| |
Vom Schubkarren gesprungen
Im Gottesdienst der Gemeinde mit dem Namen des Heiligen Paulus treffe ich Michaels Noch-Ehefrau Liuhongye (auf dem Foto von einer Geburtstagsfeier ganz rechts), die heute im Chor mitsingt. Nun bekomme ich mal ihre Version des Ehedramas zu hören: Der gute Michael sei ja ständig mit seiner Ex-Frau Xiu Qin zusammen und das könne sie nicht ertragen. Solange er sich von der nicht lossage, könne sie nicht mit ihm zusammen sein. Jetzt wolle er die Scheidung, was sie eigentlich auch nicht so gut findet. Ja, sage ich, ich hätte so was Ähnliches schon gehört... Schön sei das alles nicht.

Einen Tag später wird mir Michael schreiben, dass er schon so gut wie tot gewesen und erst seit fünf Tagen aus dem Krankenhaus raus sei, wo er zwei Herzoperationen über sich habe ergehen lassen müssen. Bei der zweiten sei ihm ein Herzschrittmacher eingesetzt worden. Seine Ehefrau kümmere sich nicht um ihn, sende höchstens ab und zu eine SMS, habe ihn in 15 Monaten zwanzig Mal verlassen. Das Geld für die Operation sei von der Xiu Qins Familie gekommen. (Mehr zum Ehedrama um Michael kann man hier nachlesen.)
Nie war er so wertvoll wie heute
Das hat man davon, wenn man mit einem T-Shirt mit dem Aufdruck "Run for Jesus" herumrennt. Eigentlich bin ich schon erschöpft, als ich von meinen zwanzig Runden im Wutaishan-Stadion zurückkomme und vor dem Eingang in das Wohnheim für ausländische Fachkräfte verpuste. Es sind heute 30 Grad und die 87 Prozent Luftfeuchtigkeit lassen die sich anfühlen wie 36. Inzwischen hat der Riesenhaufen Krempel, der da schon einen halben Tag stapelweise herumsteht Begleitung bekommen: Eine neu aus Hangzhou zugezogene US-Kollegin steht daneben und sieht so ratlos aus wie der sprichwörtliche Prophet, der vorm Berg steht und ruft: "Hebe dich hinweg", aber nichts passiert. Da wir schon bei biblischer Diktion sind: In diesem Moment ergreift der Heilige Geist Besitz von mir und ich stelle mich als Nachbar vor und biete sogleich meine Hilfe an. Das sieht ja ein Blinder, dass die Amerikanerin, etwa 50 Jahre alt, das nicht alleine bewerkstelligen wird. Angeblich sollen "helpers", von denen sie spricht, als hätte ein ominöses, aber nicht sehr vertrauenerweckendes Orakel sie prophezeit, irgendwann heute eintreffen und den Krempel schleppen, aber dreißig Minuten später sind die meisten Kisten und Möbel bereits in ihrem Zimmer, das natürlich im obersten Stockwerk liegt. Dabei komme ich mir vor wie der Hase in der berühmten Fabel vom Hasen und dem Igel. Immer wenn ich unten ankomme, um die nächste Kiste zu holen, steht die Ami-Tante schon da! Am Ende habe ich ungefähr achtzig Prozent geschleppt und deren Besitzerin zwanzig. Vor allem am Anfang der Schleppaktion scheint mein Eintreffen bei ihr auch den letzten Funken Bereitschaft, eine der Kisten auch nur anzufassen, zum Verlöschen gebracht zu haben. Immerhin: das weiße Stubentigerchen, das sich mit seinem Gelass unter den Umzugskartons befindet und von der Reise so verstört wurde, dass es unsichtbar geworden ist wie ein McGuffin, trägt sie selbst nach oben. Mehr und mehr macht sich bei mir aber nun bemerkbar, dass meine Beine gerade acht Kilometer gelaufen sind, doch meine Eitelkeit diktiert mir nur: "Kein Problem, ich schwitzte ja sowieso schon."
"You had a nice work-out", sagt sie schließlich, als ich mich verabschiede um mich zwischen meine eigenen vier Wände zu verkriechen, "I should offer you a drink." Aber leider habe sie ja nichts da, nur ihre 10 Tonnen Plunder. Und Katzenfutter.

Ich liege also so da, wie ich da so liege, und höre es plötzich draußen donnern. Gegen fünf Uhr geht ein gewaltiger Wolkenbruch nieder. Sicher ist die Herrin der tausend Kisten heilfroh, dass Kätzchen und Kisten jetzt nicht mehr draußen stehen. Ich finde allerdings, dass die verspäteten Hilfskräfte es mehr als verdient hätten, in diesem Regen die verbliebenen Bücherkisten reintragen zu müssen.
Der im Regen kam
Als ich in Hamburg das Flugzeug besteige, liegt mal wieder eine schwere Entscheidung hinter mir: die Tube Zahnpasta der Marke DENTALUX , die mit 125 ml das zulässige Gesamtgewicht bei der Sicherheitsbehörde übersteigt, wegschmeißen oder extra wegen dieser einen Tube zurück zur Gepäckaufgabe? Jeder mit nur einem Gramm Menschenkenntnis weiß natürlich, wie ich mich hier entschieden habe und womit ich mir gleich die Zähne putzen werde.
Fürwahr, ein ereignisreicher Sommerurlaub liegt hinter mir mit lauter interessanten Begegnungen aus dem Einst und Jetzt, z.B. Ende Juli auf dem Abi-Jubiläumsnachtreffen auf freiem Felde mit 10 Teilnehmern (7 plus 3) oder auf Veranstaltungen mit prominenten Gastrednern wie dem künftigen SPD-Kanzlerkandidaten Steinbrück oder dem Prediger Hanspeter Wolfsberger, außerdem mit Tonnen von Heuballen, vielen Toren auf dem Fußballplatz, zwei bei der Bundesliga-Saisoneröffnung in Brokstedt, einem chinesischen Abendessen mit dem nächsten Sino-Großenasper und dessen Familie, noch mehr Schlemmereien auf der Dozenten-Konferenz in Bonn, mit einem Besuch auf der Hornburg des Götz von Berlichingen, dessen Goethe-Drama ich ja alljährlich hier in Nanjing lesen lasse (der Mann war nur 1,50 m groß oder seine Ritterrüstung ist eingelaufen), einer Tour über die Elbe nach Finkenwerder, einem Fachvortrag über steuerlich absetz- oder auch nicht absetzbare Vorsorgeaufwendungen, einem schwer zu versteuernden 5000-Euro-Nettogewinn durch Verkauf von Schweizer Franken, die ich vor zwei Jahren gekauft habe, mit Radtouren von Helmstadt-Bargen nach Bad Rappenau und Bad Oeynhausen nach Bünde ins Tabakmuseum, einem Wiedersehen mit Freunden vom ERF, die dieses Museum (jaja, die längste Zigarre der Welt!) schon vorher zu schätzen wussten, und der besten Cutterin seit Auslaufen der Arche Noah, mit zwei Mexiko-Rückkehrern, die zu 75 Prozent meine Kollegen in Ecuador waren, mit einem Onkel, den wir jetzt viel öfter sehen als früher und zu dem wir inzwischen auch nicht mehr Onkel sagen müssen, einem Propsten, der seinem Dienstzeitende und einem Anwachsen seiner Familie entgegensieht, einem Freund, der seinem Bruder Kühe gekauft hat, die keinen Gewinn abwerfen und einem anderen, der erst nur glaubt zu viele Chips gegessen zu haben und auf einmal im Krankenhaus liegt.
Natürlich gehören zu diesem Sommer auch meine größten Flops (und das Wetter war definitiv keiner!):
- Mückenalarm! Die Mini-Vampire sind ja eigentlich ein Problem meines chinesischen Einsatzortes, aber meine Beine werden in Großenaspe von lautlosen, durchsichtigen Moskitos zerstochen und ich bin fast so schlimm dran wie Andy Morgan in "Flucht durch die Fieberhölle". Kein Tag in Großenaspe vergeht ohne neue Stiche. Nie wieder ohne meine Nanjinger Mückenabwehrplättchen!
- Nach acht Jahren fällt da einem, den ich bisher für einen guten Freund hielt, ein, dass er mit mir nicht mehr reden möchte (das hätte er auch mal eher sagen können).
- Schienenersatzverkehr auf der AKN-Strecke! Argl!
- Die Kurlichtspiele in Bad Bramstedt sind geschlossen.
- Postsparbuch-Abhebungen sind total überreglementiert.
- "Person im Gleis", die mich am 15. Juli zwei Stunden verspätet in Wetzlar ankommen lässt, weil der Anschlusszug in Koblenz weg ist.
Auch als film-o-meter-Mann war ich wieder fleißig: "Harry Potter 7.2" (24 Grad), "Final Destination 5" (17 Grad), "Wickie auf großer Fahrt" (22 Grad), "Cirkus Columbia" (24 Grad). Und im Flugzeug schaffe ich es endlich, vier Filme am Stück zu schauen: "Wasser für die Elefanten" ( film-o-meter-Kritik hier), "Source Code" ( film-o-meter-Kritik hier), "Der Mandant" (20 Grad) und "Rio" (24 Grad).
Wo wir schon bei Gradzahlen sind: Geradezu verstörend ist das Wetter, das mich in Nanjing erwartet: 23 Grad und Regen - so kaltes Wetter habe ich hier im August noch nie erlebt. Im Bus zur Stadtmitte gebe ich mich betont zugeknöpft, damit ich mir nicht wieder eine Tante Lu ans Bein binde ( Skandalgeschichte vergessen? Klick hier!). Zu Hause zeigt mir eine durch die Hitze verbogene und, ihres natürlichen Schwerpunktes verlustig gegangen, vom Sockel gefallene Wachskerze, welche Temperaturen hier im Sommer normal sind. Ich schlafe drei Stunden und erlebe nachmittags beim Einkaufen dann noch einen Reinfall: Die 400-Gramm-Erdbeerjoghurtbecher, von denen ich mich morgens fast ausschließlich ernähre, gibt es nicht mehr und der Brombeer-Joghurt, den ich zu kaufen vermeint habe, erweist sich als echte chinesische SpezIalität: Bohnen-Joghurt!
Auch ein Didus hat mal Glück
Erst begreife ich ja nicht so recht, was los ist, als mir der Herr am Flugsteig kurz vor dem Betreten der Röhre eine andere Bordkarte in die Hand drückt und mir eröffnet, man habe mich hochgestuft. Prompt finde ich mich in der 1. Klasse wieder - das mag ein Wechsel sein! Im Vergleich, meine ich, zum letzten Jahr, wo ich für einen massiven Skandal im Sperrbezirk sorgte (nachzulesen im sin-o-meter hier). Ich erfreue mich totaler Beinfreiheit und schaue einen Animationsfilm nach dem anderen an, erst "Rapunzel", dann "Rango". Damit bin ich in der VIP-Klasse, wo alle für ein banales Unterhaltungsprogramm viel zu wichtig sind, selbstredend in der Minderheit. Alles schläft, einsam wacht... Meine Jura-Kollegin Rebekka spreche ich auch nur noch einmal kurz, dabei hatten wir uns extra Plätze in derselben Reihe gesucht. "Never Let Me Go" ist der Name der Lektüre, die sie in der Hand hält. Immerhin sehe ich sie beim Aussteigen noch einmal wieder, während die französische Kollegin mit dem italienischen Namen, die ebenfalls mit uns an Bord war, gar nicht mehr auftaucht. Sie ist wohl schon unterwegs nach Marseille.
Ich fliege weiter nach Hamburg, wo mein Glück dann auch schon wieder aufgebraucht ist. Die anvisierte Übernachtung bei einem befreundeten Pastor fällt mangels geschickter Planung meinerseits aus und mit der AKN komme ich nach 22 Uhr nur noch bis Bad Bramstedt. Die für ihre Langsamkeit berühmte Bummelbahn wird noch bummeliger durch einen schnöden Schienenersatzverkehr, der mysteriöserweise immer dann bemüht wird, wenn ich einmal im Jahr auf Heimaturlaub bin. Bei strömendem Regen (keine Jacke, kein Regenschirm) muss ich rüber in den Bus. Die Bummelbahn verbummelt noch mal 15 Minuten, ehe ich ins Taxi Mama umsteigen kann.
Sauglocke
Ganz tolle Idee der Uni-Bürokratie, meine Karte-für-alles schon am 30. Juni ungültig zu machen und mir gleichzeitig eine Prüfung für den 2. Juli auf dem Außencampus Xianlin zuzuweisen. Um mit dem Uni-Bus zu fahren, benötige ich ja eigentlich eine gültige Karte-für-alles. Auch das in der Nacht zum 1. Juli abgelaufene Internetkonto kann ich ohne gültige Karte nicht aufladen. So entstehen meine letzten sin-o-meter-Einträge im Büro des Fachbereichs. Den tragbaren Computer mit dem chinesischen Windows-Betriebssystem bringe ich auf dem Weg ins Büro, wo ich einen Stapel mit Noten und Prüfungen ablade, der völlig verblüfften Dame vom Büro für ausländische Angelegenheiten zurück mit dem Vermerk: "Of no use in the current condition. Please install Acrobat Reader 9.0, Mozilla Firefox 5.0 and Mozilla Thunderbird 3.0". Alle drei unverzichtbaren Programme in deutscher Fassung habe ich mehr als einmal versucht, auf meinen neuen Computer zu laden. Als sich mein E-Mail-Programm mitsamt allen aktuellen E-Mails deinstalliert hat, nachdem ich mal wieder eine für mich nicht entzifferbare Meldung bekommen habe (in chinesischen Zeichen), ist mein Geduldsfaden gerissen und ich beende das dreimonatige Experiment, das wohl meine Nerven oder meine Geduld oder meine Intelligenz oder alles zusammen auf die Probe stellen sollte. Zu Beginn des neuen Semesters wird man dann hier nachlesen können, ob das Computer-Elend in die nächste Runde geht oder sich das Drama endlich zum Guten wendet.
Zufällig erreicht mich bei der Gelegenheit auch noch eine Mitteilung der Hauptpost. Dort liege ein Päckchen für mich. Ich gehe direkt vom Büro für nervige Angelegenheiten dorthin, habe aber natürlich keinen Ausweis dabei. Ich erkläre, dass ich morgen fliege, also das Päckchen sieben Wochen lang nicht abholen können werde, sodass es dann vermutlich zurückgehen würde, der Wert ist auch nicht hoch. Was kann das nur sein? Vermutlich ein Scherz. Die Dame lässt sich erweichen, als ich mich schon zum Gehen gewandt habe. Nur Deutsche hätten das herzlos-bürokratisch durchgezogen. Inhalt des Päckchens: ein Mini-Propper (Plümper), mit dem meine geschätzte österreichische Kollegin Katja sich verabschiedet, deren Zeit in Peking abgelaufen ist. Das Ganze ist ein so genannter Insider-Scherz: Seit Jahr und Tag diskutieren wir über die Begriffe "Plümper" (hochdeutsch) und "Sau(g)glocke" (österreichisch).
Liu Chao im Hitzekoller
Wegen meines guten Drahts zum "lieben Gott" soll ich zwar immer dafür beten, dass Liu Chao, die sich bei mir für eine Nacht einquartiert hat, ihren Studienplatz in München bekommt, aber mit zum Gottesdienst will sie trotzdem nicht. Ich lasse sie also auf ihrem Lager in meinem Wohnzimmer liegen und schicke ihr gegen halb zwölf eine SMS, sie solle mich am Ausgang der U-Bahnstation Minggugong treffen. In den internationalen GoDi darf sie als Chinesin sowieso nicht, das verbietet die KP. Ich wollte hier aber heute gerne hin, denn es ist die letzte Chance, sich von der sympathischen und immer hilfsbereiten Gabunerin Lydie (sin-o-meter berichtete) aus meinem Hauskreis zu verabschieden, die im Juni ihr Pharmazie-Magisterstudium erfolgreich abgeschlossen hat. Im Grunde ist ein Händedruck da zu wenig und ich müsste der aparten Afrikanerin ein Bussi auf die Wange drücken, aber das geht nicht. Schließlich bin ich Holsteiner und schulde meiner Herkunft ein gewisses Maß an Sittensprödigkeit.
Leider übersehe ich Liu Chao nach dem Aufstieg aus dem Untergrund und bewege mich zu einem anderen U-Bahn-Ausgang als dem vereinbarten. Als sie mich dort endlich findet, ist sie total durchgeschwitzt und leicht angesäuert. Ich sage: "Was soll ich denn sonst tun, wenn ich dich da nicht sehe?" Sie behauptet sich wegen der Hitze nur mal kurz untergestellt zu haben. Anscheinend bin ich in Nanjing schon etwas besser an die schwüle Hitze assimiliert als Liu Chao da oben in Tangshan. Ich will zu Fuß zu dem Restaurant, wo ich meinen Gast zum Essen einladen werde (eine alte Tradition: in Nanjing muss ich einladen, in Peking sie). Das ist noch ca. 1 km Fußweg - und das ohne Sonnenschirm, für eine Chinesin eine mittlere Katastrophe! Dann stolziert sie an einer Kreuzung auch noch völlig ohne Grund wie ein fehlprogrammierter Roboter in die falsche Richtung, während ich an der Fußgängerampel halte. Ich gehe weiter und warte auf einer Bank, dass sie auf dem Mobiltelefon anruft. "Du warst schon außer Rufweite, als ich merkte, dass du in die falsche Richtung gehst", erkläre ich der entnervten und aus allen Poren triefenden Ex-Studentin ca. zehn Minuten später. "Ich verstehe auch nicht, wie du in einer fremden Stadt so stur ohne mich losrennen kannst." Also, irgendwie ist heute nicht ihr Tag. Das leckere Essen in der "Grünen Küche", in die ich unlängst auch meine Studentinnen entführte (sin-o-meter berichtete), kann Liu Chao nur schleppend aufheitern. Sie grollt im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Immerhin kann man ja seinem Lehrer nicht wirklich grollen. Wir sind schließlich in der Heimat des großen Konfuzius! Erst als sie schon am Flughafen ist, spät am Abend (ich sitze wieder an meinen Klausuren), kommt noch die Einsicht per SMS, dass das Essen doch sehr lecker gewesen sei und ich ja sowieso immer Recht habe.
Didus humorlos
Sie könnten Glatzkopf-Li und Song Gang heißen und unmittelbar dem Roman Brüder von Yu Hua entsprungen sein, die beiden Rabauken im Grundschulalter, die völlig unbeeindruckt von meiner Präsenz in der klimatisierten ATM-Geldabhebungszelle fortfahren, sich den Gummiball hin- und her- und mich dabei auch gelegentlich anzuschießen, nicht ohne nachfolgendes albernes Kichern. Zweimal habe ich schon warnend protestiert wie ein Bär, den man im Winterschlaf geweckt hat. Jetzt hebe ich den in die Ecke gerollten Ball auf, lasse die Schiebetür aufgehen und mache einen kolossalen Torwartabstoß, der mir aber mal richtig schön gelungen ist. In hohem Ball fliegt der Ball über die ganze Kreuzung. Ich sehe nicht mal mehr, wo er landet. Den Jungs ist das Gesicht stehen geblieben wie einer Standuhr, dem das Perpendikel runtergefallen ist. Ich verlasse mit meinen gezückten Scheinen die Kabine.
Kann sein, dass ich heute bisschen schlecht gelaunt bin. Immerhin habe ich heute (am nur in Deutschland heiligen Wochenende) bis sechzehn Uhr eine Prüfung schreiben lassen und muss jetzt übers Wochenende noch 24 Prüfungsbögen korrigieren. Dabei ist seit Mittwoch Liu Chao wegen einer Schulung in der Stadt und will heute Abend noch bei mir einziehen. Ich lasse sie ein, zwei Notenbögen ausfüllen und zum Glück reicht ihr diesmal eine Decke auf dem Boden, sodass mir ein erneutes Drama mit der Luma erspart bleibt.
Der Gastspieler
Und nun die Pointe des Zusammentreffens mit Huilin. Letzte Woche und auch diese Woche spiele ich Tennis mit meinem Tenniskumpel Peter, und zwar wo? Genau dort, wo Huilin studiert: auf dem Gelände der Agrarwirtschafts-Uni. "Are you sure you are coming to my university?", fragt sie per SMS, als ich in der U-Bahn auf dem Weg bin. Ich antworte: "Pretty sure!" Sie trifft dann sogar noch vor Peter auf dem Platz ein. Ihr Zimmer liegt in Sichtweite der Tennisanlage, ca. hundert Meter entfernt. Welch ein Zufall, staunen wir. Nachdem ich sie mit Peter bekannt gemacht habe und wir uns die Bälle um die Ohren hauen, immer in Furcht vor einem drohenden Gewitter, verschwindet Huilin, um uns zwei Dosen Pepsi zu kaufen, die sie vor dem Gehen in meine Tasche packt. "Du warst an meiner Uni", schreibt sie mir später, "ich bin Gastgeber, du bist Gast." Wer kann sich dieser Logik widersetzen?
Das Mädchen auf der Bank
Das gibt es eigentlich nur im Film, dass ein Mann auf einer Bank im Park mit Blick auf einen malerischen See sitzt, dass eine junge Frau sich dazusetzt und dass die beiden in ein Gespräch geraten, das den ganzen Nachmittag (sechs Stunden) dauert. Im Film - oder in China. So geschehen mir, heute nach dem Gottesdienst. Ich wollte eigentlich nur in Ruhe Ostwind - Westwind lesen, aber nachdem ich einem Bettler auf Chinesisch erklärt habe, dass ich kein Kleingeld hätte, was Huilin mit einer anerkennenden Bemerkung bedacht hat, und nachdem ich erspäht habe, dass sie in einem dicken Wälzer über europäische Literatur blättert, kann ich meine Neugier nicht bezähmen und will natürlich wissen, ob sie zufällig das studiere, was ich unterrichte. Nein, dem ist nicht so, sie studiert an der Universität für Agrarwirtschaft undsoweiter undsofort. Sechs Stunden. Before Sunrise lässt grüßen.
Yanglius Abschied
Prüfungen erst morgen wieder. Ich liege noch mit laufender KlimAAnlage in der Koje, da hat Yangliu (sin-o-meter berichtete) schon zweimal angerufen. Sie tut es auch noch ein drittes Mal, nachdem ich mein Telefon laut geschaltet habe. Grund: Heute seien ihre Eltern da, um sie abzuholen. Sie laden mich als alten Freund der Familie zum Essen ins "Babela's" um die Ecke ein. Wer kann dazu schon nein sagen!?
Ihre Mama hat 'ne neue Frisur, die ich, aufmerksam wie immer, natürlich sofort bemerke (sie ist auch erst einen Tag alt). Ihr Papa schüttelt meine Hand und ich sehe den halbierten Zeigefinger, der bei meinem Besuch 2009 noch bandagiert war. Als wir in den Fahrstuhl steigen, merke ich endlich, dass der junge Mann, der sich immer in vornehmer Distanz zu uns gehalten hat, auch dazugehört. Es ist Yanglius Freund (auf dem Foto sieht man sie mit seinem Vorgänger). Ganz nett, wie ich finde. Er taut beim Essen auch noch etwas auf. Studiert Jura und macht ein Praktikum. Geld ist knapp. Leider wohnt er nicht so ganz in der Nähe ihrer Heimatstadt, in die sie heute erst mal zurückzieht, aber mal sehen...
"The Kids Are All Right"
Heute haben meine sechs Magister-Studentinnen Prüfung (darunter auch die zarte Yijie, siehe unten). In diesem Kurs gibt es nur As und Bs. So talentierte Studenten möchte man als Lehrer immer haben. Als Dankeschön für die sorgsam ausgearbeiteten Referate, die sogar meine immer überzogenen Erwartungen erfüllen, gibt es eine Einladung in die "Green Cuisine", ein vegetarisches Restaurant, in dem ich nicht zum ersten Mal mit Studenten zu Gast bin. Am Südausgang treffe ich mich im Anschluss an die Prüfung um halb 7 mit Yixuan, Wu Fei und Yijie, während Yinyin und die anderen beiden gerade im Bus an uns vorbeifahren. Yixuan hat sie gesehen! Sie waren am Nordende der Uni eingestiegen. Natürlich zeigt sich nach dem langen Warten am Busstand und danach im Bus, dass ich wieder mal Recht hatte: Mit der U-Bahn wären wir schneller gewesen...
Am Ende lassen sie es sich fast zu gut gehen. Yijie legt mir ein leckeres Bällchen nach dem anderen auf den Teller: "Was da genau drin ist weiß ich auch nicht, aber lecker, oder?" Die hochbegabte Yinyin will mir in der guten Laune des Abends einen Bären aufbinden: Sie sei ein philippinisches Waisenkind, adoptiert von zwei Frauen. Haha, sage ich, wohl zu viele amerikanische Filme gesehen. Das sei ja genau wie in dem Film "The Kids Are All Right", den ich übrigens NICHT empfehlen kann. Später wird sie schreiben: "Bitte nicht ernst nehmen. Ich war wohl besoffen!" Nur: In der "Green Cuisine" gibt es gar keinen Alkohol. Die dortigen Muultrecker sind Essigsäfte!
Während die anderen feiern...
..., nämlich das 25-jährige Abi-Jubiläum, feiern wir auch, d.h. Karl (siehe Eintrag vom 8. Juni) und ich, immerhin zusammen rund 4 % des Jahrgangs. Zwar handelt es sich eigentlich um ein Sommerfest aus Anlass des Abschieds der Familie von Bodelschwingh aus Nanjing nach immerhin drei Jahren, aber Karl und ich genehmigen uns desungeachtet einen Muultrecker auf "Abi '86". Außerdem macht der Sommer heute Pause, denn eine Kaltfront mit Regen hat die Temperatur auf für Nanjing im Juni sagenhafte 18-20 Grad sacken lassen. Als ich Karls Freund und früherem Kollegen Michael (sin-o-meter berichtete), der zusammen mit Gattin Linda ebenfalls zu den Gästen gehört, von meiner Unbill mit der Taxi-Tussi berichte, erklärt der sich spontan bereit, mir mit Rat und Tat zur Seite zu stehen: "Kopier das mal alles und gib es mir Montag. Ich habe einflussreiche Freunde." Nachdem Martin aus Simbabwe mir gestern bereits den Vorschlag einer siebenwöchigen Gebetskette ("to step on the devil's head") unterbreitet hat, dürfte es nun allmählich aufwärts gehen für mich in diesem desaströsen Drama.
Im späteren Verlauf des Abends gerate ich zwischen die Fronten von Karls Schwager Christian, der in Peking als Korrespondent der F.A.Z. tätig ist, und einer reichlich angeschäkerten blonden Deutschen mittleren Alters und Bildungsgrades, die plötzlich neben mir, ihm gegenüber sitzt und uns ein Gespräch aufzwingt. Dabei zieht sie eine Fluppe nach der anderen durch und wenn sie China erwähnt sagt sie "Scheina", als gäbe erst das ihr das Recht als Ausländerin ernst genommen zu werden. Dabei ist sie doch hier unter Deutschen. Scheina also, das Land sei ja viel besser, als die notorisch negativen Journalisten immer schrieben. So habe in einer Firma in Chongqing einst eine Schwangere, die in Wahrheit gar nicht schwanger gewesen sei, für einen Skandal gesorgt und der "Spiegel" sei voll drauf reingefallen. Ich gebe zu bedenken, dass der "Spiegel" eigentlich immer recht gut recherchiere und sich gründlich absichere. Christian geht dagegen eher undiplomatisch auf sie los und berichtet von brutalen Rechtsverletzungen, etwa beim Staudammbau. Die Frauen ausländischer Experten würden so was natürlich nicht zu sehen bekommen. Aber Journalisten hätten dorthin zu gehen, wo das offizielle China die Ausländer nicht so gern habe. Schon sind wir bei der Grundsatzfrage, ob China reif sei für die Demokratie. "Nein", schließt das die Dame kategorisch aus, die Diktatur sei gut für Scheina. Scheina sei ein Riesenreich, das keine Demokratie vertrage. Wenig später sind wir bei Hitler, der dann ja auch gut für Deutschland gewesen sein müsste. "Und überhaupt", meint Christian, "vielleicht solltest du etwas weniger trinken." Ich versuche bei der Hitler-Sache noch mal kurz zu vermitteln und bekomme als Lohn die volle Breitseite, noch ehe ich meinen Satz zu Ende gesprochen habe: Ha, Hitler sei ja ein Gegenbeispiel für Demokratie, da die Deutschen ihn selbst gewählt hätten. Schließlich wird es für die Dame auch Zeit, sich irgendwo noch was zu trinken zu besorgen. Kurz darauf muss auch ich gehen, um die U-Bahn noch zu erwischen, die zwanzig Minuten Fußmarsch entfernt verläuft.
Ich schaffe die U-Bahn, muss aber in Minggugong noch mal aussteigen, weil ich Danyu versprochen habe, ihr unverzüglich die Tasche auszuhändigen, die ich aus Versehen mitgenommen habe, als wir am Abend von der Uni aus mit dem Bus in die gleiche Richtung gefahren sind. Eigentlich wollte sie mich mal wieder in eine Kun-Oper einladen (siehe Eintrag Skandal im Sitzbezirk). Ich fand die Idee gut, hatte mir Karl doch am Mittwoch auch schon davon vorgeschwärmt. Letzte Woche standen wir bereits einmal vor dem Gebäude. Doch Danyu, deren Divenhaftigkeit nur noch von ihrem katastrophalen Organisationsvermögen übertroffen wird, hatte sich nicht mal informiert, ob und wann Vorstellung war. An dem Abend gar nicht. Als ich mich am Nachmittag am Computer über die historische letzte "Wetten dass..?"-Sendung mit Thomas Gottschalk informierte, auf dem Bild der beliebte Moderator mit Hunziker, Klum undsoweiter, fragte sie mich, ob ich das sei. Ich nutze natürlich die Gelegenheit und erwidere: "Klar, sieht man doch, dass ich das bin..." Ich hätte doch früher mal eine Fernsehsendung gehabt, in der ich gelegentlich mit Filmstars in Berührung gekommen sei. Immerhin ist dieser Teil der Erläuterungen wahrheitsgemäß. Und Danyu, die selbst kurz davor ist, einen Vertrag mit der lokalen TV-Station zu schließen - als Moderatorin oder Schauspielerin -, wundert sich nicht weiter. Nur die schönen Frauen um Gottschalk herum machen sie nervös... "Always so many girls around you!", moniert sie. "Nur beruflich", erkläre ich. Langer Rede kurzer Sinn: Hätte sie auf ihre Diva-Allüren verzichtet und mich später auf dem Weg zum Bus nicht gebeten, ihre blöde Tasche zu tragen, damit sie ihr Dessert essen konnte, wäre ich auch sicher heute Abend nicht mit ihrer Tasche ausgestiegen.
Jetzt steht sie erleichtert, aber auch noch etwas zerknittert wegen der zehn unbeantworteten SMS auf meinem auf Stumm geschalteten Telefon auf der anderen Seite der elektronischen Fahrkartenkontrolle, um ihre Tasche mit dem neuen "Ei-Phone", Geschenk von Papa, das sie sich sowieso bald klauen lassen wird, in Empfang zu nehmen. Auf die Minute genau. Denn ich muss sofort wieder nach unten. Die U-Bahn, die jetzt kommt, ist nämlich definitiv die letzte heute.

Hängt ohne Tasche ganz schön durch: Hysterikern Danyu
Das Pfingstwunder
Sie sehen nicht so aus, als könnten wir sie schlagen: große Kerls, die mit ihren einheitlich rot-weißen Trikots wirken wie eine eingespielte Mannschaft. Dagegen wir: eine bunt zusammengewürfelte Truppe aus fast so vielen Nationen wie von unserer Mannschaft Spieler auf dem Kunstrasen stehen. Unser Torwart sieht aus wie Bob Marley, unser Mittelfeldregisseur heißt Kennedy, hielt heute die Predigt und ist weit von der Idealfigur eines Fußballers entfernt. Die meisten sind Afrikaner, der 22-jährige Kanadier Ben und ich die einzigen Weißen in dem wilden Haufen der Nanjinger internationalen Gemeinde (NICF), die das Fußballfeld eigentlich für das alljährliche Abschiedspicknick gebucht hat, bei dem traditionell diejenigen Gottesdienstbesucher und Mitarbeiter mit Gebet und Gesang verabschiedet werden, die die Stadt (und meist auch das Land) im Sommer verlassen werden. Aber die durchtrainiert wirkenden Chinesen in den rot-weißen Trikots, die den Platz am Olympiazentrum (wo 2014 die Jugend-Olympiade stattfindet) ab vier Uhr haben, haben hinter unserem Rücken mit dem Ball am Fuß bereits das Feld übernommen; da hält es die Fußballverrückten unter uns nicht mehr an den Picknickkörben. Rasch ist ein halbstündiges Freundschaftsspiel ausgemacht. Und da spazieren sie auch schon, keine fünf Minuten sind gespielt, durch unseren Strafraum. Den Freistoß, der zum tödlichen Pass wird, habe ich an der Außenlinie verschuldet. Bob Marley im Tor kann nur noch zusehen, wie das 0:1 fällt. Die Euphorie währt nicht lang: In der Abwehr tun sich auch bei den langen Kerls Löcher auf. Vielleicht traut sich auch keiner dem in Ermangelung von Fußballschuhen barfuß spielenden Dribbelkünstler aus Malawi oder Ghana auf die Füße zu treten, der da im Sturmzentrum wirbelt. Er kommt zum Schuss: Ausgleich. Wenig später kann der Torwart der Chinesen einen Distanzschuss nicht festhalten. Der Ball trudelt vor meine Füße, ich muss nur noch in Gomez-Manier abstauben und bin froh, dass ich den Ball nicht über die Latte gehauen habe: Jubel über das 2:1. Nun verlieren die Chinesen völlig die Übersicht, agieren im Sturm harmlos wie Arminia Bielefeld, während die Afrikaner Samba tanzen zum 3:1. Und Ben, frisch gebackener Vater einer Tochter, gelingt Minuten vor Schluss sogar noch ein Wembley-Tor aus der Distanz. Endstand 3:1 oder 4:1 - es spielt keine Rolle. Wir staunen nur über dieses kleine Pfingstwunder, freuen uns und leeren Wasserflaschen im Akkord. Afrika steht im Fußball eben doch eine ganze Ecke vor den Chinesen. Gastfreundlich, wie Chinesen so sind, verbrüdern sie sich nach dem Spiel anerkennend mit uns. Beim obligatorischen Fototermin dienen sie uns als Fotografen. Einige wechseln auch mal schnell die Seite und kommen mit aufs Bild.
Die von mir beigesteuerte Wassermelone hat das Picknick unterdessen unbeschadet überstanden: Niemand hat sich getraut, sie aufzuschneiden. Ich schenke sie Bens dreiköpfiger Familie, die mit mir gemeinsam mit der U-Bahn nach Hause fährt.
Cruise Missile
Langsam wird die Zeit knapp für Karl, denn seine drei Jahre an der Spitze von Bosch-Siemens-Haushaltsgeräte in Anhui neigen sich dem Ende zu. Wir haben daher beschlossen, uns vor der großen Abschiedsparty noch mal zu treffen. Karl hat ein mexikanisches Restaurant mit Klinik-unter-Palmen-Flair ausgewählt. Wir sitzen also draußen unter Palmen und essen Enchilladas. Ich erzähle von der 30.000-Yuan-Frage und Karl wetzt bereits die Messer, um mit Hilfe eines Anwalts Druck zu machen. Am Nebentisch wird es unterdessen immer lauter. Drei befreundete Chinesen sitzen dort um ein durchsichtiges Bierfass herum, das die Gestalt einer Cruise-Missile-Mittelstreckenrakete hat und offenkundig auch genau demselben Zweck dient, nämlich möglichst viele Menschen in möglichst kurzer Zeit außer Gefecht zu setzen. Als ich bereits im Aufbruch begriffen bin, verbrüdert sich Karl kurz entschlossen mit der Horde. Der auf der uns zugewandten Seite sitzende, etwa vierzig Jahre alte Herr erweist sich als Anwalt. Wer weiß, vielleicht heuert Karl den nach ein paar Bier noch für mich an! Der Tisch ist klebrig-feucht; das ist kein Wunder, denn beim Zapfen geht jedes Mal die Hälfte am Glas vorbei. Oder die Gläser sind so randvoll gefüllt, dass sie unmöglich unfallfrei am Munde anlangen können. Karl stimmt in den fröhlichen Zapf-mich-oder-ich-fress-dich-Reigen ein, der Rhythmus, wo man immer mit muss. Also bleibe ich noch etwas. Plötzlich ist einer der drei Freunde verschwunden. Als er torkelnd wieder auftaucht, strandet er erst mal bei den zwei Damen am Nebentisch, um ihnen einen auszugeben. Er hatte ja auch zuvor schon überdeutlich bekundet, dass eine von denen ihm gefalle. Sicher haben die beiden Chinesinnen genau von diesem Moment den ganzen Tag geträumt!
Inzwischen besteht die Cruise Missile nur noch aus durchsichtigem Glas. Ich denke, nun ist bald Schluss hier. Karl hat bereits einen Anruf von Charlotte bekommen. Ja, er sei quasi im Aufbruch befindlich. Ungünstig nur, dass jetzt gerade - ich traue kaum meinen Augen - noch einmal nachgerüstet wird und die zweite Bierrakete mitten auf dem Tisch andockt. Das ist für mich das richtige Signal. Da ich kein Bier trinke, bin ich in der Runde ohnehin so etwas wie der Spielverderber von der Friedensbewegung, eine Rolle, die mir so wenig behagt, dass ich schließlich nach mehrfacher Ankündigung aufbreche. Es ist schon nach elf. Ich werde vielsilbig verabschiedet. Doch am Ausgang bleibe ich bei meinen beiden blonden deutschen Kolleginnen Kathi und Kathi hängen, die die Cruise Missile schon eine Weile aus kritischer Distanz beäugt haben. Nicht, dass da noch was in die Luft fliegt!
Liebeskummer
Heute ist ein landesweiter Feiertag: das Drachenbootfest. Ich sitze nach einem heftigen Regen, der die Luft abgekühlt hat, mit meiner derzeitigen Lektüre am Hanzhong-Tor auf einer Bank - immer auf der Hut vor Mücken. Da, wo ich eben saß, hat mich eine allzu lautstark auftretende Rentnertruppe vertrieben. Hier nun steht schon eine ganze Zeit ein langer, sportlich wirkender Student in knallblauer Trainingsjacke ziellos in der Gegend herum. Schließlich setzt er sich neben mich und beginnt eine Unterhaltung. "I am sad today!", bekennt er mit belegter Stimme. "I just broke up with my girl-friend." Ich erspare ihm die Nachfrage, ob nicht vielleicht eher die Freundin mit ihm Schluss gemacht habe, so wie er die Sache aufnimmt. Denn ich weiß natürlich genau, wie der arme Junge sich fühlt. Schließlich kenne ich die Situation ja aus einer ganzen Reihe amerikanischer Fernsehserien und zeige mich gewappnet mit Ratschlägen auf dem Niveau von: "Alles ist schwer, ehe es leichter wird" oder: "Am Anfang ist es schwer, nach ein paar Wochen wird es besser". Er bedankt sich, als hätte er soeben Rat von einem weisen Shaolin-Mönch eingeholt, und setzt seinen Weg durch den grauen Tag fort. Schließlich vertreiben mich auf dem Pflaster vor mir Fußball spielende Kinder, deren Zielgenauigkeit zu wünschen übrig lässt. Alles ist schwer, ehe es leichter wird!
Matchball in der Metro

Es ist so eine Art Vogelschießen auf Großstadtniveau, das sich heute, am Sonnabend vor dem Drachenbootfest, rund um den Mochou-See ereignet: überall Stände, an denen man Getränke und Naschwerk erstehen kann, und ein Wettbewerb, bei dem natürlich keine Vögel und auch keine Tontauben geschossen werden, sondern bei dem das schnellste Boot gewinnt. Je drei Schiffe starten gegeneinander. Cathy hat mich zu diesem Spektakel überredet. Sie selbst ist mit einigen Freunden aus der deutsch-chinesischen Firma BSH (Bosch-Siemens-Haushaltsgeräte, Karls Firma) gekommen. Wir stehen am Westufer auf einer schwimmenden Plattform, die sich unter der Last der Zuschauer zeitweise bedenklich in den See senkt. Leider ist das Wetter ziemlich regnerisch und da ich für den Nachmittag von meinem Tennis-Kumpel Peter per SMS zu einer ominösen Tennis-Party ("You will cook for yourself!") anlässlich des Finales von Roland-Garros geladen bin, verlasse ich frühzeitig das sinkende Schiff, will sagen: bekomme gar nicht mehr mit, wie die Ruder-Mannschaft von BSH im Halbfinale ausscheidet, was Cathy mir aber flugs per SMS nachreicht. Auch BASF hat es nicht gepackt. Schlechter Tag für Deutschland. Guter Tag für China.
Peters Party ist von ganz eigener Art: Erst mal muss ich einem Chinesen an der U-Bahnstation mein Telefon in die Hand drücken, damit der mir auf Peters Instruktion hin die Richtung zeigen kann. Peter holt mich dann nach einem schweißtreibenden Fußmarsch an der Kreuzung Weigang ab. Danach hängen wir, ein halbes Dutzend Freunde und Kollegen, Kleinkram knabbernd am Stubentisch herum. Ein Amerikaner, den ich aus der Kirche kenne, muss wie zuvor ich mühsam per Telefonfernsteuerung ans Ziel gelotst werden. Dann gibt es eine Runde Frisbee im Park (mir zu heiß, ich schaue zu). Schließlich müssen die Gäste die Sachen für den Verzehr erst mal selber aus dem Supermarkt holen und selbst bezahlen, ehe sie sie dann selbst zubereiten. Ich verspreche Spaghetti. Da es die im SUGUO nicht gibt, weiche ich auf Hamburger aus. Dabei liegt der Kikoku (Kinder-Kochkurs mit Birte), zu dem mich Tante Anneliese in den Sommerferien 1981 oder 1982 überredet hat, so lange zurück, dass ich nur mit Mühe erinnere, wie die gehen. Aber irgendwie wird aus dem Kilo Hack, zwei Eiern und einer Zwiebel, die ich zwei Brillenträger aus dem Kreis der Geladenen schneiden lasse, dann doch noch ein echter Renner. Das liegt sicher nicht nur am Kikoku, sondern auch daran, dass ich die Verantwortung für das Salzen (zwei Esslöffel) einer der im Kochen etwas geübteren Damen überlassen habe, die neben mir in der Küche herumwuseln und deren Gerichte Güteklasse A haben, wie sich alsbald erweist. Der letzte Hamburger verschmort in der Pfanne, während wir längst alle satt in den Seilen hängen. Nach ein paar Runden UNO, bei denen ich mich vergeblich bemühe, vernünftige Regeln zu installieren, gibt es auch schon den ersten Ballwechsel zwischen der Chinesin Li Na und Schiavone aus Italien. Ärgerlicherweise müssen wir Peter beim Stand von 4:4 im zweiten Satz (völlig unnötiges Rebreak von Schiavone) alleine lassen, damit wir die letzte U-Bahn noch erwischen. Der Amerikaner hat schon seit dem ersten Satz alle nervös gemacht.
Noch mehr Chinesen als sonst kleben in der U-Bahn an ihren Mobiltelefonen. Sicher gibt es da überall Live-Ticker. Beim Umstieg in Linie 1, wo ich mich von meinen Mitreisenden trennen muss, dann nach einem zunächst missverständlichen Telefonat mit Peter die erlösende SMS: "Li Na win". Klarer Fall: Peters Englisch ist nicht so gut wie Li Nas Rückhand. Ich ärgere mich. Hätte es einen dritten Satz gegeben, hätte ich den bei mir zu Hause in aller Ruhe verfolgen können. Den entscheidenden Tie-Break (7:0) sehe ich an diesem Abend trotzdem noch: Das chinesische Sportfernsehen wiederholt die entscheidenden Bälle zum historischen Triumph in einer Endlosschleife.
Wird Didus die zarte Yijie erwürgen oder von ihr erschlagen werden?

Weder noch! Zwar ging der Prüfungsmarathon (drei Studentengruppen zu je neun Studenten und drei Professoren müssen in einer Disputation ihre B.A.-Arbeiten vorstellen) durchaus an die Substanz und fünf Studenten habe ich diese Woche schon mit lästigen mündlichen Nachprüfungen traktiert, aber Yijie, die in meiner Prüfungsgruppe sitzt und ihr Thema "Brigitte und Nüyou Love - Frauenzeitschriften in Deutschland und China" gekonnt vorgetragen hat, gehört natürlich nicht zu solchen Wackelkandidaten. Ihr wird heute die zweitbeste Leistung von allen bescheinigt. Da ist manch hartes Brot, das die Studenten in den vier Jahren zuvor zu kauen hatten, längst verdaut und somit auch kein Grund gegeben für gewalttätige Übergriffe.
Nach dem Prüfungsmarathon und der Notenkonferenz geht es dann traditionsgemäß in ein Restaurant (Studenten laden ein), in dem dann zwar nicht alle Hüllen, aber sehr wohl ein paar sittliche Hürden fallen. Dabei spreche ich gar nicht von gestellten Bildern, sondern von einigen vorwiegend männlichen Studenten, die dem Alkohol so stark zusprechen, dass es manchmal schon nicht mehr schön ist. Die sonst so eloquente Xinliu (nicht im Bild), die ich eben noch in pflegerischer Begleitung am Waschbecken vor dem WC angetroffen habe, liegt unansprechbar auf zwei Stühle hingestreckt. Yicheng, von mir im Vorjahr mit einer Nachprüfung drangsaliert, will mich zum Rauchen animieren. Er hält mich dabei so liebevoll im Arm, dass es den nüchternen Studentinnen beim Zusehen zu viel wird und eine ihn sanft von mir entfernt wie eine Zecke aus dem Hundefell. Lehrer Qin hat unterdessen zur Lulle gegriffen. Bisher wusste keiner von uns Kollegen, dass er raucht. Ex-Chefin Kong aus der Sippe des Konfuzius und dem edlen Weisen durch eine geradezu spröde anmutende Nüchternheit verpflichtet, kann ihre Entrüstung nur mit Mühe verbergen. Frau Chang muss wieder singen. Die Gläser sind wie üblich vorm Zerspringen. Und alles johlt. Ich muss eine Rede auf Chinesisch halten. Vier Sätze müssen reichen. Schließlich gellen "Jirou"-Rufe, auch deren englische Übersetzung "Muscle!" durch die Runde. Das ist der Kosename für den Kollegen Chang, der für sein ausgeprägtes Aufbautraining zwecks Erwerb einer präsentablen Muskelmasse berüchtigt ist. Er lässt (unterm T-Shirt, wie gesagt, nicht alle Hüllen fallen) seine Brustmuskeln zucken und zeigt seinen Bizeps. Die Mädchen sind völlig aus dem Häuschen. Bis auf Xinliu natürlich.

Schließlich wird es ruhiger. Vor allem Feiqian ist sprachlos. Denn Xiaoqi, seit gemeinsamem Deutschlandaufenthalt ihr Freund, hat als Conférencier so viel Antriebsflüssigkeit verbraucht, dass seine Kumpels ihn hinaustragen und hernach in ein Taxi verfachten müssen. "Die Party ist nun aus, und alle gehen nach Haus", resümiere ich. Eine Stunde später treffe ich auf dem Campus die brave Yangliu (sin-o-meter berichtete), die den Abend mit ihrem Freund ausklingen lässt, den ich bei der Gelegenheit auch endlich mal kennen lerne.
Die 30.000-Yuan-Frage
... lautet: "Akzeptieren Sie das?" und die Antwort lautet: "Nein!" und das Ganze hat natürlich wieder zu tun mit diesem Alptraum aus verwesendem Fleisch und hochtoupierten hellrot gefärbten Haaren, das hier aus unerfindlichen Gründen über eine Taxilizenz verfügt. Als hätte es noch eines Beweises bedurft, dass dieser Alptraum aus Gier und Fahruntüchtigkeit mit dem von mir verabreichten Kinnhaken noch gut bedient war, präsentiert sie nun vor den versammelten Polizeibeamten eine ganz neue Rechnung, bei der sich aufgrund irgendwelcher Arbeitskraftausfälle Unkosten auf 30.000 Yuan summierten, die ich natürlich zu begleichen hätte. Ich schüttele mit dem Kopf und traue kaum meinen Ohren. Auch die Belege für meine erste Rate, die man mir zur Einsicht überreicht, addieren sich nicht auf die bereits entrichtete Summe von 9.000 Yuan. Die Belege, die ich in der Hand halte, wirken in ihrer schieren Unzahl, als hätte jemand ein Jahr im Koma gelegen und sei dabei umfangreich medikamentös behandelt worden. Es ist alles mal wieder eine grausame Satire mit mir in der Hauptrolle! Es fing auch schon satirisch an heute Nachmittag nach dem Unterricht. Bei über dreißig Grad verlor ich, diesmal nicht von meinen treuen Kollegen begleitet, die ich nicht schon wieder belästigen wollte, erst mal die Orientierung, lief schließlich ein ganz anderes Polizeirevier an und stellte die dort versammelten Beamten mit meinen Aussagen erst mal vor ein Rätsel. Zum Glück rief Sophie, die Dame vom Auslandsamt, von der richtigen Polizeidienststelle zu meinem Ausbleiben befragt, zur rechten Zeit an. Ich reichte das Telefon einfach weiter. Dann gab es einen Lieferdienst der besonderen Sorte: Ich werde per Dienstwagen zur zuständigen Station eskortiert. Während dieser höchst skurrilen Dienstfahrt, ruft dann, um die Turbulenzen zum Höhepunkt zu treiben, Liu Chao aus Peking an, die erst mal einen Schreck bekommt: "Ich kann jetzt schlecht reden. Ich werde gerade von der Polizei abgeführt..." Schließlich betrete ich das Gelände der richtigen Polizeistation, wo die Tante mit dem hochtoupierten Haar schon auf mich wartet. Komisch, dass ich die eben nicht gefunden habe.
Bipolare affektive Störung
Beim Essen sind ihre Augen wie immer größer als der Mund. Jetzt soll ich die ganzen Suppen auslöffeln, die Danyu sich hat servieren lassen. Das Problem: Ich mag chinesische Suppen nicht besonders. Dann nervt die umtriebige Autorin so lange mit dem Gutachten, bis ich im Anschluss an das gemeinsame Mittagessen in eiskalt klimatisiertem Restaurant, das immerhin sie bezahlt (ohne zu wissen, dass heute mein Geburtstag ist), einwillige mit ihr ein Internetcafé aufzusuchen, um mir mal die E-Mail anzusehen, die eine New Yorker Anwältin geschickt hat. Ich bin zu ihrem Unwillen immer noch nicht überzeugt, aber sie kann die E-Mail ja mal an mich weiterleiten.
Als wir im Süden der Stadt in der Nähe des Stadttors Panmen den Kaiserkanal entlang wandern, auf dem Ausflugsschiffe an uns vorbeischwadronieren, kommt dann wieder ihre Bipolare affektive Störung zum Ausbruch. Danyu wird ausfallend, beleidigend und das Ganze klingt aus in der üblichen tränenreichen Depression, auf deren Höhepunkt sie sich (immerhin mit Blick auf den Kanal) an meiner Schulter ausheult. Das gibt sich aber wieder, als wir unter mächtigen Zeitdruck kommen und partout kein Bus zum Bahnhof kommt. Wir rennen zur großen Kreuzung – andere Bushaltestelle. Gerade noch erreichen wir einen Bus. Auf dem Bahnhof lasse ich sie zehn Minuten vor Abfahrt des Zuges alleine zum Bahnsteig rennen, während ich zur Gepäckaufbewahrung stürme und, da es die zweimal gibt, zunächst auch noch falsch anstehe. Wie immer schaffe ich den Zug dann doch noch. Fahrkarten hatten wir bereits mittags gekauft. In Nanjing wartet der Herr Papa, ein ca. sechzigjähriger, schmächtiger Mann mit grauem Haar, schon hinter der Absperrung. Danyu, geboren 1978, wird immer noch von Papa mit dem Auto abgeholt wie ein Schulmädchen. Kurz angebunden verabschiedet sie mich, nicht ohne zuvor noch mehrfach von dem Gutachten gesprochen zu haben.
Der Garten des Verwalters Wang
An der Nordpagode hole ich Danyu ab, die treue sin-o-meter-Leser bereits aus früheren Blog-Einträgen kennen und die die letzten acht Monate in den USA verbracht hat. Sie hat Neuigkeiten: Ihre Oma ist im Winter gestorben, aber ihr Vater wollte sie emotional nicht belasten und sie erfährt es erst bei ihrer Rückkehr. Die zweite Neuigkeit ist: Ihre Mutter sitzt wegen Falun-Gong-Aktivitäten im Gefängnis und kann nicht besucht werden. Wir durchschreiten gemeinsam den berühmten "Park des demütigen Verwalters Wang" aus dem beginnenden 16. Jahrhundert, der einige höchst malerische Ansichten bietet, weshalb er auch proppevoll ist. Das ist dann nicht mehr so malerisch. Natürlich ist dieses Treffen nicht ohne Hintergedanken. Die umtriebige Autorin, die in Chicago wegen ungebührlichen Verhaltens von der Katholischen Theologischen Universität (CTU) geflogen ist, bereitet einen Antrag zur Gewährung fortdauernder Residenz für herausragende Künstler in den USA vor. Und ich soll dafür eines von zehn Gutachten schreiben. Ich wende ein, dass ich kein einziges Werk von ihr gelesen hätte (ihre drei Bücher sind bisher nur in Chinesisch erschienen), wie sollte ich da ein Gutachten schreiben? Sie schlägt mir zwecks Bildung eines Urteils Zeitungskritiken und Resümees vor. Als ich immer noch Einwände habe, muss ich mir (sinngemäß) anhören, alle anderen Gutachter hätten ihr die Füße geküsst, um ihr ein Gutachten schreiben zu dürfen, nur ich hätte so überzogene Ansprüche.
|
Kostenloses Blog bei Beeplog.de
Die auf Weblogs sichtbaren Daten und Inhalte stammen von
Privatpersonen. Beepworld ist hierfür nicht verantwortlich.
|
|
|