jetzt leider kein so aufregender Eintrag, freut aber meinen Arbeitgeber. Im Rahmen einer Marketing-Offensive des Akademischen Austauschdienstes habe ich heute meinen zweiten Info-Vortrag über Leben und Studieren in Deutschland gehalten. Etwa vierzig Studenten waren in einem Hörsaal des Uni-Außencampus in Pukou erschienen. Meine Studentinnen "Theresa" und "Ilona" haben fleißig Werbung gemacht und das Organisatorische (Raum, Technik usw.) für mich übernommen. Angesichts der Tatsache, dass zwei schwere Prüfungswochen vor den Studenten liegen, ist der Besuch ganz erfreulich. Ganz im Sinne des Erfinders sind mehrheitlich Studenten anderer Fachbereiche erschienen, acht Zuhörer sind Deutsch-Studenten. Das Hauptinteresse der Studenten gilt nach wie vor der Anrechenbarkeit ihrer in China erbrachten Studienleistungen. Will man nach dem Erwerb eines B.A. in Deutschland weiterstudieren, geht das ja nur im selben Fach. Aber niemand möchte natürlich in Deutschland als Student ganz von vorne anfangen, als hätte er nicht schon vier akademische Jahre hinter sich.
Ganz fürsorglich - ist ja auch schon dunkel! - geleitet mich Studentin "Ilona", die heute auffällig gut riecht, nach kurzer Überbrückungslektüre in der klimatisierten und daher gut gefüllten Bibliothek abends um neun dann zum letzten Uni-Bus Richtung Nanjing.
Noch 'ne Freikarte
Gestern hat mir das Auslandsamt der Uni überraschend eine Freikarte für ein Konzert der "Nanjinger Philharmoniker" angeboten. Ich sage dankend zu und nehme gleich zwei. Meine beiden Schriftstellerinnen können leider nicht: Lu Min, die ja eine Revanche für den "Pfingstrosenpavillon" verdient hätte, bereitet sich auf ihre Frankreich-Reise vor und Echo alias Danyu hat eine Art Tumor am oder im Ohr und fliegt drei Tage nach Guangzhou zu einer Expertin. Sie ist ziemlich nervös deswegen (Gebetsanliegen!). Cathy sagt dann zu. Ich habe ihr eine E-Mail mit der Betreffzeile "Concert - one more try?" geschickt und beziehe mich dabei natürlich auf die Ton-Tortur vom letzten Mal (sin-o-meter berichtete). Diesmal gibt es glücklicherweise keine Tortur. Mit Beethoven und romantischen Komponisten stehen keine Disharmonien auf dem Programm. Cathy hat trotzdem Grund zur Klage: Der Frack des Komponisten sei ja total zerknittert. Den hätte man mal vorher bügeln sollen!
Als furiosen Rausschmeißer gibt es das Filmthema von "Fluch der Karibik". Das erkenne dann sogar ich wieder.
Beim Uni-Doc
Mein belgischer Kollege Serge hat mich auf die Idee gebracht: Man könne sich mit so einem Knie ja auch mal in Behandlung begeben. Seit dem desaströsen Unfall vom 18. Juli 2008 habe ich eine Patellasehnenentzündung oder -reizung. Reizend ist das gar nicht. Nach dem Fußball (wie am letzten Sonnabend) wird das Knie nämlich dick und schmerzt. Keine Ahnung, wieso ich so was bekomme und behalte, obwohl ich kaum noch Sport treibe, nur ab und zu Tennis oder gelegentlich Fußball, dazwischen aber z. T. monatelange Pausen.
Heute gehe ich also zum Gesundheitszentrum der Universität. Dafür musste ich mir gestern erst mal mein Medizinbuch vom Auslandsamt holen, eine Art Krankenscheinheft. Ich schlage mich durch bis zum Arzt in der Abteilung für Elektrotherapie. Die langen Gänge, die Türen, die Becken - alles erinnert ein bisschen an die altmodische Ausstattung im San-Zentrum 107 (Scholtz-Kaserne). Röntgen lehne ich ab, weil das definitiv keine Knochengeschichte ist. Der Doc und ich kommen überein, Elektrotherapie zu probieren. Ich bekomme also eine Elektrode aufs Knie gebunden und neben mir ist ein Trafo für die Regulierung der Stromzufuhr, vergleichbar mit dem in dem Folterdrama "Das Experiment". Ich denke auch an die Elektroschocks, die man zusammen mit Herzmassagen verabreicht, wenn jemand kurz vorm Sterben ist, oder an die Elektrozäune auf deutschen Kuh- und Pferdeweiden und mache mich auf das Schlimmste gefasst. Zum Glück handelt es sich aber nur um ein kribbeliges Gefühl, das sich langsam steigert und sich am Ende anfühlt wie eine Massage mit feinen Nadeln. Tut jedenfalls nicht weh. Außerdem bekomme ich so'ne Art flüssiges Finalgon. Nur zur äußerlichen Anwendung!
Alle sin-o-meter-Leser, die an den Einzigen, Wahren und Ewigen glauben, bitte ich um Gebet für diese leidige Kniegeschichte!
Ein Nachmittag im Olympiazentrum
Die Gemeinde hat eingeladen, und zwar alle nicht verheirateten Mitglieder und Besucher. Leider habe ich die Uhrzeit vergessen, wann das Treffen beginnen sollte. Als ich mittags in dem eigens dafür gebuchten Hotel ankomme, ist das Seminar schon halb vorbei. Ich bekomme aber trotzdem etwas zu essen. Nachmittags gibt es noch ein Video und gruppendynamische Sitzungen. Zwar hat man mir versichert, für überzeugte Alm-Öhis sei das Treffen auch geeignet. Trotzdem geht es aber am Ende doch nur ums Heiraten. Ich hätte erwartet, dass man wenigstens mal kurz am Rande deutlich macht, dass Paulus da ja ganz andere Schwerpunkte gesetzt hat und Heiraten laut 1. Korintherbrief eigentlich mehr so eine Art Notlösung für Schwächlinge ist, aber das ist in einer mehrheitlich aus Afrikanern zusammengesetzten Gruppe wohl nicht so vermittelbar. Ich erspare mir also den Hinweis. Man will ja auch nicht als Spielverderber gelten.
Auch am Nachmittag spiele ich wacker mit. Denn es gibt auf einem Spielfeld im nahe gelegenen Olympiazentrum (nein, Nanjing ist nicht Olympiastadt, aber es klingt halt besser), einem Feld mit echtem grünem Rasen, ein Fußballspiel, bei dem ich meine beiden hochkarätigen Chancen vergebe. Besonders die Steilvorlage von Kelvin aus Kenia hätte eigentlich ein Tor sein müssen! Aber bei dreißig Grad im Schatten kann ich nun mal nicht zu Höchstform auflaufen.
Auftritt Benno - Didus im Reisebüro
Er hat ihn sich redlich verdient, den Abend. Schließlich schreibt er, seit er mich auf der Konferenz der Deutsch-Dozenten in Schanghai bei der Besichtigung der Universität SISU traf, regelmäßig E-Mails und hat mir sogar eine virtuelle Ostergruß-Karte geschickt, während ich schon lange vergessen habe, wie der Student, der sich Benno nennt, eigentlich aussieht. Als er verspätet ins Café kommt, weiß ich erst gar nicht, dass er es ist. Wir ziehen um in das belgisch-deutsche Restaurant Swede & Kraut in Uni-Nähe und treffen dort auf die ersten Ausläufer des Deutschen-Stammtisches, auf den es Benno (ganz im Gegensatz zu mir) abgesehen hat. Ich erteile ein paar kluge Ratschläge, wie Benno nach dem Studium vielleicht ins Goethe-Institut einsteigen könnte, und erhalte als kleines Dankeschön anlässlich des morgigen Drachenbootfestes einen Riechbeutel gegen böse Geister und traditionelle chinesische Bohnenkuchen in hochfeiner Verpackung, die ich morgen mal mit zum Sprachtraining mit "Cathy" mitnehmen werde.
Bevor ich Benno treffe, bin ich schon auf 180, weil die Tante aus dem Reisebüro meinen Flug vergeigt hat. Ich hatte gebucht für den 8. Juli, Rückflug am 20. August, kein Umsteigen, kein Stress, etwas über tausend Mark. Aber ich sei ja nicht rechtzeitig gekommen, sagt die Tante im Reisebüro, nun sei der Flug hin. Ich bestehe darauf, die E-Mail zu sehen, die die Tante geschickt haben will. Sie dreht ihren Computerbildirm zu mir und da sehe ich den Fehler: Statt mir Nachricht an gmx.de zu schicken, hat sie zwei an gmx.ae geschrieben. Ich frage sie, was für ein Land das denn sein solle. "Ist doch nicht schwer: de für Deguo [= Deutschland]!", erkläre ich laut auf Chinesisch. Wenn man freilich nur in Schriftzeichen denkt und lebt, sagt einem .de natürlich nichts. Aber sehen meine d's vielleicht aus wie a's?!? Und hätte man nicht das Gehirn anschalten müssen, als die erste E-Mail zurückkam? Das alles versuche ich in der Fremdsprache darzulegen. Schließlich verlasse ich den Laden. Ich bin viel zu genervt um jetzt einen neuen Flug zu buchen. Außerdem habe ich ja das Treffen mit Benno.
Das Drachenbootfest

... kommt für Deutsche etwas spät, nämlich exakt eine Woche nach dem deutschen Himmelfahrtstag. Den Sinn des Feiertages erläutert nun exklusiv für sin-o-meter die chinesische Hobby-Historikerin Liu Chao:
Also, es gab einen berühmten Dichter von der Kriegszeit damals in China, ganz früh in der chinesischen Geschichte. Es gab verschiedene kleine Staaten in China, und jeder wollte durch den Krieg die Anderen aufessen und selber einen kompletten Staat für ganz China begründen. Der Dichter heißt Quyuan und er kommt aus einem Staat von den allen. Er ist sehr fähig, mutig und hat viele viele Treue zu dem Kaiser und dem Volk seines Staats, also, ein sehr guter Politiker. Er versuchte mit den anderen Politikern ihren Kaiser zu unterstützen, damit sein Staat es schaffen kann, einen kompletten Staat für ganz China zu begründen,aber sein Kaiser war leider dumm und blöd, er war selber unfähig und konnte keine einzige Sache gut erledigen, aber er hatte kein Vertrauen zu dem Quyuan und nahm die Vorschläge und Meinungen von Quyuan nicht an. Er hat Quyuan bestraft und ihn ganz weit von der Hauptstadt deportiert, nur weil Quyuan ständig ihn überredet hatte, vernünftig zu sein. Quyuan war sehr depressiv und traurig. Sein politischer Traum konnte nicht verwirklicht werden und seine Treue verstand der Kaiser auch nicht. Er hat viele, viele schöne Geschichten bei seiner deportierten Zeit geschrieben. In denen hat er durch die Wörter seine Furcht für die Zukunft seines Saates, seine Liebe zu seinem Vaterland und seinem Volk geäußert. Deswegen war er sehr beliebt beim Volk.
Als Folge wurde der Zustand seines Staates natürlich immer schlechter, weil die anderen Staaten zunehmend stärker und reicher waren. Und es kam ein Tag, da wurde Quyuans Staat von einem der anderen überfallen und der Kaiser wurde aufgegeben. Quyuan war so traurig und verzweifelt. Er wollte sich nicht von den Feinden beleidigen lassen, deshalb hat er sich ermordet, ins Wasser... Der Fluss heißt "Mi Luo Jiang". Die Leute machten das Essen "Zong Zi" und haben es in den Fluss geworfen, um es zu vermeiden, dass große Fische seine Leiche essen. Also ist der Drachenbootstag eigentlich ein Gedenktag.
Passend dazu gibt es auf dem See, an dem ich mich zum Sprachtraining treffe, auch ein paar Boote mit Drachenkopf. Jedoch: Cathy will auch nach der vierten Nachfrage keinen von Bennos Bohnenkuchen essen. Kein Wunder, es sind ja auch keine richtigen "Zong Zi"!
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