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Mit Sonnenschein ins neue Jahr
Heute hole ich mit Danyu die letzten Sonntag ausgefallene Wanderung auf den Zijin-Berg nach. In der Sonne sitzen wir auf einem Felsen mit Talblick und es ist frühlingshaft warm. Wir vergessen völlig, dass es hier um fünf dunkel wird und müssen schließlich im Dämmerlicht zurück. In der Dunkelheit, die uns im Tal erwartet, finden wir auch keinen Bus mehr. Eigentlich soll ja bis um halb zehn noch ein Bus fahren, aber das gilt vermutlich nicht für Feiertage... Jenseits der Bushaltestelle stehen drei Versprengte, die auch noch guter Hoffnung sind, d.h., sie hoffen auf ein Taxi. Aber alle Taxis, die aus der Hotelzufahrt hinter uns kommen oder dorthin fahren, ignorieren uns stur. Zappenduster.
An der Rezeption des Nobel-Hotels, zu dem die gut ausgebaute Straße hinter der Haltestelle führt, versucht die frierende Künstlerin, nachdem sie eine gefühlte halbe Stunde auf dem Klo war, ein Taxi zu bestellen. Fehlanzeige. Oder gleich ganz in dem Hotel absteigen? Ich sage: Schmarr'n! und nötige sie den Rückweg zu Fuß anzutreten. Unterwegs, schon in Stadtnähe, liest uns dann ein Taxi auf und bringt uns in ein Grillrestaurant, wo wir unseren inzwischen doch erheblichen Appetit stillen können. Zu Hause bin ich erst weit nach Mitternacht!
Nur eine Sekunde
Ich habe meinen letzten Unterricht des Kalenderjahres 2009 hinter mich gebracht (zum Abschluss gab es noch mal einen kleinen Test) und habe für den Abend zwei Freikarten für ein Konzert. Cathy-Jiakun geht mit. Sie wird das schon finden, denke ich. Wir treffen uns an der U-Bahn-Haltestelle Xinjiekou. In Wahrheit, weiß Jiakun zu berichten, ist der Konzertsaal aber noch etwa einen Kilometer zu Fuß entfernt, der gleiche Ort wie damals im Sommer. Wir müssen uns sputen. In zehn Minuten geht es schon los! Da freuen sich Jiakuns über den Asphalt knallenden Festtags-Hochhacken!
Es gibt die üblichen Stücke, klassische Gassenhauer, die die Chinesen so schätzen, Strauß, Donau, Radetzkymarsch und ein längeres modernes Stück mit Klavier, Geige und Gesang. Das gefällt uns am besten. In der Pause treffen wir meinen US-Kollegen Paul. Er hat auch eine Freikarte bekommen. Das Konzert gipfelt in einem Silvester-Konfettiregen in Gold! Danach brechen wir zusammen zu Michaels großer Silvesterparty am Konfuzius-Tempel auf. Es gibt kein Taxi. Wir nehmen Bus Nr. 1. Ich kenne den besser als sie. Sie kennt das Restaurant besser als ich. Ohne sie wäre ich irgendwo in der Nacht gestrandet, denn Michaels Mobiltelefon ist heute außer Dienst, wie ich feststellen muss, als ich ihn wegen unserer Verspätung anrufe. Als wir endlich eintreffen, fliegt Jiakun auf, weil sie sich gar nicht angemeldet hat. Noch schlimmer: Sie hat zwei ihrer Freundinnen eingeladen, die natürlich auch nicht angemeldet waren! Da hält sich Michaels Begeisterung spürbar in Grenzen, denn er hatte doch extra um persönliche Anmeldung gebeten, damit die Küche planen konnte. Jiakun wird den Rest des Jahres wegen dieser Peinlichkeit im Jammertal verbringen. Ich verordne ihr eine Grußkarte an Michael zum 1. Januar. Als Dankeschön für meine hilfreichen Tipps erhalte ich ein Neujahrsgeschenk: eine Tafel Lindt-Schokolade aus dem Wessi-Laden und einen Film aus Taiwan. Ich werde unisono aufgefordert ein Lied vorzusingen und wähle „Alle Jahre wieder“; da kann ich immerhin zwei Strophen auswendig und es ist auch nicht so hoch wie „O du fröhliche“ oder „Stille Nacht“. Beim Neujahrs-Countdown gibt es Chaos, weil die Uhr im Restaurant vor geht. Schließlich übernimmt Tom die Verantwortung für die richtige Zeit, aber seine Uhr hinkt hinterher.
(Foto: Jiakun, Michael und ich)
Die Tanten vom vorderen Tischende fangen noch an zu tanzen und zum Abschied wollen einige von ihnen noch meine E-Mail-Adresse, obwohl ich sie eigentlich nicht unbedingt wiedersehen muss. Immerhin: Eine der Tanten ist vom Fernsehen. Die kann mich mal auf ein Interview einladen. Ich tröste mich mit dem statistischen Faktum, dass 99,9 Prozent aller Leute, die meine E-Mail-Adresse erhalten, nie im Leben schreiben. Unter diese Quote wird vermutlich auch, und das ist dann schon eher bedauerlich, die Chinesin fallen, die seit einem Jahrzehnt in München lebt und entsprechend gut Deutsch kann. Jetzt besucht sie zu den Feiertagen ihre Familie.
Michael ist keine zwanzig mehr. Er muss nach Mitternacht ins Bett. Nach dem Fest, etwa um ein Uhr, schlendere ich mit Jiakun über die leer gefegte Einkaufsmeile am Konfuzius-Tempel. Es ist um die Zeit aber überhaupt nicht mehr bunt hier. Zu spät. Verödet förmlich. Feuerwerk gibt es übrigens auch weit und breit nicht zu sehen. Es gab ein behördliches Verbot. Man dachte wohl an die Katastrophe von Peking vor einem Jahr, als eine verirrte Rakete einen Bauriesen in Schutt und Asche legte. Jiakun sagt: "So, das war schon alles? Jetzt ist 2010?" Es ist eben doch nur eine Sekunde...

Jetzt gehn wir über'n See
Im Anschluss an den Gottesdienst in St. Paul's treffe ich außer meiner alten Bekannten Emilie überraschend viele Deutsche (darunter Evas Flugzeugbekanntschaft, einen Lehrer) und Danyu, die junge Autorin mit Neigung zu hysterischen Anfällen. Ich habe mich nämlich mit ihr zum Wandern verabredet. Wie immer kommt alles anders. Erst besteht Danyu darauf, mich, obwohl ich doch geschmierte Brötchen im Rucksack habe, in ein französisches Restaurant einzuladen, weil sie sich zum x-ten Mal für mein Empfehlungsschreiben an die Chicago Theological University (CTU) bedanken muss, und dann hat sich gestern Abend mein Ex-Kollege Helmut mitsamt Kolleginnen Ursula und Minjiong aus Yanji angekündigt. Wir wandern also nur einmal über die Inseln im Xuanwu-See und treffen dann um halb sechs die drei Rundreisenden zum Abendessen in dem Pizza-Restaurant bei mir um die Ecke. Zwischendurch im Bus hat mir die vielseitige Künstlerin unbedingt noch ihre Mappe mit Fotomodell-Bildern zeigen müssen. Hier eine Kostprobe. Sie ist es wirklich, aber ihr wisst, wie das mit solchen Fotos ist: Man kann kaum glauben, dass das die Person ist, die gerade im Bus neben einem sitzt.

Eine einfache Nudelgeschichte

Cathy überrascht mich mit Kinokarten für „Eine einfache Nudelgeschichte“, die erste Komödie von Star-Regisseur Zhang Yimou, kommt dafür aber auch 25 Minuten zu spät zum Sprachtraining. Ich habe derweil fleißig Vokabeln gepaukt. Als ich mich gestern im Kino umgehört habe, erfuhr ich, dass momentan alle Filme ohne englische Untertitel laufen. Ich bin daher skeptisch, kann dann aber doch noch ganz gut folgen. Erstens ist der Film der chinesische Neuaufguss von „Blood Simple – Eine mörderische Nacht“ und zweitens flüstert mir Cathy gelegentlich Übersetzungen schwieriger Abschnitte ins Ohr, wobei der Rand ihrer Brille auf etwas irritierende Weise meine Schläfe streift.
Weihnachten mit Steven und Jeremy
Wie im letzten Jahr feiere ich in der internationalen Gemeinde Weihnachten mit einem Festbankett. Steven und Jeremy nebst Familien nehmen sich meiner an, weil ich (in der Nähe des Büfetts) so allein in der Gegend herumsitze. Beide sind Lehrer, und zwar an der Universtiy of Astronautics. Steven hat eigentlich Physik studiert. Jetzt unterrichtet er Englisch. Jeremy erzählt von verschiedenen außercurricularen Aktivitäten, die er mit Steven verantwortet. Wegen der Kinder müssen beide früh weg und ich finde mich am Rand der Bühne wieder. Dort sind die Schokokrümel von der Torte gefallen und ich fülle damit mehrfach meine Dessertschüssel auf. Danach beginnt der stimmungsvolle Gottesdienst, der wie üblich im Kerzenschein endet. Nach dem Gottesdient spreche ich noch kurz mit Elysée und Martin aus meinem Hauskreis sowie einer Chinesin, die verbotenerweise zu den NICF-Gottesdiensten kommt. (Eigentlich dürfen zu einer Gemeinde von Ausländern nur Taiwanesen, Hongkong- und Macao-Chinesen gehen.)
Kärtchen und Chor
Tja, heute ist leider ein normaler Arbeitstag. Es ist trübe Luft, die Nacht scheint länger als am Montag, wo ich ja auch um 6.45 Uhr aus dem Haus musste. Ich spiele „Das Geschenk der Weisen" von O. Henry von CD vor. Ziel: Finden Sie den auktorialen Erzähler.
Zu einem „Fröhliche Weihnachten“ im Chor haben die lieben Studenten sich dann doch noch aufgerafft, als der Unterricht schon zu Ende ist. Youjin war mal wieder die Anstifterin. Die schickt mir auch immer SMS mit Glückwünschen zu Feiertagen. In der anderen Klasse bekomme ich zwei reizende Kärtchen von Liu Jian und Ma Yawen. Die beiden sind ein ganz entzückendes Pärchen: sitzen immer zusammen, gehen immer zusammen auf Klo und schreiben im Diktat immer dieselbe Note (mit verschiedenen Fehlern)! Und ihre Weihnachtsgrußkarten, die sie mir nach dem Unterricht immerhin nicht ganz zeitgleich überreichen, sind vom selben Hersteller. Ma Yawen bedankt sich in ihrer Karte für „die interessanten Unterricht“. Liu Jian wünscht: „Alles Gute!" Ich bin gerührt.
Essen muss ich heute ja nicht. Am Abend mache ich zwei Jahre Ferien. Ich habe es verdient nach dem langen Tag.
Maximo und Magendrücken
So richtige Vorweihnachtsstimmung kommt ja nicht auf, wenn man am 23. Dezember nachmittags mit freiem Oberkörper auf dem Balkon sitzt und liest. Zugegeben, ich bin gerade meine zwanzig Runden im Wutaishan-Stadion gelaufen, aber bei Winterwetter wäre ich sicher schon wieder abgekühlt. Der Kalorienverlust ist übrigens heute besonders sinnvoll, denn am Abend gibt es ein Weihnachtsbankett und diesmal werde ich nicht, wie im letzten Jahr, den Bus verpassen, der uns, eine Handvoll ausländischer Dozenten, in ein Nobel-Hotel kutschiert. Ich bin sogar zwanzig Minuten zu früh!
Constanza hat mich gleich ausgemacht hinten auf der Rückbank des Busses und setzt sich zu mir. Sie hat nicht nur an die von mir entliehenen DVDs gedacht, sondern mir auch noch ein kleines Weihnachtspräsent mitgebracht. Ich darf es aber erst morgen öffnen. Wir haben uns die letzten Monate freitags einige Male zum Essen getroffen, damit ich mein Spanisch etwas aufpolieren konnte. Constanza ist heute Abend glücklich und ich weiß auch, warum: Morgen trifft in Schanghai Maximo aus den USA ein. Der heißt nicht nur so, sondern ist es auch: der „maximo lider“ ihres Herzens nämlich, ihr seit seit vier Monaten schmerzlich vermisster Zukünftiger. Während wir dinieren, muss er schon unterwegs sein. Constanza wird ihren Vertrag nicht erfüllen und schon im März, nach einer Chinareise mit Maximo, in ihre argentinische Heimat zurückkehren, was meinem Spanisch sicher nicht zum Vorteil gereichen wird.
In einem vornehmen Festsaal haben sich auf Einladung der Provinzregierung von Jiangsu rund zweihundert Ausländer eingefunden und werden gleich zwanzig Meter Büfett-Tische abschreiten um sich mit Köstlichkeiten auszustatten. Constanza hat sich in den Kopf gesetzt, heute bei der Tombola etwas zu gewinnen, aber als das letzte Los gezogen wird und sie noch eine minimale Chance auf den Hauptpreis, einen weißen Plüschbären, siebzig Zentimeter lang, hat, schreit, als hätte ihn ein spitzer Gegenstand getroffen, plötzlich der 75-jährige Politik-Professor neben ihr auf, der in den sechziger Jahren einige Zeit in Argentinien verbracht und seiner bezaubernden Sitznachbarin an diesem Abend schon sein halbes Leben erzählt hat. „Ich habe noch nie etwas gewonnen!“, erläutert der sichtlich bewegte Gelehrte seinen emotionalen Ausbruch. Er lässt sich nun also vorne auf der Bühne den Plüschbären aufbinden. Uns anderen bleiben immerhin das gute Essen und einige folkloristische Tanz- und Gesangseinlagen. Der Ananasreis und die Schokowaffeln haben es mir besonders angetan. Constanza und ich setzen uns noch für ein Abschiedsfoto auf die von den Musikerinnen verlassenen Stühle auf der Bühne, als die Party aus ist, aber leider ist ihre Batterie mal wieder leer.
In der Nacht werde ich nur drei Stunden schlafen können. Magendrücken.
Der Mann im Baum
Der ältere Herr im Baum ist eigentlich die einzige nennenswerte Besonderheit am heutigen vierten Advent, aber dafür doch um so kurioser. Ich habe mich allein auf meinen Hausberg Zijin Shan begeben. Der Himmel ist heute strahlend blau. Auf dem Gipfel lungern wie immer allerhand Touristen herum und er, der Mann im Baum, hängt im Baum, mit den Kniegelenken in einen Ast eingehakt, Kopf nach unten. So hängt er da schon so lange, wie ich auf dem Gipfel raste, und liest Zeitung mit Hilfe von Steinen, die er auf die Seiten legt, damit der Wind sie nicht wegweht. Mir liegt es auf der Zunge zu fragen: „Warum hängen Sie im Baum?“, aber das kommt mir dann doch zu neugierig vor. Zumindest bestätigt sich der altbekannte Befund, dass die Jungen die Alten hier in China nicht mehr verstehen und umgekehrt.

Übrigens: Der Zijin-Berg ist genauso hoch wie der jüngst fertig gestellte Zifeng-Turm, den man von hier aus gut sehen kann: 448 Meter.
Meifa

Cathy hat es auch nicht leicht. Ende November haute sie die Schweinegrippe um und sie musste ins Krankenhaus. Und letzte Woche hatte sie Windpocken. Ein Unglück kommt eben selten allein. Und nun sitze ich mit ihr beim Frisör und sie hofft sicherlich, dass ein drittes Unglück ausbleibt. Das Jahr ist nämlich rum und Cathy will kürzere Haare. Ich weiß auch nicht, ich wollte nur mal fragen, was sie denn heute Abend noch so vorhabe, und das habe ich so klingen lassen, als hätte ich nichts dagegen, dabei zu sein. Tja, und nun sitze ich beim Frisör, einem hippen Laden, in dem ein halbes Dutzend Kunden gleichzeitig verschönert werden kann (deswegen sagt man jetzt auch Schönschnitt, "meifa", statt Haarschnitt, "lifa"). Dabei ist ja mein Jahr noch gar nicht rum und ich bin folglich nur Zuschauer. Zur Entschädigung lädt sie mich anschließend in Giuseppe Parisis CIAO ITALIA in der Shigu Lu ein. Sie ist fast die einzige Chinesin in dem vornehmen Laden. Typisch vornehmer Laden ist auch dies: Die Lasagne-Portion ist so klein, dass zwei davon für mich gerade gereicht hätten. Da Chinesinnen indes notorisch um ihre Schlankheit besorgt sind, schafft Cathy nicht mal ihre paar Nudeln in Sahnesoße.
Roter Wein und blauer Fleck oder: Weihnachtsfeier Teil 2
Gemeinsam mit Feiqian und Chen Dong alias Eva geht es mit dem Uni-Bus zurück in meine Wohnung. Im Bus bin ich so vertieft in das Gespräch mit Feiqian, dass ich erst beim Aussteigen merke, dass mein französischer Kollege Alain rechts neben mir sitzt. Der hätte ja auch mal was sagen können!
Wir sind um eins in meiner Wohnung. Aber erst mal gehen wir jetzt essen. Am Südtor treffen wir auf Xiaoqi, der auch zu dem Jahrgang gehört (einer von drei Jungs), aber nicht mit uns essen, sondern lieber seine Haare in Fasson bringen lassen will. Eva bestellt ein Reisgericht. Feiqian und ich entscheiden uns für etwas mit Pilzen. Schmeckt gut. Wir warten dann bei mir zu Hause auf Jinting, die Leiterin des Glühwein-Kommandos. Feiqian wartet draußen, damit Jinting uns finden kann. Bei mir in der Wohnung kümmern wir uns dann um die Zubereitung des Spezial-Glühweins, der heute Abend auf der Weihnachtsfeier der Deutsch-Abteilung serviert werden soll, das heißt, die Studentinnen kümmern sich darum. Ich korrigiere derweil ihre Geschichte-Tests. Denn bei Glühwein kann ich nun gar nicht helfen, schon gar nicht mit Rezepten. Wenn nichts zu tun ist, löchert mich Eva mal wieder mit indiskreten Fragen und will außerdem wissen, was sie im Test für eine Note bekommt. „Erst mal sehen, was die anderen geschrieben haben“, antworte ich. Eine völlig entnervte Yangliu ruft an, weil sie im Stau steckt und daher viel zu spät kommen wird. Dreimal sagt sie: „Ich habe eine Bitte an Sie. Aber, nnnng, wie kann ich das sagen?“ und macht mich ganz nervös damit. Ihr Problem: Da sie Xi Min versprochen hat, vorher mit mir den Ablauf durchzugehen, bittet sie mich, so zu tun, als wäre sie heute nie im Stau gewesen. „Solange ich nicht für Sie lügen muss“, sage ich.
Als ich in meiner neuen Jacke und meinem film-o-meter-Jackett (Outfit 1) im Saal eintreffe, muss ich zuerst Luftballons aufblasen, bei denen einem nach dreimaligem Pusten die Luft wegbleibt; dann saut Yijie alias Cecilia meine neue Jacke mit blauem Zeugs ein. Und das ging so.
Didus: „Was ist denn das?“
Cecilia: „Wollen Sie mal sehen?“ SPRÜH!
Und schon habe ich blaues Zeugs auf der Jacke haften. So schnell konnte ich gar nicht antworten. Cecilia scheint nun aber doch der Schreck in die Glieder gefahren zu sein, dass da so viel rausgekommen ist. Sie rubbelt verstört an meiner Jacke herum wie Loriot in einem seiner Pannensketche und verteilt das Blau auf dem gesamten Ärmel. „Keine Angst, das geht ganz leicht wieder ab. Beim Waschen.“ Die neue Jacke kostete umgerechnet 27 Mark. Und ich weiß genau: Im modernen China gibt mir das kein Recht empört zu sein.
Für die Weihnachtsfeier habe ich die ersten fünf Minuten des JESUS-Films von der Technik-Expertin der Studenten auf einen Computer kopieren lassen und lasse das anstelle einer langen Rede vom eigentlichen Sinn des Weihnachtsfestes laufen. „Was ging da damals ab?“, frage ich analog zum Motto der Feier.
Wesentlich besser kommt aber mein Lesestück „Leckere Weihnachtsplätzchen von Großmutter“ an (Kopie aus dem Vorjahr), eine Geschichte, bei deren Vortrag ständig um die Wette gerannt werden muss. Und ihren besonderen Spaß haben natürlich alle, als ich bei einer Lehrer-Vergesäßungsaktion pantomimisch als arroganter Darcy um die Gunst von Elizabeth Bennet („Stolz und Vorurteil“), verkörpert von einer deutschen Kollegin, buhlen muss. Am Ende muss ich auch noch tanzen. Alles abgekartet. Die Mehrens-Sprechchöre kamen wie auf Kommando und die Rolle des von der Liebe gedemütigten arroganten Schnösels, der dann auch noch tanzen muss: wie das kleine Einmaleins von allem, was ich hasse, auf fünf Minuten gerafft. Als Tanz wähle ich Ringelpiez mit Nach-drei-Sekunden-wieder-Loslassen. Klassischer Fall von guter Miene zum bösen Spiel. Außerdem ist mal wieder alles zu laut. Kurz vor Ende der Veranstaltung gehe ich ins Klo um mir Klopapier in die Ohren zu stopfen, renne aber danach in der Gegend rum wie diese Mars-Sonde, zu der Houston keinen Kontakt mehr hat. Mein persönlicher Höhepunkt ist die Musical-Version des Märchens vom Wolf und den sieben Geißlein, das, wie ich mir habe sagen lassen, durch eine Zeichentrickserie in China zu ungeahnter Popularität gelangt ist. Die Studenten des Jahrgangs 08 spielen das eindrucksvoll nach, unterstützt von Schafskopf-Stirnbinden aus Pappe. Beim Abschlussfoto muss ich Cecilia, die hinter mir steht, fast die Arme umdrehen, weil sie immer über meinem Kopf Häschenohren macht. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.
Schuss vor den Bug
Als heute Nachmittag die Magister-Studenten die Gliederungen und Entwürfe ihrer im nächsten Jahr fälligen Arbeiten vorlegen müssen, platzt der Fachbereichsleiterin, die zusammen mit mir und vier weiteren Professoren den Studenten gegenüber sitzt, der Kragen: Von ernsthaften Überlegungen, wie die Arbeit gestaltet werden soll, sind zumindest einige der Prüflinge noch so weit entfernt wie die Erde vom Mars. Hier zeigt sich ein ganz massiv verbreiteter Virus einmal mehr überdeutlich: die Aufschieberitits. Hinzu kommt, dass gerade die Studenten, die ihren B.A. an einer anderen Uni gemacht haben, einfach noch zu große Rückstände hinsichtlich der Befähigung zum selbstständigen und eigenverantwortlichen Arbeiten aufweisen. Dem Studenten Zhao geht die Kritik so unter die Haut, dass er während der Sitzung kurz raus muss. Einige Professoren haben Mitleid. Ich stimme der gestrengen Fachbereichsleiterin aber zu: ein plakativer Entwurf zu Walsers Romanen, der keinerlei inhaltliche Durchdringung des Themas erkennen lässt, ist dann doch zu wenig für einen Magisterstudenten.
Weihnachtsfeier Teil 1
Draußen regnet und stürmt es. Nachdem es gestern Abend ja ganz schön spät wurde, schlafe ich in Ruhe aus. Danach geht es ins Sprachlehrzentrum des Goethe-Instituts, das zu einer Weihnachtsfeier geladen hat. Ich sitze am Tisch mit einem Lehrer, der hervorragend Deutsch spricht, und vier Studenten, die besser in Englisch sind als in Deutsch. Frau Yi, die an einem anderen Tisch sitzt, beschere ich mit einem Buch. Dafür stellt sie mir in Aussicht, dass sie die überfälligen Bücher aus meiner Bibliothek bald zurückgeben wird. Adventslichter brennen und wir dürfen Papiersterne basteln, die dann an der Tafel des Unterrichtsraums aufgehängt werden. Der Weihnachtsmann kommt auch und hat sogar das „goldene Buch“ dabei, in dem die guten und schlechten Taten der Studenten aufgezeichnet sind. Mein Tischnachbar bekommt Stress wegen mangelnder Hausaufgaben, andere tadelt der Mann in Rot wegen der Verwendung eines Mobiltelefons während des Unterrichts. Die Leiterin des Zentrums wird gerügt, weil der Weihnachtsmann erfahren hat, dass sie nachts zu viel arbeitet. Aber es gibt dennoch Geschenke. „Stille Nacht“ und „O du fröhliche“ singen wir gleich zweimal, weil es im Liederheft nur vier Lieder gibt. Dabei sollten die Deutschen doch wissen, dass die Chinesen Singen lieben.
Kara-OK
Danyu, die exzentrische Künstlerin mit den manisch-depressiven Attacken, hat sich in den Kopf gesetzt, dass sie mich heute Abend zum Dank für ein Empfehlungsschreiben an eine amerikanische Theologie-Fakultät ins Restaurant einlädt, und meistens setzt sie ja ihren Kopf durch. Das gilt auch für die Idee mit dem Ausflug in eine Karaoke-Bar, von der sie zuvor gesprochen und von der ich insgeheim gehofft hatte, sie hätte das irgendwie vergessen. Diese Karaoke-Bars sind aber eigentlich gar keine Bars, sondern Parzellen oder meinetwegen auch Gummizellen, in denen man seine ganz privaten Partys feiern kann, was nebenan in einer größeren Zelle lautstark geschieht. Vor bequemen Sitzmöbeln steht ein großer Fernseher und daneben eine Art Computer, an dem man die Lieder, die man singen möchte, programmieren kann wie bei einer Musik-Box. Danyu trällert ein Lied nach dem anderen in das Mikrofon, das ständig übersteuert und die Lautsprecher gequälte Geräusche absondern lässt. Ab und zu ist mal ein englisches Lied dabei, daran darf ich mich dann versuchen. Ansonsten vergisst sie mal wieder Zeit und Raum und muss am Ende, so gegen ein Uhr, nach draußen und in den Fahrstuhl geschleift werden, weil für mich längst Kara-k.o. statt Kara-o.k. gilt. Im Fahrstuhl fällt sie mir schließlich um den Hals und draußen bricht sie in Tränen aus, weil sie sich von mir zurückgewiesen fühlt. Ich fühle mich maßlos überfordert.
Adventssingen
Mein ehemaliger Mitschüler Karl und seine Frau haben zum Adventssingen geladen. Ich nehme Bus Nr. 97 vom Bahnhof und memoriere den Namen der Station Yanmin Shanzhuang, den Karl mir genannt hat, damit ich den Ort, wo ich aussteigen muss, auch ja nicht verpasse. Da! Schon höre ich die Stimme im Bus „Yanmin Shanzhuang“ sagen. Schnell zum Ausstieg! Aber als der Bus hält, hört sich der Stationsname auf einmal anders an und ich steige lieber nicht aus. Denn bestimmt habe ich mir in der Nervosität nur eingebildet, dass die Stimme „Yanmin Shanzhuang“ gesagt hat, und in Wirklichkeit hat sie etwas ganz anderes gesagt. Bald wird mir klar, dass da mal wieder was schief gelaufen ist, und zwar, als plötzlich alles aussteigt und ich mit dem Fahrer allein im Bus zurückbleibe. Wenig später stehe ich in einer verlassenen Stadtrandgegend allein an einer Haltestelle, die definitiv nicht Yanmin Shanzhuang heißt und auch nicht mehr Ähnlichkeit mit Karls Kolonie hat als der Mond mit der Erde, und warte auf den ersten Bus, der in die Gegenrichtung fährt. Auch auf der Gegentour hält der Bus nur eine Station nach Yanmin Shanzhuang und ich muss noch mal 15 Minuten laufen. Es ist wie verhext. Und das am 2. Advent!
In Karls und Charlottes Ausländer-Siedlung sehen natürlich alle Häuser und Straßen gleich aus. Sie heißen auch alle gleich. Alles Gärten: Hui Jin Garden, Qi Fu Garden, Renmin Garden! Mein Gedächtnis lässt mich im Stich. Ich war im Mai zuletzt hier, aber damals wurde ich gefahren. Die Bauarbeiter, die ich frage, haben auch keine Ahnung und schicken mich in eine Sackgasse. Schließlich rufe ich Karl mit dem Mobiltelefon an, was ich nur höchst ungern tue. Im Hintergrund ertönt bereits lautes vorweihnachtliches Singen. Am Ende liest Karl mich auf der Straße auf und ich kann zusammen mit einem guten Dutzend Deutscher, die ihr eigenes Kulturgut wiederentdecken in „Vom Himmel hoch“ mit einstimmen. Und anschließend gibt es – Karl hatte nämlich kürzlich einen Termin in der Heimat – Lebkuchen und Mandelspekulatius (nicht die billigen von Aldi)! Gegen halb neun fährt mich der alte Schulfreund dann sicherheitshalber höchstpersönlich zum Bahnhof.
EU-China-Gipfel blockiert Christen in Nanjing
Wegen der Hitze im Express-Zug von Peking bin ich so gerädert, dass ich mich zu Hause erst mal ins Bett hauen muss. Dabei wäre heute die Chance gewesen, endlich mal pünktlich zum GoDi zu erscheinen. Daraus wird aber doppelt und dreifach nichts. Denn nachdem ich mich endlich gequält erhoben und mit Bus Nr. 100 zum Hotel Ramada begeben habe, finde ich lediglich Lydie, die Gabunerin aus meinem Hauskreis, vor, die überall im fünften Stock, wo wir uns sonst treffen, Hinweise plakatiert, dass wir uns leider heute woanders treffen. Grund ist der EU-China-Gipfel mit Barroso und Co. Dass die sich ausgerechnet hier treffen müssen!... Mit Bus Nr. 100 fahre ich zurück, aber der hält erst in Xinjiekou, so dass ich einen Kilometer wieder zurücklaufen muss. Da ist der GoDi dann auch schon halb vorbei. Das hat man von einer EU, die auf den Gottesbezug in der Verfassung verzichtet: keinen Respekt vor den wirklich wichtigen Gipfeltreffen!
Advents-Botschaft
Die Tagung ist vorbei, ich sitze in der Lobby des vornehmen Peking-Hotel an jener U-Bahn-Haltestelle, zu der Liu Chao mich bestellt hat, an der ich aber nicht lange rumstehen und frieren wollte. In der Lobby des Vorzeigerestaurants mit einer Eingangshalle so lang wie ein Schwimmbad steht sie dann plötzlich hinter mir. Ich habe ihr versprochen, dass sie mich einladen darf und ich ihr das Portmonee leer esse, weil sie im April in meiner Wohnung alle meine Joghurts verspeist hat. Naja, ganz setze ich das nicht in die Tat um. Anschließend will Liu Chao unbedingt in die Botschaft, denn auf deren Gelände findet ein Weihnachtsbasar mit Chorsängern in langen Kutten und vielen typischen Weihnachtsmarktständen – Verkauf für einen guten Zweck, klar – statt und ihre Firma, Siemens Hochgeschwindigkeitzüge, ist natürlich auch mit ein paar Mitarbeitern vertreten. So lerne ich am Nachmittag ihren neuen Chef kennen. Auch Andreas und Katja, den Pekinger Kollegen, laufe ich über den Weg. Dabei waren wir beide erst vor vier Tagen Gäste der Botschaft, bei einem eigens für die Konferenzteilnehmer organisierten Empfang. Mit Mühe kann ich Liu Chao ausreden, dass ich ihr einen Adventskranz kaufe, dafür muss ich ihr aber Baumkuchen und Adventsschokolade spendieren, denn ich habe die Schokolade aus Deutschland, die ich ihr versprochen hatte, in Nanjing vergessen. Liu Chao kauft auf meine Empfehlung noch ein Reader's Digest Auswahlbuch, weil die so gut verdaulich sind, und danach wandern wir zu Fuß die lange Allee entlang, an der die Botschaft liegt, bis wir an einer U-Bahn-Station stranden. Dort sagen wir tschüs. Sie fährt nach Tangshan zurück, ich ins Hotel, lese noch etwas und breche dann auf zum nagelneuen Pekinger Südbahnhof, wo es statt Bahnsteigen Terminals gibt und damit die Gemeinsamkeiten mit einem Flughafen noch lange nicht enden. Dafür ende ich: im total überhitzten Erste-Klasse-Schlafwagenabteil des Schnellzugs nach Nanjing. Da Liu Chao mich kennt, muss ich ihr eine SMS senden, sobald der Zug sich in Bewegung gesetzt hat. Nach dem Tropenaufenthalt in der Vier-Mann-Kabine werde ich morgen, am 1. Advent, früh um 6 total unausgeruht in Nanjing eintreffen.
Schnappi, das kleine Krokodil
Albert geht's nicht so gut. Er konnte ca. eine halbe Stunde vor Beginn des Abschlussbanketts nicht widerstehen und hat sich auf der Straße einen Fleischspieß gekauft. Jetzt ist ihm nicht mehr so nach Essen. Er legt sich mit Magenbeschwerden ins Bett. Nach dem Essen beschließen Alberts muntere Kollegin Ursula sowie Julia, Festplatten-Frank aus Chongqing und andere, denen nicht nach Nachtklub oder Tanzlokal zumute ist, dass wir den Abend in irgendeiner kleinen Klitsche mit einer großen Kniffel- und Uno-Spielrunde ausklingen lassen. Erst muss ich aber überredet werden, dass das eine gute Idee ist. Kneipen notorisch abhold wollte ich nämlich lieber in der Hotel-Lobby bleiben, statt andernorts fremden Nikotinqualm zu inhalieren. Als ich Festplatten-Frank nach fünfzehn Minuten Wanderung durch die Eiseskälte von Peking bereits damit in den Ohren liege, dass ich gleich umkehren werde, stoßen wir in Uni-Nähe auf ein Eckchen wie für uns gemacht. Der kleine Schuppen mit nur drei, vier Tischen ist tatsächlich auf Spielabende spezialisiert und die Betreiber schauen uns so gebannt zu, dass sie ganz vergessen uns nach unseren Bestellungen zu fragen. Eine bildschöne Aushilfskellnerin sorgt dann doch noch für die Bedienung. Ursulas heiße Schokolade erweist sich jedoch als Flop: Sie wurde mit Wasser statt mit Milch zubereitet. Zuvor hat die schöne Kellnerin im Kneipen-Computer bereits so zielsicher nach deutschem Liedgut gefahndet, dass nun „Schni-schna-Schnappi, das kleine Krokodil“ unsere Ohren betäubt. „Oh“, rufe ich auf Chinesisch den Leuten am Tresen zu, „ein deutsches Lied!“ und wirke dabei so was von begeistert. Meine Mitspieler werden mich dafür noch mit Blicken zu töten versuchen, denn ab sofort läuft Schnappi als Endlosschleife. Mir egal, ich habe eine Glückssträhne. Nach dem Kniffel-Minusrekord vor zwei Tagen auch überfällig! Schließlich findet die Kellnerin mit den guten Internet-Kenntnissen auch noch ein Lied von Rammstein. Da war Schnappi ja fast noch besser! Am Ende lassen wir sie noch einige Runden Uno mitspielen. Sie scheint die Regeln allein durch ihr augenfällig neugieriges Zusehen gelernt zu haben.
Als wir nach Mitternacht am verriegelten Südtor erscheinen, entschließe ich mich zum Sprung über den Zaun und bin etwas früher im Bett als der Rest, der lieber einen Umweg macht. Alberts Magen hat sich unterdessen gut erholt und die Korrektur vieler Klausuren zugelassen.
Schnecken in pikanter Soße
Das Mittagessen lasse ich immer ausfallen. Meinem Dehn- und Streckmagen reicht ja eine üppige Mahlzeit am Tag. Ursula, die zweite Konferenzteilnehmerin aus meiner früheren Uni YUST, macht sich schon Sorgen. Dazu ist kein Grund. Nachdem ich gestern mit ihrem Chef bin ich heute mit Christina und Silvia alias Chunji (siehe sin-o-meter-Eintrag vom 5. Oktober) verabredet. Ich bin fast pünktlich, doch an der riesigen U-Bahnstation Xidan verliere ich die Orientierung. Chunji ist am Mobiltelefon und eigentlich weiß ich auch, wo sie steht, aber nachts sind bekanntlich alle Straßen grau. Und irgendwie muss eine von den vier Fußgängerbrücken hier über der Hauptstraße neu sein. Ich bin dann doch noch halbwegs pünktlich, das ist auch gut so. Denn Chunji war die letzten vier Tage krank, da soll man ja nicht so lange in der Kälte herumstehen.Christina hat ein vornehmes Restaurant in der Nähe ausgesucht und da trudeln wir dann via Fahrstuhl ein. Christina diagnostiziert mir mit dem ihr eigenen Charme, dass die Jahre nicht spurlos an mir vorüber gegangen seien, seit ich sie bei ihrer Abschlussfeier 2004 zum letzten Mal gesehen habe. Sie selbst sieht besser aus denn je, damenhafter, das Kassengestell von eins ist einer Designer-Brille gewichen (soweit ich das beurteilen kann). Und Heiratspläne haben beide auch schon, also nicht nur Heiratspläne, sondern auch den dazu passenden Mann: Nächstes Jahr und übernächstes Jahr soll geheiratet werden. Sogar ein Wohnungskauf in der Nähe der neuen U-Bahn ist bei Christina schon so gut wie unter Dach und Fach. Der Mann scheint eine gute Partie zu sein: „Er behandelt mich gut“, erklärt Christina mit Silberblick. Also, die teurere Brille und die elegantere Kleidung scheinen gewirkt zu haben. Christina gelingt es dank ihrer Beredsamkeit sogar, mich dazu zu bewegen, eine der Schnecken zu probieren, die sie mir als Köstlichkeit anpreist und die sie vor meinen Augen geschickt mit einer Spezialzange aus dem Häuschen holt, dann in zwei Teile zerfetzt - den unteren, schwarzen Teil (das sind wohl die Gedärme), den könne man nicht essen - und dann eine nach der anderen genüsslich verspeist. Chunjji und ich ahmen also die geschickten Handgriffe nach und probieren auch eine Schnecke, aber es bleibt dann auch bei der jeweils einen. Nebenbei lerne ich das Idiom "man de xiang woniu yiyang" ("lahm wie eine Schnecke") und so esse ich auch. Das Tier schmeckt eigentlich nur nach der Sauce, in der es an- bzw. zu- oder auch hingerichtet wurde.
Verschüttgegangen
Am dritten Tag der Konferenz ist Ausflugszeit: Ein Bus bringt uns Hochschullehrer erst zu geheimnisvollen Eunuchen-Gräbern der Ming-Dynastie, in denen aber keiner mehr liegt, dafür liegt eine Mumie im musealen Ausstellungsraum nebenan, die zwar nicht so gut erhalten ist wie Mao, der vor allem besser gekämmt ist, aber die Zähne sind noch ganz gut. Es ist eines der älteren Viertel, in denen wir bei frostigen Temperaturen unterwegs sind (unten im Grab war's wärmer). Es sieht so aus, „wie man sich China eigentlich vorstellt“, bemerkt einer der Kollegen treffend. Es geht zu Fuß in einen Tempel, der einen Steinwurf entfernt liegt. Ich unterhalte mich unterwegs mit Julia, die als Deutsch-Lektorin im Auftrag der Bosch-Stiftung in Guilin tätig ist, dem Tor zu den legendären Karst-Bergen im Süden. Eigentlich wollte sie ja Polizistin werden, weil das im Fernsehen immer cool rüberkommt, aber das habe ihr Vater ihr so lange madig gemacht, bis sie nun Deutsch-Lehrerin geworden sei. Der Papa ist aber immer noch unzufrieden, denn das sei ja auch nichts Richtiges. Dafür ist sie verheiratet, aber ihr Mann ist momentan nicht da. Als wir an der Mauer des höchsten Pavillons der Anlage stehen, sehen wir nichts von der Stadt unter uns. Alles liegt hinter grauer Nebelsuppe. Beim Abstieg zeige ich der Kollegin Claudia, die auf der Konferenz mehrfach durch laute Zwischenrufe auffällig geworden ist, rasch das Klo. Ich selbst bewundere das Hündchen, das davor liegt. Dann sind auf einmal alle weg. Und wir wissen nicht genau, wo der Bus steht. Also gehen wir erst mal so los. Ich erfahre, dass sich der Professor, der gestern über Herta Müller referiert hat, schon über ihren Zwischenruf beschwert hat, was ihr gar nicht behagt. Ich sage: „Du bist manchmal etwas undiplomatisch.“ Außerdem erfahre ich, dass Claudia mit sechs Fingern an einer Hand geboren wurde und der, als sie klein war, abgebunden wurde, bis er abfiel. Das scheint Claudia bis heute nicht ganz verkraftet zu haben oder dass ihre Mutter das nicht so gut verkraftet hat, hat sie nicht so gut verkraftet. Die hielt den Finger für ein böses Omen. Oder so. Jedenfalls frage ich jetzt erst mal bei einem Laden an der Ecke, ob man hier eine Horde Langnasen gesehen habe. Ein Obstverkäufer mit Wagen erinnert sich und weist die Richtung, aus der wir kamen. Aber Claudia scheint von dem Verlassenwordensein so traumatisiert zu sein, dass sie wieder Richtung Tempel gegangen ist. Ich entscheide, dass es klüger ist, jetzt erst mal Anschluss zu halten. Claudia holen wir dann später. Ich nehme meinen Tempo-1-Wanderschritt auf und stoße wenig später auf den Leiter der Konferenz, instruiere ihn kurz, gehe zurück und lese Claudia auf, die mich zum Schatz erklärt, weil sie gerade mit dem Telefon niemanden erreicht hat, und mir erst mal ein Stück Brot aus der kleinen Straßenbäckerei anbietet, neben der wir stehen. Ich als Pfadfinder, der die Ruhe bewahrt und die Lösung weiß. Das war mal was Neues!
Am Abend esse ich mit Albert in der Nähe der Renmin-Universität in einem vornehmen kantonesischen Restaurant mit vielen Tieren in großen Aquarien chinesische Nudeln. Unterbrochen wird der Abend nur von Alberts pflichtgemäßen Telefonat mit seiner koreanischen Frau, die zu Hause zwei kleine Kinder hat und sich mindestens so verloren fühlt wie Claudia vor ein paar Stunden. Albert enthüllt auch ein paar der Herausforderungen, die so eine interkulturelle Ehe mit sich bringt: Nachdem sie niedergekommen war, durfte die junge Mutter sich traditionellerweise einen Monat lang nicht waschen, worüber die hilfsweise angereiste Schwiegermama des Gatten eisern wachte. Sicher ist das nicht das Bild, das man vor Augen hat, wenn man jung und verliebt seiner koreanischen Freundin einen Antrag macht, vermute ich und bin ziemlich froh, dass mir so was nicht passieren kann.
Gleich rechts und dann die erste links!
Heute ist der erste Tag der Pekinger Konferenz für Deutschdozenten in China, organisiert vom Akademischen Austauschdienst. Ich reise mit dem Flugzeug an. Ich habe mir fest vorgenommen, diesmal gar nicht erst Hektik aufkommen zu lassen. Und vor allem werde ich mir in Zhonghuamen kein 100-Yuan-Taxi aufschwatzen lassen. Ich werde warten, bis das Sammeltaxi voll ist und werde nur die üblichen 25 Yuan bezahlen, obwohl ich eben an der Metro-Station auf der falschen Seite ausgestiegen und 15 Minuten in die falsche Richtung gelaufen bin. Ich schwitze trotz des leichten Gepäcks und habe jetzt nur 100 Minuten bis zum Abflug. Wann mein Flug gehe, fragt mich der Chauffeur. Ich weiß genau: Wenn ich jetzt die Abflugszeit um 16 Uhr nenne, macht der mich nervös und schwatzt mir den Direkt-Transfer für 100 Yuan auf. Also sage ich in gespielter Seelenruhe: „Ist noch Zeit!“, sitze fünfzehn weitere Minuten auf heißen Kohlen, bis sich endlich drei weitere Fahrgäste eingestellt haben, und dann hebt das Taxi zum Glück ab und mein Gepoker zahlt sich aus: Ich habe noch 45 Minuten bis zum Abflug und da ich kein Gepäck aufgebe, geht alles ganz schnell. In Peking nehme ich den Flughafenbus, steige richtig aus, gehe in die richtige Richtung und komme rechtzeitig zum Abendessen an. Dann geht aber doch noch was schief: Nachdem ich bei meinem Zimmerkollegen, dem YUST-Lehrer Albert, eingezogen bin, sind plötzlich unten in der Halle keine Leute mehr. Ein älterer Herr, Deutschlehrer in Ulan-Bator, hat dasselbe Problem; wir tun uns zusammen. Er hat eine Telefonnummer der Organisatoren. Leider ist eine Frau dran. Frauen können keine Wege beschreiben, es sei denn, sie haben überdurchschnittlich viele männliche Gene. Das zeigt sich auch diesmal wieder: Wir gehen in die total falsche Richtung, bis endlich Christopher, von der Pekinger Organisationsmannschaft der Konferenz, anruft und uns mit der Hälfte der Worte in die richtige Richtung lotst. Die Dame vom ersten Anruf war selbstkritisch genug, ihn unsere Nummer anrufen zu lassen. Unterwegs holen wir noch die Kollegin Choj aus Schanghai, eine junge Mutter mit Kinderwagen, und weitere Versprengte ein. Im Restaurant gibt es für uns Zu-spät-Kommer einen Extratisch. Da ist auch weniger blauer Dunst.
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