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Didus auf Dienstreise oder: Auweia!
Heute düse ich nach Yanji. Zwischenstopp in Peking. Dort bleiben mir fünf Stunden Zeit (ich habe extra einen früheren Flug genommen), um am Hauptbahnhof eine Zugkarte für die Rückfahrt nächste Woche zu erwerben und so ganz nebenbei nach Spuren der gestrigen Jubelparty zu suchen. Die gibt es tatsächlich: Auf dem Platz des Himmlischen Friedens stehen die Karnevalswagen in Reih' und Glied, einer für jede Provinz. Man sieht Videoprojektionen auf den Schiffsrümpfen, Miniatur-Himmelstempel auf der Brücke oder eine Nachbildung der Tropenwelt von Hainan an Deck. Ehe ich die Ausstellungsstücke in Lebensgröße abschreiten kann, habe ich mich durch einen endlosen Menschenstrom hindurchzukämpfen. Beide U-Bahnstationen am Platz des Himmlischen Friedens sind gesperrt, an den Aus- und Eingängen gibt es Sicherheitsüberprüfungen, als könnten die Züge fliegen, und die halbe Welt strömt vom nächstgelegenen U-Bahnhof Xidan zum Platz der Plätze. Neu ist dort übrigens auch ein Sun-Yat-sen-Porträt, das exakt gegenüber von dem etwa 200 Meter entfernten berühmten Mao-Porträt am Eingang zur Verbotenen Stadt angebracht wurde. Sie sind die beiden Pole, die Eckpfeiler, des modernen China. Die Botschaft ist klar: Sun Yat-sen, der Republikgründer († 1925), ist genauso wichtig wie Mao und vor allem: viel unverfänglicher, weil unter ihm eben nicht Millionen Chinesen umgekommen sind.
Der Rückweg wird zur Exemplifikation des Begriffs Masse Mensch. Die wegen der Nachtbeleuchtung von Xidan her in Richtung Platz strömenden Massen werden von einer Polizistenkette zurückgehalten, die wirkt wie die Humanvariante des Drei-Schluchten-Damms. Und ich bin nun also der, der stromaufwärts den Damm durchbrechen will. Das Unfassbare geschieht: Eine Schleuse für einen Plastikflaschen-Sammler tut sich auf. Die Polizei öffnet einen Durchgang und ich trete einfach in die Fußstapfen des Mannes vor mir, der sich durch die zwanzig, dreißig Meter lange Menschenwand drängt wie ein nervöses Elektron. Und ich komme mir vor, als sähe ich vor lauter Menschen die Masse nicht. Obwohl es kühl geworden ist, bin ich schweißnass. Die Zeit wird auch knapp. Ich haste zum Busbahnhof in Xidan. Nervös erkundige ich mich, wie lange in Anbetracht des Staus auf der Chengan-Allee wohl der Bus brauche, und bekomme die niederschmetternde Antwort: vielleicht neunzig Minuten. Dann hätte ich bis zum Abflug der einzigen Maschine nach Yanji noch zehn Minuten. Das kann ja heiter werden! Spontan entscheide ich mich via U-Bahn zur neuen Airport-Express-Linie vorzudringen, obwohl ich die nicht kenne. Doch unten in der U-Bahn: wieder die Masse Mensch! Der junge Schnösel am Eingang akzeptiert meine am Bahnhof erworbene U-Bahnkarte nicht, weil hier eine andere Linie verlaufe. Diskussion zwecklos. Ich schmeiße die wertlos gewordene Karte entnervt weg. Eine neue Karte zu kaufen würde vermutlich in Anbetracht der Menschenschlangen überall an den Automaten noch mal 20 Minuten kosten. In diesem Ameisenhaufen drehe ich gleich durch, der Zeiger ist kurz vor dem roten Bereich. Ich überspringe eine Reling, weil ich sonst wieder durch eine Damm-Mauer müsste; dabei bleibe ich mit dem linken Fuß hängen, rette mich aber ohne zu stürzen auf beide Beine, taumle, es gibt ein paar Ohs und Ahs. Nichts wie weg hier! Ich stehe wieder vor der Busfahrkartenverkaufsstelle. Der Bus soll um halb sieben abfahren. Jetzt ist es fünf vor halb. Ich kaufe die Karte. Als ich mich umdrehe, fährt der Bus gerade ab. Jetzt bin ich dem totalen Irrsinn nicht mehr fern. Ich nehme die Beine in die Hand und renne (mit Gepäck!) dem Bus hinterher, der gerade nach rechts auf die Chengan-Allee abgebogen ist. Ich rufe. Ich renne. Ich hole den Bus ein. Ich bin jetzt genauso schnell, wie der langsam beschleunigende Bus. Ich laufe neben dem Bus her und schlage auf das Blech. Der Bus hält an. Die Tür öffnet sich und schließt sich gleich wieder, weil ich mich zu ruckartig bewegt habe. Der Fahrer macht Zeichen, die ich nicht verstehe. Die Tür geht wieder auf. Ich steige ein.
Ich bin nach nur 35 Minuten am Flughafen, weil der Bus den Stau auf der Chengan-Allee umfahren hat. Ich komme am nagelneuen Terminal 3 an. Aber geht der Flug von hier ab? Den neuen Terminal gab es bei meinem letzten Aufenthalt in Peking vor den Olympischen Spielen noch nicht. Viele bleiben sitzen. Ich denke: Inlandsflüge in Kleinstädte gehen sicher vom alten Flughafen ab. Als ich an Terminal 1 + 2 ankomme, ernüchternde Neuigkeiten: Ich bin falsch, zurück zu Terminal 3. Die Tante am Schalter macht mir Mut: Ich müsse nun ein Taxi nehmen, weil es schon so spät sei. Sie will sagen: In fünfzig Minuten wird mein Flieger bereits über die Piste rollen. Aber ich und Taxis – das klappt doch nie, denke ich. Erst heute Mittag musste ich schon wieder 100 Yuan zum Nanjinger Flughafen zahlen, weil ich es angeblich sonst nicht mehr zeitig geschafft hätte. Und wo gibt es denn hier Taxis? Ich habe keine Zeit zum Suchen und steige einfach in den Shuttle-Bus, von dem mir die Tante an der Infothek abgeraten hat. Wahrscheinlich ist ihr Mann Taxifahrer. Der Bus, in dem ich von Afrikanern umzingelt bin, braucht tatsächlich nur zehn Minuten, die ich allerdings mitzähle, als wäre gerade eine neue Zeitrechnung eingeführt worden, der ich noch nicht traue. Als ich wieder am Terminal 3 ankomme, profitiere ich von dem glücklichen Umstand, dass ich meine Bordkarte schon in Nanjing empfangen habe. Allerdings steht darauf nichts über meinen Flugsteig. Das bekomme ich auch noch raus. Bei der Sicherheitsüberprüfung bleibe ich verhaltensunauffällig und darf durch. Ich gehe, als ich weiß, dass ich es geschafft habe, noch mal kurz aufs Klo und besteige als letzter Fahrgast sage und schreibe 23 Minuten vor Abflug die Maschine. Demnach hätte ich mir ja den Wettlauf mit dem Bus sparen können...
In Yanji bin ich dann das lebende Exempel für „Die Letzten werde die Ersten sein“ und steige am Flughafen als erster Fahrgast in eines der Taxis, die dort in Kolonnen auf den letzten Flug gewartet haben. Der sonst ganz nette Fahrer kassiert bei mir am Ziel zwanzig Yuan Zusatzgebühr ab, gegen die ich mich nicht wehren kann, weil ich kein Kleingeld habe. Ich und Taxis... Es ist spät, ich bin erledigt, ich bin endlich da. Ich schreite in kalter Luft über das Gelände meiner alten Uni. Ich übernachte bei meinem alten Kollegen Dana aus der English-Conversation-Abteilung auf dem Boden seines 20-Quadratmeter-Zimmers. Morgen mehr.
60 Jahre Volksrepublik China - Teil 2
60 Jahre Volksrepublik China. Natürlich begehe ich den Nationalfeiertag würdig. Cathy hat Freikarten für die Kinovorstellung von „Jian Guo Da Ye“ („Die Gründung einer Repbulik“), einem nagelneuen Hochglanz-Propagandafilm mit englischen Untertiteln, der die Richtung für das neue China vorgibt: Mao und Chiang Kai-shek sind im Grunde nur entzweite Brüder und beide Erben des Republikvaters Sun Yat-sen. Am Ende geht es beiden um die Einheit Chinas, weshalb der geschlagene Chiang überraschend edelmütig (das hat man in China schon anders gesehen) auf eine Fortsetzung des Bürgerkrieges um jeden Preis, z. B. den der Einheit, verzichtet. Mao ist ein jovialer Kettenraucher, der Kinder, wenn die Fluppe mal aus ist, auf sich herumturnen lässt und manchmal auch betrunken lallt. Ein echter Chinese eben. Jackie Chan, Zhang Ziyi und Chen Kaige haben Gastauftritte; es fehlt eigentlich nur Gong Li.
Ich muss mich beim Abendessen von Cathy und ihrer Kollegin nebst Freund verabschieden, denn für zwanzig Uhr habe ich dank der Institutsleitung Freikarten für das große Feuerwerk. Zusammen mit Herrn Weismann und der Autorin Nora Bossong, mit denen ich gestern zum Abschied noch mal den Deutsch-Stammtisch veredelt habe, gehe ich zum Südtor des Xuanwu-Seeparks, wo sich die Wege von Patriziern (mit Karte) und Plebejern (ohne Karte) trennen. Prompt ist das große Gedrängel vorbei. Von einer der Inseln aus haben wir dann tatsächlich einen Vorzugsplatz und können uns das Feuerwerk anschauen, einen spektakulären 45-minütigen Pyromanie-Exzess, der in simulierten Fallschirmen, die schwarz vom Himmel regnen, gipfelt. Das stellt sogar das Millenniums-Feuerwerk in Hamburg A.D. 2000 in den Schatten. Blinde sind heute Abend eindeutig im Nachteil. Ich verabschiede mich von Nora und Herrn Weismann (beide werden abreisen, während ich auf Stippvisite in Yanji bin) und gehe allein heim. Naja, nicht ganz allein. Halb Nanjing hat schließlich versucht, einen guten Platz zu ergattern, um das Feuerwerk zu sehen. (Cathy wird mir nächste Woche berichten, dass sie und ihre Freunde nichts sehen konnten und dass es deshalb Frust-Stress zwischen ihrer Kollegin und deren Freund gab.) Die nächtliche Skyline beherrscht der gerade rechtzeitig zum großen Feiertag fertig gestellte Zifeng-Turm. Hierbei handelt es sich mit 448 Metern um das neunthöchste bereits in Betrieb genommene Bauwerk der Welt, das vierthöchste in China.
Nachts sehe ich mir im Fernsehen noch die zigste Wiederholung der Pekinger Jubelparade an, eine Art Karneval in Köln ohne Köln. Außerdem stehen hier die Politiker, die beim Karneval am Rhein Raketen im Papphintern haben, in Fleisch und Blut auf der Empore und gucken viel ernster. Kein Wunder, ihre Raketen sind schließlich auch nicht von Pappe.
60 Jahre Volksrepublik China - Teil 1
Die Entdeckung des Abends heißt Constanza. Sie trägt eine Brille, deren Gläser in ihrem Gesicht wirken wie Wohnzimmerfenster; der Rest ist eine Mischung aus Penelope Cruz und Anne Hathaway, allerdings die weniger attraktive Ausgabe von Anne Hathaway wie in der ersten Filmhälfte von „Plötzlich Prinzessin“, als Anne noch diese hässliche Brille tragen muss. Anne, ich meine, Constanza, ist aufgewachsen und studierte in Buenos Aires. Jetzt kommt sie gerade aus Japan, wo sie wohl auch unterrichtet hat. Hier an der Nanjinger Uni unterrichtet sie Spanisch-Studenten im letzten Studienjahr in Geschichte. Es macht mir einen Riesenspaß an Constanza meine angestaubten Spanisch-Kenntnisse auszuprobieren. Sie hält mich anfangs, im Bus, der uns zum großen Festbankett anlässlich des 60. Jahrestages der Gründung der Volksrepublik China bringt, für einen Franzosen und will wissen, aus welcher Gegend in Frankreich ich komme. Sehr schmeichelhaft. Ich verweise auf meinen Sitznachbarn, der wirklich Franzose ist.
Auf drei endlos langen Tischen erwartet uns im großen Saal eines Nobelhotels ein endloses Büffet mit lauter Köstlichkeiten. Schon jetzt steht fest: Heute werde ich wieder essen bis zum Umfallen. Dazu spielen noch traditionelle chinesische Musiker und Musikerinnen, am Ende gibt es ein Solo im Peking- oder Kun-Oper-Stil inklusive Maske. Vorher die Reden. Auch ein deutscher Vertreter von Bosch, der größten deutschen Firma hier in Nanjing, darf eine Ansprache halten. Es hört aber schon seit seinem Vorredner keiner mehr zu. Alles brabbelt durcheinander. Ich muss mich vor die Bühne drängen, um den Worten meines Landsmanns lauschen zu können. Aber es sind ohnehin immer dieselben Floskeln, die in China nie Rost ansetzen. Ein Amerikaner mäkelt: „Der redet ja fast länger als der Chinese vor ihm!“ Recht hat er. Auch über mir schwebt eine Gedankenblase mit den Worten: „Anfangen! Anfangen! Oder es gibt Krach!“
Dann ist die Party aus und alles geht nach Haus. Constanza will sich rasch noch meine E-Mail-Adresse aufschreiben. Ich war so geistesgegenwärtig, die Argentinierin auf ein paar spanischsprachige DVDs hinzuweisen, die sie ja mal ausleihen kann. Und überhaupt.
Auf den Spuren von Tom Cruise
Im Süden der Provinz Zhejiang befindet sich ein malerisches Dorf namens Xitang, das man wie Venedig auch zu Wasser besichtigen kann. Es geht dann unter Brücken hindurch und man hat Blick auf zumeist weiße einstöckige Gebäude, die allerdings heute überwiegend nur noch als Touristenfallen oder Museen (oder beides in einem) dienen. Überall locken Stände mit Leckereien und Souvenirs. Während wir uns für zehn Yuan pro Person mit drei Booten von Sino-Gondolieri durch das Dorf schippern lassen - ich sitze mit Herrn Weismann im selben Boot -, ist die Sicht auf das pittoreske Ufer zumeist verdeckt, da unsere Studentinnen ständig von Deck aus für Fotos mit Hintergrund posieren müssen.
Auf einem kleinen Schiff, das freilich nicht mehr fährt, sondern auf dem Hauptkanal vor Anker liegt, gibt es die Hauptmahlzeit. Nachdem wir gerade vier Stunden lang mit dem Bus angereist sind, muss eine Hungerrevolte niedergeschlagen werden. Frau Yin, die Fachbereichsleiterin, hält eine kurze Rede und erklärt darin, was es mit diesem Sonderfall eines gemeinsamen Ausflugs von Professoren und Studenten für eine Bewandtnis hat: Es handelt sich um eine Belohnung für den besonders erfolgreichen Jahrgang 06, der chinaweit den besten Schnitt in der Prüfung für Deutschstudenten an chinesischen Universitäten erzielt hat. Unter Führung von Xuelian und Xiaoshi besichtige ich hernach noch ein paar der Touristenfallen, darunter ein Knopfmuseum. Dann geht mir das alles zu langsam hier und ich flaniere die verbleibende Stunde vor der erneut vierstündigen Busfahrt alleine durch die Lagunenstadt. Ich hätte am Ende gar nicht so pünktlich zu sein brauchen, denn Yin, mit Herrn Weismann im Gefolge, ist 25 Minuten zu spät. Sonst eher meine Rolle. So kommen wir auch schön in den Wochenendverkehr auf der Autobahn. Naja, ich habe Mau-Mau-Karten dabei. Die vertreiben mir, meiner Vorgängerin Kristina und der Schriftstellerin Bossong, die die längste Niederlagenserie hinlegt, die ich je bei Dreier-Mau-Mau erlebt habe, die Zeit bis zum Einbruch der Dunkelheit. Dann sind wir zwar noch nicht da, können aber keine Spielkarten mehr erkennen.
Wer noch ein etwas genaueres Bild von Xitang haben möchte, der lege eine DVD mit "Mission: Impossible 3" ein. Denn Tom Cruise hat hier 2005 gedreht und für noch mehr Trubel gesorgt, als in Xitang ohnehin schon los ist. Ein großes Plakat vor einem der Restaurants kündet von dem Besucher, der noch prominenter ist als die Uni Nanjing.
Der Didus auf der heißen Blechwand
Da ich ja mittwochs keinen Unterricht habe, beschließe ich heute mal um den Xuanwu-See zu laufen. Sieht etwa so lang aus wie die Außenalster. Aber da es ja nun im Universum hin und wieder doch mal eine Verschwörung gegen mich gibt, ist der Park gerade, ausgerechnet und zufällig heute geperrt. Im Norden gesperrt, wo ich gegen eine Wand laufe, und im Süden, wo ich allerdings genervt durch eine Wand laufe. Da ist nämlich eine Tür in der blauen Blechbarriere. Die Pförtner können gar nicht so schnell reagieren, wie ich da durchlaufe. Sie winken, rufen, ich winke, rufe: "Hallo!" Das muss ich mir ja schließlich sonst auch ständig anhören, dieses "Hallo!" Dann höre ich noch hinter mir schreien: "Stop, stop!" und: "No!" Ich bin aber schon auf und davon. So flitze ich zunächst etwas desorientiert an der Baustelle vorbei, wo sich die Arbeiter schon nicht mehr über mich wundern - die sind am Debattieren und offensichtlich im Dissens über irgendwas -, und habe den Rest des Parks für mich allein. Hin und wieder am Rand mal eine Bepflanzungskolonne oder ein Bauarbeiter. Am Ausgang dann die erwartete nächste Blechwand, daneben wachen zwei Uniformierte. Die denken sicher, der bekloppte Ausländer merkt gleich, dass er in einer Sackgasse steckt, und kehrt um. Alles, was sie aber dann noch von mir hören werden, ist ein Klong-klong, mit dem von der Blechwand springe. Es war da so eine Art Trittleiter im Blech, drei waagerechte Stäbe... Man könnte das wahlweise kommentieren mit der Liedzeile: "Mit meinem Gott kann ich Wälle zerschlagen, mit meinem Gott über Mauern springen" oder mit der Textzeile: "Den running Didus in seinem Lauf hält weder Ochs' noch Esel auf!"
Es müssen doch mehr Kilometer sein als um die Alster, ich krieche nachher nur noch. Und ich muss ja auch einen Umweg nehmen, um nicht schließlich wieder vor der ersten Blechwand zu stehen. Dafür gibt es am Abend eine kräftige Stärkung, denn heute sind alle ausländischen Lehrkräfte zum Buffet geladen. Ich sitze mit Trevor, Nora, Kristina (meiner unmittelbaren Vorgängerin, die für einen Monat an ihre alte Wirkungsstätte zurückgekehrt ist) und unserem gemeinsamen Vorgänger, Ex-Direx Weismann, am Tisch und stelle fest, dass Trevor (fast) so viel essen kann wie ich. "Westler können so was", meint die Fachbereichsleiterin, Chinesen dagegen hätten nach der Uhr zu essen. Um die kümmern wir uns heute gar nicht und stürmen anschließend noch den Deutschen-Stammtisch am Nord-Campus. Nora verlangt nämlich nach Inspiration für ihren nächsten Roman. Trevor darf übrigens auch mit, schließlich war sein Ururgroßvater Deutscher. In einer Redepause von Trevor erzählt Nora, dass sie noch studiert und vielleicht auch noch promovieren will, weil ihr Vater das wichtig findet. Ich sage: "Wer auf Platz drei der SWR-Bestenliste gestanden hat, der braucht keinen Doktortitel mehr." Kurz vor 22 Uhr erinnere ich Herrn Weismann mahnend an die Skype-Verabredung mit seiner Frau daheim. Dankend macht er sich davon und vergisst prompt seine Tasche. Als er sich die später bei mir abholt, berichtet er nicht ohne Verdruss, dass an dem Abend das Internet tot gewesen sei. Nichts war's also mit dem nächtlichen Telefonat. Das ist doch fast so ärgerlich wie Bauarbeiten im Park.
Leonce und Lena
Am Nachmittag trainiere ich die beiden für den diesjährigen nationalen Debattier-Wettbewerb ausgewählten männlichen (!) Studenten zum Thema „Sollten Studenten mehr Mitspracherecht bei Uni-Lehrplänen haben?“
Am Abend ist im Theatersaal der Universität die Premiere des mit Unterstützung des Goethe-Instituts und chinesischen Darstellern inszenierten Büchner-Lustspiels „Leonce und Lena“. Ich sitze in der ersten Reihe, um mitlesen zu können, neben Hao Hui, daneben Jung-Autorin Nora Bossong. Ich habe mir das Stück vorher aus meiner Bibliothek entliehen. Schwierig sind nur die dunklen Szenen, weil das Bühnenlicht dann nicht ausreicht, um lesen zu können. Und von denen gibt es einige. Ein sprödes Stück in einer nicht ganz so spröden Inszenierung, ist mein Resümee, als ich mit Nora nach Hause gehe.
Am nächsten Tag bin ich mit großem Bild, in ein Buch vertieft, von dem niemand weiß, dass es das Theaterstück ist, in der Zeitung abgebildet, wie mir meine österreichische Kollegin Katja brühwarm zu berichten weiß.
Verblüff deine Studenten!
Das habe ich mir letzte Woche, in der ersten Unterrichtsstunde, vorgenommen: Ich werde meine neuen Studenten des Jahrgangs 08, 25 neue Gesichter, total verblüffen. Ich werde innerhalb von einer Woche alle ihre Namen im Gedächtnis abgespeichert haben. Der Trick geht so: Man lässt jeden Studenten seinen Nachbarn vorstellen, fragt beim Namen noch mal nach, schreibt ihn sich auf (ganz wichtig: mit Tonzeichen!) und dazu eine Notiz, an welche bekannte Person einen die Studentin oder der Student erinnert. Falls das nicht möglich ist, eine kurze Beschreibung der Frisur, Brille oder des Hautreinheitsgrads. Zu Hause lernt man dann diese Kombination auswendig wie Vokabeln und das Ergebnis lautet: Verblüff deine Studenten!
China's Next Super Brain
Eigentlich sollte Nora Bossong, die junge Autorin von Webers Protokoll, die für drei Wochen zu Gast an der Uni ist, heute mit auf den Ausflug zum Sun Yat-sen-Mausoleum und dem benachbarten Ming-Grab. Aber ich halte am Treffpunkt vergeblich Ausschau nach ihr. Der Ausflug ist nichts Neues für mich. Die Uni stiftet mal wieder einen Bus und einen Reiseführer und den Eintritt für die Touristen-Hochburgen müssen wir, die ausländischen Lehrkräfte auch nicht entrichten.
Ich muss schmunzeln, als der Reiseführer im Bus das Wetter in Nanjing erklärt und sagt, dass dieser Sommer nicht so heiß ausgefallen sei wie normalerweise. „I don't know why“, sagt er. Er kann nicht ahnen, dass in der internationalen Gemeinde im Juni das gemeinschaftliche Gebet für einen kühlen Sommer ausgerufen wurde („God will give us a cool summer, this year!“) und auch nicht, dass ich mich damals bei dem Gedanken ertappte: „Ja, ja, kühler Sommer, träum weiter, Bruder...“ Zwei Dinge sind aber doch neu heute: Ich stoße diesmal wirklich bis zur Grabstätte des legendären ersten Ming-Kaisers Hong Wu vor, der als Anführer eines Bauernaufstands die Yuan-Dynastie (Mongolen) ablöste, Nanjing zur Hauptstadt Chinas machte und die Epoche der langlebigen Ming-Dynastie (1368-1644) begründete. In Nanjing wollte er auch begraben sein und ließ sich hier daher sein Grab schaufeln, mehr als 15 Jahre vor seinem Tod im Jahre 1398.
Im April, bei meinem letzten Besuch hier, stand ich noch vor einer Baustelle. Neu sind auch die meisten Teilnehmer an diesem Ausflug: Ich lerne den Amerikaner Trevor und drei Franzosen kennen. Trevor scheint irgendwie auch christlich beschlagen zu sein. Sein Vater war Theologie-Lehrer oder so was. Das war sicher noch nicht mein letztes Gespräch mit ihm. Am meisten anfangen kann ich mit Alain Dautricourt, der auch schon um die halbe Welt gekommen ist und zuletzt in Kanada und den USA als Französisch-Lehrer beschäftigt war. Von den beiden anderen Franzosen kommt nur einer zu Wort, der zu der Kategorie Menschen gehört, die es nicht ertragen, wenn sie länger als eine Minute aus einem Gespräch ausgeklinkt sind. Er gibt sich als nicht praktizierender Buddhist zu erkennen und hat auch ein paar Verschwörungstheorien auf Lager, von denen ich aber nicht viel verstanden habe, weil ich mich zwischenzeitlich auch ausgeklinkt habe, gedanklich.
Beim Abstieg vom Mausoleumshügel treffe ich Chinas Next Super Brain: Ein etwas wirrköpfig wirkender Chinese besteht darauf, mir seine achtjährige Tochter vorzustellen, die mich bereits vorher in fast akzentfreiem Englisch angesprochen hat. Dann soll ich mir eine Mathe-Aufgabe ausdenken. Ich sage: „33 plus...“ Da unterbricht mich der Papi und diktiert eine dreistellige Additionsaufgabe mit drei Summanden. Sogleich tickt Chinas Next Super Brain, Papi reicht ihr ein Stück Papier und die Zahl die Chinas Next Super Brain aufschreibt, ist, wie nicht anders zu erwarten war, die gleiche wie auf der Anzeige des Taschenrechners, auf den Chinas Next Super Brain keinen Blick werfen konnte. Ich gratuliere Chinas Next Super Brain und ihrem Manager und muss mich verabschieden, denn unten am Eingang des Mausoleums gibt es das gemeinsame Mittagessen. Neben mir sitzt Alain. Ich kann also weiter Französisch üben.
Dann seile ich mich ab, weil ich am Nachmittag in Michaels neues Heim eingeladen bin. Natürlich ist das großer Unsinn. Ich hätte ja mit dem Reisebus zurückfahren können. Denn die nächste Station ist die Stadtmauer und nicht weit von meiner Wohnung entfernt. Aber warum einfach, wenn's auch kompliziert geht? Nicht zum ersten Mal überschätze ich mein Orientierungsvermögen und finde erst nicht zur Bushaltestelle. Dann steige ich in Nummer 3, die nach Norden in Richtung Bahnhof fährt. Ich steige viel zu weit nördlich aus, weil ich ja die Busstrecke nicht kenne, und muss eine halbe Stunde in sengender Sonne zu Fuß gehen, um zum Bahnhof zu kommen. Dort stehe ich noch mal eine halbe Stunde am Fahrkartenautomaten, weil heute großer Reisetag ist: Viele Studenten kommen aus dem Urlaub zurück. Die Schlange neben mir löst sich auf, weil der Automat den Geist aufgegeben hat. Und ich bin ehrlich erstaunt, dass das nicht der Automat ist, vor dem ich (gefühlt) seit Stunden anstehe. Ich warte sekündlich darauf, dass auch hier „Out of service“ aufblinkt. Aber es passiert nichts. Ich muss mir das merken für die nächste Situation, in der ich mir einrede, dass alles Dinge des Universums sich gegen mich verschworen haben, nur um mich zu ärgern.

Ich hatte mich bei Michael angemeldet für halb vier. Um 17.20 Uhr bin ich da. Hinter mir liegt der erfolglose Versuch, ein Taxi zu finden. Das Taxi, das schließlich anhielt, konnte mit Michaels Wegbeschreibung nichts anfangen. Ich stelle mal wieder fest: Taxis und ich – das ist einfach eine Mischung, die nicht stimmt. Hinter mir liegt auch eine Fahrt in der Motor-Rikscha, damit ich den Weg von der U-Bahn-Station bis zu Bus Nummer 55/Haltestelle Konfuzius-Tempel auch wirklich finde, den Michael in seiner Wegbeschreibung empfohlen hat. Der Rikschafahrer sieht aus wie blind, kneift seine Augen zusammen zu einem Schlitz, nicht breiter als eine 1-Yuan-Münze, aber er lädt mich am rechten Ort aus. Ich bekomme sogar einen Sitzplatz und muss auf der einstündigen Überfahrt frieren, weil ich direkt unter der Klimaanlage sitze. Beim Ausstieg treffe ich schließlich zwei Damen mit einer Blume, die mich erinnert an die fleischfressende Riesenpflanze aus „Das magische Auge“. Ich frage forsch, ob sie zufällig auch unterwegs seien zu Michaels Party. Eine von beiden versteht mich sogar. Dann gehen wir einmal orientierungslos um den Block mit der Wohnung und schließlich finde ich den richtigen Eingang.
Bei Michael gibt es jede Menge leckeren Kuchen (er verdient ja mit Bäckereien und Leckereien seinen Lebensunterhalt). Die neu bezogene Wohnung ist voll mit Fotos der Hochzeit, die vor ein paar Wochen stattfand und kleinen Gemälden von Michaels neuer Gemahlin, einer Künstlerin, die übrigens fast dreißig Jahre jünger ist als ihr frisch Angetrauter. Michael reicht mir sein Fotoalbum. Seine siebzigjährige Lebensgeschichte versucht Michael gerade in selbst verfassten Memoiren aufzuarbeiten: geboren eine Woche vor Ausbruch des 2. Weltkriegs in Sheffield; von den Leuten auf den meisten Bildern nur noch er am Leben; seine erste Frau Jennifer, die 2003 nicht dazu zu bewegen war, ihrem Mann nach China zu folgen. Ein Seitensprung in ihrer Abwesenheit. Die Scheidung. Michael überließ Jennifer fast seine gesamte Habe. Er schreibt ihr noch heute, bekommt aber nie eine Antwort. Dann die Hochzeit mit der Chinesin Lin oder Ling, die im März dieses Jahres geschieden wurde. Er konnte kein Chinesisch, sie kein Englisch. Ich kann Michael trotzdem ein bisschen verstehen: Dass sein Leben drüben auf der britischen Insel so bunt und abwechslungsreich wäre wie hier, wird wohl niemand ernsthaft behaupten wollen. Vielleicht wäre er auch schon aus Langeweile gestorben. Auf dem kalorienreichen Fest treffe ich u.a. auch Peter, meinen Tennis-Partner, der kürzlich wegen eines Lochs in der Straße verunglückt ist, und Sophia, eine 77-Jährige mit sehr gutem Englisch, die die zehn Kilometer bis zum Zielort auf dem Fahrrad zurückgelegt hat und auch sonst gut beisammen ist. Ansonsten nervt die ältere der beiden Damen aus Bus Nr. 55, die ständig mit doppelter Lautstärke spricht und ständig andere Leute unterbricht. Trotzdem ist sie es, die mich, zusammen mit ihrer Begleiterin, auf dem Rückweg unterhält und auch dafür sorgt, dass ich am Konfuzius-Tempel in den richtigen Bus (Nr. 95) steige. Nora Bossang hat eine SMS geschickt (ich habe seit ein paar Tagen eine chinesische SIM-Karte) und entschuldigt sich mit einem falsch gestellten Wecker.
Bleibt alles anders
Frau Kong, die Vize-Dekanin des Fachbereichs Fremdsprachen, hat mich und meinen Ur-Vorgänger, den pensionierten Hamburger Gymnasialdirektor Weismann, zu einem Diner geladen. Zunächst sind wir bei Familie Kong zu Hause. Auch ihr Mann spricht Deutsch. Er studierte an der FU Berlin. Allerdings ist er einer von denen, die besser verstehen als sprechen können. Nicht nur, dass wir eingeladen sind, es gibt auch noch Geschenke in bunten Tüten. Das ist ja fast so schön wie die Kindergeburtstage früher! Während dort die Geschenke jedoch zumeist kaschierte Rausschmeißer waren, ist das für uns nur das Startsignal zum Aufbruch in das Restaurant drüben um die Ecke.
Danach trennen sich unsere Wege: Ich bin für Herrn Weismann Reiseführer beim Flanieren durch die hochmoderne und bunt schillernde Einkaufsmeile Hunan Lu, das Ehepaar Kong muss die Tochter vom Privat-Unterricht abholen. Der China-Rückkehrer mit dem weisen Namen, der vier Wochen lang den Lehrerkader verstärkt, war vor knapp dreißig Jahren in meiner heutigen Funktion nach Nanjing abgeordnet. Er erkennt nichts mehr wieder. Damals war der einzige Wolkenkratzer das Jingling-Hotel, das heute wirkt wie ein Farn im Fichtenwald. Nur in meiner Bibliothek, in die wir zum Schluss noch einen Blick werfen, regt sich noch der diskrete Muff der Achtziger.
Autoren unter sich
Ich laufe jetzt immer am Mittwoch (mein neuer freier Tag) um die Tennisanlage hinter der Shanghai Lu und meine Patellasehne findet das gut! Ich entlasse mich also mal als (fast) geheilt aus der Lauf-Zwangspause.
Danyu, die mir als dem Beichtvater der Nation inzwischen regelmäßig die lyrischen Botschaften ihrer englischen E-Mail-Liebe als Kopie zuleitet, steht mal wieder vor der Tür und beordert mich in das Café Banpocun in der Qingdao Lu, weil ich unbedingt ihren guten Freund, den Autor Huang Fan kennen lernen soll. Sie selbst ist zu spät und ich unterhalte mich bei Eis und einer Früchteplatte erst mal mit dem drahtigen Dichter mit der Mütze und seinem Kumpel. Beide unterrichten auch Literatur oder Literaturwissenschaft an der Uni. Ich erfahre noch einmal, wie groß die Kluft ist zwischen den handverlesenen offiziellen Autoren, die von der KP protegiert werden und auch dieses Jahr auf der Buchmesse erscheinen dürfen, und Einzelkämpfern wie Huang Fan und Danyu. Huang Fan signiert mir ein Buch, das ich nicht lesen und dessen Titel ich mir nicht merken kann. Positiv ist zu vermerken, dass er, immerhin ein Künstler, nicht raucht und ebenso wie ich kein Freund von VIP-Verkleidungen ist, sondern lieber so rumläuft, wie es ihm gefällt.
Durch den Wind
Danyu ist völlig durch den Wind. Das liegt natürlich an ihrer englischen Internet-Liebe und der Tatsache, dass sie eine Aufnahmeprüfung an der Uni Nanjing machen will, aber eigentlich mit ihren Gedanken immer in Europa ist. Heute Abend überfällt sie mich mit dem Vorschlag eine christliche Gesprächsgruppe zu gründen, aber ich bin skeptisch, weil ich Zweifel habe, ob die Teilnehmer die Bibel zur Grundlage machen wollen. Allgemeines Gelaber über Gott bringt in meinen Augen nichts. Sie redet sich fest und dann stellt sie fest, dass ihre Tasche mit dem Schlüssel für zu Hause in der Bibliothek eingeschlossen wurde, weil es schon so spät ist.
An diesem Abend wird sie noch dreimal bei mir klingeln, zuletzt gegen Mitternacht, weil sie so ratlos ist, denn zu Hause könne sie niemand reinlassen. Ihre Mutter öffne nachts nicht und müsse ja davon ausgehen, dass ihre Tochter es nicht sein kann, die so spät um Einlass bittet. Schließlich habe sie ja einen Schlüssel. Danyu rennt zwischen Bibliothek, mir und ihrem Freund von der Uni hin und her wie ein kopfloses Huhn. Am Ende bittet sie mich, ihr Asyl für eine Nacht zu gewähren. Ein Stuhl sei genug. Das passt mir aber überhaupt nicht. Ich will ihr hundert Yuan für Taxi und Hotel leihen, ihr Geld ist ja auch eingeschlossen. Will sie nicht. Da habe sie Angst, sagt sie. Da kenne sie ja keiner. Das sei so anonym. Du meine Güte, denke ich, die macht mich wahnsinnig! Mit übermenschlicher Geduld palavere ich so lange mit ihr im Treppenhaus, bis ihre Mutter endlich auf dem Mobiltelefon zurückruft und sie nach Hause fahren kann. Ich denke: „Mensch, Mensch, Mensch!“ und denke das auch noch, als am nächsten Tag per E-Mail ihre wortreichen Erklärungsversuche und Entschuldigungen für die Panikattacke einlaufen.
Skandal im Sitzbezirk
Heute schleppt mich Danyu, die Autorin, die alle sin-o-meter-Leser schon kennen, in eine Sondervorstellung mit drei Ausschnitten aus zwei Werken der legendären Kun-Oper (Kunqu). Die Kun-Oper ist noch älter als die Peking-Oper, sonst ist vieles gleich. Man hört also auch dieses scheppernde Klong-Klong und diese quietschenden Streichinstrumente. Die englischen Untertitel links und rechts gab es aber früher vermutlich noch nicht im Theater. Sie fallen hier und heute auch nach dem ersten Akt aus. Den Rest sieht man unten im Bild. Oder man liest mal nach durch einen Mausklick hier oder aufs Bild.

Apropos Klick: Wir müssen uns umsetzen, weil Danyu ihre Sitznachbarin so mit ihrer vielen Fotografiererei nervt, dass die sich beschwert. Und zwar bei mir! Ehe das in Zickenterror ausartet, suche ich fieberhaft nach einem Kompromiss. Und prompt sitzen wir nicht mehr bei ARD und ZDF, sondern in Reihe vier dieses kleinen Saals des kleinen Nanjinger Museums. Die Tante in Reihe zwo ist beruhigt und genervt durch das Geräusch des Auslösers bin jetzt nur noch ich.
Danach stehen wir im Regen. Kein Taxi will uns mitnehmen. Also lasse ich mich ins nächste Teehaus schleppen (wo's auch Eis gibt) und erfahre - ich bin ja inzwischen schon so was wie der Beichtvater der exzentrischen und nach eigenen Angaben auch bereits latent selbstmordgefährdeten Schriftstellerin -, dass ihre englisch-französische Internetliebe die Reißleine gezogen hat, um Reißaus zu nehmen. (Kann ich irgendwo verstehen.) Ihr Herz ist gebrochen. Oder gestohlen. Oder beides. Tja. Was soll nun jemand mit meiner unendlichen, überwiegend aus amerikanischen TV-Serien gespeisten Lebensweisheit dazu sagen? Ich sage bzw. schreibe (später): "Feelings are traitors. They come and go as they like and don't respect the person who has them; nor do they care about his or her fate. So, it is no sin to behave strangely, but it may feed your demons. And [...] the demons keep you away from the Lord. "
Wow! So weise wie ich möchte ich auch mal sein!
Das Shampoo-Wunder
Das wäre ein Fall für "Die drei ???": Ich habe also dieses sündhaft teure Shampoo der Marke "Kopf und Schultern" erworben, weil man ja bei der Körperpflege nicht sparen soll. Aber vor meinem Urlaub war der Inhalt blau und roch gut und jetzt ist der Inhalt weiß und riecht fast gar nicht. Außerdem werden oben am Deckel Gebrauchsspuren (blaues, geronnenes Shampoo) erkennbar. Nachts bekomme ich von dem Zeug Kopfhautjucken, als hätte ich mich mit Juckpulver statt mit Shampoo übergossen. Da muss eine total überraschende chemische Reaktion stattgefunden habe, vielleicht wegen der großen Hitze? Oder eine neue Spielart des Wunders der Verwandlung von Wasser in Wein? Statt Jesus wäre dann aber ein echter Pfuscher am Werk gewesen! Oder sollten die Maler meine Shampoo-Flasche für einen Farbabgleich missbraucht haben? Das Shampoo ist ja so weiß wie meine neu gestrichenen Wände. Oder haben die Reinmachfrauen das Chaos genutzt, um mir da was reinzumachen, also billiges gegen teures Shampoo auszutauschen? ... Ich stelle mir vor, wie ich unten an die Rezeption gehe und versuche das mit meinem Chinesisch zu erklären. Nee, lasse ich lieber, sonst gibt es wieder so'n Louis-de-Funès-Auftritt.
Überhaupt ist Duschen kein Vergnügen, seit der Vorhang weg ist. Ich muss immer gucken, dass keiner guckt. Also, das geht so nicht! So kann man nicht befreit duschen. Da muss ich nun doch nach unten an die Rezeption und mich beklagen. "Wenn ich dusche, können alle es sehen", erkläre ich, weil mir das chinesische Wort für Vorhang entfallen ist und "curtain" die Dame an der Rezeption nicht versteht. Kurze Rücksprache mit dem völlig verblüfften Fräulein, das ich hier noch nie gesehen habe. Die dachte wohl, ich komme später. Man vertröstet mich auf morgen. Dann klopft aber plötzlich doch das Fräulein an und hängt mir am Fenster einen zweiten Duschvorhang auf. Glänzt ihr Haar nicht irgendwie nach teurem Shampoo???
Überhaupt dieses Chaos: Nichts ist mehr da, wo es vorher war. Ich suche ein Heft, Latschen, ein Duftkissen, einen Holz-Anhänger... Meine Stühle stehen anders. Die Klingel ist kaputt. Auf dem Balkon ist eine junge Eidechse ertrunken und verwest. Wurde wohl vom Gewitterregen überrascht.
Naja, sehen wir das Positive: Die vorher mit Kleberesten verunstalteten Wände erstrahlen nun in Perlweiß-Weiß und ich kann endlich meine Kinoplakate anhängen, die seit einem Jahr auf neue Wände warten. Und den zertrümmerten Stuhl aus der letzten Saison hat auch keiner in Rechnung gestellt. Apropos Stühlezertrümmern: Was macht Bayern? Verliert 2:1 in Mainz. Habe ich aber nicht mit ansehen müssen; gezeigt wurde VfB gegen Dortmund. Die stehen ja in der Tabelle auch höher.
Evas Koffer
Als ich mit meinem Kollegen Wang den Airbus verlasse und mich Richtung Ausgang des Nanjinger Flughafens begebe, sehe ich, dass Eva alias Chen Dong doch an Bord war. Sie steht gerade bei der Schweinegrippe-Inspektion, wo ich mich länger aufhalte, weil ich meine Nanjinger Telefonnummer eintragen soll, die ich natürlich nicht im Kopf und auch sonst nirgendwo habe. Wang, Chen und ich sitzen dann auch alle im selben Bus. Eva erzählt begeistert von ihrem Sommerkurs in Heidelberg und zeigt mir ein Arbeitsheft, auf dessen Rückseite sich die internationalen Teilnehmer mit ein paar Worten verewigt haben. Beim Umsteigen auf die U-Bahn versuche ich mich als starker großer Bruder und schwenke ihren tonnenschweren Koffer ("Bücher und Schokolade", sagt sie), als wären Federn drin. In Wahrheit fühlt sich mein Arm an, als ob ein Schaufelradbagger dranhängen würde. Ich lotse Eva, da ich Zhonghuamen besser kenne als sie, zu der Busstation, die uns Wang empfohlen hat. An der U-Bahn-Station fragt sie einen Taxifahrer, der nach Gästen für den Flughafen Ausschau hält, und will entmutigt schon auf die U-Bahn wechseln. Nix da, sage ich, wenn Wang gesagt hat, hier gibt's einen Bus für Sie, dann gibt es den auch! Vergeblich versucht Eva die ganze Zeit mir den Koffer wieder abzunehmen. Vor allem rät sie, dass ich das Ding ziehen soll, da gebe es doch so eine Roll-Vorrichtung. Ich halte das für eine Warmduscher-Einrichtung und mache demonstrativ noch etwas Muskeltraining mit dem Koffer. "Der Griff wird das nicht aushalten", warnt Eva. "Ach was", sage ich. Zack, löst sich auch schon der Griff vom Rahmen des Koffers. Schief baumelt der Rest an meiner Hand. Eva, auf deren Oberlippe sich kleine Schweißperlen gebildet haben - ich hoffe, wegen der Hitze und nicht vor Zorn - würde jetzt vermutlich gern sagen: "Siehste, hättste mal auf mich gehört!" Aber solche Sätze verbietet natürlich die sprichwörtliche chinesische Höflichkeit. Immerhin muss ich nun nicht mehr Tarzan spielen. Ratlos händige ich ihr den Koffer aus. Dann überqueren wir, indem Eva vorführt, wie man einen Koffer auf Rollen zieht, die autobahnähnliche Straße und ich bin immerhin noch gut genug, auf ihre Koffer und Taschen aufzupassen, während sie sich nach einer Fahrkarte erkundigt. Die gibt es tatsächlich und ich kann mich befreit von Evas Koffern trennen. "Jetzt bin ich beruhigt", sage ich.
Als ich aus der U-Bahn komme, schüttet es wie aus Kübeln. Ich nehme die Plastiktüte als Regenschirm und komme durchnässt an. Meine Wohnung ist komplett neu gestrichen und es gibt neue Moskitonetze an den Fenstern. Deswegen ist alles umgeräumt worden und nichts mehr an seinem Platz. Kissen liegen im Bücherschrank, Ordner im Kleiderschrank. Beim Auspacken stelle ich fest, dass mein Brustbeutel (der, den ich gestern schon einmal vergessen hatte) weg ist und mit ihm geschätzte 45 Euro in neuen Scheinen sowie - welche Ironie - ein Gerät, das übersetzt ins Deutsche "Gedächtnisstift" heißt.
Wie Didus es schaffte zweimal nicht ins Kino zu gehen und danach fast von der Polizei abgeführt wurde
Dieser Tag verdient eine so lange Überschrift! Dabei war der Beginn wolkenlos: Der rüstige Fahrrad-Rentner ist bereits vor mir aufgestanden; beim Frühstück sehen wir uns wieder. Dort nebeln mich dann jedoch Hispano-Nikotinsklaven mit blauem Dunst ein - wir sitzen wegen des heißen Wetters beim Frühstück im Freien - und Wespen lassen sich nur weglocken, wenn man seine Marmelade auf dem Nachbarplatz postiert. Trotzdem esse ich für den ganzen Tag. Was ich dabei noch nicht weiß: Ich werde meine Kräfte brauchen. Denn der Rest des Tages ist eine einzige Didus-Show.
Ich habe mir vorgenommen am Nachmittag die heute anlaufenden "Inglourious Basterds" anzuschauen und vorher meine Steuererklärung bei der Post aufzugeben. Aber da ist eine Riesenschlange vor mir. Ich trage am Tisch noch ein paar Daten nach. Dann dauert mir das aber doch zu lange und ich verlasse unverrichteter Dinge die Post. Leicht verspätet erscheine ich im Kino. Der Film hat zum Glück noch nicht angefangen. Aber: Ich habe meinen Brustbeutel mit dem Geld in der Herberge gelassen. Mit drei Euro ist nichts zu wollen. Ich kehre missmutig in die Herberge zurück. Inzwischen habe ich mir für 15 Uhr "Maria, ihm schmeckt's nicht" im CINEMA herausgesucht. Noch eine Stunde Zeit. Ich klebe also endlich meine Umschläge ans Finanzamt zu und frankiere fantasievoll mit den Marken, die ich am Automaten für mein Kleingeld kriege, weil man ja nirgends mehr ein Postamt findet. Und ab die Post! Passt scho', würde mein Zimmergenosse, der Franke, sagen, den ich noch einmal an der Rezeption sehe.
Der Film fängt angeblich ohne Werbung an und ich komme ca. 100 Minuten vor Abflug aus dem Kino, versichert mir der Student, der hinterm Tresen aushilft. Ich verschwinde im Kino. Mein ganzes Gepäck, ein Rucksack, zwei Plastiktüten, neben mir. Fünfzehn Minuten 50-er-Jahre-US-Schlager, dann kurz Werbung. Ich blicke nur noch zur Uhr. Dann: der Vorspann zu "Coco Chanel". Ich raus. "Ja, ich hab' nicht gesehn, dass Sie da reingegangen sind." Der Film "Maria, ihm schmeckt's nicht" laufe unten im Keller. Das schmeckt mir gar nicht: Wenn einem so was nicht mitgeteilt wird und es auch keine Karten gibt, wo das draufsteht, wie soll ich so was denn wissen? Ich bekomme meine umgerechnet zwölf Mark zurück und lege mich mit "Kim Novak badete nie im See von Genezareth" auf eine Mainwiese.
Was, liebe sin-o-meter-Leser, will uns nun dieses Geschichte sagen? Natürlich dass das Leben genau deswegen so spannungs- und abwechslungsreich ist, weil so oft nicht das Wahrscheinliche eintrifft, sondern das Unwahrscheinliche. Ich saß in meinem Leben bereits mehr als 1000 Mal in einem Filmtheater. Aber im falschen Film war ich, glaube ich, noch nie. Und wann passiert so was? Genau dann, wenn es am besten zu einer Geschichte passt, die gerade geschrieben wird und in der man selbst die Hauptfigur ist. Irgendwo zwischen Balduin, dem Ferienschreck, und Kevin allein in New York.
Dass ich wenig später in Gefahr geriet von der Polizei abgeführt zu werden kam so: Viertel nach fünf kommt die S-Bahn am Flughafen an. Der Flug geht um halb sieben. Und nun geht es Schlag auf Schlag: Die Tante am Schalter verweist mich auf das automatische Einbuchungssystem am Automaten. Da stehe einer, der mir helfe, wenn es Schwierigkeiten gebe. Der haut aber genau dann ab, als ich feststelle, dass mir der Automat nicht hilft, wenn ich neben der Studentin mit dem Künstlernamen Eva sitzen will, die meines Wissens ebenfalls mit LH 780 vom Sprachkurs in Heidelberg zurückfliegt. Also ich zurück zur Theke mit der Tante. Die wirbelt wahllos mit der Hand in der Luft herum. Da irgendwo sei schon einer. Ich renne in der Gegend rum wie ein herrenloser Hund. Und genau so behandelt mich dann auch der Lufthansa-Angestellte, der schließlich in Automatennähe auftaucht. Der Mann erweist sich als total lustloser und wenig hilfsbereiter Schnösel. Daten von anderen Fahrgästen seien geheim, teilt er mir kurz angebunden mit. Bei mir brennt die Zündschnur. War ja bisher ohnehin schon nicht mein Tag. Ich also zurück zum Schalter, wo sich unterdessen eine Schlange gebildet hat. Ich bitte ein holländisches Paar mich vorzulassen, da ich ja schon vor ihnen da gewesen sei und demnach in der Schlange vor ihnen stehen würde, wenn man mich nicht zum Automaten geschickt hätte. Da kommt der Lufthansa-Schnösel an und sagt den fliegenden Holländern, sie müssten mich nicht vorlassen, der Automat sei völlig in Ordnung und ich ein Idiot (nicht wörtlich, sinngemäß). Daraufhin raste ich total aus und verlange den Namen des Vorgesetzten des Schnösels um mich zu beschweren. Den will er auch gleich selbst anrufen. Zugegeben, meine Empfehlung, er hätte angesichts solcher Umgangsformen lieber Taxifahrer werden sollen (nicht sinngemäß, wörtlich), trägt nicht gerade zur Entspannung der Lage bei und dass ich den Schnösel danach so laut als "letzten Heuler" brandmarke, dass alle Passagiere es mithören können, lockert die Atmosphäre auch nicht auf. Deshalb ruft der Schnösel nun nicht den Chef, sondern die Polizei und teilt ihr telefonisch mit: Da sei ein Kunde, der sei frech und werde laut. Ich bestätige das, indem ich auch was in den Hörer reinrufe: Frech sei er do...! Gespräch zu Ende. Die Szene wird langsam tumultartig und ich wirke vermutlich wie Louis de Funès, wenn er 'n Rappel kriegt und überall Bretter sieht. In dieser Rolle voll aufgehend gieße ich noch Öl ins Feuer, indem ich frage, wer bei Lufthansa eigentlich König sei, der Kunde sei es ja offensichtlich nicht. Ich bekomme darauf keine Antwort. War ja auch mehr 'ne rhetorische Frage. Dann wandere ich zurück zur Schlange und treffe unterwegs auf die Polizei, die ich begrüße mit den Worten: "Ich bin der, wegen dem Sie hier sind!" Die Ordnungshüter gehen aber erst mal zu dem Schnösel. Ich weise den Weg: "Gehen Sie da man hin. Ich habe Sie ja auch nicht gerufen!" Ich warte noch mal gefühlte zehn Minuten am Lufthansa-Tresen, bis ich an der Reihe bin. Vergeblich versucht die Tante mich an einen anderen Stand zu vermitteln. Zwischendurch kontrolliert die Polizei, der ich erkläre, der Schnösel sei pampig geworden, meinen Pass. Und ich versichere den Beamten, dass es meiner voller Ernst war, als ich behauptete, dass der Schnösel lieber als Taxifahrer arbeiten sollte - wenn überhaupt. Das war keine Beleidigung. In einem freien Land, da werde man sich ja noch mal aufregen dürfen als Kunde, der "für so eine Fahrkarte 5000 Euro, äh, 500 Euro" bezahle. "Wenn der bei mir arbeiten würde, wäre der morgen entlassen", wettere ich weiter. Frei nach Arne Heller schieße ich schließlich den Vogel ab, indem ich den Beamten zu Protokoll gebe: "Wir leben ja hier in der Deutschen Demokratischen Republik! Da wird man ja noch mal seine Meinung sagen dürfen, wenn man nicht zufrieden ist." Ja, nee, ich hab' den Versprecher dann schon noch bemerkt. Man eröffnet mir, dass der Schnösel darauf verzichtet, Anzeige gegen mich zu erstatten. Ich erwidere sichtlich gerührt: "Der soll mich doch verklagen!" Am Ende erkundigt sich der Beamte, der übrigens verstörenderweise aussieht wie Christoph Waltz in "Inglorious Basterds", noch nach meinem Wohlbefinden und meinem Wohnsitz und will wissen, ob mir noch zu helfen sei, also, ob mir sonst noch irgendwomit geholfen werden könne. Ich antworte, dass das so schon in Ordnung sei. Die Tante am Tresen, die mich mal gleich hätte bedienen sollen, dann wäre der Stress mit ihrem wenig hilfreichen Kollegen nicht passiert (das sage ich ihr auch), versucht dann noch erfolglos "Evas" Sitzplatz für mich herauszufinden, jedoch ohne Erfolg.
Der Flugsteig ist wie leer gefegt, als ich eine knappe halbe Stunde vor Abflug eintreffe. Bei der Sicherheitsprüfung musste mein Panasonic-Telefon in einem Extra-Raum auf Sprengstoffspuren untersucht werden. Mein Kommentar: "Gibt es dafür keinen Hund?" Und: "Wie würden Sie reagieren, wenn ich jetzt ganz schnell weglaufen würde?"
An Bord der Maschine treffe ich zwar keine Eva, dafür aber meinen Kollegen Herrn Wang, der mit seiner Frau ihren Sohn in Frankfurt besucht hat. Eine Eva bekomme ich dann auch noch zu sehen, denn während des Fluges schaue ich meine bisher einzige Folge von "Desperate Housewives" (man muss ja mitreden können) sowie "17 Again", "Monsters vs. Aliens" und "Despereaux, den kleinen Mäusehelden". Ein kleiner Mäuserich kämpft darin furchtlos gegen eine Übermacht von Ratten, die alle keinen Durchblick haben.
Bahnfahrt via Bonn
Der erste Teil meiner Rückreise funktioniert reibungslos: Bahnfahrt via Bonn nach Frankfurt am Main. Unterwegs fülle ich meine Einkommenssteuererklärung aus und ersticke fast in den Belegen, die ich in einer Plastiktüte bei mir habe. Zwischenstopp und kurze Wanderung mit vollem Gepäck zu meinem Brotgeber, dem Akademischen Austauschdienst, zwecks Lagebericht; bin sogar fast verabredungsgemäß vor Ort in Bonn und kann auch noch ein paar Fragen zur Einkommensdingsda klären und die fehlenden Daten eintragen, als ich um 18 Uhr auf der wunderschönen Bahnstrecke entlang des Rheins via Koblenz (und Andernach) weiterfahre. Mein Zimmergenosse in Frankfurt ist ein rüstiger Franke auf Fahrradtour, der nach seiner Fahrt den Rhein entlang wegen der großen Hitze eine Verschnaufpause in Frankfurt einlegt. Wir reden über den SPIEGEL-Artikel über die chinesische Restaurant-Mafia in Deutschland, den ich noch nicht gelesen habe.
Ferien auf dem Bauernhof - die Kurzversion
Nach dem Gottesdienst reicht es noch für einen Fototermin mit Pastor Dr. Dau-Schmidt vor der Katharinenkirche. Vorher verschwindet Xiaochen mit Magen-Darm-Problemen spurlos im Gemeindehaus, das zwischenzeitlich schon abgeschlossen wurde. Xiaochen hat davon nichts bemerkt und lässt sich auch sonst nichts anmerken. Feiqian fotografiert auf dem Rückweg Looses Haus, weil es Häuser in der Farbe nicht gebe in China. Kurz sind wir auch noch bei Tante Lore vor dem Haus, die ich schnell korrigieren muss, als sie Japan mit China verwechselt. Aber älteren Damen sieht man ja alles nach. Am frühen Nachmittag nach der Kurzversion von Ferien auf dem Bauernhof dann aber bereits Abreise in Richtung Hamburg. Sie werden erst nach mir wieder chinesischen Boden betreten...
Ich betrete dafür, vom Bahnhof kommend, noch einmal den Boden von Andis vornehmem Grundstück und spontan vereinbaren wir für den Abend eine letztes Sommergrillen. Es wird ein Grill-Duett, denn vergeblich versuchen wir Thotti und Tim noch zum Kommen zu bewegen. Naja, so bleibt mehr Wurst für uns...
Feiqian und Xiaochen zu Gast in Großenaspe
Wegen einer aißergewöhnlichen Verspätung der AKN von zwanzig Minuten komme ich halb zehn vom Hof und sehe die beiden jungen Damen, den Höpenredder hinabschreitend, nach eingebrochener Dunkelheit ratlos auf der Kreuzung am Bahnhof stehen. „Nicht weglaufen!“, rufe ich ihnen von oben zu. In Inas Auto geht es zum Schmiedekamp. Mit Feiqian schau' ich noch kurz Sportstudio (Bayern gegen Bremen, 1:1).
Hessen-Hauskreis in Großenaspe
Wer hätte das gedacht! Stefan Keller hat sich mit seiner Vision von der Grillparty auf meiner kleinen Ecke Land (Klein-Sibirien) doch noch durchgesetzt. Am Abend tauchen zunächst Andrea und Ralf auf. Der meint, wir könnten doch auch im Schmiedekamp grillen. Aber das wäre ja witzlos. Also werden die nacheinander eintrudelnden Kfz beladen mit Stühlen, Tisch, Grillkost und Getränken. Das Wetter ist makellos. Allerdings wird es kühl, als die Sonne verschwindet. Und die beiden Höft-Kinder sollen ins Bett. Gegen elf Uhr ist Schluss. Die Höfts bleiben über Nacht bei uns. Die Kellers nächtigen in der „Mühle“ und das junge Ehepaar Strauß enteilt in der neu zugelegten Familienkutsche zurück nach Hamburg. Die wenigen Aufräumarbeiten in Klein-Sibirien erledige ich am nächsten Morgen noch vor dem Gemeindekick gemeinsam mit Olaf.
Yixuan, Yang Liu und Hao Hui in Großenaspe
Ankunft der drei Studentinnen am gestrigen Abend. Hao Hui hat als Geschenk eine chinesische Schriftrolle mitgebracht. Ganz groß! Gottesdienst mit Pastor Krämer, der sich auch noch ausgedehnt mit ihnen unterhält.
Am Nachmittag der große Höhepunkt: Ferien auf dem Bauernhof! Wegen des warmen Wetters geht es in die Reithalle. Yixuan versteht sich blendend mit Chico und will gar nicht wieder runter. Yang Liu dagegen ist vor allem von Sandy, dem Hausschaf, angetan. Kein Wunder, heißt doch Schaf auf chinesisch "yang"! Kaffee und Kuchen und Federball mit Silas auf dem Hof. Hao Hui will dann noch einmal ganz Großenaspe sehen, also fahren wir zum Aussichtsturm auf dem Ketelvierth. Auf dem Fahrrad macht Hao Hui die beste Figur. Die anderen beiden Mädchen sehen etwas wackelig aus. Auf dem Ketelvierth sind wir nicht allein, denn dort bereitet die Gemeindejugend einen Grillabend vor. Die Studentinnen bekommen gleich den richtigen Eindruck von Großenaspe: Die meisten Jugendlichen haben sie auch schon morgens im Gottesdienst gesehen. So gehört sich das!
Am Abend ist Hao Hui, die Frühaufsteherin, völlig erledigt. Obwohl sie sich noch per Internet (Blog oder Facebook oder so) in der Heimat melden, ist an den nächsten beiden Tagen Aufruhr an der Nanjinger Uni, weil Yixuans Mutter keine Nachrichten von ihrer Tochter hat. Sie ruft also fast alle Lehrer und einige Studenten an, was zur Folge hat, dass ich in zwei Tagen vier E-Mails zum gleichen Thema im Briefkasten haben werde.
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