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Samstag, 12. November 2011

Neues aus Chicago
Von DM, 23:59

Huang Fans Kollegin Danyu ruft mich aus Chicago an, wo sie im dritten Anlauf Theologie studiert. Ich erfahre einiges Neues: Ihre Mutter, die wegen Falun-Gong im Gefängnis saß, ist wieder frei, auch scheinen ihre Eltern nicht mehr an Scheidung zu denken. Sie hat schon wieder einen amerikanischen Verehrer, "Pastor" nennt sie ihn, einen Chinesen, der schon lange in den USA lebt. Trotzdem zögert sie, seine Eheersuchen anzunehmen. Er hat irgendeine Erbkrankheit, die sich auf gemeinsame Kinder übertragen könnte. Ein Problem, das ich vermutlich nicht lösen kann. Ich höre mir trotzdem alles geduldig an. Schließlich hat die leicht neurotische Autorin, die ich im Mai in meinem Gutachten für eine permanente Künstler-Aufenthaltsgenehmigung in den Vereinigten Staaten mit Iris Murdoch verglichen habe, noch die glorreiche Idee, mich in Deutschland zu besuchen. Ich habe zum Glück ja noch neun Monate Zeit, mir zu überlegen, was dagegen spricht. Das Gespräch dauert so lange, dass ich schon im Bus sitze und zufällig an der Wohnung ihrer Eltern vorbeifahre, als sie endlich nichts mehr zu berichten weiß. Ich verbringe den Rest des Tages auf dem Zijin-Berg.

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Donnerstag, 10. November 2011

Wiedersehen mit Huang Fan
Von DM, 23:59

Nachdem ich gestern, um die letzten Gelder der Kinder-Uni zu verballern, Prof. Wünnemann, dessen Praktikantin Lotta sowie Rebecka Z. vom Rechtsinstitut ins deutsche Restaurant "Swede und Kraut" eingeladen habe (Hauptgesprächsthema: Kakerlaken), gibt es heute nun ein Wiedersehen auf meine Kosten mit Huang Fan, dem Autor, den mir dessen Kollegin Danyu einst vorgestellt hat. Er ist gerade aus Taiwan zurück, wo er drei Monate mit einem Schriftsteller-Stipendium verbracht hat. Er berichtet von hohen Löhnen und niedrigen Preisen und von der englischen Übersetzung einer seiner Kurzgeschichten, die er mir alsbald zuzusenden verspricht. Außerdem erscheint sein bekanntester Roman "Das elfte Gebot" nun auch in einer Taiwan-Ausgabe. Ich überreiche ihm ein Geschenk des deutschen Romanciers Stephan Thome, der mit uns beiden lose befreundet ist: Thomes ersten Roman, den Huang Fan in Taiwan bereits in den Buchläden entdeckt hat.

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Samstag, 05. November 2011

Ausgetrickst!
Von DM, 23:59

"Heute Nachmittag gehe ich zum Xuanwu-See. Hast du Zeit und kannst kommen?" Mit diesen Worten schrieb sich vor einiger Zeit (am 22. Oktober) das Mädchen auf der Bank zurück ins sin-o-meter. Ich habe Zeit. Seit meine Sprachpartnerin Jiakun sich aus meinem Leben gestohlen hat (hat wohl endlich einen Freund gefunden), ist der Sonnabend gewissermaßen vakant. Jetzt treffe ich mich quasi als Ersatz ab und zu mit Huilin. Den heutigen kleinen Wandertag, von ihrer Uni ausgehend durch ein Park-Areal unterhalb des Zijin-Bergs, beschließt sie ziemlich souverän mit einer Einladung zum Essen in einem Restaurant in der Nähe meiner Universität, in dem ich schon mit Liu Chao war. Meine ohnehin eher zaghaften Versuche, das Essen zu bezahlen, sind zwecklos: Huilin hat alles vorher per Internet bestellt und bezahlt. Ausgetrickst auf Chinesisch! 

 

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Samstag, 29. Oktober 2011

Glückssträhne
Von DM, 23:59

Auf Tag folgt Nacht, auf Nacht der Tag, auf Pech folgt Glück: Auch wenn sich die Hoffnung auf klareres Wetter im Nu in Nebel auflöst, als ich aus der Tür meiner provisorischen Bleibe trete, habe ich heute ziemlich viel Glück. Ich wandere noch ein bisschen durch das buddhistische Basislager des Jiuhuashan. Man sieht schon etwas mehr als gestern. Die Tempelanlagen, die gestern nur dunstige Schemen waren, haben jetzt Farben und Konturen. Die schwarzen Piepmätze mit den hahnenkammähnlichen roten Flecken an den Ohren, die in tristen Käfigen vor einem Laden hängen, an dem ich gestern noch gelangweilt vorbeischlenderte, fangen plötzlich an zu reden, dass jeder Papagei vor Neid erblassen müsste. Allerdings ist ihr Wortschatz in Chinesisch noch schlechter als meiner und zu einem richtigen Dialog kommt es auch nicht. Ich wandere noch etwas herum und überlege, wie ich von Jiuhuashan Bahnhof zurück nach Tongling komme, wo ich eine Fahrkarte für den einzigen Zug nach Nanjing um 16.41 Uhr erworben habe. Einen Bus nach Tongling soll es planmäßig erst um 15.50 Uhr geben. Die Sorge, wie ich so früh nach Tongling komme, dass ich rechzeitig am Bahnhof bin, löst sich in Wohlgefallen auf, da es nun plötzlich wie aus dem Hut gezaubert einen Bus um 14.30 Uhr gibt, den ich natürlich sofort nehme. Ich bin zeitig am Busbahnhof und wenig später am Bahnhof. Auf dem Bahnsteig spricht mich ein umtriebiger Chinese aus Maanshan im Norden der Provinz Anhui an, der mich auf unerklärliche Weise an Carsten Kröger erinnert. Wie dieser hat auch mein Begleiter immer was Interessantes zu erzählen: Er kritisiert so laut die Regierung, dass auch die Leute auf den Nachbarsitzen es hören können. Die Nanjinger Hotelangestellte neben mir wagt gar nicht etwas dazu zu sagen. Auch ihr Reisebegleiter, ein Student, hüllt sich in Schweigen und freut sich über jede Art von Themawechsel. Inzwischen findet unser eloquenter Reisegefährte doch noch ein paar gute Seiten an China. Er selbst ärgert sich, dass er erst eine Wohnung kaufen muss, ehe er seine Freundin heiraten und mit ihr nach Hefei ziehen kann. In Maanshan steigt Carsten Krögers Doppelgänger dann aus und es wird fast ein bisschen langweilig. Für die anderen. Ich komme dagegen doch noch ein bisschen zum Lesen.

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Freitag, 28. Oktober 2011

Die Reise nach Tongling
Von DM, 23:59

Heute fällt wegen der chinesischen Variante der Bundesjugendspiele mein Unterricht aus. Ich nutze die vier aufeinanderfolgenden unterrichtsfreien Tage für eine Stippvisite auf dem Jiuhuashan (Neunblumenberg) in der Nachbarprovinz Anhui, drei Zugstunden entfernt. Gestern bin ich nur bis Tongling gekommen. An einem Bahnhof, der draußen vor der Tür der eigentlichen Stadt liegt, fühlte ich mich zunächst wie bestellt und nicht abgeholt. Doch es gelang mir rasch, herauszufinden, dass Bus 2 und 16 in die Stadtmitte führen. Weiter zum Fuß des besagten Berges, wo man in gelbe Touri-Busse verfrachtet wird, die dreißig Yuan extra kosten, ging es aber gestern nicht mehr. Dafür muss ich heute früh raus, denn der Bus fährt schon um sieben. Neben mir sitzt ein junger Arzt, der in einem kleinen Ort in der Nähe Dienst in einem Krankenhaus tut. Wie auf Kommando - "Achtung, Didus im Anmarsch!" - trübt sich nach heiterem Wetter während der gestrigen Anreise der Himmel umso mehr ein, je näher ich dem Wunschziel komme. Und so sieht es lange Zeit so aus, als sollte ein völlig verwahrlost aussehender Landstreicher, der an einem öffentlichen Gebäude herumlungert und nur mit einem schlafsackähnlichen Umhang und einer zerschlissenen Hose bekleidet ist, durch die man ca. 64 Prozent seines blanken Hinterteils sieht, die spektakulärste Aussicht heute bleiben. Denn als ich an dem Ausgangspunkt aller Unternehmungen in diesem buddhistischen Natur- und Kulturpark, einer von Klöstern und Touristenunterkünften geprägten Siedlung, ankomme, hüllt mich dichter Nebel ein. Zehn Meter Sichtweite. Man sieht schemenhafte Konturen aus den wabernden Schleiern auftauchen, was ja auch mal interessant ist, aber für 160 Yuan (ca. 35 Mark) Eintritt dann doch bisschen wenig. Da kann man im Grunde auch gleich wieder umkehren!

Vom wilden Affen gebissen!
Ratlos und ziellos wandere ich die Straße bergan, als plötzlich ein Auto neben mir hält. Ein bereits mit drei Leuten bestücktes Privattaxi wird nicht müde, mich davon zu überzeugen, dass es am besten für mich wäre, mal rasch einzusteigen. Es ist nicht schwer, meine naturgegebene Skepsis zu überwinden. Wir rasen empor, durchstoßen die Wolkendecke, was mich kurz hoffen lässt, landen dann aber doch wieder unter ihr. Der Chauffeur bringt mich zu einem Punkt, an den mich der gelbe Bus auch noch gebracht hätte, wenn es mir vergönnt gewesen wäre, in dieser Suppe den Durchblick zu behalten. Doch die drei Löcher für drei Busfahrten sind mir entgangen und ich habe zehn Yuan extra gezahlt. Dafür zeigt man mir freundlich, wie ich von der Sammelstelle Phönix, wo ich mich nun eingefunden habe, nach ganz oben komme. Der Gebirgspfad, auf dem ich wie üblich nicht ganz allein unterwegs bin, windet sich durch vom Klosterleben geprägte Siedlungen, die Treppe führt nicht selten durch die Häuser hindurch, sodass man auch gleich ein paar Souvenir angedreht bekommen kann, wenn man nicht Dr. Didus heißt. Unterwegs posiere ich ab und zu für junge Wanderleute. Doch eine Horde wilder Rhesusaffen, die sich zwischen dem ins Tal fließenden Bach, einem Kabel und Gebüsch hin- und herschwingen, ehe ein Tourist sie mit Mandarinen anlockt, stehlen mir die Schau. Das kann ich nur schwer ertragen. Also bringe ich mich rasch wieder in den Mittelpunkt, indem ich den sich an den Südfrüchten gütlich tuenden Affen bitte, mir doch auch was abzugeben. Als ich mich nähere, ist der Affe auf einmal wie vom wilden Affen gebissen und springt mir kreischend ans Knie. Da kramen sogar ältere Touris ihr verstaubtes Englisch wieder hevor, um mich zur Vorsicht zu mahnen. Der wilde Affe hat sich aber schon wieder beruhig und ich ziehe weiter. Ich habe noch Äpfel im Gepäck, die ich auch nicht teilen werden. Am höchsten Punkt des Aufstiegs ragt ein Kloster auf einem der Felsen malerisch empor, das "Tim im Tibet" alle Ehre machen würde. Der Ort heißt Tiantai ("Himmelsterrasse").

Leider hat inzwischen Regen eingesetzt und so klare Sicht wie auf dem Postkartenmotiv oben habe ich natürlich nicht. Doch ab und zu treiben Abwinde die Wolkenschwaden hinfort und geben den Blick auf die Hänge unterhalb frei. Ich lasse das Kloster hinter mir und wandere weiter. Es lohnt sich, denn auf dem Weg zur "Blumenterrasse" durchquere ich eine immens schmale Felsspalte und sehe auch noch das berühmte Buddha-Gesicht (ein Felsen, der, aus der richtigen Perspektive betrachtet, aussieht wie ein Gesicht mit Nase, Augen und Brauen). Ein Lob, muss ich denken, meinem Ausstatter Jack Bröselskin, dem ich die unverwüstliche "Postbüx" und die nicht minder unverwüstliche "olle Lederjacke" verdanke. Vor allem die olle Lederjacke bietet immer wieder Schutz vor dem feuchten Nass von oben. Inzwischen bin ich übrigens mutterseelenallein im Gebirge unterwegs und fühle mich ein bisschen wie der Held aus "127 Stunden", dem letzten Film meines früheren Interview-Partners Danny Boyle. Beim Abstieg werde ich dann doch noch für meine Strapazen entlohnt: mit einer wahrhaft himmlischen Panorama auf die umliegenden Hänge des Jiuhaushan, deren Spitzen aus einem weißen Nebelschleier herausragen, dessen Anblick einem den Atem raubt. Hinzu kommt die Farbenspiel des Herbste mit gelb-braunen Tupfern im Grün der  Berge. Ich staune so lange, dass ich reichlich spät wieder unten bin. Aber ich bin gar nicht unten. Ich bin in einer vom Nebel verhüllten Siedlung, in der ich prompt den Weg verliere und plötzlich in einer Waldlichtung stehe, in der ein paar gefällte Bäume alles sind, was hier noch an einen Wanderweg erinnert. Ich muss wieder zurück in die Spur. Aber das ist leichter gesagt als getan bei einer Sichtweite unter zwanzig Metern! Ein Klappern. Da irgendwo ist Leben in dieser verlassen wirkenden Siedlung. Doch das Klappern rührt von einer Wasserwippe im Bach, die oben voll läuft und dann mit einem Klappern nach unten kippt, sich dort entleert und wieder hochschwingt. Die kann mir nicht aus der Patsche helfen. "Nur nicht die Nerven verlieren", sage ich mir, "es ist doch unmöglich, dass ein Touristenwanderweg im Nichts endet. Tatsächlich stoße ich, als ich den Weg zurückgehe, eine asphaltierte Straße, die von Laternen gesäumt ist. Nun kann der Weg in die Zivilisation nicht mehr weit sein. Ich lande in einer Tempelsiedlung, die zugleich Abfahrtsort der gelben Busse ist. In dem Nebel finde ich die zwar erst, nachdem ich mich bei einem der verstreuten Touristenrudel erkundigt werde. Wenige Minuten vor fünf besteige ich den letzten Bus von hier, der dann auch um fünf pünktlich abfährt - mit mir als einzigem Gast. Ich finde eine Herberge, deren Betreiberin mich ständig anschreit und auch sonst wenig geübt darin zu sein scheint, ihren Gästen Wünsche von den Augen abzulesen. Immerhin ist das Hotelzimmer auch nicht teuer (umgerechnet 16 Mark) und nachdem ich eine Weile gezittert und dreimal darum nachgesucht habe, trifft auch endlich die Fernbedienung für die Klimaanlage ein. Ich wandle auf MacGyvers Spuren und befestige in Ermangelung von Kleiderbügeln mit einem Kugelschreiber meine völlig durchnässten Socken an der Klimaanlage, sodass der warme Strahl sie über Nacht trocknen kann. Die Kleidung zum Wechseln liegt im Tal in der Gepäckaufbewahrung an der Busstation.

 

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Montag, 17. Oktober 2011

Unser heutiger ganz besonderer Gaststar
Von DM, 23:59

Man braucht nur irgendeine verschrobene Idee, nennt das Kunst und schon fährt man damit durch die Weltgeschichte. Das war so ungefähr der Wortlaut eines Kommentars meiner Psychologie-Kollegin Annette, als sie heute Mittag in der Bibliothek von unserem heutigen - wie hieß das in der Muppets-Show? - "ganz besonderen Gaststar" Ottjörg A.C. hört. In der Mupptets-Show hätte der extravagante Künstler, der äußerlich an den "großen Lebowski" erinnert und mit dem im Gefolge die Institutsleiterin heute nach meinen Vormittagsstunden den Hörsaal stürmt, sicherlich eine gute Figur gemacht. In aller Kürze: Ottjörg (Vorname? Nachname? Künstler!) tourt durch die Weltgeschichte zur Anfertigung und späteren Präsentation farbiger Tiefdrucke von Kritzeleien auf Schülertischen. Seine zentrale These: Tischkritzeleien haben was Globales. Als ich gegen elf seinen Dia-Vortrag verlasse, um die Bibliothek zu öffnen, bremst er mich: Moment! Nicht ohne sein Kunstbuch Deskxistence, das ich natürlich gern in den Bestand meiner Bücher aufnehme. Den Rest des Vortrags kann Benno für mich verfolgen, der zuvor in der Absolventenklasse, ebenfalls als Gaststar, von seinen Erfahrungen mit dem Magisterstudiengang Literatur- und Kulturtheorie in Tübingen berichten durfte.

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Samstag, 15. Oktober 2011

Der große Tag
Von DM, 23:59

Lieber Professor von Ye Siyuan (Benno), bei diesem Eintrag handelt es sich um den Blog von Dr. Mehrens, der mit Benno zusammen die Kinder-Uni auf die Beine gestellt hat. Dieser Text entstand für eine DAAD-Publikation und wurde von mir überdies Benno für seinen Praktikumsbericht zur Verfügung gestellt. Es handelt sich bei Siyuans Bericht also mitnichten um eine Kopie aus dem Internet.
Nanjing
(Bericht des sin-o-meter-Korrespondenten). Mit zwei Fachvorträgen zu ökologischen Fragestellungen trug sich die Universität Nanjing nach Schanghai und Wuhan in die Liste der Hochschulstandorte ein, die im Rahmen der DuC-Nachhaltigkeitsinitiative Ausrichter einer Kinder-Universität wurden. Das Programm stieß auf beachtliche Resonanz.
Da staunten auch die altehrwürdigen Gemäuer der Universität Nanjing nicht schlecht, als an einem sonnigen Samstag mitten im goldenen Oktober fast achtzig Kinder zwischen 13 und 16 Jahren einen ihrer Hörsäle stürmten, um an der ersten an dieser Universität veranstalteten DuC-Kinder-Uni teilzunehmen. Unter dem Motto Umwelt in Bewegung setzten der Kinder-Uni-erprobte Leiter des Schanghai-Hamburg-Büros Lars Anke und der frisch gebackene National Friendship-Preisträger Prof. Dr. Bernd Wünnemann die inhaltlichen Akzente. Anke, der unter dem Titel Umweltfreundliche Stadtentwicklung in anschaulicher Form Chancen und Vorteile des ökologischen Wohnungsbaus erläuterte, gehört zu den Pionieren der Kinder-Uni-Arbeit in China und hatte bereits der Kinder-Uni in Schanghai 2010 in Verbindung mit der EXPO seinen Stempel aufgedrückt. Auch der mit der höchsten von der Regierung der Volksrepublik China an Ausländer zu vergebenden Auszeichnung geehrte Geo-Wissenschaftler Wünnemann war in Schanghai bereits als Kinder-Uni-Referent im Einsatz. Der deutsche Langzeitdozent für physische Geografie prägte nach einem Buffet auf Einladung des sin-o-meter, bei dem die Kinder sich im Anschluss an den anspruchsvollen Vortrag von Lars Anke stärken konnten, das Nachmittagsprogramm mit dem Themenschwerpunkt Trockenheit in China – eindrucksvoll und laiengerecht erläutert. Beide Vorträge honorierten die Schüler mit interessierten Nachfragen. Vor allem die sie unmittelbar betreffenden Informationen zum Wassermangel in China fanden im Anschluss an Prof. Wünnemanns Vortrag beachtlichen Widerhall unter den jugendlichen Gästen, womit sich erwies, dass ein Vortrag zum Thema Wüstenbildung noch lange kein trockenes Programm bedeutet.

Für das Rahmenprogramm hatte Kinder-Uni-Direktor Dr. Didus mit tatkräftiger Unterstützung von Prof. Dr. Chen und einiger jüngerer Kollegen des Universitätsinstituts für deutsche Philologie, deren Leiterin Frau Prof. Yin die Kinder-Universität gewohnt souverän eröffnete, sowie des eigens für die Veranstaltung eingestellten Assistenz-Projektmanagers Ye "Benno" Siyuan (Absolvent der SISU in Schanghai) einigen Aufwand betrieben, um die Deutsch-Schüler zu beeindrucken. Neben gemeinsam für die Kinder-Unis Wuhan (am 14. Okt.) und Nanjing (15. Okt.) hergestellten Kinder-Uni-T-Shirts, DuC-Mützen und -Schlüsselanhängern gab es ein extra für die Kinder-Uni produziertes Bändchen mit einer Erzählung von Friedrich Schiller, des berühmten Jenaer Hochschullehrers, mit dem in Ergänzung zu einer Sonderseite im Programmheft dezent auf die Vorzüge ostdeutscher Hochschulstandorte aufmerksam gemacht wurde. Hintergedanke: Programmhefte mögen eine eher kurze Lebensdauer haben, einen Schiller dagegen wirft man nicht so rasch weg.

Auch die örtlichen Medien waren auf die Veranstaltung aufmerksam geworden: Am Vormittag erschien die Kameramannschaft eines Jiangsuer Provinzsenders mit pädagogischem Schwerpunkt zu Dreharbeiten. Kinder-Uni-Chef Dr. Didus stand in einem Interview Rede und Antwort zur Idee der Kinder-Universität und zu den Vorzügen des Hochschulstandortes Deutschland. In Anbetracht des insgesamt außerordentlich positiven Verlaufs dieser zweisprachig durchgeführten Veranstaltung war umso mehr zu bedauern, dass Vertreter des Generalkonsulats Schanghai sowie hohe Vertreter der Universität Nanjing aufgrund anderweitiger Verpflichtungen nicht persönlich zugegen waren. Der Leiter der Abteilung Kultur und Bildung des Generalkonsulats Schanghai, Wilfried Eckstein, richtete sich jedoch in einem Grußwort an die jungen Gäste, das Didus verlas.

Ein Ratespiel im Stil der legendären ZDF-Kindersendung "Eins, zwei oder drei" auf schwarz-rot-goldenen Lösungsfeldern, ein Wettrennen zum Auftakt des Nachmittagsprogramms, bei dem die traurige Geschichte der durch eine Baumaßnahme aus ihrem Heimat-Biotop vertriebenen Waldtiere Karl (Käfer), Lydia (Ameise) und Thekla (Spinne) erzählt wurde, sowie jede Menge Kinder-Joy-Überraschungseier rundeten das Programm ab, an dessen Ende die hoch erfreuten Teilnehmer mit speziellen Kinder-Uni-Diplomen in deutscher und chinesischer Sprache den Titel einer "Diplom-Nachwuchskraft für Umweltfragen" zuerkannt bekamen. Gerüchteweise war aus dem Umfeld der Organisatoren zu vernehmen, dass sich nach Abschluss der Veranstaltung in den Privatgemächern des Dr. Didus der Konsum von Produkten der Marke "Kinder" vervielfacht hat.

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Mittwoch, 12. Oktober 2011

Der Teufel im Detail
Von DM, 23:59

Und nun doch noch eine dicke Pleite. Benno, mein Bote, frisch aus Wuhan zum Werbeartikel-Austausch (unsere Mützen hin, T-Shirts und Schlüsselanhänger aus Wuhan her) zurück, präsentiert die T-Shirts, deren Entwurf auf mich zurückgeht. Doch statt Veranstaltung steht auf dem Rücken Vetanstaltung und statt Kinder-Universität Kinder-Uniuersität. Ich rufe sofort in Wuhan bei der Kollegin an und die stellt erbittert fest: Die Druckerei hat die korrekten Entwürfe eigenmächtig geändert und natürlich von deutscher Rechtschreibung keinen Schimmer. Erschwerend kommt hinzu: Die (in Wuhan ausgetauschte) Schreibschrift machte einige Buchstaben leicht verwechselbar. Während Benno die Taschen mit den Werbematerialien sowie den von mir erstellten Programmheften (inklusive eines kleinen Schiller-Büchleins, das ich herausgebe) füllt, arbeite ich in der Bibliothek weiter. Morgen müssen noch Kinder-Überraschungseier für das Quiz "Eins, zwei oder drei" gekauft werden. (Die heißen hier übrigens "Kinder-Joy" und bestehen aus zwei Hälften: eine Hälfte ist Spielzeug, die andere besteht aus braun-weiß gestreifter "Schoko-Mac"-Krem, die man aus der Eierschale schaben muss und in der zwei "Giotto"-Kugeln kleben.) Und mehr und mehr kristallisiert sich heraus: Kinder-Uni – das ist wie Weihnachten und Ostern am selben Tag!
Am Abend schmökere ich in einem Exemplar der fertig gedruckten Programmhefte und stelle fest: Bei "umweltfreundlich" fehlt das i. Ich erleide umgehend einen mittelschweren Nervenkoller, denn ich bin, quasi in Personalunion, Chefredakteur, Chef-Designer, Chefautor und Herausgeber des Programmhefts.

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Montag, 10. Oktober 2011

Nachwuchkraft
Von DM, 23:59

In letzter Sekunde, beim Schließen des Dokuments, bevor es Benno morgen in Druck gibt, bemerke ich den Fehler: Da fehlt das s bei "Diplom-Nachwuchskraft für Umweltfragen" auf den Urkunden, die am kommenden Sonnabend am Ende der von mir veranstalteten Kinder-Universität verliehen werden sollen. Inzwischen wissen wir, dass weder ein Vertreter des Generalkonsulats aus Schanghai noch ein hoher Repräsentant der Universität Nanjing zugegen sein werden bei der Eröffnung am Sonnabend Vormittag. Das entspricht nicht den Wünschen der Pekinger Chefetage des Akademischen Austauschdienstes, aber mir persönlich macht das gar nichts aus. Je weniger hohe Tiere, desto mehr bin ich der Chef.

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Sonntag, 09. Oktober 2011

Morgenstund' hat Mist im Mund
Von DM, 23:59

Daran könnte sich Deutschland mal 'ne Scheibe abschneiden: Fällt hier der Feiertag auf einen Sonnabend oder Sonntag, ist der Montag danach frei. Anlässlich des heiligen Nationalfeiertags am 1. Okt. sogar Montag bis Mittwoch. Dass dann aber auch noch Donnerstag und Freitag frei sind, dafür aber am darauf folgenden Wochenende gearbeitet werden muss, ist indes schon wieder des Guten zu viel. Sonntags ist mein Bio-Rhythmus nämlich voll auf Wochenende und GoDi eingestellt. Zum Glück habe ich aufgrund einer Vorahnung zwei Wecker gestellt, sonst hätte ich heute mal wieder verschlafen. Ich muss die U-Bahn nehmen, der Uni-Bus ist schon weg. 7.04 Ortszeit. Ein vor dem Eingang zur U-Bahn rechts abbiegendes Moped fährt mich an und die blinde Tussi beschimpft mich. Ich unterlasse es, einem spontanen Impuls folgend das Moped samt Fahrerin in Grund und Boden zu treten. Denn wer neue Schuhe anhat, tritt damit bekanntlich nicht in den Mist, wie eine bereits andernorts zitierte chinesische Spruchweisheit lautet.

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Montag, 03. Oktober 2011

Pâtes zum Tag der deutschen Einheit
Von DM, 23:59

"Pâtes" nennt mein französischer Kollege Alain das Gericht eines offenbar uigurischen "Gastarbeiters", in dessen Straßenrestaurant in einer kleinen Gasse jenseits der Hauptstraße er am Vormittag ein paar Fotos geschossen hat. Zur Feier des Tages lädt er mich auf einen Teller "Pâtes" ein. Es handelt sich dabei um selbst hergestellte Nudeln etwas gröberen Zuschnitts. Nach einem üppig gefüllten Teller bin ich papp-, äh, pâte-satt! Ich nutze die Gelegenheit und engagiere Alain spontan und quasi so nebenbei als Pressefotograf für die Kinder-Universität in knapp zwei Wochen. Sein erster bezahlter Auftrag, jubelt Alain.

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Samstag, 01. Oktober 2011

Nationalfeiertag
Von DM, 23:59

Am heutigen Nationalfeiertag nehme ich mir ein Boot. Nachdem ich vor einem Jahr mit der entzückenden Jianqing (Foto) und im Sommer mit der weitaus weniger entzückenden Danyu über den Xuanwu-See geschippert bin, nehme ich mir diesmal ein Boot ganz allein für mich (was alles in allem wesentlich entspannender ist) und schippere, da der Xuanwu-Hu heute fest in der Hand von Touristen sein dürfte, für den Sonderpreis von 50 Yuan eine Stunde über den Mochou-See. Ich mache kurz Halt an der verlassenen Mini-Insel, die offenbar früher als Ausflugsziel galt, denn in der Mitte steht ein halb verfallener Pavillon. Während die Dämmerung den Hochhaus-Horizont graut eintönt, lege ich in der Nähe der U-Bahn-Haltestelle Mochou-Hu wieder an. Den Rückweg trete ich zu Fuß an und stelle mal wieder fest, dass nachts alle Straßen grau sind. Am Ende sitze ich doch in der U-Bahn und bin eine Stunde später zu Hause als geplant.

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Montag, 26. September 2011

Die Rückkehrer
Von DM, 23:59


Nachdem das Essen im Campus-Restaurant, das ich von meiner Wohnung aus in einer halben Minute erreichen kann, letzte Woche wegen der Verspätung der Reisenden aus Peking bekanntlich ausfallen musste, hole ich das heute nach. Eingeladen habe ich dazu den scheidenden Austauschschriftsteller Kai Weyand und die von mir ein Jahr lang vermissten Studentinnen des Jahrgangs 06, von denen immerhin eine, Xiaochen, jetzt frisch vergeben, auch schon in Großenaspe war (Foto). Was keiner ahnt: Gleich im Nebenraum tafelt, ohne mein Wissen, das Kollegium mit einigen deutschen Gästen. Ich mache gleich klar: "Aber Weyand kommt zu uns!" An der Uni verblieben sind, nach einem Jahr in Deutschland oder anderswo, Lingli alias Biggi, Lijie, Xiaochen, Ruilu, Xuehui, Liu Min sowie (leider abwesend) Siqiao. Da das ja nun alles Mädchen sind, tue ich mich nicht schwer noch einen als Gaststar angekündigten Studenten hinzuzubitten: Benno, meinen Assistenz-Projektmanager. Der kennt Ruilu und Biggi aus Deutschland.
Sie alle lasse ich erzählen von den prägenden Eindrücken nach einem Jahr Deutschland, und was ich bekomme, sind Berichte aus Griechenland, Spanien und Norwegen, wohin es Lijie und Xiaochen ausgerechnet um die Zeit des Osloer Bombenanschlags verschlagen hat, woraufhin Lijie sofort wieder abreisen wollte, was eine immer entspannte Xiaochen gar nicht einzusehen vermochte. In Barcelona wurde Xiaochen Opfer eines Taschendiebes. Die geklaute Tasche tauchte aber wenig später, da nichts von bleibendem Wert drin war, auf nicht mehr ganz zu klärende Weise wieder auf. Viel zu sehen gab es freilich nicht; die Innenstadt war gesperrt. Schließlich berichtet Kai von seinem stärksten Eindruck: dem Besuch des Massaker-Museums.

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Sonntag, 25. September 2011

Zu Besuch bei Kaisers
Von DM, 23:59

Student Xu Wen, von mir vor einer Weile mit einem Buch von weltgeschichtlicher Größe ausgestattet, hat mich zu einem kleinen Wandertag eingeladen. Mit von der Partie ist ein Student der Naturwissenschaften. Verblüffenderweise stoßen wir im Ming-Gräber-Park, einem etliche Quadratkilometer großen Areal, das ein Mausoleum für verschiedene Kaiser der Ming-Dynastie (14. bis 17. Jahrhundert) beherbergt, auf lauter Bekannte: Erst kreuzen am Rande des "Heiligen Pfads" mit den zwölf Tierskulpturen (Foto) Spitzenstudent Zhou Rui und die umtriebige Meiling mit ihren deutschen Sprachpartnern unseren Weg.

Danach ertappen wir Changting und Chen Ling (ebenfalls aus dem Abschlussjahrgang) beim Picknick mit zwei Damen aus einer Delegation der Partner-Universität Göttingen: alle zu Besuch bei Kaisers.
Endstation ist der Zixia-Badesee. Ein rarer Anblick: lauter Chinesen, die schwimmen können. Während der kurzen Rast am See werde ich prompt zum Opfer blutgieriger Moskitos, was uns zum raschen Aufbruch nötigt.

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Mittwoch, 21. September 2011

Mistverständnisse
Von DM, 23:59

Unser aller Pekinger Chef, Herr Hase-B., ist gemeinsam mit einem Referatsleiter des Akademischen Austauschdienstes anlässlich einer Tagung und wichtiger Gespräche mit Uni-Größen in der Stadt. Für den Abend habe ich für die Gäste aus Peking und ein paar deutsche Gastdozenten weisungsgemäß einen Tisch im Uni-Restaurant vor meiner Haustür bestellt und auch noch mal umbestellt, nachdem ich erfahren musste, dass Hase-B. und Co. erst eine Stunde später eintreffen würden als ursprünglich geplant. Denn nach acht Uhr kann man in den Universitätsrestaurants leider keine Feten mehr steigen lassen. Um die Zeit geht da nämlich schon das Licht aus.
Ich bin also mit meiner Reservierung ausgewichen in ein koreanisches Restaurant in Uni-Nähe. Um halb acht tauchen dank meiner exzellenten Wegbeschreibung auch die ersten Gäste auf, aber wo bleibt der hohe Besuch aus der Hauptstadt? Ist da was schief gelaufen? Ein Anruf auf meinem mobilen Hörapparat: "Ja, wir stehen jetzt hier im Eingangsbereich des koreanischen Restaurants. Wo seid ihr?" Der Eingangsbereich unseres Restaurants ist von unserem Platz aus bestens zu überblicken. Herr Hase-B. im falschen Film? In einer Parallelwelt? Was ist passiert? Ich werde meiner Verantwortung als Chef-Koordinator gerecht und betätige mich als Pfadfinder. Wir sind im fünften Stock, aber in den anderen Restaurants stehen keine Langnasen hilflos in der Gegend herum. Ich fahre per Rolltreppe wieder nach unten, blicke auf die Straße: kein Hase-B. weit und breit. Griff zum mobilen Fernsprechapparat: "Seid ihr denn auch wirklich an der U-Bahnstation Zhujianglu ausgestiegen?"
"Nee, äh, wir sind hier in Xinjiekou."
"Von Xinjiekou war ja auch nie die Rede. Ich hatte doch EXTRA geschrieben U-Bahnstation Zhujianglu!" Zitat aus meiner Wegbeschreibung: "Verwendung von Aufgang 4 der U-Bahn-Station Zhujianglu."
"Wir sind aber gar nicht mit der U-Bahn gekommen und der Taxifahrer hat uns hier rausgelassen." Zitat aus meiner Wegbeschreibung: "Tipp: sich auch dann an der Zhujianglu-Station in den Untergrund begeben um EXIT 4 (wichtig!) zu finden, wenn man mit dem Taxi kommt."
Ich suche nach einer Erklärung, die niemanden brüskiert: "Ich fürchte, der Taxifahrer war da keine große Hilfe."
"Und wir sind hier auch im vierten Stock. Und hier gibt es eine Rolltreppe und ein koreanisches Restaurant. Das passte alles genau zu deiner Beschreibung."
Ich sage: "Am besten, ihr fahrt jetzt mit der U-Bahn eine Station zurück, dann seid ihr da."
"Wir nehmen lieber ein Taxi."
"Nehmt ihr also ein Taxi. Vor dem Gebäude an der ZHUJIANG LU steht eine große, gelb-schwarze 'Transformers'-Figur; daneben erwarte ich euch."
Ich harre also ein paar Minuten an der großen, gelb-schwarzen "Transformers"-Figur aus, während sich ein paar Stockwerke über mir alles fragt, in welchem Raum-Zeit-Loch erst die Ehrengäste und dann ich verschwunden sein mögen. Schließlich taucht vor meinen Augen das Taxi mit den beiden Ver(w)irrten auf. "Zum Glück hat das Restaurant etwas länger auf", versuche ich, das Positive zu sehen.
Das Essen ist gut, der Abend verläuft fröhlich, bis mich Hase-B. mit der Auskunft schockt, für die von mir durchzuführende Kinder-Uni müssten ja noch viel mehr wichtige Leute, z.B. der Uni-Präsident und der Generalkonsul aus Schanghai, eingeladen werden, ob ich denn mit denen schon in Kontakt getreten sei. Ich höre von einer solchen Prominentenklausel zum ersten Mal. Kurz darauf stehe ich sogar noch dümmer da, als nämlich Hase-B. mit der bitteren Wahrheit herausrückt, wir müssten doch jetzt mal die Rechnung teilen. Das gab's ja noch nie: Der Chef bittet um ein informelles Besprechungsessen und der Akademische Austauschdienst lädt nicht ein! Ich habe in völlig konträrer Erwartung mein Portmonee einfach in der anderen Hosentasche gelassen, als ich mir die feinere Hose anzog. Zum Glück bekomme ich noch ca. 70.000 Yuan staatlicher Fördergelder für die Kinder-Uni. Da kann Hase-B. mir dann auch gerade noch mal mit 100 Yuan aus der Kreide helfen.

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Montag, 19. September 2011

Tweety und der weiße Kaffee
Von DM, 23:59

Wang Xige ist wieder da. Unlängst habe ich sie im sin-o-meter als Tweety vorgestellt. Wie immer meldet sie sich am Telefon auf Chinesisch und stellt mich vor fast unmöglich zu lösende Verständnisprobleme. Sie redet was von Kaffee. Benno, der neben mir steht, will was von einer Einladung zum Kaffee verstanden haben. Aber er war zu weit weg vom Telefon. Ich befinde mich gerade mit meinem frisch ernannten "Assistant Project Manager" im Büro der Uni-Druckerei um einen Werbedruckauftrag zu besprechen. Wenig später steht sie in der Tür und drückt mir Tüten mit Instant-Cappuccino in die Hand. Xige versucht mir mitzuteilen, dass sie das im letzten Semester ausgeliehene Buch "Schlaglichter der deutschen Geschichte" nicht mehr auffinden könne. Das müsse sie dann ersetzen, sage ich, aber sie solle man noch mal daheim gründlich suchen. Draußen erkläre ich dann noch in dürren Worten, dass ich Kaffee gar nicht trinke, aber ich verspreche, diesen "weißen Kaffee" wenigstens mal zu probieren und das Pulver dann weiterzuverschenken. (Mein Satz endet bei "mal probieren".)
Am Abend gibt es schon wieder ein feudales Diner. Diesmal hat die Linguistik-Professorin Chang ihre deutsche Kollegin Pittner zum Abschluss einer Vortragsreihe eingeladen. Gekommen sind auch Professor Hong (diesmal im schnieken Anzug) und eine Reihe ehemaliger Professoren des Deutsch-Instituts, alle um die achtzig Jahre alt. Neben mir sitzt die einzige Kollegin dieser Generation. Sie war dereinst die Lehrerin der jetzigen Chefriege und hat die ganze Kulturrevolution miterlebt. Sie drückt mir das Buch "Nachsinnen am Bodensee", eine Sammlung von eigenen Texten, in die Hand, die sie vermeint mir schon bei unserem letzten Zusammentreffen ausgehändigt zu haben, was aber nicht stimmt. Die erste Studentin, die später das Buch in der Bibliothek ausleiht, ist Xige. Der "weiße Kaffee" landet bei Benno, der das Projekt, dieses aus meiner Sicht ungenießbare Zeug zu verwerten, mal schön "managen" kann.

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Donnerstag, 15. September 2011

Assistant Project Manager
Von DM, 23:59

Im nächsten Monat bin ich so etwas wie der ausführende Produzent einer so genannten "Kinder-Universität". Es handelt sich dabei um eine Marketing-Aktion, bei der potentielle spätere Studenten (die jetzt noch Mittelschüler sind, aber Deutsch an der Schule lernen) für den Studienstandort Deutschland begeistert werden sollen. Zwei Referenten habe ich schon an Land gezogen. 7.000 Teuro soll ich ausgeben. Das wird schwer, denn ich darf leider nichts in schwarze Kassen abzweigen. Da ich ja noch was anderes zu tun habe, als mich um den ganzen Vorbereitungszirkus zu kümmern, habe ich - der Mensch denkt, Gott lenkt - die Stelle eines "Assistant Project Manager" an Benno vergeben, der in Nanjing zur Schule gegangen ist, aber in Schanghai studiert hat, mich regelmäßig in der Bibliothek aufsucht und glücklicherweise für sein Studium in Tübingen ein Praktikum benötigt. Heute kann ich ihm also all die lästigen Aufgaben wie T-Shirts-drucken-Lassen oder Mützen-drucken-Lassen ans Bein binden. Und er freut sich auch noch darüber. Gestern habe ich Benno formell engagiert und einen Vertrag mit Dienstsiegel und allem Schnickschnack ausgestellt, woraufhin Benno nach einigem Drucksen mit der drängenden Frage herausrückte, ob er denn nun bei diesem Projekt auch wirklich an bedeutender Stelle mitwirke. "Auf jeden Fall", versichere ich Benno. Über ihm gebe es nur noch zwei Etagen, mich und Herrn Hase-B. in Peking.
Heute verabreden wir uns an der Haltestelle von Bus Nr. 11 und Benno begleitet mich an seine ehemalige Schule, wo ich mit zwei Deutschlehrerinnen (die ältere unter ihnen ist seine ehemalige Lehrerin) das Unterfangen bespreche, Teilnehmer für die Kinder-Uni rekrutiere und das Projekt noch einmal ausführlich vorstelle. Wir sitzen in einem leeren Klassenraum, aber - pst! - die Klasse nebenan schreibt gerade einen Test.

Lesung im letzten Jahr: Lu Min und Svealena Kutschke

Es sind über dreißig Grad bei ca. 80 Prozent Luftfeuchtigkeit. Eigentlich habe ich wenig Lust, mich nachmittags zur Nanjinger Pädagogischen Hochschule zu begeben, wo eine Lesung mit den chinesischen Autoren Lu Min, Han Dong und Ye Zhaoyan stattfindet sowie mit dem deutschen Gast-Autor Kai Weyand. Meine Chefin, die Leiterin des Instituts für deutsche Philologie, moderiert. Das Oberthema, von meiner Chefin nach der Lektüre eines SZ-Kommentars zum Thema Guttenberg ausgewählt, lautet "Leistung", aber wie immer ist das den Dichtern aufs Auge gedrückt worden und sie lesen Texte, die nur für denjenigen etwas mit dem Thema zu tun haben, der genug Fantasie hat, um selbst Romane zu schreiben. Ich komme viel zu spät, weil ich das Gebäude Sui Yan Shu Fang (Studio für Buchdesign), in dem die Sitze aus zusammengeleimten Pappflächen bestehen, nicht ohne ortskundige Hilfe finden kann. Zum Glück ist neben Lijie, Absolventin unseres Fachbereichs vor einem Jahr, noch Platz. Schließlich fällt aus Zeitgründen auch noch die deutsche Übersetzung aus; zum Glück habe ich den "Spiegel" für solche Fälle immer dabei. Beim anschließenden Essen sitze ich neben Han Dong, der leider arg am Glimmstängel hängt und mir zwischen den Fluppen ein paar Eindrücke aus seinem Stipendiumsaufenthalt in Göttingen schildert. Wie alle Dichter hier gehört er zu den Geförderten des Künstleraustauschprogramms des Goethe-Instituts "Künstler in Residenz" in Partnerschaft mit den Universitäten Nanjing und Göttingen. Ich frage ihn, ob er die mit mir gut bekannte Danyu kenne. Ja, sagt er, was mache die denn eigentlich. Ist in Chicago, sage ich, studiert Theologie, aber sie verkracht sich ständig mit der Uni-Leitung. Auch Lu Min schüttle ich kurz die Hand. Immerhin hat sie mich vor zwei Jahren zum "Pfingstrosen"-Ballett eingeladen. Das verschweige ich Kai natürlich, der Lu Min sehr bemerkenswert findet. Unserer klügsten Studentin Yinyin haben allerdings die männlichen Autoren besser gefallen.

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Dienstag, 13. September 2011

"Ha - ha - ha!"
Von DM, 17:31

Nach drei Monaten meldet sich meine Partnerin für deutsch-chinesische Austauschstudien Jiakun (auf dem Foto rechts) per SMS, weil ich lange nichts von mir hören ließ. Sie fragt: "Are you o.k.?" Ich antworte: "I am now in Jiangsu Provincial jail. Beat  taxi lady again in court!"

Erklärung: Ich hatte noch einen blöden Witz gut bei ihr, nachdem sie im März nach einem Tennisball, der sie unglücklich traf, gescherzt hatte, ebenfalls per SMS, sie sei jetzt im Krankenhaus. Mein Deutschlehrer Gaipl hätte, betont langsam, gesagt: "Ha - ha - ha!"
Und was sagt Jiakun? Sie schickt zwei Nachrichten innnerhalb von 30 Sekunden. 1. "Ein Scherz!"
2. "Im Ernst?"

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Sonntag, 11. September 2011

Abschied von der Seidenreiher-Insel
Von DM, 23:59


Zum Frühstück streike ich mal wieder. Gestern Abend beim großen Abendessen habe ich wie üblich zu arg zugeschlagen. Und die Fußball- und Literaturgespräche mit Kai bis in die tiefe Nacht hinein fordern auch ihren Tribut. Fünf Minuten vor dem Ende der Frühstückszeit tauche ich im Restaurant auf, erkläre den Kollegen, ich hätte bisschen Magendrücken, und schlürfe noch einen süßen Wasserreisbrei in mich hinein.
Im Anschluss folgen eine kleine Wanderung am See entlang und auf eine Aussichtsplattform, bei der die Gefahr der Überanstrengung gleich Null ist. Nur die schwüle Hitze setzt mir zu. Ich suche etwas Spannung. Mein Ausflug auf einen künstlichen Felsen am See wird prompt zum Oh- und Ah-Fotomotiv. Bisschen peinlich. Damit sind die Höhepunkte unseres zweiten Tages auf der Seidenreiher-Insel, die eigentlich ja nur eine Halbinsel ist, auch schon genannt. Vor Einbruch der Dunkelheit sind wir wieder zu Hause.

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Samstag, 10. September 2011

Die Seidenreiher-Insel
Von DM, 23:59

Besuch von der Universität Göttingen: Unsere aus Deutschland zurückgekehrten Studenten des Jahrgangs 06 und die demnächst dorthin reisenden 07-Studentinnen nehmen mit zwei deutschen Dozentinnen teil an einer "Werkstatt" zur Wissenschaftssprache. Ich schau auch mal kurz vorbei. Mittags gehe ich mit Yixuan und Yijie (siehe Eintrag vom 27. Mai: oben links Yijie, unten links neben mir: Yixuan)  in Richtung eines nahe gelegenen Restaurants. Yijie biegt rechts ab, Yixuan und ich treffen eine wie immer blendend aufgelegte Yangliu, die die frisch gebackene Jura-Studentin Hao Hui (in Großenaspe bekannt als Inge), ihre Lieblingslehrer Qin Wen (auf dem Foto hinten im blauen Hemd) und Didus, ihren Freund und eine Freundin zum Essen eingeladen hat. Auf der Arbeit, irgendein Verwaltungsding, schiebt sie eine ruhige Kugel, weiß sie zu berichten. Yixuan muss sich vorzeitig verabschieden, denn die Werkstatt geht weiter. Zum Abschied gibt es die auch schon in Großenaspe berüchtigten Pemmikan-Platten (getrocknetes Rindfleisch), jetzt auch in Bonbon-Form im Angebot. Da kann man wirklich nicht widerstehen!

Gegen halb vier finde auch ich mich wieder im Gebäude der Wissenschafts-Werkstatt ein. Im Anschluss beginnt von hier aus nämlich der große deutsch-chinesische Lehrer-Ausflug auf die Bailudao- oder Seidenreiher-Halbinsel, ca. 80 km von Nanjing entfernt. Die Deutsch-Lehrer der Uni und ihre deutschen Gäste (zweimal Göttingen, einmal Freiburg) steigen in einen gut klimatisierten Charter-Bus. Die Studenten (zu Besuch sind Wang Dan und Minmin, die ihre Freundinnen Yijie und Yinyin besuchen) winken brav. Die Reise beginnt.
Am Zielort staunen Schriftsteller Kai Weyand und ich, die gemeinsam einen Luxus-Bungalow für Parteikader und neureiche Chinesen beziehen, nicht schlecht über den Komfort in der malerisch gelegenen Ferien-Anlage. Natürlich überlasse ich dem aus dem fernen Freiburg angereisten Gast den Schlafraum mit integriertem Bad und Seeblick. Wir bilanzieren: Hier könnte man das auch länger aushalten als ein Wochenende.
Die "heißen Quellen", die wir nach Einbruch der Dunkelheit ansteuern und bei deren erster Erwähnung ich isländische Geysire und pulsierende schweflige Ausstöße mit Dunst- und Nebelgewaber vor Augen hatte, erweisen sich als Wiederholung des Ausflugs mit Feiqian und ihrem Papa im Vorjahr (siehe sin-o-meter-Eintrag vom 24. Februar 2010). Auch diesmal amüsieren wir uns in einer Warmduscher-Badeanstalt mit Knabberfischen (oder auch ohne) in mineralogisch wertvollen Planschbecken, die in räumlich getrennten Plansch-Pavillons liegen, zwischen denen man sich, mit weißen Handtüchern behängt, unter freiem Himmel hin- und herbewegt. Neu für mich ist das "Tote Meer", wo das spaßige Im-Wasser-Treiben ohne Schwimmbewegungen jedoch jäh endet, sobald man einmal Wasser ins Auge bekommt. Nachdem die Jungs mich mit ins türkische Dampfbad geschleppt haben, das ihnen aber nicht heiß genug ist, sodass sie prompt in der Sauna landen, streike ich. In der Hitze halte ich nur fünf Minuten durch. Ich gehe lieber noch mal ins Jasminbad. Nach dem Heraussteigen gleite ich leider (wie nach der Ankunft schon einmal die Kollegin Prof. Chang) auf den feuchten Stufen aus und kann mich beim Sturz auf den Boden gerade noch mit dem linken Arm abfangen. Sonst wäre die Schulter womöglich schon wieder hi' gewesen. Nix passiert, sage ich dem erschrockenen Bademeister und begebe mich auf den Schreck noch mal zu den Putzerfischen, die ich nun ganz für mich allein habe. Schließlich gibt es eine Lautsprecher-Durchsage, die die (männlichen) Nanda-Lehrer zum Auftauchen auffordert. Die Professorinnen sind schon länger durch mit dem Programm. Ich erscheine mit zehminütiger Verspätung im Dusch- und Umzugsbereich des Thermalbads.
Originellerweise ist Kai Anhänger des SC Freiburg, der heute eine 7:0-Schlappe gegen einen wieder in Normalform spielenden FC B einstecken muss. Leider wird das Spiel nicht von CCTV-5 übertragen und wir ahnen nichts von dem spektakulären Ausgang der Partie. Für ihn zweifellos besser so.

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