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Note und Elend
Heute steht also die gute Su während der Bibliotheks-Öffnungszeit reumütig vor meinem Schreibtisch. Ich kann's schon nicht mehr hören: "muss mich entschuuuldigen ... keine Zeit ... so viele andere Prüfungen" etc. Immer dieselbe Leier!
Fein raus ist Su trotzdem, denn ihr schwache Leistung fällt unter den Tisch, und zwar komplett. Und das geht so: Gestern beim Essen mit den anderen Lehrkräften des Deutsch-Instituts(das Kind von des Kollegen Li ist hundert Tage alt geworden, da gibt man einen aus!) hatte ich der für die Noten zuständigen Kollegin bereits eröffnet, dass es mit Sus Arbeit nicht weit her sei. Und dabei musste ich erfahren, dass sie die Endnoten bereits eingetragen hat und nicht mehr ändern kann.
Der Reihe nach, damit jeder sin-o-meter-Leser den Fall versteht: Vier Studentinnen erhielten Ende des letzten Semesters die Genehmigung eine schriftliche Arbeit erst zu Beginn des neuen Semester abzugeben, weil sie unter extremer Prüfbelastung standen. Doch die Uni-Verwaltung spielt nicht mit und fordert die unverzügliche Festlegung der Noten. Die Kollegin rechnet den Durchschnitt der von mir bisher aus Tests und Mitarbeit ermittelten Noten aus und trägt das ein - unabänderlich. Was mir die vier Kandidatinnen also jetzt, fünf Wochen später, abgeben, kann der letzte Müll sein, an der Note ändert das nichts mehr. Da kann man dann schon mal am Sinn von Leistungsnachweisen zweifeln.
Auch sonst ist mein Leben farbig, mitunter zu farbig. Mein Computer öffnet bestimmte Dateien nicht mehr, dafür hat er angefangen, für einge ungeöffnete Dateien aus unerklärlichen Gründen statt Schwarz eine blaue Schriftfarbe zu verwenden. Das ist wohl kein so gutes Zeichen. Schon die ganze Woche über liege ich dem Auslandsamt der Universität in den Ohren mit dem Begehren, mir doch einen neuen Computer zu gewähren. Bisher Fehlanzeige.
Danke, Dr., äh, Guttenberg
Deutschlehrer in China können sich auf der Internetseite "Deutsch-lehren-China.org" zum Fall Guttenberg äußern. Mein Kommentar:
1. Chinesen sehen, wie ernst es in Deutschland genommen wird, wenn jemand schummelt. Und viele Politiker aus China sind insgeheim froh, dass sie nicht in D. promoviert haben. Und Quertreiber wie der Prof. aus Bremen, die würden wohl, naja...
2. Das Thema wird ernster genommen, weil man ja sieht, wie streng in der westlichen Öffentlichkeit damit umgegangen wird. Will man in der Bildung wirklich auf West-Niveau kommen, muss man hier aufholen.
3. Unsere Arbeit wird leichter, denn wir haben hervorragendes Anschauungs- und Unterrichtsmaterial, das wir benutzen können, um zu sagen: Schummeln geht nicht.
Fazit: Danke, Dr., äh, Guttenberg.
Guten Tag, Guttenplag!
Nicht nur dieser ominöse Plagiatjäger aus Bremen spürt Internet-Kopien auf, auch zu meinem Tagesgeschäft gehört dies, weshalb ich meinen Studenten des letzten Jahres mit Blick auf die in den nächsten Wochen abzuschließende Bachelorarbeit anlässlich des gestrigen Unterrichts gleich ein paar bei tagesschau.de kopierte Texte zur Guttenberg-Affäre zusammengestellt habe (selbstverständlich mit Quellenangabe), darunter das aufschlussreiche Interview mit einem Plagiatjäger. Motto: Wenn bei uns ein Minister wegen so was Stress kriegt, kriegt ihr aber hier an der Uni erst recht Stress, wenn ihr nicht ordentlich zitiert! Aber dann - o Graus! - gibt mir Studentin Su direkt nach dem Unterricht einen verspäteten Text (Teil der Abschlussarbeit) ab, bei dem zwei Drittel aus nur einer Quelle stammen - wörtlich abgeschrieben, ohne Fußnote, ohne Anführungszeichen. Guten Tag, Guttenplag!
Tweety

Sie hat die Stimme des Kanarienvogels Tweety aus "Tweety und Sylvester", sie kann eigentlich gar nicht richtig Deutsch, lernt das irgendwie in so'm Abendkurs. Sie will Moderatorin im Fernsehen werden. Und sie leiht sich ständig irgendwelche Bücher aus, die entfernt etwas mit Fernsehen zu tun haben (z.B. "Filmanalyse" oder "Schönheit") und von denen ich kaum glauben kann, dass sie sie versteht. Manchmal leiht sie auch gar nichts aus. Wenn ich in meiner Bibliothek ein Buch für sie im Computer eintrage, beugt sie sich so über mich, dass mir ihre schwarzen Dauerwellen fast ins Gesicht hängen, und wenn sie schließlich geht, wirft sie mir an manchen Tagen diese schlagersängerhaften Kusshände zu: Xige, die sich auch Charlotte nennt, ist wieder mal eine von den Personen, für die man nach China kommen muss, um sie kennen zu lernen. In Deutschland würde es so was nicht geben. Bisschen peinlich ist mir, dass die Erdnüsse noch in der Schublade liegen, die sie mir letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hat. Ich schiebe die Lade, in der ich was gesucht habe, schnell wieder zu. Charlotte hat sich eine Probepackung von Chanel No. 5 kommen lassen. Sie führt mir den Umschlag vor wie ein Zirkusdirektor springende Löwen und fragt, ob das gut rieche. Eingedenk des Nebels, mit dem Du Li vor der Weihnachtsfeier hier auftrat, lasse ich mich zu der Aussage hinreißen: "Das ist mal ein Duft, der hat Klasse!" Dabei verstehe ich doch von so was gar nichts!... Ansonsten strapaziere ich aber immer gern Charlottes Geduld und lasse sie endlos warten. Die Eskapaden der verhaltensauffälligen Schriftstellerin Danyu (sin-o-meter berichtete) hängen mir schließlich noch nach. Daher: immer schön reserviert bleiben und auf den Computer gucken!
Michael in Nöten
Abends auf Michaels Party habe ich mich längst wieder beruhigt. Michael, dem sonst so agilen Engländer, geht es nicht gut. Seine dritte Frau, die offenbar depressiv oder neurotisch oder beides gleichzeitig ist (sin-o-meter berichtete), nimmt ihre Medikamente nicht. Dass sie knapp dreißig Jahre jünger ist als er, mag auch eine Rolle spielen. "But I cannot divorce her", stöhnt Michael, der seine eigene Party schon um acht verlässt, "because in China you're not allowed to divorce a mentally disturbed person. She is not responsible." Inzwischen sieht man Michael immer öfter mit seiner Ex-Frau, also der zweiten. Der ersten Chinesin. Jennifer im heimischen England (Nr. 1 von allen) redet ja nicht mehr mit ihm. Jedenfalls nicht so richtig viel. Woran man wieder mal sieht, dass ich in punkto Lebensplanung bisher alles richtig gemacht habe. Gegen halb neun setzen sich Floria, die soeben ihre von mir seit Weihnachten verwahrte Tupperdose (sin-o-meter berichtete) in Empfang genommen hat, und Party-Stammgast Leo ab in Richtung einer anderen Englisch-Party und wollen mich mitschnacken; ich habe aber keine Lust und gehe zu Fuß nach Hause.

Böse gewesen
Nein, man kann es nicht entschuldigen. Ich bin böse gewesen. Es ist keine Entschuldigung, dass die Tante, die ihre Sachen da am Eingang zur Tartanbahn auf einer Decke ausgebreitet hat, gewiss keine Lizenz hat, hier Handel zu treiben. Dass ich zwanzig Runden lang davon genervt worden bin, dass Leute die Tartanbahn am Wutaishan-Sportplatz zum Spazierengehen nutzen und mir auf irgendeiner der Bahnen immer im Weg stehen, ist auch keine Entschuldigung. Und beim Schlussspurt, den ich ja brauche, um auch meine Sprintfertigkeiten in Schuss zu halten, und bei dem ich immer von der Bahn direkt ins Freie laufe, muss sicher auch nicht über diese blöde Decke führen, aber man sucht eben atemlos und bei hohem Tempo den kürzesten Weg und am Ausgang standen überall Leute, die man ja nicht einfach umrennen darf... Kurzum, ich bin auf irgendein Kinderspielzeug getreten. Und während ich also Richtung Basketballhalle auf dem Parkplatz auslaufe, höre ich plötzlich die untersetzte Verkäuferin irgendetwas hinter mir her rufen. Und in mir bildet sich spontan diese aggressive Attitüde etwa folgenden Inhalts: "Die Alte machst du jetzt so klein mit Hut. Dass der Ausländer total austickt und sie anschreit, damit rechnet sie gewiss nicht." Da steht sie auch schon hinter mir. Ich dreh' mich um. Sie hält mir irgendwas Rosafarbenes in transparenter Plastikfolie vor die Nase. Da bin ich also raufgetreten. Vermutlich soll ich das jetzt kaufen. Ich werd' ihr was husten! Und wieder einmal schaffe ich es, dass alle Anwesenden, die Verkäufer von Wasser und Tennisschlägern in den kleinen Läden links, sämtliche Spaziergänger, Kinder, Rentner, Raucher, Freizeitsportler an den Geräten rechts, Frauen mit und ohne Hündchen, in ihren Bewegungen wie durch den Einsatz eines Zyklostrahls erstarrt, mich anglotzen wie E.T., den Außerirdischen. Denn ich bin ein Amok laufender Ausländer, der die Gelegenheitsverkäuferin anbrüllt, was sie denn hier ihren Tinnef verkaufen müsse, das sei hier ein Sportgelände und kein Marktplatz. Wolle sie was verkaufen, solle sie doch woanders hingehen! Leider schimpfe ich auf Chinesisch nicht gut. Weiß der Geier, ob irgendwer verstanden hat, was ich sagen wollte. Ausrastende Menschen treffen ja oft nicht mal in Deutsch den richtigen Ton. Sprachlos habe ich die Tante nun allerdings wahrlich nicht gemacht. Sie keift, ihrerseits die Tonlage drastisch erhöhend, zurück (ich verstehe kein Wort). Dann zieht sie aber doch unverrichteter Dinge ab. Wer weiß, ob der ausländische Teufel nicht noch handgreiflich wird (in einem kurzen Aufblitzen meines bösen Ichs sehe ich mich ihr das rosa Teil aus der Hand reißen und darauf wie wild herumspringen). Ich werfe ihr noch etwas auf Französisch hinterher (ich fluche oft auf Französisch, es klingt irgendwie ästhetischer und mein Wortschatz ist auch viel besser). Dann bin ich weg.
Zu Hause wundere ich mich, woher ich nach dem Schlussspurt noch so viel Luft hatte. Das bedeutet eigentlich, dass ich mich nicht voll verausgabt habe. Außerdem fühle ich mich böse. Die Bibel hat Recht: Das Trachten des Menschenherzen ist böse von Jugend auf. Und wir ermangeln des Ruhmes, den wir bei Gott haben sollten. Sogar ich, Didus I. Eine Ausrede gilt aber dann doch: Ich hätte der Tante das rosa Teil auch ohne Adrenalin-Explosion nicht bezahlen können. Beim Laufen bleibt (neben den guten Sitten) auch das Portmonee zu Hause.
Per aspera ad Aufschlag
Heute geht es meinem Magen-Darm-Trakt schon besser (ist auch nichts mehr drin), wir haben fünfzehn frühlingshafte Grad. Aber der Betreiber des Uni-Tennisplatzes ist nicht zu sehen. Ich überrede Alain, meinen französischen Kollegen, nicht ganz ohne Mühe, über den Baum auf den Maschendrahtzaun zu steigen und dann auf der Innenseite des Zauns wieder hinabzusteigen. Der Seiteneinstieg ins Tennis gelingt. Die Jungs, die um zwei Uhr mit Schlüssel hereinspaziert kommen, staunen nicht schlecht. Leider nicht über meinen Aufschlag. Apropos schlagen: Wir müssen noch 13 Tage tot schlagen, ehe der Unterricht wieder beginnt...
Zum Glück sind die Bücher für meine Bibliothek gekommen: dreißig Werke der zeitgenössischen Liteatur. Ich lese "Schuld" an zwei Tagen durch, es folgt "Der Himmel ist kein Ort".
Zurück in Nanjing
Ich habe wohl zu viel Braun gesehen und muss noch vor der Ankunft in Nanjing das ach so unbeliebte Zug-WC aufsuchen, das ja nur ein feuchtes Loch im Boden ist. Oder ist mit den Kunminger Eierkuchen was faul gewesen, von denen ich mich seit zwei Tagen ernähre? Ich komme um halb elf an und fahre gleich mit Gepäck vom Bahnhof per U-Bahn weiter in den GoDi von St. Paul's (drei Sonntage in Folge ohne GoDi, das geht nun wirklich nicht) und nerve anschließend Emilie alias Li Yuan, die gerade eine Horde Amerikaner um sich geschart hat, nerve sie also, da sie ja beim "Carrefour" mit dem Einkauf zu tun hat, mit meinem Vaniltrunk-Päckchen. Sie solle doch mal dafür sorgen, dass man so was künftig auch in Nanjing kaufen könne. Emilie macht mit ihrer Digital-Kamera ein Beweisfoto.
Und dann ist für heute auch Schluss mit Lustig: Der Februar, in dem ich einfach immer krank werde (vor einem Jahr, sin-o-meter berichtete, war es noch schlimmer), holt mich ein und ich verbringe gefühlte 50 Prozent des Sonntags auf dem WC, die andere Hälfte im Bett. Glück im Unglück, dass ich bereits zu Hause bin und nicht, wie im August 2003 auf dem Weg von Yichang nach Yanji, zwei Tage mit Darmkrämpfen vor einem ständig besetzten Zug-WC zubringen muss.

Und schon ist die Reise in die Tropen nur noch eine Erinnerung, aber eine schöne!
Alles schietegal mit Aso & Zial
Alles hätte so schön sein können, wäre nicht nachts in Guiyang Familie Aso in Begleitung ihrer Schwiegermutter aus dem Hause Zial zugestiegen, was ich gleich daran merke, dass man nachts um vier erst mal ein kleines Pläuschchen in keinesfalls gedämpftem Ton hält, wovon ich selbstredend wach werde. Dass um sie herum alles schläft, ist Aso und Zial schietegal. Wäre alles ruhig geblieben, wäre ich wahrscheinlich trotzdem wach geworden, denn Schwägerin Aso ist übergewichtig und hat so lange nicht geduscht, dass mir auf der Pritsche über ihr potenzierter Schweißgeruch in die Nase steigt. Der Aso-Säugling kriegt ständig Schreikrämpfe, nach denen mir auch des öfteren zumute ist.
Als ich morgens in meine Badelatschen steigen will, trete ich in ein Stück Birne. Hoppla, muss da reingerollt sein! Der Boden sieht ohnehin längst aus wie eine Müllhalde. Der freundliche Mann, der mit seinem Sohn zu den Gelben Bergen unterwegs ist, lässt Frau Aso und ihr Kind freundlicherweise auf seiner Pritsche Platz nehmen (weshalb ich nie das Bett unten, sondern immer eins oben oder ganz oben nehme), wofür sich das kleine Pupgesicht gleich bedankt, indem es einen braunen Fleck aufs weiße Laken setzt, wofür dann die zunächst ratlose Zugbegleiterin Abhilfe schaffen muss. Schließlich setzt das Kind auch noch ein Häuflein mitten auf den Boden. Dabei haben sie dem kleinen Büxenschieter doch eine Pampers hinten reingestopft, aber offenbar weiß man im Hause Aso ebensowenig wie im Hause Zial, wie so'n Ding funktioniert. Immerhin: Diesen braunen Fleck machen sie selbst weg. Nachts quartiert sich Schwiegermutti Zial (sie liegt eigentlich über mir in der dritten Etage) verbotenerweise um in das freie Bett gegenüber, 2. Etage, und wird prompt von der Zugbegleiterin erwischt. Es sei wegen des Kindes, redet sie sich heraus, das sei krank. Statt über die Leiter runter- und dann wieder auf der anderen Seite hochzusteigen, macht Frau Zial Turnübungen unter Verwendung meiner Pritsche. Ehe sie mir mit ihren Socken noch aufs Kopfkissen steigt, nehme ich das doch lieber mal weg. Spät nachts zieht sie dann noch mal um, dann wird es ihr aber offenbar zu riskant und sie zieht wieder zurück. Ich glaube wirklich, Aso und Zial sind das erste Mal auf Zugreise! Und du ahnst es nicht: Die Familien Aso und Zial werden bis zur Endstation Nanjing meine treuen Reisegefährten sein. Prost Pup!
Die letzte Mission
Ja, eine Mission habe ich heute, ehe um exakt 16.18 Uhr der Zug K 156 mit mir an Bord die zweitägige Reise nach Nanjing antritt, noch zu erfüllen: Ich muss mich mit den Gelben eindecken. Die gelben Mini-Tetra-Paks, die in meiner Schulzeit von der Firma Alster stammten und mit süßer Vanillemilch gefüllt sind, gibt es in Nanjing nicht. Im Kunminger "Carrefour", auf den ich gestern gestoßen bin, mache ich erst die Verkäuferinnen nervös, weil das von mir gewünschte Milchpaket nicht verfügbar ist, und kaufe dann sämtliche Einzelbestände auf. Im nächsten Supermarkt kommen noch mal acht dazu, sodass ich nun mit deutlich mehr Gepäck die Heimreise antrete, als ich vor drei Wochen bei der Anreise hatte.
Im Zug lerne ich eine sehr kontaktfreudige junge Chinesin aus Ürümqi kennen. Sie steigt nachts um und reist dann zu einer Freundin nach Peking weiter. Das Frühlingsfest ist für sie nicht das große Familienfest, weil ihre Eltern geschieden sind. Die Pritsche gegenüber belegt ein Vater mit seinem (geschätzt) zwölfjährigen Sohn. Sie wollen gemeinsam nach Huangshan reisen und die Gelben Berge erklimmen. Das habe ich schon hinter mir (sin-o-meter berichtete, hier nachzulesen). Der Junge wird mir in den nächsten dreißig Stunden zahllose Löcher in den Bauch fragen. Naja, ist gut für die Sprachpraxis...
Papa John's und Winter's Bone
Jetzt gibt's richtig Stress im Herijun-Hotel: Es gibt fast nichts und das ist dann auch noch vorzeitig alle. Der rundliche Herr nebst Gattin ist sogar noch später als ich zum Frühstücksbuffet erschienen, das bis halb zehn verfügbar sein soll. Aber es gibt nur vier Sorten wässrigen Reisschleim (zwei salzige und zwei süße), die Eier sind alle. Die letzten beiden waren geplatzt und werden gerade von mir verzehrt. Der zähe, saure Salat ist nicht der Rede wert. Getränke: Fehlanzeige. Da kann man schon mal ausrasten und der hungrige Herr tobt sich gleich für mich mit aus. Denn Recht hat er. Das hier, das ist ein Witz. Und wieso werden kurz nach neun schon keine Eier mehr nachgeliefert, wenn man bis halb zehn frühstücken kann? Aber die Bedienung ist nicht klein zu kriegen. Nach wenigen Minuten dampfen er und seine Frau miesepetrig wieder ab. Der Reisschleim wollte wohl nicht rutschen. Ich nehm' dagegen vier Schüsseln. Man muss nehmen, was man kriegen kann!
Auf dem Weg in den "Shulin", den legendären Steinwald (von Wind und Regen in bizarre Formen gemeißelte Felsbrocken) hundert Kilometer östlich von Kunming, gerate ich in eine Krise: Am Anfang bin ich noch guter Dinge und gebe an der Busstation einem deutschen Pärchen, das auf dem Weg nach Jinghong ist, ein paar Tipps. Aber allein schon die halbe Stunde Busfahrt zur Ost-Busstation (Dongzhan) kostet wieder unnötig Zeit. Dann will mir die blöde Gans am Fahrkartenschalter des Dongzhan - klarer Fall von keine Lust, heute am Feiertag zu arbeiten - keine Fahrkarte ausstellen, den Grund verstehe ich nicht. Ich gehe nach unten zum Buseinstieg. Ja, hier fahren Busse zum Steinwald ab, aber es gibt ein furchtbares Gedränge. Vermutlich ist es im Park ähnlich. Außerdem gibt man mir zu verstehen: erst oben Fahrkarte kaufen! Schließlich lasse ich den Steinwald sausen, ich verspüre eine kaum zu bezwingende Reisemüdigkeit in den Gliedern und abgesehen davon habe ich so was Ähnliches schon 2008 in Antequera bei Malaga gesehen.
Ich setze mich in einen Bus Richtung Stadtzentrum, verpasse aber die Kehrwiederspitze, wo ich hätte aussteigen sollen, und befinde mich nach 45 Minuten wieder am Ausgangsort. Soll so sinnlos mein Urlaub ausklingen? Ich lasse mir von der Auskunft noch mal die Station nennen, an der ich aussteigen soll, bitte auch den Fahrer um Hilfe und beim zweiten Versuch klappt es dann schon viel besser. Ich streife ziellos in der Gegend herum, finde eine alte Moschee, die wieder hergerichtet wurde und in der es im ersten Stock einen Gebetssaal gibt - auch das ist das neue China -, schaue mir noch mal Ost- und Westpagode an, die ich zuletzt 2004 besichtigt habe, als Kunming eine Riesenbaustelle war, ganze Viertel hinter Bauzäunen verschwanden, und lande schließlich bei "Papa John's", wo es angeblich die beste Pizza gibt. Aber die Pizza ist so erkaltet wie Papa John's Geschäftsidee. In einem DVD-Laden kaufe ich mir den für vier Oscars nominierten Film "Winter's Bone" fürs Abendprogramm meines letzten Urlaubstages.
Karniggels
Man kann ja nun eines wahrlich nicht behaupten: dass diese chinesischen Schlafbusse Schlafbusse heißen, weil man in ihnen so gut schlafen kann. Dabei habe ich noch Glück: Mein Bus ist ungewöhnlich leer, vermutlich wegen der vielen Zusatzbusse, die im Einsatz sind, damit jeder Chinese rechtzeitig zum morgigen Frühlingsfest zu Hause ankommt. Ich bin unterdessen, obwohl es gerade hell wird, noch nicht mal in Kunming angekommen, jedenfalls nicht im Zentrum. Der Schlafbus hat uns an der entlegenen West-Station abgesetzt. Ich muss mit einem Bus der Kategorie K für fünf Yuan weiterfahren.
Unweit des Bahnhofs finde ich das recht vornehme Herijun-Hotel und schlafe erst mal drei Stunden. Dann geht es mit Bus 44 an den Dian-See. Im Haigeng-Park am Seeufer sind die Möwen los. Kein Wunder: Für 1 Yuan wird den Touristen hier Brot angeboten, das nur ein Ziel hat: Möwenschnäbel. Ich folge der Hubin-Lu und setze hier meinen Anfang Juli 2009 (siehe hier) aus Zeitgründen abgebrochenen Ausflug fort. Am Fuß der Westberge, einem steil am Westufer des Sees aufragenden Massiv, frage ich einen Polizisten nach dem Weg. Da solle es doch auch irgendwo Stufen geben und tatsächlich: Folgt man der Hauptstraße links hundert Meter und geht dann unter der Straßenbrücke hindurch landet man direkt an den Stufen. Als ich am Long Men ("Drachentor"), dem spektakulär in den Felsen gehauenen Tempelareal bin, wird leider schon geschlossen. Nicht weiter schlimm, denn ich finde einen Weg, der noch viel weiter nach oben führt, und lande schließlich auf den steil den Dian-See überragenden zerklüfteten Felsen. Es gibt hier einen netten kleinen Pavillon mit großartigem Blick auf den See und die Stadt dahinter. Ich klettere eine Weile zwischen den scharfkantigen Felsen herum. Auf der anderen Seite des Grats befindet sich eine kleine Beton-Ortschaft.
Als ich wieder hinabsteige, liegt Kunming schon im Dunkeln und ich genieße den zeitgleich mit dem Sonnenuntergang einsetzenden Farbenrausch der Feuerwerke, die überall unter mir wie diese kleinen, bunten Papierregenschirme, die man auf cremige Torten steckt, aus den Straßenschluchten hervorgeschossen kommen. Gegen neun sitze ich wieder in Bus 44. Wer jetzt draußen ist, werkelt unter Garantie an Feuerwerkskörpern herum.
Ansonsten sitzt heute Abend jeder, aber auch jeder Chinese vor dem Fernseher und schaut sich die bereits legendäre Gala an, die auf gleich vier staatlichen Kanälen gleichzeitig läuft und deren Zuschauerresonanz man sich vorstellen muss wie eine geballte Ladung aus Komödienstadl, Musikantenstadl, Melodien für Millionen und "Wetten dass..?" mit Originalauftritten von Madonna und Take That, vielleicht noch mit einem kleinen Fußballländerspiel in der Mitte. Bevor ich mich gegen Mitternacht Richtung McDonald's aufmache, wo man jetzt immerhin noch was zu essen bekommt, mache ich vor den Türen meiner Nachbarn die Probe aufs Exempel: Ja, überall läuft die Frühlingsfestgala. Natürlich auch bei McDonald's. Die Jungs und Mädels von der Spätschicht haben gemäß Stallorder alle Hasenöhrchen auf dem Kopf, egal ob das aussieht wie Gesäß mit Ohren oder nicht (auf jeden Fall noch schlimmer als die penetranten Nikolausmützen zur Weihnachtszeit). Natürlich nicht wegen Ostern, sondern weil morgen das Jahr des Karnickels beginnt. Aber auch sie sollen heute nicht Trübsal blasen, weil sie arbeiten müssen: Um elf überfallen ihre Kollegen von der nächsten Schicht sie zum gemeinsamen Hasenöhrli-Gruppenfoto und jagen draußen ein paar Böller und Raketen in die Luft. Für mein Eis muss ich trotzdem immer noch zahlen. Als das bunte, laute Spektakel kurz vor Mitternacht seinen Siedepunkt erreicht, mache ich mich durch eine wie ausgestorben wirkende Stadt auf den Weg zurück ins Hotel. Nein, der Himmel fällt mir nicht auf den Kopf; es hört sich nur so an.
Fake Kings

Wir kommen zu meiner letzten touristischen Aktivität hier in der Region Xishuangbanna. Es gibt laut der Broschüre der freundlichen Damen aus dem Touristenbüro hier in der Stadt das so genannte "Mengle Great Buddhist Monastery". Tatsächlich komme ich mit Buslinie 4 ganz leicht dorthin. Das Kloster liegt auf einem der Hügel am Rand von Jinghong, wo es noch von Baustellen wimmelt. Das Kloster selbst scheint offenbar auch noch nicht alt zu sein. Der goldene Buddha hinter dem Tempelgebäude ist auf dem Bild in der Broschüre noch gar nicht zu sehen. Ich wandere eine Sandpiste durch einen unfertigen Park direkt auf das imposante Areal zu, muss aber dann am Kassenhäuschen an mich halten: Umgerechnet 16 D-Mark verlangt die Tante am Schalter für den Eintritt. Das ist doch nun wirklich das Letzte: Ein neu aus dem Boden gestampftes, seelenloses Bauwerk, kulturgeschichtlich so bedeutend wie ein Wolkenkratzer in Schanghai und dann ein Eintrittspreis wie für die Verbotene Stadt in Peking! Da lachen ja die Hühner! Ich denke: Die Chinesen sind wirklich die Könige des Nachgemachten (engl. "fake kings") und streife durch die Siedlung nebenan, der die Planierraupen, weil unten eine neue Straße entsteht, den zweiten Zufahrtsweg zugeschüttet haben.
Den Rest des Tages verbringe ich in und am Swimmingpool. Nachdem ich den Anfang gemacht habe, wird es rasch voller. Die Kinder amüsieren sich noch planschend, als es zu tröpfeln begonnen hat und ich längst wieder umgezogen bin.
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