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Morgen, Kinder, wird's was geben...
Recht gut besucht ist die erste Weihnachtsfeier, zu der ich mich fröhlich einfinden darf, die des Goethe-Sprachlernzentrums. Im Vergleich zum Vorjahr ist es übervoll, die Luft steht. Ich sitze in der Nähe von Eva alias Chen Dong, meiner Studentin, die jetzt Praktikantin hier ist, und den beiden blonden deutschen Damen Kathi und Kathi - die große Kathi lehrt hochbegabte Studenten Deutsch in einem Sonderprogramm, die andere Kathi ist Studentin im Rahmen des Doppelmagisterstudiengangs Nanjing/Göttingen. Außerdem erschienen ist Meng Jie vom Jahrgang 08 mit Freund. Kathi, Kathi und Eva singen auch fröhlich im neu gegründeten Weihnachtschor mit. "Morgen, Kinder, wird’s was geben..." Aber der Weihnachtsmann kommt schon heute.
Auf dem Rückweg nach Hause ruft plötzlich jemand meinen Namen. Irritiert wende ich mich um und erblicke Karl, meinen Schulkameraden von der JFS. Er hat sich und seine Familie gerade zum Feuerzangenbowle-Abend kutschiert, der Fortsetzung der Weihnachtsfeier. Und ich? Da ja jeder meine Ansicht zu diesem alkoholischen Getränk kennt und ich meinerseits den Film schon kenne, gehe ich lieber nach Hause. Morgen sehe ich Karl sowieso wieder, denn auch in diesem Jahr findet bei ihm zu Hause das traditionelle Bodelschwingh'sche Adventsliedersingen statt. Morgen, Kinder, wird's was geben eben.
Durchgangsverkehr
Gleich zweimal ist heute mein Rat gefragt: Erst treffe ich mich im Babela's mit der Magisterstudentin Sun, die an einem Hochschulsommerkurs in Deutschland interessiert ist, und nach einer Stunde erscheint gleichsam als Ablöse Emilie, die zu meinen ersten Bekanntschaften in Nanjing zählt (sin-o-meter berichtete am 21. September 2008), sich Ende 2008 taufen ließ und sich nun beruflich verändern möchte, Studium in Deutschland nicht ausgeschlossen.
Ich glaub', ich geh' am Stock!
Ich dreh' noch mal durch! Jetzt renovieren sie auch noch die Straße! Ich muss mal wieder Alarm schlagen. Gegen 23 Uhr verlasse ich noch mal meine Wohnung und stehe vor den kolossalen Gräben auf der Guangzhou Lu. Die ganze Straße wird aufgerissen. Mit Presslufthämmern. Bei Nacht! Leider gebe es keine andere Möglichkeit, aber um drei Uhr sei Schluss, teilt mir einer Leute mit, die um das klaffende Loch in der Straße herumstehen. Na dann gute Nacht!
Das Monstrum
Ein grün verpacktes Ungetüm wächst vor meinen Augen, das heißt, auf dem Grundstück rechts von mir. Es wächst in die Höhe wie Moby Dick, kurz bevor er sich auf das Schiff von Käpt'n Ahab warf und mit sich in die Tiefe riss. Na, so weit wird es nicht kommen, aber die schöne Mittagssonne, die ich oft auf meinem Balkon genieße, verschwindet jetzt schon um kurz vor zwei hinter dem Koloss aus Beton und Stahl. Offenbar entsteht hier ein neuer Komplex des nahen Kinderkrankenhauses. An selber Stelle hatte ich (sin-o-meter berichtete) vor ein paar Wochen entnervt einen LKW-Schlüssel entwendet (inzwischen natürlich brav zurückgegeben).
Ein Krankenhaus, das Tag für Tag für so viel Lärm sorgt, dem gehen auch die Patienten sicher nie aus!
Schmerzhafte Enthüllungen
Nachdem ich gestern noch als Reiseführer tätig war und mit zwei Kolleginnen, Hongkong und Qingdao, die 480 Meter Zijin Shan übewunden habe, treffe ich mich heute mit der liebenswerten Österreicherin Katja, die mir in dieser Woche eine schmerzhafte Enthüllungsgeschichte offenbart hat (Details unterliegen der Schweigepflicht), zum Abendessen. Die Bosch-Lektorin ist jetzt in Peking tätig. Ein chinesischer Fotograf - weiß auch nicht, wo sie den wieder aufgetan hat - und zwei Kollegen von der Bosch-Stiftung, von denen eine Dienst in Changchun tut (und zwar an der gleichen Uni wie ein Yanjier Ex-Student von mir!), sind auch mit dabei. Anschließend schaue ich den wöchentlichen TATORT, den dieses Restaurant sonntags für seine deutschen Stammgäste anbietet. Katja & Co. müssen dagegen ab zum Flughafen.
Die Pulle
Ja, das hat mir wirklich gerade noch gefehlt: Die Konferenz endet, vor versammelter Runde werde ich nach vorne gebeten, aber ich habe gerade einen wichtigen Anruf. Moment... Plenum lacht. Dann kann ich also doch, werde nach vorne gebeten und soll synchron mit dem Chef aus Peking einen Klaren trinken. "Ist das Wasser?", frage ich. Und denke, als ich an den Schnapsgläsern schnuppere, jaha, denke ich, mich haben schon ganz andere Leute zum Akohohltrinken verführen wollen, und lasse alle Gläser stehen, während Peking sich stärkt und schüttelt. "Ich trinke so was ja gar nicht", erkläre ich, als mir die Dame, die 2008 das Konferenzdurchführungsmandat innehatte, mir die schick verpackte Pulle Reisschnaps als Abschlussgeschenk überreicht, "aber kann man ja weiterverschenken!"
Das Eisen schmieden
Ich hatte gerade mal wieder etwas in dem Hotel zu klären, für dessen Bettenbelegung mit den deutschen Gästen ich zuständig bin, und befinde mich auf dem Weg zu den Bussen, die selbige für einen Halbtagesausflug zu der berühmten Ming-Grabanlage und zum Sun-Yat-se-Mausoleum bringen sollen. Am Ausgang des Hotels, treffe ich meine Chefin, die gerade ihr Fahrrad aufschließt. Ich weiß, dass das jetzt die Gelegenheit ist, auch noch das fünfte Jahr unter Dach und Fach zu bringen. Denn man muss bekanntlich das Eisen schmieden, solange es heiß ist, und bisher hab.e ich ja nur eine Zusage für das vor mir liegende Studienjahr. Also erkläre ich, dass es erheblich sinnvoller wäre, wenn die Nanda mir jetzt zwei Jahre zusichern würde, weil ich nach Beginn des nächsten Studienjahres, "wenn ihr mich dann wieder ausschreibt", ja nicht mehr auf eine andere Universität wechseln könnte, wohingegen das jetzt noch (für die Dauer von zwei Studienjahren) ginge. Mit anderen Worten: Wenn Nanjing mir jetzt nur ein Jahr zu bieten hat, wechsele ich lieber. Was ich denn meine, fragt sie mich, während sie ihr Rad schiebt und ich nebenher gehe. Ich wolle auf jeden Fall bleiben, erwidere ich, solange es geht. Na gut, willigt sie ein, sie glaube, das werde schon gehen, auch für zwei weiter Jahre, und fügt, typisch chinesisch, hinzu: "Dann hoffen wir auf weitere Leistungssteigerung!"
Ferngespräch
Professorin Chang, die gesehen hat, dass ich für ihre Kollegin Kong wie verrückt Lehrbücher zum wissenschaftlichen Arbeiten (in Nanjing publiziert) an die Konferenzteilnehmer verkaufe, will nun ihre "Syntaktischen Phönomene" auch noch an den Mann bringen. Aber alles, was ich momentan anfasse, wird zu Gold: Selbst das teure Fachbuch verkauft sich wie warme Semmeln! Als würde ich nicht während der Konferenz wegen solcher Sonderaktionen sowieso ständig von Pontius zu Pilatus gehetzt, durch Telefonanrufe fortwährend aus dem Saal beordert, von Professor Chang zum Marktschreier degradiert, ruft nun auch noch Danyu, die exzentrische Autorin, neuerdings Studentin an einer katholischen Theologie-Uni, aus Chicago an. Sie hat wieder Stress mit ihrem Ex-Freund. Der hat 'ne Neue. Und die ist hässlich. Wie kann er nur. Und der Mann, den sie heiraten will, aber nie gesehen hat, ist krank und in Malaysia oder war krank und ist jetzt in Malaysia. Und ich muss mir den ganzen Ärger jetzt in seelsorgerlicher Attitüde anhören. Na gut, sieht aus wie'n wichiges Gespräch und ich kann mal bisschen Pause im Foyer machen...
Mal Pech, mal Glück

Heute ist zweifellos mein persönlicher Höhepunkt auf der Lektorenkonferenz, die mich nun schon den fünften Tag in Atem hält. Es beginnt damit, dass ich die elf Bücherkartons, die die letzten Tage bei mir eingetrudelt sind, aus dem Zwischenlager, meiner kleinen Bibliothek, zu holen habe. Gestern Abend habe ich meine Chefin um studentische Hilfskräfte gebeten, doch die hätten Unterricht, wiegelt sie ab, ich solle mich doch um junge, schlagkräftige Konferenzkollegen bemühen. Der Konferenzkollege, der die Bücher verwaltet, und ein weiterer Kollege haben sich bereit erklärt zu helfen, doch keiner ist um halb neun wie verabredet da. Ich habe mir ein Transportgerät reservieren lassen: so einen alten Drahtesel mit integriertem Handkarren. Ich fühle mich darauf wie ein Intellektueller nach der Landverschickung während der Kulturrevolution. Das Ding hat nicht genug Luft, ist verzogen und steuert sich, als würde jemand ständig versuchen, mich von links vom Sattel zu schubsen, einmal wäre ich fast in der Hecke gelandet. Dann der Schock: Zum ersten Mal, seit ich in dieser Stadt lebe, ist der Zugang zu meiner Bibliothek blockiert, weil ausgerechnet heute, am einzigen von 365 Tagen, an dem ich schwere Sachen aus der Bibliothek zu holen habe, die Bauarbeiter ihr Gerüst abbauen mussten. Der kleine Weg an der Stirnseite des Gebäudes, wo sich der Eingang zu meiner Bibliothek befindet, ist vollgepackt mit Dutzenden von Bambuslatten, über die man nur stolpern, nicht gehen kann. Ich suche entnervt nach den Bauarbeitern und versuche mit dem einen, den ich finde, das Problem zu klären. Er kann zwar nichts machen, aber erklärt sich wenigstens insoweit solidarisch, dass er mir beim Schleppen der Kisten über Rasen und durch Hecken behilflich ist. Dreimal schwinge ich mich auf den Drahtesel und fahre die rund 400 Meter zwischen Bibliothek und Tagungsgebäude hin und her. Dort nimmt mir zum Glück der für die Bücher zuständige Kollege die kostbare Fracht ab, sodass ich sie nicht auch noch die Treppen hoch schleppen muss!
Zwischen Vormittagsplenum und Fototermin (Ergebnis: siehe oben), nur eine gute Stunde, haben die Verantwortlichen ein wichtiges gemeinsames Mittagessen geschoben. Herr Hase-B. aus Peking, oberster Dienstherr aller Lehrkräfte in meinem Austauschprogramm, hat darauf bestanden, dass ich dabei bin, aus gutem Grund.
Beim Mittagessen in elitärer Runde (meine Pekinger Chefs vom Akademischen Austauschdienst treffen meine Nanjinger Chefs inklusive des Vizechefs des Fachbereichs Fremdsprachen) lässt er nämlich die Bombe platzen: "Ich muss dann noch mal eine Sache ansprechen, die ja auch unseren Kollegen hier betrifft. Wir haben für die neu ausgeschriebenen Stellen zu wenig Bewerber und für Nanjing haben wir gar keinen!" Kannstecknadelfallenhörenstille. Ich sitze mit Pokerface vor meinen Leckereien und wühle mit den Stäbchen darin herum. In diesem Moment weiß ich, dass ich das Spiel gewonnen habe, denn meine Chefin hat mir schon vorab per E-Mail mitgeteilt, dass sie mich "als besten Kandidaten" behalten würde, im Klartext: wenn sich kein besserer Kandidat finden sollte.
Genau diese Situation ist jetzt eingetreten. Fußballfans können sich in etwa vorstellen, wie ich mich fühle: wie nach einem verwandelten Elfmeter zum 1:0 in der fünften Minute der Nachspielzeit. Meine Chefin bemüht sich um die angemessene Fassung und fragt zunächst, wie das denn komme. Das sei doch sonst nicht so. Hase-B.: Das wisse er auch nicht, das sei ganz ungewohnt. So wenig Bewerber wie in diesem Jahr habe es in seiner Dienstzeit noch nie gegeben. Darauf meine Chefin zu mir: "Tja, ich glaube, du kannst heute Nacht gut schlafen!" Dann lacht sie ihr immer etwas künstlich wirkendes Lachen und fügt hinzu: "Wir haben ja mit unserem Kollegen keine Probleme." Neben mir sitzt die Vizeleiterin des Fachbereichs und hält mir vor, was für ein Glück ich doch hätte.
Ich denke: Wer hier wohl Glück gehabt hat. Wenn ich mich vor vier Wochen entschieden hätte, nach Peking zu wechseln, stündet ihr jetzt ohne Lektor da! Aber ich sage nur: "Jeder hat im Leben mal Glück!" Nur kurz wandern meine Gedanken dabei ab zu den Palisaden heute Morgen vor meiner Bibliothek.
Ein Sack Flöhe
Einmal im Jahr treffen sich die Deutschen, die als Lehrkräfte an chinesischen Universitäten tätig sind, zu einer einwöchigen Tagung. Da sieht man zum Beispiel, wie in diesem Jahr, Filmausschnitte zu Filmen über das Massaker der Japaner in Nanjing 1937 und vergleicht "John Rabe" (Deutschland) mit "Nanjing, Nanjing" (China) oder lernt das Leben eines Deutsch-Lehrers an den Unis in Pjöngjang oder Ulan-Bator kennen. Das ist eine schöne Sache, solange man nicht derjenige unter allen Teilnehmern ist, der für die Ausrichtung der Konferenz zuständig ist, weil sie an seiner Universität zu Gast ist. Genau dieses Schicksal hat mich, nicht ganz unvorbereitet, im Sommer ereilt, als die Pekinger Außenstelle mich anrief und mir selbiges Ehrenamt antrug. Damals sagte ich ganz unbedarft: "Andere haben das stemmen können, warum sollte ich das nicht auch können?" Denn noch ahnte ich nicht, was ich jetzt weiß: dass ich zum Kindergärtner mutieren würde. Denn nur Kinder wissen nicht, was Flughafen auf Chinesisch heißt, nachdem sie schon zwei Jahre in der Volksrepublik leben, wie man alleine einen Computerladen findet, ohne reingetragen zu werden, wie man herausfindet, ob ein Museum geschlossen oder offen ist, dass man einen Pass dabei haben muss, wenn man in einer anderen Stadt in einem Hotel übernachten möchte, dass das Nichtvorhandensein eines solchen Passes unvorhergesehenen Stress für die Organisatoren, in dem Fall mich und meine Chefin vom Deutsch-Institut, bedeutet, dass es nervt, mitten im Konferenztrubel mal schnell ein Namensschild neu anfertigen zu lassen, auf dem der Dr.-Titel fehlt, und dass es schwierig wird, wenn man bei der Anmeldung angibt: "Ich möchte mit Karolina aus Ningbo in einem Zimmer liegen, wenn die Betreffende in Wirklichkeit Caroline heißt, sogar auch einen Nachnamen hat und auf ihrer Anmeldung eine zweite Wunsch-Zimmergenossin angegeben hat. Und ich soll dann all die Probleme, vor denen die Kinderchen plötzlich stehen, im Handumdrehen lösen.
Und dann war da noch die Geschichte mit den Stadtplänen und den Taschen: Die Stadtpläne waren eine geniale Idee der Abteilungsleitung: Zusammen mit einem Stift, Heft und einer Broschüre wurden die gestern in eine braune Stofftasche mit der Aufschrift "Nanjing University" gepackt und jeder Gast bekommt zum Tagungsbeginn eine geschenkt. Nur - Tadaa! Überraschung! - die hundert Exemplare Stadtplan sind oben im Lehrerzimmer ungefaltet angeliefert worden. Und wer darf die jetzt mal schnell falten? Zum Glück sind Feiqian, Yifu und Xiaoqi zum Hilfsdienst eingeteilt. Doch gestern Abend – Tadaa!! Überraschung! – fällt der Chefin plötzlich ein, dass die brauen Stofftaschen ja viel zu hässlich sind. Wir nehmen doch lieber die blauen aus Hochglanzpapier! Sehen doch schöner aus! Und wer darf die Sachen jetzt mal eben schnell hundert Mal umpacken und wer hat momentan bestimmt gerade Langeweile? Vielen Dank auch!
Auswahl mit Hindernissen
Es ist schon eine bekannte Übung: Alljährlich reise ich mit der Vizechefin des Instituts zur Auswahl von zwei Schülern, die auf der Nanjinger Fremdsprachenmittelschule Deutsch lernen, um sie für die direkte Zulassung an unsere Universität auszuwählen. Ich habe dazu mal wieder eine etwas zu schwere Prüfung entworfen (die die Kollegin Frau Chen noch rasch entschärft hat). Ansonsten ist alles wie üblich: Wir bekommen im Lehrerzimmer Früchte, Süßigkeiten und einen Geldumschlag zugesteckt.
Höhepunkt der Dienstreise wird das Wiedersehen mit der 06-Studentin Xiaoshi, eben noch Studentin bei uns, jetzt Deutsch-Lehrerin an dieser Schule und ausgestattet mit einem besseren Gehalt als ihre einstigen Professoren, wie Frau Chen mit bittersüßem Lächeln bemerkt. Stolz gewährt die Absolventin uns Einlass in ihr neues Tätigkeitsfeld: einen Klassenraum mit vielen netten Bildern und Postern aus und über Deutschland an der Wand.
Etwas sonderbar ist, dass sich später herausstellt, dass die von uns ausgewählten Kandidaten der Schule nicht in den Kram passen. Der bessere Notendurchschnitt mindestens einer von uns nicht ausgewählten Kandidatin erlaube es nicht, sie zu übergehen, so die Sprachregelung. Das riecht verdächtig nach Kungelei. Denn wozu denn überhaupt diese unabhängige Prüfung durch externe Experten, wenn am Ende doch der Notendurchschnitt ausschlaggebend ist?!
Kapitän und Künstler
Ein bisschen Andy-Morgan-Romantik weht durch den Hörsaal des Sprachlehrgebäudes unserer Uni, als Hervé Claeyssen unter dem Titel "Carnets de Voyages" von seinen Reisen als Handelsschiffskapitän berichtet: auf die Antillen, nach Afrika und schließlich auch an chinesische Gestade, die es ihm besonders angetan haben. Er präsentiert zur Illustration seiner 32 Jahre auf hoher See, die ihn von einem bürgerlichen Leben mit Frau und Familie abgehalten haben, selbst gemalte Bilder, Aquarelle und Skizzen. Alles in französischer Sprache. Denn die Veranstaltung hat mein Kollege Alain von der Französisch-Abteilung anberaumt, mit dem ich jetzt regelmäßig montags Tennis spiele. Und Käpf'n Claeyssen ist auch nicht zufällig hier, er ist nämlich Alains Onkel und stammt aus dem gleichen kleinen Küstenort in Nordwestfrankreich unweit von Dünkirchen. Neben mir in der letzten Reihe sitzt der Dekan der Französisch-Abteilung, der natürlich mitten in der Veranstaltung einen Anruf auf dem Mobiltelefon beantworten muss, so dass ich von dem Kommentar zum Dia-Vortrag nur noch die Hälfte verstehe. Aber wenn einer in China keine Rücksicht nehmen muss, dann sind es Chefs.
Welcome back, Mr. Zhou!

Cathy lacht sich halb tot, als sie mich nach der Party mit Mr. Zhou am Arm auf dem Weg zum Taxi sieht. Ich als Altenpfleger, das passt ja gar nicht, gibt sie mir zu verstehen. Ich muss zugeben, ganz wohl fühle ich mich in dieser Rolle tatsächlich nicht. Wie bin ich noch mal in diese merkwürdige Lage hineingeraten? Michael, das einundsiebzigjährige, zweimal (bald dreimal) geschiedene englische Party-Wunder, hat wieder mal zu einer seiner legendären Partys eingeladen. Meine Zusage hat er mit der telefonisch vorgetragenen Bitte verknüpft, doch bitte den 83-jährigen Mr. Zhou mitzubringen – per Taxi. Dabei mag ich Taxis gar nicht.
Ich drücke also vor dem Campus dem Taxifahrer den Zettel mit den beiden Telefonnummern von Mr. Zhou in die Hand und er soll das mal regleln. Zwanzig Minuten später deutet er auf die Gestalt eines älteren Mannes am Straßenrand. Ich erkenne Mr. Zhou nach über einem Jahr kaum wieder. Und erst jetzt, da ich ihn begrüße und er mich bittet, langsam zu machen, wird mir klar, dass Mr. Zhou seit einem Schlaganfall vor ein paar Jahren halbseitig gelähmt ist. Aber klar im Kopf! Gemeinsam trudeln wir mit einstündiger Verspätung am Blue Gulf ein. Außer Cathy alias Jiakun ist auch die kleine Li alias Jianqing mit ihrer besten Freundin zugegen, die ich eingeladen hatte. Außerdem lerne ich an diesem Abend noch einen merkwürdigen Medizinstudenten mit dem Künstlernamen Murruy Novak kennen (1. Foto links), der gern Tennis spielt, aber aus Schwäche keinen einzigen Stopball erläuft, wie ich erst später zu meinem Leidwesen herausfinden werde, und "Floria" alias Liu Meng (2. Foto rechts). Die in schicke Klamotten gehüllte Design-Studentin an der Nanjinger Universität für Holzwirtschaft bietet mir auch gleich spontan ihre Freundschaft an. "I want to make friends with you!"

Natürlich liefere ich Mr. Zhou, übrigens bekennender Atheist, auch ordnungsgemäß wieder zu Hause ab und versuche ihm unterwegs unter Verwendung eines ihm von mir überreichten Johannes-Evangeliums in chinesischer Sprache klar zu machen, dass er sich die Sache mit Gott noch mal überlegen solle, alt genug sei er ja. "God gives you a chance to think it over!", doziere ich. Von Mr. Zhous Wohnung aus gehe ich dann zu Fuß am Fluß Qinhuai entlang nach Hause.

Die kleine Li wird mir später von mehrdeutigen Einladungen (und dem von ihr erkannten Bösen im Auge) anderer Gäste berichten und Novak wird sich später, nach zwei Verabredungen zum Tennis auf dem Uni-Campus Xianlin, als offenbar bisexuelle Nervensäge entpuppen, die sich gelegentlich in anrüchigen Schanghaier Clubs um stimmungssteigernde Begegnungen bemüht und flüchtige Bekannte mit indiskreten Fragen nervt. Weitere Details muss ich hier leider aussparen. Michaels Partys sind auch nicht mehr das, was sie mal waren...
"Was ist denn mit Ihrem Auge?"
Nach dem Unterricht treffe ich vor dem Lehrgebäude Yinyin und Yifu. Sie haben leichtes Reisegepäck dabei, sie reisen jetzt gleich nämlich ins schöne Hangzhou, wo dieses Jahr der alljährliche Redewettbewerb für chinesische Deutsch-Studenten stattfindet. Leider gewinnen immer Pekinger oder Schanghaier Unis und ich darf vorwegnehmen: Trotz Achtungserfolg und Sonderpreis für Yinyins Aussprache wird sich daran auch dieses Jahr nichts ändern.
"Was ist denn mit Ihrem Auge?", fragt einer der beiden. Das Weiße im linken Auge ist nämlich heute mal rot. Das erklärt sich wie folgt: Gestern habe ich mitten auf dem Zebrastreifen der Hauptstraße einen Autofahrer fast aus dem Auto gezerrt, jedenfalls die ganze Straße zusammengeschrien (guckten schon alle), weil die Chinesen ja immer über Zebrastreifen rüberbrettern wie nix. Er hat erst mal reichlich rumgehupt und dann reichlich spät, quasi an meiner Kniescheibe, gebremst, woraufhin ich mich demonstrativ vor sein Auto gestellt habe und versuchsweise auf seine Motorhaube gestiegen bin. Dann bin ich zur Fahrertür - ein dicker Neureicher mit Familie an Bord. Habe ich die Tür geöffnet oder er? Ich weiß es nicht mehr so genau! Aber mir geht dieses Verhalten schon lange auf den Wecker: In China haben ja Autofahrer immer Recht. Hast du Knete, hast du Auto, hast du Auto, bist du King Ralph! Wofür denn dieses Zeichen da sei, was das denn für einen Sinn habe, erkundigte ich mich auf einem Lautstärkepegel weit im roten Übersteuerungsbereich (wie in China üblich) und deutete dabei mit den Fingern einer Hand wechselweise auf die Streifen auf dem Asphalt und auf die Augen in meinem Gesicht. Am Anfang wollte der Fahrer noch was sagen, ich habe ihn aber nicht zu Wort kommen lassen. Nachher war er völlig verstört. Tat mir schon fast wieder leid. Leider habe ich mir bei der Aufregung mit dem Finger selber ins Auge gestochen. Den Studenten erzähle ich mal lieber die harmlosere Variante.
Weiß nicht, mein Nevenkostüm war auch schon mal besser.
Vom Grill auf die Bowlingbahn
Ein gewisser Jeri, "Erziehungsberater", hat meinen Tennispartner Peter auf eine Grillparty eingeladen. Peter hat die Einladung an mich weitergeleitet, aber am frühen Nachmittag beginnt es zu regnen. Peter meldet sich per Telefon, er sagt, er habe in dem Park, wo der Grill angeschmissen werden sollte, niemanden angetroffen und wisse auch nicht, wo die alle hin sind. Er schlägt vor, gemeinsam mit einem Freund eine Bowlingbahn südlich vom Wutaishan-Stadion, wo ich immer joggen gehe, anzusteuern. Ich zögere, denn nachdem ich bei meinem letzten Auftritt auf einer Bowlingbahn anno 2005 in Yanji dank einer erstaunlichen Glücksträhne Studenten und Kollegen in Grund und Boden gebowlt hatte, nahm ich mir vor, auf diesem Höhepunkt meine Bowlingkarriere endgültig zu beenden; es konnte hernach ja einfach nur noch bergab gehen. Und so kommt es auch: Ich treffe die beiden Jungs unterm Regenschirm am Nordeingang zum Stadion und folge ihnen zur Bowlingbahn, wo ich sogleich Pudel auf Pudel werfe und in drei Runden dreimal auf dem letzten Platz lande. Peters Aufmunterungsversuche machen mich eher noch schlechter. Im ekligen Nieselregen verabschieden wir uns, nachdem die letzten Mandarinen vertilgt sind, bei anbrechender Dunkelheit an der Treppe zum Stadiongelände. Man muss es positiv sehen: Auch Boris hat ja bei seinem letzten Wimbledonauftritt nur drei Runden überlebt und ließ somit zu, dass ein Schatten auf frühere Glanztaten fiel. War doch mal eine nette Abwechslung. Dabei sein ist alles. Man kann nicht immer gewinnen. Dritter Platz ist doch auch ein Erfolg.
Ob ich wohl je erfahren werde, wer dieser Jeri ist?
Und leise sät er seine Zweifel...
Ich habe mir viel Zeit gelassen, um auf die E-Mail zu reagieren, in der man mir eröffnet hat, dass ich nächstes Jahr meine Koffer packen muss (siehe Eintrag vom 11. Oktober). Mein Hauskreis ist in die Sache eingeweiht und ich habe den Eindruck von oben, dass die Würfel noch nicht gefallen sind. Deswegen mache ich in der E-Mail an die Chefin jetzt einfach mal so ein paar vage Andeutungen, dass kein guter Kandidat in Aussicht ist, obwohl ich das natürlich nur vermuten kann. Der Wortlaut im Folgenden:
[...] Das gibt mir, nach der ereignisreichen, aber auch erfolgreichen letzten Woche mit dem Autor Thome und der Vorbereitung darauf, wie gestern Vormittag versprochen, Gelegenheit mich zu der für mich gar nicht so erfreulichen Ausschreibung meiner Stelle und dem (mir gar nicht bekannten) 3-Jahres-Rhythmus zu äußern. [...] Wie du weißt, geht man als Lektor mit der Zusage (seitens des Austauschdienstes) für einen Förderungshöchstzeitraum von 5 Jahren ins Ausland und bei erfreulicher Zusammenarbeit kann der Lektor normalerweise davon ausgehen, fünf Jahre bleiben zu dürfen. Also habe ich mich innerlich auch immer auf 5 Jahre eingerichtet und bin, wie du weißt, durchaus überrascht gewesen von der Neuausschreibung. Ich wusste ja von eurem 3-Jahres-Rhythmus, wie gesagt, nichts.
Nach Rücksprache mit dem Austauschdienst habe ich mich nun entschieden, pro forma trotzdem einen Verlängerungsantrag zu stellen (Anträge kann man ja immer stellen). Das geht dann so erst mal in Bonn ein. Ihr wisst dann auch formell, dass ich bleiben will. Eure Zustimmung könnt ihr dann aber natürlich davon abhängig machen, wie die Bewerbersituation ist. Zwar hat die Nanda bisher immer einen geeigneten Kandidaten gefunden, aber man kann auch mal Pech haben und in Anbetracht des etwas veränderten Stellenprofils ist es zwar nicht wahrscheinlich, aber immerhin möglich, dass neue Bewerber euren Erwartungen nicht ganz so entsprechen, wie ihr euch das wünscht. So habt ihr bis ca. April 2011 Zeit, euch endgültig festzulegen, und seid in jedem Fall auf der sicheren Seite. [...]
Grenzgänge zwischen Ost und West 5
Heute haben sich ein paar Studentinnen (die Großenaspe-Veteraninnen Yangliu und Yixuan sowie Du Li und Yijie) den beliebten Schriftsteller noch mal unter den Nagel gerissen. Sie haben sich aufgemacht zur Einkaufsmeile am Konfuziustempel, einem notorischen Touristenmagneten. Ich stoße gegen fünf dazu (getreu meiner gestrigen Behauptung habe ich den Nachmittag lesend im Park zugebracht) und nach den üblichen Fotoposen will ich sie noch in den Bailuzhou-Park entführen, der ganz in der Nähe sei, versichere ich, kann den Weg dann aber nicht finden und lasse mich überzeugen, dass es sinnvoller wäre, die Runde in ein Restaurant mit Blick auf den Fluss einzuladen. Der Laden ist sündhaft teuer. Motto: Man gönnt sich ja sonst nichts.
Grenzgänge zwischen Ost und West 4
Ich habe Studentin Youjin animiert, ihre B.A.-Arbeit über Thomes Buch zu schreiben. Sie trifft sich vormittags mit ihm zum Interview. Ich sehe den Künstler erst abends wieder. Gegen halb elf spazieren wir zur Nanjinger Universität, dem Lieblingstreffpunkt von Huang Fan. Was für eine entspannende Sache sich der kreative Kollege Huang Fan da wohl ausgedacht hat, fragt sich nicht nur Stephan Thome, frage auch ich mich, versichere aber im selben Atemzug, das werde schon mit rechten Dingen zugehen. Schließlich sei Huang Fan ein verheirateter Mann mit Frau und zwei Kindern. Was ist es, wo wir uns schließlich wiederfinden? Eine Kammer mit drei Liegen, Handtüchern und Weißzeug, in das wir uns hüllen müssen. Uns steht bevor: eine traditionelle chinesische Fußmassage, bezahlt von Huang Fan. Ein Herr und zwei Damen aus Sichuan, mit denen sich Stephan und Huang Fan der Lage der Dinge gemäß besser unterhalten können als ich, massieren, trätieren und pediküren uns also stundenlang. Am Ende bekommen wir noch einen Packen aufs Knie gepackt, der immer heißer und heißer wird. Wer der Masseuse zuerst sagt: "Nimm's weg!" verliert. Ich gewinne. Schließlich hatte ich als Kind schlechte Zähne; da wird man hart im Nehmen. Zwischendurch hat Huang Fan seine Frau am Mobiltelefon, die ich ja beim gemeinsamen Abendessen im letzten Semester kennen gelernt habe (sin-o-meter berichtete). Komisch, dass ich daraufhin kurz mit ihr sprechen muss. Wir haben uns ja nur einmal zum gemeinsamen familiären Abendessen getroffen. Fühlt sich fast so an, als müsste ich Huang Fans Alibi bestätigen. Und in der Tat. Als wir hernach noch kurz in einem Teehaus modernerer Machart einkehren und die beiden großen Jungs ihre Biere zischen, kommt's auch gleich raus: Huang Fan sagt zu Stephan, er sehe aus, als habe er mit Frauen viele Fehler gemacht. Er könne das aus seiner Lesung ableiten. Stephan mag's nicht bestreiten. Huang Fan bekennt dann auch noch gleich die eigene Schwäche. Er habe auch viele Fehler gemacht, er sei schwach. So genau wollten wir's nun auch wieder nicht wissen. Und wie hielte ich's mit diesem sensiblen Thema. Ich halte mich schön bedeckt. Man könne doch seine Zeit auch gut mit Büchern verbringen, erkläre ich, da gebe es keine Probleme. Kurzum, es wird Zeit aufzubrechen. Diesmal besteht Stephan darauf, die Zeche zu zahlen. Als wir wieder an der Uni sind, braucht er aber noch etwas Dosenbier fürs Hotelzimmer und besorgt sich selbiges in dem Laden um die Ecke. Künstler eben.
Grenzgänge zwischen Ost und West 3
Nach einer weiteren Lesung in Xianlin, dem Außencampus, erwartet uns am Nachmittag das von mir und meiner Kollegin Sommerfeld vom Goethe-Sprachlernzentrum gemeinsam ausgeknobelte "Doppelfeature" mit Lesungen von Stephan Thome und Susanne Hornfeck in der Tiefgaragen-Buchhandlung AVANT-GARDE. Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht: Da auch die Autorin des Tatsachenromans "Ina aus China" nur am heutigen Freitagnachmittag ihre Lesung veranstalten kann, haben wir uns, anstatt einander Konkurrenz zu machen, zu einer Doppellesung zusammengetan: Grenzgänge zwischen Ost und West - das passt ja auch hier. Denn "Ina aus China" handelt von einem kleinen Mädchen, das in der Zeit der japanischen Besatzung aus Schanghai floh und nach Deutschland kam. Der Erfolg gibt uns Recht: Zu Spitzenzeiten scharen sich knapp neunzig Gäste um das kleine Areal mit den Sitzpolstern. Susanne Hornfeck wird etwas neidisch, als ich per Laptop Internet-Fotos vom Biedenkopfer Grenzgang anno 2005 auf den Bildschirm zaubere. Sie hätte da auch noch ein paar Bilder. Hilfsbereit wie immer stelle ich ihr meinen Computer zur Verfügung, muss aber einschränkend mehrfach wiederholen, dass ich nicht wisse, wie man den automatischen Bildwechsel einstelle; das könne doch Praktikantin "Eva" (genau die: meine Studentin, die jetzt im Goethe-Zentrum ein Praktikum macht), per manueller Bedienung übernehmen, schlage ich vor, aber die hibbelige Künstlerin stellt sich taub und lässt nicht locker, bis sich einer erbarmt und die Einstellung für sie findet. Da sieht man also nun ihre schicken Zeichnungen zum Text über den Bildschirm hüpfen.
Alle sind sie gekommen: Tennispartner Peter steht hinter den Sitzreihen, "Cathy" alias Jiakun trifft direkt von der Arbeit verspätet ein und nimmt neben einer Freundin Platz, Dichter Huang Fan ist mit seiner Schweizer Bekannten unter den Anwesenden; auch die zwanzigjährige Xiao Li hat sich mit ihrer Freundin auf den weiten Weg von Xianlin hierher gemacht. Dazu einige meiner Studenten. Einer von ihnen, "Jenny", besser bekannt als Jia Ni, kommt eine besondere Rolle zu: Die letztes Jahr beim Provinzglück-Lesewettbewerb Ausgezeichnete liest aus der Rohfassung der chinesischen Übersetzung von Thomes Buch, das in wenigen Wochen in Taiwan erscheinen soll.

Am Ende, gegen 18 Uhr, sind alle wieder entspannt. Wir lassen den Abend feudal mit Peking-Ente in einem Restaurant an der Schanghai Lu ausklingen. Goethe bezahlt. Auch der Nanjinger Dichter Huang Fan mit einer Schweizer Bekannten ist, von mir eingeladen, dabei. Ich übersetze immer mal wieder für ihn oder, noch besser, lasse Frau Sommerfeld übersetzen. Er lädt nun seinerseits mich und Stephan Thome für den nächsten Tag zu einem Wohlfühlabend ein. Thome will noch irgendwo einen heben, aber ich muss ins Bett. Die Schweizerin will es sich noch überlegen, taucht dann aber auch nicht mehr auf.

Grenzgänge zwischen Ost und West 2
Heute nun eine Lesung aus Thomes Erstling "Grenzgang" am Vormittag und am Nachmittag ein Vortrag zum Problem der Übersetzung Kant'scher Begrifflichkeiten ins Chinesische: "Der Philosoph Kangde: Kants chinesischer Doppelgänger. Zum Problem der Hybridität moderner Philosophie in China". Thomes These: Eigentlich gebe es ja zwei Kant-Philosophien: die des deutschen Originals und die der Übersetzung ins Chinesische. Der Saal ist gut gefüllt. Leider haben wir beide nicht gemerkt, dass ich statt der PDF-Datei eine Word-Datei auf dem Computer geöffnet habe, sodass alle chinesischen Begriffe als kleine leere Kästchen auf der Leinwand erscheinen.

Zwischen den beiden Vorträgen essen wir im Xin Zazhi zu Mittag und Thome plaudert etwas aus dem Nähkästchen: Herta Müller sei ein Unikum, ihre Sprache so faszinierend wie sie selbst in ihrer singulären Art. Dass Bernhard Schlink mit seiner langweiligen Prosa nun das Aushängeschhild der deutschen Literatur sei, kann Thome dagegen überhaupt nicht nachvollziehen.
Abends schließlich kann ich dann die unbürokratisch bewilligten Fördergelder mal so richtig sinnvoll einsetzen: Ich lade den Autor zusammen mit deutschen und chinesischen Studenten zu Bier und Pizza ein. Und der deutsche Staat bezahlt. Ein Prosit auf die Völkerverständigung!
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