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Auf der Suche nach Uwe Johnson
Wirklich, ich schwör’s: Ich wollte heute mal ein teureres Hotel nehmen, ich hatte meine Sachen auch schon dort auf der Theke liegen, aber es will einfach nicht klappen. Denn plötzlich fällt mir ein, dass ich mein Uwe-Johnson-Buch (aus meiner eigenen Bibliothek ausgeliehen) und einige andere Sachen im Bus habe liegen lassen. Dem Taxifahrer, einer von denen, die am Busbahnhof die Reisenden abfangen und die sie gar nicht rasch genug in ihre fahrbaren Untersätze verfrachten können, bedeute ich also: Alles zurück auf Null! Wir sausen flugs zurück zum Busbahnhof von Daluo, wo mich die eben mit ihrem Transportangebot abgeblitzten Zweiradtaxifahrer freudig wieder begrüßen. Doch ich komme zu spät: Der Busfahrer ist schon entschwunden. Was tun? Gemeinsam überlegen die Bediensteten vom Busbahnhof, mein Taxifahrer und ich. Dann fällt der Fahrkartenverkäuferin ein, wo der Fahrer untergebracht sein dürfte, da fahren wir nun hin. Prompt finde ich auch den Bus, verriegelt, und der Fahrer ist nicht da. Also bleibe ich hier. Der Fahrer wird schon irgendwann auftauchen. Die Unterkunft kostet genau wie in Jinghong achtzig Yuan, ist aber etwas vornehmer. Abends klopft es dann bei mir an der Tür: Uwe Johnson ist wieder da! Übrigens ein sterbenslangweiliges Buch! Nun könne ich also ruhig und zufrieden sein, aber gegen Mitternacht klopft es wieder, allerdings an des Nachbars Tür. Dazu ruft eine Stimme ohne Unterlass: "Hello! Hello!" Nach einer halben Stunde muss man doch selbst mit einstelligem IQ mal kapieren, denke ich entnervt, dass da jemand nicht öffnen will oder nicht da ist. Schließlich springe ich in meine Hose und beschwere mich. Ein junger Mann steht da verdattert im Gang und ein junges Mädchen neben ihm. Sie ziehen ab und jetzt ist Ruhe! Ich werde noch zum Neurotiker mit diesen nächtlichen Ruhestörungen immer!
Ganlanba
Einen Elefanten bekomme ich heute dann doch noch zu sehen, einen für Touristenfotos abgestellten mit Fußfessel und Sänfte auf dem Buckel, auch schon leicht verhaltensauffällig. Er steht am Eingang zum Garten der Dai-Ethnie, in den ich eher zufällig geraten bin. Ich war eigentlich auf dem Weg nach Manmaisangkang, aber der Bus kommt auf der Strecke, die dem Flusslauf des Mekong folgt, nur bis Ganlanba, wo ich keinen Anschluss habe. In Ganlanba zieht mich ein palmengesäumter Fahrdamm an, der zwei Seen trennt. Ich wandere den See entlang, dann folge ich einem Weg am Rand eines Bananenfeldes und komme mitten im Garten der Dai-Ethnie heraus und auf dem Weg lag auch gar kein Kassenhäuschen, obwohl ich sicher bin, dass dieses Freilichtmuseum mit lebendem Anschauungsmaterial Eintritt kostet. Angesichts der Pleite mit den Elefanten gestern habe ich auch gar keine Skrupel hier ohne Eintritt hereingekommen zu sein. Neben dem bedauernswerten Dressur-Elefanten sehe ich nun auch das nachgestellte Wasserspritzfest, das die Dai normalerweise nur einmal im Jahr abhalten, nämlich am 14. April. Von einem großen Springbrunnen aus, in dem die Damen und auch ein paar Herren in traditionellen Trachten knöcheltief im Wasser stehen, wird also wild gespritzt. Wer von den Touristen trocken bleiben will, geht besser mal auf Abstand.

In einer Arena nebenan werden wieder folkloristische Tänze aufgeführt. Die Musik scheppert mir zu laut, ich gehe weiter und durchquere gleich mehrfach das Dorf, das geprägt ist von diesen blassbraunen Dai-Häusern mit grauen, verschachelten Schindeldächern. Auch hier wird überall gebaut oder Holz gesägt. Wer den Touristen genug Geld aus der Tasche gezogen hat, ersetzt die alte Kate durch eine neue und die alten Schindeln durch knallblaue Keramikdachpfannen. Das sieht dann natürlich nicht mehr so touristentauglich tradítionell aus. Am Ende des Dorfes stoße ich wieder auf den Mekong. Ich wandere einen Hang hinab. Dort unten am sandige Ufer legt gerade ein kleines Motorboot an. Ein älterer Mann hat sich auf dem anderen Ufer, hinter dem im blauen Dunst die grünen Bergriesen im blaugrauen Dunst schimmern, ein tolles Panorama, mit Tropenfrüchten (Papaya usw.) eingedeckt und schleppt nun ein Joch mit zwei Körben den Weg hinauf. Den Manting-Tempel muss ich noch sehen: Durch den Tempel (die Gold-Buddhas sitzen hier immer gern vor gemalten Bäumen, Bäume scheinen im Hinayana-Buddhismus eine besondere Rolle zu spielen) rauscht der Wind und lässt die Klingglöckchen klingen. Nebenan zieht offenbar gerade eine Gruppe Westler zu einer fernöstlichen Therapie ins Tempelhäuschen. Man sieht auch immer mal ein paar Mönche in diesen orangenen Gewändern herumwandeln. Als ich zu lange zuschaue, was die Westler mit den Rucksäcken da machen, komplimentiert man mich nach draußen. Ich gehe wieder zurück zum See, übrigens umgeleitetes Mekong-Wasser, und gelange in ein Baugebiet. Hier entstehen neue Hotels. Der nette junge Mann am Wächterhäuschen lässt mich aber durch. Über einen zweiten Damm, der den See noch einmal teilt und auf dem Bananen wachsen, gelange ich wieder auf die Seeseite, von der aus meine heutige Expedition begann, wandere noch einmal über den Fahrdamm mit den Palmen, der mir so gut gefällt, und sitze alsbald wieder im Bus nach Jinghong.
Abends ziehe ich im Dicos, der chinesischen Ausgabe von Kentucky Fried Chicken, die verstörten Blicke sämtlicher im Gasthaus sitzender Chinesen auf mich. Einen Moment lang glauben alle, ich bin irr. Ich stehe gerade an der Kasse, als eine Mama mit Kleinkind hereinkommt und letzteres sofort laut zu kreischen anfängt. Reflexhaft kreische ich zurück. Ja, scheint ja hier normal zu sein so'n bisschen Rumgekreische! Trotzdem ist die Kreischerei nun dann doch erst mal vorbei.
Im Tal der wilden Elefanten
Mit Schildern, die dazu auffordern, das Trompeten den Elefanten zu überlassen, die hier leben und vom Autohupen gestört werden könnten, und anderen, auf denen ein Elefant das Anschnallen vormacht, wird der Tourist auf dem Weg ins Tal der wilden Elefanten ("Wild Elephant Ravine") schon mal wild gemacht. Ich bin trotzdem skeptisch und frage mich die ganze Zeit: Werde ich am Ende dieses Tages wirklich, wie versprochen, Elefanten in freier Wildbahn gesehen haben? Wie wollen die denn sicherstellen, dass ausgerechnet in dem Moment, in dem Touristen sich die Ehre geben, Elefanten am dazu auserkorenen Wasserlauf auftauchen? Entweder die Elefanten sind nicht wild oder gefangen oder die ganze Sache geht schief. Im Wildelefantenmuseum, zu dem ein imposanter Hochweg führt, den man sich am besten vorstellt wie den Aussichtsturm am Ketelvierth, nur dass die Aussichtsplattform ein Gang von 2,7 Kilometer Länge ist, wird mir erklärt, dass man das Wasserloch mit dem Zusatz von schmackhaftem Salz zur Attraktion für die Dickhäuter gemacht hat. In der autonomen Region Xishuangbanna, deren Hauptstadt Jinghong ist, sollen sich noch etwa 250 Elefanten tummeln, 75 davon in diesem Park. Neben dem Museum noch ein Schild: "Bitte zur Seite treten, wenn hier Elefanten auftauchen." In der Tat säumen dicke Haufen von Exkrementen den Weg, der einem flachen Bach folgt. Auf einer Brücke überquere ich den Wasserlauf. Ich war schon einmal auf der anderen Seite, weil ich jenseits der Furt wieder diese Haufen und Tretspuren gesehen habe, denen will ich doch mal nachgehen. Aber schon fängt mich ein Parkarbeiter ab. Und von hinten hat sich bereits ein uniformierter Parkwächter an meine Fersen geheftet und schickt mich zurück auf den rechten Weg. Ich wollte ja nur mal gucken... Die Brücke führt weiter durch den Dschungel, als ich den kleinen Bach schon hinter mir gelassen habe: noch so eine kilometerlange Balustrade, schmaler und aus Eisen, durch den Dschungel, an deren Ende man dann die Elefanten von oben besichtigen kann, ohne sie an ihrem Lieblingsplanschbecken zu stören. So der Plan. Und dann das, was man eigentlich voraussehen musste: Das Tal der wilden Elefanten ist eine von ca. einer Billion Baustellen in China. Generatoren machen einen Höllenkrach. Selbst der dickfelligste Dickhäuter kann kein so dickes Fell haben, dass er sich davon nicht in die Flucht treiben lassen würde. Hat einem natürlich kein Mensch erzählt.
Ich bin stocksauer und gehe weiter zur Seilbahnendstation. Dort setze ich mich in den überdachten Wartebereich und esse meine Mandarinen. Was raschelt das denn da hinter mir? Ich drehe mich um und denke im ersten Moment an einen Gorilla, aber der schwarze Affe, der sich auf den Bäumen hergeschwungen hat, ist viel kleiner und hat einen weißen George-Washington-Backenbart. Der temperamentvolle Besucher wird rasch zur Attraktion der chinesischen Touristen, die sich zum Affen machen lassen und zum kollektiven Fototermin um den lustigen Gesellen scharen. George Washington liefert noch ein paar akrobatische Einlagen, ehe ein blasierter Soldat ihn mit Steinen bewirft, weil er ihm wohl zu frech ist. Der Affe sucht aber nicht das Weite, sondern nur die Höhe. Als sich keiner mehr für ihn interessiert, hangelt er sich dann doch davon.
Ich gehe zurück und schaue mich im Vogelpark um. Ara und Kakadu trauen mir nicht so recht über den Weg. Die Scharen von Wellensittichen, die frei herumfliegen dürfen, nehmen Alfred-Hitchcock-Dimensionen an. Da ich ein sturer Hund bin, gehe ich noch mal zum Wasserloch. Uniformierte Wichtigtuer wollen mich gleich zweimal zurückschicken, da gleich Feierabend ist. Ich zeige auf mein Eintrittsbillett: 8 bis 18 Uhr steht da in arabischen Ziffern, also noch eine Stunde! Nun wollen wir mal locker bleiben, wenn da hinten schon die Generatoren laufen! Und die laufen - war ja klar - auch noch bei meinem zweiten Besuch. Leider hat die Seilbahn den Betrieb eingestellt, ich bin dennoch pünktlich am Ausgang. Eigentlich will ich mein Geld zurückverlangen, ich bin gerade so in Moserstimmung, aber die Schalter sind alle verwaist. Ich gehe zur Bushaltestelle, kein Bus in Sicht. Da kann ich noch mal kurz auf Klo. Als ich wieder da bin, ist der Bus gerade weg. Das jedenfalls sagt mir einer der Uniformierten am Eingang. "Gerade abgefahren!" Ich solle es mal unten an der Autobahn probieren. Da kommen vielleicht noch andere Busse vorbei. Prima, denke ich, erst keine Elefanten, dann auch noch den Bus verpasst. Während ich die Straße entlangwandere und so richtig in Moserstimmung bin, mahnt mich mein inneres Ich, jetzt mal kein so undankbarer Miesepeter zu sein, sondern Gott ein Loblied anzustimmen, weil er mich ja bisher noch aus jeder misslichen Lage befreit hat. Keine fünf Minuten selbst komponierter Loblieder später hupt mich ein Bus nach Jinghong an und lässt mich einsteigen. Gott ist doch der Beste! Nur ein umgekippter Sandlaster hält uns noch kurz auf.
Abends gibt es auf dem großen Platz, unter dem sich ein Riesen-Einkaufsparadies befindet, auf Großleinwand einen chinesischen Progagandafilm mit bösen Briten, die das Heiligtum einer Schar wackerer Mönche erobern und am Ende in die Luft gesprengt werden.
Im Regenwald
Gestern habe ich unweit der Uferpromenade eine Kirche entdeckt und mich auch gleich nach den GoDi-Zeiten erkundigt. Um halb neun finde ich mich also in einer Gemeinde im Stil der "Assembly of God" ein. Die Mao-Zeit macht sich mal wieder bemerkbar: Senioren bestimmen das Erscheinungsbild. Ich verstehe leider nicht viel von der Predigt (es geht irgendwie um Ziele im Leben) und blicke irritiert um mich, wenn der Prediger zwischenzeitlich immer mal wieder zu freundlichen Gesten gegenüber den Sitznachbarn auffordert. Die jungen Damen vor, hinter und neben mir (ja, nee, eine ältere Dame sitzt da auch noch) nehmen mir freundlicherweise die Kontaktarbeit ab. Auf dem Nachhauseweg winkt mir eine von ihnen noch eifrig aus dem Wagen zu.
Ich mache mich dann gegen ein Uhr von der Busstation aus auf den Weg in den "Jungfrauenwald-Park". Der Bus nach Mengyang setzt mich am Ausgang ab. 50 Yuan Eintritt zahle ich und bin erst mal wenig angetan von dem etwas betagten Areal. Ein kleiner unterirdischer Buddha-Tempel, vom Regen angegammelt, und ein Pfauengehege sind die erste Station. Neben dem Park rauschen Autos auf einer schnellen Piste vorbei, da kommt wenig Regenwald-Stimmung auf. Interessanter ist dann schon die Hängebrücke, über die ich ein am Hang errichtetes kleines Aini-Dorf erreiche (d.i. offenbar eine Hani-Untergruppe - mehr zu Chinas ethnischen Minderheiten liest man hier). Wer hier mal gelebt hat (falls dies nicht nur ein Nachbau ist), wurde von Fortuna geküsst, denn die Einheimischen haben die Lizenz zum Gelddrucken. Statt bei der Feldarbeit raue Hände zu bekommen, können sie hier den lieben, langen Tag in ihren traditionellen schwarz-bunten Trachten ihrem Hobby nachgehen, Folklore-Tänze aufzuführen, und Touristen für 20 Yuan pro Person (was sonst vielleicht ein Tageslohn ist) mit Schnappschüssen beglücken oder mit einer Ein-Personen-Seilbahn über das Tal schubsen (Bungeejumping für Anfänger sozusagen), was ich mir selbstredend nicht nehmen lasse. Touristen dürfen ferner eine traditionelle Aini-Hochzeit nachspielen (passenderweise bedeutet "ai ni" in Mandarin-Chinesisch "liebe dich"), bei der die Frau erst mal unterm Schleier verborgen bleibt, und sich dabei fotografieren lassen. Man bekommt dazu eine hübsche Aini-Maid an die Hand und muss laut vernehmlich den Satz sprechen: "Ich will heiraten!" Ich also nix wie weg. Ich lasse mich schleunigst ins Tal schubsen.
Die nächste Station ist ein Wasserfall, danach kommt eine offene Festhalle mit Bühne, auf der werden zu lauter Musik wiederum folkloristische Choreografien dargeboten. Eigentlich geht es hier um ein Wasser-ins-Gesicht-Spritzritual fü Frauen, ein alter Brauch offenbar, aber das Bassin ist leer. Wohl zu kalt heute. Ich schaue mir gemeinsam mit zirka hundert Chinesen also die Show da vorne an und lasse mir Schweineschaschlik und einen Papaya-Nektar servieren. Auch eine Lizenz zum Gelddrucken: Alles ist dreimal so teuer wie normal.
Richtig interessant wird es, als ich die ersten Rhesusaffen erblicke, die hier in vollendeter Symbiose mit den Menschen leben und nicht nur auf den Bäumen, sondern auch auf den Bambusstegen mit den neugierigen Touristen herumturnen und manchmal sogar im dahinter gelegenen Freiluftrestaurant hospitieren, was den Ober aber rasend eifersüchtig macht. Jedenfalls haben die Rhesusaffen keinerlei Interesse daran, wieder im Wald unterzutauchen. Hier gibt es ja viel mehr zu essen: Touristen, die offenbar der Affe laust, werfen ihnen Karotten zu. Einer der Affen kommt mir auf dem Steg so nah, dass er mir ins Gesicht spucken könnte, aber zum Glück sind Affen keine Lamas. Als ich ihm ein Gespräch aufzwinge, spitzt er den Mund und dreht mit den Ohren. Ich denke, gleich dreht auch der Rest von ihm durch und der springt mich an, und beende das einseitige Gespräch lieber rasch. Am Anfang eines Parcours durch wirklichen Tropenwald, wie er im Buche steht, kann man ein Foto mit einem merkwürdigen zahmen Bären machen lassen, der sich in Zeitlupe nach einem Stück Honigmelone ausstreckt, das ihm der Besitzer aber partout nicht geben will, und auch sonst aufgrund der schwarzen Ringe um seine Augen ziemlich verschlafen wirkt. Das Tier ist kleiner als ein Koalabär, ich habe aber keine Ahnung, was das ist. Nie zuvor gesehen.
Dicht und üppig wächst hier der Wald. Der Pfad folgt einem Bach, der sich durch den Wald schlängelt. Die Bäume sind so hoch wie Wolkenkratzer. Kaum Licht dringt an einigen Stellen noch ein. Lianen baumeln von den Baumriesen herab. Die Affen hatten wir schon, zwei Janes bin ich unterwegs auch schon begegnet. Es fehlt eigentlich nur noch Tarzan! Auch der Bambussteg, der durchs Dickicht führt, wirkt so authentisch, dass man sich der Illusion hingeben kann, wirklich im Urwald zu sein. Einer der Riesen wurde vom Schicksal entwurzelt und versperrt den Weg. Da einige der Bäume an den Wurzeln üppig miteinander verwachsen sind und die Wurzeln aussehen wie ein Wald, nennt man sie hier auch Einwaldbäume. Ein kahler Stumpf sieht aus wie ein am Boden schnuppernder Elefantenrüssel und wurde folglich auch so betitelt. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Ein Schild weist am entferntesten Punkt des Rundweges auf das Ende der Ausbaustrecke hin. Ich springe rasch übers Geländer des kleinen Verweilpavillons. Will doch wenigstens einmal kurz richtig im Busch sein. Aber der Weg wird rasch ziemlich unwegsam.
Erst auf dem Rückweg habe ich mich zum Erinnerungsfoto mit dem Schlafbären entschlossen, wie immer zu spät: Die Jungs bauen gerade ab. Also hier heute kein Bild. Dafür sehe ich am Ausgang des Parks, wo schon ein Omnibus wartet, andere Bären: Schwarzbären, die hier von Zeit zu Zeit in einem Spontan-Zirkus auftreten, gemeinsam mit den Bremer Stadtmusikanten auf Chinesisch: Pferd, Hund, Wolf, Löwe und einem Sibirischen Tiger, dessen Vorderpranken den Umfang von Dirk Bachs Gesicht haben. Alle diese bedauernswerten Kreaturen liegen oder stehen in Käfigen, die so klein sind, dass sie sich darin nicht einmal umdrehen können. Der Tiger hat den Kampf aufgegeben und liegt schlaff herum. Der Schwarzbär ist bereits schwer verhaltensgestört und schüttelt ununterbrochen den Kopf, als wollte er sagen: "Nee,nee, nee!" Auch dem Löwen geht es hundsmiserabel, er scharrt manisch mit der Vordertatze auf dem Käfigboden herum.
Im Bus bekomme ich nur einen Stehplatz, aber eine freundliche junge Dame kann das nicht mit ansehen und bietet mir ihren Sitzplatz an, was ich natürlich annehme. Man muss ja zu Damen immer höflich sein. Die Frauen der Minderheiten sind in der Regel schöner als die Han-Chinesinnen, sie haben keine Schlitzaugen und sind natürlich viel dunkler, exotischer sowieso. Naja, vielleicht profitieren sie auch einfach vom Wohlstand, den das neue China über sie gebracht hat. Immerhin haben zwei meiner Studentinnen auch bereits Schönheitsoperationen an sich vornehmen lassen. Aber pst! - nicht weitersagen!
Am Ufer des Mekong lasse ich den Tag ausklingen. Es wird dunkel und die beiden Brücken erstrahlen ebenso wie die Touri-Fallen vor und hinter mir in bunten Lichtern. So endet ein fast perfekter Tag. Der Makel: Leider hat der FC B gestern zwei Punkte gegen Wolfsburg verspielt.
Am Mekong

Das Wunderbare an China ist ja, dass man in ferne Länder reisen kann, ohne das Land zu verlassen. Denn es gibt so entlegene Provinzen wie Yunnan. Und so befinde ich mich seit gestern am Mekong. Myanmar und Laos sind auch nicht mehr fern. Ich bin gestern Abend erst nach acht Uhr (statt 19.15) Uhr gelandet und danach so lange hilflos auf dem Parkplatz vor dem Mini-Flughafen von Jinghong herumgeirrt, dass mich der Charterbus, der eine Mutter-mit-Kind-Urlaubsreisegruppe ins Luxushotel verfrachten soll, deren Reiseleiter ich nach einem Omnibus gefragt habe, einfach mitnimmt - von den kleinen Reisenden beim Einstieg mit Jubel und viel Hello! empfangen. Der Reiseleiter ist, wie er den Damen mitteilt, Lahu. Das ist eine der hier vertretenen ethnischen Minderheiten. Ich frage beim Aussteigen noch mal nach, aber nein, ich muss nichts bezahlen. Auch diesmal habe ich wieder eine billige Unterkunft gefunden, auf Nachfrage sogar mit ordentlichem Sitzklo. Ich logiere im obersten Stockwerk, direkt unter dem spitzgiebeligen Dach mit hübschem goldenen Türmchen obendrauf. So viel Stolz muss sein! 8 Euro die Nacht. Die Mutter-Kind-Gruppe zahlt in dem Prachtpalast nebenan vermutlich das Fünffache.
Den heutigen Tag habe ich bei sonnigen 25 Grad der Erkundung der Stadt gewidmet. Die typisch vergoldeten Kuppeln und die spitz zulaufenden Giebel, die man aus Burma und Thailand kennt, bestimmen das Bild. Beisielhaft ist ein einfacher Tempel, an dem ich vorbeikomme, aber der Eingang ist verschlossen. Anscheinend wird hier noch renoviert.

Selbst den Betonungeheuern, die auch hier beharrlich in den Himmel wachsen, hat man noch solche Giebel aufgesetzt, damit das Stadtbild erhalten bleibt. Die Beschriftungen sind dreisprachig: Neben Chinesisch und Englisch findet man die absonderlich rund geschwungene Schrift der Nachbarstaaten. Ich wandere eine Promenade oberhalb des Flusses entlang, die die beiden Flussquerungen, eine etwas betagtere mit vielen Pfeilern und eine hochmoderne mit Stahlseilen, verbindet. Am Hafen ist alles wie ausgestorben. Das Jinghong River Voyage, architektonisch einem Schiff mit sechs Decks nachempfunden, ist verrammelt und leer. Es gebe momentan keine Passagiere, teilt mir die junge Dame mit, die einsam in der Schiffsverkehr-Abfertigungshalle hinter dem Tresen sitzt. Man sieht aber auch sonst keine Schiffe, auch keine Frachter und Schoner, auf dem Fluss. Ich vermute, das liegt am niedrigen Pegel. Man sieht deutlich an den vielen Steinen am viel zu breiten Ufer: Der Mekong hat hier schon mal deutlich mehr Platz beansprucht. Extrem freundlich und zuvorkommend sind die beiden Damen im Fremdenverkehrsinfohaus. Sie haben heute vermutlich noch nicht viele Touristen betreut. Hochsaison scheint hier nicht gerade zu sein.
Zwei Mal
War da nicht noch gestern ein Schild mit der Aufschrift Green House? Irgendeinen Grund muss es doch geben, dass ich das Restaurant nicht mehr finde. Ich renne also wirklich an dem Lokal vorbei, in dem meine Kollegen selbstredend schon sitzen und warten - auf den wichtigsten Gast des Tages. Innerhalb von vierundzwanzig Stunden ein und denselben Ort nicht wiederzuerkennen - das schafft auch nicht jeder!
Mal zwei
Koinzidenz nennt man das: Die Studenten des Jahrgangs 07, die so artig bei der Deutschlektorenkonferenz mitgeholfen haben, haben noch was gut bei mir. Ich lade alle (auf Kosten des deutschen Steuerzahlers, versteht sich) zum Essen ein. Ausgesucht haben sie (sie, das sind in diesem Fall die figurbewussten weiblichen Studierenden, die 80 Prozent der Klasse ausmachen) sich ausgerechnet ein vegetarisches Restaurant, das ich morgen gleich noch einmal aufsuchen werde: Dann feiere ich - auf eigene Kosten - meinen Verbleib in Nanjing! Ab ins Taxi. Yijie hat Xiaoqi an der Strippe und lotst die Taxifahrerin ans Ziel. Und ich passe genau auf, damit ich morgen den Ort auch wiederfinde.
Meine zehn peinlichsten Momente
Auf der Bestenliste der zehn peinlichsten Momente meines Lebens hat dieser sicherlich einen Platz verdient: Ich habe heute einen Nachholklausurtermin. Sechs Studenten des Jahrgangs 07 stehen um elf Uhr schon im Gang. Mir wurde zugetragen, jeder Raum sei am heutigen unterrichtsfreien Tag verwendbar. In dem, den ich mir nehme, sitzt aber schon wer hinter einem Stapel mit Heften und Lehrmaterial. Ich denke, das ist wohl ein Student, der lernen will, und bitte ihn den Raum zu verlassen. Tut er aber nicht. Ich denke: So ein renitenter Flegel! und werde rabiat. Meine Studenten versuchen derweil kleinlaut Alternativen vorzuschlagen. Ich herrsche also den vermeintlichen Studenten an und erst nach und nach wird mir klar: Das ist nicht nur kein Student, es ist zudem noch jemand, der Teil eines Instituts ist, das auf diesen Raum viel eher Zugriffsrechte hat als ich. Und am Eingang zum Saal hing auch ein Blatt mit einem Hinweis auf diesen Umstand. Chen Dong alias Eva, die auch mit von der Partie ist, weist schnell auf einen Nachbarraum hin, in den ich aber mal ganz schnell ausweiche. Nach der Klausur entschuldige ich mich bei dem Kollegen.
Nicht rangehen!
Andere Leute wachen mit einem Brummschädel auf, ich bekomme den erst, nachdem ich auf meiner Mobiltelefonanzeige gesehen habe, dass Danyu aus Chicago versucht hat, mich um 8.24 Uhr hiesiger Zeit anzurufen. Viel schlimmer sind aber zwei Anrufe und eine SMS in Abwesenheit von "Nicht rangehen!" Weihnachten hatte sich "Nicht rangehen!" auch schon (vergeblich) gemeldet. Wie es zu diesem seltsamen Adressbucheintrag kam und wer sich hinter "Nicht rangehen!" verbirgt, liest der vergessliche sin-o-meter-Leser am besten hier nach (der Eintrag gilt Kennern als humoristischer Höhepunkt im sin-o-meter)!
Szenenwechsel: Cathy muss auf einmal schnell zu einer Hochzeit, als ich sie gerade in die Regeln von "Kniffel" eingeführt habe (ich wollte das Sprachtraining mal etwas auflockern). So bleibe ich im "86°" allein zurück und bestelle mir ein Schwein mit Ei.
Wider die Wahrscheinlichkeit
Wo steckt denn bloß noch mal dieser Konzertsaal? Ich hätte schwören können, einmal um die Ecke der Taiping Lu biegen und schon ist man da. Wieder mal muss ich schmerzvoll erkennen, dass nachts alle Straßen grau sind, ebenso wie alle Theorie. Auf meiner Odyssee durch die Blocks wäre ich dann wieder mal fast von einem Taxifahrer auf dem Zebrastreifen umgenietet worden. Da mein Geduldsfaden längst gerissen ist, trete ich ihm feste gegen die Motorhaube. Die Taxi-Insassen schauen mich an wie E.T., den Außerirdischen. Eine weitere Episode aus der nicht enden wollenden Krieg-der-Holzköppe-Saga: Didus Skywalker gegen die finsteren Raumkreuzer einer fremden Galaxis. Dürfte ich straffrei Laserschwerter einsetzen, gäbe es in Nanjing wahrscheinlich gar keine Taxis mehr, sondern nur noch Weltraumschrott... Inzwischen ist mir trotz der nur drei, vier Grad plus so warm, dass ich mir erst mal ein Eis am Stiel gönne. Zum Silvesterkonzert komme ich sowieso nicht mehr rechtzeitig. Als ich mich dann endlich fünfzig Minuten verspätet durch die Reihen gequält, zig Leute zum Aufstehen genötigt und soeben Jacke und Schal abgelegt habe, da ertönt der Pausengong!
Übrigens nicht die erste Panne heute, denn als ich um eins in der Mensa essen gehen wollte, stellte man plötzlich fest, dass meine Mensakarte ungültig ist. "Wie das?", frage ich. "Da waren doch eben noch 90 Yuan drauf!" Achselzucken. Entnervt renne ich zur Kartenausgabe und zwinge die Herrschaften durch energisches Klopfen das Gitter noch mal hoch zu machen. Nachdem ich ordentlich Terror gemacht habe, gewährt man mir eine 6-tägige Sonderverlängerung. Das ist auch mehr als angebracht, da mich kein S... davon in Kenntnis gesetzt hat, dass die Karte plötzlich ungültig sein könnte. Zu essen gibt es nun natürlich nichts mehr. Ich esse um fünf.
Wieder zurück zum Abend: Eine Stunde, nachdem im Konzertsaal (übrigens ohne Zugabe) der letzte Ton verklungen ist, bin ich (mit einem Abstecher zum Wanda-Kinocenter, wo der neue NARNIA-Film aber erst nächste Woche startet) auf dem Weg zur internationalen Gemeinde, wo ich während der musikalischen Gebets-"Watch Night" auch dieses Jahr vergeblich hoffe, irgendwie würde diesmal etwas dazwischen kommen und das Jahr doch nicht pünktlich um Mitternacht rum sein. Nach 0 Uhr hält es dann die Afrikaner nicht mehr auf den Sitzen und sie zetteln eine Art Gospel-Polonäse an! Wildfremde Menschen wünschen mir ein gutes neues Jahr. Und wenn ich Ingrid aus Lübeck nicht demonstrativ die Hand hingehalten hätte, hätte ich schon wieder eine Umarmung einstecken müssen!

Trotz der Pannen blicke ich doch auf ein erfolgreiches Jahr zurück, das die Erkenntnis genährt hat, dass im Leben nicht immer das Wahrscheinlichste passiert. Das war nämlich meine Antwort , als Studenten im Oktober danach fragten, ob ich im Sommer gehen würde. Wie wir inzwischen alle wissen (oder notfalls im Eintrag vom 23. November nachlesen können), war das vor ein paar Monaten noch sehr wahrscheinlich. Übrigens bekam ich Montag eine E-Mail aus Deutschland: Es gab in Wahrheit doch Bewerber auf meine Stelle. Aber der HERR ist immer noch größer!
Mit dem Satz kann ich aufhören!
Das schönste Weihnachtsgeschenk
Nun zeigt mein Beitrag auf der Weihnachtsfeier (siehe Eintrag vom 16. Dezember) also doch noch Wirkung: Student Xu ("Zum Weihnachten gibt es nichts schöneres!") hat bei mir eine Bibel in deutscher Sprache angefordert, die ich ihm heute vor dem Unterricht aushändige. Im Gegenzug bietet er mir eine englische Bibel von den Mormonen an. Aber die soll er doch lieber einem Bedürftigeren geben!
Noch mal auf'n Berg
Am 2. Weihnachtstag besteige ich noch einmal den Zijin-Berg. Eigentlich wollte Liu Meng alias Floria (siehe Eintrag vom 5. Nov.) mit, aber die wird von ihrer Oma aufgehalten. Ich schicke ihr eine SMS: Treffen uns auf dem Gipfel. Das klappt dann auch noch. Ich bekomme noch ein paar Jiaozi geschenkt, die ihre Mutter für sie gekocht hat. Die muss ich dann zu Hause essen. Ich muss mich nämlich um 5 am Bus rasch verabschieden, weil es heute Abend noch das traditionelle Fakultätsessen zum Jahresabschluss gibt . Die Lehrer der Deutsch-Abteilung sitzen gemeinsam an einem Tisch - mit Ehrengast Prof. Hong, der bereits strategisch geschickt neben mir platziert wurde, um so ganz nebenbei die aktuellen Übersetzungsfragen zu klären. Höhepunkt ist natürlich wieder die Tombola mit vielen nützlichen Preisen. Ich gewinne einen Satz Tupperschalen, die ich später an die Eltern von Yixuan (sin-o-meter berichtete) weiterleiten werde. Ein praktisches Geschenk!
Mächtig unter Druck
Ich treffe mich morgens um zehn an der U-Bahn mit der kleinen Li Jianqing, überreiche ihr im Gegenzug für ihre Karte vom 3. Advent einen Schoko-Weihnachtsmann und gemeinsam gehen wir zum "Christmas Luncheon" der internationalen Gemeinde. Dieses Jahr ist alles im Festsaal des Hotel Ramada ganz brav geordnet. Wir sitzen an runden Tischen und stehen danach brav am Buffet an. Es gibt außerdem wieder jede Menge musikalischer Darbietungen. Das Essen war letztes Jahr zwar erheblich besser, aber dafür war es auch billiger. Am Tisch hinter uns entdecke ich Emilie alias Li Yuan, die ich ja unlängst beraten durfte. Ein bisschen Gottesdienst wird auch noch gefeiert. Nach dem Weihnachtsessen bringt Jianqing, die auf Kinder mit reflexhaften Solidarisierungsmechanismen reagiert, den dreijährigen Knirps von Michael und Jane Kampamba dazu, mich zu treten. "Kick him, yeah!" Wir verabschieden uns von Ingrid aus Lübeck, die mich neuerdings immer umarmen muss, und Emilie, die eine viel zu große Brille trägt, am Ausgang des Hotels. Anschließend gehe ich mit der kleinen Li auf die Stadtmauer und wir blicken hinab auf den See, über den wir vor ein paar Wochen gefahren sind. Jianqings Kommentar zu der christlichen Botschaft von Weihnachten ist jedoch eindeutig: "I don't buy it!" Für Metaphysik total unempfänglich, das Mädel, dafür umso mehr auf diesseitige Dinge fixiert: Verstört sie mich doch mit Mädchenwohnheimtratsch und würzt das auch noch mit Fragen zu reichlich privaten Themen. Hochnotpeinlich wird es aber erst, als ich feststelle, dass ich mal wieder so viel gegessen habe am Buffet, dass ich jetzt aber mal eiiiiligst ein Klo aufsuchen muss. Die dringliche Suche nach dem passenden Ort überschattet dann diesen 1. Weihnachtstag doch beträchtlich, denn erst auf der hinteren Insel im Xuanwu-See werde ich fündig. Die dreißig Minuten dorthin fühlen sich an wie dreißig Stunden und Papier habe ich auch nicht genug.
Erleichtert überquere ich schließlich mit der kleinen Li (die mich inzwischen schon einmal in Abwesenheit angerufen hat) die Inseln; es dämmert bereits. Wir baden eine Weile nicht im See, sondern in den bunten Lichtern, die überall am Wasser installiert worden sind, und steigen schließlich hinterm Westtor der Mauer (Foto) in die U-Bahn. Ich lege ihr zum Abschied noch mal das Weihnachtspamphlet nahe, das an den Tischen auslag, aber so ein atheistisches Weltbild lässt sich nun mal nicht so schnell austreiben.

Heiliger Bimbam!
Ich mache es mir mit NDR-2-Internetradio noch etwas im Bett gemütlich, da meldet sich Yang Liu, eine Studentin, die anno 2009 Großenaspe beehrt hat, mit der MItteilung, sie wolle mir ein Geschenk vorbeibringen. Ich werfe mich also in meine Klamotten. Wenig später steht sie auch schon mit der ebenfalls Großenaspe-erfahrenen Yixuan bei mir in der Wohnung und hängt mir wie eins der Dalai-Lama Außenminister Kinkel einen Schal um. Selbst gestrickt. Yixuan mag nicht tatenlos daneben stehen. Von ihr gibt es eine Packung Tee. Hintergrund dieses Blitzbesuchs ist zweifellos, dass ich das alkoholische Getränk, das man mir am Ende der Konferenz im November als kleines Dankeschön überreicht hatte, an Yang Liu für ihre Familie weiterverschenkt habe. Ich motiviere die beiden Studentinnen, abends mit in den Weihnachtsgottesdienst zu kommen, und wenig später erscheint auch schon ihre Zusage auf der Anzeige meines Mobiltelefons, aber ich weiß natürlich nicht, worauf ich mich da eingelassen habe. Wir finden uns nämlich eine halbe Stunde vor Gottesdienstbeginn in einer Schlange über zwei Straßen wieder. Heiliger Bimbam! Damit haben nicht nur die beiden Damen, von denen mindestens eine Mitglied der Partei ist, nicht gerechnet, sondern auch ich nicht. Ein junger Mann verteilt Johannes-Evangelien unter den Wartenden. Ich sage: "Es gibt einfach zu wenig Kirchen in China!" Als wir um kurz nach sieben immer noch in der Schlange stehen, obwohl wir schon eine Straße geschafft haben, ergreife ich die Initiative und suche im Alleingang die in der Nähe gelegene katholische Kirche auf. Irrtümlich hatte mir Lydie, die Gabunerin aus meinem Hauskreis, nämlich (der Mensch denkt, Gott lenkt) eine SMS mit den Veranstaltungszeiten dieser Kirche geschickt. Einlass in die evangelische Kirche ist nämlich erst um halb neun! In der katholischen Kirche in der Shigu Lu ist es zwar auch rappelvoll, aber man muss wenigstens nicht draußen auf der Straße frieren. Ich hole die Mädchen also aus der Schlange und wir wechseln mal kurz die Konfession. Allein das Schlangestehen sei schon interessant gewesen, meint Yang Liu, der anscheinend nichts mehr die Laune verderben kann, seit sie auf eine Bewerbung eine feste Zusage bekommen hat. Ich hole die Mädchen. Etwa zwanzig Minuten halten sie noch im Gedränge in der katholischen Kirche aus und lauschen ein paar Gesängen, ehe Yang Liu telefonisch ins Kino abkommandiert wird und Yixuan ihr folgt. Ich halte bei dem von einem Italiener und einer Chinesin moderierten musikalischen Vesper noch bis kurz nach neun aus, bin aber von telefonierenden Zaungästen, die kommen und gehen wie im Hühnerstall, mehr als genervt. Auch die Darbietungen erfüllen nicht immer den höchsten Kunstgeschmack. Als Rausschmeißer gibt es "Merry Christmas to you" nach der Melodie von "Happy Birthday to you". Da weiß man, warum man nicht katholisch ist.
Weihnachtsfeier, Klappe, die letzte!
Die kulinarisch attraktivste Weihnachtsfeier ist die von der Provinz Jiangsu für ihre "ausländischen Gäste" in einem vornehmen Hotel veranstaltete. Ich sitze am Tisch mit meinem französischen Kollegen und Tennispartner Alain. Die Spanierin rechts von mir, an der ich mein Spanisch ausprobiere, ergreift kurz darauf die Flucht, ich muss ziemlich aus der Übung sein, seit ich hier vor einem Jahr mit Constanza saß. Auch Ingrid, die Anglo-Deutsche mit dem Hang zum Missverständnis (mit Grausen erinnern wir uns an den sin-o-meter-Eintrag "Heinz und Jörg"), ist zugegen und wünscht mir sehr herzlich frohe Weihnachten. Während der Gesangsdarbietungen spielen unbannige Bälger mal wieder am Mikro herum, rufen "Hallo!" hinein und tollen während des Vortrags der Sängerin über die Bühne. In Deutschland unvorstellbar!
Schräger Vogel
Novak ist doch ein ziemlich schräger Vogel. Er trifft sich heute zum zweiten (und wohl auch letzten) Mal auf dem Campus Xianlin mit mir zum Tennis. Seit dem ersten Zusammentreffen auf Michaels Party (sin-o-meter berichtete) nervt er mit völlig sinnfreien Kurznachrichten ("Do you like Shanghai? I like big cities!"), schon fast so schlimm wie dereinst Danyu, wo ich mit dem Löschen kaum noch hinterherkam.
Letztes Mal war er eine Stunde verspätet. Heute komme ich zu spät. Das spielt aber keine Rolle. Wegen des schönen Wetters sind alle acht Plätze besetzt. Dann will Novak mir eine Trainerstunde geben, ich will dagegen nur ein bisschen laufen und schlagen. "Listen...", sage ich und erkläre, dass ich jetzt einfach nur Bälle schlagen will. Ich kriege seine unterschnittenen Rückhand-Bälle nicht, er läuft nicht mal nach meinen Stops. Dann hat er plötzlich eine Energiekrise und verlässt mittendrin das Spielfeld, um sich was zu essen zu kaufen. Auf dem Weg zur U-Bahn fällt er völlig aus der Rolle und redet perverses Zeugs und in der U-Bahn setzt er sich von mir weg. Schließlich fragt er mich, ob ich noch ein zweites Buch für ihn hätte, als ich mich in Stefan Zweigs "Verwirrung der Gefühle" vertiefe. Als ob ich das Sandmännchen wäre und ihm was mitgebracht hätte. "It's German", erkläre ich. "You don't read German, do you?" "Verwirrung der Gefühle" - der Titel passt, denn Novak scheint mir auch ein ziemlich wirrer Typ zu sein.
Wie wird dann die Stube glänzen...

Ja, Glanz, Süßigkeiten und Mandarinen auch auf Weihnachtsfeier Nr. 3, geleitet von meiner Kollegin Katharina, die in einem neuen Programm hochbegabte Studenten mit Deutsch-Kursen für ein Fachstudium in Deutschland vorbereitet. Ich treffe, just eingetroffen vom Sprachtraining mit Cathy im verrauchten "Sculpting on Time", den Kollegen Chang und Zhu Yan, eine Studentin aus dem Jahrgang 09, deren Freundin für das Programm ausgewählt wurde. Hinter mir in der ersten Reihe sitzt ein Amerikaner, der aus einer Missionarsfamilie mit langer China-Geschichte stammt, aber selbst Buddhist ist! Das finde ich dann doch verblüffend. Weitere Höhepunkte sind "Reise nach Jerusalem", wo ich sofort ausscheide, ein Zungenbrecher-Wettbewerb, bei dem ich natürlich keine Mühe habe zu glänzen, und eine Aufführung der Studenten von "Schneewittchen und die sieben Zwerge" mit deutlichen Anleihen bei der Otto-Waalkes-Version des Märchens und einer furchteinflößend überzeugenden Stiefmutter.

Schließlich und endlich singe ich gemeinsam mit Katharina und meiner Jura-Kollegin Rebekka auch diesmal wieder kräftig mit, wenn es einmal mehr heißt: "Morgen, Kinder, wird's was..."
Wisst ihr noch, wie vor'ges Jahr...?
Ja, iiist denn heut' scho' Weihnachten? Das frage ich mich bereits am Nachmittag, als mich die frisch gebackene Münchner Doktorandin in Medizin, Fau Zeng Yi, in meiner Bibliothek aufsucht. Offenbar hat meine Empfehlungs-E-Mail an Prof. Endres die gewünschte Wirkung nicht verfehlt. Zeng Yi kommt nämlich gerade vom Bewerbungsgespräch an der LMU München, und die Sarotti-Pralinen "Magische Momente", die sie mir als Dankeschön überreicht, sind original in Deutschland gekauft.
Während ich in der Bibliothek Pralinen in Empfang nehme, ist meine Wohnung ausnahmsweise heute mal nicht verlassen: Wie jedes Jahr vor der Weihnachtsfeier der Deutsch-Studenten wird auch diesmal in meiner Küche Glühwein gekocht. Diesmal sind Mengjie und Changting aus dem Jahrgang 08 zuständig. Chen Dong alias Eva ist als Hilfe dazugestoßen. Mit ihr gehe ich dann auch rüber zur Weihnachtsfeier. Es ist sogar weihnachtlich kalt heute.
Es ist schon Tradition: Am Anfang erkläre ich kurz, was es mit Weihnachten wirklich auf sich hat. Diesmal habe ich mir dazu eine Dia-Schau ausgedacht, bei der zentrale Begriffe der Weihnachtsgeschichte anhand von Bildern erklärt und nachgesprochen werden. Das Ganze kulminiert in dem Vers aus Johannes 3,16 und dem Wort "Evangelium". Ich habe es also geschafft, auf dieser Weihnachtsfeier aus rund 200 Kehlen gleichzeitig das Wort "Evangelium" erklingen zu lassen. Das muss mir eine deutsche Weihnachtsfeier erst mal nachmachen! Und natürlich singt der Chor des Goethe-Sprachlernzentrums auch heute das bestens eingeübte "Morgen, Kinder...", dazu gesellt sich "Es ist ein Ros' entsprungen". Und natürlich geselle auch ich mich voll solidarisch dazu, obwohl ich bei keiner Chorprobe je dabei war. Außerdem Gedichte, Theater und die Männer-Combo der 09-Studenten mit dem Gassenhauer "Give Me Hope, Joachim, für Südafrika". Endlich warm wird es allen, als ich, ebenfalls genau wie im letzten Jahr, "Leckere Weihnachtsplätzchen von Großmutter" vortrage. Bei diesem Spiel muss man rennen, bis einem die Lunge aus dem Hals heraushängt, sofern man leichtfertigerweise die Rolle der Großmutter auf sich genommen hat. Ansonsten halte ich mich weit entfernt von der Bühne auf, damit ich nicht wieder zum Opfer einer Tanz-Intrige werde. Kathi eröffnet mir, der Glühwein schmecke nicht. War mir immer schon klar, Glühwein hat noch nie geschmeckt.
Beim Aufräumen sammle ich die Bonbons vom Boden auf, die der Weihnachtsmann übermütig unterm Publikum verstreut hat (in China ist Weihnachten von Karneval generell kaum zu unterscheiden): Die sind doch noch gut! Zum Schluss gehe ich noch einmal mit der Absolventin Xiaoshi, die inzwischen Lehrerin an der Fremdsprachenmittelschule ist (sin-o-meter berichtete) und allen ihren einstigen Hochschullehrern Kekse mitgebracht hat, in meine Bibliothek. Sie erhält für Ihren Klassenraum ein paar deutsche Plakate. Für einige ist eben doch schon heute Weihnachten!
Der Mandarinen-Mann
Wenn er mit einer Mandarinentüte in der Hand bei mir in der Bibliothekstür erscheint, dann weiß ich schon, was die Stunde gschlagen hat: Ich darf mal wieder Professor Hongs spitzfindigen Fragen zu aktuellen Übersetzungen beantworten. Zum Glück handelt es sich diesmal nicht um als philosophisches Fachbuch getarnten Erotik-Abenteuer, sondern um ein ganz harmloses Buch. Und auch diesmal lädt mich der joviale Professor zum Abendessen ins Xin Zazhi (New Magazine) ein.
Welch ein Jubel, welch ein Leben wird in uns'rem Hause sein!
Ich nutze die Reise nach Xianlin zum Adventssingen um mich vorher in der Nähe gelegenen Außencampus der Nanshida mit der kleinen Li Jianqing zu treffen, die ich schon länger nicht gesehen habe. Sie musste gerade schweren Herzens eine Spontanreise nach Harbin absagen,weil ihre Mitreisenden sich unerlaubt vom Unterricht entfernen wollten, aber leider aufgeflogen sind. Wir haben uns leider gruselig trübes, kaltes und regnerisches Wetter ausgesucht und landen schließlich in einem Supermarkt, wo wir uns mit Keksen und Kinderschokolade eindecken. Ich nehme mich noch eines zitternden Hundes an, der vernachlässigt vor dem Supermarkt sitzt und auf Frauchen wartet. Die kleine Li dagegen hat Angst vor Hunden. Sie nimmt den Bus zurück zu ihrer Uni, nicht ohne mir eine Weihnachtskarte mit vier Seiten Text ausgehändigt zu haben ("You're a very nice person. [...] Does God really give you a better direction in life?"), während ich von hier aus zu Fuß zu der Bodelschwingh'schen Veranstaltung gehen kann. Ich lande zwar erst in der falschen Siedlung, aber das macht nichts, ich habe Zeit genug.
Fast zeitgleich mit mir als erstem Besucher trifft der Schweizer Lehrer Georg aus Fribourg ein, einer Stadt, die ich 1992 ausgiebig erkundet habe. Georg unterrichtet dort Deutsch, wo Karls Kinder zur Schule gehen. Insgesamt kommen etwa ein Dutzend Leute, plus Kinder. Aber die verabschieden sich schon nach den ersten Liedern in den ersten Stock.
Es gebt Lebkuchen und später auch noch drei Sorten Suppe, von Charlotte wie immer mit großem Sachverstand zubereitet. Georg und ich sind auch die letzten, die gehen, hinaus in Regen und Dunkelheit. Nanjing hat sich gleichsam das Wetter ausgeliehen, das es sonst am 3. Advent in Deutschland gibt.
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