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Sonntag, 29. November 2009

EU-China-Gipfel blockiert Christen in Nanjing
Von DM, 23:59

Wegen der Hitze im Express-Zug von Peking bin ich so gerädert, dass ich mich zu Hause erst mal ins Bett hauen muss. Dabei wäre heute die Chance gewesen, endlich mal pünktlich zum GoDi zu erscheinen. Daraus wird aber doppelt und dreifach nichts. Denn nachdem ich mich endlich gequält erhoben und mit Bus Nr. 100 zum Hotel Ramada begeben habe, finde ich lediglich Lydie, die Gabunerin aus meinem Hauskreis, vor, die überall im fünften Stock, wo wir uns sonst treffen, Hinweise plakatiert, dass wir uns leider heute woanders treffen. Grund ist der EU-China-Gipfel mit Barroso und Co. Dass die sich ausgerechnet hier treffen müssen!... Mit Bus Nr. 100 fahre ich zurück, aber der hält erst in Xinjiekou, so dass ich einen Kilometer wieder zurücklaufen muss. Da ist der GoDi dann auch schon halb vorbei. Das hat man von einer EU, die auf den Gottesbezug in der Verfassung verzichtet: keinen Respekt vor den wirklich wichtigen Gipfeltreffen!

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Samstag, 28. November 2009

Advents-Botschaft
Von DM, 23:59

Die Tagung ist vorbei, ich sitze in der Lobby des vornehmen Peking-Hotel an jener U-Bahn-Haltestelle, zu der Liu Chao mich bestellt hat, an der ich aber nicht lange rumstehen und frieren wollte. In der Lobby des Vorzeigerestaurants mit einer Eingangshalle so lang wie ein Schwimmbad steht sie dann plötzlich hinter mir. Ich habe ihr versprochen, dass sie mich einladen darf und ich ihr das Portmonee leer esse, weil sie im April in meiner Wohnung alle meine Joghurts verspeist hat. Naja, ganz setze ich das nicht in die Tat um. Anschließend will Liu Chao unbedingt in die Botschaft, denn auf deren Gelände findet ein Weihnachtsbasar mit Chorsängern in langen Kutten und vielen typischen Weihnachtsmarktständen – Verkauf für einen guten Zweck, klar – statt und ihre Firma, Siemens Hochgeschwindigkeitzüge, ist natürlich auch mit ein paar Mitarbeitern vertreten. So lerne ich am Nachmittag ihren neuen Chef kennen. Auch Andreas und Katja, den Pekinger Kollegen, laufe ich über den Weg. Dabei waren wir beide erst vor vier Tagen Gäste der Botschaft, bei einem eigens für die Konferenzteilnehmer organisierten Empfang. Mit Mühe kann ich Liu Chao ausreden, dass ich ihr einen Adventskranz kaufe, dafür muss ich ihr aber Baumkuchen und Adventsschokolade spendieren, denn ich habe die Schokolade aus Deutschland, die ich ihr versprochen hatte, in Nanjing vergessen. Liu Chao kauft auf meine Empfehlung noch ein Reader's Digest Auswahlbuch, weil die so gut verdaulich sind, und danach wandern wir zu Fuß die lange Allee entlang, an der die Botschaft liegt, bis wir an einer U-Bahn-Station stranden. Dort sagen wir tschüs. Sie fährt nach Tangshan zurück, ich ins Hotel, lese noch etwas und breche dann auf zum nagelneuen Pekinger Südbahnhof, wo es statt Bahnsteigen Terminals gibt und damit die Gemeinsamkeiten mit einem Flughafen noch lange nicht enden. Dafür ende ich: im total überhitzten Erste-Klasse-Schlafwagenabteil des Schnellzugs nach Nanjing. Da Liu Chao mich kennt, muss ich ihr eine SMS senden, sobald der Zug sich in Bewegung gesetzt hat. Nach dem Tropenaufenthalt in der Vier-Mann-Kabine werde ich morgen, am 1. Advent, früh um 6 total unausgeruht in Nanjing eintreffen.

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Freitag, 27. November 2009

Schnappi, das kleine Krokodil
Von DM, 23:59

Albert geht's nicht so gut. Er konnte ca. eine halbe Stunde vor Beginn des Abschlussbanketts nicht widerstehen und hat sich auf der Straße einen Fleischspieß gekauft. Jetzt ist ihm nicht mehr so nach Essen. Er legt sich mit Magenbeschwerden ins Bett. Nach dem Essen beschließen Alberts muntere Kollegin Ursula sowie Julia, Festplatten-Frank aus Chongqing und andere, denen nicht nach Nachtklub oder Tanzlokal zumute ist, dass wir den Abend in irgendeiner kleinen Klitsche mit einer großen Kniffel- und Uno-Spielrunde ausklingen lassen. Erst muss ich aber überredet werden, dass das eine gute Idee ist. Kneipen notorisch abhold wollte ich nämlich lieber in der Hotel-Lobby bleiben, statt andernorts fremden Nikotinqualm zu inhalieren. Als ich Festplatten-Frank nach fünfzehn Minuten Wanderung durch die Eiseskälte von Peking bereits damit in den Ohren liege, dass ich gleich umkehren werde, stoßen wir in Uni-Nähe auf ein Eckchen wie für uns gemacht. Der kleine Schuppen mit nur drei, vier Tischen ist tatsächlich auf Spielabende spezialisiert und die Betreiber schauen uns so gebannt zu, dass sie ganz vergessen uns nach unseren Bestellungen zu fragen. Eine bildschöne Aushilfskellnerin sorgt dann doch noch für die Bedienung. Ursulas heiße Schokolade erweist sich jedoch als Flop: Sie wurde mit Wasser statt mit Milch zubereitet. Zuvor hat die schöne Kellnerin im Kneipen-Computer bereits so zielsicher nach deutschem Liedgut gefahndet, dass nun „Schni-schna-Schnappi, das kleine Krokodil“ unsere Ohren betäubt. „Oh“, rufe ich auf Chinesisch den Leuten am Tresen zu, „ein deutsches Lied!“ und wirke dabei so was von begeistert. Meine Mitspieler werden mich dafür noch mit Blicken zu töten versuchen, denn ab sofort läuft Schnappi als Endlosschleife. Mir egal, ich habe eine Glückssträhne. Nach dem Kniffel-Minusrekord vor zwei Tagen auch überfällig! Schließlich findet die Kellnerin mit den guten Internet-Kenntnissen auch noch ein Lied von Rammstein. Da war Schnappi ja fast noch besser! Am Ende lassen wir sie noch einige Runden Uno mitspielen. Sie scheint die Regeln allein durch ihr augenfällig neugieriges Zusehen gelernt zu haben.
Als wir nach Mitternacht am verriegelten Südtor erscheinen, entschließe ich mich zum Sprung über den Zaun und bin etwas früher im Bett als der Rest, der lieber einen Umweg macht. Alberts Magen hat sich unterdessen gut erholt und die Korrektur vieler Klausuren zugelassen.

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Donnerstag, 26. November 2009

Schnecken in pikanter Soße
Von DM, 23:59

Das Mittagessen lasse ich immer ausfallen. Meinem Dehn- und Streckmagen reicht ja eine üppige Mahlzeit am Tag. Ursula, die zweite Konferenzteilnehmerin aus meiner früheren Uni YUST, macht sich schon Sorgen. Dazu ist kein Grund. Nachdem ich gestern mit ihrem Chef bin ich heute mit Christina und Silvia alias Chunji (siehe sin-o-meter-Eintrag vom 5. Oktober) verabredet. Ich bin fast pünktlich, doch an der riesigen U-Bahnstation Xidan verliere ich die Orientierung. Chunji ist am Mobiltelefon und eigentlich weiß ich auch, wo sie steht, aber nachts sind bekanntlich alle Straßen grau. Und irgendwie muss eine von den vier Fußgängerbrücken hier über der Hauptstraße neu sein. Ich bin dann doch noch halbwegs pünktlich, das ist auch gut so. Denn Chunji war die letzten vier Tage krank, da soll man ja nicht so lange in der Kälte herumstehen.Christina hat ein vornehmes Restaurant in der Nähe ausgesucht und da trudeln wir dann via Fahrstuhl ein. Christina diagnostiziert mir mit dem ihr eigenen Charme, dass die Jahre nicht spurlos an mir vorüber gegangen seien, seit ich sie bei ihrer Abschlussfeier 2004 zum letzten Mal gesehen habe. Sie selbst sieht besser aus denn je, damenhafter, das Kassengestell von eins ist einer Designer-Brille gewichen (soweit ich das beurteilen kann). Und Heiratspläne haben beide auch schon, also nicht nur Heiratspläne, sondern auch den dazu passenden Mann: Nächstes Jahr und übernächstes Jahr soll geheiratet werden. Sogar ein Wohnungskauf in der Nähe der neuen U-Bahn ist bei Christina schon so gut wie unter Dach und Fach. Der Mann scheint eine gute Partie zu sein: „Er behandelt mich gut“, erklärt Christina mit Silberblick. Also, die teurere Brille und die elegantere Kleidung scheinen gewirkt zu haben. Christina gelingt es dank ihrer Beredsamkeit sogar, mich dazu zu bewegen, eine der Schnecken zu probieren, die sie mir als Köstlichkeit anpreist und die sie vor meinen Augen geschickt mit einer Spezialzange aus dem Häuschen holt, dann in zwei Teile zerfetzt - den unteren, schwarzen Teil (das sind wohl die Gedärme), den könne man nicht essen - und dann eine nach der anderen genüsslich verspeist. Chunjji und ich ahmen also die geschickten Handgriffe nach und probieren auch eine Schnecke, aber es bleibt dann auch bei der jeweils einen. Nebenbei lerne ich das Idiom "man de xiang woniu yiyang" ("lahm wie eine Schnecke") und so esse ich auch. Das Tier schmeckt eigentlich nur nach der Sauce, in der es an- bzw. zu- oder auch hingerichtet wurde.

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Mittwoch, 25. November 2009

Verschüttgegangen
Von DM, 23:59

Am dritten Tag der Konferenz ist Ausflugszeit: Ein Bus bringt uns Hochschullehrer erst zu geheimnisvollen Eunuchen-Gräbern der Ming-Dynastie, in denen aber keiner mehr liegt, dafür liegt eine Mumie im musealen Ausstellungsraum nebenan, die zwar nicht so gut erhalten ist wie Mao, der vor allem besser gekämmt ist, aber die Zähne sind noch ganz gut. Es ist eines der älteren Viertel, in denen wir bei frostigen Temperaturen unterwegs sind (unten im Grab war's wärmer). Es sieht so aus, „wie man sich China eigentlich vorstellt“, bemerkt einer der Kollegen treffend. Es geht zu Fuß in einen Tempel, der einen Steinwurf entfernt liegt. Ich unterhalte mich unterwegs mit Julia, die als Deutsch-Lektorin im Auftrag der Bosch-Stiftung in Guilin tätig ist, dem Tor zu den legendären Karst-Bergen im Süden. Eigentlich wollte sie ja Polizistin werden, weil das im Fernsehen immer cool rüberkommt, aber das habe ihr Vater ihr so lange madig gemacht, bis sie nun Deutsch-Lehrerin geworden sei. Der Papa ist aber immer noch unzufrieden, denn das sei ja auch nichts Richtiges. Dafür ist sie verheiratet, aber ihr Mann ist momentan nicht da. Als wir an der Mauer des höchsten Pavillons der Anlage stehen, sehen wir nichts von der Stadt unter uns. Alles liegt hinter grauer Nebelsuppe. Beim Abstieg zeige ich der Kollegin Claudia, die auf der Konferenz mehrfach durch laute Zwischenrufe auffällig geworden ist, rasch das Klo. Ich selbst bewundere das Hündchen, das davor liegt. Dann sind auf einmal alle weg. Und wir wissen nicht genau, wo der Bus steht. Also gehen wir erst mal so los. Ich erfahre, dass sich der Professor, der gestern über Herta Müller referiert hat, schon über ihren Zwischenruf beschwert hat, was ihr gar nicht behagt. Ich sage: „Du bist manchmal etwas undiplomatisch.“ Außerdem erfahre ich, dass Claudia mit sechs Fingern an einer Hand geboren wurde und der, als sie klein war, abgebunden wurde, bis er abfiel. Das scheint Claudia bis heute nicht ganz verkraftet zu haben oder dass ihre Mutter das nicht so gut verkraftet hat, hat sie nicht so gut verkraftet. Die hielt den Finger für ein böses Omen. Oder so. Jedenfalls frage ich jetzt erst mal bei einem Laden an der Ecke, ob man hier eine Horde Langnasen gesehen habe. Ein Obstverkäufer mit Wagen erinnert sich und weist die Richtung, aus der wir kamen. Aber Claudia scheint von dem Verlassenwordensein so traumatisiert zu sein, dass sie wieder Richtung Tempel gegangen ist. Ich entscheide, dass es klüger ist, jetzt erst mal Anschluss zu halten. Claudia holen wir dann später. Ich nehme meinen Tempo-1-Wanderschritt auf und stoße wenig später auf den Leiter der Konferenz, instruiere ihn kurz, gehe zurück und lese Claudia auf, die mich zum Schatz erklärt, weil sie gerade mit dem Telefon niemanden erreicht hat, und mir erst mal ein Stück Brot aus der kleinen Straßenbäckerei anbietet, neben der wir stehen. Ich als Pfadfinder, der die Ruhe bewahrt und die Lösung weiß. Das war mal was Neues!
Am Abend esse ich mit Albert in der Nähe der Renmin-Universität in einem vornehmen kantonesischen Restaurant mit vielen Tieren in großen Aquarien chinesische Nudeln. Unterbrochen wird der Abend nur von Alberts pflichtgemäßen Telefonat mit seiner koreanischen Frau, die zu Hause zwei kleine Kinder hat und sich mindestens so verloren fühlt wie Claudia vor ein paar Stunden. Albert enthüllt auch ein paar der Herausforderungen, die so eine interkulturelle Ehe mit sich bringt: Nachdem sie niedergekommen war, durfte die junge Mutter sich traditionellerweise einen Monat lang nicht waschen, worüber die hilfsweise angereiste Schwiegermama des Gatten eisern wachte. Sicher ist das nicht das Bild, das man vor Augen hat, wenn man jung und verliebt seiner koreanischen Freundin einen Antrag macht, vermute ich und bin ziemlich froh, dass mir so was nicht passieren kann.

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Montag, 23. November 2009

Gleich rechts und dann die erste links!
Von DM, 23:59

Heute ist der erste Tag der Pekinger Konferenz für Deutschdozenten in China, organisiert vom Akademischen Austauschdienst. Ich reise mit dem Flugzeug an. Ich habe mir fest vorgenommen, diesmal gar nicht erst Hektik aufkommen zu lassen. Und vor allem werde ich mir in Zhonghuamen kein 100-Yuan-Taxi aufschwatzen lassen. Ich werde warten, bis das Sammeltaxi voll ist und werde nur die üblichen 25 Yuan bezahlen, obwohl ich eben an der Metro-Station auf der falschen Seite ausgestiegen und 15 Minuten in die falsche Richtung gelaufen bin. Ich schwitze trotz des leichten Gepäcks und habe jetzt nur 100 Minuten bis zum Abflug. Wann mein Flug gehe, fragt mich der Chauffeur. Ich weiß genau: Wenn ich jetzt die Abflugszeit um 16 Uhr nenne, macht der mich nervös und schwatzt mir den Direkt-Transfer für 100 Yuan auf. Also sage ich in gespielter Seelenruhe: „Ist noch Zeit!“, sitze fünfzehn weitere Minuten auf heißen Kohlen, bis sich endlich drei weitere Fahrgäste eingestellt haben, und dann hebt das Taxi zum Glück ab und mein Gepoker zahlt sich aus: Ich habe noch 45 Minuten bis zum Abflug und da ich kein Gepäck aufgebe, geht alles ganz schnell. In Peking nehme ich den Flughafenbus, steige richtig aus, gehe in die richtige Richtung und komme rechtzeitig zum Abendessen an. Dann geht aber doch noch was schief: Nachdem ich bei meinem Zimmerkollegen, dem YUST-Lehrer Albert, eingezogen bin, sind plötzlich unten in der Halle keine Leute mehr. Ein älterer Herr, Deutschlehrer in Ulan-Bator, hat dasselbe Problem; wir tun uns zusammen. Er hat eine Telefonnummer der Organisatoren. Leider ist eine Frau dran. Frauen können keine Wege beschreiben, es sei denn, sie haben überdurchschnittlich viele männliche Gene. Das zeigt sich auch diesmal wieder: Wir gehen in die total falsche Richtung, bis endlich Christopher, von der Pekinger Organisationsmannschaft der Konferenz, anruft und uns mit der Hälfte der Worte in die richtige Richtung lotst. Die Dame vom ersten Anruf war selbstkritisch genug, ihn unsere Nummer anrufen zu lassen. Unterwegs holen wir noch die Kollegin Choj aus Schanghai, eine junge Mutter mit Kinderwagen, und weitere Versprengte ein. Im Restaurant gibt es für uns Zu-spät-Kommer einen Extratisch. Da ist auch weniger blauer Dunst.

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Samstag, 21. November 2009

Kein Weltuntergang! Oder doch?
Von DM, 23:59

Die Welt geht unter. Aber nur im Film „2012“ des deutschen Regisseurs Roland Emmerich, der heute in aber auch jedem Nanjinger Kinosaal gezeigt wird. Das hindert alle Vorstellungen aber nicht daran, restlos ausverkauft zu sein. So was habe ich in meiner langjährigen Erfahrung als Kinogänger auch noch nicht erlebt. Überall läuft derselbe Film und trotzdem gibt es keine Karten mehr! Derlei ist zwar an sich kein Weltuntergang, aber Cathy ist trotzdem unzufrieden. „Hätte ich nur reserviert!“, jammert sie. Wir fahren von der  Stadtmitte mit dem Bus Richtung Jangtse. Dort ist auch keine Karte mehr zu kriegen. Wir müssen zwanzig Prozent teurere Schwarzmarktkarten kaufen. Die Apokalypse als einträgliches Geschäft! Wenigstens gibt es bei „Kentucky Fried Chicken“ noch ein paar freie Plätze. So müssen wir den monumentalen Weltuntergang wenigstens nicht mit leerem Magen durchstehen. Schließlich enthüllt sich mir auch ein möglicher Grund für die gewaltige Popularität des Films hierzulande: Der Schluss spielt im Himalaja und inszeniert China als Wiege der Menschheitsrettung. Das fand die chinesische Kulturbehörde sicherlich förderlich (auch wenn die Szenen in Kanada gedreht wurden)...

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Donnerstag, 19. November 2009

Eva nun wieder!
Von DM, 23:59

Eva (alias Chen Dong) hat mir die Zerstörung ihres Koffers (sin-o-meter-Eintrag vom 21. August) offenbar verziehen. Heute vor der Sprechstunde gehe ich mit ihr in die Mensa. Sie hatte das schon letzte Woche vor. Man kann ja auch nicht immer Spielverderber sein. Und so ganz nebenbei erfahre ich, dass sie ja, so ganz allgemein gesprochen, der Meinung sei, ich solle heiraten. Was sie anbetrifft, sie möge am liebsten ältere Männer, die idealerweise zwanzig Jahre älter seien als sie. Die hätten einen weiteren Horizont und seien nicht so arrogant. Na, sage ich, das scheint ja in China öfter vorzukommen. Ich hätte so was Ähnliches erst kürzlich von jemand anders gehört. Nein, meint Eva, das sei nur bei ihr so. Su Zhao kommt vom Nachbartisch zu uns und lenkt das Gespräch dankenswerterweise auf ein andere Thema: die Noten im Geschichte-Test vom Montag. "Sie haben Glück", meint Eva später nach der Sprechstunde, als ich auf dem Weg zum Bus bin, "Sie sind beliebt." Ich verkneife mir mal den Widerspruch: „Warten Sie bis zur nächsten Prüfung!“, der mir auf der Zunge liegt.

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Mittwoch, 18. November 2009

Chris x 2
Von DM, 23:59

Um elf Uhr nachts ruft Danyu an und erzählt mir in einem einstündigen Telefonat von ihrem Entschluss, ihren Ami-Chris zu heiraten. Der habe Visa-Formalitäten für sie in die Wege geleitet, damit sie an der CTU studieren könne. Sie müsse ihm jetzt zusagen, um ihren Studienplatz in Chicago nicht zu gefährden. Der Franko-Engländer, der komischerweise auch Chris heißt und den sie ja lieber heiraten würde, halte sie ja nur hin und hier in Nanjing halte sie nichts und vor allem niemand. Ich sage, sie soll sich etwas Zeit nehmen, aber der Ami-Chris sei schon die richtige Wahl.

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Montag, 16. November 2009

Es knirscht im Gebälk
Von DM, 23:59


Kracks. Es knirscht gewaltig bei mir vorm Fenster, während ich an den Korrekturen meines Geschichts-Tests sitze. Seit heute Morgen fällt in dicken Flocken Schnee vom Himmel. Der plötzliche Wintereinbruch ist dem stattlichen alten Baum vor meinem Balkon nicht bekommen und er ist einfach mit Stumpf und Stiel umgekippt. Ich hatte schon bei dem Gewittersturm im Juni Sorge um ihn. Nun haben Wind und die vereisten Schneehaufen auf seinen Zweigen ihm den Rest gegeben. Mir wird der Schatten im nächsten Sommer fehlen. Auch die Wäscheleine, auf die ein paar Äste gefallen sind, hat sich verlängert. Wie ich unten vor Ort feststelle, als ich aus der Bibliothek zurück bin, war der Stamm innen hohl und morsch. Inzwischen haben Arbeiter den Baum bereits in Brennholz zerlegt.
Danyu hält mich mal wieder von der Arbeit ab. Abends um acht steht sie bei mir auf der Matte, um mal wieder die neuesten Entscheidungen zum Thema Liebe, Last und Lebensplan zu diskutieren. Ich komme mit meinen Test-Korrekturen nur voran, als der kanadische Mittelschullehrer sie anruft, von dem sie mir gerade erzählt hat und der sie ja viel aufmerksamer behandle als ich. Vielleicht könne sie den ja heiraten, sage ich. „What?“, empört sie sich. Erwecke sie vielleicht den Eindruck, als ob es ihr nur ums Heiraten ginge? Darauf gibt es nur eine Antwort: „Yes.“ Dann ruft Liu Chao an, weil ich ja in einer Woche nach Peking komme. Wir plaudern fröhlich weiter. Danyu denkt aber nicht daran zu gehen. Stattdessen wedelt sie mir ständig selbst geschriebene Zettel ins Blickfeld. „I am hungry. What about you?“ Und nach zehn weiteren Telefon-Minuten: „Is she your sweetheart?“ Es muss halb elf sein, als ich mit ihr zwecks Mitternachtsbuffet zum Sculpting on Time aufbreche, damit sie nicht wieder in Tränen ausbricht oder Schlimmeres, wenn ich sie so nach Hause schicke. Wie schon früher an dieser Stelle gesagt: Wenn dies ein Roman wäre, würde man sagen: Die Figur ist total überzeichnet!

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Samstag, 14. November 2009

Fast berühmt
Von DM, 23:59

Heute kommt Besuch! Meine Ex-Studentinnen Shenling und Fenghua aus meiner Zeit an der YUST, heute beide in Schanghai beschäftigt, haben sich angemeldet. Da beide nicht so die Kommunikationsgiganten sind, habe ich ihnen geschrieben, wenn sie angekommen seien, könnten sich mich am Xuanwu-See antreffen, wo ich mich immer zum Sprachtraining mit Jiakun alias „Cathy“ treffe. Am See ist es allerdings heute schon ziemlich kalt und wir sind froh, dass es ein bisschen Abwechslung gibt, als die beiden plötzlich neben uns auftauchen.
Ich schicke die beiden erst mal auf eine der Inseln. Als wir sie eine knappe Stunde später wiedertreffen, kommen sie allerdings von der Einkaufsmeile Hunan Lu. Gemeinsam schauen bzw. hören wir uns den öffentlichen Auftritt der belgischen Folkjazz-Band Snaarmaarwaar in einem der Einkaufstempel von Deji Plaza an. Danach folgt der obligatorische Fotografier-Marathon. Shenling will ein Foto mit den Musikern, Fenghua stellt sich dazu, Cathy will eine CD erwerben. Ich werde von einer anderen jungen Dame aufgefordert mit ihr ein Foto zu machen. Ich versuche richtig zu stellen, dass die Jungs da drüben die Musiker seien, nicht ich. Ich sei unbedeutend. Ist ihr egal. Schließlich wird Cathy aufgefordert für ein Foto zu posieren, weil sie mit mir gesehen worden ist. „Almost Famous“ wäre der dazu passende Filmtitel. Plötzlich stehe ich Li Yuan alias Emilie gegenüber, die ich im letzten Jahr im Gottesdienst getroffen habe. Ist ja fast wie beim Schützenfest auf'm Dorf hier!

Danach stelle ich Fenghua, Shenling und Cathy noch meine Bleibe und meinen Arbeitsplatz, die deutschsprachige Bibliothek, vor. Der stimmungsvolle Tag klingt aus mit einem zünftigen Diner in einem gut geheizten Restaurant direkt oberhalb der U-Bahn. So können die beiden Besucherinnen aus Schanghai anschließend stressfrei wieder zum Bahnhof kommen.

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Samstag, 07. November 2009

Von Opferritualen und Zockerrunden
Von DM, 23:59

Heute wird ausgeschlafen und dann kommt es zum dritten großen Festbankett mit der Familie Yang. Dazu gibt es unter anderem Hammelbraten (Yang heißt ja übersetzt Hammel) und einen superleckeren Fisch, den der joviale Onkel, der auch heute wieder zugegen ist, extra frühmorgens aus der alten Kaiserstadt Yangzhou geholt hat. Die Oma bietet ihre größten Kochkünste auf, auch Opa und Oma mütterlicherseits sind angereist. Und die üblichen Onkels und Tanten. Nachdem die Bierlachen auf dem Tisch sich zu gewaltigen Strömen ausgeweitet haben und auch ich satt geworden bin, wird der Speisesaal Schauplatz eines religiösen Rituals: Vor dem hauseigenen Altar im Erdgeschoss sammeln sich Schulterstücke vom Rind oder Schwein, Obst, Bonbons und andere Leckereien. Vorne auf einem Schemel geht jeder einmal auf die Knie und verneigt sich vor den unbekannten Göttern, um das Schicksal des in diesem Jahr bisher nicht vom Glück verfolgten Familienvaters zu wenden. Man rechnet nicht damit, dass ich mich daran beteilige. Und richtig: „Ich bin Christ“, erkläre ich, da betet man nur zu Jesus. Ich finde es auch ein bisschen merkwürdig, dass danach den Göttern die ganzen Leckerlis weggegessen werden. Auch ich bekomme ein paar Bonbons ab, die eben noch auf dem Altar lagen. Naja, ich kann die auch besser verwerten. Nach der religiösen Pflichtübung setzen die Männer sich zusammen und eröffnen eine Zockerrunde und spielen um Geld. Da ich schon von Natur aus nicht pokern kann, nutze ich die Gelegenheit, den etwas ratlos umherstehenden Frauen Mau-Mau vorzuschlagen. Und Yangliu und ihre Tanten reagieren auch ganz positiv auf das Spiel. Sie spielen mich sogar phasenweise unter den Tisch. Dann ist es vier und ich nehme Abschied, verspreche dem gebeutelten Vater von Yangliu, dass ich mal bei Jesus für ihn ein gutes Wort einlegen werde, und einer der Männer fährt mich mit Yangliu zum Bus-Bahnhof, wo ich nur durch forsches Auftreten verhindern kann, dass sie mir die Rückreise finanziert. „Aber ich habe Weisung von meinen Eltern, dass ich die Fahrkarte bezahle“, sagt sie. Nun, sage ich, sie müsse ja nicht erzählen, dass sie mit dem Projekt gescheitert sei. Außerdem hätte ich ihre AKN-Fahrkarte ja auch nicht bezahlt, als sie im Sommer in Großenaspe gewesen sei.

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Freitag, 06. November 2009

Freitags bei "Celiu"
Von DM, 23:59

Zum Frühstück schickt die arbeitende Bevölkerung uns in ein Restaurant, das berühmt ist für eine örtliche Delikatesse. Dabei handelt es sich um Riesenravioli in der Form und Größe des Raumschiffs Enterprise, die gefüllt sind mit einer Krabbensuppe. Man beißt den runden Nudelteig an der Seite leicht an wie ein feindliches Klingonengeschoss und schlürft, was das Zeug hält. Dabei darf das Raumschiff natürlich nicht abstürzen, sprich vom Teller fallen. Eigentlich bin ich noch satt von gestern Abend, aber jetzt wird hier nicht schlapp gemacht!
Zur Verdauung flaniere ich mit Celiu ein bisschen durch die bescheidene Einkaufszone dieser 600.000-Einwohner-Stadt (Celiu sagt „Dorf“), in der jetzt am Vormittag natürlich nicht gerade der Bär tanzt. Danach geht es auf den Tempelberg, die wohl entscheidende Sehenswürdigkeit hier. Celiu lässt sich von ein paar Schnattertanten unten am Treppenaufgang überreden, buddhistische Räucherwaren zu erwerben. Sie will sie für ihren Papa verbrennen um die Götter, an die sie eigentlich nicht glaubt, aber man weiß ja nie, gnädig zu stimmen, der ja zuletzt nicht nur Glück hatte. Dabei verbrennt sie sich die Hand. Ein Zeichen, sage ich, mit ihren Göttern sei nicht viel los. Bei Jesus wäre so was nicht passiert und mächtiger ist er auch. Doch horch! Was klingelt dort? Es sind die Glöcklein oder Triangeln, die den Gottesdienst zur Mittagszeit einläuten. Wir geraten in ein buddhistisches Ritual mit viel Kling-kling und Klong-klong. Es wird viel gekniet und noch mehr ge-sing-sang-sungen. Die Mönche bieten uns hier vor ihrem Buddha eine richtige Show!
Unten am Fuße des Hügels ist so eine Art Saison-Jahrmarkt. Wir fahren Karussell und werfen Bälle in Eimer. Celiu hat sich in einen Bären verliebt, der fast so groß ist wie sie, aber sie wirft zu oft vorbei. Ich bin auch keine große Hilfe. Schließlich wird sie vollends wieder zu dem kleinen chinesischen Mädchen, das sie die meiste Zeit ihres Lebens in dieser Stadt ja war, indem sie vor dem völlig konsternierten jungen Mann auf der Stelle hüpft, quengelt und bettelt und mit quietschender Stimme wiederholt: „Ich will aber den großen Bären da.“ Ratlos bietet der junge Mann ihr diverse Geschenke auf dem Niveau von Kinder-Überraschungsei-Inhalten an. Sie schüttelt nur den Kopf. Entzückend ist sie in dieser Rolle und ich frage mich: Was ist hier kalkuliert und gespielt, was impulsives Verhalten? Der junge Mann von den Wurfeimern jedenfalls merkt rasch: Die wird er nicht wieder los. Er muss sich was einfallen lassen oder er verliert sein Gesicht. Celiu bekommt schließlich einen weißen Hund mittlerer Größe in die Hand gedrückt. Ich rate dringend dazu, den Köter anzunehmen. Wir streifen durch den Park, lassen uns von Polizisten im Müßiggang ablichten und machen Pause. Yangliu erzählt mir, dass sie manchmal von unerklärlichen Kummer-Attacken heimgesucht wird, obwohl sie sich natürlich immer fröhlich gibt, und fragt mich nach dem, was an ihr besonders sei. Ich sage: Willkommen im Leben.
Danach versucht es Celiu noch mal mit den Bällen, aber die fliegen immer wieder raus aus den metallenen Eimern. Es reicht nur für ein kolossal hässliches Stoffküken mit einer überdimensionalen Sonnenbrille. Wir nehmen einen Bus zurück, gehen schließlich die letzten paar Hundert Meter zu Fuß und überqueren eine Brücke über einen stinkenden Fluss.
Wieder zu Hause wandern wir zu Opa auf das Gemüsefeld hinterm Haus. Wie früher rupft er dort in den Rabatten und seine Enkelin erinnert sich daran, wie sie als Kind daneben saß und ihm zusah. Aber es erfüllt sie manchmal mit Sorge, dass Opa und Oma, die im Untergeschoss wohnen, noch so viel arbeiten müssen. Gerade in den letzten Jahren seien sie alt geworden, älter. Auch das bekümmere sie. Dafür studiere sie jetzt. Vielleicht könnte sie später viel Geld verdienen und Opa und Oma müssten nicht mehr arbeiten. Opa sieht allerdings eher so aus, als wäre das genau das Leben, das er nicht führen möchte. Wir wandern durch das Wohnviertel, das in der Tat etwas Dörfliches hat. Die meisten Häuser sind dreistöckig, schmal und hoch und grauweiß. Abgesehen von der in geschmacklosem Knallrosa erstrahlenden Villa von Herrn Neureich, an dem sogar die griechischen Säulen angestrichen sind wie Paulchen Panther. Zwischen den Wohnzeilen liegen Gemüsebeete und ein künstlicher See, etwa 1000 Quadratmetter groß, an dem sogar gewaschen wird. Ob die Wäsche danach wirklich sauberer ist? Überall begrüßt Yangliu Bekannte und an jeden Gruß fügt sie sogleich ungebeten die Erklärung an: „Das ist mein Lehrer!“, damit es keine dummen Fragen gibt oder – noch schlimmer – Missverständnisse. Mit einer steinalten Dame, die vor ihrem Haus Erben palt und Kräuter sortiert, spricht sie etwas länger. Die Greisin muss noch arbeiten, weil ihr Sohn Alkoholiker oder ein Nichtsnutz oder beides ist und sie nicht versorgen kann.
Am Abend wird gemeinsam diniert. Ein Cousin, Onkel und Tanten sind gekommen. Der Cousin, 13 Jahre alt, ist leicht übergewichtig und schwer computerzentriert. Er sitzt, seit er satt ist, vor dem Computer und spielt und als er später weg ist, muss ich es auch noch spielen, das beliebte Computerspiel „Pflanzen gegen Zombies“. Darin muss man mit Bomben schmeißenden Gemüsesorten oder explodierenden Kirschen sein trautes Heim vor hirnlos heraneilenden Zombies retten. Der letzte Schrei! Na dann gute Nacht!

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Donnerstag, 05. November 2009

Mach leer, den Becher!
Von DM, 23:59

Heute geht es im Unterricht mal nicht mit dem Uni-Bus nach Hause, sondern mit dem Linienbus zum Busbahnhof Dongzhan. Und von dort in die Heimat von Yangliu, einer Studentin, die im Sommer auch in Großenaspe war. Revanchebesuch gewissermaßen. Vor der langen Reise: Premiere für mich in der Mensa auf dem neuen Campus Xianling. Mit am Tisch sitzt auch Yixuan, ebenfalls im Sommer bei mir. Als es dunkelt, kommen wir über die vergitterte Zufahrt bei der Firma vom Papa an. Die Mama ist auch da, sie wirkt jugendlich und trägt eine schwarze Motorradlederjacke. Ihre Tochter nennt sie „Xiao Liu“ (bzw. im hiesigen Dialekt „Celiu“), was „Kleine Liu“ heißt und berechtigt ist, denn Yangliu ist höchstens 1,60 m groß. In der Firma gibt es auch eine Hündin, die sich vor Freude Yangliu wiederzusehen gar nicht mehr einkriegt. In der Firma, einem klassischen Familienbetrieb, bei dem jeder hier und da mithilft, stehen überall riesige Rollen mit Eisendraht herum. Ich erfahre, dass diese hier verarbeitet werden zu Stahlbetonträgern. Die Baubranche boomt auch in der Provinz. Leider, mit betrübtem Blick hat mir Yangliu das während der Busfahrt erzählt, ist der Papa, sonst ein optimistischer Mann, momentan arg eingeschränkt. Beim letzten Telefonat mit seiner im zwei bis drei Stunden entfernten Nanjing war er so abgelenkt, dass sein Zeigefinger in eine Maschine geriet, jetzt ist er zwei Glieder kürzer. Man hat Finger und Patienten zusammen nicht schnell genug ins Krankenhaus bekommen. Jetzt trägt er immer noch einen dicken Verband und die Hand in einer Schlaufe.
Ein Onkel kommt herein und zündet erst mal eine Fluppe an. Ich bin der Renner des Tages und die Gelegenheit wird genutzt um im ersten Stock eines in der Nähe gelegenen Restaurants im Kreise der erweiterten Familie und einiger Freunde zu schlemmen. Neben Yang Liu sitzt ihr jovialer Onkel, Typ Schenkelklopfer und Bierkonsument ersten Grades. Seine Zähne sind schwarzgelb vom vielen Rauchen und in seinen schmalen Augen sieht man die roten Äderchen. Immer wieder ruft er „Ganbei“ („Mach leer, den Becher!“) und macht dann auch wirklich leer. Im Verlauf des Abends wird so noch ungefähr tausend Mal angestoßen. Einer mit allen, alle mit einem. Ich trinke Saft und rauchen tu' ich auch nicht. Seltsamer Deutscher. Es gibt die üblichen 32 Gänge, der Tisch sieht am Ende aus wie nach einem Germanengelage. Längst sind alle männlichen Teilnehmer in der Runde mindestens angeschäkert. Schließlich fährt uns ein Onkel oder Cousin, ich habe keinen Überblick mehr, mit seinem Auto heim. Der Typ ist natürlich voll wie tausend Tümpelkröten, aber dass er trotzdem den Motor anlässt und das Steuerrad in die Hand nimmt, ist so normal wie Regen im deutschen Sommer. Und ich sitze auch noch vorne! Ehrengast! Ich schnalle mich an und bete zum Ewigen, dass er die Kontrolle behält, die der Fahrer leicht verlieren könnte. (Ironie am Rande: Im Juni hatte Yanglius Vater einen Mopedunfall. Schuld war ein Betrunkener.) Alles geht gut. Ich beziehe in dem dreistöckigen Haus am Stadtrand ein eigenes Zimmer. Heizung gibt es nicht, aber immerhin warmes Wasser. Doch ich dusche lieber morgen früh.

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Dienstag, 03. November 2009

Drama-Queen
Von DM, 23:59

Was habe ich jetzt wieder angestellt! Ich stehe kurz vor Mitternacht bei eisiger Kälte an einer belebten Nanjinger Kreuzung, an der sich ein paar Bauarbeiter zu schaffen machen, und mir gegenüber steht eine leidlich erfolgreiche Literatin, elf Jahre jünger als ich, die soeben in Tränen ausgebrochen ist. Und das kam so: Ich habe also Danyu zu dem Besuch dieses Schriftstellers George Lindt eingeladen, denn sie als Autorin und ein deutscher Autor, das passt doch. Und er, der heute in Nanjing eine Lesung hatte, eigentlich ja zwei Lesungen... Na, ich sehe schon, wir müssen doch ganz zurück zum Anfang:
Um neun Uhr morgens haste ich, nachdem mein Wecker mich zu spät geweckt hatte, zum Hörsaal 736, wohin ich für neun Uhr wegen der heutigen Dichterlesung bestellt wurde, nur um festzustellen: keiner da. Kurz danach eine Mitteilung per SMS: Wir sind hier noch in einer Druckerei, kommen etwas später. Dann habe ich ja noch etwas Zeit für die Beschaffung von Laptop und Mikro. Kurz darauf kreuzen die Organisatoren mit dem Autor auf: die örtliche Goethe-Tante, die Organisatorin der Lesereise aus Peking, eine Tussi Typ abgebrochenes Soziologie-Studium und dreimal vom selben Freund getrennt, die Pullover trägt, die zum knallroten Rand ihrer 120-Dioptrin-Brille passen und (was ich besonders toll finde) erst alles wild macht und dann im Nebensatz fallen lässt, dass man das alles doch nicht brauche, sowie Autor Lindt, der erst etwas spröde und scheu wirkt, aber noch gehörig auftauen wird, sobald ich vor den Studenten und zwei Kollegen die Veranstaltung eröffnet habe: Dann hört er nämlich als Ergänzung zu seiner eigenen Lesestimme die von mir und meiner Kollegin Chen gestern in einem Lesewettbewerb gecastete Jia Ni, die zusammen mit „Leonora“ von den Magisterstudenten die chinesische Überetzung lesen darf. Man muss wissen: Jia Ni, die für mich alles andere als eine Überraschungssiegerin in dem Wettbewerb war, liest nicht, sie spielt, was sie liest. Und Jia  Ni wird auch noch auftauen: Sie erfährt nämlich, dass sie es hier mit dem Regisseur des Dokumentarfilms „Beijing Bubbles“ über Pekinger Rockmusiker zu tun hat, und dieser Film sagt ihr viel mehr als der Roman, aus dem sie heute vorliest.
Lindt, der aus Marburg stammt, zeigt passend zu seinem kurzweiligen Roman „Provinzglück“ über einen Berliner Marketingmeister, dessen Leben durch ein Lockangebot aus einer Kleinstadt auf den Kopf gestellt wird, ein paar Provinzbilder, macht noch eine Extra-Tonaufnahme von Jia Ni und erzählt später auf dem Weg zum gemeinsamen Essen, wie die unkorrigierten Druckfahnen durch ein peinliches Missgeschick des Fischer-Verlags in Druck gerieten, was die vielen Fehler in dem Roman erklärt, auf die ich ihn angesprochen habe. Was nun aus Katharina und Jan, den Hauptfiguren des Romans geworden ist, lässt sich leider aus dem bescheiden gebliebenen Multitalent nicht herauslocken. Beim Essen punktet Rote Brille wieder kräftig bei mir, indem sie sich höflich erkundigt, ob es jemanden stört, wenn sie raucht, nachdem die Fluppe schon halb brennt. Ich muss dann auch mal...
Nachmittags liest Lindt noch mal in der großflächigen Tiefgarage unterhalb des Sportgeländes Wutaishan,  in dem ich immer jogge. Wahrscheinlich war die Lüftung nicht ausreichend, um hier in den Katakomben des Stadions statt Büchern tatsächlich Autos zu parken. Zwischen den auf den Asphalt gemalten  Parkmarkierungen stehen jetzt Stände mit Büchern, soweit das Auge reicht. Es gibt auch ein Café und eine gemütliche Sitzecke. Dort gibt es die zweite Aufführung der Lindt-Lesung. Ich sehe auch ein paar bekannte Studentengesichter. Natürlich habe ich Danyu auch von dem Termin Bescheid gegeben. Plötzlich sitzt sie neben mir. Später stelle ich sie Lindt vor und der kauft sogar noch zwei ihrer Bücher, die in so einer üppig sortierten Buchhandlung natürlich nicht fehlen. Verstehen sich ganz gut, die beiden. Dann wandern alle ab. Und ich trinke mit Danyu einen Tee. Sie ist ungehalten, dass ich für ihren Plan, hier für mich einen Vortrag zu organisieren, nicht sofort Feuer und Flamme bin. Deswegen sei sie hauptsächlich gekommen. Der Autor habe sie doch gar nicht interessiert. Ich bezeichne sie mehrfach als Drama-Queen, obwohl ich noch gar nicht wissen kann, wie recht ich damit habe. Ich will nach Hause. Aber sie lässt mich nicht. Sie will mit mir essen gehen aus Dankbarkeit, weil ich ihr neulich eine Empfehlung geschrieben habe. Aber ich bin noch satt vom Mittagessen. Kompromiss: Wir gehen in das unterirdische Eiscafé an der U-Bahnstation. Da muss ich mir zum x-ten Mal anhören, warum sie ihren Freund, den US-Chris, der sieben Jahre jünger ist als sie, nicht heiraten wolle und den französischen Chris, mit dem sie sich seitenlange E-Mails schreibt (die ich gelegentlich als Kopie erhalte), nicht heiraten könne bzw. er sie nicht oder noch nicht usw. Dann will ich endlich weiterkorrigieren. Sie verlangt, dass ich sie mit dem Taxi nach Hause bringe. Ich sage: Auf gar keinen Fall, sie wisse doch, dass ich zu tun habe. Ich wende mich ab, sie hinterher. Tja, und das ist der Moment. Sie erleidet so eine Art nervösen Zusammenbruch. Fünf bis zehn Minuten lang flennt sie dort in der eisigen Kälte, in der wir vorher schon zehn Minuten lang sinnlos herumgestanden haben. Ich denke: Kann hier mal jemand den Vorhang ziehen? Denn wir haben Zuschauer! Die Bauarbeiter direkt vor uns wundern sich, Radfahrerinnen fahren vorbei und schauen neugierig zu dieser offensichtlichen klassischen Tragödie herüber. Ich sehe natürlich aus wie der böse ausländische Herzensbrecher par excellence. Aber, hey!, das ist hier gar keine Tragödie, das ist reine Hysterie, möchte ich denen am liebsten hinüberrufen, aber ich weiß nicht, was Hysterie auf Chinesisch heißt. Sie sei nichts wert, sie sei Dreck und wertlos, wiederholt sie und sie verliere hier gerade in aller Öffentlichkeit das Gesicht meinetwegen, das sei beschämend. Ich gebe ebenso wiederholt zu verstehen, dass sie da jetzt doch etwas übertreibe, woran man schon merkt, dass ich mit dieser Situation etwas, wenn nicht sogar weitgehend überfordert bin. Das ist jetzt irgendwie alles doch bisschen viel für mich, insgesamt gesehen. Und, also, machen wir's kurz, ich bringe sie natürlich doch mit dem Taxi nach Hause. Aber sie muss zahlen!

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