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Montag, 31. Mai 2010

Der Schönheitssinn in der Liebe von Hölderlin
Von DM, 23:59

Heute müssen die Magisterstudenten, sechs an der Zahl, in einem Sechs-Stunden-Marathon den Nachweis eigenständiger wissenschaftlicher Arbeit erbringen, indem sie ihre Arbeiten mündlich vorstellen. Doch bei der Arbeit der Studentin Yu über den Schönheitssinn in der Liebe von Hölderlin bleiben dann doch erhebliche Zweifel. Ein Zitat: "Wie froh und glücklich tönt es in dem oben angeführten Gedicht, wenn das liebende Herz des Dichters in der Wonne der irdischen Natur widerhallt. [...] In der Liebe fühlt man die Engelfreude und wallt man dadurch auf Gottes Flur." Ja, wer hat denn nun die Arbeit geschrieben? Yu Donghui oder Hölderlin oder gar sein frei herumschwebender Geist? Meine skeptischen Nachfragen bringen nicht die nötige Klarheit. Höhepunkt für mich sind sowieso nicht die Vorträge der Studenten, sondern der Umstand, dass ich nach einer Klo-Pause den Raum nicht mehr wiederfinde, weil ich zwischendurch rasch das Stockwerk gewechselt habe, um in meinem Briefkasten nach Post zu sehen. Ich muss meine Chefin in der Sitzung anrufen, um zurückzufinden. Die angespannten Studenten haben davon aber zum Glück nichts mitbekommen, als ich auf meinen Platz zurückschleiche.
Am Abend dann, alle sind gezeichnet von dem Prüfungsmarathon, der nächste Höhepunkt: Meine Chefin – jeder Betreuer ist für die Zeit der Prüfung des von ihm betreuten Studenten von der Sitzung ausgeschlossen – findet es gar nicht lustig, dass wir die Arbeit von Yu abgelehnt haben. Als sie zwei positive externe Gutachten ins Feld führt, kommt zum heftigen Disput zwischen ihr und meiner werten Kollegin Chang, die als Linguistin für die Betreuung der Arbeit über das Modalverb sollen zuständig war, die im Wesentlichen aus einer Kopie des gleichnamigen Buches von 1982 besteht und auch abgelehnt worden ist. Auffällig viele Beispielsätze über Politiker wie Schmidt oder Ehrenberg passen auch nicht besonders in das Jahr 2010. Ich verstehe von dem Streit, der immer lauter wird, nur so viel, dass Frau Chang natürlich nicht begeistert ist, dass ihre Studentin anders behandelt werden soll als die vermeintliche Hölderlin-Expertin, nur weil zwei externe Gutachter (die wohl nicht besonders gründlich gelesen haben) die Arbeit bereits durchgewinkt haben. Als Frau Professor Chang schon mit den deutschen Worten: "Ich protestiere!" (mit gerolltem R) den Prüfungssaal verlassen will, kann die Ex-Vizedekanin doch noch vermittelnd einschreiten und schlägt als Kompromiss vor, dass beiden abgelehnten Kandidaten zwei Wochen zur Überarbeitung ihrer Hausarbeiten eingeräumt werden.
Zu Hause recherchiere ich ein paar Sätze bei Google und schreibe folgende E-Mail:

Das Verfahren von Yu benutzen jetzt viele Studenten, nämlich "googlebooks". Da ja auch neuere Forschungsliteratur im Internet zu finden ist, z.B. auch das Buch von Dilthey "Das Erlebnis und die Dichtung", kopieren Studenten aus diesen Werken. Das ist an sich noch kein Problem, aber Yu hat viel zu viele Sachen ohne Verweis benutzt, ohne selbst viel Ahnung zu haben, worum es in diesen Texten geht. Das hat sich ja in der Disputation herausgestellt. Das von mir monierte Zitat auf Seite 12 stammt in der Tat von Hölderlin, nämlich aus dem Gedicht "Lied der Liebe". Was hindert die Studentin denn daran, so etwas als Zitat kenntlich zu machen?! S. 23f. stammt aus dem oben genannten Buch von Dilthey (S. 225f.). S. 47, Stichwort "Eryximachos" stammt aus einem Sekundärwerk von Ulrich Port. Die gesamte Arbeit ist also eine eklektizistische Komposition, deren Quellen leider in den Fußnoten so gut wie nie angegeben sind. Überhaupt muss man ja mal fragen, wo die Sekundärliteratur, die im (desolaten) Verzeichnis angegeben ist, im Text benutzt wird. In den Fußnoten finden sich fast keine Sekundärliteraturverweise. Ich finde, es ist doch angemessen, dass man diese saubere Quellenarbeit von einer Magisterstudentin einfordert.
Zitat Ende.

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Sonntag, 30. Mai 2010

Alle Jahre wieder
Von DM, 23:59

Heute kann ich mich nicht so leicht aus der Verantwortung stehlen, denn heute sind meine eigenen Studenten dran. Sie müssen ihre Bachelor-Arbeiten "verteidigen". Im Grunde geht es für sie bei diesem mündlichen Prüfgespräch nur darum, den Nachweis zu erbringen, dass sie auch wirklich Ahnung von ihrem Thema und nicht nur einfach alles aus dem Internet kopiert haben. Ich prüfe zusammen mit meiner Kollegin Professor Chang ("Syntaktische Phänomene im Deutschen und Chinesischen"), in zwei anderen Räumen sitzen andere Professoren mit ihren Prüflingen. Am Schluss konferieren dann alle Professoren gemeinsam über die Noten. Besonders eindrucksvoll ist die empirische Arbeit von Gu Lingli (1. Reihe, 3. v. l.), die zwei Jahrgänge des SPIEGEL durchforstet hat, um zu zeigen, ob die Berichterstattung zu China wirklich so negativ ist, wie es immer heißt.

Traditionell gibt es danach eine Einladung der Studenten zum Abendessen. Ich habe das Glück, dass der Veranstaltungsort direkt gegenüber von meiner Wohnung im Ausländerwohnheim liegt. Wäre ich jetzt in meiner Küche, könnte ich dem feucht-fröhlichen Abschiedsfest von dort aus zusehen. Wie immer mündet alles in Gesangsvorträgen und den abschließenden nicht enden wollenden Fotografierexzessen. Bei der Gesangsrunde steuere ich (auf mehrmaligen Wunsch) textsicher "Alle Jahre wieder" bei, das passt ja irgendwie, erläutere ich, denn alle Jahre wieder verabschieden wir auf diese Weise unsere Absolventen.

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Samstag, 29. Mai 2010

Von fernen Theorien und blinden Verabredungen
Von DM, 23:59

Heute darf ich, allerdings nur als Zaungast, an einem Examenskolloqium des 2008 neu eingerichteten Magisterstudiengangs für interkulturelle Germanistik teilnehmen, der paritätisch von Göttinger und Nanjinger Studenten und Professoren besetzt ist. Insgesamt vier Studentinnen aus Deutschland tragen ihre Magisterarbeitsprojekte vor. Es beginnt eine Studentin namens Christina, die schon mehrfach durch ein hohes Theorieverständnis und die souveräne Beherrschung einer Materie aufgefallen ist, die uns allen, nicht nur mir, sondern auch meinen geschätzten Kolleginnen, wesenhaft fremd ist und uns, gelinde gesagt, total am Gesäß vorbeigeht. Es handelt sich um eine Studentin mit kulturwissenschaftlichem Hintergrund. Und der prägende Eindruck ist, dass sie uns alle in den Elfenbeinturm ihres praxisfernen, theorielastigen und vor allem für uns Germanisten total uninteressanten Forschungsmodells mitschleift, uns dort für die Dauer ihres Vortrags einsperrt und mit ihren abstrakten Begriffen als Knüppeln auf uns eindrischt, bis wir alle keuchend am Boden liegen und bereit sind, alles zu unterschreiben, was man uns vorhält. Ich fühle mich die ganze Zeit, als würde ich innerlich gegen irgendwelche Scheiben klopfen und rufen: "Holt mich hier raus!" Meinen Kolleginnen geht es nicht anders und die Chefin merkt in der anschließenden Diskussion sichtlich genervt an, ob das eigentlich noch viel mit Germanistik, mit Linguistik und Literaturwissenschaft also, zu tun habe. Man muss sich die Absurdität der Lage auch mal vorstellen: Vier chinesische Professorinnen und einer aus Deutschland, die nichts wissen, und eine Studentin, die alles weiß. Das nagt am Selbstbewusstsein! Ich versuche, meine eigene Inkompetenz mit geschraubten Ausdrücken geschickt verschleiernd, zu vermitteln und sage, dass das Thema über den Umweg der sich berührenden Theorien (ich meine: des überall gleichen abgehobenen, drögen Gelabers) von Kulturwissenschaft und Literaturtheorie natürlich schon Verbindungslinien zur Germanistik aufweise, jedoch nicht so viele mit Goethe und Schiller, womit traditionelle Germanisten naturgemäß mehr anfangen könnten. Zickenterror liegt in der Luft, als die Vertreterin der Universität Göttingen, eine stark zur Kulturwissenschaft tendierende Linguistin namens Bogner und die einzige Person im Raum, die dem Vortrag der Studentin noch folgen hat können, mir entgegnet, von Goethe und Schiller kämen wir ja selbstverständlich alle, und später mäßig dezent durchblicken lässt, sie könne den Einwand meiner Chefin "jetzt nicht so ganz verstehen". Fremdheit der Stimme lautet übrigens der Titel ihrer Habilitationsschrift. Ja, das passt jetzt irgendwie, oder? Wir befinden uns mitten im Kolloquium also mitten in einer Grundsatzdiskussion über die Inhalte des euphorisch, aber offenbar ohne gewissenhaftes Nachdenken über die Inhalte, mit scheinbarer, aber nicht wirklicher Einigkeit darüber, was hier studiert werden soll, aus der Taufe gehobenen Studiengangs. Die ehemalige Vizedekanin vermittelt: "Das ist schon eine sehr schwierige Thematik." Schließlich suche ich nur noch den Absprung, denn ich bin mit Cathy zum Sprachtraining verabredet. Da ich mit meiner Chefin noch etwas wegen der morgigen (mündlichen) Magisterprüfung zu besprechen habe, bitte ich sie kurz nach draußen in den Flur, woraufhin sie die Runde, in der sie ja eigentlich die wichtigste Vertreterin der chinesischen Seite ist, für rund zehn Minuten verlässt. Fast ein Eklat. Mit Cathy setze ich mich lieber in den obersten Stock des Cafés an der Shanghai Lu. Denn wenn die Kolleginnen nachher hier vorbeikommen und mich im Café sitzen sehen, kommt das ja vielleicht nicht so gut an. Cathy reagiert, nachdem ich auch schon fünfzehn Minuten zu spät erschienen bin, irritiert: „Wir können uns auch an einem anderen Tag treffen!“ Sie steht heute sichtlich unter Druck: Ihre Mutter hat für sie ein Rendezvous arrangiert. Der junge Mann hat auch schon mal eine SMS geschickt (eine Stunde vorher). Doch meine geschätzte Sprachpartnerin weiß schon jetzt, dass sie auf den Typen überhaupt nicht steht. Aber was soll sie machen: Ihre Mutter liegt ihr ständig damit in den Ohren, dass sie mal langsam unter die Haube muss. Jetzt liegt sie mir in den Ohren, damit, dass sie so was hasse. Dann schon lieber der 47-jährige Deutsche namens Rainer, der ihr seit Wochen mit einer fröhlichen SMS zum Tagesbeginn (täglich!) den Hof macht, meint Cathy, die, ehe sie andeuten kann, dass ich doch mitkommen könnte zu dem Treffen, sich von mir bereits eine Abfuhr eingehandelt hat: Ich zerstöre dem armen jungen Mann doch nicht den Abend. Das sei doch gegen die Spielregeln (soviel verstehe sogar ich davon)! Ich lerne den heiratswilligen Kandidaten, das "blind date", dann gegen sechs auch noch persönlich kennen. Also, ich finde ihn ja ganz nett! Aber meine Meinung ist hier wohl nicht so gefragt. Schon um neun schickt Cathy mir auf SMS-Anfrage die Mitteilung: "Hab' es bereits hinter mir. Sehr schrecklich!"

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Freitag, 28. Mai 2010

Die rote Linie
Von DM, 23:59

Ich wurde vor Schreck ganz blass, als ich am Mittwoch von Studentin Eva in der Bibliothek davon hörte: Mein geschätzter Kollege Qin, mit dem ich mich gern rege über zeitgenössische Literatur austausche, ist bei Regen vor dem Eingang zur Uni unglücklich gestürzt und hat sich einen Arm und ein Bein gebrochen! Ich muss an meinen Fahrradunfall denken. Wie damals bei mir gab es auch hier keine Fremdeinwirkung, nur persönliches Pech. Qin fällt nun ein halbes Jahr aus. Am Nachmittag gehe ich mit Kollegin Chen ins Krankenhaus. Qin bekommt zwei Spiegel-Magazine und bestellt einige Reclam-Heftchen aus meiner Bibliothek. Die seien schön leicht, die könne er noch gut halten mit einer Hand. Neben ihm liegt ein älterer Herr, der wesentlich mobiler ist. Im Fernsehen laufen die French Open, es spielt Federer. Auch die Mama ist da, nicht Federers Mama, die Mama von Qin. Ein Vertreter der Uni ist auch mitgekommen - mit einem Geldumschlag. 20.000 Yuan muss Qin für den Krankenhausaufenthalt bezahlen, das ist der Nettolohn eines halben Jahres. Passt schlecht, wenn man gerade eine Eigentumswohnung erworben hat. Das chinesische System sei so, erklärt Qin: Da es keine Krankenversicherung im deutschen Sinne gebe, helfen Familie und die Uni aus. Es komme auf diesem Wege dann etwa die Hälfte der Kosten zusammen.
Wie meistens liegen Glück und Pech dicht beieinander: Abends sind wir bei einem glücklicheren Kollegen eingeladen. Er feiert Hochzeit. Es ist bereits der zweite Kollege, der in meiner Amtszeit als Nanjinger Hochschullehrer unter die Haube kommt. Ich bin spät dran und lande fast in der falschen Vorstellung. In verschiedenen Sälen laufen hier parallel gleich zwei oder noch mehr Hochzeiten ab. Heiraten im Akkord! Auch diesmal schlüpft die Braut im Verlauf des bunten Abends in drei verschiedene Kleider und auch diesmal kommen vor allem Kinder bei den zahlreichen Spielchen, die ich nicht verstehe, auf ihre Kosten. Der Conférencier macht den Witz des Tages: Heute sei ein besonderer Tag. Sogar eine neue U-Bahn-Linie sei zu Ehren des trauten Paares eröffnet worden! Das stimmt: Ab heute kann ich den Außencampus meiner Uni auch mit der Linie 2, der roten U-Bahnlinie, erreichen. Die Nanjinger U-Bahn stellt in punkto Optik und Komfort übrigens alles in den Schatten, was auf deutschen Stadtlinien so herumkurvt. Vor lauter Applaus fliegt mir von den Plastik-Klatschhändchen, die man zum Lärmmachen benutzen soll (ähnlich wie eine Rassel), die grüne Hand ab. Made in China. Zum Glück ist sie nicht weit geflogen und hat keinen Schaden angerichtet.
Wie beim letzten Mal ist auch diesmal nach zirka drei Stunden die Party so schlagartig aus, wie man ein Kerzenlicht auspustet. Ich habe noch richtig Probleme meinen "roten Umschlag" los zu werden, in den ich die obligatorischen Scheinchen gesteckt habe. Schließlich lasse ich, ehe ich zu Fuß nach Hause wandere, den Abend mit einem Streifzug durch den Park ausklingen, in dem das Luxus-Restaurant auf einer Anhöhe liegt.

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Sonntag, 23. Mai 2010

Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet
Von DM, 23:59

... Das ist so ungefähr die Stimmung, die ich nach dem Champions'-League-Finale, mit dem dieser Sonntag begann, mit mir herumschleppe. Auch Schriftstellerin Danyu, die ich nach dem 11-Uhr-GoDi in St. Paul's treffe (früher kommt man nach so einer Nacht nicht hoch), merkt, dass ich schlecht gelaunt bin. Sie rennt mir bis in den Bus hinterher und muss mir mein Vokabelheft aus der Hand reißen, ehe ich bereit bin, mit ihr zu reden. Mein Vokabelheft brauche ich heute dringend, da es mich von meiner Alles-sinnlos-Stimmung ablenkt. Defätismus hat mir Kumpel Martin bereits per E-Mail vorgehalten und, unschlüssig, ob ich noch aufnahmefähig genug bin für Fremdwörter, auch gleich eine Worterklärung mitgeliefert. Ich verspreche Danyu, mich mal wieder zu melden, und kann sie schließlich davon überzeugen, dass sie nun mal schnell, schnell zu der Bibelstunde aufbrechen sollte, wegen der sie ja eigentlich mit mir Richtung Uni gefahren ist.

Der zweite Teil des Tages verläuft dann doch noch wider Erwarten gut. Zwar breche ich viel zu spät zum Institut für Industrie-Technologie auf, wo ich den Xiao Li und Ray (sin-o-meter berichtete)  versprochenen Vortrag halte. Am Haupteingang warten Ray und sein Kumpel vom Englisch-Club bereits seit einer Dreiviertelstunde auf mich. (Der Bus D1 tauchte mal wieder ziemlich spät auf.) Erschwerend kommt hinzu, dass mein Telefon außer Betrieb ist. Es wird dann aber doch noch eine recht erfreuliche und gut besuchte Veranstaltung. In dem orange gestrichenen Clubraum von Rays "English Corner" sitzen rund fünfzig Studenten aufmerksam auf ihren Plätzen. Da hat es sich ja richtig ausgezahlt, dass ich ihnen letzten Dienstag auf dem Weg zur Uni noch ein paar Plakate geliefert habe. Xiao Li wird jedenfalls nicht müde zu betonen, dass so viele Leute sonst nicht zu den Treffen erschienen. Sie bringt mich nach der obligatorischen Fragerunde noch zum "illegalen Taxi". Busse fahren nur noch von der Haltestelle an der drei Kilometer entfernten Kreuzung. Für 7 Yuan setzt mich das kleine Wägelchen dort ab.

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Samstag, 22. Mai 2010

Das blaue Blech
Von DM, 23:59

Eine Tragödie! Hinter blauem Blech verschwunden ist, schon vor ein paar Wochen, mein DVD-Laden um die Ecke, in dem es auch häufig deutsche Filme gab. Und als das blaue Blech nach etwa zwei Wochen wieder weg war, da war auch mein DVD-Laden weg. Und statt seiner erstrahlte nun an gleicher Stelle ein neuer McDonald's, vermutlich der hunderttausendste in dieser Stadt, in frischem Glanz, also gewissermaßen genau umgekehrt wie bei der Geschichte vom hässlichen Entlein, wo ja bekanntlich aus einem hässlichen Entlein ein schöner Schwan wird. Hamburger bekommt man schließlich überall. Doch manche Geschichten gehen auch in China gut aus und heute winkt sie schon wieder, will mich hereinwinken, die Verkäuferin des alten DVD-Ladens. Ja, sie ist es. Sie sitzt zwanzig Meter von McDonald's entfernt an der Kasse eines ebenfalls wie aus dem Ei gepellten neuen Ladens mit gleich zwei Etagen. Aber, nee, ich will nicht. Ich habe da noch ein paar Berührungsängste. Rasante Veränderungen haben mich schon immer schwer erschreckt.

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Mittwoch, 19. Mai 2010

Deutscher Nationentag in Schanghai
Von DM, 23:59


Schon wieder sitze ich im Zug gen Osten. Diesmal geht es zum Abendempfang anlässlich des Nationentages der Bundesrepublik in Verbindung mit dem Besuch von Bundespräsident Köhler bei der EXPO in Schanghai. Die Anreise verläuft mit den üblichen Holprigkeiten: Ich steige an der völlig falschen U-Bahnstation aus. Dann vergehen dreißig Minuten, in denen verschiedene U-Bahnbeamte, Schalterbedienstete und Straßenreinigungskräfte und Busfahrer mir versuchen deutlich zu machen, wie ich zum Kulturzentrum "Redhouse" komme, einer ehemaligen Fabrikhalle, die jetzt eine Skulpturensammlung beherbergt. Ich lande schließlich in Bus 911. Dort hilft mir eine schöne Chinesin über die Runden. Der Bus ist so voll, dass ich nicht mal zum Zahlen komme. Die schöne Chinesin zeigt mir noch mal von draußen vier Finger, als sie schon ausgestiegen ist: noch vier Stationen. Das kann sogar ich schaffen.
Noch voller als im Bus ist es auf dem Gelände des Skulpturenparks. In einem großen Zelt gibt es die Sicherheitskontrollen, die in China inzwischen schon so üblich sind wie eine Schale Reis. Ich sehe hier und da auch schon ein paar bekannte Gesichter. Das bekannteste Gesicht, das des Bundespräsidenten, dagegen lässt noch etwas auf sich warten. Es kann ja auch keiner ahnen, dass das schon einer seiner letzten Auftritte im Amt des Bundespräsidenten sein wird. Er kommt dann doch noch (ich habe inzwischen das Gelände und das üppige Büffet erkundet und einige Kolleginnen getroffen), hält eine Rede, die aus den üblichen Allgemeinplätzen besteht, lobt den fantastischen deutschen EXPO-Pavillon und die Mithilfe der kroatischen Nachbarn, ohne die vieles nicht möglich gewesen wäre. Schweigend daneben wie später bei der Rücktritts-Pressekonferenz seine Gattin Eva, unbewegt wie ein Fels in der Brandung. Dann lächelt er gewohnt breit und irgendwie erleichtert in die Kameras und macht Platz für die Sichuan-Oper von Shen Tiemei, der Opern-Ikone aus Chongqing. In einer Kurzfassung wird nach Bertolt Brecht, der ja als Autor des "guten Menschen von Sezuan" eine gute Beziehung zu Sichuan hat, das Stück "Der Kreidekreis" aufgeführt: ein kleines Kind, das ich schon vorher in Maske und Kostüm für Schnappschussjäger posieren sah, zwischen zwei Müttern. Danach sind als Walküren verkleidete ukrainische 1,80-Models zu bestaunen, die Werbung für die spektakuläre "Ring der Nibelungen"-Aufführung im Rahmen der EXPO (ab 16. September) machen. Am Ende kommt der Präsident noch mal auf die Bühne, um die vielen Künstlerhände zu schütteln. Ich wähnte ihn schon in den VIP-Katakomben verschwunden.

Schließlich gebe ich noch der Reporterin von Chongqing-TV (einer Art Hamburg-1) ein Interview und soll in die Kamera sagen, was für Gefühle ich beim Anschauen der Oper gehabt habe. Ich nutze die Gunst der Stunde und appelliere an alle Zuschauer: "Geht nicht mehr ins Kino! Geht in die Sichuan-Oper und rettet chinesische Kultur!" Wenn man so was sagt, wird man später wenigstens gesendet.
Den Rest der Zeit verbringe ich in der Nähe des Büfetts, das ein übereifriger Ordner schon ungefähr  zehnmal schließen wollte, seitdem der Präsident das erste Mal angekündigt worden ist. Aus jenem Respekt vor der Würde des Amtes, den Köhler offenbar ja weithin vermisst hat. Mövenpick-Eis kann man hier, wie viele andere Dinge, wie Fleischgerichte und feinste Quark- und Schokokuchen, so oft und so lange vertilgen, wie man will, was ich auch tue. Endlich finde ich auch heraus, wer dieser lange, edel ausgestattete Herr ist, der mir so bekannt vorkommt, obwohl ich ihn ja wohl kaum vorher getroffen haben kann. Es handelt sich um Guido Buchwald, der da an einem Stehtisch steht (ich erkenne ihn an seiner quäkigen Stimme), vermutlich mit einigen Ex-Kollegen, die wie er gegen Mittag auf der EXPO an einem Fußballfreundschaftsspiel der Ex-Profis teilgenommen haben. Wie mir meine bierseligen Kollegen Ralf und Thomas vom Akademischen Austauschdienst in Schanghai später im Tanzpavillon, wo sich die Studenten in ihren orangenen Hilfskräfte-Klüften bei der überlauten Musik von Multiinstrumentalist Konrad Küchenmeister und des Hip-Hop-Stützpunktes Berlin (die können beides: Hip und Hop!) mächtig vergnügen, wie mir also meine Kollegen bei lauter Musik eröffnen, handelte es sich bei dem Mann am Tisch neben Buchwald um Olaf Marschall. Olaf wer? Tja, ihr Fußball-Profis, sic transit gloria mundi!
Schließlich mache ich mich mit Sabina (siehe sin-o-meter-Eintrag vom 26. September 2008) per Taxi auf den Weg zu ihrer Unterkunft und finde so ganz nebenbei heraus, dass der junge Mann, der ständig, auch jetzt im Taxi, in ihrer Nähe zu sehen ist, ebenfalls bei ihr nächtigt, allerdings im Gegensatz zu mir routinemäßig und in ihrem Schlafzimmer. Dafür kriege ich die nagelneue IKEA-Liege im Wohnzimmer und sage schon mal tschüs und danke, denn morgen werde ich ausschlafen.

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Samstag, 15. Mai 2010

Oben gibt' den ...
Von DM, 23:59

Heute ist zwar das Wetter besser, aber die Stadt dafür auch lauter und voller. Wochenend-Touristen bevölkern die engen Wege an den Kanälen. Den Vormittag verbringe ich im Changlangting-Garten, dem ältesten der Stadt. Hier... Ich sitze auf einer überdachten Terrasse und es dauert nicht lang, da werde ich zum Foto-Motiv. Der junge Tourist mit der Schnappschuss-Kamera verwickelt mich auch gleich in ein Gespräch über den großen technischen Fortschritt den Deutschland China gegenüber hat (im jüngsten SPIEGEL steht genau das Gegenteil). Ein älteres Ehepaar tritt auch noch hinzu. Vorbei ist's mit der andächtigen Ruhe.

Den Rest des Tages verbringe ich flanierend in der Nähe der vielverzweigten Kanäle und sitze mal hier, mal da. Gerade als ich in einem kleinen Straßenrestaurant ein paar Xiaolongbao (Maultaschen) vertilgen möchte, klingelt mein Telefon Sturm, das ich leider nicht im Hotel lassen kann, weil es mir derzeit auch als Armbanduhr dient. Ich stelle erst mich taub und dann das Telefon stumm, nach dem Essen gehe ich aber doch ran. Es ist natürlich unser manisch-depressives Sorgenkind Danyu dran, das sich mit seinen Eltern wegen ihres deutschen Sprachpartners (nein, nicht ich!) überworfen hat, der sie wohl heute besuchen wollte oder was weiß ich. Jetzt will sie ausziehen und für zwei Monate bei mir wohnen! Das ist natürlich eine blendende Idee – für alle, die ganz scharf darauf sind, in kürzester Zeit des Wahnsinns fette Beute zu werden. Außerdem hat meine 500-Yuan- Gäste-Luftmatratze ein ärgerliches Loch. Fast eine Stunde lang bricht meine Gesprächspartnerin fortwährend in Tränen aus. Ich versichere, dass Jesus am Ende für eine Lösung sorgen wird. (Normalerweise ist so ein Streit 24 Stunden später schon wieder Schnee von gestern. Manisch-depressiv eben.) Auch ich werde fast depressiv, bei dem Gedanken nämlich, dass ich Suzhou in einer Stunde verlassen muss, diese herrlich altmodische Stadt, in der man überall jenem China begegnet, in Gestalt von Drachenbooten, Rikschas, Pagoden, Teehäusern, Bonzais, stilisierten Parks und Pavillons, wie man es sich eigentlich immer vorgestellt hat. Vorher muss ich noch ins Hotel und mein Gepäck holen. Das Pärchen neben mir im Fahrstuhl weiß nicht, dass man, wenn man auf der Schaltfläche ein Stockwerk wählen möchte, zuvor mit der Zimmerkarte eine Sperre aktivieren muss. Ich mache das für sie. Die Dame bedankt sich auf Chinesisch. Ihr Partner weist sie zurecht: "Der Ausländer versteht dich doch nicht." Ich überlege kurz: Kommentiere ich das? Dann sage ich: "Er versteht!" Da lacht der Fahrstuhl. Fast zur Nebensache wird am Abend, wieder daheim, das Pokalfinale. 4:0 kommt Werder unter die Räder des Bayern-Express.

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Freitag, 14. Mai 2010

Oben gibt's den Himmel. Und ...?
Von DM, 23:59

Erst auf meiner Wanderung am Kaiserkanal entlang (das Kanalsystem hat Suzhou den Beinamen Venedig des Ostens eingetragen) treffe ich auf diverse Herbergen meiner üblichen Preisklasse, z.B. am Ende der Furengang-Straße.

Besonders angetan bin ich von einem Lese-Café, das über den Kanal gebaut ist. Wenn man den kalten Kaffee aus dem Fenster kippt, landet er gleich als Abwasser im Kanal – falls nicht gerade ein Gondoliere vorbeikommt... Ich schaue Rentnern beim Kartenspiel am Fischteich der Nord-Pagode Beisi Ta (errichtet 1576) zu und sehe aus angeblich 70 Metern Höhe die Stadt zu meinen Füßen liegen. Beim Nudelgericht im Straßenrestaurant an der Ecke werde ich die Attraktion der plötzlich wie Pilze aus dem Boden schießenden Arbeiter, die Touristen als Tischnachbarn sonst nicht erleben und denen ich erst mal erklären muss, warum mir die Universität Nanjing nur 4000 Yuan zahlt. Neugierig blättern die redseligen Jungs in meinem Lonely Planet aus den achtziger Jahren. Wenn ich den neben mir am Tisch nicht verstehe, schaue ich den jeweils anderen an, einer kann sogar ein paar Brocken Englisch und irgendwie kriege ich dann immer raus, was gerade die Frage war. Ärgerlich ist nur die feuchte Aussprache, die der eine hat. Ich befürchte: Der wird mir noch in die Suppe spucken.
Also setze ich lieber den Rundgang fort: Der Park zum Steinernen Löwen ("Shizilin") ist ziemlich touristenüberladen, da schaue ich lieber dem Blattfischer (also der Reinigungskraft) auf dem Teich bei der Arbeit zu. Oben in einem der Häuschen gibt es bunt bemalte Tonfiguren. Ich muss an die Belohnung für den steckbrieflich gesuchten Averell Dalton aus dem "Lucky-Luke"-Album "Vetternwirtschaft" denken: eine Gipsfigur. Abends lande ich vor den verschlossenen Toren des Pan-Tores und kann also weder das gut erhaltene Tor noch die Stadtmauer-Reste sehen. Ich wandere stattdessen weiter den äußeren, d.h. großen Kanal entlang. Den Uferpark erleuchten nach Anbruch der Dunkelheit bunte Lichter. In den Bäumen simulieren höchst originelle Lämpchen fallende Kometen. Hach, die Chinesen!... In der Kanalkurve gibt es einen künstlichen Wasserfall, angestrahlt in allen Farben des Regenbogens. Eine Zuschauerhorde steht dicht gedrängt in der Nähe dieses Spektakels am Ufer. Als ich näher komme, sehe ich, dass sie einem jungen Mann dabei zusehen, wie er seine Freundin oder Frau aus dem Wasser fischt oder sie davon abhält, sich in den Fluten zu versenken. Und ich denk', die schauen sich hier alle den Wasserfall an! Ich sehe wegen der Menschentraube nur die nackten Füße des Mädchens, die durch die schmale Betonreling hindurchschauen und eine verkrampfte Klammerhaltung einnehmen. Dazu ruft sie wiederholt: "Will nicht!" Jemand (ein Freund?) kommt mit wärmender Kleidung, ein anderer hat ihre Sandalen in der Hand. Dann war sie wohl doch schon im Wasser. Am Ende wird die offenbar Lebensmüde mit vereinten Kräften weggetragen. Man liest das jetzt immer öfter: In China sollen psychische Probleme im Zuge des Wirtschaftswunders zugenommen haben. Was lernen wir daraus? Ohne Damen keine Dramen! Ich ziehe weiter, sitze noch eine Weile am Wasser. Wie an einer Schnur aufgezogen schippern Drachenboote mit Touristen an Bord vorbei. Eine lärmende Horde Kinder, die denken, ich könne kein Chinesisch, berät sich neben mir, wer es wagt, sein Englisch an mir auszuprobieren. Zum Glück traut sich dann doch keiner. Ich stehe noch eine Weile auf einer der zahllosen Kanalbrücken, sehe den bunten Lichtern zu und lasse den Abend schließlich bei "Papa John's" Pizza ausklingen. "Better ingredients. Better pizza." Stimmt.

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Donnerstag, 13. Mai 2010

Oben gibt's den Himmel. Und unten?
Von DM, 23:59

Wohin könnte man sich am Himmelfahrtstag besser begeben als nach Suzhou, der Stadt, der in China sogar ein Sprichwort gewidmet ist, das jeder Chinese kennt: Oben gibt es den Himmel, unten Suzhou und Hangzhou. Berühmt ist die 2500 Jahre alte Stadt (mit dem Zug neunzig Minuten von Nanjing) für Seide, für ihre einst zwanzig Kanäle und mehr als 350 Brücken und ihre historischen Parks, früher von Künstlern raffiniert angelegte Refugien für Aristokraten, Gelehrte und pensionierte Beamte, heute Einnahmequellen im Sektor Tourismus.
Ich habe keinen Reisepass mitgenommen und muss es natürlich wieder mal auf ein Vabanquespiel ankommen lassen. Nach der Fahrt vom Bahnhof mit Bus Nr. 1, der einmal mitten durch die Stadt fährt, bekomme ich nun ungeahnte Schwierigkeiten beim Finden eines Hotels. Erst beim dritten Anlauf ist man bereit, mich aufzunehmen. Aber auch im "Hanting Express" gibt es zwei skeptische Rezeptionisten. Mit dem besten mir zu Gebote stehenden Pokergesicht stehe ich an der Rezeption und erkläre unerschütterlich: Das sei alles gar kein Problem. Auf dieser "grünen Karte", die mir von der Provinzregierung ausgestellt wurde, stehe nicht nur die Nummer meines deutschen Passes, sondern es sei doch dies auch unzweifelhaft ein hochgradig offizielles Dokument! Tja, das wisse er nicht, meint der junge Herr auf der anderen Seite verunsichert und ruft den Oberboss an, während ich demonstrativ gelassen mein zweites Pfefferminzbonbon aus der Dose auf der Theke in den Mund stecke. Am Ende werde ich in Gnaden aufgenommen. Trotzdem hat mich mein sprichwörtliches Glück auf dem Weg zum jeweils günstigsten Hotel diesmal im Stich gelassen: Für die zweite Nacht wird sogar noch ein Wochenendzuschlag fällig. Umgerechnet fast hundert Mark kosten mich die beiden Nächte hier! Dafür ist die Absteige aber auch bei weitem nicht so heruntergekommen wie meine sonstigen Klitschen.

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Samstag, 08. Mai 2010

Panda & Co.
Von DM, 23:59


Man kann sich natürlich schon die Frage stellen, was eine neunzehnjährige Studentin dazu bringt, mit einem mehr als doppelt so alten Hochschullehrer, der noch nicht mal ihr Lehrer ist, einen Ausflug zu machen, aber zum Glück muss ich das ja nicht beantworten. Ich benehme mich einfach so, als wäre ich selber gerade erst zwanzig, was mir gar nicht mal so schwer fällt. Xiao Li, bekannt vom Eintrag am 27. April, streift also mit mir durch den großzügig für die Gäste, aber weit weniger großzügig für die Tiere angelegten Zoo auf dem "roten Berg" im Norden der Stadt. Dabei werden wir von Regen überrascht, als wir den Gipfel des Hügelchens erreicht haben (der gar nicht rot ist) und müssen erst mal pausieren. Dabei werden meine letzten Kekse und Schoko-Oishis vertilgt. Die Kokosnuss kann keiner aufkriegen.

Danach schauen wir noch beim sensationellen "Liger" (Kreuzung aus Tiger und Löwe) vorbei sowie bei den anderen Raubkatzen, deren Gehege etwas größer ausgefallen ist. Panther und Leoparden haben dagegen schon das Käfig-Syndrom und schleichen verhaltensgestört ihre zwölf Quadratmeter auf und ab. Fröhlicher sind die Makaki-Affen (Pech - wir haben unsere Bananen schon selber gegessen) und am besten haben es natürlich die Panda-Bären, deren Stall allerdings grausam stinket. Die Giraffe lässt nur mal kurz den Hals aus ihrem Riesenstall rausgucken, die dickhäutigen Elefanten haben sich komplett verdünnisiert. Auch das Nilpferd ist abgetaucht und taucht nur zum Luftholen auf. Die Emus sind dafür erstaunlich zutraulich, obwohl sie uns durch den Zaun reichlich verstört anglotzen. Für den größten Lärm sorgt allerdings kein Tier, sondern Studentin Xiao Li, die sich im Riesenrad – das gehört auch zum Angebot – benimmt, als würde sie gleich den Löwen zum Fraß vorgeworfen. Dabei war das doch ihre Idee!
Leider erwische ich am Abend den falschen Ausgang und finde danach die U-Bahn nicht mehr. Dahin die souveräne Reiseleitung. Am Ende muss ich Xiao Li zur Strafe mit dem Bus bis zum Bahnhof bringen. Ich komme natürlich trotzdem noch rechtzeitig zur Meisterschaftsfeier (live aus Berlin) nach Hause!

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Montag, 03. Mai 2010

Du stirbst nicht
Von DM, 23:59


Danyu, die neurotische Künstlerin, die schon mehr als einmal Gegenstand im sin-o-meter war, z.B. als Fotomodell am 27.12.2009), liegt seit zwei Wochen mit Hepatitis E im Krankenhaus. Originalzitat: "Gai zenme wangdiao zhe shanghai (Wie soll ich diesen Schmerz vergessen)?" Nun ist ja heute dieser Feiertag (eigentlich ist der am 1. Mai, aber da der auf einen Sonnabend fiel, wird hier im Arbeiter- und Bauernstaat dann einfach der Montag rangeflickt) und so mache ich mich auf zu einer meiner berüchtigten Irrfahrten. Mit der U-Bahn bis zur Haltestelle Maigaoqiao, das geht ja noch, aber dann: Wo steckt dieser Bus Nr. 72? Ich renne bei fast 30 Grad im Schatten wie ein aufgeschrecktes Huhn herum. Da ist ein Bus 72, aber das ist in Wirklichkeit eine 22 (Zahl vorne übergeklebt). Fahrgäste, die auf einen anderen Bus warten, empfehlen mir Nr. 53. Auf dem Weg zu Nr. 53 hundert Meter weiter erblicke  ich aber unverhofft eine Nr. 72 im Straßenverkehr. Ich folge der Fährte bis zur nächsten Haltestelle. Da frage ich Fahrgäste, aber die haben beide keine Ahnung. Auf dieser Strecke gebe es keine Station namens "2. Nanjinger Krankenhaus". Also, folgere ich, falsche Richtung. Ich wechsele auf die Gegenseite. Zehn Minuten danach stehe ich an einem anderen Halt der Linie 72 und treffe kundigere Leute. Die zeigen mir die Schriftzeichen für das 2. Nanjinger Krankenhaus. Ich muss nur auf die andere Straßenseite. Im Klartext: Ich war eben gerade schon richtig! Ich ergattere einen Sitzplatz und beginne die Stationen mitzuzählen. Elf an der Zahl. Die erste ist die, an der ich vorher gerade die Unwissenden gefragt habe, die längst nicht mehr dort stehen. Am Ende hilft mir auch der Busfahrer, richtig auszusteigen.
Mit dem Krankenhausfahrstuhl des 2. Nanjinger Krankenhauses, das übrigens hochmodern und neu aussieht, lande ich dann erst mal auf Station. Nix wie wech. Endlich finde ich auf der anderen Gebäudeseite einen Fahrstuhl, der hoch bis zum 13. Stockwerk fährt. Dort tut Danyu total überrascht. Hätte ja nie gedacht, dass ich tatsächlich käme, und will mich auch gar nicht wieder weglassen. Sie hat ein Einzelzimmer erstritten (natürlich nicht das auf dem Foto), indem sie so lange Krach geschlagen hat, bis der Oberarzt klein beigab: Man könne sie doch nicht mit HIV- und Hepatitis-A-B-C-Leuten ins selbe Zimmer sperren, das sei ja lebensgefährlich! Wie man hört, geht's der Patientin schon wieder ganz gut.
Das passende Buch habe ich heute auch den ganzen Tag mit dabei (die Autorin besucht unsere Uni am 19. Mai): "Du stirbst nicht". Spielt im Krankenhaus.

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