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Didi Ocean
Wenn ein Student in meiner Bibliothek ein Buch ausleihen will, muss er eine Kaution von 100 Yuan hinterlegen, die er beim Abschluss des Studiums, vorausgesetzt, alle Bücher sind heil und gesund wieder in die Regale zurückgekehrt, zurückfordern kann. Meist wird das aber vergessen. So hat sich im Laufe der Jahre auf dem dazugehörigen Konto eine stattliche Summe angesammelt und ich habe mich schon manches Mal gefragte, in was man denn diese Stange Geld investieren könnte. Neue Bücher? Kommen aus Deutschland. Neue Lampen? Kommen von der Uni. Nun, man kann wohl sagen: Nachdem ich von der hiesigen Polizeibehörde in einem so genannten Vermittlungsgespräch dazu verdonnert wurde, 9000 Yuan an eine durchgedrehte Verkehrssünderin zu entrichten, der ich mal anständig den Marsch geblasen habe, ist das Problem, wie dieses Geld möglichst schnell verplempert werden kann, aus der Welt. Diese rein chinesische Angelegenheit, die auf dem chinesischen Weg gelöst wurde, wird selbstverständlich auch mit rein chinesischem Geld geregelt. Und weder ich noch meine Krankenkasse müssen einen Pfennig zubezahlen. In die Buchführung kommt der Vermerk: Sonderausgabe. Die Sache ist nur: Ich hatte irgendwann 2009 mal die glorreiche Idee, die Geheimzahl der Bankkarte, die zu besagtem Kautionskonto gehört, der von meiner privaten Bankkarte anzugleichen. Diese Änderung habe ich leider bei der nächsten Abhebung nicht mehr im Kopf gehabt und stur dreimal, mit leichter Variation, die alte eingegeben, woraufhin die Karte selbstverständlich gesperrt war. Ich gehe also zum Bankschalter und erkläre, dass es ein Problem mit der Geheimzahl gebe. Die Bankangestellte schaut mich irritiert an und ich komme mir vor wie Danny Ocean bei einem seiner hochstaplerischen Coups oder wie Peter Voss, der Millionendieb. Oder vielleicht auch einfach nur wie Michel aus Lönneberga?
Das Konto wurde 2002 von einer chinesischen Kollegin eröffnet, der ich offensichtlich überhaupt nicht ähnlich sehe. Das sei so eine Art Firmenkonto, erläutere ich. Die neue Geheimzahl geht schon mal nicht, dann gebe ich also die alte ein. Ich tippe anscheinend aber immer zu langsam. Jedesmal wird der Code abgelehnt. Inzwischen ist eine Kollegin aufgetaucht. Auch ein freundlicher Herr versucht mir beim Eintippen behilflich zu sein. Da die Geheimzahlen nun sowieso nicht mehr geheim sind, schreibe ich der Schalterdame schließlich die beiden PI-Nummern auf, damit sie mir auch glaubt, dass ich die Geheimzahl wirklich kenne, und am Ende klappt es dann doch: Bargeld lacht! Mit diesem deutschen und von mir leitmotivisch verwendeten Originalzitat überreiche ich dann bei der Polizei die zweite Rate über 6000 Yuan. Wieder strahlt die Taxi-Tussi mit der Rübe auf der Oberlippe über beide Backen. Am Ausgang sage ich zu Li und Chang: "Noch so'ne Aktion wie heute und ich sitz' im nächsten Flieger nach Deutschland!" Da verschlägt's ihnen glatt die Sprache.
[sin-o-meter-Leser aufgepasst: neuer Eintrag auch am 13. März!]
Ich wollte doch einfach nur über die Straße
Es fängt genauso an und wird doch ganz anders als vor zwei Wochen. Wieder begleiten mich Li und Chang zur Polizeistation. Diesmal mit dabei ist auch ein Herr vom Sicherheitsdienst der Universität. Dass dessen Jungs tatenlos zusahen und nicht auf die Taxi-Tussi los sind, um mich von ihr zu befreien, nachdem sie mir schon auf Uni-Gelände gefolgt war, lässt nicht gerade auf den nötigen Beistand hoffen. Das stählerne Rollltor geht für uns auf. Wir betreten den Innenhof des weißen, zweistöckigen Gebäudes. Am Eingang steht die Taxi-Tante, die ich erst auf den zweiten Blick erkenne. Sie trägt ein schwarzes Kostüm, die gräulichen Haare mit Rot-Einschlag sind hochtoupiert und sie hat auch gleich die ganze Familie mitgebracht. Wir drängeln uns in das geräumige Büro im Erdgeschoss. Der freundliche Herr Joni ist nicht zu sehen, der junge Nachwuchsbeamte Wang hat übernommen.
Es beginnt damit, dass der schlanke, ältere Herr, der sich als Vater der Taxi-Tussi erweist, mir einen Nackenschlag verpasst, nachdem er erfahren hat, dass ich der ausländische Teufel bin. Der (also der Schlag) ist allerdings harmlos und wohl nur als Provokation gedacht. Wir setzen uns. Ich nehme Platz auf einem Stuhl zwischen zwei Schreibtischen mit Computern, vor mir, vornehm gekleidet übrigens wie ein Anwalt, Kollege Chang. Und nun beginnt das unwürdigste Prozedere, das ich je miterlebt habe: Ungefähr eine halbe Stunde lang geht eine wüste Schimpfkanonade auf mich nieder. Jeder ist mal dran: Papa, Ehemann, ein Bruder ist, glaube ich, auch dabei, der schießt auch für alle Fälle mal ein Foto fürs Internet von mir. Chang sitzt vor mir und übersetzt kein Wort. Ich verstehe nur "keine Moral". Chang erläutert einsilbig, das gehöre zum Standardrepertoire, die seien noch "ziemlich aufgeregt" und müssten sich erst mal austoben. Seitens der Polizei sind in der Tat auch keine Bemühungen zu erkennen, das große Schlammschmeißen einzudämmen. Die Beamten tun so, als wären sie gar nicht da. Meine Bitte, noch mal die Videoaufzeichnung anzuschauen: verhallt im Nichts. Ich sitze schweigend im Hintergrund und habe mir den SPIEGEL rausgeholt. Gab es da nicht gerade irgendwo einen Artikel über Polizeiaktionen gegen Demonstranten in Peking? Ich lese dann doch lieber was über Japan. Katastrophenstimmung nach dem Fukushima-GAU – das passt.
Um es kurz zu machen: Zwar schimpft sich diese ganze Aktion Vermittlungsgespräch, aber was immer ich an Einlassungen vorzubringen habe und ja auch beim letzten Termin zu Protokoll gegeben habe, also meine Sicht der Dinge spielt hier und heute und auch sonst nirgends eine Rolle: Für Verkehrsdelikte sei man nicht zuständig, hier gehe es nur um meine Gewaltanwendung, im Hinblick auf welche die Polizei zu dem Ergebnis gekommen sei, dass ich allein verantwortlich bin. Die Taxi-Tussi beklagt zwei Tage Arbeitsausfall. Die Taximiete pro Tag betrage 3000 Yuan, die habe sie natürlich auch an besagten zwei Tagen entrichten müssen. Hinzu kommen Krankenhauskosten: 3000 Yuan. Dafür soll ich aufkommen. Ich sage zu Chang: "Über die Krankenhauskosten kann man ja reden, aber dass sie zwei Tage lang kein Auto gefahren ist, war für ihren Fahrstil eine ziemlich angemessene Strafe. Damit habe ich der Stadt doch einen Riesendienst erwiesen. Zwei Tage sicherere Straßen Nanjing. Naja", füge ich hinzu, "musst du jetzt nicht wörtlich übersetzen!" Chang findet wieder diplomatische Worte, erreicht aber nichts: Das Verkehrsdelikt werde hier ja nicht verhandelt. Ja, ja, verstehe ich. Das Fazit lautet: Entweder ich erkläre mich bereit, die Summe von 9000 Yuan plus eventueller Zusatzkosten – schließlich leide die Taxi-Tante immer noch unter Beschwerden... "Beschwerden?", wende ich auf Deutsch ein, "guck sie dir doch an, die Frau ist kerngesund!" – entweder ich erkläre mich also bereit, die Summe zu zahlen, oder ich muss vor Gericht, das Ergebnis wäre gleich, nur ich müsste dann ein paar Tage ins Gefängnis. "Ja, super", sage ich, "gehe ich ins Gefängnis!" Und danach aber die Summe trotzdem zahlen. "Dann natürlich nicht ins Gefängnis!" Und so heißt es also am Ende: Bargeld lacht.
Was heitert sich auf einmal die Gemütslage auf bei der Taxi-Tussi und ihren zeternden Angehörigen, ein entspanntes Lächeln schleicht sich in so manches Gesicht. Und sogar die Warze auf der Oberlippe der Taxi-Tante, will mir scheinen, leuchtet plötzlich in einem viel satteren Braun, als ich die Polizeierklärung zur Entschädigung unterzeichne und mit dem schon bekannten roten Daumenabdruck besiegele. Natürlich muss das Geld auch jetzt direkt fließen. Überweisungen scheiden völlig aus. Bargeld lacht! Durch die so getroffene "gütliche Einigung" bleibe mir die weitere strafrechtliche Verfolgung mit drohendem Gefängnis erspart, werde ich belehrt, und die Polizei, die die erste Rate von 3000 Yuan, nachdem ich und Chang schnell rüber zum Geldautomaten geeilt sind, vor meinen Augen gleich an das vermeintliche Opfer weiterreicht, versichert, dass ich über alle real angefallenen und nunmehr von mir beglichenen Kosten Belege bekommen werde. Auf die bin ich schon gespannt! Angeblich hat sich die Tante ja durch meinen Schlag an den Hals eine Gehirnerschütterung zugezogen. Die einzige Erschütterung, die ich hier weit und breit registriere, ist allerdings die bei mir über das, was hier abgeht!
Am Ausgang habe ich dann sogar noch einen freundlichen Wink übrig für die Tussi und ihre Familie. Entspannung allenthalben. Vor dem eisernen Rolltor verabschiede ich mich auch von meinem dreiköpfigen Begleitpersonal und gehe gleich weiter Richtung Bibelkreis. Unterwegs kann ich mich etwas abreagieren – natürlich ohne irgendwo gegenzutreten. Denn auch wenn für mich längst klar ist, dass ich am Ende keinen roten Mao aus eigener Tasche bezahlen werde, bin ich doch stocksauer über die Art und Weise, wie ich hier vorgeführt worden bin.
Und woher wird nun das Geld kommen? Als CDU-Stammwähler verfüge auch ich natürlich über eine "schwarze Kasse". Mir muss nur die Geheimzahl wieder einfallen.
Sehr lustig!
Cathy fehlt mal wieder völlig der nötige Ernst: Erst verspottet sich mich als Frauenverprügler und dann schickt sie abends eine SMS folgenden Inhalts: "I'm in hospital. Doctor said the injury caused by you [gemeint ist ein Tennisball, der sie nachmittags nach einem Netzangriff von mir auf dem Bauch getroffen hat] needs at least a month to recover..." Das soll natürlich eine Parodie auf die Krankenhaus-Arie der Taxi-Tussi sein. Aber das wird mir erst klar, als sie noch eine zweite SMS schickt. "You know, I like to critise [sie meint: criticize] you and tease you."
Sehr lustig! Meine Rache ist schon in Vorbereitung.
Katja zurück in der Stadt
Katja meint ja, das wird noch ganz schön teuer für mich. "Die werden da manchmal ganz schön unverschämt!", warnt sie, als ich ihr die Geschichte mit der Taxi-Tante erzähle. Meine beliebte österreichische Kollegin ist im Sommer berufsbedingt nach Peking umgesiedelt. Ihren bisherigen Herzallerliebsten hat sie gleich da gelassen, also in Nanjing, weil der etwas zu intensive Beziehungen zu einer ihrer Kolleginnen aufgenommen hat. Ein Fall aus der Rubrik: Man hat schon mehr gelacht. Nun aber ist sie zurück an alter Wirkungsstätte.
Gestern nach dem Vortrag von Prof. Paul (Analyse einer Talk-Show mit Iris Berben als Gast), zu dem ich sie gelotst habe, war sie mit zum Mittagsmahl zur Verabschiedung des Professoren-Paars Paul, das bei uns drei Wochen zu Gast war. Heute sind wir locker zu einem kleinen Ausflug verabredet. Ich bin schon vorausgeeilt in den Botanischen Garten. Aber Katja und ihr neuer Freund, ein Chinese, der in der Schweiz Deutsch gelernt hat, kommen morgens nicht aus den Federn. Um 13.37 Uhr kommt folgende SMS: "Wir fahren jetzt Richtung Berg. Wo steckst du?" Erst am weit fortgeschrittenen Nachmittag trifft sie per Taxi ein und bringt auch gleich Regen mit. Ich kriege prompt nasse Füße, aber nicht vom Regen, sondern weil ich im Brücken-Abenteuerpark die Neigung jener Ketten nach unten ins Wasser unterschätzt habe, auf denen man hier einen kleinen Wasserlauf überqueren soll. Jetzt muss ich Socken auswringen.
Wir wandern dann noch etwas parkeinwärts, lassen dabei den Pflanzen fotografierenden neuen Freund zurück. Unterwegs gibt Katja telefonisch einem verliebten Ex-Studenten noch ein paar Partnerschaftstipps: "Wer hat zuerst geküsst", schallt es durch den Wald, "du oder sie?" Ich höre gar nicht hin.
Schließlich landen wir am Rande des Universums, des Park-Universums, der sich, wie ich vermeine, auf der genau entgegengesetzten Seite vom Eingang befindet. Wir stapfen querfeldein durch regennasse Pflanzen. Selbst die sonst immer souveräne und schwer zu erschütternde Katja wird ein bisschen blass, als ich ihr mit einer Miene, als wäre Predator hinter uns her, eröffne: "Es gibt keinen Ausweg! Wir müssen jetzt hier über den Zaun steigen!" Etwas unsicher balanciert sie oberhalb der spitzen Metallstäbe. Dann ist es vollbracht. Wenig später kommt das Arboretum in Sicht, in dem wir uns am frühen Nachmittag getroffen haben. Kurzum, wir waren vom Eingang, wo der Chinese mit Schweizer Einschlag immer noch fotografiert, nur zehn Fußminuten entfernt – von wegen "es gibt keinen Ausweg!" Ja, aber ich mag's nun mal gern dramatisch...
Wir steigen wahllos einem Bus zu und wandern dann durch den fast leeren, vom Regen triefenden Xuanwu-Park zurück. An der U-Bahn sagen wir leise Servus, denn Katja und ihr neues Herzblatt müssen ja morgen früh zurück nach Peking.
"Wer neue Schuhe trägt, tritt damit nicht in den Mist!"
Wäre ich überfahren worden, wäre meine Verhandlungsposition erheblich günstiger. Als ich eine halbe Stunde vor dem Termin mit meinen beiden Kollegen Chang und Li im Büro für auswärtige Angelegenheiten der Uni vorbeikomme, den meine Chefin mir gestern Abend telefonisch mitgeteilt hat, ist die Stimmung gedrückt. Gemeinsam mit dem Büroleiter schauen sie sich die Video-Aufzeichnung der Vorfälle von gestern Nachmittag an. "Wir sehen uns in einer halben Stunde", sage ich nur und bin auch schon wieder weg.
Chang und Li begleiten mich zum Verhör bei der Polizeistation in der Yunnan-Straße. Ein freundlicher Beamter, der sich Joni nennt, empfängt uns in einem Büro mit schwarzen Ledersesseln und ich beginne mit einer Frage: International gelte ja der Zebrastreifen als so eine Art heilige Schutzzone für Fußgänger. Ob das in China anders sei. Nein, nein, erklärt Herr Joni, das sei in China auch so. Dann erkläre ich, wie es zu jenem Fußtritt gegen das grüne Taxi gekommen ist, das, ungeachtet des blauen Schildes, des gelben Ampel-Blinklichts und des Tempoblockers, mit Vollgas vor mir über den Zebrastreifen bretterte, so dicht, dass immerhin die Möglichkeit zu diesem Fußtritt gegen die Karosserie des Wagens gegeben war. "Als Fußgänger hat man ja keine Hupe", erläutere ich, "um auf Fehlverhalten anderer Verkehrsteilnehmer hinzuweisen." So hätte ich also zu dieser etwas unorthodoxen Methode gegriffen. Herr Chang übersetzt Wort für Wort. (Ich soll bloß nicht versuchen, Chinesisch zu reden, lautet die Instruktion.) Daraufhin sei die Dame, etwa vierzig Jahre, alt, grüner Trainingsanzug, kurze, hellrot gefärbte Haare, eine gewaltige Rübe auf der Oberlippe, erbost angehalten und aus dem Taxi gestiegen und habe etwas gerufen, das ich nicht verstand. Ich meinerseits habe sie lautstark für verrückt erklärt. Dann steht sie also vor mir. Und obwohl ich ihr doch die Chance gegeben habe, ihr Fehlverhalten einzusehen, erkläre ich, zeigt die Taxi-Tussi sich uneinsichtig und pöbelt laut herum. Ich versetze ihr entnervt einen Schubser gegen die rechte Schulter, um deutlich zu machen: "Gespräch beendet!", aber das sieht die Taxi-Tussi völlig anders. Die wird nämlich rabiat: Sie eilt mir, der ich mich bereits in Richtung Campus abgewendet habe, hinterher und zerrt an meiner Kleidung. Ich versuche mich mit einem Fußtritt los zu machen, verfehle aber mein Ziel. Da die Tussi zurückgewichen ist, kann ich nun meinen Weg fortsetzen, aber – ich bin bereits auf Uni-Gelände – da hängt sie schon wieder wie eine Klette im Hundefell an mir dran und zerrt. Schließlich wird mir das Ganze zu bunt und ich entledige mich der für meine Begriffe völlig durchgeknallten Furie kurzerhand mit einem Kinnhaken. Ich denke: Nun ist Ruhe im Karton! Aber jetzt geht das Theater erst richtig los! Ich kann ja nicht ahnen, dass nur das Besudeln eines Porträts von Mao Zedong in der Volksrepublik China ein noch größeres Verbrechen ist, als eine hilf-, wehr- und vor allem: arglose Frau zu schlagen. Deswegen das Geschrei und Gezeter überall. Die Taxi-Tussi wälzt sich derweil theatralisch auf dem Boden vor dem Campus, zehn Meter von dem Ort entfernt, wo ich zum Befreiungsschlag angesetzt habe. Unwillkürlich muss ich an Elfmeterschinden im Fußball denken. Ein Sicherheitsbeamter und ein Passant kommen auf mich zu. Die behindern sich in dem, was sie von mir wollen, so lange gegenseitig, bis ich erkläre, ich müsse jetzt zum Unterricht, und enteile. Erst im Hörsaal bemerke ich, dass mein Mittelfinger heftig blutet. Nach dem Unterricht komme ich wieder am Ort des Geschehens vorbei und erkläre den Sicherheitsbeamten, die Tussi sei eine Gefährdung für die Menschheit. Man wird jedoch nicht müde mir zu erklären, sie sei sicher zu schnell gefahren, aber ich hätte doch die Frau nicht schlagen dürfen. Erschwerend kommt hinzu, dass, wie ich heute erfahre, drei Augenzeugen sich freiwillig gemeldet haben, um zu erklären, dass ich der böse ausländische Teufel sei, der eine arme, hilflose Frau geschlagen habe, und dass diese sich ins Krankenhaus begeben habe, zu einer zweitägigen Untersuchung! Naja, erkläre ich mich kompromissbereit, wenn die Dame einwillige sich einer Führerschein-Nachschulung zu unterziehen, sei ich bereit 25 Prozent der Krankenkosten zu übernehmen, und halte das für einen fairen Kompromiss. Herr Joni, der die Video-Aufzeichnung von den Vorfällen auf seinem Mobiltelefon hat, dankt, verspricht eine Überprüfung der Sicherheitsstandards im Uni-Viertel, was mein Kollege Chang allerdings für reine Rhetorik hält. Ich bin immerhin froh, dass ich meinen Standpunkt darlegen konnte. Das Protokoll besiegele ich vollgültig-amtlich mit einem Fingerabdruck von roter Tinte. Nun, denke ich, wird man sicher zu einer Lösung gelangen, die beiden Seiten gerecht wird. Chang tadelt mich auf dem Nachhauseweg noch einmal: Ich hätte einfach die Hände vors Gesicht halten und die Frau sich abreagieren lassen sollen. Und überhaupt: Ein Hochschullehrer könne sich doch nicht so aufführen: "Wer neue Schuhe trägt, tritt damit nicht in den Mist!"
Tage wie dieser...
... sollten gar nicht erlaubt sein: Ich fall' fast vom Stuhl, als ich lese, dass der FC B einen 1:0-Auswärtssieg in der CL noch aus der Hand gegeben hat. Meine Bank hat hinterrücks meine Geheimzahl für die Kontoführung per Computer geändert und die Zahl ist offenbar irgendwo zwischen Deutschland und China verloren gegangen. Eine Klopapierrolle fällt ins Becken und saugt sich sofort voll. Und der Rest ist auch nicht so einfach. Geladen wie eine Feldhaubitze mache ich mich kurz vor vier auf den Weg in den Unterricht bei den Magisterstudenten, eiligst überquere ich den Zebrastreifen zwischen Nord- und Südcampus. Ein Motor röhrt auf. Ein Taxi beschleunigt auf fünfzig bis sechzig Sachen. Das Schicksal nimmt seinen Lauf.
Abends ruft meine Chefin an: "Du hast eine Frau geschlagen? Die ist jetzt im Krankenhaus. Offenbar ist es etwas Ernstes!"
Erdbeben
"Der Schrecken der Medusa" ist der Titel eines verstörenden Horrorfilms, in dem Richard Burton einen Mann verkörpert, der Katastrophen heraufbeschwören kann. Und daran muss ich heute mal kurz denken.
Bryant, der Filipino, der die Beiträge für das NICF-Bulletin koordiniert, predigt heute im GoDi der NICF (Nanjing International Christian Fellowship). Ich ahne schon, dass er mich am Anfang der Predigt erwähnen wird, denn ich hätte es an seiner Stelle auch getan. Mein Leitartikel mit dem Titel "Earthquakes", der groß oben auf dem Blättchen prangt, das jeder am Eingang in die Hand gedrückt kriegt, bekommt nach dem schweren Erdbeben in Japan vor zwei Tagen prophetische Qualität. Zwar benutzt mein Text das Thema Erdbeben nur metaphorisch und bezieht sich eher auf Libyen als auf Japan, aber es wirkt natürlich trotzdem irgendwie überirdisch, dass ich meinen Text fünf Tage vor der historischen Katastrophe von Fukushima so betitelt habe. Sicher habe ich heute eine bessere Leserquote als mit "Harry the Dog", "Wisdom of the Flesh" oder "Easily Breaking Glass".
ALLLÖEs sInnlos
GERadehabIchMEINETastaturzertrümmert,weIlderFCBSCHONWIEDERverlorenhAt. Nach3NIederlagenIn folge befIndeIch mIchIN eInerDauerdepreSSIon und werdehIer erst wIeder schreIben, wennder FC B endlIch auf einerCL_PosItIon steht!!! AlLES SINnlos!
Schlechte Laune

Sie kann sich vor Verabredungen mit dem netten Ami namens Paul kaum noch retten. Ein paar andere Sachen hatte sie diese Woche auch noch vor, meine Sprachlernpartnerin Cathy. Gestern hat sie ihm abgesagt. Heute Nachmittag taucht er auch in unserem Café auf (wo ich sie vor zwei Wochen einander vorgestellt habe) und setzt sich ein paar Tische weiter drüben hin, grüßt sie aber nicht. Dialogausschnitt:
"Wieso grüßt er denn nicht?"
"Hat dich nicht gesehen."
"Klar hat er. Ich habe ihn doch auch gesehen."
"Wenn du ihn gesehen hast, wieso hast du ihn dann nicht gegrüßt?"
"Du versteht von Frauen nicht mal 50 %!"
"Kann sein, ich hatte ja nie eine Schwester."
"Ist er noch da?"
Leider ist Cathy immer nur mittelmäßig gelaunt, wenn sie in schwierige Geschichten gerät ("I cannot say no to a man!"), deswegen muss ich heute im Sprachtraining wieder ganz schön einstecken, ehe ich mich dann bei meiner Deutsch-Lektion revanchiere. Anschließend schleppt sie mich in ein Restaurant mit, wo sie sich mit einer Freundin verabredet hat, die sie irgendwie anstrengend findet; ich fungiere als Puffer. Die Freundin, die einen tschechischen Freund namens Martin Draga hat, der zur Zeit nicht da ist, erweist sich dann doch als recht patent und findet mich "cute", was sie so oft wiederholt, dass ich es auch garantiert nicht für einen Ausrutscher halte. Fanden meine Studenten auch mal, erwidere ich, bis sie Noten von mir bekamen...
Werte Gäste
Schon wieder Essen mit dem Kollegium. Anlass sind drei Gäste: das Professoren-Ehepaar Paul mit Sohn (der bei uns als Aushilfslehrer tätig ist, so ein Zufall!), das Vorträge halten wird, und ein Ex-Deutsch-Lektor der Uni Schanghai, der unter chinesischen und osteuropäischen Studenten eine Studie zur Evaluation des Deutsch-Niveaus durchführt. Der sitzt neben mir und wettert auch schon wieder gegen Guttenberg. Ich erwidere, dass ich es schlimmer finde, wenn einer Steine auf Menschen geworfen hat, die diese gefährlich am Kopf hätten verletzen können. Von einem Rücktritt des früheren deutschen Außenministers ist mir in dem Zusammenhang nichts bekannt geworden, von einer Entschuldigung auch nicht. (Mehr dazu hier.) Aber das findet der mutmaßliche 68er-Sympathisant mit Blick auf den armen, alten Professor,der so brutal getäuscht wurde, natürlich nicht so der Rede wert. Wahrscheinlich glaubt er auch noch, Ho-Chi-Minh hätte weniger vietnamesische Zivilisten auf dem Gewissen als die US-Armee. Den Linken ist eben einfach nicht zu helfen. Außerdem fragt er mich, wo man denn in Nanjing einen drauf machen könne. Ich winke ab. Ich sei im Grunde ein langweiliger Typ und hätte nichts übrig für Geselligkeit in lauten Hütten. "Wir können uns ja die Woche noch mal treffen", schlägt er zum Abschied der Runde vor, in der es natürlich auch noch um heiterere Dinge ging, aber ich habe keine Lust. Ich habe jetzt 16 Semesterwochenstunden Unterricht, teile ich wahrheitsgemäß mit! Soll er sich doch'n paar Ewig-Linke suchen und mit denen durch die Bars tingeln.
Mausetot
Mein Computer raubt mir noch den letzten Nerv! Ständig verweigert er mit der billigen Ausrede "virtual memory too low" die Zusammenarbeit. Jetzt haben sie mir eine neue Mühle gekauft, einen tragbaren Computer, aber die ganzen Installationen sind auf Chinesisch, ich kann das Ding nicht ans Internet anschließen und die Maus blinkt einmal kurz auf, danach gibt sie keinen Pieps mehr von sich. Mausetot sozusagen. Der mir bereits mehrfach zugesagte Installations-Assistent (eine lebende Person) sagt ständig ab. Schließlich habe ich die Nase voll und trage bei meinem E-Mail-Programm qua Abwesenheitsschaltung ein, dass ich keine Anhänge mehr öffnen kann. Wenn die Uni nicht dafür sorgt, kann ich eben auch meine Computer-basierte Arbeit nicht mehr vernünftig ausüben!
Am wichtigsten ist auf'm Platz!
Tennis-Kumpel Alain ist in der Dusche ausgerutscht und kann momentan kein Tennis spielen. Er hat sich den kleinen Finger der rechten Hand am Klobecken aufgerissen. Cathy springt ein. Die schlägt zwar nicht so doll, aber ich kann dann besser retournieren. Erst mal müssen wir aber qua Telefonanruf beim Tennismeister die sturen Jungs vertreiben, die den Platz nicht räumen wollen. Schnöseltruppe! Cathy hält dem einen resolut das Telefon ans Ohr. "Noch zwei Bälle!", sagt er.
45 Minuten später taucht der schriftstellernde Amerikaner Paul auf, der offenbar (so empfindet sie es) ein Auge auf sie geworfen hat. Am Wochenende haben wir mit Paul und einem befreundeten Pärchen Karten gespielt und ich habe mich so dusselig beim Kartenhalten und Regelverstehen angestellt, dass jeder neben mir aussah wie Cincinnati Kid. Das gilt insbesondere für Paul und Cathy, die heute (Cathys freier Tag) schon wieder zocken wollen, weswegen Cathy schon die ganze Zeit nervös auf die Uhr blickt. "Ich verspäte mich! Der redet nie wieder mit mir!" Dann ist er aber plötzlich da, schaut noch ein paar Minuten zu und Cathy haut mir plötzlich mit solcher Wucht die Bälle um die Ohren, als hätte sie beim letzten Bällesammeln heimlich eine Ladung Kryptonit eingeworfen. Aber ich weiß schon, was kommt: Am Sonnabend jammert sie mir wieder vor, er sei nicht ihr Typ, was solle sie machen, sie könne nicht nein sagen, wenn ein Mann sie einlade. "Du bist ein wirkliches Mädchen", sage ich dann immer.
Note und Elend
Heute steht also die gute Su während der Bibliotheks-Öffnungszeit reumütig vor meinem Schreibtisch. Ich kann's schon nicht mehr hören: "muss mich entschuuuldigen ... keine Zeit ... so viele andere Prüfungen" etc. Immer dieselbe Leier!
Fein raus ist Su trotzdem, denn ihr schwache Leistung fällt unter den Tisch, und zwar komplett. Und das geht so: Gestern beim Essen mit den anderen Lehrkräften des Deutsch-Instituts(das Kind von des Kollegen Li ist hundert Tage alt geworden, da gibt man einen aus!) hatte ich der für die Noten zuständigen Kollegin bereits eröffnet, dass es mit Sus Arbeit nicht weit her sei. Und dabei musste ich erfahren, dass sie die Endnoten bereits eingetragen hat und nicht mehr ändern kann.
Der Reihe nach, damit jeder sin-o-meter-Leser den Fall versteht: Vier Studentinnen erhielten Ende des letzten Semesters die Genehmigung eine schriftliche Arbeit erst zu Beginn des neuen Semester abzugeben, weil sie unter extremer Prüfbelastung standen. Doch die Uni-Verwaltung spielt nicht mit und fordert die unverzügliche Festlegung der Noten. Die Kollegin rechnet den Durchschnitt der von mir bisher aus Tests und Mitarbeit ermittelten Noten aus und trägt das ein - unabänderlich. Was mir die vier Kandidatinnen also jetzt, fünf Wochen später, abgeben, kann der letzte Müll sein, an der Note ändert das nichts mehr. Da kann man dann schon mal am Sinn von Leistungsnachweisen zweifeln.
Auch sonst ist mein Leben farbig, mitunter zu farbig. Mein Computer öffnet bestimmte Dateien nicht mehr, dafür hat er angefangen, für einge ungeöffnete Dateien aus unerklärlichen Gründen statt Schwarz eine blaue Schriftfarbe zu verwenden. Das ist wohl kein so gutes Zeichen. Schon die ganze Woche über liege ich dem Auslandsamt der Universität in den Ohren mit dem Begehren, mir doch einen neuen Computer zu gewähren. Bisher Fehlanzeige.
Danke, Dr., äh, Guttenberg
Deutschlehrer in China können sich auf der Internetseite "Deutsch-lehren-China.org" zum Fall Guttenberg äußern. Mein Kommentar:
1. Chinesen sehen, wie ernst es in Deutschland genommen wird, wenn jemand schummelt. Und viele Politiker aus China sind insgeheim froh, dass sie nicht in D. promoviert haben. Und Quertreiber wie der Prof. aus Bremen, die würden wohl, naja...
2. Das Thema wird ernster genommen, weil man ja sieht, wie streng in der westlichen Öffentlichkeit damit umgegangen wird. Will man in der Bildung wirklich auf West-Niveau kommen, muss man hier aufholen.
3. Unsere Arbeit wird leichter, denn wir haben hervorragendes Anschauungs- und Unterrichtsmaterial, das wir benutzen können, um zu sagen: Schummeln geht nicht.
Fazit: Danke, Dr., äh, Guttenberg.
Guten Tag, Guttenplag!
Nicht nur dieser ominöse Plagiatjäger aus Bremen spürt Internet-Kopien auf, auch zu meinem Tagesgeschäft gehört dies, weshalb ich meinen Studenten des letzten Jahres mit Blick auf die in den nächsten Wochen abzuschließende Bachelorarbeit anlässlich des gestrigen Unterrichts gleich ein paar bei tagesschau.de kopierte Texte zur Guttenberg-Affäre zusammengestellt habe (selbstverständlich mit Quellenangabe), darunter das aufschlussreiche Interview mit einem Plagiatjäger. Motto: Wenn bei uns ein Minister wegen so was Stress kriegt, kriegt ihr aber hier an der Uni erst recht Stress, wenn ihr nicht ordentlich zitiert! Aber dann - o Graus! - gibt mir Studentin Su direkt nach dem Unterricht einen verspäteten Text (Teil der Abschlussarbeit) ab, bei dem zwei Drittel aus nur einer Quelle stammen - wörtlich abgeschrieben, ohne Fußnote, ohne Anführungszeichen. Guten Tag, Guttenplag!
Tweety

Sie hat die Stimme des Kanarienvogels Tweety aus "Tweety und Sylvester", sie kann eigentlich gar nicht richtig Deutsch, lernt das irgendwie in so'm Abendkurs. Sie will Moderatorin im Fernsehen werden. Und sie leiht sich ständig irgendwelche Bücher aus, die entfernt etwas mit Fernsehen zu tun haben (z.B. "Filmanalyse" oder "Schönheit") und von denen ich kaum glauben kann, dass sie sie versteht. Manchmal leiht sie auch gar nichts aus. Wenn ich in meiner Bibliothek ein Buch für sie im Computer eintrage, beugt sie sich so über mich, dass mir ihre schwarzen Dauerwellen fast ins Gesicht hängen, und wenn sie schließlich geht, wirft sie mir an manchen Tagen diese schlagersängerhaften Kusshände zu: Xige, die sich auch Charlotte nennt, ist wieder mal eine von den Personen, für die man nach China kommen muss, um sie kennen zu lernen. In Deutschland würde es so was nicht geben. Bisschen peinlich ist mir, dass die Erdnüsse noch in der Schublade liegen, die sie mir letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hat. Ich schiebe die Lade, in der ich was gesucht habe, schnell wieder zu. Charlotte hat sich eine Probepackung von Chanel No. 5 kommen lassen. Sie führt mir den Umschlag vor wie ein Zirkusdirektor springende Löwen und fragt, ob das gut rieche. Eingedenk des Nebels, mit dem Du Li vor der Weihnachtsfeier hier auftrat, lasse ich mich zu der Aussage hinreißen: "Das ist mal ein Duft, der hat Klasse!" Dabei verstehe ich doch von so was gar nichts!... Ansonsten strapaziere ich aber immer gern Charlottes Geduld und lasse sie endlos warten. Die Eskapaden der verhaltensauffälligen Schriftstellerin Danyu (sin-o-meter berichtete) hängen mir schließlich noch nach. Daher: immer schön reserviert bleiben und auf den Computer gucken!
Michael in Nöten
Abends auf Michaels Party habe ich mich längst wieder beruhigt. Michael, dem sonst so agilen Engländer, geht es nicht gut. Seine dritte Frau, die offenbar depressiv oder neurotisch oder beides gleichzeitig ist (sin-o-meter berichtete), nimmt ihre Medikamente nicht. Dass sie knapp dreißig Jahre jünger ist als er, mag auch eine Rolle spielen. "But I cannot divorce her", stöhnt Michael, der seine eigene Party schon um acht verlässt, "because in China you're not allowed to divorce a mentally disturbed person. She is not responsible." Inzwischen sieht man Michael immer öfter mit seiner Ex-Frau, also der zweiten. Der ersten Chinesin. Jennifer im heimischen England (Nr. 1 von allen) redet ja nicht mehr mit ihm. Jedenfalls nicht so richtig viel. Woran man wieder mal sieht, dass ich in punkto Lebensplanung bisher alles richtig gemacht habe. Gegen halb neun setzen sich Floria, die soeben ihre von mir seit Weihnachten verwahrte Tupperdose (sin-o-meter berichtete) in Empfang genommen hat, und Party-Stammgast Leo ab in Richtung einer anderen Englisch-Party und wollen mich mitschnacken; ich habe aber keine Lust und gehe zu Fuß nach Hause.

Böse gewesen
Nein, man kann es nicht entschuldigen. Ich bin böse gewesen. Es ist keine Entschuldigung, dass die Tante, die ihre Sachen da am Eingang zur Tartanbahn auf einer Decke ausgebreitet hat, gewiss keine Lizenz hat, hier Handel zu treiben. Dass ich zwanzig Runden lang davon genervt worden bin, dass Leute die Tartanbahn am Wutaishan-Sportplatz zum Spazierengehen nutzen und mir auf irgendeiner der Bahnen immer im Weg stehen, ist auch keine Entschuldigung. Und beim Schlussspurt, den ich ja brauche, um auch meine Sprintfertigkeiten in Schuss zu halten, und bei dem ich immer von der Bahn direkt ins Freie laufe, muss sicher auch nicht über diese blöde Decke führen, aber man sucht eben atemlos und bei hohem Tempo den kürzesten Weg und am Ausgang standen überall Leute, die man ja nicht einfach umrennen darf... Kurzum, ich bin auf irgendein Kinderspielzeug getreten. Und während ich also Richtung Basketballhalle auf dem Parkplatz auslaufe, höre ich plötzlich die untersetzte Verkäuferin irgendetwas hinter mir her rufen. Und in mir bildet sich spontan diese aggressive Attitüde etwa folgenden Inhalts: "Die Alte machst du jetzt so klein mit Hut. Dass der Ausländer total austickt und sie anschreit, damit rechnet sie gewiss nicht." Da steht sie auch schon hinter mir. Ich dreh' mich um. Sie hält mir irgendwas Rosafarbenes in transparenter Plastikfolie vor die Nase. Da bin ich also raufgetreten. Vermutlich soll ich das jetzt kaufen. Ich werd' ihr was husten! Und wieder einmal schaffe ich es, dass alle Anwesenden, die Verkäufer von Wasser und Tennisschlägern in den kleinen Läden links, sämtliche Spaziergänger, Kinder, Rentner, Raucher, Freizeitsportler an den Geräten rechts, Frauen mit und ohne Hündchen, in ihren Bewegungen wie durch den Einsatz eines Zyklostrahls erstarrt, mich anglotzen wie E.T., den Außerirdischen. Denn ich bin ein Amok laufender Ausländer, der die Gelegenheitsverkäuferin anbrüllt, was sie denn hier ihren Tinnef verkaufen müsse, das sei hier ein Sportgelände und kein Marktplatz. Wolle sie was verkaufen, solle sie doch woanders hingehen! Leider schimpfe ich auf Chinesisch nicht gut. Weiß der Geier, ob irgendwer verstanden hat, was ich sagen wollte. Ausrastende Menschen treffen ja oft nicht mal in Deutsch den richtigen Ton. Sprachlos habe ich die Tante nun allerdings wahrlich nicht gemacht. Sie keift, ihrerseits die Tonlage drastisch erhöhend, zurück (ich verstehe kein Wort). Dann zieht sie aber doch unverrichteter Dinge ab. Wer weiß, ob der ausländische Teufel nicht noch handgreiflich wird (in einem kurzen Aufblitzen meines bösen Ichs sehe ich mich ihr das rosa Teil aus der Hand reißen und darauf wie wild herumspringen). Ich werfe ihr noch etwas auf Französisch hinterher (ich fluche oft auf Französisch, es klingt irgendwie ästhetischer und mein Wortschatz ist auch viel besser). Dann bin ich weg.
Zu Hause wundere ich mich, woher ich nach dem Schlussspurt noch so viel Luft hatte. Das bedeutet eigentlich, dass ich mich nicht voll verausgabt habe. Außerdem fühle ich mich böse. Die Bibel hat Recht: Das Trachten des Menschenherzen ist böse von Jugend auf. Und wir ermangeln des Ruhmes, den wir bei Gott haben sollten. Sogar ich, Didus I. Eine Ausrede gilt aber dann doch: Ich hätte der Tante das rosa Teil auch ohne Adrenalin-Explosion nicht bezahlen können. Beim Laufen bleibt (neben den guten Sitten) auch das Portmonee zu Hause.
Per aspera ad Aufschlag
Heute geht es meinem Magen-Darm-Trakt schon besser (ist auch nichts mehr drin), wir haben fünfzehn frühlingshafte Grad. Aber der Betreiber des Uni-Tennisplatzes ist nicht zu sehen. Ich überrede Alain, meinen französischen Kollegen, nicht ganz ohne Mühe, über den Baum auf den Maschendrahtzaun zu steigen und dann auf der Innenseite des Zauns wieder hinabzusteigen. Der Seiteneinstieg ins Tennis gelingt. Die Jungs, die um zwei Uhr mit Schlüssel hereinspaziert kommen, staunen nicht schlecht. Leider nicht über meinen Aufschlag. Apropos schlagen: Wir müssen noch 13 Tage tot schlagen, ehe der Unterricht wieder beginnt...
Zum Glück sind die Bücher für meine Bibliothek gekommen: dreißig Werke der zeitgenössischen Liteatur. Ich lese "Schuld" an zwei Tagen durch, es folgt "Der Himmel ist kein Ort".
Zurück in Nanjing
Ich habe wohl zu viel Braun gesehen und muss noch vor der Ankunft in Nanjing das ach so unbeliebte Zug-WC aufsuchen, das ja nur ein feuchtes Loch im Boden ist. Oder ist mit den Kunminger Eierkuchen was faul gewesen, von denen ich mich seit zwei Tagen ernähre? Ich komme um halb elf an und fahre gleich mit Gepäck vom Bahnhof per U-Bahn weiter in den GoDi von St. Paul's (drei Sonntage in Folge ohne GoDi, das geht nun wirklich nicht) und nerve anschließend Emilie alias Li Yuan, die gerade eine Horde Amerikaner um sich geschart hat, nerve sie also, da sie ja beim "Carrefour" mit dem Einkauf zu tun hat, mit meinem Vaniltrunk-Päckchen. Sie solle doch mal dafür sorgen, dass man so was künftig auch in Nanjing kaufen könne. Emilie macht mit ihrer Digital-Kamera ein Beweisfoto.
Und dann ist für heute auch Schluss mit Lustig: Der Februar, in dem ich einfach immer krank werde (vor einem Jahr, sin-o-meter berichtete, war es noch schlimmer), holt mich ein und ich verbringe gefühlte 50 Prozent des Sonntags auf dem WC, die andere Hälfte im Bett. Glück im Unglück, dass ich bereits zu Hause bin und nicht, wie im August 2003 auf dem Weg von Yichang nach Yanji, zwei Tage mit Darmkrämpfen vor einem ständig besetzten Zug-WC zubringen muss.

Und schon ist die Reise in die Tropen nur noch eine Erinnerung, aber eine schöne!
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