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Unterwegs zu den Gelben Bergen
Endlich habe ich es geschafft, ein bisschen hinter die Funktionsweise des Programms namens Access zu schauen, bei dem nomen nicht omen ist und mit dem die Bücher der Leihbibliothek verwaltet werden. Ich bin ja einen wesentlichen Teil meiner Arbeitszeit als Bibliothekar tätig. Meine Vorgängerin hat sich das Programm selbst beigebracht und kann mir nicht viel helfen. "Ausprobieren", rät sie per E-Post. Ein Scheitern hätte bedeutet, dass ich weniger klug bin als sie. Aber wer mal versucht hat sich ein komplexes Computerprogramm allein nach der Versuch-und-Fehler-Methode zu erschließen, der weiß, was ich in den letzten Wochen nervlich durchgemacht habe. Nun aber: der Durchbruch. Stundenlang trage ich die Angaben des ganzen Monats nach. Bis halb vier morgens.
Nach langem Schlaf kommt die neuen Mensa-Karte zum Einsatz. Aber das hätte ich nicht erwartet: Die Mensa ist ein nicht enden wollendes überdachtes Straßenrestaurant mit einer endlosen Vielzahl an kulinarischen Köstlichkeiten zur Auswahl an einer Quer- und einer Längsseite des großen Saales. Divide et impera, ist wohl der Wahlspruch der Köche...
Im Bus neben mir sitzt ein sehr freundlicher junger Mann, der in Wuhan Telekommunikation studiert hat und als Computerprogrammierer in Nanjing arbeitet. Er will mit einem Freund eine Fahrradtour in der Gegend um Huangshan machen. Sein Englisch ist sehr ordentlich. Eine Unterkunft hat er auch noch nicht. Und er macht mir auch wenig Hoffnung, dass ich in derselben Nacht noch eine finde. Ich frage mich, worauf ich mich da wieder eingelassen habe. Ich bin schon mal nachts um eins irgendwo in der chinesischen Provinz gestrandet und musste mir die Nacht frierend in einem Bus um die Ohren schlagen. Allerdings war das im Februar. Dafür ist es hier in Huangshan-Stadt schon halb zwei.
Die ersten Versuche sind in der Tat ernüchternd. Überall, wo ich zu so später Stunde eintrudele, ernte ich nur Kopfschütteln. Ich bin schließlich nicht die einzige Person im Reich der Mitte, den die Ferientage zu einem Ausflug in die legendären Berge verleitet haben. Aber, he, es ist ja schon der 1. Oktober! Das darf hier gar nicht mehr stehen!
Rohrkrepierer
Meine Naivität kennt mal wieder keine Grenzen, als ich mich eine Stunde vor dem Start eines Busses nach Huangshan, den legendären Gelben Bergen im Süden der Provinz Anhui, von meinem Domizil auf den Weg mache. Eine Viertelstunde geht noch drauf, weil ich einen wichtigen Brief mit meinem Arbeitsvertrag nach Peking schicken muss. Fünfzehn Minuten braucht die Schaltertante mit studentischer Hilfe, um meine englischen Buchstaben zu entschlüsseln und tauglich für den Sino-Versand zu machen. Schaffe ich es wohl noch zeitig bis zum Busbahnhof? Bei dem Massenauflauf am Bahnhof (gleichzeitig U-Bahn-Station) dämmert mir schon: Das wird knapp. Zusehends verbreitern sich die Ströme in Richtung Busbahnhof. Halb China ist unterwegs. Auf dem Platz vor dem Busbahnhof: ein einziges Gewimmel von Menschen. Ich muss in eine lange Schlange. Wenige Minuten vor Abfahrt des Busses, den ich eigentlich nehmen wollte, habe ich eine Fahrkarte ergattert: für morgen Abend 19.30 Uhr. Früher gab es nichts mehr! Mein Plan, mal eben schnell mit Sack und Pack auf Tour zu gehen: ein echter Rohrkrepierer. Eigentlich hätte ich es wissen müssen...
Also ein Urlaubstag in Nanjing. Ich wandere die Außenseite der gewaltigen, sechs bis sieben Meter hohen Stadtmauer, mit über 30 km eine der längsten erhaltenen Chinas oder sogar der Welt, entlang: Vor mir liegt der herrliche Xuanwu-See, eine Art chinesische Außenalster mit vier Inseln, die man über Dämme und Brücken erreichen kann. Herrlich, wie die das immer machen! Den Park verlasse ich an der Stelle, wo wir die Stadtmauer schon am 13. September besichtigt haben. Mein Orientierungssinn erwacht eigentlich erst jetzt, wo ich die Stadt auf eigene Faust erkunde. Zum Glück ist es nicht mehr so heiß und ich bin mit meinem ersten Ferientag eigentlich noch ganz zufrieden. Immerhin ist der Brief weg!
Der Sonntag, der ein...
... Montag war. Das ist die Überschrift für diesen Tag, an dem ich, wie angekündigt, meine Kurse vom Montag unterrichten durfte. Wenigstens bekomme ich am Nachmittag endlich meine Mensa-Karte und kann nun also ab sofort in den Genuss der von den Studenten hoch gelobten Mahlzeiten dort kommen.
Unter Tage
Sabina, seitenverkehrt, ist das Erste, was ich nach dem Aufstehen zu sehen bekomme. Sie lugt vorsichtig seitlich durch die gläserne Wohnzimmertür, ob sich schon was regt. Danach sehe ich nicht mehr viel von ihr. Sie muss zum Unterricht. Ich schlafe noch eine Runde weiter und mache mich gegen 11 Uhr auf den Weg zum Bahnhof, wo ich Punkt 12 Hongzhen und Fenghua treffen soll. Zwar erreiche ich mit der Untergrundbahn fast rechtzeitig das Ziel, aber dann verliere ich die Orientierung, glaube, dass ich am falschen Ende des Bahnhofs herausgekommen bin, weil ich nichts wiedererkenne. Ich kehre um, lande auf der total öden Nordseite, wo eine Baustelle ist, gehe wieder unter Tage, tauche wieder auf, wieder Ödland, lande auf der unterirdischen Optikermeile: Menschen, Brillen und Linsen, soweit das Auge reicht. 25 Minuten später bin ich dann durchgeschwitzt wieder am Ausgangspunkt, aber von Hongzhen und Fenghua natürlich weit und breit keine Spur. Ich setze mich auf die Metallreling vor dem Fahrkartenverkauf und denke an die zig Male, wo ein verabredetes Treffen mit mir bereits gescheitert ist. Da stehen sie auf einmal vor mir. Fenghua habe mich als Erste entdeckt, bekundet eine sehr erleichterte Hongzhen fröhlich. Fenghua hat eine gewaltige neue Brille auf, als sei sie selbst gerade unter Tage bei den Optikern gewesen. Ein Glück!

Zum Dank für den unerwarteten (?) Stress lädt Fenghua (im Bild links) alle zum Essen ein. Vorher kaufe ich noch das Billett; dabei muss ich mich in die Reihe neben mir schieben, weil kurz vorm Ziel der Schalter mit meiner Schlange Mittagspause macht. Ein wenig begeisterter Herr, der gerade noch vor mir war, greift mir energisch an die Schulter, aber ich bin ja der Mann mit der Stahlschulter, das kann er nicht wissen. Beim Abschied überreicht mir Fenghua noch ein Tütchen mit Schokoladenartikeln vom Feinsten. Lehrer ist man eben immer. Das ist wie mit Eltern, die bleiben es auch bis ans Ende ihrer Tage. Und wenn sie (offiziell) nicht mehr im Dienst sind, sind sie die Besten!
Odyssee mit Nina
Nina (23) ist für ungefähr drei Monate in Schanghai und macht ein Unterrichtspraktikum, und Nina sollte Recht behalten. Nach dem unerwartet in die Länge gezogenen und also gar nicht so kurzen Kurzfilmfest des Goethe-Instituts (schuld daran war das recht appetitliche Büffet nach der Filmvorführung und mein Wiedersehen mit dem Dokumentarfilmer und Medienkunst-Professor Lothar Spree, dessen Gastprofessur in Schanghai nach fünf Jahren dieses Jahr zu Ende geht und den ich 2004 in Hangzhou kennen gelernt hatte) hatten wir uns gerade an der U-Bahn von Hongzhen verabschiedet, da meinte Nina: "Hoffentlich kriegen wir noch'ne U-Bahn!" Großkalibrig antworte ich: "Also, da mach' ich mir ja nun überhaupt keine Sorgen." Prompt werden wir beim Umsteigen Richtung Tongji des Feldes verwiesen. Halb elf und in der größten Stadt Chinas fährt keine U-Bahn mehr zur Uni! Es gebe aber einen Bus Nr. 123, wird uns gesagt. Also auf! An der ersten Station in der uns gewiesenen Richtung steht eine Menschenschlange, aber der Bus, in dem sie sich kurz darauf auflöst, fährt nicht zur Uni. Weiter hasten wir durch die Nacht. "Lost in transition", witzele ich. Notfalls könnte man ja auch ein Taxi nehmen, aber das ist unsportlich. Wir bekommen die Richtung wieder gewiesen, wieder viele Leute, wieder keine 123. Wir hasten weiter. Als die nächste Station in Sicht kommt, liest Nina: "123!" Da ich kein Kleingeld habe, schenkt mir Nina ihre letzten Maos (chines. Cent), das Geld lasse ich in den Kasten beim Fahrer klimpern, der wohl gerade irgendwo draußen eine raucht. So merkt er nicht, dass mir vier Maos zum Fahrpreis fehlten... Um Mitternacht stranden wir in einer auf Westlich getrimmten Bar, wo Ninas Freundin Jenny zwei feschen Typen gegenüber sitzt. Außerdem dabei: eine Deutschfranzösin, die in der Nähe von Annecy geboren ist und im Wohnblock neben dem von Sabina wohnt. Sie übernimmt es, da sie sowieso heim möchte, Nina abzulösen und mich zur Unterkunft auf dem Wohnheimgelände der Uni zu lotsen. Unterwegs kaufe ich geistesgegenwärtig noch schnell Zahnpasta, damit ich nicht schon wieder Sabinas teure Sensodyne benutzen muss. So viel Zeit muss sein! Endlich am Ziel finden wir beide verrammelte Eingangstüren vor und müssen über das nebenan gelegene Gästehaus erst noch den Schlüsseldienst herbeirufen lassen. Reichlich erledigt versinke ich in Sabinas Wohnzimmercouch, meinem Nachtlager.
Und so hatte der Tag zehn nach acht begonnen: Sabina scheint auch nicht so der Frühaufsteher zu sein und hätte fast verschlafen. Fünfzehn Minuten bleiben für Frühstück und Morgentoilette. Eigentlich wollten alle mit der U-Bahn fahren, aber bis auf Nina und eine andere Kollegin, die uns später mit Karte sicher ans Ziel führen wird, sind die anderen schon mit dem Taxi zum Deutschlehrertag gefahren. Die Fortbildungsveranstaltung des Generalkonsulats in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut findet in dessen Sprachtrainingscenter statt. Einige Verlage stellen ihre Lehrwerke aus und das Ganze beginnt mit einem Vortrag über verschiedene Intelligenztypen und Lernsysteme. Das mit den unterschiedlichen acht oder neun Intelligenzen (intrapersonale, interpersonale [über sich selbst und andere reflektieren können], mathematisch-analytische, räumliche, sprachliche, naturalistische und ein paar andere, die ich vergessen habe) finde ich sehr aufschlussreich; schließlich kriege ich bei klassischen Intelligenztests immer eher unbefriedigende Leistungen bescheinigt, weil ich für die Lösungen immer zu lange brauche. Umso ärgerlicher, dass mir wenig später die Tasche mit dem Skript zum Eingangsreferat und einigen wichtigen Notizen gestohlen wird, als ich auf Klo bin. Die Seminare zum Lernen empfinde ich ob einiger gruppendynamischer Übungen z.T. als etwas kindisch. Die chinesischen Teilnehmer(innen) sind umso begeisterter. Aber, apropos Chinesen, wo ist eigentlich Hongzhen (im Bild ganz unten im Hintergrund zu sehen)? Ich hatte doch meine Ex-Studentin zwecks Wiederbegegnung mit mir und anderen Deutschen herbestellt. Ich bitte Sabina um ihr Mobiltelefon und klingele in der Pause mal durch: "Wieso bist du noch nicht hier?" Wenig später ist sie da, findet mich aber nicht, weil ich schon wieder in so'ner Werkstatt komische gruppendynamische Übungen mache. Als sie mich in der Pause dann doch zufällig entdeckt, stecke ich sie selbst in so eine Gruppe, wissend, dass ihr so was gefallen wird. Und ich behalte Recht.
Am frühen Abend stoßen Hongzhen und ich dann wieder zu den üblichen Verdächtigen. Wie finden wir die? Auf Hongzhens Telefon ist durch meinen Anruf bei ihr Sabinas Telefonnr. gespeichert. Die kleinen Dinger sind doch praktisch! Sabina hat sich mit einigen DAAD-Kolleginnen und dem Kollegen Rainer ins Restaurant gegenüber begeben. Zum Filmabend gehen aber schließlich nur Nina und Hongzhen und ich, weil die anderen zu müde sind. Sabina muss außerdem am morgigen Sonnabend unterrichten (ebenfalls wegen der Feiertagswoche), und das schon um acht! Weil Hongzhen sich in der Richtung irrt, als wir aus der U-Bahn kommen, sind wir eine halbe Stunde zu spät. Wir kriegen im Vorführraum, der alles andere ist als ein Kinosaal, nur noch Plätze auf dem Boden (meine armen Kniee), haben aber nur zwei Filme verpasst. Fazit: Nicht ein einziges Mal habe ich es an diesem Tag irgendwohin pünktlich geschafft.
Auch Chinesen haben Nerven!
So ruhig saß er da, mein Sitz-Nachbar im Schnellzug nach Schanghai (eine Art chinesischer ICE, braucht 2 Stunden zehn Minuten bis Schanghai). Ihn schien das Gedudel des Mannes auf der anderen Seite eine Reihe hinter uns nicht zu stören. Der, ein etwa 50 Jahre alter Mann, spielte seit geraumer Zeit mit seinem Mobiltelefon ein Spiel mit den typischen elektronischen Nervgeräuschen. Plötzlich steht der Mann neben mir auf und blafft den Herrn an. Ich habe nicht alles verstanden, aber das Wort "Mobiltelefon" (chines. shouji="Handgerät") fiel auf jeden Fall. Der Angesprochene erwiderte irgendwas Empörtes, spielte noch eine Weile weiter und hörte irgendwann auf...
Sonst gab es keine nennenswerten Zwischenfälle auf der Reise nach Schanghai. Von der U-Bahnstation, die meine Schanghaier DAAD-Kollegin Sabina mir empfohlen hatte, fand ich mühelos zur Tongji-Universität. Hier wimmelt es nur so von Deutschen, denn zur Tongji gehört das Chinesisch-deutsche Hochschulkolleg. Eine Deutschlern-Hochburg also. Am Abend speist ein entsprechend großer Haufen Deutscher in einem koreanischen Restaurant.
Noch´n Galadiner...
Ich wage kaum es auszusprechen, aber nächste Woche habe ich erst mal eine Woche frei und heute Abend war ich gemeinsam mit den anderen ausländischen Lehrkräften schon wieder zu einem Galadiner eingeladen. Diesmal aus Anlass des Nationalfeiertages (59. Gründungstag der V.R. China). Der ist zwar erst nächsten Mittwoch, aber da sind wir ja alle im Urlaub!
Es gab einen hochgradig vornehmen Empfang mit mehreren Dutzend Köstlichkeiten (Büffet) im Festsaal eines der vornehmsten chinesischen Restaurants hier in der Stadt. Die Partei hat´s ja... Dazu spielte Musik und der Vizepräsident der Provinz Jiangsu hielt eine Rede, in der vor allem die erstaunliche Öffnung und das gewaltige Wachstum Chinas in den letzten Jahrzehnten lobend hervorgehoben wurden, ebenso, versteht sich, der Beitrag internationaler Partner dazu. Die Rede ging aber im allgemeinen Gebrabbel der versammelten internationalen Gäste total unter. Bis auf das allgemeine Prosit.
Diesmal lernte ich noch zwei frankophone Kollegen kennen, einen Belgier und einen Franzosen. Außerdem Alex aus Louisiana, wo man auch noch etwas Französisch spricht. Der Belgier reist auch schon sein halbes Leben von Kontinent zu Kontinent und spricht 5 Sprachen. Er hat außerdem alle Asterix-Alben als Hardcover. Zu uns gesellte sich dann noch eine sehr sympathische Kollegin aus der Japanisch-Abteilung der School of Foreign Studies, zu der auch unsere Deutsch-Abteilung gehört. Sie war auch auf dem Ausflug (siehe Eintrag vom 14.9.) dabei. Ihr Englisch ist makellos. Als ich gerade noch mal eine Götterspeise zum Nachtisch holen wollte, blies der Chef des Büros für internationale Fachkräfte völlig überraschend bereits zum Aufbruch. Ich hastete also schnell noch mal in den Saal und nahm mir noch fünf Minuten für die letzten Delikatessen. Ich glaube, ich weiß jetzt endlich, wozu ich einen Dr.-Titel habe!
Aber nun mal zurück auf den Boden der Tatsachen: Geschenkt ist die Nationalfeiertagswoche nicht. Wir sind ja hier nicht beim Laubhüttenfest! Wie ich eher beiläufig von Studenten erfuhr, muss ich am Samstag und Sonntag die insgesamt sechs Unterrichtsstunden von Montag und Dienstag "vorholen", die wegen der Feiertagswoche entfallen. Dabei wollte ich übers Wochenende nach Shanghai zum Deutschlehrertag des Goethe-Instituts. Zum Glück konnte ich den Sonnabend noch tauschen. Man war da wieder sehr kulant. Morgen bin ich dann also erst mal wieder weg.
Was war bloß mit Podorsiki los?
Am Vormittag ging es zur Polizei: Ich musste meinen chinesischen Pass, das so genannte Foreign Experts Certificate in Empfang nehmen. Kostenpunkt: 400 Yuan. Jährlich. Dabei hat das Ding weniger Seiten als ein chinesisches Schreibheft und ist auch viel kleiner.
Die Bayern-Fan-Studentin ist in Sorge um Klinsmann und hat mir ein Beileidstelegramm geschickt. Ich drucke einen unkorrigierten Auszug:
Sehr geehrter Herr Professor Mehrens, vor zehn Minuten habe ich das furchtbare Spiel gesehen. Es ist ein Alptraum! Was ist da los mit Podolski und Schwager? Was der Abwehr des Bayerns passiert? Ich kann nicht verstehen, warum podorsiki im Bayern nicht so gut wie in der Bundesmannschaft spielen kann. Noch eine Meinung: Karn soll nicht so früh aus Bayern ausscheiden, mindestens nach diesem Spiel!
Ihr deutscher Name ist Julia und so sieht sie auch aus. Man könnte sie ohne Zögern für die weibliche Hauptrolle in Shakespeares berühmtestem Stück besetzen - das ja genauso tragisch ausgeht wie Bayern gegen Bremen letztes Wochenende.
Deutsche Kultur und Geschichte
So lautet der Titel des Kurses für die Fortgeschrittenen, den ich heute zum ersten Mal unterrichtet habe. Für mich ein willkommener Anlass, angefangen bei Martin Luther, auf Weichenstellungen und Fehlentwicklungen hinzuweisen, die sich auf unser Europa heute besorgniserregend auswirken. Mein Ziel ist es, am Ende bei der aktuellen Werte-Debatte in Deutschland anzukommen. Das ist ja ein Problem, das China (bei einem anderen geschichtlichen Verlauf) auch hat. Und woher sollen nun Werte kommen, wenn der Humanismus und die Aufklärung versagt haben (letztere ja schon 1793)? Da wird es spannend. Denn es geht eine direkte Linie von Rousseau zu Marx. Die Studenten waren jedenfalls sehr aufmerksam bei dieser Veranstaltung, die am ehesten von allen meinen Kursen den Charakter einer Vorlesung haben wird.
Volles Haus
Dieser Sonntag verlief wesentlich erfreulicher als der letzte. Ich habe die St.-Paul-Gemeinde (eine andere als die der letzten Woche) gesucht und gefunden! Im Internet habe ich von dieser Gemeinde gelesen, die einen englischsprachigen GoDi anbietet. Als ich ankam, fühlte ich mich erinnert an das, was ich gerade in der Biografie von Samuel Lamb, dem Leiter der mutmaßlich größten Hausgemeinde in China gelesen hatte (Buchtipp: Ken Anderson: Niemals allein, gerade erschienen): Noch vor dem gerammelt vollen Gebäude saßen draußen Besucher auf Bänken, die einer Lautsprecherübertragung lauschten. Ich folge Fingerzeigen in ein Obergeschoss und denke, ich bin im GoDi-Saal, aber alles, was da vorne im Altarraum zu sehen ist, sind zwei Fernsehgeräte, die den eigentlichen GoDi übertragen. Mit Mühe finde ich noch einen Platz. Nur ein englisches Wort, das finde ich weit und breit nicht! Verstehen kann ich also fast nichts, aber - gutes Zeichen - der Name Jesus fällt öfter als bei vielen vergleichbaren Anlässen in Deutschland. Der GoDi ist bald zu Ende und ich lasse mich mit dem Menschenstrom nach draußen ziehen. Viele Chinesen bleiben indes betend und kniend zurück. Draußen bemerke ich dann, dass ich mich nur in so einer Art Anbau befunden habe; die eigentliche Kirche St. Paul bietet ungefähr so vielen Leuten Platz wie unsere Katharinenkirche und war natürlich auch noch rappelvoll. Ich wandere umher und frage nach einem englischsprachigen GoDi und siehe da, der, so wird mir mitgeteilt, beginne gleich, nämlich um halb elf (sehr christliche Zeit). Nach dem GoDi - als Predigerin war eine Theologie-Lehrerin aus den USA zu Gast, die seit 1992 an einem theologischen Seminar hier in China lebt und wirkt; die GoDi-Besucher sind zumeist Chinesen, die ihr Englisch schärfen wollen - also, nach dem GoDi spricht mich Emilie an, eine Trainerin für Lebensmittelkontrollen. Ich frage gleich nach Tipps zum Thema Milch und sie empfiehlt mir Joghurt zu trinken.
Am Nachmittag spiele ich Fußball mit einigen Deutsch-Studenten und Hauke Hückstädt, dem Manager eines Literaturhauses in Göttingen (die Uni Göttingen ist die Partner-Universität der Uni Nanjing), der im Auftrag des Goethe-Instituts vier Wochen in Nanjing zu Gast ist, um die Studenten über Literatur in Deutschland zu instruieren. Dazu gibt es für die fortgeschrittenen Studenten jeden Mittwoch einen Salon, eine lockere Gesprächsrunde, zu der ich mich in den letzten beiden Wochen dann auch eingefunden habe. Ähnlich wie ich läuft Hauke mit einem Handicap herum: Er hat nach einem Sportunfall und Bruch eines Handwurzelknochens einen Draht in der Hand, ich die bekannte Platte in der Schulter. Beim Fußball bleiben wir beide im Rahmen unserer Möglichkeiten. Hauke profiliert sich als Flügelflitzer und ich zeige wieder mal, dass ich im Grunde am Ball nichts kann und trotzdem irgendwie immer wieder mal zur rechten Zeit an der rechten Stelle stehe. Und darauf kommt es ja im Leben schließlich an.
Bundesliga live?
China ist immer wieder für eine kulinarische Überraschung gut. Neueste Entdeckung: mit Maiskörnern gespickte Wurst. Als ich die gelbe Zeichnung auf der Packung sah, reichte meine Fantasie nicht aus, um mir vorzustellen, was das für´ne Wurst sein könnte. Schmeckt aber ausgesprochen gut. Und mal ehrlich: Wärt ihr auf so was gekommen? Auf jeden Fall viel besser als Bohnen in Vanille-Eis!
Am Nachmittag gab es heute auf Einladung eines der jüngeren Lehrer, Herrn Li, eine kleine Party in einem Café hier um die Ecke. Ich hatte mich durchgefragt und mal wieder für Verstörung gesorgt, weil mich einige an einem Treffpunkt abholen wollten, ich aber nicht kam. Ich hatte gedacht, das sei ein Angebot für dramatische Notfälle. Verstört trafen mich Herr Li und ein Student des Jahrgangs 07 im Café an und meinten, sie hätten lange auf mich gewartet... Das Ziel der Veranstaltung, die in einem Restaurant mit anschließendem Karaoke-Spaß ausklang, war, chinesische Deutsch-Lerner und deutsche Chinesisch-Lerner zusammenzubringen. Mit Hilfe einer Liste, die Bonn mir vorab zur Verfügung gestellt hatte, hatte ich mit eingeladen. Während auf der Liste zu 80 bis 90 Prozent männliche Studenten standen, sind meine Studenten zu knapp 80 Prozent weiblich. Passte also prima. Viele gingen mit einem Sprachpartner bzw. seiner E-Mail-Adresse wieder heim. Mission accomplie!
Während andere sich in Karaoke (chinesisch: "Kalaokay") versuchten, erwartete ich mit Spannung das Spiel Bayern gegen Werder. Ich weiß ja auch nicht, woran das liegt, aber immer wenn ich diese Paarung nach Überwindung größter Widerstände im chinesischen Fernsehen sehe, gibt es eine Katastrophe. Es begann damit, dass es schon mal gar keine Live-Übertragung auf dem staatlichen Fernsehsender CCTV-5 gab, ich also erst mal in die Röhre schaute. Dann funktionierte der Live-Ticker am Computer nicht, das Bild lud nicht richtig. Aber immer wenn doch mal was auf dem Bildschirm erschien, hatte Werder zwei bis drei Tore mehr. Um 17 Uhr deutscher Zeit (bei uns 23 Uhr) stand auf dem Bildschirm: 5:1 für Bremen. Da begann nun auch die zeitversetzte Übertragung des Spiels auf CCTV-5 und ich hatte die dankbare Aufgabe, mir den Mist anzuschauen. Immerhin waren die letzten fünfzehn Minuten ja sogar noch ein bisschen spannend: Schafft Bayern noch das 2:5? Fazit dieses Tages: Jeder blamiert sich so gut, wie er kann. Und wir reden hier nicht von Karaoke!
Steter Tropfen...
Ich hatte sie ja gewarnt, die beiden Studenten, die sich leichtsinnigerweise bereit erklärt hatten, mich zum Flughafen zu begleiten, um die Formalitäten am Zoll zu erledigen. Einer der beiden sieht aus wie die chinesische Variante von Leonardo DiCaprio, der andere ist mehr der Joaquin-Phoenix-Typ. Machen wir den Bericht nicht so lang, wie die Ereignisse sich angefühlt haben, die ihm zugrunde liegen: Also, das Ganze dauerte sechs Stunden, wir waren vor Einbruch der Dunkelheit nicht wieder zu Hause und unsere Beine haben wir uns am Flughafen abgelaufen. Zunächst mal ist zu sagen, dass der Nanjinger Flughafen von Nanjing etwa so weit entfernt ist wie die Erde vom Mond - macht hin und zurück schon mal zwei Stunden -, und dann lief das Ganze ab wie in dem Asterix-Film Sieg über Cäsar, als Asterix und Obelix in irgendso´ner römischen Behörde landen. Ich habe mitgezählt: Zwölf Mal wurden wir von Pontius zu Pilatus geschickt, es gab insgesamt sieben Stationen, zwischen denen wir hin- und herpilgerten, um hier noch einen Stempel und da noch ein Formular zu bekommen. (Einiges haben die Jungs auch ohne mich gemacht, um mich zu schonen, also plus X!) Man konnte nicht über Los gehen und statt 2000 Mark einzuziehen, musste ich noch 150 Yuan Gebühr entrichten. Leos weißes Hemd sah schon nach der ersten Station aus, als wäre er damit in einen Swimmingpool gesprungen (was er sicher auch gern getan hätte), und das ist bis sieben Uhr abends auch nicht mehr viel besser geworden. Joaquin meinte nur kopfschüttelnd, er verstehe das alles auch nicht, vielleicht wegen Olympia? Die armen Jungs! So hatten sie sich den Tag sicher nicht vorgestellt. Nur mich hat das Ganze natürlich überhaupt nicht überrascht. Letztes Mal in China habe ich vier Monate auf mein Fluggepäck gewartet! Damals wurden die zwölf Stationen im Wochentakt und per Post abgewickelt, weil das Gepäck in einer anderen Stadt lag. Was lernen wir aus der Lektion des heutigen Tages? Steter (Schweiß-) Tropfen höhlt den Stein.
"Giftige Milch"
Ich hatte mich nach meiner Ankunft schon gewundert, dass ich meine Standard-Milchpulvermarke in China nicht finden konnte. Nur teurere Pulver waren erhältlich. Nestlé - kaufe ich sonst nie. Als Erstes habe ich mich mal vergriffen und sehr billiges Milchpulver gekauft, das sich dann auch überhaupt nicht auflöste und auch ganz komisch schmeckte... Wie ich später herausfand, war das Sojamilchpulver! Darüber ist kein Pansch-Skandal bekannt.
Sicher habt ihr daheim auch schon vom großen chinesischen Milch(pulver)panschskandal gehört, der Dimensionen hat wie damals der Weinpanschskandal in Deutschland. Gepanschter Wein ist mir viel lieber, denn Wein finde ich bekanntlich schrecklich und trinke ich höchstens mal beim Abendmahl, Milch dagegen literweise und in China regelmäßig unter Verwendung von... Milchpulver.

Mit der Betreffzeile "Giftige Milch" wurde nun eine Information, die vom deutschen Botschaftsarzt in Peking verfasst wurde, an alle DAAD-Hochschullehrer weitergeleitet. Zum Glück sind die bisher von mir konsumierten Marken nicht auf der Liste der 22 chinesischen Firmen, deren Milchprodukte laut Information bei einem Test die verbotene Substanz aufwiesen. Ich habe das gerade überprüft. Absonderliches schrieb eine Kollegin dazu: Sie sei begeisterte Cappuccino-Trinkerin und habe folgende Merkwürdigkeit entdeckt: Es gebe in China "Milch, die man NICHT zu Milchschaum aufschäumen kann. Jene Milch kocht auch nicht über, die Milch kocht und kocht und läuft NICHT über. Mein Entsetzen war groß, als ich dieses widernatürliche Phänomen sah."
Zu einem erfreulicheren Thema: Ich habe die Nachholstunden heute ohne Verspätung oder Versäumnis absolviert.
Und noch eine gute Nachricht: Mein Fluggepäck (vor allem Wintersachen und Bücher) liegt am Flughafen beim Zoll. Morgen soll ich das mit einem Studenten holen. Ich bin fast sicher, irgendwas wird da wieder schief gehen. Mehr in Kürze HIER!
Tagsüber im Museum
Ich hätte es wissen müssen, als ich nachmittags bei erdrückender Hitze zu Fuß auf dem Weg zum Nanjinger Museum bin und mich kurz vor halb vier, dem Zeitpunkt der angesteuerten Ausstellungseröffnung, reihenweise Studenten auf dem Fahrrad überholen und grüßen. Ich hätte es wissen müssen, dass ich einfach unbeirrt weiter nach der Karte in meiner Hand hätte gehen sollen. Aber Student Liu, der ein bisschen wie Leo aussieht, nämlich Leo DiCaprio, steigt ab, begleitet mich ein Stück und ich denke natürlich, der kennt den Weg. Eigentlich wollte ich ja geradeaus gehen, aber er ... er ist hier zu Hause, er wird schon wissen, was er tut. So kommen wir vom Weg ab, landen in einem fremden Stadtteil, dann lotst er mich zu einem Portal, das zu einem Museum gehören könnte, laut Karte aber nicht das Museum ist, was ich, weil ich zu Fuß viel schneller bin als er, noch vor Leo bestätigt finde, als ich dort mit einem Türsteher rede. Schließlich sage ich mit gespielter Ruhe zu ihm: „Fahren Sie vor, Sie müssen nicht auf mich warten!“ Weg ist er und ich gehe zurück und dann den eigentlich geplanten Weg. Kurz vor dem Ziel fängt mich Leo mit seinem Fahrrad ab und begleitet mich durch den Eingang auf das Museumsgelände, dann aber schon wieder an einen falschen Ort. Ich sage: Das da drüben sieht eher nach dem Empfangsraum aus (in dem die vom Goethe-Institut geförderte Bauhaus-Kunstausstellung eröffnet wird). Weitere wertvolle Minuten verstreichen, ehe es sich erweist, dass ich auch diesmal richtig gelegen habe. Es ist mein Schicksal: Ich weiß es immer besser, aber es will einfach keiner auf mich hören! Darunter leide ich schon mein ganzes Leben.
Die Ausstellung ist inzwischen natürlich längst eröffnet. Kein Redner mehr zu sehen. Ich treffe ein paar Deutsche und vor allem viele Deutsch-Studenten. auch Hauke ist da. Er hat einen Künstler kennen gelernt. Erstaunlich finde ich, wie viele Chinesen sich hier einfinden. Dabei dürfte dieser extravagante Sonderbereich von Kunst (es geht um Bauhaus-Stil in der Typografie, wenn ich richtig verstanden habe) den meisten kaum etwas zu sagen haben. Nach einer halben Stunde müssen wir den Saal auch schon wieder räumen. Längere Besuchszeiten dann ab morgen. Draußen im Museumspark formieren sich ein paar Grüppchen von Deutsch-Studenten und deutschen Studenten. Ich stoße dazu. Als die Grüppchen sich Richtung Ausgang auflösen, übermannt mich die Sehnsucht nach meiner Klimaanlage und ich setze mich ab. Diesmal nehme ich den Bus.
"Sie sind meine Freundin!"
Heute Morgen habe ich den GoDi verpasst. Ich habe das Hotel, in dem eine englischsprachige Gruppe, von der ich bei meinem ersten Restaurantbesuch in einer partiell englischsprachigen Zeitung gelesen habe, sich trifft, einfach nicht gefunden. Dabei wanderte ich die Straße, wo es sein sollte, auf und ab. Am Ende war ich völlig entnervt. Statt in die Kirche ging es dann in den Tempel - einen Konsumtempel aus dem Carrefour-Konzern (französische Hier-kriegt-man-alles-Selbstbedienungsladenkette). Die Läden haben hier ja auch sonntags auf. Kommunismus eben. Alle Läden sind gleich, alle Tage sind gleich. Alle Geldbeutel sind...?
Das Mormonenehepaar, das im Foreign Experts Building unter mir im ersten Stock wohnt, beides Lehrer aus den USA, machte zwar einen netten Eindruck, als ich sie auf der Treppe heute Morgen traf und sie nach ihren Vormittagsplänen fragte, aber denen habe ich mich dann doch nicht angeschlossen, wie zunächst, nämlich bevor sie mir die Identität ihres Bekenntnisses enthüllt hatten, erwogen.
Morgen ist hier Feiertag (Mondfest). Außerdem gab es gerade einen "Lehrertag". Was das soll, weiß ich auch nicht. Aber als Lehrer kriegt man dann Glückwünsche per E-Mail von Ex-Studentinnen und einen Kaktus von aktuellen.
Ich hoffe, nächste Woche versäume ich nicht wieder meinen Nachholunterricht. Ich habe zwar nur an drei Tagen (Mo. bis Mi.) Unterricht, dafür muss ich aber Mo. und Mi. um 6.45 Uhr aus dem Haus und 40 Minuten Bus fahren. Das ist ja wie damals auf der JFS in Bad Bramstedt!
Gerade habe ich 24 Diktate korrigiert. Das Niveau ist höher als in Yanji, doch drei, vier schwächere Studenten gibt es auch. Aber die werden schon mit mir klar kommen! Motto: Wer fleißig ist, fällt auch nicht durch.
Meine Wohnung (2 Zimmer, möbliert sowie ausgestattet mit TV und Computer) hat einen kleinen Balkon mit Blick auf einen Hinterhof und
ein älteres (= hübscheres) chinesisches Hotel (mit diesem typischen nach oben gebogenen Dach) sowie zwei große Bäume davor. Morgens liegt mein Zimmer also schön im Schatten. Es ist sehr angenehm. Auch nicht laut. Wegen der Klimaanlage habe ich mir allerdings einen Schnupfen geholt. Nachts wache ich von der Hitze (täglich um die 28
Grad, sehr schwül) auf und dann schalte ich sie ein. Hilft nix! Auch die Mücken erwischen mich trotz Mückenverdunstungsplättchen mit einer (soweit ich weiß, nur für Mücken) gesundheitsschädigenden Substanz immer wieder! Momentan brennt es mir schon wieder in den Augen, weil das Ding in der gleichen Steckdose steckt wie der Computer.
Am Sa. haben sie auf dem Sportsender CCTV-5 gar keine Bundesliga gezeigt. Hoffentlich ändert sich das nach den Paralympics. Übrigens stand nach der ersten Stunde Mittwoch eine Studentin vor mir und sagte: "Gibt es in der Bibliothek [für die ich ja auch zuständig bin] etwas über Fußball? Ich bin großer Fan von Bayern München!" Und ich hatte vorher überhaupt nichts von Fußball erzählt! Ich erwiderte spontan: "Sie sind meine Freundin! Ich bin auch ein großer Freund von Bayern München." Aber gedacht habe ich auch mal kurz: Welchen Geheimdienst hat die denn bemüht?!
Dr. Sun-Yat-Sen und Dr. Didus
Heute gab es für uns, die so genannten neuen internationalen Lehrkräfte, einen sehr schönen Ausflug. Die Uni lud uns ein zu ein paar der tollsten Sehenswürdigkeiten der Stadt: Mausoleum von Sun-Yat-Sen, dem humanistisch gesinnten Republikgründer (gestorben 1925), nebst Park, Suns Regierungssitz sowie die gewaltige Stadtmauer und eine alte Fußgängerzone, total überlaufen, nebst Räucherstäbchentempel. Ich habe viele andere Neuankömmlinge der internationalen Lehrkräfte kennen gelernt. (Ein Ehepaar werde ich morgen Vormittag unter anderen Umständen wiedersehen.) Die meisten sind Amerikaner - wie in Yanji.
Natürlich gab es auch diesmal wieder einen peinlichen Zwischenfall: Im historischen Präsidentenpalast der Regierung von Sun-Yat-Sen (Museum) fand ich das alles so interessant, dass ich den Anschluss an die Gruppe verlor und die anderen Teilnehmer fast 20 Minuten am Ausgang warten ließ, ehe die Reiseleiterin (nur geringfügig verstört) mich, immerhin bereits in der Nähe des Ausgangs, aufgabelte. Allerdings war auch kein Zeitpunkt für das Ende der Besichtigung festgelegt worden.
Zum Essen wurden wir am Wochenende gleich dreimal eingeladen: Einmal am Freitag zur Begrüßung aller Neuen sowie auf dem Ausflug mittags und abends. Immer in vornehmen Läden, versteht sich! Man hat schon mehr gelitten!
"Lektion 1: Herr Mehrens kommt immer später!"
Heute (Fr.) hatte ich einen Tief- und einen Höhepunkt: Tiefpunkt: Ich habe heute morgen glatt vergessen, dass ich vier Nachholstunden hatte, weil ich ja die erste Woche gefehlt hatte. Ich musste von nervösen Studenten und Kollegen aus dem Bett geklingelt werden. Dabei hatte ich noch Glück: Eigentlich hatte ich den Stecker meines Telefons rausgezogen, um in Ruhe meinen freien Tag genießen zu können. Schlafwandelnd fiel mir gegen 8 oder 9 ein, dass man den jetzt mal wieder einstecken könnte, weil ja immer mal was Dringendes sein kann. Kaum liege ich wieder, klingelt es. Und ich erfahre, dass ich seit ca. einer halben Stunde im Hörsaal stehen müsste. Der ist leider mit dem Bus eine Stunde entfernt. Nun aber zackig! Ca. 25 Minuten habe ich noch... Während ich im Bad noch mit der Zahnbürste in der Hand versuche halbwegs manierlich aus dem Haus zu kommen, klingelt das Telefon gleich wieder Sturm. Ich gehe schließlich ran: Die Dekanin des Fachbereichs macht auch noch mal mobil: "Endlich erreiche ich Sie!" Wo bleibe ich denn? Schließlich erreiche ich den Bus an der exakt zwölf Minuten entfernten Campus-Haltestelle und kann um 10 Uhr doch noch zwei der anberaumten Stunden halten. "Lektion 1: Herr Mehrens kommt immer später!" So hatte ich schon die Studenten am ersten Tag begrüßt (fanden sie lustig), als ich den Raum nicht finden konnte und zehn Minuten (und eine Woche) später kam...
Tja, jetzt muss ich noch 2 Stunden nachholen. Wieder außerplanmäßig. Wenn das mal gut geht...
Heute Abend beim noblen Empfang mit Mega-Büffet für alle neuen ausländischen Lehrkräfte war das vergessen. Auch die Dekanin, eine entfernte Verwandte im 27. Grad (oder so) von Konfuzius (kein Scherz!), war schon wieder ganz entspannt. Durch das Zusammentreffen so vieler fremdsprachiger Leute unter einem Dach konnte ich, glaube ich, eine Premiere feiern und am selben Tag in fünf verschiedenen Sprachen weitgehend (Ausnahme: Chinesisch) flüssig kommunizieren. Es gab neben den unerlässlichen Amerikanern u.a. eine Spanisch-Dozentengruppe aus Kolumbien und einige aus Spanien (einer aus Malaga) sowie eine französischsprachige Dozentin aus Lausanne. Komisch, immer Leute aus Gegenden, die ich schon kenne (naja, Kolumbien nicht ganz, aber ich war ja in Ecuador, passt scho´). Entweder bin ich wirklich schon so viel rumgekommen - oder... naja... Der Herr lenkt unsere Geschicke eben doch....
"Jetzt sind wir keine Studenten mehr!"
Nachdem ich in Dubai, beim Umsteigen in die Maschine nach China mit drei Stunden Aufenthalt, um Mitternacht noch sage und schreibe 32 Grad zu ertragen hatte, war es in Shanghai ja schon fast kühl! Warm war auf jeden Fall der Empfang: Gleich vier (ehemalige) Studentinnen des Jahrgangs 03 haben mich abgeholt - am Flughafen Pudong, nachmittags um 16 Uhr. Im Flieger saß ich übrigens inmitten einer Tai-Qi-Reisegruppe. Die in Biologie promovierende Krebsforscherin neben mir war aber auch noch nicht sicher, inwieweit sie diesem Denkmodell folgen soll. Ich sagte: Wenn Jesus nur ein spiritueller Lehrer ist, ist mir als Christ das zu wenig! Leider war ich für die Filme an Bord der Maschine zu müde: "Die Kinder von Huang Shi" (mit dem Hauptdarsteller aus "Matchpoint") spielt in China zur Zeit des Kriegs gegen Japan und scheint mir sehr interessant zu sein. Muss ich mir auf DVD besorgen! "Indiana Jones IV" hatte ich zum Glück schon in Wetzlar gesehen. Der Flieger war etwas verspätet. Aber das hatte ich der Studentin vorausgesagt, die sich angekündigt hatte. So haben sie nicht lange sinnlos gewartet. Eine Studentin war aus Nantong zu Besuch da. Am So. haben wir in meinem Hotel einen spontanen Mini-GoDi gefeiert, weil das in der nicht-r. Gemeinde zuletzt offenbar ein bisschen schwierig war. Ein weiterer Ex-Deutsch-Student aus Yanji, der inzwischen in Shanghai arbeitet, kam noch unvermittelt dazu. Da musste er dann durch. Sein Freund, ebenfalls 03er, musste alkoholgeschädigt passen. Wegen der Party am Sa. war auch von den beiden am Sa. keiner zu sehen gewesen. Eigentlich sollte ich nämlich bei ihnen übernachten. Stattdessen: besagtes Hotel für 200 Yuan (ca. 20 Euro) die Nacht. Zur Strafe musste er dann am So. den "Feuertopf" zahlen (ein Gericht, das funktioniert wie Fondue ohne Käse, nur viel üppiger an Zutaten; da kann man im Grunde alles reinschmeißen)! Und gleich stand noch ein Ex-Deutsch-Student, Ming Ri aus dem Jahrgang 02, in der Tür und staunte über das unverhoffte Wiedersehen (doppelt unverhofft - ich hatte ihn dereinst ganz schön mit Grammatik gequält). Gleich zweimal haben die Studenten mich zum Essen eingeladen. Ich wollte ja zahlen, aber keine Chance!... "Jetzt sind wir keine Studenten mehr und verdienen Geld!" Übrigens: Die Studenten weinen alle um das gute Essen in Yanji, das ihnen so fehlt. Und nach meinen bisherigen Erfahrungen muss ich sagen: mit Recht! In China, das sagen die Nanjinger auch, ist das Essen im Norden einfach besser.
Nachmittags ging es mit dem Zug - das Foto entstand vor dem Bahnof von Shangai - nach Nanjing, wo ich nach zwei Stunden Fahrt in einem Hitzestau-Keller auf ein Taxi warten musste, in einer Schlange mit ca. 150 Chinesen (gefühlt: 1500)! Da war ich ganz schön kaputt! Immerhin schleppte ich ja noch 15 kg Gepäck mit mir rum und dann meine arme Schulter!... Im Zug neben mir saß eine Studentin der Literaturwissenschaft aus Suzhou, die mit ihrem Akzent ganz schwer zu verstehen war. Aber immerhin kannte sie Goethe und Fallada. Dass sie Fallada gemeint haben musste, fiel mir aber erst ca. 24 Stunden später ein. Trotzdem war das schon ungewöhnlich: Eine Literaturstudentin ist in China nichts Alltägliches!...
Ich habe mich dann in Nanjing wie üblich allein durchgeschlagen. Und als ich den Deutsch-Fachbereich gefunden hatte, war, Sonntag nach Einbruch der Dunkelheit, natürlich niemand mehr da. Aber - o Wunder - nebenan saß noch eine Lehrerin in der Koreanisch-Abteilung. Und die stammte, wie ich sogleich erfuhr, aus Yanji! Sie kannte auch unseren legendären Uni-Präsidenten und natürlich unsere Uni dort. Mein erstes längeres Gespräch in Nanjing - ist das zu fassen! Der Mensch denkt, Gott lenkt, wie gesagt.
Nun bin ich in Nanjing und der erste Unterricht lief schon ganz gut. Ich knüpfe an alte Künste an: Regeln zur Abfassung der Abschlussarbeit... Dazu habe ich in Yanji dereinst ein Skript verfasst, das es daselbst noch gibt. Wie praktisch!
Meine Wohnung ist recht groß, über 60 qm, bräuchte aber ein paar Pinselstriche. Es wohnte eine Russin namens Leyla darin. Sie hat ein paar Spuren hinterlassen. Krimskrams in den Schubladen, Klebeflecken an den Wänden. Das Zimmer in Yanji war damals auch nicht tipptopp. Eine Klimaanlage gibt es nur im Schlafzimmer. Aber nachts benutze ich die derzeit gar nicht (ist das zu fassen!), weil es sich schon abkühlt, auch tagsüber unter 30 Grad.
Das einzige Problem: Ich habe seit meiner Rückkehr aus den USA 1988 nicht mehr so mit der Zeitumstellung zu kämpfen gehabt. Ich gehe um elf ins Bett und bin um eins wieder wach und das gleich für vier Stunden. Letzte Nacht habe ich vielleicht zwei Stunden geschlafen! Denn ich muss hier um sieben oder um acht schon anfangen. Dafür sind allerdings Do. und Fr. unterrichtsfrei. Ich habe dann aber noch die Bibliothek zu betreuen. Alles in allem gibt es keinen Grund, meiner "deutschen" Karriere nachzutrauern! Aber das hat wohl auch niemand von mir erwartet.
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