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Das ausgefallene Fachgespräch
Eigentlich hatte ich mich für heute Abend, anlässlich des fröhlich-geselligen Abschlusses der Veranstaltung, mit Professor Liu Wei, dem Vize-Dekan des hiesigen Deutsch-Instituts, verabredet, der wie ich über Joseph Roth promoviert und, wovon ich mich mit Hilfe des mir von ihm eigens überreichten Exemplars seiner Dissertation persönlich umgehend überzeugen konnte, mich natürlich auch in Kapitel eins unter Forschungsstand erwähnt hat. Wir wollten noch ein kleines Fachgespräch führen. Doch der von mir eigens frei gehaltene Platz an meiner Seite bleibt auch nach dem letzten Gang des Menüs leer. Der Grund spricht sich in der heiteren Runde, in der ich allerdings schon bald allein am Tisch sitze, schließlich herum: Im Hotel hat sich ein Gewitter zusammengebraut: Fehler bei der Abrechnung. Ich denke mit Grausen an meinen Stress als Organisator der Konferenz in Nanjing vor Jahresfrist zurück. Selbst nach Mitternacht - ich kehre, da ich mich wie üblich nicht mit den anderen auf die Partymeile begeben habe, von einem Nachtspaziergang zurück - sitzen die Herren, darunter als Vertreter der Fudan-Universität Professor Liu, im Foyer des Hotels und versuchen den Knoten durchzuhauen. Man sieht die Köpfe förmlich rauchen.
Gefangener der Katakombe

Schanghai bei Nacht. Kann auch (anders als auf dem Foto mit einigen geschätzten Konferenz-Kollegen) sehr dunkel und trübe und menschenarm sein. So wie in diesem Viertel, in dem ich buchstäblich festhänge. "Ich will hier raus!", denke ich und zwänge meinen Kopf durch den schmalen Spalt zwischen Plexiglas und Dach des U-Bahnabstiegs, in dessen Katakombe ich eingesperrt wurde. Nichts zu wollen, ich passe da nicht durch. Kein Weg ins Freie. Dass inzwischen keine U-Bahn mehr fährt, war mir schon klar. Schließlich habe ich die letzte, der ich meine geschätzten YUST-Kolleginnen entsteigen zu sehen hoffte, gerade an mir vorbeirauschen sehen. Die YUST-Kolleginnen scheinen, da sie über einen Stadtplan verfügen, bemerkt zu haben, dass der Ort, den uns beim Umsteigen ein Bahnangestellter empfohlen hat, um zur Fudan-Uni zurückzukommen, rechtzeitig bemerkt zu haben, dass dieser Ort viel zu weit entfernt liegt von unserem Hotel. Ich hatte diesen Erkenntnisprozess noch vor mir. Und nachdem ich mal wieder orientierungslos drauflosgelaufen war, schwante mir alsbald, dass es doch besser wäre umzukehren, sich noch mal in die immer noch beleuchtete U-Bahn-Katakombe hinabzubegeben und sich da, wo der U-Bahnplan hängt, auf halber Strecke zu den Bahnsteigen, noch mal einen Überblick über die Gesamtlage hier zu verschaffen. Als ich dann aber die Treppe wieder emporstieg, tja, da waren auf einmal die Rollläden unten. Da hat mich jemand hinterrücks hier unten eingesperrt! Ich renne von Ausstieg A nach B und gröle "Bedienung!", ich öffne Türen, an denen man sonst achtlos vorbeiläuft, finde aber niemanden. Nun stehe ich hier oben und spähe so halb über die Plexiglaskante nach draußen wie ein blinder Passagier durchs Bullauge unter Deck, nur dass ich statt trübem Meer trübe Schanghaier Nacht sehe. Sinnlos rumgeschraubt und mich dabei eingesaut habe ich auch schon, aber an der Plexiglaskante löst sich außer einer Schraube nichts. Ich habe gewissermaßen eine Schraube locker, tolle Aussichten! Ich schreie einen Radfahrer und noch einen an, ob er mir mal helfen könne. Einer blickt sich kurz um und fährt dann irritiert weiter. Ich erlebe, was landauf, landab soeben für einen Aufschrei der Empörung gesorgt hat: mangelnde Hilfsbereitschaft, weil man doch zu dem Betfoffenen "keine Beziehung" habe. Im Fall, der für Schlagzeilen sorgte, war der Betroffene ein zweijähriges, vom Auto überfahrenes Kind, das seinen Verletzungen erlag. Doch da! Zwei junge Männer, die direkt auf Augenhöhe an mir vorbeischlendern, sind zu nah, als dass sie einfach weitergehen könnten. Ich frage, ob einer von ihnen ein "shouji", ein Handgerät habe, wie hier Mobiltelefone heißen. Das ist in China ja eigentlich eher eine rhetorische Frage. Die Jungs gucken irritiert. Vielleicht sei auf der anderen Seite offen, schlägt man mir vor. Ich verneine. Da müsse doch unten einer sein. Ich verneine erneut. Ja, wollen die mir nun helfen oder nicht?
Mitternacht vorbei. Und ich sitze also mal wieder in der Tinte. Dabei hatte alles so schön begonnen: Mit meinen YUST-Kolleginnen Ursula und Bettina war ich mitten im leuchtenden Schanghai, im Glimmer-Viertel Pudong (hier stehen dicht an dicht einige der höchsten Wolkenkratzer der Welt), auf Einladung der Ex-YUST-Studentin Hongzhen gemütlich essen gewesen - direkt neben dem großen Fernsehturm (siehe Foto). Dann wurde es, wohl aufgrund der ausgeuferten Knipserei, am Schluss etwas knapp mit dem U-Bahn-Anschluss. Denn in Schanghai endet das Weltstadt-Gehabe gegen 23 Uhr. Dann stellen viele U-Bahnen den Betrieb ein, die zur Fudan-Uni, wo wir hin müssen, sogar schon etwas früher. Pech für uns. Ein Angestellter verwies uns auf jene Station, in der ich jetzt eingesperrt bin. Wir sputeten uns, um zum Bahnsteig zu gelangen. Vor mir begannen einige Chinesen zu rennen. Ich rufe nach hinten: "Die laufen alle. Wir sollten auch mal laufen." Denn die Einheimischen wissen vermutlich besser als wir, wann man sich beeilen muss, um die letzte U-Bahn noch zu erwischen. Als ich unten bin, hält tatsächlich gerade ein Zug, hat die Türen just geöffnet. Ich blicke mich um. Meine Kolleginnen habe ich offensichtlich abgehängt. Dabei bin ich nicht mal schnell gelaufen. Nur bisschen getrabt. Ich stelle mich in die Tür, um den Zug noch ein paar Sekündchen aufzuhalten, falls sie nun zumindest atemlos auf der Treppe auftauchen sollten - wo bleiben die nur? -, dann ertönt das Signal zum Türenschließen. Rein oder raus?, denke ich, bleibe dann aber drin. Soll ich meiner Schwestern Hüter sein? Wie der geneigte sin-o-meter-Leser inzwischen weiß, habe ich die vorletzte U-Bahn erwischt, aber was aus meinen Kolleginnen geworden ist, ob sie die letzte oder ein Taxi genommen haben, werde ich nie erfahren. Denn morgen wird keine von ihnen mehr mit mir reden als unbedingt notwendig.
Nur eines ist sicher: Später als ich sind sie nicht im Hotel angekommen. Denn eine halbe Stunde habe ich in den Katakomben verbracht, ehe plötzlich tatsächlich von unten ein U-Bahn-Angestellter auftaucht, den offenbar einer der beiden Passanten telefonisch informiert hat, die ich angehalten habe. Wieso hat der mich denn eben da unten nicht rufen gehört?!? Die Jalousie geht also hoch, ich bin frei. Doch jetzt habe ich noch einen endlos langen Marsch vor mir, ohne Stadtplan, durch eine Stadt, die ich nicht kenne, die 16 Millionen Einwohner hat und in der bei Nacht auch alle Straßen grau sind. Ich orientiere mich an Straßenschildern, die glücklicherweise hier in Schanghai - tolle Idee! - an jedem Ende eine Himmelsrichtung angeben, und erreiche nach ca. 45 Minuten Fußmarsch durch die Schanghaier Nacht die Tongji-Uni und wenig später, gegen eins, halb zwei, die Fudan. Wie gut, könnte man jetzt eigentlich sagen, dass ich mich noch mal unten in der U-Bahnstation über meinen genauen Standort im Verhältnis zu der Station, wo ich normalerweise ausgestiegen wäre, vergewissert habe! Man könnte aber auch sagen: Wo mein Orientierungssinn versagt, kann ich mich immer noch auf die Gnade Gottes verlassen, die selbst meine Dusseligkeit noch überragt.
Warme Semmeln
Auch in diesem Jahr geht, wie vor exakt zwölf Monaten in Nanjing (sin-o-meter berichtete), alles, was ich anpreise, weg wie warme Semmeln. Diesmal ist mein Angebot aber auch besonders günstig: Ich verschenke kleine, grüne Schiller-Heftchen mit der Erzählung "Verbrecher aus verlorener Ehre", die von der Kinder-Uni übrig geblieben sind. Kollege Schulz hat den Text für seinen Lektüre-Kurs vorgesehen und nimmt gleich 36 Stück auf einmal. In der Pause muss ich schon die letzten Reserve-Exemplare der von mir herausgegebenen Büchlein aus der Tasche holen, um Menschen noch lächeln zu sehen.
Zu spät und viel zu spät
Beim Frühstück bin ich in Anbetracht der Strapazen von gestern nicht so in Eile und als ich noch gemütlich esse, sind auch die letzten beiden Kolleginnen bereits kurz vorm Aufbruch zum Konferenzsaal. Ob ich mit wolle. "Nö", sage ich, "jetzt ist doch Festplatten-Frank mit seiner alljährlichen Präsentation dran, das interessiert mich sowieso nicht." Ich wisse nur leider gar nicht, wo wir uns jetzt träfen. Die gerade abschwirrenden Kolleginnen haben auch nur vage Informationen.
Ich irre dann eine halbe Stunde hilflos über den Campus, den ich so ganz gut kennen lerne, sehe auch das "rote Haus", das man mir beschrieben hat, aber die Konferenz finde ich nicht. Am Ende der unfreiwilligen Campus-Besichtigung stehe ich im höchsten Gebäude der Uni, einem imposanten Hochhaus mit Stalin-Charme, und sehe dabei so ratlos aus, dass eine Deutsch-Studentin auf mich aufmerksam wird. Gemeinsam mit ihrem Mobiltelefon findet sie heraus, dass hier im großen Saal zwar normalerweise konferiert wird, nur heute eben sei unsere Konferenz woanders. Nur nicht die Nerven verlieren, sage ich mir, am Ende wird alles gut. Das sieht nur jetzt nach Problem aus und ist morgen schon vergessen. Noch ein paar Telefonate, dann lotst sie mich zum richtigen Ort. Und da kommen mir auch schon meine Frühstückskolleginnen entgegen. Hoppla, der erste Teil der heutigen Sitzung ist schon vorbei. Die beiden Damen sind offenbar zu spät eingetroffen und wurden, so schildern sie mir die Lage, brutal an den Pranger gestellt. "Sei froh, dass du nicht dabei warst", raunt mir die blondere von beiden zu. Tja, ich biege mal schnell um die Ecke, da stehen einige in der Pause und rauchen. Ich mische mich schnell und unauffällig unter sie. Hat ja keiner gemerkt, dass ich gefehlt habe. Bei so vielen Leuten... Dann wende ich mich an den Konferenzleiter, den ich vor etwa 15 Minuten anzurufen versucht habe, um mich nach dem Weg zu erkundigen. Dieser Anruf ist mir natürlich inzwischen peinlich und muss schnell unter den Teppich gekehrt werden. "Ich hätte da noch eine Frage", sage ich, als wäre ich schon eine Stunde lang in der Sitzung gewesen. Zum Gruppenfoto erscheine ich mittags pünktlich und sichere mir einen Sitzplatz in der ersten Reihe; aber vollständig ist das Bild trotzdem nicht.

Am Nachmittag geht es mit dem Bus nach Suzhou: Konferenzausflug. Die meiste Zeit lese ich Martin Mosebach oder unterhalte mich mit Ursula und Bettina, den Kolleginnen aus Yanji. Der Ausflug ist für mich nicht sonderlich interessant. Im Park des braven Beamten Sowieso war ich bereits am 14. Mai mit Stadtneurotikerin Danyu (sin-o-meter berichtete).

Der Abend krönen wir das Wiedersehen von YUST- und Ex-YUST-Fachkräften und lassen den Abend in einer Pizzeria ausklingen, wo unsere Schanghaier Kollegen Thomas und Ralf bereits die Plätze angewärmt haben.
Das Bild hängt schief!
Es war doch nicht so eine gute Idee, heute Vormittag noch Unterricht zu geben, die Bibliothek zu öffnen und mich zeitgleich innerlich wie äußerlich auf die Reise nach Schanghai einzustellen, wo heute die jährliche Konferenz der Deutschdozenten beginnt. Ich renne zwischen Wohnung und Bibliothek hin und her wie das Spielzeug-Motorrad von Goebel-Chemie, das man durch Hin- und Herrollen des Hinterrades aufziehen konnte, bis es wie bekloppt durch die Wohnung schoss und irgendwann gegen die Wand donnerte. Als ich die Bibliothek das erste Mal verlasse, stehe ich draußen vor der Tür, habe gerade das Schnappschloss zugedrückt und stelle fest, dass ich meinen Schlüssel auf dem Schreibtisch liegen lassen habe. Ich renne zur Bibliotheksverwaltung. Zum Glück kann man mir aufschließen. Gegen elf kehre ich in die Bibliothek zurück, betreue einige Studenten, Yinuo zum Beispiel, die ein Gutachten benötigt und mir noch einige Informationen geben muss. Es ist schon später als geplant, als ich schließe. Und diesmal habe ich den Schlüssel in der Schublade eingesperrt, die man (da hier auch die Strafgelder der Studenten für verspätet zurückgegebene Bücher lagern) ebenfalls per Schnappschloss sichern kann. Mir bleibt nur eine Bruce-Lee-artige Gewaltaktion (die sich ein Stück weit auch gegen mich selbst richtet), um die Holzschublade völlig zu zertrümmern. Zwei Bretter, die vorher die Frontseite der Schublade bildeten, fliegen in die Ecke, der Schlüssel liegt tatsächlich dahinter. Ich lege den Schlüssel sonst nie da rein, aber das nützt mir jetzt auch nichts.
Zu Hause gehen noch mal dreißig Minuten verloren, weil ich mir Holzsplitter aus den Fingern operieren muss. Ich kann das nicht haben, dieses Gefühl, da sitzt was in mir drin, das nicht zu mir gehört! Diese Kettenreaktion von Ereignissen, die den ganzen geplanten Ablauf auf den Kopf stellt, erinnert mich an den Loriot-Sketch "Das Bild hängt schief". Ich müsste mir jetzt nur noch mit dem Operationswerkzeug ins Auge stechen, vor Schreck rücklings in die Badewanne stürzen, dabei den Duschvorhang zerreißen und so weiter. Aber ich lasse die Satire mal lieber in dem Moment enden, da ich den größeren der beiden Splitter endlich zu fassen habe. Hans-Jo. würde das jetzt eine "Fleischwunde" nennen. Da ich gestern Abend nach einer kleinen Wanderung mit Huilin in Ermangelung eines Reisepasses, den man neuerdings für Zugreisen vorlegen muss, noch keine Fahrkarte kaufen konnte, hetzt mich ja auch nichts - Glück im Unglück.
Ich komme schließlich gegen 17.15 Uhr in Schanghai an. Leider finde ich dann aber doch nicht den Weg zur Fudan-Universität, dem Tagungsort, sondern irre mal wieder durch die Gegend. Dass Chinesen, die man nach dem Weg fragt, nie zugeben, nichts zu wissen, sondern einen lieber zum Mond schicken, macht die Sache auch nicht leichter. Am Ende bin ich aber doch am Ziel. Sabina (sin-o-meter berichtete) und zwei andere Schanghaier Kolleginnen entdecken mich als erste. "Du kommst genau richtig zum Essen!", begrüßt mich Sabina. Das Essen ist "mamahuhu". Nachdem ich die Yanjier Kolleginnen begrüßt habe, ist noch eine wichtige Aufgabe zu erledigen: Ich darf der erfreuten Kollegin Stefanie E. den Kult-Pullover aushändigen, den sie vor einem Jahr am Tagungsort Nanjing im Hotel liegen ließ. Immerhin ein Trost: Missgeschicke widerfahren auch anderen.
Sprachliche Herausforderung
Nachdem ich der U-Bahn entstiegen bin, sehe ich, wie auf der anderen Seite der Bus D1 gerade abfährt, der mich zum Xianlin-Campus der Nanjinger Pädagogischen Hochschule (Nanshida) bringen soll, wo ich heute Abend einen Vortrag zum Thema "Leben und studieren in Deutschland" halten soll. Ich flitze, so schnell wie das der halbe Zentner Broschüren und Info-Material zulässt, die ich mitschleppe, über die Straße, winke dem beschleunigenden Bus zu; der ignoriert mich, wechselt auf die linke Spur und fährt an mir vorbei. Hinter mir aber ist die Ampel gerade rot geworden, an der Kreuzung muss er halten. Die Dauer der Rotzeit wird in China von den Ampeln in Sekunden angezeigt. Ich habe eine halbe Minute. Ich eile dem Bus hinterher, klopfe energisch an die Tür. Der Fahrer schaut mich durch die Scheibe unwillig an. Ich hebe meine schwere Tasche hoch, tippe mit meinem rechten Zeigefinger auf meine Armbanduhr. Die Tür geht auf. Der Bus ist proppevoll und es ist schweineheiß. Mein film-o-meter-Moderatoren-Jackett wird zur Belastung. Doch niemand wird allen Ernstes von mir verlangen, dass ich in dieser Stadt noch mal ein Taxi nehme. 
Am Eingang der Nanshida erwartet mich Felix, der freundliche Kollege vom Bosch-Lektorenprogramm. Wenig später trifft Frau Chen ein, die Chefin der hiesigen Deutsch-Abteilung, eine frühere Professorin der Uni Nanjing, die den Vortrag für mich organisiert hat. Es erscheinen fast sechzig Studenten. Frau Chen fordert mich heraus, den Vortrag auf Chinesisch zu halten, da Englisch den meisten Anwesenden nicht so geläufig sei und ihr Deutsch auch noch nicht so gut entwickelt. Am Ende wird es ein chinesisch-englischer Vortrag mit gelegentlichen Ausrutschern ins Deutsche. Keine einzige Broschüre bleibt zurück. Selbst die Landkarte von Deutschland, die sich mitten im Vortrag von der Wand gelöst hat, ist am Ende spurlos verschwunden. Mit dem überladenen D1 gibt es kein Wiedersehen: Felix, dessen Unterkunft ebenfalls im Stadtzentrum liegt, und ich werden von einem weit fortgeschrittenen Studenten mit Deutschlanderfahrung und Auto zur nächsten U-Bahn-Station chauffiert.
Neues aus Chicago
Huang Fans Kollegin Danyu ruft mich aus Chicago an, wo sie im dritten Anlauf Theologie studiert. Ich erfahre einiges Neues: Ihre Mutter, die wegen Falun-Gong im Gefängnis saß, ist wieder frei, auch scheinen ihre Eltern nicht mehr an Scheidung zu denken. Sie hat schon wieder einen amerikanischen Verehrer, "Pastor" nennt sie ihn, einen Chinesen, der schon lange in den USA lebt. Trotzdem zögert sie, seine Eheersuchen anzunehmen. Er hat irgendeine Erbkrankheit, die sich auf gemeinsame Kinder übertragen könnte. Ein Problem, das ich vermutlich nicht lösen kann. Ich höre mir trotzdem alles geduldig an. Schließlich hat die leicht neurotische Autorin, die ich im Mai in meinem Gutachten für eine permanente Künstler-Aufenthaltsgenehmigung in den Vereinigten Staaten mit Iris Murdoch verglichen habe, noch die glorreiche Idee, mich in Deutschland zu besuchen. Ich habe zum Glück ja noch neun Monate Zeit, mir zu überlegen, was dagegen spricht. Das Gespräch dauert so lange, dass ich schon im Bus sitze und zufällig an der Wohnung ihrer Eltern vorbeifahre, als sie endlich nichts mehr zu berichten weiß. Ich verbringe den Rest des Tages auf dem Zijin-Berg.
Wiedersehen mit Huang Fan
Nachdem ich gestern, um die letzten Gelder der Kinder-Uni zu verballern, Prof. Wünnemann, dessen Praktikantin Lotta sowie Rebecka Z. vom Rechtsinstitut ins deutsche Restaurant "Swede und Kraut" eingeladen habe (Hauptgesprächsthema: Kakerlaken), gibt es heute nun ein Wiedersehen auf meine Kosten mit Huang Fan, dem Autor, den mir dessen Kollegin Danyu einst vorgestellt hat. Er ist gerade aus Taiwan zurück, wo er drei Monate mit einem Schriftsteller-Stipendium verbracht hat. Er berichtet von hohen Löhnen und niedrigen Preisen und von der englischen Übersetzung einer seiner Kurzgeschichten, die er mir alsbald zuzusenden verspricht. Außerdem erscheint sein bekanntester Roman "Das elfte Gebot" nun auch in einer Taiwan-Ausgabe. Ich überreiche ihm ein Geschenk des deutschen Romanciers Stephan Thome, der mit uns beiden lose befreundet ist: Thomes ersten Roman, den Huang Fan in Taiwan bereits in den Buchläden entdeckt hat.
Ausgetrickst!
"Heute Nachmittag gehe ich zum Xuanwu-See. Hast du Zeit und kannst kommen?" Mit diesen Worten schrieb sich vor einiger Zeit (am 22. Oktober) das Mädchen auf der Bank zurück ins sin-o-meter. Ich habe Zeit. Seit meine Sprachpartnerin Jiakun sich aus meinem Leben gestohlen hat (hat wohl endlich einen Freund gefunden), ist der Sonnabend gewissermaßen vakant. Jetzt treffe ich mich quasi als Ersatz ab und zu mit Huilin. Den heutigen kleinen Wandertag, von ihrer Uni ausgehend durch ein Park-Areal unterhalb des Zijin-Bergs, beschließt sie ziemlich souverän mit einer Einladung zum Essen in einem Restaurant in der Nähe meiner Universität, in dem ich schon mit Liu Chao war. Meine ohnehin eher zaghaften Versuche, das Essen zu bezahlen, sind zwecklos: Huilin hat alles vorher per Internet bestellt und bezahlt. Ausgetrickst auf Chinesisch!
Glückssträhne
Auf Tag folgt Nacht, auf Nacht der Tag, auf Pech folgt Glück: Auch wenn sich die Hoffnung auf klareres Wetter im Nu in Nebel auflöst, als ich aus der Tür meiner provisorischen Bleibe trete, habe ich heute ziemlich viel Glück. Ich wandere noch ein bisschen durch das buddhistische Basislager des Jiuhuashan. Man sieht schon etwas mehr als gestern. Die Tempelanlagen, die gestern nur dunstige Schemen waren, haben jetzt Farben und Konturen. Die schwarzen Piepmätze mit den hahnenkammähnlichen roten Flecken an den Ohren, die in tristen Käfigen vor einem Laden hängen, an dem ich gestern noch gelangweilt vorbeischlenderte, fangen plötzlich an zu reden, dass jeder Papagei vor Neid erblassen müsste. Allerdings ist ihr Wortschatz in Chinesisch noch schlechter als meiner und zu einem richtigen Dialog kommt es auch nicht. Ich wandere noch etwas herum und überlege, wie ich von Jiuhuashan Bahnhof zurück nach Tongling komme, wo ich eine Fahrkarte für den einzigen Zug nach Nanjing um 16.41 Uhr erworben habe. Einen Bus nach Tongling soll es planmäßig erst um 15.50 Uhr geben. Die Sorge, wie ich so früh nach Tongling komme, dass ich rechzeitig am Bahnhof bin, löst sich in Wohlgefallen auf, da es nun plötzlich wie aus dem Hut gezaubert einen Bus um 14.30 Uhr gibt, den ich natürlich sofort nehme. Ich bin zeitig am Busbahnhof und wenig später am Bahnhof. Auf dem Bahnsteig spricht mich ein umtriebiger Chinese aus Maanshan im Norden der Provinz Anhui an, der mich auf unerklärliche Weise an Carsten Kröger erinnert. Wie dieser hat auch mein Begleiter immer was Interessantes zu erzählen: Er kritisiert so laut die Regierung, dass auch die Leute auf den Nachbarsitzen es hören können. Die Nanjinger Hotelangestellte neben mir wagt gar nicht etwas dazu zu sagen. Auch ihr Reisebegleiter, ein Student, hüllt sich in Schweigen und freut sich über jede Art von Themawechsel. Inzwischen findet unser eloquenter Reisegefährte doch noch ein paar gute Seiten an China. Er selbst ärgert sich, dass er erst eine Wohnung kaufen muss, ehe er seine Freundin heiraten und mit ihr nach Hefei ziehen kann. In Maanshan steigt Carsten Krögers Doppelgänger dann aus und es wird fast ein bisschen langweilig. Für die anderen. Ich komme dagegen doch noch ein bisschen zum Lesen.
Die Reise nach Tongling
Heute fällt wegen der chinesischen Variante der Bundesjugendspiele mein Unterricht aus. Ich nutze die vier aufeinanderfolgenden unterrichtsfreien Tage für eine Stippvisite auf dem Jiuhuashan (Neunblumenberg) in der Nachbarprovinz Anhui, drei Zugstunden entfernt. Gestern bin ich nur bis Tongling gekommen. An einem Bahnhof, der draußen vor der Tür der eigentlichen Stadt liegt, fühlte ich mich zunächst wie bestellt und nicht abgeholt. Doch es gelang mir rasch, herauszufinden, dass Bus 2 und 16 in die Stadtmitte führen. Weiter zum Fuß des besagten Berges, wo man in gelbe Touri-Busse verfrachtet wird, die dreißig Yuan extra kosten, ging es aber gestern nicht mehr. Dafür muss ich heute früh raus, denn der Bus fährt schon um sieben. Neben mir sitzt ein junger Arzt, der in einem kleinen Ort in der Nähe Dienst in einem Krankenhaus tut. Wie auf Kommando - "Achtung, Didus im Anmarsch!" - trübt sich nach heiterem Wetter während der gestrigen Anreise der Himmel umso mehr ein, je näher ich dem Wunschziel komme. Und so sieht es lange Zeit so aus, als sollte ein völlig verwahrlost aussehender Landstreicher, der an einem öffentlichen Gebäude herumlungert und nur mit einem schlafsackähnlichen Umhang und einer zerschlissenen Hose bekleidet ist, durch die man ca. 64 Prozent seines blanken Hinterteils sieht, die spektakulärste Aussicht heute bleiben. Denn als ich an dem Ausgangspunkt aller Unternehmungen in diesem buddhistischen Natur- und Kulturpark, einer von Klöstern und Touristenunterkünften geprägten Siedlung, ankomme, hüllt mich dichter Nebel ein. Zehn Meter Sichtweite. Man sieht schemenhafte Konturen aus den wabernden Schleiern auftauchen, was ja auch mal interessant ist, aber für 160 Yuan (ca. 35 Mark) Eintritt dann doch bisschen wenig. Da kann man im Grunde auch gleich wieder umkehren!
Vom wilden Affen gebissen!
Ratlos und ziellos wandere ich die Straße bergan, als plötzlich ein Auto neben mir hält. Ein bereits mit drei Leuten bestücktes Privattaxi wird nicht müde, mich davon zu überzeugen, dass es am besten für mich wäre, mal rasch einzusteigen. Es ist nicht schwer, meine naturgegebene Skepsis zu überwinden. Wir rasen empor, durchstoßen die Wolkendecke, was mich kurz hoffen lässt, landen dann aber doch wieder unter ihr. Der Chauffeur bringt mich zu einem Punkt, an den mich der gelbe Bus auch noch gebracht hätte, wenn es mir vergönnt gewesen wäre, in dieser Suppe den Durchblick zu behalten. Doch die drei Löcher für drei Busfahrten sind mir entgangen und ich habe zehn Yuan extra gezahlt. Dafür zeigt man mir freundlich, wie ich von der Sammelstelle Phönix, wo ich mich nun eingefunden habe, nach ganz oben komme. Der Gebirgspfad, auf dem ich wie üblich nicht ganz allein unterwegs bin, windet sich durch vom Klosterleben geprägte Siedlungen, die Treppe führt nicht selten durch die Häuser hindurch, sodass man auch gleich ein paar Souvenir angedreht bekommen kann, wenn man nicht Dr. Didus heißt. Unterwegs posiere ich ab und zu für junge Wanderleute. Doch eine Horde wilder Rhesusaffen, die sich zwischen dem ins Tal fließenden Bach, einem Kabel und Gebüsch hin- und herschwingen, ehe ein Tourist sie mit Mandarinen anlockt, stehlen mir die Schau. Das kann ich nur schwer ertragen. Also bringe ich mich rasch wieder in den Mittelpunkt, indem ich den sich an den Südfrüchten gütlich tuenden Affen bitte, mir doch auch was abzugeben. Als ich mich nähere, ist der Affe auf einmal wie vom wilden Affen gebissen und springt mir kreischend ans Knie. Da kramen sogar ältere Touris ihr verstaubtes Englisch wieder hevor, um mich zur Vorsicht zu mahnen. Der wilde Affe hat sich aber schon wieder beruhig und ich ziehe weiter. Ich habe noch Äpfel im Gepäck, die ich auch nicht teilen werden. Am höchsten Punkt des Aufstiegs ragt ein Kloster auf einem der Felsen malerisch empor, das "Tim im Tibet" alle Ehre machen würde. Der Ort heißt Tiantai ("Himmelsterrasse"). 
Leider hat inzwischen Regen eingesetzt und so klare Sicht wie auf dem Postkartenmotiv oben habe ich natürlich nicht. Doch ab und zu treiben Abwinde die Wolkenschwaden hinfort und geben den Blick auf die Hänge unterhalb frei. Ich lasse das Kloster hinter mir und wandere weiter. Es lohnt sich, denn auf dem Weg zur "Blumenterrasse" durchquere ich eine immens schmale Felsspalte und sehe auch noch das berühmte Buddha-Gesicht (ein Felsen, der, aus der richtigen Perspektive betrachtet, aussieht wie ein Gesicht mit Nase, Augen und Brauen). Ein Lob, muss ich denken, meinem Ausstatter Jack Bröselskin, dem ich die unverwüstliche "Postbüx" und die nicht minder unverwüstliche "olle Lederjacke" verdanke. Vor allem die olle Lederjacke bietet immer wieder Schutz vor dem feuchten Nass von oben. Inzwischen bin ich übrigens mutterseelenallein im Gebirge unterwegs und fühle mich ein bisschen wie der Held aus "127 Stunden", dem letzten Film meines früheren Interview-Partners Danny Boyle. Beim Abstieg werde ich dann doch noch für meine Strapazen entlohnt: mit einer wahrhaft himmlischen Panorama auf die umliegenden Hänge des Jiuhaushan, deren Spitzen aus einem weißen Nebelschleier herausragen, dessen Anblick einem den Atem raubt. Hinzu kommt die Farbenspiel des Herbste mit gelb-braunen Tupfern im Grün der Berge. Ich staune so lange, dass ich reichlich spät wieder unten bin. Aber ich bin gar nicht unten. Ich bin in einer vom Nebel verhüllten Siedlung, in der ich prompt den Weg verliere und plötzlich in einer Waldlichtung stehe, in der ein paar gefällte Bäume alles sind, was hier noch an einen Wanderweg erinnert. Ich muss wieder zurück in die Spur. Aber das ist leichter gesagt als getan bei einer Sichtweite unter zwanzig Metern! Ein Klappern. Da irgendwo ist Leben in dieser verlassen wirkenden Siedlung. Doch das Klappern rührt von einer Wasserwippe im Bach, die oben voll läuft und dann mit einem Klappern nach unten kippt, sich dort entleert und wieder hochschwingt. Die kann mir nicht aus der Patsche helfen. "Nur nicht die Nerven verlieren", sage ich mir, "es ist doch unmöglich, dass ein Touristenwanderweg im Nichts endet. Tatsächlich stoße ich, als ich den Weg zurückgehe, eine asphaltierte Straße, die von Laternen gesäumt ist. Nun kann der Weg in die Zivilisation nicht mehr weit sein. Ich lande in einer Tempelsiedlung, die zugleich Abfahrtsort der gelben Busse ist. In dem Nebel finde ich die zwar erst, nachdem ich mich bei einem der verstreuten Touristenrudel erkundigt werde. Wenige Minuten vor fünf besteige ich den letzten Bus von hier, der dann auch um fünf pünktlich abfährt - mit mir als einzigem Gast. Ich finde eine Herberge, deren Betreiberin mich ständig anschreit und auch sonst wenig geübt darin zu sein scheint, ihren Gästen Wünsche von den Augen abzulesen. Immerhin ist das Hotelzimmer auch nicht teuer (umgerechnet 16 Mark) und nachdem ich eine Weile gezittert und dreimal darum nachgesucht habe, trifft auch endlich die Fernbedienung für die Klimaanlage ein. Ich wandle auf MacGyvers Spuren und befestige in Ermangelung von Kleiderbügeln mit einem Kugelschreiber meine völlig durchnässten Socken an der Klimaanlage, sodass der warme Strahl sie über Nacht trocknen kann. Die Kleidung zum Wechseln liegt im Tal in der Gepäckaufbewahrung an der Busstation.

Unser heutiger ganz besonderer Gaststar
Man braucht nur irgendeine verschrobene Idee, nennt das Kunst und schon fährt man damit durch die Weltgeschichte. Das war so ungefähr der Wortlaut eines Kommentars meiner Psychologie-Kollegin Annette, als sie heute Mittag in der Bibliothek von unserem heutigen - wie hieß das in der Muppets-Show? - "ganz besonderen Gaststar" Ottjörg A.C. hört. In der Mupptets-Show hätte der extravagante Künstler, der äußerlich an den "großen Lebowski" erinnert und mit dem im Gefolge die Institutsleiterin heute nach meinen Vormittagsstunden den Hörsaal stürmt, sicherlich eine gute Figur gemacht. In aller Kürze: Ottjörg (Vorname? Nachname? Künstler!) tourt durch die Weltgeschichte zur Anfertigung und späteren Präsentation farbiger Tiefdrucke von Kritzeleien auf Schülertischen. Seine zentrale These: Tischkritzeleien haben was Globales. Als ich gegen elf seinen Dia-Vortrag verlasse, um die Bibliothek zu öffnen, bremst er mich: Moment! Nicht ohne sein Kunstbuch Deskxistence, das ich natürlich gern in den Bestand meiner Bücher aufnehme. Den Rest des Vortrags kann Benno für mich verfolgen, der zuvor in der Absolventenklasse, ebenfalls als Gaststar, von seinen Erfahrungen mit dem Magisterstudiengang Literatur- und Kulturtheorie in Tübingen berichten durfte.
Der große Tag
Lieber Professor von Ye Siyuan (Benno), bei diesem Eintrag handelt es sich um den Blog von Dr. Mehrens, der mit Benno zusammen die Kinder-Uni auf die Beine gestellt hat. Dieser Text entstand für eine DAAD-Publikation und wurde von mir überdies Benno für seinen Praktikumsbericht zur Verfügung gestellt. Es handelt sich bei Siyuans Bericht also mitnichten um eine Kopie aus dem Internet.
Nanjing (Bericht des sin-o-meter-Korrespondenten). Mit zwei Fachvorträgen zu ökologischen Fragestellungen trug sich die Universität Nanjing nach Schanghai und Wuhan in die Liste der Hochschulstandorte ein, die im Rahmen der DuC-Nachhaltigkeitsinitiative Ausrichter einer Kinder-Universität wurden. Das Programm stieß auf beachtliche Resonanz. 
Da staunten auch die altehrwürdigen Gemäuer der Universität Nanjing nicht schlecht, als an einem sonnigen Samstag mitten im goldenen Oktober fast achtzig Kinder zwischen 13 und 16 Jahren einen ihrer Hörsäle stürmten, um an der ersten an dieser Universität veranstalteten DuC-Kinder-Uni teilzunehmen. Unter dem Motto Umwelt in Bewegung setzten der Kinder-Uni-erprobte Leiter des Schanghai-Hamburg-Büros Lars Anke und der frisch gebackene National Friendship-Preisträger Prof. Dr. Bernd Wünnemann die inhaltlichen Akzente. Anke, der unter dem Titel Umweltfreundliche Stadtentwicklung in anschaulicher Form Chancen und Vorteile des ökologischen Wohnungsbaus erläuterte, gehört zu den Pionieren der Kinder-Uni-Arbeit in China und hatte bereits der Kinder-Uni in Schanghai 2010 in Verbindung mit der EXPO seinen Stempel aufgedrückt. Auch der mit der höchsten von der Regierung der Volksrepublik China an Ausländer zu vergebenden Auszeichnung geehrte Geo-Wissenschaftler Wünnemann war in Schanghai bereits als Kinder-Uni-Referent im Einsatz. Der deutsche Langzeitdozent für physische Geografie prägte nach einem Buffet auf Einladung des sin-o-meter, bei dem die Kinder sich im Anschluss an den anspruchsvollen Vortrag von Lars Anke stärken konnten, das Nachmittagsprogramm mit dem Themenschwerpunkt Trockenheit in China – eindrucksvoll und laiengerecht erläutert. Beide Vorträge honorierten die Schüler mit interessierten Nachfragen. Vor allem die sie unmittelbar betreffenden Informationen zum Wassermangel in China fanden im Anschluss an Prof. Wünnemanns Vortrag beachtlichen Widerhall unter den jugendlichen Gästen, womit sich erwies, dass ein Vortrag zum Thema Wüstenbildung noch lange kein trockenes Programm bedeutet.

Für das Rahmenprogramm hatte Kinder-Uni-Direktor Dr. Didus mit tatkräftiger Unterstützung von Prof. Dr. Chen und einiger jüngerer Kollegen des Universitätsinstituts für deutsche Philologie, deren Leiterin Frau Prof. Yin die Kinder-Universität gewohnt souverän eröffnete, sowie des eigens für die Veranstaltung eingestellten Assistenz-Projektmanagers Ye "Benno" Siyuan (Absolvent der SISU in Schanghai) einigen Aufwand betrieben, um die Deutsch-Schüler zu beeindrucken. Neben gemeinsam für die Kinder-Unis Wuhan (am 14. Okt.) und Nanjing (15. Okt.) hergestellten Kinder-Uni-T-Shirts, DuC-Mützen und -Schlüsselanhängern gab es ein extra für die Kinder-Uni produziertes Bändchen mit einer Erzählung von Friedrich Schiller, des berühmten Jenaer Hochschullehrers, mit dem in Ergänzung zu einer Sonderseite im Programmheft dezent auf die Vorzüge ostdeutscher Hochschulstandorte aufmerksam gemacht wurde. Hintergedanke: Programmhefte mögen eine eher kurze Lebensdauer haben, einen Schiller dagegen wirft man nicht so rasch weg.

Auch die örtlichen Medien waren auf die Veranstaltung aufmerksam geworden: Am Vormittag erschien die Kameramannschaft eines Jiangsuer Provinzsenders mit pädagogischem Schwerpunkt zu Dreharbeiten. Kinder-Uni-Chef Dr. Didus stand in einem Interview Rede und Antwort zur Idee der Kinder-Universität und zu den Vorzügen des Hochschulstandortes Deutschland. In Anbetracht des insgesamt außerordentlich positiven Verlaufs dieser zweisprachig durchgeführten Veranstaltung war umso mehr zu bedauern, dass Vertreter des Generalkonsulats Schanghai sowie hohe Vertreter der Universität Nanjing aufgrund anderweitiger Verpflichtungen nicht persönlich zugegen waren. Der Leiter der Abteilung Kultur und Bildung des Generalkonsulats Schanghai, Wilfried Eckstein, richtete sich jedoch in einem Grußwort an die jungen Gäste, das Didus verlas.

Ein Ratespiel im Stil der legendären ZDF-Kindersendung "Eins, zwei oder drei" auf schwarz-rot-goldenen Lösungsfeldern, ein Wettrennen zum Auftakt des Nachmittagsprogramms, bei dem die traurige Geschichte der durch eine Baumaßnahme aus ihrem Heimat-Biotop vertriebenen Waldtiere Karl (Käfer), Lydia (Ameise) und Thekla (Spinne) erzählt wurde, sowie jede Menge Kinder-Joy-Überraschungseier rundeten das Programm ab, an dessen Ende die hoch erfreuten Teilnehmer mit speziellen Kinder-Uni-Diplomen in deutscher und chinesischer Sprache den Titel einer "Diplom-Nachwuchskraft für Umweltfragen" zuerkannt bekamen. Gerüchteweise war aus dem Umfeld der Organisatoren zu vernehmen, dass sich nach Abschluss der Veranstaltung in den Privatgemächern des Dr. Didus der Konsum von Produkten der Marke "Kinder" vervielfacht hat.

Der Teufel im Detail
Und nun doch noch eine dicke Pleite. Benno, mein Bote, frisch aus Wuhan zum Werbeartikel-Austausch (unsere Mützen hin, T-Shirts und Schlüsselanhänger aus Wuhan her) zurück, präsentiert die T-Shirts, deren Entwurf auf mich zurückgeht. Doch statt Veranstaltung steht auf dem Rücken Vetanstaltung und statt Kinder-Universität Kinder-Uniuersität. Ich rufe sofort in Wuhan bei der Kollegin an und die stellt erbittert fest: Die Druckerei hat die korrekten Entwürfe eigenmächtig geändert und natürlich von deutscher Rechtschreibung keinen Schimmer. Erschwerend kommt hinzu: Die (in Wuhan ausgetauschte) Schreibschrift machte einige Buchstaben leicht verwechselbar. Während Benno die Taschen mit den Werbematerialien sowie den von mir erstellten Programmheften (inklusive eines kleinen Schiller-Büchleins, das ich herausgebe) füllt, arbeite ich in der Bibliothek weiter. Morgen müssen noch Kinder-Überraschungseier für das Quiz "Eins, zwei oder drei" gekauft werden. (Die heißen hier übrigens "Kinder-Joy" und bestehen aus zwei Hälften: eine Hälfte ist Spielzeug, die andere besteht aus braun-weiß gestreifter "Schoko-Mac"-Krem, die man aus der Eierschale schaben muss und in der zwei "Giotto"-Kugeln kleben.) Und mehr und mehr kristallisiert sich heraus: Kinder-Uni – das ist wie Weihnachten und Ostern am selben Tag!
Am Abend schmökere ich in einem Exemplar der fertig gedruckten Programmhefte und stelle fest: Bei "umweltfreundlich" fehlt das i. Ich erleide umgehend einen mittelschweren Nervenkoller, denn ich bin, quasi in Personalunion, Chefredakteur, Chef-Designer, Chefautor und Herausgeber des Programmhefts.
Nachwuchkraft
In letzter Sekunde, beim Schließen des Dokuments, bevor es Benno morgen in Druck gibt, bemerke ich den Fehler: Da fehlt das s bei "Diplom-Nachwuchskraft für Umweltfragen" auf den Urkunden, die am kommenden Sonnabend am Ende der von mir veranstalteten Kinder-Universität verliehen werden sollen. Inzwischen wissen wir, dass weder ein Vertreter des Generalkonsulats aus Schanghai noch ein hoher Repräsentant der Universität Nanjing zugegen sein werden bei der Eröffnung am Sonnabend Vormittag. Das entspricht nicht den Wünschen der Pekinger Chefetage des Akademischen Austauschdienstes, aber mir persönlich macht das gar nichts aus. Je weniger hohe Tiere, desto mehr bin ich der Chef.
Morgenstund' hat Mist im Mund
Daran könnte sich Deutschland mal 'ne Scheibe abschneiden: Fällt hier der Feiertag auf einen Sonnabend oder Sonntag, ist der Montag danach frei. Anlässlich des heiligen Nationalfeiertags am 1. Okt. sogar Montag bis Mittwoch. Dass dann aber auch noch Donnerstag und Freitag frei sind, dafür aber am darauf folgenden Wochenende gearbeitet werden muss, ist indes schon wieder des Guten zu viel. Sonntags ist mein Bio-Rhythmus nämlich voll auf Wochenende und GoDi eingestellt. Zum Glück habe ich aufgrund einer Vorahnung zwei Wecker gestellt, sonst hätte ich heute mal wieder verschlafen. Ich muss die U-Bahn nehmen, der Uni-Bus ist schon weg. 7.04 Ortszeit. Ein vor dem Eingang zur U-Bahn rechts abbiegendes Moped fährt mich an und die blinde Tussi beschimpft mich. Ich unterlasse es, einem spontanen Impuls folgend das Moped samt Fahrerin in Grund und Boden zu treten. Denn wer neue Schuhe anhat, tritt damit bekanntlich nicht in den Mist, wie eine bereits andernorts zitierte chinesische Spruchweisheit lautet.
Pâtes zum Tag der deutschen Einheit
"Pâtes" nennt mein französischer Kollege Alain das Gericht eines offenbar uigurischen "Gastarbeiters", in dessen Straßenrestaurant in einer kleinen Gasse jenseits der Hauptstraße er am Vormittag ein paar Fotos geschossen hat. Zur Feier des Tages lädt er mich auf einen Teller "Pâtes" ein. Es handelt sich dabei um selbst hergestellte Nudeln etwas gröberen Zuschnitts. Nach einem üppig gefüllten Teller bin ich papp-, äh, pâte-satt! Ich nutze die Gelegenheit und engagiere Alain spontan und quasi so nebenbei als Pressefotograf für die Kinder-Universität in knapp zwei Wochen. Sein erster bezahlter Auftrag, jubelt Alain.
Nationalfeiertag
Am heutigen Nationalfeiertag nehme ich mir ein Boot. Nachdem ich vor einem Jahr mit der entzückenden Jianqing (Foto) und im Sommer mit der weitaus weniger entzückenden Danyu über den Xuanwu-See geschippert bin, nehme ich mir diesmal ein Boot ganz allein für mich (was alles in allem wesentlich entspannender ist) und schippere, da der Xuanwu-Hu heute fest in der Hand von Touristen sein dürfte, für den Sonderpreis von 50 Yuan eine Stunde über den Mochou-See. Ich mache kurz Halt an der verlassenen Mini-Insel, die offenbar früher als Ausflugsziel galt, denn in der Mitte steht ein halb verfallener Pavillon. Während die Dämmerung den Hochhaus-Horizont graut eintönt, lege ich in der Nähe der U-Bahn-Haltestelle Mochou-Hu wieder an. Den Rückweg trete ich zu Fuß an und stelle mal wieder fest, dass nachts alle Straßen grau sind. Am Ende sitze ich doch in der U-Bahn und bin eine Stunde später zu Hause als geplant.

Die Rückkehrer

Nachdem das Essen im Campus-Restaurant, das ich von meiner Wohnung aus in einer halben Minute erreichen kann, letzte Woche wegen der Verspätung der Reisenden aus Peking bekanntlich ausfallen musste, hole ich das heute nach. Eingeladen habe ich dazu den scheidenden Austauschschriftsteller Kai Weyand und die von mir ein Jahr lang vermissten Studentinnen des Jahrgangs 06, von denen immerhin eine, Xiaochen, jetzt frisch vergeben, auch schon in Großenaspe war (Foto). Was keiner ahnt: Gleich im Nebenraum tafelt, ohne mein Wissen, das Kollegium mit einigen deutschen Gästen. Ich mache gleich klar: "Aber Weyand kommt zu uns!" An der Uni verblieben sind, nach einem Jahr in Deutschland oder anderswo, Lingli alias Biggi, Lijie, Xiaochen, Ruilu, Xuehui, Liu Min sowie (leider abwesend) Siqiao. Da das ja nun alles Mädchen sind, tue ich mich nicht schwer noch einen als Gaststar angekündigten Studenten hinzuzubitten: Benno, meinen Assistenz-Projektmanager. Der kennt Ruilu und Biggi aus Deutschland.
Sie alle lasse ich erzählen von den prägenden Eindrücken nach einem Jahr Deutschland, und was ich bekomme, sind Berichte aus Griechenland, Spanien und Norwegen, wohin es Lijie und Xiaochen ausgerechnet um die Zeit des Osloer Bombenanschlags verschlagen hat, woraufhin Lijie sofort wieder abreisen wollte, was eine immer entspannte Xiaochen gar nicht einzusehen vermochte. In Barcelona wurde Xiaochen Opfer eines Taschendiebes. Die geklaute Tasche tauchte aber wenig später, da nichts von bleibendem Wert drin war, auf nicht mehr ganz zu klärende Weise wieder auf. Viel zu sehen gab es freilich nicht; die Innenstadt war gesperrt. Schließlich berichtet Kai von seinem stärksten Eindruck: dem Besuch des Massaker-Museums.
Zu Besuch bei Kaisers
Student Xu Wen, von mir vor einer Weile mit einem Buch von weltgeschichtlicher Größe ausgestattet, hat mich zu einem kleinen Wandertag eingeladen. Mit von der Partie ist ein Student der Naturwissenschaften. Verblüffenderweise stoßen wir im Ming-Gräber-Park, einem etliche Quadratkilometer großen Areal, das ein Mausoleum für verschiedene Kaiser der Ming-Dynastie (14. bis 17. Jahrhundert) beherbergt, auf lauter Bekannte: Erst kreuzen am Rande des "Heiligen Pfads" mit den zwölf Tierskulpturen (Foto) Spitzenstudent Zhou Rui und die umtriebige Meiling mit ihren deutschen Sprachpartnern unseren Weg.

Danach ertappen wir Changting und Chen Ling (ebenfalls aus dem Abschlussjahrgang) beim Picknick mit zwei Damen aus einer Delegation der Partner-Universität Göttingen: alle zu Besuch bei Kaisers.
Endstation ist der Zixia-Badesee. Ein rarer Anblick: lauter Chinesen, die schwimmen können. Während der kurzen Rast am See werde ich prompt zum Opfer blutgieriger Moskitos, was uns zum raschen Aufbruch nötigt.
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