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Mittwoch, 23. Dezember 2009

Maximo und Magendrücken
Von DM, 23:59

So richtige Vorweihnachtsstimmung kommt ja nicht auf, wenn man am 23. Dezember nachmittags mit freiem Oberkörper auf dem Balkon sitzt und liest. Zugegeben, ich bin gerade meine zwanzig Runden im Wutaishan-Stadion gelaufen, aber bei Winterwetter wäre ich sicher schon wieder abgekühlt. Der Kalorienverlust ist übrigens heute besonders sinnvoll, denn am Abend gibt es ein Weihnachtsbankett und diesmal werde ich nicht, wie im letzten Jahr, den Bus verpassen, der uns, eine Handvoll ausländischer Dozenten, in ein Nobel-Hotel kutschiert. Ich bin sogar zwanzig Minuten zu früh!
Constanza hat mich gleich ausgemacht hinten auf der Rückbank des Busses und setzt sich zu mir. Sie hat nicht nur an die von mir entliehenen DVDs gedacht, sondern mir auch noch ein kleines Weihnachtspräsent mitgebracht. Ich darf es aber erst morgen öffnen. Wir haben uns die letzten Monate freitags einige Male zum Essen getroffen, damit ich mein Spanisch etwas aufpolieren konnte. Constanza ist heute Abend glücklich und ich weiß auch, warum: Morgen trifft in Schanghai Maximo aus den USA ein. Der heißt nicht nur so, sondern ist es auch: der „maximo lider“ ihres Herzens nämlich, ihr seit seit vier Monaten schmerzlich vermisster Zukünftiger. Während wir dinieren, muss er schon unterwegs sein. Constanza wird ihren Vertrag nicht erfüllen und schon im März, nach einer Chinareise mit Maximo, in ihre argentinische Heimat zurückkehren, was meinem Spanisch sicher nicht zum Vorteil gereichen wird.
In einem vornehmen Festsaal haben sich auf Einladung der Provinzregierung von Jiangsu rund zweihundert Ausländer eingefunden und werden gleich zwanzig Meter Büfett-Tische abschreiten um sich mit Köstlichkeiten auszustatten. Constanza hat sich in den Kopf gesetzt, heute bei der Tombola etwas zu gewinnen, aber als das letzte Los gezogen wird und sie noch eine minimale Chance auf den Hauptpreis, einen weißen Plüschbären, siebzig Zentimeter lang, hat, schreit, als hätte ihn ein spitzer Gegenstand getroffen, plötzlich der 75-jährige Politik-Professor neben ihr auf, der in den sechziger Jahren einige Zeit in Argentinien verbracht und seiner bezaubernden Sitznachbarin an diesem Abend schon sein halbes Leben erzählt hat. „Ich habe noch nie etwas gewonnen!“, erläutert der sichtlich bewegte Gelehrte seinen emotionalen Ausbruch. Er lässt sich nun also vorne auf der Bühne den Plüschbären aufbinden. Uns anderen bleiben immerhin das gute Essen und einige folkloristische Tanz- und Gesangseinlagen. Der Ananasreis und die Schokowaffeln haben es mir besonders angetan. Constanza und ich setzen uns noch für ein Abschiedsfoto auf die von den Musikerinnen verlassenen Stühle auf der Bühne, als die Party aus ist, aber leider ist ihre Batterie mal wieder leer.
In der Nacht werde ich nur drei Stunden schlafen können. Magendrücken.

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Sonntag, 20. Dezember 2009

Der Mann im Baum
Von DM, 23:59

Der ältere Herr im Baum ist eigentlich die einzige nennenswerte Besonderheit am heutigen vierten Advent, aber dafür doch um so kurioser. Ich habe mich allein auf meinen Hausberg Zijin Shan begeben. Der Himmel ist heute strahlend blau. Auf dem Gipfel lungern wie immer allerhand Touristen herum und er, der Mann im Baum, hängt im Baum, mit den Kniegelenken in einen Ast eingehakt, Kopf nach unten. So hängt er da schon so lange, wie ich auf dem Gipfel raste, und liest Zeitung mit Hilfe von Steinen, die er auf die Seiten legt, damit der Wind sie nicht wegweht. Mir liegt es auf der Zunge zu fragen: „Warum hängen Sie im Baum?“, aber das kommt mir dann doch zu neugierig vor. Zumindest bestätigt sich der altbekannte Befund, dass die Jungen die Alten hier in China nicht mehr verstehen und umgekehrt.

Übrigens: Der Zijin-Berg ist genauso hoch wie der jüngst fertig gestellte Zifeng-Turm, den man von hier aus gut sehen kann: 448 Meter.

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Samstag, 19. Dezember 2009

Meifa
Von DM, 23:59


Cathy hat es auch nicht leicht. Ende November haute sie die Schweinegrippe um und sie musste ins Krankenhaus. Und letzte Woche hatte sie Windpocken. Ein Unglück kommt eben selten allein. Und nun sitze ich mit ihr beim Frisör und sie hofft sicherlich, dass ein drittes Unglück ausbleibt. Das Jahr ist nämlich rum und Cathy will kürzere Haare. Ich weiß auch nicht, ich wollte nur mal fragen, was sie denn heute Abend noch so vorhabe, und das habe ich so klingen lassen, als hätte ich nichts dagegen, dabei zu sein. Tja, und nun sitze ich beim Frisör, einem hippen Laden, in dem ein halbes Dutzend Kunden gleichzeitig verschönert werden kann (deswegen sagt man jetzt auch Schönschnitt, "meifa", statt Haarschnitt, "lifa"). Dabei ist ja mein Jahr noch gar nicht rum und ich bin folglich nur Zuschauer. Zur Entschädigung lädt sie mich anschließend in Giuseppe Parisis CIAO ITALIA in der Shigu Lu ein. Sie ist fast die einzige Chinesin in dem vornehmen Laden. Typisch vornehmer Laden ist auch dies: Die Lasagne-Portion ist so klein, dass zwei davon für mich gerade gereicht hätten. Da Chinesinnen indes notorisch um ihre Schlankheit besorgt sind, schafft Cathy nicht mal ihre paar Nudeln in Sahnesoße.

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Donnerstag, 17. Dezember 2009

Roter Wein und blauer Fleck oder: Weihnachtsfeier Teil 2
Von DM, 23:59

Gemeinsam mit Feiqian und Chen Dong alias Eva geht es mit dem Uni-Bus zurück in meine Wohnung. Im Bus bin ich so vertieft in das Gespräch mit Feiqian, dass ich erst beim Aussteigen merke, dass mein französischer Kollege Alain rechts neben mir sitzt. Der hätte ja auch mal was sagen können!
Wir sind um eins in meiner Wohnung. Aber erst mal gehen wir jetzt essen. Am Südtor treffen wir auf Xiaoqi, der auch zu dem Jahrgang gehört (einer von drei Jungs), aber nicht mit uns essen, sondern lieber seine Haare in Fasson bringen lassen will. Eva bestellt ein Reisgericht. Feiqian und ich entscheiden uns für etwas mit Pilzen. Schmeckt gut. Wir warten dann bei mir zu Hause auf Jinting, die Leiterin des Glühwein-Kommandos. Feiqian wartet draußen, damit Jinting uns finden kann. Bei mir in der Wohnung kümmern wir uns dann um die Zubereitung des Spezial-Glühweins, der heute Abend auf der Weihnachtsfeier der Deutsch-Abteilung serviert werden soll, das heißt, die Studentinnen kümmern sich darum. Ich korrigiere derweil ihre Geschichte-Tests. Denn bei Glühwein kann ich nun gar nicht helfen, schon gar nicht mit Rezepten. Wenn nichts zu tun ist, löchert mich Eva mal wieder mit indiskreten Fragen und will außerdem wissen, was sie im Test für eine Note bekommt. „Erst mal sehen, was die anderen geschrieben haben“, antworte ich. Eine völlig entnervte Yangliu ruft an, weil sie im Stau steckt und daher viel zu spät kommen wird. Dreimal sagt sie: „Ich habe eine Bitte an Sie. Aber, nnnng, wie kann ich das sagen?“ und macht mich ganz nervös damit. Ihr Problem: Da sie Xi Min versprochen hat, vorher mit mir den Ablauf durchzugehen, bittet sie mich, so zu tun, als wäre sie heute nie im Stau gewesen. „Solange ich nicht für Sie lügen muss“, sage ich.
Als ich in meiner neuen Jacke und meinem film-o-meter-Jackett (Outfit 1) im Saal eintreffe, muss ich zuerst Luftballons aufblasen, bei denen einem nach dreimaligem Pusten die Luft wegbleibt; dann saut Yijie alias Cecilia meine neue Jacke mit blauem Zeugs ein. Und das ging so.
Didus: „Was ist denn das?“
Cecilia: „Wollen Sie mal sehen?“ SPRÜH!
Und schon habe ich blaues Zeugs auf der Jacke haften. So schnell konnte ich gar nicht antworten. Cecilia scheint nun aber doch der Schreck in die Glieder gefahren zu sein, dass da so viel rausgekommen ist. Sie rubbelt verstört an meiner Jacke herum wie Loriot in einem seiner Pannensketche und verteilt das Blau auf dem gesamten Ärmel. „Keine Angst, das geht ganz leicht wieder ab. Beim Waschen.“ Die neue Jacke kostete umgerechnet 27 Mark. Und ich weiß genau: Im modernen China gibt mir das kein Recht empört zu sein.
Für die Weihnachtsfeier habe ich die ersten fünf Minuten des JESUS-Films von der Technik-Expertin der Studenten auf einen Computer kopieren lassen und lasse das anstelle einer langen Rede vom eigentlichen Sinn des Weihnachtsfestes laufen. „Was ging da damals ab?“, frage ich analog zum Motto der Feier.
Wesentlich besser kommt aber mein Lesestück „Leckere Weihnachtsplätzchen von Großmutter“ an (Kopie aus dem Vorjahr), eine Geschichte, bei deren Vortrag ständig um die Wette gerannt werden muss. Und ihren besonderen Spaß haben natürlich alle, als ich bei einer Lehrer-Vergesäßungsaktion pantomimisch als arroganter Darcy um die Gunst von Elizabeth Bennet („Stolz und Vorurteil“), verkörpert von einer deutschen Kollegin, buhlen muss. Am Ende muss ich auch noch tanzen. Alles abgekartet. Die Mehrens-Sprechchöre kamen wie auf Kommando und die Rolle des von der Liebe gedemütigten arroganten Schnösels, der dann auch noch tanzen muss: wie das kleine Einmaleins von allem, was ich hasse, auf fünf Minuten gerafft. Als Tanz wähle ich Ringelpiez mit Nach-drei-Sekunden-wieder-Loslassen. Klassischer Fall von guter Miene zum bösen Spiel. Außerdem ist mal wieder alles zu laut. Kurz vor Ende der Veranstaltung gehe ich ins Klo um mir Klopapier in die Ohren zu stopfen, renne aber danach in der Gegend rum wie diese Mars-Sonde, zu der Houston keinen Kontakt mehr hat. Mein persönlicher Höhepunkt ist die Musical-Version des Märchens vom Wolf und den sieben Geißlein, das, wie ich mir habe sagen lassen, durch eine Zeichentrickserie in China zu ungeahnter Popularität gelangt ist. Die Studenten des Jahrgangs 08 spielen das eindrucksvoll nach, unterstützt von Schafskopf-Stirnbinden aus Pappe. Beim Abschlussfoto muss ich Cecilia, die hinter mir steht, fast die Arme umdrehen, weil sie immer über meinem Kopf Häschenohren macht. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

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Mittwoch, 16. Dezember 2009

Schuss vor den Bug
Von DM, 23:59

Als heute Nachmittag die Magister-Studenten die Gliederungen und Entwürfe ihrer im nächsten Jahr fälligen Arbeiten vorlegen müssen, platzt der Fachbereichsleiterin, die zusammen mit mir und vier weiteren Professoren den Studenten gegenüber sitzt, der Kragen: Von ernsthaften Überlegungen, wie die Arbeit gestaltet werden soll, sind zumindest einige der Prüflinge noch so weit entfernt wie die Erde vom Mars. Hier zeigt sich ein ganz massiv verbreiteter Virus einmal mehr überdeutlich: die Aufschieberitits. Hinzu kommt, dass gerade die Studenten, die ihren B.A. an einer anderen Uni gemacht haben, einfach noch zu große Rückstände hinsichtlich der Befähigung zum selbstständigen und eigenverantwortlichen Arbeiten aufweisen. Dem Studenten Zhao geht die Kritik so unter die Haut, dass er während der Sitzung kurz raus muss. Einige Professoren haben Mitleid. Ich stimme der gestrengen Fachbereichsleiterin aber zu: ein plakativer Entwurf zu Walsers Romanen, der keinerlei inhaltliche Durchdringung des Themas erkennen lässt, ist dann doch zu wenig für einen Magisterstudenten.

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Samstag, 12. Dezember 2009

Weihnachtsfeier Teil 1
Von DM, 23:59

Draußen regnet und stürmt es. Nachdem es gestern Abend ja ganz schön spät wurde, schlafe ich in Ruhe aus. Danach geht es ins Sprachlehrzentrum des Goethe-Instituts, das zu einer Weihnachtsfeier geladen hat. Ich sitze am Tisch mit einem Lehrer, der hervorragend Deutsch spricht, und vier Studenten, die besser in Englisch sind als in Deutsch. Frau Yi, die an einem anderen Tisch sitzt, beschere ich mit einem Buch. Dafür stellt sie mir in Aussicht, dass sie die überfälligen Bücher aus meiner Bibliothek bald zurückgeben wird. Adventslichter brennen und wir dürfen Papiersterne basteln, die dann an der Tafel des Unterrichtsraums aufgehängt werden. Der Weihnachtsmann kommt auch und hat sogar das „goldene Buch“ dabei, in dem die guten und schlechten Taten der Studenten aufgezeichnet sind. Mein Tischnachbar bekommt Stress wegen mangelnder Hausaufgaben, andere tadelt der Mann in Rot wegen der Verwendung eines Mobiltelefons während des Unterrichts. Die Leiterin des Zentrums wird gerügt, weil der Weihnachtsmann erfahren hat, dass sie nachts zu viel arbeitet. Aber es gibt dennoch Geschenke. „Stille Nacht“ und „O du fröhliche“ singen wir gleich zweimal, weil es im Liederheft nur vier Lieder gibt. Dabei sollten die Deutschen doch wissen, dass die Chinesen Singen lieben.

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Donnerstag, 10. Dezember 2009

Kara-OK
Von DM, 23:59

Danyu, die exzentrische Künstlerin mit den manisch-depressiven Attacken, hat sich in den Kopf gesetzt, dass sie mich heute Abend zum Dank für ein Empfehlungsschreiben an eine amerikanische Theologie-Fakultät ins Restaurant einlädt, und meistens setzt sie ja ihren Kopf durch. Das gilt auch für die Idee mit dem Ausflug in eine Karaoke-Bar, von der sie zuvor gesprochen und von der ich insgeheim gehofft hatte, sie hätte das irgendwie vergessen. Diese Karaoke-Bars sind aber eigentlich gar keine Bars, sondern Parzellen oder meinetwegen auch Gummizellen, in denen man seine ganz privaten Partys feiern kann, was nebenan in einer größeren Zelle lautstark geschieht. Vor bequemen Sitzmöbeln steht ein großer Fernseher und daneben eine Art Computer, an dem man die Lieder, die man singen möchte, programmieren kann wie bei einer Musik-Box. Danyu trällert ein Lied nach dem anderen in das Mikrofon, das ständig übersteuert und die Lautsprecher gequälte Geräusche absondern lässt. Ab und zu ist mal ein englisches Lied dabei, daran darf ich mich dann versuchen. Ansonsten vergisst sie mal wieder Zeit und Raum und muss am Ende, so gegen ein Uhr, nach draußen und in den Fahrstuhl geschleift werden, weil für mich längst Kara-k.o. statt Kara-o.k. gilt. Im Fahrstuhl fällt sie mir schließlich um den Hals und draußen bricht sie in Tränen aus, weil sie sich von mir zurückgewiesen fühlt. Ich fühle mich maßlos überfordert.

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Sonntag, 06. Dezember 2009

Adventssingen
Von DM, 23:59

Mein ehemaliger Mitschüler Karl und seine Frau haben zum Adventssingen geladen. Ich nehme Bus Nr. 97 vom Bahnhof und memoriere den Namen der Station Yanmin Shanzhuang, den Karl mir genannt hat, damit ich den Ort, wo ich aussteigen muss, auch ja nicht verpasse. Da! Schon höre ich die Stimme im Bus „Yanmin Shanzhuang“ sagen. Schnell zum Ausstieg! Aber als der Bus hält, hört sich der Stationsname auf einmal anders an und ich steige lieber nicht aus. Denn bestimmt habe ich mir in der Nervosität nur eingebildet, dass die Stimme „Yanmin Shanzhuang“ gesagt hat, und in Wirklichkeit hat sie etwas ganz anderes gesagt. Bald wird mir klar, dass da mal wieder was schief gelaufen ist, und zwar, als plötzlich alles aussteigt und ich mit dem Fahrer allein im Bus zurückbleibe. Wenig später stehe ich in einer verlassenen Stadtrandgegend allein an einer Haltestelle, die definitiv nicht Yanmin Shanzhuang heißt und auch nicht mehr Ähnlichkeit mit Karls Kolonie hat als der Mond mit der Erde, und warte auf den ersten Bus, der in die Gegenrichtung fährt. Auch auf der Gegentour hält der Bus nur eine Station nach Yanmin Shanzhuang und ich muss noch mal 15 Minuten laufen. Es ist wie verhext. Und das am 2. Advent!
In Karls und Charlottes  Ausländer-Siedlung sehen natürlich alle Häuser und Straßen gleich aus. Sie heißen auch alle gleich. Alles Gärten: Hui Jin Garden, Qi Fu Garden, Renmin Garden! Mein Gedächtnis lässt mich im Stich. Ich war im Mai zuletzt hier, aber damals wurde ich gefahren. Die Bauarbeiter, die ich frage, haben auch keine Ahnung und schicken mich in eine Sackgasse. Schließlich rufe ich Karl mit dem Mobiltelefon an, was ich nur höchst ungern tue. Im Hintergrund ertönt bereits lautes vorweihnachtliches Singen. Am Ende liest Karl mich auf der Straße auf und ich kann zusammen mit einem guten Dutzend Deutscher, die ihr eigenes Kulturgut wiederentdecken in „Vom Himmel hoch“ mit einstimmen. Und anschließend gibt es – Karl hatte nämlich kürzlich einen Termin in der Heimat – Lebkuchen und Mandelspekulatius (nicht die billigen von Aldi)! Gegen halb neun fährt mich der alte Schulfreund dann sicherheitshalber höchstpersönlich zum Bahnhof.

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Sonntag, 29. November 2009

EU-China-Gipfel blockiert Christen in Nanjing
Von DM, 23:59

Wegen der Hitze im Express-Zug von Peking bin ich so gerädert, dass ich mich zu Hause erst mal ins Bett hauen muss. Dabei wäre heute die Chance gewesen, endlich mal pünktlich zum GoDi zu erscheinen. Daraus wird aber doppelt und dreifach nichts. Denn nachdem ich mich endlich gequält erhoben und mit Bus Nr. 100 zum Hotel Ramada begeben habe, finde ich lediglich Lydie, die Gabunerin aus meinem Hauskreis, vor, die überall im fünften Stock, wo wir uns sonst treffen, Hinweise plakatiert, dass wir uns leider heute woanders treffen. Grund ist der EU-China-Gipfel mit Barroso und Co. Dass die sich ausgerechnet hier treffen müssen!... Mit Bus Nr. 100 fahre ich zurück, aber der hält erst in Xinjiekou, so dass ich einen Kilometer wieder zurücklaufen muss. Da ist der GoDi dann auch schon halb vorbei. Das hat man von einer EU, die auf den Gottesbezug in der Verfassung verzichtet: keinen Respekt vor den wirklich wichtigen Gipfeltreffen!

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Samstag, 28. November 2009

Advents-Botschaft
Von DM, 23:59

Die Tagung ist vorbei, ich sitze in der Lobby des vornehmen Peking-Hotel an jener U-Bahn-Haltestelle, zu der Liu Chao mich bestellt hat, an der ich aber nicht lange rumstehen und frieren wollte. In der Lobby des Vorzeigerestaurants mit einer Eingangshalle so lang wie ein Schwimmbad steht sie dann plötzlich hinter mir. Ich habe ihr versprochen, dass sie mich einladen darf und ich ihr das Portmonee leer esse, weil sie im April in meiner Wohnung alle meine Joghurts verspeist hat. Naja, ganz setze ich das nicht in die Tat um. Anschließend will Liu Chao unbedingt in die Botschaft, denn auf deren Gelände findet ein Weihnachtsbasar mit Chorsängern in langen Kutten und vielen typischen Weihnachtsmarktständen – Verkauf für einen guten Zweck, klar – statt und ihre Firma, Siemens Hochgeschwindigkeitzüge, ist natürlich auch mit ein paar Mitarbeitern vertreten. So lerne ich am Nachmittag ihren neuen Chef kennen. Auch Andreas und Katja, den Pekinger Kollegen, laufe ich über den Weg. Dabei waren wir beide erst vor vier Tagen Gäste der Botschaft, bei einem eigens für die Konferenzteilnehmer organisierten Empfang. Mit Mühe kann ich Liu Chao ausreden, dass ich ihr einen Adventskranz kaufe, dafür muss ich ihr aber Baumkuchen und Adventsschokolade spendieren, denn ich habe die Schokolade aus Deutschland, die ich ihr versprochen hatte, in Nanjing vergessen. Liu Chao kauft auf meine Empfehlung noch ein Reader's Digest Auswahlbuch, weil die so gut verdaulich sind, und danach wandern wir zu Fuß die lange Allee entlang, an der die Botschaft liegt, bis wir an einer U-Bahn-Station stranden. Dort sagen wir tschüs. Sie fährt nach Tangshan zurück, ich ins Hotel, lese noch etwas und breche dann auf zum nagelneuen Pekinger Südbahnhof, wo es statt Bahnsteigen Terminals gibt und damit die Gemeinsamkeiten mit einem Flughafen noch lange nicht enden. Dafür ende ich: im total überhitzten Erste-Klasse-Schlafwagenabteil des Schnellzugs nach Nanjing. Da Liu Chao mich kennt, muss ich ihr eine SMS senden, sobald der Zug sich in Bewegung gesetzt hat. Nach dem Tropenaufenthalt in der Vier-Mann-Kabine werde ich morgen, am 1. Advent, früh um 6 total unausgeruht in Nanjing eintreffen.

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Freitag, 27. November 2009

Schnappi, das kleine Krokodil
Von DM, 23:59

Albert geht's nicht so gut. Er konnte ca. eine halbe Stunde vor Beginn des Abschlussbanketts nicht widerstehen und hat sich auf der Straße einen Fleischspieß gekauft. Jetzt ist ihm nicht mehr so nach Essen. Er legt sich mit Magenbeschwerden ins Bett. Nach dem Essen beschließen Alberts muntere Kollegin Ursula sowie Julia, Festplatten-Frank aus Chongqing und andere, denen nicht nach Nachtklub oder Tanzlokal zumute ist, dass wir den Abend in irgendeiner kleinen Klitsche mit einer großen Kniffel- und Uno-Spielrunde ausklingen lassen. Erst muss ich aber überredet werden, dass das eine gute Idee ist. Kneipen notorisch abhold wollte ich nämlich lieber in der Hotel-Lobby bleiben, statt andernorts fremden Nikotinqualm zu inhalieren. Als ich Festplatten-Frank nach fünfzehn Minuten Wanderung durch die Eiseskälte von Peking bereits damit in den Ohren liege, dass ich gleich umkehren werde, stoßen wir in Uni-Nähe auf ein Eckchen wie für uns gemacht. Der kleine Schuppen mit nur drei, vier Tischen ist tatsächlich auf Spielabende spezialisiert und die Betreiber schauen uns so gebannt zu, dass sie ganz vergessen uns nach unseren Bestellungen zu fragen. Eine bildschöne Aushilfskellnerin sorgt dann doch noch für die Bedienung. Ursulas heiße Schokolade erweist sich jedoch als Flop: Sie wurde mit Wasser statt mit Milch zubereitet. Zuvor hat die schöne Kellnerin im Kneipen-Computer bereits so zielsicher nach deutschem Liedgut gefahndet, dass nun „Schni-schna-Schnappi, das kleine Krokodil“ unsere Ohren betäubt. „Oh“, rufe ich auf Chinesisch den Leuten am Tresen zu, „ein deutsches Lied!“ und wirke dabei so was von begeistert. Meine Mitspieler werden mich dafür noch mit Blicken zu töten versuchen, denn ab sofort läuft Schnappi als Endlosschleife. Mir egal, ich habe eine Glückssträhne. Nach dem Kniffel-Minusrekord vor zwei Tagen auch überfällig! Schließlich findet die Kellnerin mit den guten Internet-Kenntnissen auch noch ein Lied von Rammstein. Da war Schnappi ja fast noch besser! Am Ende lassen wir sie noch einige Runden Uno mitspielen. Sie scheint die Regeln allein durch ihr augenfällig neugieriges Zusehen gelernt zu haben.
Als wir nach Mitternacht am verriegelten Südtor erscheinen, entschließe ich mich zum Sprung über den Zaun und bin etwas früher im Bett als der Rest, der lieber einen Umweg macht. Alberts Magen hat sich unterdessen gut erholt und die Korrektur vieler Klausuren zugelassen.

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Donnerstag, 26. November 2009

Schnecken in pikanter Soße
Von DM, 23:59

Das Mittagessen lasse ich immer ausfallen. Meinem Dehn- und Streckmagen reicht ja eine üppige Mahlzeit am Tag. Ursula, die zweite Konferenzteilnehmerin aus meiner früheren Uni YUST, macht sich schon Sorgen. Dazu ist kein Grund. Nachdem ich gestern mit ihrem Chef bin ich heute mit Christina und Silvia alias Chunji (siehe sin-o-meter-Eintrag vom 5. Oktober) verabredet. Ich bin fast pünktlich, doch an der riesigen U-Bahnstation Xidan verliere ich die Orientierung. Chunji ist am Mobiltelefon und eigentlich weiß ich auch, wo sie steht, aber nachts sind bekanntlich alle Straßen grau. Und irgendwie muss eine von den vier Fußgängerbrücken hier über der Hauptstraße neu sein. Ich bin dann doch noch halbwegs pünktlich, das ist auch gut so. Denn Chunji war die letzten vier Tage krank, da soll man ja nicht so lange in der Kälte herumstehen.Christina hat ein vornehmes Restaurant in der Nähe ausgesucht und da trudeln wir dann via Fahrstuhl ein. Christina diagnostiziert mir mit dem ihr eigenen Charme, dass die Jahre nicht spurlos an mir vorüber gegangen seien, seit ich sie bei ihrer Abschlussfeier 2004 zum letzten Mal gesehen habe. Sie selbst sieht besser aus denn je, damenhafter, das Kassengestell von eins ist einer Designer-Brille gewichen (soweit ich das beurteilen kann). Und Heiratspläne haben beide auch schon, also nicht nur Heiratspläne, sondern auch den dazu passenden Mann: Nächstes Jahr und übernächstes Jahr soll geheiratet werden. Sogar ein Wohnungskauf in der Nähe der neuen U-Bahn ist bei Christina schon so gut wie unter Dach und Fach. Der Mann scheint eine gute Partie zu sein: „Er behandelt mich gut“, erklärt Christina mit Silberblick. Also, die teurere Brille und die elegantere Kleidung scheinen gewirkt zu haben. Christina gelingt es dank ihrer Beredsamkeit sogar, mich dazu zu bewegen, eine der Schnecken zu probieren, die sie mir als Köstlichkeit anpreist und die sie vor meinen Augen geschickt mit einer Spezialzange aus dem Häuschen holt, dann in zwei Teile zerfetzt - den unteren, schwarzen Teil (das sind wohl die Gedärme), den könne man nicht essen - und dann eine nach der anderen genüsslich verspeist. Chunjji und ich ahmen also die geschickten Handgriffe nach und probieren auch eine Schnecke, aber es bleibt dann auch bei der jeweils einen. Nebenbei lerne ich das Idiom "man de xiang woniu yiyang" ("lahm wie eine Schnecke") und so esse ich auch. Das Tier schmeckt eigentlich nur nach der Sauce, in der es an- bzw. zu- oder auch hingerichtet wurde.

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Mittwoch, 25. November 2009

Verschüttgegangen
Von DM, 23:59

Am dritten Tag der Konferenz ist Ausflugszeit: Ein Bus bringt uns Hochschullehrer erst zu geheimnisvollen Eunuchen-Gräbern der Ming-Dynastie, in denen aber keiner mehr liegt, dafür liegt eine Mumie im musealen Ausstellungsraum nebenan, die zwar nicht so gut erhalten ist wie Mao, der vor allem besser gekämmt ist, aber die Zähne sind noch ganz gut. Es ist eines der älteren Viertel, in denen wir bei frostigen Temperaturen unterwegs sind (unten im Grab war's wärmer). Es sieht so aus, „wie man sich China eigentlich vorstellt“, bemerkt einer der Kollegen treffend. Es geht zu Fuß in einen Tempel, der einen Steinwurf entfernt liegt. Ich unterhalte mich unterwegs mit Julia, die als Deutsch-Lektorin im Auftrag der Bosch-Stiftung in Guilin tätig ist, dem Tor zu den legendären Karst-Bergen im Süden. Eigentlich wollte sie ja Polizistin werden, weil das im Fernsehen immer cool rüberkommt, aber das habe ihr Vater ihr so lange madig gemacht, bis sie nun Deutsch-Lehrerin geworden sei. Der Papa ist aber immer noch unzufrieden, denn das sei ja auch nichts Richtiges. Dafür ist sie verheiratet, aber ihr Mann ist momentan nicht da. Als wir an der Mauer des höchsten Pavillons der Anlage stehen, sehen wir nichts von der Stadt unter uns. Alles liegt hinter grauer Nebelsuppe. Beim Abstieg zeige ich der Kollegin Claudia, die auf der Konferenz mehrfach durch laute Zwischenrufe auffällig geworden ist, rasch das Klo. Ich selbst bewundere das Hündchen, das davor liegt. Dann sind auf einmal alle weg. Und wir wissen nicht genau, wo der Bus steht. Also gehen wir erst mal so los. Ich erfahre, dass sich der Professor, der gestern über Herta Müller referiert hat, schon über ihren Zwischenruf beschwert hat, was ihr gar nicht behagt. Ich sage: „Du bist manchmal etwas undiplomatisch.“ Außerdem erfahre ich, dass Claudia mit sechs Fingern an einer Hand geboren wurde und der, als sie klein war, abgebunden wurde, bis er abfiel. Das scheint Claudia bis heute nicht ganz verkraftet zu haben oder dass ihre Mutter das nicht so gut verkraftet hat, hat sie nicht so gut verkraftet. Die hielt den Finger für ein böses Omen. Oder so. Jedenfalls frage ich jetzt erst mal bei einem Laden an der Ecke, ob man hier eine Horde Langnasen gesehen habe. Ein Obstverkäufer mit Wagen erinnert sich und weist die Richtung, aus der wir kamen. Aber Claudia scheint von dem Verlassenwordensein so traumatisiert zu sein, dass sie wieder Richtung Tempel gegangen ist. Ich entscheide, dass es klüger ist, jetzt erst mal Anschluss zu halten. Claudia holen wir dann später. Ich nehme meinen Tempo-1-Wanderschritt auf und stoße wenig später auf den Leiter der Konferenz, instruiere ihn kurz, gehe zurück und lese Claudia auf, die mich zum Schatz erklärt, weil sie gerade mit dem Telefon niemanden erreicht hat, und mir erst mal ein Stück Brot aus der kleinen Straßenbäckerei anbietet, neben der wir stehen. Ich als Pfadfinder, der die Ruhe bewahrt und die Lösung weiß. Das war mal was Neues!
Am Abend esse ich mit Albert in der Nähe der Renmin-Universität in einem vornehmen kantonesischen Restaurant mit vielen Tieren in großen Aquarien chinesische Nudeln. Unterbrochen wird der Abend nur von Alberts pflichtgemäßen Telefonat mit seiner koreanischen Frau, die zu Hause zwei kleine Kinder hat und sich mindestens so verloren fühlt wie Claudia vor ein paar Stunden. Albert enthüllt auch ein paar der Herausforderungen, die so eine interkulturelle Ehe mit sich bringt: Nachdem sie niedergekommen war, durfte die junge Mutter sich traditionellerweise einen Monat lang nicht waschen, worüber die hilfsweise angereiste Schwiegermama des Gatten eisern wachte. Sicher ist das nicht das Bild, das man vor Augen hat, wenn man jung und verliebt seiner koreanischen Freundin einen Antrag macht, vermute ich und bin ziemlich froh, dass mir so was nicht passieren kann.

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Montag, 23. November 2009

Gleich rechts und dann die erste links!
Von DM, 23:59

Heute ist der erste Tag der Pekinger Konferenz für Deutschdozenten in China, organisiert vom Akademischen Austauschdienst. Ich reise mit dem Flugzeug an. Ich habe mir fest vorgenommen, diesmal gar nicht erst Hektik aufkommen zu lassen. Und vor allem werde ich mir in Zhonghuamen kein 100-Yuan-Taxi aufschwatzen lassen. Ich werde warten, bis das Sammeltaxi voll ist und werde nur die üblichen 25 Yuan bezahlen, obwohl ich eben an der Metro-Station auf der falschen Seite ausgestiegen und 15 Minuten in die falsche Richtung gelaufen bin. Ich schwitze trotz des leichten Gepäcks und habe jetzt nur 100 Minuten bis zum Abflug. Wann mein Flug gehe, fragt mich der Chauffeur. Ich weiß genau: Wenn ich jetzt die Abflugszeit um 16 Uhr nenne, macht der mich nervös und schwatzt mir den Direkt-Transfer für 100 Yuan auf. Also sage ich in gespielter Seelenruhe: „Ist noch Zeit!“, sitze fünfzehn weitere Minuten auf heißen Kohlen, bis sich endlich drei weitere Fahrgäste eingestellt haben, und dann hebt das Taxi zum Glück ab und mein Gepoker zahlt sich aus: Ich habe noch 45 Minuten bis zum Abflug und da ich kein Gepäck aufgebe, geht alles ganz schnell. In Peking nehme ich den Flughafenbus, steige richtig aus, gehe in die richtige Richtung und komme rechtzeitig zum Abendessen an. Dann geht aber doch noch was schief: Nachdem ich bei meinem Zimmerkollegen, dem YUST-Lehrer Albert, eingezogen bin, sind plötzlich unten in der Halle keine Leute mehr. Ein älterer Herr, Deutschlehrer in Ulan-Bator, hat dasselbe Problem; wir tun uns zusammen. Er hat eine Telefonnummer der Organisatoren. Leider ist eine Frau dran. Frauen können keine Wege beschreiben, es sei denn, sie haben überdurchschnittlich viele männliche Gene. Das zeigt sich auch diesmal wieder: Wir gehen in die total falsche Richtung, bis endlich Christopher, von der Pekinger Organisationsmannschaft der Konferenz, anruft und uns mit der Hälfte der Worte in die richtige Richtung lotst. Die Dame vom ersten Anruf war selbstkritisch genug, ihn unsere Nummer anrufen zu lassen. Unterwegs holen wir noch die Kollegin Choj aus Schanghai, eine junge Mutter mit Kinderwagen, und weitere Versprengte ein. Im Restaurant gibt es für uns Zu-spät-Kommer einen Extratisch. Da ist auch weniger blauer Dunst.

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Samstag, 21. November 2009

Kein Weltuntergang! Oder doch?
Von DM, 23:59

Die Welt geht unter. Aber nur im Film „2012“ des deutschen Regisseurs Roland Emmerich, der heute in aber auch jedem Nanjinger Kinosaal gezeigt wird. Das hindert alle Vorstellungen aber nicht daran, restlos ausverkauft zu sein. So was habe ich in meiner langjährigen Erfahrung als Kinogänger auch noch nicht erlebt. Überall läuft derselbe Film und trotzdem gibt es keine Karten mehr! Derlei ist zwar an sich kein Weltuntergang, aber Cathy ist trotzdem unzufrieden. „Hätte ich nur reserviert!“, jammert sie. Wir fahren von der  Stadtmitte mit dem Bus Richtung Jangtse. Dort ist auch keine Karte mehr zu kriegen. Wir müssen zwanzig Prozent teurere Schwarzmarktkarten kaufen. Die Apokalypse als einträgliches Geschäft! Wenigstens gibt es bei „Kentucky Fried Chicken“ noch ein paar freie Plätze. So müssen wir den monumentalen Weltuntergang wenigstens nicht mit leerem Magen durchstehen. Schließlich enthüllt sich mir auch ein möglicher Grund für die gewaltige Popularität des Films hierzulande: Der Schluss spielt im Himalaja und inszeniert China als Wiege der Menschheitsrettung. Das fand die chinesische Kulturbehörde sicherlich förderlich (auch wenn die Szenen in Kanada gedreht wurden)...

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Donnerstag, 19. November 2009

Eva nun wieder!
Von DM, 23:59

Eva (alias Chen Dong) hat mir die Zerstörung ihres Koffers (sin-o-meter-Eintrag vom 21. August) offenbar verziehen. Heute vor der Sprechstunde gehe ich mit ihr in die Mensa. Sie hatte das schon letzte Woche vor. Man kann ja auch nicht immer Spielverderber sein. Und so ganz nebenbei erfahre ich, dass sie ja, so ganz allgemein gesprochen, der Meinung sei, ich solle heiraten. Was sie anbetrifft, sie möge am liebsten ältere Männer, die idealerweise zwanzig Jahre älter seien als sie. Die hätten einen weiteren Horizont und seien nicht so arrogant. Na, sage ich, das scheint ja in China öfter vorzukommen. Ich hätte so was Ähnliches erst kürzlich von jemand anders gehört. Nein, meint Eva, das sei nur bei ihr so. Su Zhao kommt vom Nachbartisch zu uns und lenkt das Gespräch dankenswerterweise auf ein andere Thema: die Noten im Geschichte-Test vom Montag. "Sie haben Glück", meint Eva später nach der Sprechstunde, als ich auf dem Weg zum Bus bin, "Sie sind beliebt." Ich verkneife mir mal den Widerspruch: „Warten Sie bis zur nächsten Prüfung!“, der mir auf der Zunge liegt.

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Mittwoch, 18. November 2009

Chris x 2
Von DM, 23:59

Um elf Uhr nachts ruft Danyu an und erzählt mir in einem einstündigen Telefonat von ihrem Entschluss, ihren Ami-Chris zu heiraten. Der habe Visa-Formalitäten für sie in die Wege geleitet, damit sie an der CTU studieren könne. Sie müsse ihm jetzt zusagen, um ihren Studienplatz in Chicago nicht zu gefährden. Der Franko-Engländer, der komischerweise auch Chris heißt und den sie ja lieber heiraten würde, halte sie ja nur hin und hier in Nanjing halte sie nichts und vor allem niemand. Ich sage, sie soll sich etwas Zeit nehmen, aber der Ami-Chris sei schon die richtige Wahl.

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Montag, 16. November 2009

Es knirscht im Gebälk
Von DM, 23:59


Kracks. Es knirscht gewaltig bei mir vorm Fenster, während ich an den Korrekturen meines Geschichts-Tests sitze. Seit heute Morgen fällt in dicken Flocken Schnee vom Himmel. Der plötzliche Wintereinbruch ist dem stattlichen alten Baum vor meinem Balkon nicht bekommen und er ist einfach mit Stumpf und Stiel umgekippt. Ich hatte schon bei dem Gewittersturm im Juni Sorge um ihn. Nun haben Wind und die vereisten Schneehaufen auf seinen Zweigen ihm den Rest gegeben. Mir wird der Schatten im nächsten Sommer fehlen. Auch die Wäscheleine, auf die ein paar Äste gefallen sind, hat sich verlängert. Wie ich unten vor Ort feststelle, als ich aus der Bibliothek zurück bin, war der Stamm innen hohl und morsch. Inzwischen haben Arbeiter den Baum bereits in Brennholz zerlegt.
Danyu hält mich mal wieder von der Arbeit ab. Abends um acht steht sie bei mir auf der Matte, um mal wieder die neuesten Entscheidungen zum Thema Liebe, Last und Lebensplan zu diskutieren. Ich komme mit meinen Test-Korrekturen nur voran, als der kanadische Mittelschullehrer sie anruft, von dem sie mir gerade erzählt hat und der sie ja viel aufmerksamer behandle als ich. Vielleicht könne sie den ja heiraten, sage ich. „What?“, empört sie sich. Erwecke sie vielleicht den Eindruck, als ob es ihr nur ums Heiraten ginge? Darauf gibt es nur eine Antwort: „Yes.“ Dann ruft Liu Chao an, weil ich ja in einer Woche nach Peking komme. Wir plaudern fröhlich weiter. Danyu denkt aber nicht daran zu gehen. Stattdessen wedelt sie mir ständig selbst geschriebene Zettel ins Blickfeld. „I am hungry. What about you?“ Und nach zehn weiteren Telefon-Minuten: „Is she your sweetheart?“ Es muss halb elf sein, als ich mit ihr zwecks Mitternachtsbuffet zum Sculpting on Time aufbreche, damit sie nicht wieder in Tränen ausbricht oder Schlimmeres, wenn ich sie so nach Hause schicke. Wie schon früher an dieser Stelle gesagt: Wenn dies ein Roman wäre, würde man sagen: Die Figur ist total überzeichnet!

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Samstag, 14. November 2009

Fast berühmt
Von DM, 23:59

Heute kommt Besuch! Meine Ex-Studentinnen Shenling und Fenghua aus meiner Zeit an der YUST, heute beide in Schanghai beschäftigt, haben sich angemeldet. Da beide nicht so die Kommunikationsgiganten sind, habe ich ihnen geschrieben, wenn sie angekommen seien, könnten sich mich am Xuanwu-See antreffen, wo ich mich immer zum Sprachtraining mit Jiakun alias „Cathy“ treffe. Am See ist es allerdings heute schon ziemlich kalt und wir sind froh, dass es ein bisschen Abwechslung gibt, als die beiden plötzlich neben uns auftauchen.
Ich schicke die beiden erst mal auf eine der Inseln. Als wir sie eine knappe Stunde später wiedertreffen, kommen sie allerdings von der Einkaufsmeile Hunan Lu. Gemeinsam schauen bzw. hören wir uns den öffentlichen Auftritt der belgischen Folkjazz-Band Snaarmaarwaar in einem der Einkaufstempel von Deji Plaza an. Danach folgt der obligatorische Fotografier-Marathon. Shenling will ein Foto mit den Musikern, Fenghua stellt sich dazu, Cathy will eine CD erwerben. Ich werde von einer anderen jungen Dame aufgefordert mit ihr ein Foto zu machen. Ich versuche richtig zu stellen, dass die Jungs da drüben die Musiker seien, nicht ich. Ich sei unbedeutend. Ist ihr egal. Schließlich wird Cathy aufgefordert für ein Foto zu posieren, weil sie mit mir gesehen worden ist. „Almost Famous“ wäre der dazu passende Filmtitel. Plötzlich stehe ich Li Yuan alias Emilie gegenüber, die ich im letzten Jahr im Gottesdienst getroffen habe. Ist ja fast wie beim Schützenfest auf'm Dorf hier!

Danach stelle ich Fenghua, Shenling und Cathy noch meine Bleibe und meinen Arbeitsplatz, die deutschsprachige Bibliothek, vor. Der stimmungsvolle Tag klingt aus mit einem zünftigen Diner in einem gut geheizten Restaurant direkt oberhalb der U-Bahn. So können die beiden Besucherinnen aus Schanghai anschließend stressfrei wieder zum Bahnhof kommen.

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Samstag, 07. November 2009

Von Opferritualen und Zockerrunden
Von DM, 23:59

Heute wird ausgeschlafen und dann kommt es zum dritten großen Festbankett mit der Familie Yang. Dazu gibt es unter anderem Hammelbraten (Yang heißt ja übersetzt Hammel) und einen superleckeren Fisch, den der joviale Onkel, der auch heute wieder zugegen ist, extra frühmorgens aus der alten Kaiserstadt Yangzhou geholt hat. Die Oma bietet ihre größten Kochkünste auf, auch Opa und Oma mütterlicherseits sind angereist. Und die üblichen Onkels und Tanten. Nachdem die Bierlachen auf dem Tisch sich zu gewaltigen Strömen ausgeweitet haben und auch ich satt geworden bin, wird der Speisesaal Schauplatz eines religiösen Rituals: Vor dem hauseigenen Altar im Erdgeschoss sammeln sich Schulterstücke vom Rind oder Schwein, Obst, Bonbons und andere Leckereien. Vorne auf einem Schemel geht jeder einmal auf die Knie und verneigt sich vor den unbekannten Göttern, um das Schicksal des in diesem Jahr bisher nicht vom Glück verfolgten Familienvaters zu wenden. Man rechnet nicht damit, dass ich mich daran beteilige. Und richtig: „Ich bin Christ“, erkläre ich, da betet man nur zu Jesus. Ich finde es auch ein bisschen merkwürdig, dass danach den Göttern die ganzen Leckerlis weggegessen werden. Auch ich bekomme ein paar Bonbons ab, die eben noch auf dem Altar lagen. Naja, ich kann die auch besser verwerten. Nach der religiösen Pflichtübung setzen die Männer sich zusammen und eröffnen eine Zockerrunde und spielen um Geld. Da ich schon von Natur aus nicht pokern kann, nutze ich die Gelegenheit, den etwas ratlos umherstehenden Frauen Mau-Mau vorzuschlagen. Und Yangliu und ihre Tanten reagieren auch ganz positiv auf das Spiel. Sie spielen mich sogar phasenweise unter den Tisch. Dann ist es vier und ich nehme Abschied, verspreche dem gebeutelten Vater von Yangliu, dass ich mal bei Jesus für ihn ein gutes Wort einlegen werde, und einer der Männer fährt mich mit Yangliu zum Bus-Bahnhof, wo ich nur durch forsches Auftreten verhindern kann, dass sie mir die Rückreise finanziert. „Aber ich habe Weisung von meinen Eltern, dass ich die Fahrkarte bezahle“, sagt sie. Nun, sage ich, sie müsse ja nicht erzählen, dass sie mit dem Projekt gescheitert sei. Außerdem hätte ich ihre AKN-Fahrkarte ja auch nicht bezahlt, als sie im Sommer in Großenaspe gewesen sei.

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