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Skandal im Sitzbezirk
Heute schleppt mich Danyu, die Autorin, die alle sin-o-meter-Leser schon kennen, in eine Sondervorstellung mit drei Ausschnitten aus zwei Werken der legendären Kun-Oper (Kunqu). Die Kun-Oper ist noch älter als die Peking-Oper, sonst ist vieles gleich. Man hört also auch dieses scheppernde Klong-Klong und diese quietschenden Streichinstrumente. Die englischen Untertitel links und rechts gab es aber früher vermutlich noch nicht im Theater. Sie fallen hier und heute auch nach dem ersten Akt aus. Den Rest sieht man unten im Bild. Oder man liest mal nach durch einen Mausklick hier oder aufs Bild.

Apropos Klick: Wir müssen uns umsetzen, weil Danyu ihre Sitznachbarin so mit ihrer vielen Fotografiererei nervt, dass die sich beschwert. Und zwar bei mir! Ehe das in Zickenterror ausartet, suche ich fieberhaft nach einem Kompromiss. Und prompt sitzen wir nicht mehr bei ARD und ZDF, sondern in Reihe vier dieses kleinen Saals des kleinen Nanjinger Museums. Die Tante in Reihe zwo ist beruhigt und genervt durch das Geräusch des Auslösers bin jetzt nur noch ich.
Danach stehen wir im Regen. Kein Taxi will uns mitnehmen. Also lasse ich mich ins nächste Teehaus schleppen (wo's auch Eis gibt) und erfahre - ich bin ja inzwischen schon so was wie der Beichtvater der exzentrischen und nach eigenen Angaben auch bereits latent selbstmordgefährdeten Schriftstellerin -, dass ihre englisch-französische Internetliebe die Reißleine gezogen hat, um Reißaus zu nehmen. (Kann ich irgendwo verstehen.) Ihr Herz ist gebrochen. Oder gestohlen. Oder beides. Tja. Was soll nun jemand mit meiner unendlichen, überwiegend aus amerikanischen TV-Serien gespeisten Lebensweisheit dazu sagen? Ich sage bzw. schreibe (später): "Feelings are traitors. They come and go as they like and don't respect the person who has them; nor do they care about his or her fate. So, it is no sin to behave strangely, but it may feed your demons. And [...] the demons keep you away from the Lord. "
Wow! So weise wie ich möchte ich auch mal sein!
Das Shampoo-Wunder
Das wäre ein Fall für "Die drei ???": Ich habe also dieses sündhaft teure Shampoo der Marke "Kopf und Schultern" erworben, weil man ja bei der Körperpflege nicht sparen soll. Aber vor meinem Urlaub war der Inhalt blau und roch gut und jetzt ist der Inhalt weiß und riecht fast gar nicht. Außerdem werden oben am Deckel Gebrauchsspuren (blaues, geronnenes Shampoo) erkennbar. Nachts bekomme ich von dem Zeug Kopfhautjucken, als hätte ich mich mit Juckpulver statt mit Shampoo übergossen. Da muss eine total überraschende chemische Reaktion stattgefunden habe, vielleicht wegen der großen Hitze? Oder eine neue Spielart des Wunders der Verwandlung von Wasser in Wein? Statt Jesus wäre dann aber ein echter Pfuscher am Werk gewesen! Oder sollten die Maler meine Shampoo-Flasche für einen Farbabgleich missbraucht haben? Das Shampoo ist ja so weiß wie meine neu gestrichenen Wände. Oder haben die Reinmachfrauen das Chaos genutzt, um mir da was reinzumachen, also billiges gegen teures Shampoo auszutauschen? ... Ich stelle mir vor, wie ich unten an die Rezeption gehe und versuche das mit meinem Chinesisch zu erklären. Nee, lasse ich lieber, sonst gibt es wieder so'n Louis-de-Funès-Auftritt.
Überhaupt ist Duschen kein Vergnügen, seit der Vorhang weg ist. Ich muss immer gucken, dass keiner guckt. Also, das geht so nicht! So kann man nicht befreit duschen. Da muss ich nun doch nach unten an die Rezeption und mich beklagen. "Wenn ich dusche, können alle es sehen", erkläre ich, weil mir das chinesische Wort für Vorhang entfallen ist und "curtain" die Dame an der Rezeption nicht versteht. Kurze Rücksprache mit dem völlig verblüfften Fräulein, das ich hier noch nie gesehen habe. Die dachte wohl, ich komme später. Man vertröstet mich auf morgen. Dann klopft aber plötzlich doch das Fräulein an und hängt mir am Fenster einen zweiten Duschvorhang auf. Glänzt ihr Haar nicht irgendwie nach teurem Shampoo???
Überhaupt dieses Chaos: Nichts ist mehr da, wo es vorher war. Ich suche ein Heft, Latschen, ein Duftkissen, einen Holz-Anhänger... Meine Stühle stehen anders. Die Klingel ist kaputt. Auf dem Balkon ist eine junge Eidechse ertrunken und verwest. Wurde wohl vom Gewitterregen überrascht.
Naja, sehen wir das Positive: Die vorher mit Kleberesten verunstalteten Wände erstrahlen nun in Perlweiß-Weiß und ich kann endlich meine Kinoplakate anhängen, die seit einem Jahr auf neue Wände warten. Und den zertrümmerten Stuhl aus der letzten Saison hat auch keiner in Rechnung gestellt. Apropos Stühlezertrümmern: Was macht Bayern? Verliert 2:1 in Mainz. Habe ich aber nicht mit ansehen müssen; gezeigt wurde VfB gegen Dortmund. Die stehen ja in der Tabelle auch höher.
Evas Koffer
Als ich mit meinem Kollegen Wang den Airbus verlasse und mich Richtung Ausgang des Nanjinger Flughafens begebe, sehe ich, dass Eva alias Chen Dong doch an Bord war. Sie steht gerade bei der Schweinegrippe-Inspektion, wo ich mich länger aufhalte, weil ich meine Nanjinger Telefonnummer eintragen soll, die ich natürlich nicht im Kopf und auch sonst nirgendwo habe. Wang, Chen und ich sitzen dann auch alle im selben Bus. Eva erzählt begeistert von ihrem Sommerkurs in Heidelberg und zeigt mir ein Arbeitsheft, auf dessen Rückseite sich die internationalen Teilnehmer mit ein paar Worten verewigt haben. Beim Umsteigen auf die U-Bahn versuche ich mich als starker großer Bruder und schwenke ihren tonnenschweren Koffer ("Bücher und Schokolade", sagt sie), als wären Federn drin. In Wahrheit fühlt sich mein Arm an, als ob ein Schaufelradbagger dranhängen würde. Ich lotse Eva, da ich Zhonghuamen besser kenne als sie, zu der Busstation, die uns Wang empfohlen hat. An der U-Bahn-Station fragt sie einen Taxifahrer, der nach Gästen für den Flughafen Ausschau hält, und will entmutigt schon auf die U-Bahn wechseln. Nix da, sage ich, wenn Wang gesagt hat, hier gibt's einen Bus für Sie, dann gibt es den auch! Vergeblich versucht Eva die ganze Zeit mir den Koffer wieder abzunehmen. Vor allem rät sie, dass ich das Ding ziehen soll, da gebe es doch so eine Roll-Vorrichtung. Ich halte das für eine Warmduscher-Einrichtung und mache demonstrativ noch etwas Muskeltraining mit dem Koffer. "Der Griff wird das nicht aushalten", warnt Eva. "Ach was", sage ich. Zack, löst sich auch schon der Griff vom Rahmen des Koffers. Schief baumelt der Rest an meiner Hand. Eva, auf deren Oberlippe sich kleine Schweißperlen gebildet haben - ich hoffe, wegen der Hitze und nicht vor Zorn - würde jetzt vermutlich gern sagen: "Siehste, hättste mal auf mich gehört!" Aber solche Sätze verbietet natürlich die sprichwörtliche chinesische Höflichkeit. Immerhin muss ich nun nicht mehr Tarzan spielen. Ratlos händige ich ihr den Koffer aus. Dann überqueren wir, indem Eva vorführt, wie man einen Koffer auf Rollen zieht, die autobahnähnliche Straße und ich bin immerhin noch gut genug, auf ihre Koffer und Taschen aufzupassen, während sie sich nach einer Fahrkarte erkundigt. Die gibt es tatsächlich und ich kann mich befreit von Evas Koffern trennen. "Jetzt bin ich beruhigt", sage ich.
Als ich aus der U-Bahn komme, schüttet es wie aus Kübeln. Ich nehme die Plastiktüte als Regenschirm und komme durchnässt an. Meine Wohnung ist komplett neu gestrichen und es gibt neue Moskitonetze an den Fenstern. Deswegen ist alles umgeräumt worden und nichts mehr an seinem Platz. Kissen liegen im Bücherschrank, Ordner im Kleiderschrank. Beim Auspacken stelle ich fest, dass mein Brustbeutel (der, den ich gestern schon einmal vergessen hatte) weg ist und mit ihm geschätzte 45 Euro in neuen Scheinen sowie - welche Ironie - ein Gerät, das übersetzt ins Deutsche "Gedächtnisstift" heißt.
Wie Didus es schaffte zweimal nicht ins Kino zu gehen und danach fast von der Polizei abgeführt wurde
Dieser Tag verdient eine so lange Überschrift! Dabei war der Beginn wolkenlos: Der rüstige Fahrrad-Rentner ist bereits vor mir aufgestanden; beim Frühstück sehen wir uns wieder. Dort nebeln mich dann jedoch Hispano-Nikotinsklaven mit blauem Dunst ein - wir sitzen wegen des heißen Wetters beim Frühstück im Freien - und Wespen lassen sich nur weglocken, wenn man seine Marmelade auf dem Nachbarplatz postiert. Trotzdem esse ich für den ganzen Tag. Was ich dabei noch nicht weiß: Ich werde meine Kräfte brauchen. Denn der Rest des Tages ist eine einzige Didus-Show.
Ich habe mir vorgenommen am Nachmittag die heute anlaufenden "Inglourious Basterds" anzuschauen und vorher meine Steuererklärung bei der Post aufzugeben. Aber da ist eine Riesenschlange vor mir. Ich trage am Tisch noch ein paar Daten nach. Dann dauert mir das aber doch zu lange und ich verlasse unverrichteter Dinge die Post. Leicht verspätet erscheine ich im Kino. Der Film hat zum Glück noch nicht angefangen. Aber: Ich habe meinen Brustbeutel mit dem Geld in der Herberge gelassen. Mit drei Euro ist nichts zu wollen. Ich kehre missmutig in die Herberge zurück. Inzwischen habe ich mir für 15 Uhr "Maria, ihm schmeckt's nicht" im CINEMA herausgesucht. Noch eine Stunde Zeit. Ich klebe also endlich meine Umschläge ans Finanzamt zu und frankiere fantasievoll mit den Marken, die ich am Automaten für mein Kleingeld kriege, weil man ja nirgends mehr ein Postamt findet. Und ab die Post! Passt scho', würde mein Zimmergenosse, der Franke, sagen, den ich noch einmal an der Rezeption sehe.
Der Film fängt angeblich ohne Werbung an und ich komme ca. 100 Minuten vor Abflug aus dem Kino, versichert mir der Student, der hinterm Tresen aushilft. Ich verschwinde im Kino. Mein ganzes Gepäck, ein Rucksack, zwei Plastiktüten, neben mir. Fünfzehn Minuten 50-er-Jahre-US-Schlager, dann kurz Werbung. Ich blicke nur noch zur Uhr. Dann: der Vorspann zu "Coco Chanel". Ich raus. "Ja, ich hab' nicht gesehn, dass Sie da reingegangen sind." Der Film "Maria, ihm schmeckt's nicht" laufe unten im Keller. Das schmeckt mir gar nicht: Wenn einem so was nicht mitgeteilt wird und es auch keine Karten gibt, wo das draufsteht, wie soll ich so was denn wissen? Ich bekomme meine umgerechnet zwölf Mark zurück und lege mich mit "Kim Novak badete nie im See von Genezareth" auf eine Mainwiese.
Was, liebe sin-o-meter-Leser, will uns nun dieses Geschichte sagen? Natürlich dass das Leben genau deswegen so spannungs- und abwechslungsreich ist, weil so oft nicht das Wahrscheinliche eintrifft, sondern das Unwahrscheinliche. Ich saß in meinem Leben bereits mehr als 1000 Mal in einem Filmtheater. Aber im falschen Film war ich, glaube ich, noch nie. Und wann passiert so was? Genau dann, wenn es am besten zu einer Geschichte passt, die gerade geschrieben wird und in der man selbst die Hauptfigur ist. Irgendwo zwischen Balduin, dem Ferienschreck, und Kevin allein in New York.
Dass ich wenig später in Gefahr geriet von der Polizei abgeführt zu werden kam so: Viertel nach fünf kommt die S-Bahn am Flughafen an. Der Flug geht um halb sieben. Und nun geht es Schlag auf Schlag: Die Tante am Schalter verweist mich auf das automatische Einbuchungssystem am Automaten. Da stehe einer, der mir helfe, wenn es Schwierigkeiten gebe. Der haut aber genau dann ab, als ich feststelle, dass mir der Automat nicht hilft, wenn ich neben der Studentin mit dem Künstlernamen Eva sitzen will, die meines Wissens ebenfalls mit LH 780 vom Sprachkurs in Heidelberg zurückfliegt. Also ich zurück zur Theke mit der Tante. Die wirbelt wahllos mit der Hand in der Luft herum. Da irgendwo sei schon einer. Ich renne in der Gegend rum wie ein herrenloser Hund. Und genau so behandelt mich dann auch der Lufthansa-Angestellte, der schließlich in Automatennähe auftaucht. Der Mann erweist sich als total lustloser und wenig hilfsbereiter Schnösel. Daten von anderen Fahrgästen seien geheim, teilt er mir kurz angebunden mit. Bei mir brennt die Zündschnur. War ja bisher ohnehin schon nicht mein Tag. Ich also zurück zum Schalter, wo sich unterdessen eine Schlange gebildet hat. Ich bitte ein holländisches Paar mich vorzulassen, da ich ja schon vor ihnen da gewesen sei und demnach in der Schlange vor ihnen stehen würde, wenn man mich nicht zum Automaten geschickt hätte. Da kommt der Lufthansa-Schnösel an und sagt den fliegenden Holländern, sie müssten mich nicht vorlassen, der Automat sei völlig in Ordnung und ich ein Idiot (nicht wörtlich, sinngemäß). Daraufhin raste ich total aus und verlange den Namen des Vorgesetzten des Schnösels um mich zu beschweren. Den will er auch gleich selbst anrufen. Zugegeben, meine Empfehlung, er hätte angesichts solcher Umgangsformen lieber Taxifahrer werden sollen (nicht sinngemäß, wörtlich), trägt nicht gerade zur Entspannung der Lage bei und dass ich den Schnösel danach so laut als "letzten Heuler" brandmarke, dass alle Passagiere es mithören können, lockert die Atmosphäre auch nicht auf. Deshalb ruft der Schnösel nun nicht den Chef, sondern die Polizei und teilt ihr telefonisch mit: Da sei ein Kunde, der sei frech und werde laut. Ich bestätige das, indem ich auch was in den Hörer reinrufe: Frech sei er do...! Gespräch zu Ende. Die Szene wird langsam tumultartig und ich wirke vermutlich wie Louis de Funès, wenn er 'n Rappel kriegt und überall Bretter sieht. In dieser Rolle voll aufgehend gieße ich noch Öl ins Feuer, indem ich frage, wer bei Lufthansa eigentlich König sei, der Kunde sei es ja offensichtlich nicht. Ich bekomme darauf keine Antwort. War ja auch mehr 'ne rhetorische Frage. Dann wandere ich zurück zur Schlange und treffe unterwegs auf die Polizei, die ich begrüße mit den Worten: "Ich bin der, wegen dem Sie hier sind!" Die Ordnungshüter gehen aber erst mal zu dem Schnösel. Ich weise den Weg: "Gehen Sie da man hin. Ich habe Sie ja auch nicht gerufen!" Ich warte noch mal gefühlte zehn Minuten am Lufthansa-Tresen, bis ich an der Reihe bin. Vergeblich versucht die Tante mich an einen anderen Stand zu vermitteln. Zwischendurch kontrolliert die Polizei, der ich erkläre, der Schnösel sei pampig geworden, meinen Pass. Und ich versichere den Beamten, dass es meiner voller Ernst war, als ich behauptete, dass der Schnösel lieber als Taxifahrer arbeiten sollte - wenn überhaupt. Das war keine Beleidigung. In einem freien Land, da werde man sich ja noch mal aufregen dürfen als Kunde, der "für so eine Fahrkarte 5000 Euro, äh, 500 Euro" bezahle. "Wenn der bei mir arbeiten würde, wäre der morgen entlassen", wettere ich weiter. Frei nach Arne Heller schieße ich schließlich den Vogel ab, indem ich den Beamten zu Protokoll gebe: "Wir leben ja hier in der Deutschen Demokratischen Republik! Da wird man ja noch mal seine Meinung sagen dürfen, wenn man nicht zufrieden ist." Ja, nee, ich hab' den Versprecher dann schon noch bemerkt. Man eröffnet mir, dass der Schnösel darauf verzichtet, Anzeige gegen mich zu erstatten. Ich erwidere sichtlich gerührt: "Der soll mich doch verklagen!" Am Ende erkundigt sich der Beamte, der übrigens verstörenderweise aussieht wie Christoph Waltz in "Inglorious Basterds", noch nach meinem Wohlbefinden und meinem Wohnsitz und will wissen, ob mir noch zu helfen sei, also, ob mir sonst noch irgendwomit geholfen werden könne. Ich antworte, dass das so schon in Ordnung sei. Die Tante am Tresen, die mich mal gleich hätte bedienen sollen, dann wäre der Stress mit ihrem wenig hilfreichen Kollegen nicht passiert (das sage ich ihr auch), versucht dann noch erfolglos "Evas" Sitzplatz für mich herauszufinden, jedoch ohne Erfolg.
Der Flugsteig ist wie leer gefegt, als ich eine knappe halbe Stunde vor Abflug eintreffe. Bei der Sicherheitsprüfung musste mein Panasonic-Telefon in einem Extra-Raum auf Sprengstoffspuren untersucht werden. Mein Kommentar: "Gibt es dafür keinen Hund?" Und: "Wie würden Sie reagieren, wenn ich jetzt ganz schnell weglaufen würde?"
An Bord der Maschine treffe ich zwar keine Eva, dafür aber meinen Kollegen Herrn Wang, der mit seiner Frau ihren Sohn in Frankfurt besucht hat. Eine Eva bekomme ich dann auch noch zu sehen, denn während des Fluges schaue ich meine bisher einzige Folge von "Desperate Housewives" (man muss ja mitreden können) sowie "17 Again", "Monsters vs. Aliens" und "Despereaux, den kleinen Mäusehelden". Ein kleiner Mäuserich kämpft darin furchtlos gegen eine Übermacht von Ratten, die alle keinen Durchblick haben.
Bahnfahrt via Bonn
Der erste Teil meiner Rückreise funktioniert reibungslos: Bahnfahrt via Bonn nach Frankfurt am Main. Unterwegs fülle ich meine Einkommenssteuererklärung aus und ersticke fast in den Belegen, die ich in einer Plastiktüte bei mir habe. Zwischenstopp und kurze Wanderung mit vollem Gepäck zu meinem Brotgeber, dem Akademischen Austauschdienst, zwecks Lagebericht; bin sogar fast verabredungsgemäß vor Ort in Bonn und kann auch noch ein paar Fragen zur Einkommensdingsda klären und die fehlenden Daten eintragen, als ich um 18 Uhr auf der wunderschönen Bahnstrecke entlang des Rheins via Koblenz (und Andernach) weiterfahre. Mein Zimmergenosse in Frankfurt ist ein rüstiger Franke auf Fahrradtour, der nach seiner Fahrt den Rhein entlang wegen der großen Hitze eine Verschnaufpause in Frankfurt einlegt. Wir reden über den SPIEGEL-Artikel über die chinesische Restaurant-Mafia in Deutschland, den ich noch nicht gelesen habe.
Ferien auf dem Bauernhof - die Kurzversion
Nach dem Gottesdienst reicht es noch für einen Fototermin mit Pastor Dr. Dau-Schmidt vor der Katharinenkirche. Vorher verschwindet Xiaochen mit Magen-Darm-Problemen spurlos im Gemeindehaus, das zwischenzeitlich schon abgeschlossen wurde. Xiaochen hat davon nichts bemerkt und lässt sich auch sonst nichts anmerken. Feiqian fotografiert auf dem Rückweg Looses Haus, weil es Häuser in der Farbe nicht gebe in China. Kurz sind wir auch noch bei Tante Lore vor dem Haus, die ich schnell korrigieren muss, als sie Japan mit China verwechselt. Aber älteren Damen sieht man ja alles nach. Am frühen Nachmittag nach der Kurzversion von Ferien auf dem Bauernhof dann aber bereits Abreise in Richtung Hamburg. Sie werden erst nach mir wieder chinesischen Boden betreten...
Ich betrete dafür, vom Bahnhof kommend, noch einmal den Boden von Andis vornehmem Grundstück und spontan vereinbaren wir für den Abend eine letztes Sommergrillen. Es wird ein Grill-Duett, denn vergeblich versuchen wir Thotti und Tim noch zum Kommen zu bewegen. Naja, so bleibt mehr Wurst für uns...
Feiqian und Xiaochen zu Gast in Großenaspe
Wegen einer aißergewöhnlichen Verspätung der AKN von zwanzig Minuten komme ich halb zehn vom Hof und sehe die beiden jungen Damen, den Höpenredder hinabschreitend, nach eingebrochener Dunkelheit ratlos auf der Kreuzung am Bahnhof stehen. „Nicht weglaufen!“, rufe ich ihnen von oben zu. In Inas Auto geht es zum Schmiedekamp. Mit Feiqian schau' ich noch kurz Sportstudio (Bayern gegen Bremen, 1:1).
Hessen-Hauskreis in Großenaspe
Wer hätte das gedacht! Stefan Keller hat sich mit seiner Vision von der Grillparty auf meiner kleinen Ecke Land (Klein-Sibirien) doch noch durchgesetzt. Am Abend tauchen zunächst Andrea und Ralf auf. Der meint, wir könnten doch auch im Schmiedekamp grillen. Aber das wäre ja witzlos. Also werden die nacheinander eintrudelnden Kfz beladen mit Stühlen, Tisch, Grillkost und Getränken. Das Wetter ist makellos. Allerdings wird es kühl, als die Sonne verschwindet. Und die beiden Höft-Kinder sollen ins Bett. Gegen elf Uhr ist Schluss. Die Höfts bleiben über Nacht bei uns. Die Kellers nächtigen in der „Mühle“ und das junge Ehepaar Strauß enteilt in der neu zugelegten Familienkutsche zurück nach Hamburg. Die wenigen Aufräumarbeiten in Klein-Sibirien erledige ich am nächsten Morgen noch vor dem Gemeindekick gemeinsam mit Olaf.
Yixuan, Yang Liu und Hao Hui in Großenaspe
Ankunft der drei Studentinnen am gestrigen Abend. Hao Hui hat als Geschenk eine chinesische Schriftrolle mitgebracht. Ganz groß! Gottesdienst mit Pastor Krämer, der sich auch noch ausgedehnt mit ihnen unterhält.
Am Nachmittag der große Höhepunkt: Ferien auf dem Bauernhof! Wegen des warmen Wetters geht es in die Reithalle. Yixuan versteht sich blendend mit Chico und will gar nicht wieder runter. Yang Liu dagegen ist vor allem von Sandy, dem Hausschaf, angetan. Kein Wunder, heißt doch Schaf auf chinesisch "yang"! Kaffee und Kuchen und Federball mit Silas auf dem Hof. Hao Hui will dann noch einmal ganz Großenaspe sehen, also fahren wir zum Aussichtsturm auf dem Ketelvierth. Auf dem Fahrrad macht Hao Hui die beste Figur. Die anderen beiden Mädchen sehen etwas wackelig aus. Auf dem Ketelvierth sind wir nicht allein, denn dort bereitet die Gemeindejugend einen Grillabend vor. Die Studentinnen bekommen gleich den richtigen Eindruck von Großenaspe: Die meisten Jugendlichen haben sie auch schon morgens im Gottesdienst gesehen. So gehört sich das!
Am Abend ist Hao Hui, die Frühaufsteherin, völlig erledigt. Obwohl sie sich noch per Internet (Blog oder Facebook oder so) in der Heimat melden, ist an den nächsten beiden Tagen Aufruhr an der Nanjinger Uni, weil Yixuans Mutter keine Nachrichten von ihrer Tochter hat. Sie ruft also fast alle Lehrer und einige Studenten an, was zur Folge hat, dass ich in zwei Tagen vier E-Mails zum gleichen Thema im Briefkasten haben werde.
Letzter Tag
Heute geht es zum Flughafen. Ein letzter E-Mail-Abruf: Der Abstecher zu Doro nach Stuttgart geht klar. Ferner werde ich konfrontiert mit einer Anfrage aus Deutschland und die führt mich zu dem Kollgen zwei Stockwerke tiefer, dem Jura-Prof Ertl aus Bayern, der im deutsch-chinesischen Rechtsinstitut sitzt. Erstaunt erfahre ich, dass er heute um elf noch im selben Flugzeug Platz nehmen wird wie ich. Und ist im Gegensatz zu mir um neun noch nicht reisefertig!
Jetzt aber los! An der Metro-Station Zhonghuamen bekommt man Busse zum Bahnhof. Ein Taxifahrer fängt mich wieder mal ab. Zwanzig Yuan sind ein fairer Preis. Ich bin Fahrgast Nummer vier. Es geht ohne langes Warten los. Mein letzter 100-Yuan-Schein macht am Flughafen ein bisschen Ärger beim Wechseln, aber passt scho'... Als ich mich bei LH 780 in die Warteschlange stelle, sind der Jura-Professor und Geo-Professor Wünnemann, ein weiterer an der Universität Nanjing als Dozent beschäftigter Kollege, schon da und machen Witze darüber, dass ich die letzten Äpfel des freundlichen Gastwirts Chen aus Xinjie vertilge. Die wären sonst ja bei mir zu Hause schlecht geworden und das geht nun wirklich nicht!
Vorletzter Tag
In Nanjing ist es bei meiner Ankunft nicht ganz so heiß, wie ich befürchtet habe, aber von der frischen Kühle der Berge kann natürlich nicht die Rede sein. Auf dem Weg zu meiner Wohnung treffe ich noch die Kollegin Chen Min, die für die Noten zuständig ist. Die hat jetzt erst mal sechs Wochen Ruhe vor meinen schlechten Noten. Zu Hause schmeiße ich die Klimaanlage und den Computer an und aktualisiere das sin-o-meter.
Reise in den Regen VI: Dianchi
Die Ankunft in Kunming gegen vier lässt sich verschmerzen, denn zum Glück dürfen alle Passagiere noch im stehenden Bus liegen bleiben. Vorher habe ich auch kaum ein Auge zugetan. Um sieben wird es langsam leer in der Kutsche. Auch ich mache mich auf. Ziemliche Halsschmerzen plagen mich nach der lausigen Nacht im heißen Schlafbus. In der Tasche des Pseudo-Regenmantels, der mir als Ersatzdecke diente, gibt es zum Glück noch blaue Mentos aus Xinjies Supermarkt, extra stark.
Ich lasse das Gepäck im Busbahnhof und nehme Bus 44 zum Dianchi im Süden von Kunming. Die Fahrt dauert 40 Minuten. Gut, dass ich am 3. Juli "David" getroffen habe. Hinweis für Kunming-Reisende: Der berühmte Minoritäten-Park (in den mich vor fast genau fünf Jahren eine chinesische Reisebekanntschaft eingeladen hat) befindet sich eine Station vor der Endstation der Linie 44 direkt vor dem Eingang zum See-Park. Ich gebe mir neunzig Minuten für den kleinen Ausflug zum Dian-See (wörtlich übersetzt Dian-"Teich", ist aber ein großer Teich), denn um elf geht mein Zug. Morgens um acht ist an dem malerischen Seeufer mit der tollen Aussicht noch nicht viel los. Es ist mild, Regen liegt in der Luft. Der Himmel ist bedeckt. Und das Wasser? Das wirft die wenig schmeichelhafte Frage auf: Was haben die Reisfelder von Yunnan mit dem Dian-See gemeinsam? Antwort: die hellgrüne Färbung. Der See ist total eutroph.
Vor mir liegt Wasser bis zum Horizont, links und rechts sind die Ufer der Bucht zu erkennen. Besonders schön ist der Blick auf die im oberen Drittel wolkenverhangenen Westberge. Ich wandere in Richtung Westen am Seeufer entlang und komme zu einer Seilbahnstation. Mit den Augen folge ich der Seilbahn, die zu dem Tempel oben in den Westbergen führt, den ich leider nicht mehr besuchen kann. Ich verlasse den Park und überquere noch einen Autodamm, im Süden der grüne See, der hier riecht wie pures Ammoniak, im Norden der Minderheiten-Park, der an das Wasser grenzt. Arbeiter, auf kleinen Booten oder in Schutzanzügen im Wasser stehend, sind mit Reinigungsaktionen beschäftigt und treiben Algen zusammen. Es ist zehn vor neun. Ich muss den Rückweg antreten. Am Eingang zum Park zeige ich meine Eintrittskarte (20 Yuan) hoch, als die Dame im Wärterhäuschen mir hinterherschreit, und bin ausnahmsweise sehr pünktlich wieder zurück.
Ich kann sogar noch im Busbahnhof Zähne putzen und auf den wenigen Metern zum Bahnhof noch ein paar Fangbianmians (Instant-Nudelsuppen) für die Zweitagesreise kaufen. Im Zug gibt es statt eines Kindergartens diesmal eine Mädchentruppe samt (männlicher) Lehrkraft. Alle stammen aus einem Institut für Technologie in Yancheng bei Nanjng, wie ich im Lauf der nächsten 48 Stunden erfahren werde. Die Mädels sind nicht ganz so nervig wie der Kindergarten und für alle Fälle habe ich ja meine Ohrstöpsel, die selbst gedrehten. Aus feuchtem Klopapier. Die schützen, wirken und drücken.
Reise in den Regen V: Zhongpizang

Völlig matt erhebe ich mich nach fiebriger Nacht, dennoch wird erst mal kalt geduscht, denn mein 30-Yuan-Zimmer verfügt nicht über heißes Wasser. Draußen ist immer noch alles verhangen. Um elf mache ich mich auf den Weg zum Busbahnhof. Keiner da. Die Tante macht schon Mittagspause.
Ich mache eine Wanderung, indem ich ganz einfach dem Trampelpfad folge, der vom Busbahnhof aus in die Wildnis führt. Was schreit hier eigentlich die ganze Zeit wie ein angestochenes Schwein? Ein nicht angestochenes, aber abgeschlepptes Schwein. Eine junge Sau weigert sich hartnäckig, ihrer vermutlich neuen Besitzerin ins Dorf zu folgen. Trotz Schweineleine um den Hals ist hier nichts zu wollen. Am Ende trägt die Bäuerin die junge Sau auf dem Arm weiter. Aber die Frage bleibt natürlich: Wer nimmt hier wen auf den Arm?
45 Minuten dauert die Wanderung. Ich überquere kleine Bäche und begegne Kuhhirten. Das Dorf, zu dem ich unterwegs bin, ist garantiert autofrei. Es ist nur zu Fuß zu erreichen. Das wird spätestens klar, als ich zwischen zwei Reisfeldern im Matsch ausrutsche. Hinter dem Dorf mache ich im Sonnenschein Pause. Ich sitze auf einem Stein zwischen dem Reisfeld oberhalb und dem Reisfeld unterhalb meines kleinen Plätzchens mit herrlichem Talblick. Es hat sich in der Tat mächtig aufgeklart. Meilenweit leuchtet alles lindgrün (die Fotos stammen aus dem Winter); jetzt sind die Reisfelder nicht so stark bewässert, dass sie aussehen wie eine Seenplatte. Am Dorfrand machen zwei junge Leute Feuer. Ich treibe ihnen auf dem Weg zwei Gänse entgegen. Dann wasche ich meine Kleidung notdürftig unter einem offenen Wasserrohr am Wegesrand. Meine Jacke ist total eingesaut, meine Schuhe sind total eingesaut. Inzwischen sind auch Frau plus Ferkel im Dorf eingetroffen. Das ist unüberhörbar. Jugendliche spielen auf einer Terrasse mit Talblick Billard, der Tisch ist zweifellos die Attraktion hier. Weiter unten auf dem Dorfplatz wird ein Bambusbaumstamm behauen und bearbeitet. Einige Kinder sind mir neugierig hinterhergelaufen, sagen aber nichts. Die Leute hier sprechen nicht gut Chinesisch, es ist nicht ihre Muttersprache. Ein Mann, den ich unterwegs nach dem Namen der Ortschaft frage, versteht mich immerhin ganz gut. Zhongpizang. Hoffentlich habe ich den Namen nun auch richtig in Pinyin umgewandelt! Zwei auffällig verschiedene Bauweisen prägen das Dorfbild: Gelbe Lehm-Häuser mit Reetdach und rote Backsteinhäuser mit Flachdach, vermutlich Ausdruck zweier verschiedener Ethnien im selben Dorf.
Auf dem Rückweg komme ich auf den letzten Metern dann doch noch vom Weg ab. Ich merke es am Dach des Busbahnhofes über mir. Das hätte eigentlich vor mir auftauchen müssen. Ich habe das Fieber noch in den Gliedern und fühle mich, wohl auch wegen der plötzlichen Sonne, so matt und kraftlos wie ein Fußball im Dornengestrüpp. Nach Umkehren ist mir gar nicht zumute. Ich balanciere über eine schmale Mauer, die einen kleinen Abhang überquert und gelange zum unteren Rand eines Maisfelds, durch das ich mich nun nach oben schleppe. Völlig erledigt komme ich auf dem Parkplatz an. Eine endlos lange Pause auf den Stufen am Bahnhof (nach Erwerb der Fahrkarte für 18.30 Uhr) macht schon die Bauarbeiter über mir nervös. Ich habe keinerlei Kraft und Motivation mehr für einen weiteren Reisterrassenversuch, obwohl jetzt Sonnenschein herrscht und ich gute Karten habe. Ich werde mich später noch ärgern über meine Lethargie, aber momentan ist nichts zu wollen.
Ich schleppe mich zurück in die Stadt. Auf dem großen Platz muss ich schon wieder Pause machen, aber jetzt sehe ich, was für einen fantastischen Talblick man von hier hat. Ich bekomme fast einen Sonnenbrand, nach nur zehn Minuten. In dieser Höhe ist man der Sonne eben näher. Auch von meiner Herberge aus habe ich einen großartigen Talblick. Als ich mich verabschiede und mein Gepäck hole, deckt Chen mich mit Früchten ein. Ich gebe ihm ein Heftchen mit frommen Sprüchen. Ein Student aus Kunming spricht mich auf Englisch an, als ich schon wieder auf dem großen Platz pausiere. Dann die Rückfahrt. Im Schlafbus bin ich diesmal mit zwei Schweizerinnen und einem US-Pärchen in bester Touri-Gesellschaft. Ich rede aber nicht mit ihnen. Eine ewig lange Pause auf der Strecke ins Tal dient zum Buswaschen und dazu, meine Geduld auf die Probe zu stellen. Ich kann gleich zweimal auf Klo gehen. Schöne Aussicht: Dem Trocken-Klo fehlen Teile von Decke und Wand. Schließlich setzt die Dämmerung ein. In Nansha gibt es dann mitten in der Nacht noch einen Zwischenfall mit einem Restaurantbetreiber, in dessen Laden der Busfahrer und seine Leute essen. Ich erahne die nächste Geduldsprobe in dem stickigen Bus und denke: Da kannst du doch sicher deine Abendtoilette erledigen. Die Frau des Hauses hat auch schon zuvorkommend ihre Schüsseln aus der Abwäsche geholt. Da kommt der Typ im gerippten Unterhemd und will mich nun schlechterdings nicht Zähne putzen lassen. Ich bin physisch, psychisch und moralisch bekanntlich nicht in Bestform, kurzum, ich bin uneinsichtig. Der will doch nur den starken Mann markieren. Ich frage provokant, ob er einen Yuan wolle für sein Waschbecken oder was los sei. Will er nicht. Ich sage: "Ist kein Problem!" und putze betoooont gründlich Zähne. Die zeige ich ihm dann nett grinsend und bedanke mich. Man muss ja immer freundlich bleiben.
Reise in den Regen IV: Xinjie

Im strömenden Regen geht es morgens um sieben zum Busbahnhof von Gejiu. Über die Hauptstadt des Verwaltungsbezirks Yuanyang Nansha geht es hoch hinauf nach Xinjie. Im Bus bin ich nicht der einzige Ausländer. Vorne sitzt ein Pärchen, das ich nicht so recht zuordnen kann. Rumänien?
Der erste Streckenabschnitt folgt einem wegen des vielen Regens tosenden Flusslauf, der wie ein gefräßiges braunes Monster aus den Bergen hinabgestürzt kommt und beim Blick aus dem Heckfenster wirkt, als würde er uns verfolgen, um uns zu verschlingen. Dann überqueren wir das braune Monster mittels einer Brücke und lassen es hinter uns.
Die Ankunft in Xinjie erfolgt gegen halb elf. Die Stadt ertrinkt in Regen und ist total von Wolken eingehüllt. Ich wandere mit Gepäck drauflos. Überall gibt es kleine Hotels. Aber wo steige ich ab? Ich brauche einige Zeit zum Überlegen. Ich müsste schon heute Abend wieder abreisen, wenn ich noch den legendären Steinwald bei Kunming besichtigen möchte, an dem ich gestern auf dem Weg nach Gejiu vorbeikam. Der freundliche Herr Chen Xiaoshong und sein sehr günstiges Gasthaus (30 statt 35 Yuan für ein Einzelzimmer) bekommen schließlich den Zuschlag und ich streiche den Steinwald. Herr Chen ist sehr hilfsbereit und breitet vor mir die Touristen-Landkarte der Gegend aus, die wohl mal ein französischer Tourist angefertigt hat und die jetzt als Fotokopie überall im Umlauf ist. Aber die vielen Höhepunkte kann ich wegen Zeitknappheit gar nicht wahrnehmen.
Mein Zimmer liegt im Obergeschoss, hat eine eigene Terrasse mit Blick auf: Wolkenschwaden. Ein deutsches Buch von Andreas Altmann über Vietnam und Kambodscha, erschienen im Fredekring-Verlag, liegt aufgeschlagen auf der Galerie. Nachmittags gönne ich mir eine Nudelsuppe auf dem Marktplatz. Ich sitze mit Blick auf die von Fußgängern bevölkerte Straße unter Plane neben ein paar Einheimischen in der typischen Hani-Kleidung. Eine ältere Frau trägt eine Art grünen Turban und die Jacke verzieren gemusterte bunte Linien. Es regnet Bindfäden. Erste Anzeichen einer Erkältung machen sich bemerkbar, weil ich gestern auf der Wanderung durchnässt wurde. Oder tropft die Nase nur wegen der scharfen Suppe?
Auf einem großen Platz oberhalb der Marktstraßen stehen Dutzende von roten Touri-Taxis. Ich löse ein großes Palaver mit Taxifahrern aus, weil ich nicht schon wieder abgezockt werden will. 100 bis 120 Yuan für einen Privatausflug erscheinen mir indiskutabel. Ein junges Mädchen aus einem Bus, der nicht an mein Ziel fährt, hat mich hergelotst und hilft mir beim Verhandeln. Schließlich gewinnt eine Frau am Steuer den Poker. In ihrem Privattaxi fahre ich für 20 Yuan zu dem berühmten, 18 km entfernten Reisterrassen-Aussichtspunkt Tigermaul, und zwar in Gesellschaft von zwei jungen Damen: Vorn auf dem Beifahrersitz sitzt "Lucy", neben mir ein junge Dame, die wegen ihrer modischen Kurzhaarfrisur aussieht wie ein Frisör-Lehrling; beide aus Kunming, beide kommen zurück aufs Land zu den Eltern (Urlaub, Arbeitslosigkeit).
Abermals Palaver gibt es dann am Eingang zu besagtem Tigermaul ("Laohuozui"): Reisterrassen als religiöses Erlebnis: Man weiß, sie sind da, aber nie zu sehen. Ich soll trotzdem Eintritt zahlen: 30 Yuan für 200 Meter Reisterrassen-Gucken, auch bei freier Sicht gilt da: Die spinnen die Chinesen! Das drücke ich gegenüber dem Kassen-Trio, das den Eingang zu dem Wanderweg überwacht, zwei jungen Frauen, einem Mann, natürlich höflicher aus. Da die Wolken trotz der Beteuerungen des Trios wenig weichen, mache ich mich zu Fuß auf den Rückweg: bergauf immer der Straße nach. 2 km sind es bis nach Amengkong und auf dem Weg zu der kleinen Siedlung bekomme ich immerhin einen Ausschnitt der legendären Terrassen geboten. Ein Loch in den Wolken, die über das Tal segeln, macht's möglich. Auch schön. Dann, es muss zwischen fünf und sechs Uhr sein, setzt plötzlich starker Regen ein und ich merke, dass meine Jacke nicht wirklich als Regenjacke taugt. Bei Amenkong habe ich Glück, dass ein Privatwagen mich aus Mitleid mitnimmt. Ich friere hinten im Wagen und die Fahrt kommt mir erstaunlich lang vor. Am Ende muss ich nichts bezahlen und werde im strömenden Regen in Hotelnähe herausgelassen. Ich habe rasende Kopfschmerzen und fühle mich irgendwie krank. Ich hole mir Paracetamol aus der Apotheke neben meinem Hotel und schaue, nachdem ich mich unten im Supermarkt noch rasch mit einem Sortiment von Essbarem ausgestattet habe, im Fernsehen "Charlie & die Schokoladenfabrik" auf Chinesisch. Danach wälze ich mich durch eine fiebrige Nacht und schwitze wie ein Schwein am Spieß.
Reise in den Regen III: Gipfelsturm in Gejiu
Kühl und regnerisch ist es in Gejiu, als ich am frühen Morgen ankomme. Ich mache mich frisch, ziehe mich um und erkunde die morgendliche Stadt. Die ist gar nicht so hässlich. Erst sitze ich im Park eines Industriemuseums, wo die Chinesen mal wieder zig zwitschernde Vögel in die Bäume gehängt haben, mitsamt ihren Käfigen, versteht sich. Möchte wirklich mal wissen, was sie sich davon versprechen. Soll man die Piepmätze kaufen? Jedenfalls fühlt man sich wie im Dschungel wegen der Geräuschkulisse.
Gejiu liegt in einem Talkessel und wird der Länge nach durchzogen von einem kleinen Binnensee, vermutlich künstlich angelegt, ähnlich der Außenalster in Hamburg. Die Stadt wächst. Am Rand wird, wie überall in der Volksrepublik, gebaut. Auf dem Hang oberhalb der Stadt thront eine Pagode. Sie spornt mich an zu einem Gipfelsturm: Ich lasse ein Wohngebiet hinter mir und erklimme den Hang. Ein kleiner Trampelpfad führt durch den regenfeuchten Wald. Der wird steiler, nasser und glitschiger, je höher ich komme. Ich muss mich an Zweigen hochziehen, um nicht den Halt zu verlieren. Unter mir gähnt die Tiefe, aber keine Angst: Von der trennt mich noch jede Menge dorniges und nassses Buschwerk. Na, nicht zu viel drüber nachdenken. Nass bis auf die Haut, mehrfach auf dem rutschigen Boden ausgeglitten, sehe ich aus wie Sau, als ich mich dem vorläufigen Ziel nähere. Ein Bauer, der irgendwas ins Tal schleppt, weist mir an einer Weggabelung die Richtung. Wahrscheinlich aber hat er meine Aussprache gar nicht verstanden. Alles erinnert stark an meine Wanderung in den Reisterrassen von Longsheng anno 2004. Damals bremste mich auch der Regen aus. Oben auf der Anhöhe erwarten mich ein kleiner Weiler, kläffende Köter, eine modrige Terrasse mit Aussicht auf Gejiu, eine Art Transformatorenhaus und eine Asphaltstraße. Ein Moped-Pärchen bietet mir sogar eine Fahrt ins Tal an. Ich lehne ab. Gut, ich hätte es leichter haben können, aber ist das meine Art?
Ich eile weiter zum höchsten erreichbaren Gipfel. Oberhalb der Siedlung gibt es nur noch wenige Bäume, dafür steil abfallende Weideflächen und immer wieder vorbeiwabernde Wolken, die mir die Sicht nehmen. Auch der glitschige Lehmboden bleibt mir erhalten. Vom höchsten Punkt aus blicke ich nach ein paar Minuten in eine dichte Nebelwand. Dann der Abstieg. Inzwischen ist es schon zwei Uhr nachmittags. Ich folge der asphaltierten Straße und stelle fest: Die Pagode ist eine Baustelle; nebenan ist ein Tempel-Neubau fast fertig. Ich finde es überraschend, dass das kommunistische China eine religiöse Weihestätte neu errichten lässt. Der Tourismus als Geldquelle macht's möglich. Neben der Tempelanlage ist ein großer Platz, von dessen Rand man auf die dunstige Stadt blicken kann und auf dem gekocht wird. Ich lasse mich überreden Platz zu nehmen unter einem Schirm (es tröpfelt immer wieder leicht) und bestelle eine kräftige und vor allem triefnasenfördernde Nudelsuppe. Neidisch lungern Hunde neben den Bänken und hoffen auf ihren Anteil. Die hilfsbereite Köchin weist mir dann auch noch den vernünftigen Weg nach unten: Es gibt Stufen, ca. 2000 an der Zahl.
Gejiu liegt auf ca. 1800 Metern und ich war eben noch 2000 Treppenstufen höher. Die Suppe und die 2000 Stufen haben meine Verdauung mächtig angekurbelt. Unten am Eingang zu diesem treppenreichen Naturwanderweg habe ich fast einen Krampf im Magen. Das WC am See kommt keine Sekunde zu früh! Donnerwetter! Am Bahnhof erfahre ich, dass der Bus nach Xinjie schon weg ist. Dabei habe ich mich extra beeilt. Die Schalterdame hatte mir am Morgen eine Stunde später als Abfahrtszeit genannt. Mit dem Bus fahre ich zurück Richtung Stadtmitte, irre planlos im Regen herum und finde schließlich im Nr. 10-Guest-Hotel für 100 Yuan eine Bleibe, deren Komfort deutlich über meinem Schnitt liegt. Abends suche ich mir noch einen Salon, in dem ich mir einen neuen Haarschnitt verpassen lassen kann. Für 10 Yuan waschen sie mir die Haare gleich zweimal, vorher und nachher. Natürlich habe ich, als ich gegen 21 Uhr mit neuer Frisur aus dem Salon trete, keine Ahnung mehr, wo ich bin. Da Gott gnädig ist, finde ich schließlich aber doch noch zurück ins Gasthaus Nr. 10, wo immerhin ein echtes Bett auf mich wartet.
Reise in den Regen II: Ankunft Kunming
Endlich in Kunming. Das Zugleben ist doch irgendwie beschränkt. Nur meiner Patellasehne hat die Ruhekur gefallen. Dafür hat sie jetzt einiges vor sich. Ich habe nämlich beschlossen, dass ich gleich weiterreise, und mir am Busbahnhof flugs die nächste Fahrkarte noch weiter in den Süden, nach Gejiu, gekauft. Wegen der Berge dauert die aber auch schon wieder die ganze Nacht! Und im Schlafbus, Abfahrt 21.35 Uhr, werde ich kein Auge zumachen, ich war in so einer Kiste schon mal von Guilin nach Shenzhen unterwegs. Doch die Zeit ist knapp. David, Englisch-Lehrer und im Nebenberuf Reiseführer, spricht mich an der Hauptstraße am Bahnhof an. Ich frage nach dem Weg zum Dianchi, dem großen See im Süden von Kunming. Doch statt den anzusteuern, entscheide ich mich lieber für eine Runde Sattessen bei KFC. Dann geht es weiter nach Gejiu, die dritte Nacht auf Rädern. Während einer Pause in der Nacht ist das nächste Klo das einer Augenklinik. Immer dem Licht nach!
Reise in den Regen I: 2 + 3 + 2 = 7
Im Schlafwagen bin ich diesmal von einem Kindergarten umgeben. Ein Gör schaukelt an meinem Bett und als er es auch noch okkupiert, ist es mit meiner Kinderfreundlichkeit vorbei. Das sei ja schließlich nicht sein Bett, zische ich. Seine Mutter fragt ihn dann, ob er verstanden hat, was ich sagen wollte. Auch sonst finden die Kinder mich mal wieder hochgradig interessant. Als endlich alle schlafen und ich am Ende des Ganges, wo noch Licht ist "Ende einer Dienstfahrt" lese, bittet mich ein Schaffner, ob ich als Übersetzer für zwei Gruppen von Rucksacktouristen einspringen könne, die kein Chinesisch sprechen. Hat sich aber schnell rumgesprochen, dass ich des Chinesischen mächtig bin. Es stellt sich heraus: Die Jungs und Mädels aus England und Spanien, die nachts irgendwo zugestiegen sind, wollen ihre Sitzplatzkarte gegen Aufpreis in eine Schlafwagenkarte eintauschen. Sie wollen übrigens nach Guilin, Ankunft in 18 Stunden. Da werde ich hellhörig: Guilin? 18 Stunden? Das liegt ziemlich weit entfernt von Kunming, dem Ziel meiner Reise. Am Nachmittag des heutigen 2. Juli, ich bin schon 26 Stunden unterwegs und denke, in zwei, drei Stunden, bin ich in Kunming, eröffnet mir dann eine Schaffnerin, ja morgen um diese Zeit sind es noch ein, zwei Stunden bis zur Endstation. Das trifft mich hart, denn so bleiben mir, da die Rückfahrt voraussichtlich genauso lange dauert, exakt drei Tage zum Reisen in Yunnan, da 2 + 3 + 2 = 7!
Die Not mit den Noten
Ein Mann kommt fünf Minuten zu spät zum Bahnhof, der Zug ist weg. Reaktion: Er stellt seine Uhr fünf Minuten zurück. Jetzt kann er ja wohl den Zug bekommen, oder? Das ist meine Meinung zum Thema Noten. Ich bin die Uhr, die Leistung der Studenten die Uhrzeit, der Zug die Wirklichkeit und das Zurückdrehen die Lüge, die gar nichts bringt. Aber ich habe es ja kommen sehen, dass das wieder Stress gibt mit meinen Noten. Die armen Studenten, die kriegen ja einen Schock, wenn sie nur 88 Prozent statt 92 bekommen, wird mir deutlich gemacht. Kurzum, ich muss doch tatsächlich auf Befehl von oben meine Noten ändern. Dabei geben meine geschätzten Kolleginnen und Kollegen unumwunden zu, dass die Notenvergabe allgemein in China keine Angelegenheit der Wahrheit und nichts als der Wahrheit ist. Es ist wie mit Dumping-Preisen, die den Markt verderben. Man sagt mir also: "Die Studenten haben bei der Arbeitssuche keine Chance zu erklären, warum sie im Verhältnis zu anderen Studenten so schlechte Noten haben. Denn bei der Bewerbung schaut man sich eben nur die Noten an." Es bleibe kein Raum für Erklärungen wie: "Wir hatten aber einen Deutschen als Lehrer, der benotet wie eine Schweizer Uhr."
Durch eine stärkere Gewichtung der Abschlussprüfung und fünf geschenkte Punkte für die Teilnehmer des Lektürekurses (den ich zur Einführung in den Journalismus aufgemöbelt habe) gelangen schließlich sogar meine Noten noch in den Toleranzbereich. Doch die Arithmetik macht's möglich: Jetzt haben wir zwei Durchgefallene (mit schlechten Prüfungen) mehr. Einen können wir aber noch retten, indem wir die bessere seiner zwei Prüfungen mit 60 statt 50 Prozent werten. Noch Fragen?
Die Braut kam per Motorrad
Ich stehe vor einem ziemlich unbelebten Platz namens Malu ("Pferdestraße") in einem Schanghaier Randbezirk und soll angeblich gleich abgeholt werden. Das wirft die bekannten drei Fragen auf: Was soll ich hier? Wie bin ich hier hergekommen? Und wie komme ich hier wieder weg?
1. Was mache ich hier? Alles begann am Freitag Abend, als mich am Ende des Prüfungsstresses Hongzhen, Ex-YUST-Studentin, anruft und über die Hochzeit von Li Jun, ihrer Ex-Kommilitonin, in Kenntnis setzt. Am Wochenende gebe es eine Feier, ob ich nicht kommen wolle. Ich sage, dass ich das nicht schaffen kann. Am Abend lese ich aber E-Mails von Hongzhen und der Braut, die ich wegen der vielen Arbeit mit dem Eintragen der Semesternoten früher nicht gelesen habe. Später ruft Li Jun auch noch mal an und ich fahre also doch am Sonntag nach Schanghai!
2. Wie bin ich hier hergekommen? Morgens weiß ich noch nicht mal, wo die Festlichkeit stattfindet. Ich kann weder Hongzhen noch Li Jun erreichen, schon gar nicht mit dem eigenen Telefon, das mal wieder abgeschaltet wurde, weil ich die Rechnung, die ich nie bekomme, auch nie bezahle. Ich rufe um acht auf dem Weg zum Bahnhof von einem Kiosk aus Hongzhen an, aber die schläft wohl noch. Vorher einmal falsch verbunden, weil die kluge Tante neben mir unbedingt für mich wählen musste, vielen Dank! Ich muss mich beeilen. Mein Zug fährt um halb zehn.
Halb zwölf bin ich am Bahnhof von Schanghai. Das große Schlemmen soll um zwölf Uhr stattfinden, aber der Ort ist ca. eine Stunde entfernt, hat Li Jun am Freitag erzählt. Ich kann mich diesmal nicht an die eherne Didus-Regel halten und muss ein Taxi nehmen. Natürlich erwische ich einen Schlawiner, ein ziegenbärtiges Schlitzohr, das sehe ich sofort. Der schaltet kein Taxometer ein, da kann ich lange reden! 180 Yuan. Das bedeutet: Eigentlich kostet das Taxi die Hälfte. Aber ehe ich zäh verhandeln kann, ist es mir lieber, der gute Junge ruft mit seinem Mobiltelefon mal bei Hongzhen oder Li Jun an und die sagen ihm, wohin er fahren soll. Das klappt tatsächlich und ich zahle 150 Yuan. Dafür düst er über die Autobahn und ist immerhin um Viertel nach zwölf schon da, wo ich jetzt stehe wie bestellt und nicht abgeholt. Der Ziegenbart telefoniert auch nicht noch mal, als ich ihn bitte. Er sagt, die kämen gleich und holten mich genau hier ab. Und da stehe ich also nun und wir sind bei Frage drei:
3. Wie komme ich hier wieder weg? Es ist zwanzig nach zwölf, da kommen sie auch schon um die Ecke geschossen: zwei Krafträder! Und das Mädchen im fleischfarbenen Kleid, das auf dem ersten hinten drauf sitzt, das erkenne ich trotz der merkwürdig ondulierten Frisur sofort: Li Jun, Ex-Studentin, heute Braut. Ich klettere auf dasjenige der beiden Gefährte, das noch keinen Mitfahrer hat und wir pesen in Richtung des Restaurants, wo auf zwei Etagen in verschiedenen Räumen Köstlichkeiten serviert werden. Ich werde in den Raum mit ehemaligen YUST-Studenten gelotst. Vorher muss ich mich aber im WC umziehen und tausche das blaue Unterhemd gegen ein blaues Oberhemd, das zu so einer Festlichkeit doch etwas passender erscheint. Dann setze ich mich auf den mir zugewiesenen Platz und erkenne die schöne Yinji aus „meinem“ Jahrgang 03 sowie zwei Studentinnen des Jahrgangs 04 wieder, aber ich erkenne nicht wieder: Guangyong, den Studenten des Jahrgangs 02, der jetzt in einer Schanghaier Firma arbeitet, gar nicht weit vom Ort der Festlichkeit. Ja, warum habe ich den denn nicht erkannt? Weil er der doppelte Umfang dessen ist, der er war, als ich ihn das letzte Mal sah! Ich sage: „Sie sind jetzt sehr kräftig!“ und kräftige mich selbst erst mal mit ein paar, naja, eher einer Menge der Köstlichkeiten vor mir auf dem Tisch. Später muss ich mit Fenghua, Shenling und Hongzhen einen Saft heben und als Krönung bringen wir den Choral „Du stehst zu unserer Freundschaft“ dar, mit dem die Braut gewissermaßen an der YUST einst ihren musikalischen Durchbruch hatte.
Etwas nach drei ist die Party dann vorbei. Der Bräutigam ist schon reichlich angeschäkert, als draußen auf dem Parkplatz der Brautstrauß fliegt und die Fänger noch für Fotos posieren. In der Ausklangzone spreche ich zur Braut noch ein paar mahnende Abschiedsworte über die Dinge, die die Welt zusammenhalten, dann geleitet sie uns noch schnell zum Bus, wo Hongzhen sich nicht verkneifen kann auf die Schwangerschaft hinzuweisen, auf die das junge Paar verblüffenderweise gar nicht mehr warten muss. Ich verstehe die Anspielung natürlich nicht, obwohl ich sie mit allgemeinen Äußerungen zum Thema Generationswandel selbst heraufbeschworen habe. Mit dem Bus geht es zurück in die Innenstadt (eine Stunde). An der U-Bahn verabschiede ich mich von den Yinji, Fenghua, Shenling und Hongzhen sowie einer weiteren Ex-Studentin.
Bereits vorher war mir klar, dass ich am Bahnhof noch eine ATM-Geldausspuckmaschine würde finden müssen, weil ich all mein Geld mittags für das Taxi ausgegeben habe und ja auch noch ein Geldumschlag für die Braut fällig war. Ich suche am Bahnhof so lange nach der richtigen ATM-Maschine, dass es dunkel wird. Auf dem Weg zum Erwerb der Rückfahrkarte sprechen mich zwei Schwarzmarktgauner an: Hier Fahrkarte nach Nanjing für 120 Yuan. Ich sage: zu teuer! Da geht er auf hundert, vermeine ich zu hören, und lobt mich als zähen Verhandler. Plötzlich Tumult. Ein Rennen und Fliehen setzt ein: Polizei macht den Schwarzmarkt unsicher. Die Fahrkarte habe ich in der Hand, mein Geld habe ich auch noch. Da kommen diffizile Fragen aus den heiligen Domänen von Jurisdiktion und Moral auf: Ist man Schwarzhändlern gegenüber eigentlich zu Solidarität und Redlichkeit verpflichtet? Ich wollte ja auch gar nichts von denen. Die wollten was von mir. Ich hätte mich einfach absetzen sollen. Aber ihr kennt mich: Ich renne den Lotterbuben sogar noch hinterher, mit den hundert Yuan in der Hand. Aber nun sind es auf einmal 110. Argwöhnische Blicke nach der Polizei. Nein, er will meine hundert Yuan nicht. Ich bin zu stur, 110 zu bezahlen. (Der wahre Preis der Fahrkarte ist 93 Yuan.) Er nimmt mir die Karte wieder weg. Ich gehe und kaufe eine reguläre, aber für den letzten Schnellzug gibt es natürlich keine Karten mehr. Das hätte ich mir bei dem Gefeilsche eben ja denken können. Der Ehrliche ist immer der Dumme! Der Bummelzug fährt eine Stunde später, zehn vor neun, ab. Und ich werde mich noch ärgern. Denn der Bummelzug hält sich aus ungeklärter Ursache eine Stunde in einem Vorort von Schanghai auf, ist nicht gut klimatisiert und die gedrungene ältere Chinesin in den kolossalen schwarzen Kniestrümpfen, die sich mir gegenüber auf dem Doppelsitz hingehauen hat, weiß längst, was mir erst dämmert: Das wird eine lange Nacht. Immerhin: Bus Nr. 1 fährt sogar noch nachts um zwei. Als ich einsteigen will, klopfe ich den Fahrer aus seinem 5-Minuten-Schlaf. Gegen halb drei bin ich zu Hause. Hochzeit als Tour de Force!
Hohe Literatur und Seifenoper
Brav haben die meisten Studenten des zweiten Jahrs sich auf die mündlichen Einzelprüfungen vorbereitet, in denen ich sämtliche Texte des abgeschlossenen Lehrbuches abfrage. Jetzt kommt nur noch die Prüfung für Magisterstudenten am Donnerstag und die Urlaubszeit steht vor der Tür!
Danyu, die rührige Schriftstellerin, die mich regelmäßig mit immens eloquenten E-Mails versorgt, hat für den Abend vorgeschlagen, sich von mir in ein sündhaft teures Teehaus am Xuanwu-See einladen zu lassen. Angeblich hätte ich ihr so was mal versprochen. Aber erst mal kommt sie eine halbe Stunde zu spät; ich war inzwischen schon wieder weg und es ist reines Glück, dass ich auf Verdacht eine halbe Stunde später, um 18 Uhr, noch mal am Treffpunkt Bibliothek vorbeikomme, nachdem ich zwischendurch Studenten getroffen habe. Ich verschweige diese Umstände; sie ist schon verstört genug. Wir gehen in den Vortrag eines Skandinavistik-Professors aus Berkeley, der als Gastreferent über Architektur als Motiv in der skandinavischen Literatur spricht und anhand von Ibsens „Nora – Ein Puppenheim“ und „Die Stützen der Gesellschaft“, Selma Lagerlöf, August Strindberg sowie dem dänischen Autor Hermann Bang zeigt, wie das Motiv von Abbruch und Aufbau von Häusern oder andere Formen von Haus-Metaphern die sich verändernden sozialen und psychischen Realitäten zum Ausgang des 19. Jahrhunderts spiegeln. Danyu hat kaum etwas verstanden, obwohl der Vortrag ihre Idee war. Ich wusste davon gar nichts.
Also ab ins Teehaus. Alles ist hier ganz traditionell, nur die Preise vermutlich nicht: 80 Yuan für ein paar Schlucke Tee aus einer Mini-Tasse! Immerhin: Das Milchspeiseeis vorher ging auf Danyus Rechnung. Nein, Danyu muss keine Operation fürchten. Die Geschichte ist schon wieder Schnee von gestern, interessiert sie nicht mehr. Sie will jetzt bald einen Roman über ihre Amerika-Erfahrungen schreiben. Darin kann sie dann auch gleich die Geschichte mit ihrem „boy-friend“ abarbeiten, den sie natürlich verlassen wird. Sie weiß es nur noch nicht. Aber sie redet nur noch von ihrer ominösen Internet-Bekanntschaft, die sich nach langer Zeit wieder gemeldet hat. Ich sage: Der hat zwei Kinder und lebt von deren Mutter getrennt; so richtig christlich hört sich das für mich nicht an. Aber er sei ihr Seelenverwandter, das spüre sie. Deswegen bereue ich auch die 80 Yuan nicht. Danyus Leben ist die pure Seifenoper und ich bin darin zum Glück nur Statist. Gegen Mitternacht flanieren wir den See entlang und ich setze sie schließlich ins nächste Taxi. Da ist sie ganz konsterniert, dass ich nicht mit einsteige. „Ich muss doch in eine ganz andere Richtung“, sage ich, was habe sie denn gedacht? Sie kommt mir vor wie ein kleines Kind, das nicht gern allein sein mag und sich im Dunkeln schnell verläuft.
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