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Auf dem Tigerhügel
Vergleichsweise spontan habe ich mich, wie schon vor einem Jahr um diese Zeit, für ein verlängertes Wochenende in Suzhou entschieden. Ich kämpfe mich heute bis zum Gipfel des Tigerhügels, dem so genannten "Nummer eins Punkt" in Suzhou, vor. In einem von einem Kanal umschlossenen Park (12 Mark Eintritt)l thront auf dem Gipfel eines kleinen Hügels, zu dem man sich wahlweise durch das umgebende Wäldchen oder durch eine Reihe von Tempelportalen begibt, eine uralte Pagode, die, dem Schiefen Turm von Pisa nicht unähnlich, schon etwas angeschäkert ist und mithin leicht Schlagseite hat, weswegen sie leider auch nicht bestiegen werden kann. Etwas nervös bin ich schon am Eingang bei der Feststellung geworden, dass mein Telefon ausgerechnet heute kein Guthaben mehr aufweist, was aus zweierlei Gründen ärgerlich ist: 1. Meine Chefin, die Leiterin der Abteilung für Deutsche Philologie, hat quasi im Moment vor der Sperrung noch eine Mitteilung geschickt, ob ich ihre E-Mail schon gelesen hätte, was ich nun natürlich nicht bestätigen kann. E-Mail und Internet sind in diesen Tagen rund um den 60. Jahrestag der "Befreiung" Tibets ein Torso: ein Ding ohne Arme und Beine. 2. Gerade hat eine - man muss schon fast sagen: alte - Freundin ihren Besuch in Suzhou angekündigt, die bipolare Künstlerin Danyu. Zum Glück lässt mich der Ewige mal wieder nicht im Stich: In der Nähe des Eingangs zum Park findet sich ein "China-Mobile"-Laden. Für fünfzig Yuan kann ich aufladen und erfahre von der Chefin, dass ich ab nächster Woche einen Kurs (Zeitungslektüre) weniger habe. Die offizielle Begründung: Die Studenten wollten den beliebten Lehrer Qin vor dessen Abreise nach Deutschland noch mal im Unterricht erleben. Hat natürlich nichts damit zu tun, dass ich letzte Woche im Unterricht "Zeitungslektüre" eine Glosse durchgenommen habe, in der sich der Autor über die Zensur in China lustig machte, und eine andere, in der die Pressebeschränkungen während der Olympischen Spiele karikiert wurden, was am Schluss der Stunde mit der Frage quittiert wurde: "Können Sie bitte mehr Rücksicht auf unsere Gefühle nehmen?", worauf ich erwiderte: "Ich fürchte, da müssen Sie durch."

Sichtlich entspannt wandere ich den Kanal entlang - schicke Brücken überall - und kann schließlich die Parkwächterin sogar davon überzeugen, mich noch ein zweites Mal wieder in den Tigerhügel-Park zu lassen, obwohl die Technik meine Eintrittskarte als entwertet ablehnt. Leicht macht sie es mir freilich nicht: Ich muss am Ende eine alibihafte Quizfrage beantworten, mit der ich beweisen soll, dass ich schon drin war. Man wird ja noch mal fünf gerade sein lassen können! Dann bin ich drin und genieße nun den Park ohne die innere Unruhe, was die Chefin gewollt haben könnte. Die Quizfrage war eigentlich Blödsinn. Wenn ich vor fünf Wochen mit meiner ungültigen Karte hier gewesen wäre, wüsste ich ja auch noch, wie es in dem Park in etwa aussieht, und einen Prospekt habe ich auch. Ich bleibe so lange in dem Park, bis ich mich plötzlich ganz allein darin befinde und am Ausgang vor verriegelten Gittern stehe. Ich muss mal wieder klettern und springen.
Es wird dunkel und ich habe die üblichen Schwierigkeiten, einen Bus zu bekommen. Zum Glück habe ich einen Stadtplan mit allen Busverbindungen gekauft. Ich wandere in südlicher Richtung und bekomme dann einen Bus an einer etwa einen Kilometer entfernten Haltestelle.
Der Europa-Tag
... ist ein bisschen schwach auf der Brust. Die gemeinsam von Goethe-Institut und Alliance Française organisierte Ausstellung “Homo Urbanus Europeanus“ des französischen Fotografen Jean-Marc Caracci mit fünfzig Schwarzweißbildern aus 31 Hauptstädten Europas hat man nach fünfzehn Minuten ausgiebig in Augenschein genommen. Die als Konzert angekündigte Jazz-Musik der Gruppe "Wayne’s Basement”, eines 2009 in Schanghai gegründeten Akustik-Trios, ist mehr so eine Art Hintergrundgeplänkel. Und dass trotz zwanzig Mark Eintritt bei meinem leicht verspäteten Eintreffen in der ehemaligen Fabrikhalle (ich hatte bis 18 Uhr Unterricht) nur noch Reste am Büfett vorzufinden waren und sich die Getränkeauswahl auf Wein und Wasser beschränkt, ist für mich Grund genug für das Fazit: "Da geh' ich nicht wieder hin!" Daran ändern auch ein paar bekannte Gesichter wie Doppelmagisterstudentin Kathi oder meine Studentin "Eva", zugleich Goethe-Praktikantin, und auch die zwei netten jungen Damen von einer Unternehmensberatung nichts, mit denen ich ins Gespräch komme, nachdem eine von ihnen mir ein Taschentuch offeriert hat, weil ich mir beim Schlemmen der kargen Reste offenkundig die Finger eingesaut habe.
Pavillon der Dämmerung
Bei ziemlich schwülen 30 Grad Celsius und mehr picknicke ich heute mit der charmanten Li Jianqing im Park auf einer der Inseln im Xuanwu-See. Anders als bei unserem letzten Besuch an gleicher Stelle (sin-o-meter berichtete) bleibe ich heute von Störungen im Magen-Darm-Trakt verschont, obwohl ich fast alle zuvor im Supermarkt erworbenen Artikel selbst essen muss. Die kleine Li, wie sie sich selbst nennt, rührt nur Joghurt und Bananen an. Das kennt man ja von den jungen Damen mit ihrem Schlankheitswahn. Außerdem wird sie nicht müde, über die Hitze zu stöhnen, wobei ich ihre sittlich zu missbilligende Verwendung des englischen f-Wortes zu rügen habe. Ich muss zuweilen doch arg an der Kinderstube der kleinen Li zweifeln.
Abends treffe ich die Studentin Liu Meng, der ich noch eine Einladung zum Essen schulde. Da die kleine Li unbedingt noch einen Blick auf den See in der Dämmerung werfen möchte, wozu wir uns zu einem verlassenen Aussichtspunkt auf der Nordseite der Insel begeben, muss ich die Pizza-Verabredung mit Liu Meng um eine Stunde verschieben, was diese aber nicht übel nimmt.
Du, die Bude ist voll!
Heute ist meine kleine Bibliothek mal richtig gut besucht. Das so genannte Exzellenz-Programm (Vorbereitung von Vorzeige-Studenten auf ein Studium in Deutschland) unter der Leitung meiner Kollegin Katharina ist auf Exkursion und besucht in diesem Rahmen auch die deutsche Leihbücherei. Die muntere Studentenschar steht, während ich am Schreibtisch mit meiner Studentin Youjin über ihre B.A.-Arbeit zum "Grenzgang" von Stephan Thome (den kennen wir doch - sin-o-meter berichtete) beratschlage, schon eine ganze Weile draußen vor der Tür in der Gegend herum und Youjin und ich fragen uns: "Wollema se reilasse?" Da stürmen sie auch schon herein, die Horden!
Zur Belohnung für meine rudimentäre Einführung darf ich abends als Ehrengast am großen Pizza-Essen im deutschen Restaurant "Swede und Kraut" teilnehmen. Ich sitze neben Schneewittchen (die kennen wir doch - sin-o-meter berichtete). Auch von Kollegin Katharina gibt es Neues: Sie hat sich im Winter einen Amerikaner geangelt (oder von ihm angeln lassen), der auch mit am Tisch sitzt. Im Sommer wird in Amerika geheiratet. Man soll ja immer das tun, wovon man am meisten überzeugt ist!
Kalt erwischt
Kalt ist es heute erst mal nicht, als ich zum x-ten Mal mit meinen besten Freunden (richtig: Büchern) auf den Zijin-Berg im Osten von Nanjing steige. Ich verbringe dort lesend den Tag. Dann wird es dunkler und dunkler und schließlich fallen Tropfen. Ich stelle mich provisorisch in einem Felsspalt unter und als die Tropfen weniger werden, entscheide ich mich für den Abstieg, was sich als grandiose Fehlzündung in der Hirnschale erweist: Als ich etwa auf Stufe 857 von 1200 bin, werde ich von einem Wolkenbruch eiskalt erwischt. Ich kann gerade noch das T-Shirt ausziehen und in die Tasche stopfen. Danach bin ich binnen Sekunden nass wie ein Pudel in'ner Wassertonne. Als ich im Tal an der Bushaltestelle ankomme, ist der Regen vorbei. Aber mit Entsetzen stelle ich fest: Sommerlügen hat es in meiner wasserdurchlässigen Tasche schwer erwischt. Der Leineneinband löst sich unter Wasserflecken auf und färbt das mit in die Tasche gestopfte weiße T-Shirt zartrosa. Zu Hause werde ich mich mit Uhu als Restaurateur zu betätigen haben wie Mo aus Tintenherz. Adam und Evelyn hat es weniger schlimm erwischt. War auch zäher zu lesen.
Ostersonntag
Ich habe wieder mal mehr Glück als Verstand und bekomme noch einen Ostergottesdienst geboten, da in der Mochou-Kirche heute ausnahmsweise nachmittags ein englischsprachiger GoDi angeboten wird. Da die beiden Reisebusse bereits um halb neun aufgebrochen sind, hätte ich es sogar fast noch in den GoDi in der internationalen Gemeinde geschafft. Ich komme aber erst zum Abbau an und nerve die mit aufräumende Lydie, die im Küsterdienst tätige Pharmazie-Studentin aus Gabun, mit meiner bereits zweiten Aufforderung, nach meinem deutsch-chinesischen Vokabelheft zu schauen, das ich hier letzte Woche liegen lassen haben muss. Dabei hat Lydie, die nachmittags im Chor in der Mochou-Kirche singen soll, doch nun wahrlich andere Dinge im Kopf. Ausnahmsweise bin ich mal überpünktlich, denn der Gottesdienst in englischer Sprache, in dem der am Theologischen Seminar Nanjing tätige deutsche Theologe Sigurd Kaiser die Predigt halten wird und der eigentlich um 14 Uhr beginnen soll, verschiebt sich um eine Stunde, weil der vorherige chinesische GoDi Überlänge hat.
Schönes Osterei
Ist das eine geplante Osterüberraschung oder fällt nur zufällig auf dieses Wochenende? Jedenfalls ist doch auch mal 'ne schöne Idee: Das "Büro der Provinz Jiangsu für Belange ausländischer Experten" lädt mich und eine Reihe anderer Lehrkräfte meiner und mindestens einer anderen Nanjinger Universität zu einer dreitägigen Reise nach Hangzhou, die Hauptstadt der Nachbarprovinz Zhejiang ein, dreieinhalbstündige Busfahrt, Verpflegung, zwei Übernachtungen im Vier-Sterne-"Holiday-Hotel" und Eintrittspreise für Theater und Bootstour über den Xihu inklusive. Ich hätte die ganze Reise problemlos auch ohne Portmonee antreten können.

Ich lerne den nach Australien ausgewanderten Juden Max alias Menahem kennen, einen jovialen älteren Herrn, dessen Eltern auf abenteuerliche Weise in der Ukraine dem Holocaust entkommen sind, Bauern hatten sie versteckt. Menahem hat eine Schwäche für die deutsche Sprache, die er als Kind gelernt hat, ehe die Familie nach Israel auswanderte, und besteht darauf, dass ich ein paar Sätze auf Deutsch mit ihm wechsle. Das Verstehen sei gut, meint er, nur beim Sprechen hapere es. Ich werfe beim Essen so ziemlich alles in die Waagschale, was ich über israelische Geschichte weiß. Und da das Leben uns ja immer irgendwie auf die Dinge vorbereitet, die uns widerfahren, lese ich zufällig gerade das Buch "Andernorts" eines jüdischen Autors, in dem ein verrückter Rabbi meint, den Messias klonen zu können. So wirke ich wohl einigermaßen informiert über Israel.
Im Bus bin ich von Briten umgeben. Gleich zwei Damen heißen Sarah, eine davon ist aber Chinesin. Als sagenhafter Höhepunkt der Reise entpuppt sich die Tanz-Show "The Romance of the Song Dynastie", in der in einem halben Dutzend Kapiteln (von der Steinzeit bis in die Zeit der Song-Dynastie) die Geschichte dieses Fleckchens Erde visualisiert wird. Das Theater befindet sich in einer Art Freilichtmuseum, über dem ein aus einem Bergmassiv gemeißelter zehn Meter hoher Buddha thront. Überall stehen kostümierte Schwertkämpfer aus der Song- und anderen Dynastien in der Gegend herum oder führen Kabinettstückchen vor. Die etwa einstündige Theatervorführung raubt uns den Atem, insbesondere wenn die ganze Sitzreihe plötzlich zur Seite geschoben wird und neben uns, an dem Ort, an dem wir gerade noch saßen, Kanonen und Kämpfer aus dem Keller emporgeschwebt kommen und es plötzlich knallt und raucht und Feuer gespuckt wird wie in der Neujahrsnacht. Kämpfer schwingen sich auf Balustraden, die eben noch nicht zu sehen waren und ein kleines Baby wird vom Helden unter Gefahr für Leib und Leben vor den Schergen einer finsteren Macht gerettet. Nicht minder spektakulär ist der Wasserfall, der plötzlich von der Decke rauscht und die Bühne in einen Teich verwandelt, über den dann die hereingeschobenen Brückenhälften führen, aber – o Schreck! – die Brückenteile treiben so schnell wieder auseinander, wie sie eben hereinrauschten und trennen die Liebenden der Song-Dynastie, um deren Geschichte es hier ja eigentlich geht. Angesichts solche Effekte geraten die meisterhaft choreografierten Tanz- und Akrobatikdarbietungen der prächtig kostümierten und geschminkten Darsteller fast zur Nebensache, obwohl sie doch für sich genommen schon für genügend Ohs und Ahs gesorgt hätten. Wenn man China noch nicht liebt (oder das Lieben wegen irgendwelcher Taxitussis, die Zebrastreifen für eine Attraktion im Zoo halten, verlernt hat), hier spätestens lernt man es.
Der Weg vom Song-Dynastie-Freilichtmuseum zum legendären Westsee (Xihu) führt durch ein paar grüne Hügel, auf denen Tee angebaut wird, und ist leider von Kraftfahrzeugen verstopft. Erst gegen Abend kommen wir zu unserer Bootstour auf dem See. Erinnerungen an 2004 werden wach. Damals führte mich eine Konferenz in die legendäre Stadt und ich sah den berühmten See zum ersten Mal. Ich flaniere nach der Bootstour mal wieder auf abseitigen Wegen. Der chinesischen der beiden Sarahs gelingt es trotzdem, mich dabei im Bild festzuhalten.

Da liegt er flach - Teil 2
Es ist eine Premiere. Ich kann mich nicht entsinnen, dass ich in China schon mal krankheitsbedingt im Unterricht ausgefallen bin. Aber nach einer durchhusteten Nacht, in der ich kein Auge zugetan habe, schicke ich im Morgengrauen eine SMS an die Vizechefin, die für die Unterrichtsplanung zuständig ist, und melde mich krank. Ich gehe vormittags zum Uni-Doc in der Hankou Lu, werde - Sicherheit geht vor - auch gleich auf Tuberkulose geröntgt und bekomme schließlich Hustensaft und Pillen. Die erste Pulle Saft ist am nächsten Morgen schon leer. Ich hätte auch alles in einem Zug trinken können - hätte wohl genausoviel geholfen. Wieder kaum geschlafen, aber noch mal Unterricht ausfallen lasse ich nicht. Erst als ich mich durchringe, auch die Antibiotika zu nehmen, kriege ich die Bronchitis-Bakterien in den Griff.
Momentaufnahme für die Ewigkeit
Da hätte ich jetzt schon wieder Amok laufen können, als ich heute auf dem Weg zu einer kleinen Wandertour bin und an der Zhujiang Lu auf Bus Nr. 6 warte. Unweit von der Haltestelle steht mitten auf einem Zebrastreifen eine Frau, Kind auf dem Arm. Und wild hupend saust ein Auto auf sie zu. Momentaufnahme aus einem irren Universum. Oder Irrenuniversum?
"All very worrying in such circumstances"
Der geschätzte Engländer Michael W., 71 Jahre jung, schreibt mir von seiner bizarren Begegnung mit dem chinesischen Rechtssystem:

Sorry to hear about your run in with the Police last month, it is certainly a worry we can find ourselves in when it comes to them or us. Some years ago now in 2006. I was cycling home around 9.00pm on a summer evening when I stopped at the traffic lights, only to be confronted with an angry young Chinese man, who I was to find out through a lady interpreter who stopped to see what was happening, for as you know a crowd soon gathers around. It was that this young man said I had knocked him off his bicycle. I had never seen him in my life before. The Lady asked if I had anyone I could call to come and assist me as the Police were being called. I called my then Wife Xiu Qin and she came from our home, about 10 minutes away. Now when she arrived I thought she would go mad at this youth and also the Police who by then had arrived. But she did not and listened to what was being said about me knocking this youth off his bicycle. It was then decided by them to take us all to the Police Station, we in the Police car and our bicycles on a Police Lorry. At that time Xiu Qin not even asked me as to what happened, which I was upset about, it was all about what this youth was saying. At the Police Station, we and by then this youths Father and Girlfriend/Wife was also there, all talking away in Chinese. I got very upset as Xiu Qing was talking to them and the Police and not me. We then, Xiu Qin and me had to take this Youth to the Hospital for treatment and X-Rays on his arm, which he said hurt him and he was to show everyone a rip in his arm of his coat. We had to pay the medical bill at the Hospital, about 500RMB I seem to remember, I was getting very upset, although Xiu Qin paid it, it was my money and I was completely innocent of knocking this Youth off his bicycle. Well back at the Police Station, the Police told Xiu Qin that we had to pay a further 2,000 RMB. Xiu Qing had to go to the Bank Teller Machine down the road and get the money out. On returning back to the Police Station, Xiu Qin giving the money to the Police, he then started distributing the money out to all the people there. Even Xiu Qin got 50 RMB, I got nothing. Father, Girlfriend and the Youth got some and the Police put some in their draw of the desk. I was furious and was saying so all the time, but Xiu Qin never said anything to me to comfort me, very strange and upsetting I thought. By then it was 1.30pm in the morning as we rode home on the bicycles. I was furious with Xiu Qin and told her so. I said that we should divorce over this matter even. We went to bed in silence. Now at that time Xiu Qin's English, having only just known her just over a year was not too good and I could not as to this very day talk or understand Chinese. Later that morning, after we had got up I had a call from Sun Li, Xiu Qin's Daughter in Shanghai and she was to explain her Mama's action at the Police Station, for Mama had called her earlier to tell her what had gone on. It would appear the Police had told Xiu Qin that if she did not pay the money then they were going to Beat me Up. So that is why Xiu Qin paid the money and showed no comfort to me at the time. ALL VERY WORRYING IN SUCH CIRCUMSTANCES. We do have to be very careful here as you and I have found out.
Da liegt er flach...
... auf einer Bank.
Er fühlt sich schwach
und alt und krank.
So könnte man meinen Zustand heute zusammenfassen. Statt energiegeladen mit Bus Nr. 2 den zweiten Touri-Höhepunkt in Wuxi, den Xihui-Park, anzusteuern, leg ich mich nieder auf einer Bank in einem kleinen Park am Kanal. Ich verbringe lesend den Rest des Tages. Am Abend bekomme ich nur noch den Spätzug um halb neun. Ich kehre nach Erwerb der Fahrkarte noch einmal in die Stadt zurück und diniere in einem schlichten Restaurant unweit der Buslinie, die mich wieder zum Bahnhof bringt. Das Risiko muss ja überschaubar bleiben.
Wuxi - Yuantouzhu
Unten schimmert der See, eine riesige, spiegelblanke Fläche. Ich bin schon wieder schweißnass. Ich sprinte den dicht bewachsenen Hügel über knirschendes Laub hinab. Atemlos komme ich unten an. Da stehe ich vor einem Wassergraben. Wo bin ich hier?

Ich habe mir mal wieder auf Umwegen Eintritt zu einem touristischen Höhepunkt verschafft und mich auf der Insel Yuantouzhu nach Unterquerung einer geschlossenen Baustellenzufahrt querfeldein über zwei Hügel in die Nähe des 2200 qkm großen Tai-Sees gepirscht. Nur dieser schmale Graben trennt mich hier unten von einer Art Park direkt am See. Ich werfe meinen Rucksack schon mal ans andere Ufer. Es wäre doch gelacht, wenn ich nicht mit einem Satz da rüberkäme. Schließlich habe ich doch früher im Weitsprung mal 5,15 m geschafft! Ich nehme kurz Anlauf und lande mit einem Fuß im Schlamm und mit dem andern im Wasser. Ein Blick aufs Hemd zeigt: Ich habe mich total mit Wasser und Schlamm bespritzt. Das ist ungünstig, es zieht nämlich sowieso gerade eine Erkältung heran. Ich ziehe das Hemd aus und den Pullover aus dem Rucksack über. Wenigstens trocken. Ich weiß nicht genau, was das hier ist, aber ich sehe rasch, dass der kleine Graben ein paar Meter weiter links in einer Sackgasse endet. Dort hätte ich also trockenenen Fußes den Park betreten können.
Ein malerischer Blick auf den endlosen See vor mir, auf dem der Fischer und seine Frau im Sonnenuntergang in ihrer kleinen Barke über das Wasser gleiten, entschädigt mich für die feuchte Landung auf diesem irgendwie nach Privatgrundstück aussehenden, menschenleeren Gelände, das hervorragend gepflegt ist. Ein Geistersanatorium? In der Mitte gibt es einen Fischteich samt Pavillon und kleinen Brücken. Schließlich begegne ich doch ein paar Leuten, als ich die Uferpromenade entlangwandere. Hangaufwärts befindet sich ein großes, weißes Gebäude und ich erkenne: Das ist ein Erholungsheim für Parteikader der Provinz Jiangsu. Nur braucht von denen anscheinend derzeit keiner Erholung.
Ich folge einer asphaltierten Straße und lande schließlich auf einer Art touristischem Pilgerweg, der bergab der Küste folgt und gelegentlich Abstiege ans felsige Seeufer erlaubt. Ich komme vorbei an der "72-Gipfel-Villa" und dem Guangfu-Tempel. In einem einsamen Antik-Restaurant mit Seeblick, etwas weiter unterhalb, störe ich eine Gesellschaft, die auf dem Balkon feiert, nur kurz. Ich schau mal oben nach, da ist der Blick noch besser, aber alle Tische sind verwaist. Und auch ich kann nicht bleiben, um die Sicht auf die Drei-Hügel-Inseln mit dem Leuchtturm zu genießen. Auch hier am Ufer gibt es einen Leuchtturm. Ich passiere ihn, als es schon dunkelt, und erreiche ein künstliches Dorf mit Brücken und einem ausrangierten Schoner, dazwischen blühen überall die Kirschen und Pflaumen. Ein Traum in Weiß! Aber ich sehe nur noch die Kontraste.
Ich komme zum Ausgang. Hier sammelt ein Gratis-Touri-Bus die letzten Versprengten ein. Nach einigem Warten nimmt er uns alle mit zum Hauptportal. Dort sehe ich aber keinen Bus und entscheide mich, zu Fuß bis zur Brücke zu wandern, über die ich am frühen Nachmittag, Bus Nr. 1 vom Bahnhof und einen gewaltigen Stau hinter mir lassend, auf die Insel gelangt bin. Kurz vor der Brücke ist eine Haltestelle, doch hier fährt der Bus mit der richtigen Nummer einfach an mir und einem Pärchen vorbei. Auf dem Weg zur Bushaltestelle hinter der Brücke, also jenseits der Insel, überholt noch einmal der richtige Bus, aber nachdem ich kurz darauf die nächste Haltestelle erreicht habe, kommt keiner mehr, war ja klar. Nachdem ich eine halbe Stunde im Dunkeln gewartet habe, entschließe ich mich an der Hauptstraße auf einen anderen Bus zu warten. Schließlich bekomme ich einen, der nach eigener Auskunft ins Zentrum fährt. Zum Glück gibt es in Wuxi zwei nagelneue, bereits fertiggestellte und ziemlich auffällige Betonkolosse, zwischen denen irgendwo mein Hotel steht. Diese Orientierungspunkte helfen mir schließlich, zu einem Zeitpunkt, da alle Straßen grau sind, wieder ins Bett zu finden. Vorher hole ich mir allerdings im Supermarkt gegenüber einen Doppelpack im Sonderangebot: eine Flasche Cola mit einer Flasche Orangensaft. Die Cola leere ich noch auf der Straße zur Hälfte. War doch irgendwie warm heute.
Kein Zinn, aber Stahl und Beton
Wuxi, wörtlich übersetzt heißt das so viel wie "kein Zinn". Und tatsächlich mögen die Zinn-Reserven hier in der Mine von Wuxi ja vor etlichen Generationen (exakter gesagt: anno 220 v. Chr., am Ende der Han-Dynastie) zur Neige gegangen sein, dafür dominieren jetzt Stahl und Beton. Irgendwie habe ich heute am Bahnhof - ich brauchte mal einen Tapetenwechsel - die falsche Abzweigung genommen und lande zwischen monströsen Stahlbetongerippen. Links von mir reiht sich ein Hochhausbau an den anderen. Ich wandere weiter, wie immer nur von wenig Gepäck belastet, stoße im Schatten einer Autobrücke auf einen von Chinesen umlagerten Tisch im Freien. Hier werden muntere Wettspielchen veranstaltet. Ein Mann dreht zwei Münzen und man kann auf Kopf oder Zahl wetten. Bei zwei gleichen gewinnt man, wenn ich das richtig kapiert habe. Einer der Männer bietet mir eine Zigarette an, als ich zu lange herumstarre. Man muss auch mal nein sagen können... Leider fahren in diesem Gewerbegebiet keine Busse. An einer Hauptstraße steige ich dann einfach in den nächsten Bus ein, der Richtung Zentrum zu fahren scheint. Er fährt durch eine Straße, in der sämtliche Fassaden im alten, kolonialen Stil ausgehöhlt worden oder kurz vorm Abriss sind: alles Baustelle! Später scheitere ich dreimal auf der Suche nach einem bezahlbaren Hotel und nehme schließlich ein für meine Verhältnisse eher unbezahlbares. Wegen des verlängerten Wochenendes (Dienstag ist chinesisches Allerheiligen, Montag Brückentag) ist mal wieder alles auf Achse und ich lande also im "Holiday Hotel" für fast 300 Yuan die Nacht. Man gönnt sich ja sonst nichts.
Didi Ocean
Wenn ein Student in meiner Bibliothek ein Buch ausleihen will, muss er eine Kaution von 100 Yuan hinterlegen, die er beim Abschluss des Studiums, vorausgesetzt, alle Bücher sind heil und gesund wieder in die Regale zurückgekehrt, zurückfordern kann. Meist wird das aber vergessen. So hat sich im Laufe der Jahre auf dem dazugehörigen Konto eine stattliche Summe angesammelt und ich habe mich schon manches Mal gefragte, in was man denn diese Stange Geld investieren könnte. Neue Bücher? Kommen aus Deutschland. Neue Lampen? Kommen von der Uni. Nun, man kann wohl sagen: Nachdem ich von der hiesigen Polizeibehörde in einem so genannten Vermittlungsgespräch dazu verdonnert wurde, 9000 Yuan an eine durchgedrehte Verkehrssünderin zu entrichten, der ich mal anständig den Marsch geblasen habe, ist das Problem, wie dieses Geld möglichst schnell verplempert werden kann, aus der Welt. Diese rein chinesische Angelegenheit, die auf dem chinesischen Weg gelöst wurde, wird selbstverständlich auch mit rein chinesischem Geld geregelt. Und weder ich noch meine Krankenkasse müssen einen Pfennig zubezahlen. In die Buchführung kommt der Vermerk: Sonderausgabe. Die Sache ist nur: Ich hatte irgendwann 2009 mal die glorreiche Idee, die Geheimzahl der Bankkarte, die zu besagtem Kautionskonto gehört, der von meiner privaten Bankkarte anzugleichen. Diese Änderung habe ich leider bei der nächsten Abhebung nicht mehr im Kopf gehabt und stur dreimal, mit leichter Variation, die alte eingegeben, woraufhin die Karte selbstverständlich gesperrt war. Ich gehe also zum Bankschalter und erkläre, dass es ein Problem mit der Geheimzahl gebe. Die Bankangestellte schaut mich irritiert an und ich komme mir vor wie Danny Ocean bei einem seiner hochstaplerischen Coups oder wie Peter Voss, der Millionendieb. Oder vielleicht auch einfach nur wie Michel aus Lönneberga?
Das Konto wurde 2002 von einer chinesischen Kollegin eröffnet, der ich offensichtlich überhaupt nicht ähnlich sehe. Das sei so eine Art Firmenkonto, erläutere ich. Die neue Geheimzahl geht schon mal nicht, dann gebe ich also die alte ein. Ich tippe anscheinend aber immer zu langsam. Jedesmal wird der Code abgelehnt. Inzwischen ist eine Kollegin aufgetaucht. Auch ein freundlicher Herr versucht mir beim Eintippen behilflich zu sein. Da die Geheimzahlen nun sowieso nicht mehr geheim sind, schreibe ich der Schalterdame schließlich die beiden PI-Nummern auf, damit sie mir auch glaubt, dass ich die Geheimzahl wirklich kenne, und am Ende klappt es dann doch: Bargeld lacht! Mit diesem deutschen und von mir leitmotivisch verwendeten Originalzitat überreiche ich dann bei der Polizei die zweite Rate über 6000 Yuan. Wieder strahlt die Taxi-Tussi mit der Rübe auf der Oberlippe über beide Backen. Am Ausgang sage ich zu Li und Chang: "Noch so'ne Aktion wie heute und ich sitz' im nächsten Flieger nach Deutschland!" Da verschlägt's ihnen glatt die Sprache.
[sin-o-meter-Leser aufgepasst: neuer Eintrag auch am 13. März!]
Ich wollte doch einfach nur über die Straße
Es fängt genauso an und wird doch ganz anders als vor zwei Wochen. Wieder begleiten mich Li und Chang zur Polizeistation. Diesmal mit dabei ist auch ein Herr vom Sicherheitsdienst der Universität. Dass dessen Jungs tatenlos zusahen und nicht auf die Taxi-Tussi los sind, um mich von ihr zu befreien, nachdem sie mir schon auf Uni-Gelände gefolgt war, lässt nicht gerade auf den nötigen Beistand hoffen. Das stählerne Rollltor geht für uns auf. Wir betreten den Innenhof des weißen, zweistöckigen Gebäudes. Am Eingang steht die Taxi-Tante, die ich erst auf den zweiten Blick erkenne. Sie trägt ein schwarzes Kostüm, die gräulichen Haare mit Rot-Einschlag sind hochtoupiert und sie hat auch gleich die ganze Familie mitgebracht. Wir drängeln uns in das geräumige Büro im Erdgeschoss. Der freundliche Herr Joni ist nicht zu sehen, der junge Nachwuchsbeamte Wang hat übernommen.
Es beginnt damit, dass der schlanke, ältere Herr, der sich als Vater der Taxi-Tussi erweist, mir einen Nackenschlag verpasst, nachdem er erfahren hat, dass ich der ausländische Teufel bin. Der (also der Schlag) ist allerdings harmlos und wohl nur als Provokation gedacht. Wir setzen uns. Ich nehme Platz auf einem Stuhl zwischen zwei Schreibtischen mit Computern, vor mir, vornehm gekleidet übrigens wie ein Anwalt, Kollege Chang. Und nun beginnt das unwürdigste Prozedere, das ich je miterlebt habe: Ungefähr eine halbe Stunde lang geht eine wüste Schimpfkanonade auf mich nieder. Jeder ist mal dran: Papa, Ehemann, ein Bruder ist, glaube ich, auch dabei, der schießt auch für alle Fälle mal ein Foto fürs Internet von mir. Chang sitzt vor mir und übersetzt kein Wort. Ich verstehe nur "keine Moral". Chang erläutert einsilbig, das gehöre zum Standardrepertoire, die seien noch "ziemlich aufgeregt" und müssten sich erst mal austoben. Seitens der Polizei sind in der Tat auch keine Bemühungen zu erkennen, das große Schlammschmeißen einzudämmen. Die Beamten tun so, als wären sie gar nicht da. Meine Bitte, noch mal die Videoaufzeichnung anzuschauen: verhallt im Nichts. Ich sitze schweigend im Hintergrund und habe mir den SPIEGEL rausgeholt. Gab es da nicht gerade irgendwo einen Artikel über Polizeiaktionen gegen Demonstranten in Peking? Ich lese dann doch lieber was über Japan. Katastrophenstimmung nach dem Fukushima-GAU – das passt.
Um es kurz zu machen: Zwar schimpft sich diese ganze Aktion Vermittlungsgespräch, aber was immer ich an Einlassungen vorzubringen habe und ja auch beim letzten Termin zu Protokoll gegeben habe, also meine Sicht der Dinge spielt hier und heute und auch sonst nirgends eine Rolle: Für Verkehrsdelikte sei man nicht zuständig, hier gehe es nur um meine Gewaltanwendung, im Hinblick auf welche die Polizei zu dem Ergebnis gekommen sei, dass ich allein verantwortlich bin. Die Taxi-Tussi beklagt zwei Tage Arbeitsausfall. Die Taximiete pro Tag betrage 3000 Yuan, die habe sie natürlich auch an besagten zwei Tagen entrichten müssen. Hinzu kommen Krankenhauskosten: 3000 Yuan. Dafür soll ich aufkommen. Ich sage zu Chang: "Über die Krankenhauskosten kann man ja reden, aber dass sie zwei Tage lang kein Auto gefahren ist, war für ihren Fahrstil eine ziemlich angemessene Strafe. Damit habe ich der Stadt doch einen Riesendienst erwiesen. Zwei Tage sicherere Straßen Nanjing. Naja", füge ich hinzu, "musst du jetzt nicht wörtlich übersetzen!" Chang findet wieder diplomatische Worte, erreicht aber nichts: Das Verkehrsdelikt werde hier ja nicht verhandelt. Ja, ja, verstehe ich. Das Fazit lautet: Entweder ich erkläre mich bereit, die Summe von 9000 Yuan plus eventueller Zusatzkosten – schließlich leide die Taxi-Tante immer noch unter Beschwerden... "Beschwerden?", wende ich auf Deutsch ein, "guck sie dir doch an, die Frau ist kerngesund!" – entweder ich erkläre mich also bereit, die Summe zu zahlen, oder ich muss vor Gericht, das Ergebnis wäre gleich, nur ich müsste dann ein paar Tage ins Gefängnis. "Ja, super", sage ich, "gehe ich ins Gefängnis!" Und danach aber die Summe trotzdem zahlen. "Dann natürlich nicht ins Gefängnis!" Und so heißt es also am Ende: Bargeld lacht.
Was heitert sich auf einmal die Gemütslage auf bei der Taxi-Tussi und ihren zeternden Angehörigen, ein entspanntes Lächeln schleicht sich in so manches Gesicht. Und sogar die Warze auf der Oberlippe der Taxi-Tante, will mir scheinen, leuchtet plötzlich in einem viel satteren Braun, als ich die Polizeierklärung zur Entschädigung unterzeichne und mit dem schon bekannten roten Daumenabdruck besiegele. Natürlich muss das Geld auch jetzt direkt fließen. Überweisungen scheiden völlig aus. Bargeld lacht! Durch die so getroffene "gütliche Einigung" bleibe mir die weitere strafrechtliche Verfolgung mit drohendem Gefängnis erspart, werde ich belehrt, und die Polizei, die die erste Rate von 3000 Yuan, nachdem ich und Chang schnell rüber zum Geldautomaten geeilt sind, vor meinen Augen gleich an das vermeintliche Opfer weiterreicht, versichert, dass ich über alle real angefallenen und nunmehr von mir beglichenen Kosten Belege bekommen werde. Auf die bin ich schon gespannt! Angeblich hat sich die Tante ja durch meinen Schlag an den Hals eine Gehirnerschütterung zugezogen. Die einzige Erschütterung, die ich hier weit und breit registriere, ist allerdings die bei mir über das, was hier abgeht!
Am Ausgang habe ich dann sogar noch einen freundlichen Wink übrig für die Tussi und ihre Familie. Entspannung allenthalben. Vor dem eisernen Rolltor verabschiede ich mich auch von meinem dreiköpfigen Begleitpersonal und gehe gleich weiter Richtung Bibelkreis. Unterwegs kann ich mich etwas abreagieren – natürlich ohne irgendwo gegenzutreten. Denn auch wenn für mich längst klar ist, dass ich am Ende keinen roten Mao aus eigener Tasche bezahlen werde, bin ich doch stocksauer über die Art und Weise, wie ich hier vorgeführt worden bin.
Und woher wird nun das Geld kommen? Als CDU-Stammwähler verfüge auch ich natürlich über eine "schwarze Kasse". Mir muss nur die Geheimzahl wieder einfallen.
Sehr lustig!
Cathy fehlt mal wieder völlig der nötige Ernst: Erst verspottet sich mich als Frauenverprügler und dann schickt sie abends eine SMS folgenden Inhalts: "I'm in hospital. Doctor said the injury caused by you [gemeint ist ein Tennisball, der sie nachmittags nach einem Netzangriff von mir auf dem Bauch getroffen hat] needs at least a month to recover..." Das soll natürlich eine Parodie auf die Krankenhaus-Arie der Taxi-Tussi sein. Aber das wird mir erst klar, als sie noch eine zweite SMS schickt. "You know, I like to critise [sie meint: criticize] you and tease you."
Sehr lustig! Meine Rache ist schon in Vorbereitung.
Katja zurück in der Stadt
Katja meint ja, das wird noch ganz schön teuer für mich. "Die werden da manchmal ganz schön unverschämt!", warnt sie, als ich ihr die Geschichte mit der Taxi-Tante erzähle. Meine beliebte österreichische Kollegin ist im Sommer berufsbedingt nach Peking umgesiedelt. Ihren bisherigen Herzallerliebsten hat sie gleich da gelassen, also in Nanjing, weil der etwas zu intensive Beziehungen zu einer ihrer Kolleginnen aufgenommen hat. Ein Fall aus der Rubrik: Man hat schon mehr gelacht. Nun aber ist sie zurück an alter Wirkungsstätte.
Gestern nach dem Vortrag von Prof. Paul (Analyse einer Talk-Show mit Iris Berben als Gast), zu dem ich sie gelotst habe, war sie mit zum Mittagsmahl zur Verabschiedung des Professoren-Paars Paul, das bei uns drei Wochen zu Gast war. Heute sind wir locker zu einem kleinen Ausflug verabredet. Ich bin schon vorausgeeilt in den Botanischen Garten. Aber Katja und ihr neuer Freund, ein Chinese, der in der Schweiz Deutsch gelernt hat, kommen morgens nicht aus den Federn. Um 13.37 Uhr kommt folgende SMS: "Wir fahren jetzt Richtung Berg. Wo steckst du?" Erst am weit fortgeschrittenen Nachmittag trifft sie per Taxi ein und bringt auch gleich Regen mit. Ich kriege prompt nasse Füße, aber nicht vom Regen, sondern weil ich im Brücken-Abenteuerpark die Neigung jener Ketten nach unten ins Wasser unterschätzt habe, auf denen man hier einen kleinen Wasserlauf überqueren soll. Jetzt muss ich Socken auswringen.
Wir wandern dann noch etwas parkeinwärts, lassen dabei den Pflanzen fotografierenden neuen Freund zurück. Unterwegs gibt Katja telefonisch einem verliebten Ex-Studenten noch ein paar Partnerschaftstipps: "Wer hat zuerst geküsst", schallt es durch den Wald, "du oder sie?" Ich höre gar nicht hin.
Schließlich landen wir am Rande des Universums, des Park-Universums, der sich, wie ich vermeine, auf der genau entgegengesetzten Seite vom Eingang befindet. Wir stapfen querfeldein durch regennasse Pflanzen. Selbst die sonst immer souveräne und schwer zu erschütternde Katja wird ein bisschen blass, als ich ihr mit einer Miene, als wäre Predator hinter uns her, eröffne: "Es gibt keinen Ausweg! Wir müssen jetzt hier über den Zaun steigen!" Etwas unsicher balanciert sie oberhalb der spitzen Metallstäbe. Dann ist es vollbracht. Wenig später kommt das Arboretum in Sicht, in dem wir uns am frühen Nachmittag getroffen haben. Kurzum, wir waren vom Eingang, wo der Chinese mit Schweizer Einschlag immer noch fotografiert, nur zehn Fußminuten entfernt – von wegen "es gibt keinen Ausweg!" Ja, aber ich mag's nun mal gern dramatisch...
Wir steigen wahllos einem Bus zu und wandern dann durch den fast leeren, vom Regen triefenden Xuanwu-Park zurück. An der U-Bahn sagen wir leise Servus, denn Katja und ihr neues Herzblatt müssen ja morgen früh zurück nach Peking.
"Wer neue Schuhe trägt, tritt damit nicht in den Mist!"
Wäre ich überfahren worden, wäre meine Verhandlungsposition erheblich günstiger. Als ich eine halbe Stunde vor dem Termin mit meinen beiden Kollegen Chang und Li im Büro für auswärtige Angelegenheiten der Uni vorbeikomme, den meine Chefin mir gestern Abend telefonisch mitgeteilt hat, ist die Stimmung gedrückt. Gemeinsam mit dem Büroleiter schauen sie sich die Video-Aufzeichnung der Vorfälle von gestern Nachmittag an. "Wir sehen uns in einer halben Stunde", sage ich nur und bin auch schon wieder weg.
Chang und Li begleiten mich zum Verhör bei der Polizeistation in der Yunnan-Straße. Ein freundlicher Beamter, der sich Joni nennt, empfängt uns in einem Büro mit schwarzen Ledersesseln und ich beginne mit einer Frage: International gelte ja der Zebrastreifen als so eine Art heilige Schutzzone für Fußgänger. Ob das in China anders sei. Nein, nein, erklärt Herr Joni, das sei in China auch so. Dann erkläre ich, wie es zu jenem Fußtritt gegen das grüne Taxi gekommen ist, das, ungeachtet des blauen Schildes, des gelben Ampel-Blinklichts und des Tempoblockers, mit Vollgas vor mir über den Zebrastreifen bretterte, so dicht, dass immerhin die Möglichkeit zu diesem Fußtritt gegen die Karosserie des Wagens gegeben war. "Als Fußgänger hat man ja keine Hupe", erläutere ich, "um auf Fehlverhalten anderer Verkehrsteilnehmer hinzuweisen." So hätte ich also zu dieser etwas unorthodoxen Methode gegriffen. Herr Chang übersetzt Wort für Wort. (Ich soll bloß nicht versuchen, Chinesisch zu reden, lautet die Instruktion.) Daraufhin sei die Dame, etwa vierzig Jahre, alt, grüner Trainingsanzug, kurze, hellrot gefärbte Haare, eine gewaltige Rübe auf der Oberlippe, erbost angehalten und aus dem Taxi gestiegen und habe etwas gerufen, das ich nicht verstand. Ich meinerseits habe sie lautstark für verrückt erklärt. Dann steht sie also vor mir. Und obwohl ich ihr doch die Chance gegeben habe, ihr Fehlverhalten einzusehen, erkläre ich, zeigt die Taxi-Tussi sich uneinsichtig und pöbelt laut herum. Ich versetze ihr entnervt einen Schubser gegen die rechte Schulter, um deutlich zu machen: "Gespräch beendet!", aber das sieht die Taxi-Tussi völlig anders. Die wird nämlich rabiat: Sie eilt mir, der ich mich bereits in Richtung Campus abgewendet habe, hinterher und zerrt an meiner Kleidung. Ich versuche mich mit einem Fußtritt los zu machen, verfehle aber mein Ziel. Da die Tussi zurückgewichen ist, kann ich nun meinen Weg fortsetzen, aber – ich bin bereits auf Uni-Gelände – da hängt sie schon wieder wie eine Klette im Hundefell an mir dran und zerrt. Schließlich wird mir das Ganze zu bunt und ich entledige mich der für meine Begriffe völlig durchgeknallten Furie kurzerhand mit einem Kinnhaken. Ich denke: Nun ist Ruhe im Karton! Aber jetzt geht das Theater erst richtig los! Ich kann ja nicht ahnen, dass nur das Besudeln eines Porträts von Mao Zedong in der Volksrepublik China ein noch größeres Verbrechen ist, als eine hilf-, wehr- und vor allem: arglose Frau zu schlagen. Deswegen das Geschrei und Gezeter überall. Die Taxi-Tussi wälzt sich derweil theatralisch auf dem Boden vor dem Campus, zehn Meter von dem Ort entfernt, wo ich zum Befreiungsschlag angesetzt habe. Unwillkürlich muss ich an Elfmeterschinden im Fußball denken. Ein Sicherheitsbeamter und ein Passant kommen auf mich zu. Die behindern sich in dem, was sie von mir wollen, so lange gegenseitig, bis ich erkläre, ich müsse jetzt zum Unterricht, und enteile. Erst im Hörsaal bemerke ich, dass mein Mittelfinger heftig blutet. Nach dem Unterricht komme ich wieder am Ort des Geschehens vorbei und erkläre den Sicherheitsbeamten, die Tussi sei eine Gefährdung für die Menschheit. Man wird jedoch nicht müde mir zu erklären, sie sei sicher zu schnell gefahren, aber ich hätte doch die Frau nicht schlagen dürfen. Erschwerend kommt hinzu, dass, wie ich heute erfahre, drei Augenzeugen sich freiwillig gemeldet haben, um zu erklären, dass ich der böse ausländische Teufel sei, der eine arme, hilflose Frau geschlagen habe, und dass diese sich ins Krankenhaus begeben habe, zu einer zweitägigen Untersuchung! Naja, erkläre ich mich kompromissbereit, wenn die Dame einwillige sich einer Führerschein-Nachschulung zu unterziehen, sei ich bereit 25 Prozent der Krankenkosten zu übernehmen, und halte das für einen fairen Kompromiss. Herr Joni, der die Video-Aufzeichnung von den Vorfällen auf seinem Mobiltelefon hat, dankt, verspricht eine Überprüfung der Sicherheitsstandards im Uni-Viertel, was mein Kollege Chang allerdings für reine Rhetorik hält. Ich bin immerhin froh, dass ich meinen Standpunkt darlegen konnte. Das Protokoll besiegele ich vollgültig-amtlich mit einem Fingerabdruck von roter Tinte. Nun, denke ich, wird man sicher zu einer Lösung gelangen, die beiden Seiten gerecht wird. Chang tadelt mich auf dem Nachhauseweg noch einmal: Ich hätte einfach die Hände vors Gesicht halten und die Frau sich abreagieren lassen sollen. Und überhaupt: Ein Hochschullehrer könne sich doch nicht so aufführen: "Wer neue Schuhe trägt, tritt damit nicht in den Mist!"
Tage wie dieser...
... sollten gar nicht erlaubt sein: Ich fall' fast vom Stuhl, als ich lese, dass der FC B einen 1:0-Auswärtssieg in der CL noch aus der Hand gegeben hat. Meine Bank hat hinterrücks meine Geheimzahl für die Kontoführung per Computer geändert und die Zahl ist offenbar irgendwo zwischen Deutschland und China verloren gegangen. Eine Klopapierrolle fällt ins Becken und saugt sich sofort voll. Und der Rest ist auch nicht so einfach. Geladen wie eine Feldhaubitze mache ich mich kurz vor vier auf den Weg in den Unterricht bei den Magisterstudenten, eiligst überquere ich den Zebrastreifen zwischen Nord- und Südcampus. Ein Motor röhrt auf. Ein Taxi beschleunigt auf fünfzig bis sechzig Sachen. Das Schicksal nimmt seinen Lauf.
Abends ruft meine Chefin an: "Du hast eine Frau geschlagen? Die ist jetzt im Krankenhaus. Offenbar ist es etwas Ernstes!"
Erdbeben
"Der Schrecken der Medusa" ist der Titel eines verstörenden Horrorfilms, in dem Richard Burton einen Mann verkörpert, der Katastrophen heraufbeschwören kann. Und daran muss ich heute mal kurz denken.
Bryant, der Filipino, der die Beiträge für das NICF-Bulletin koordiniert, predigt heute im GoDi der NICF (Nanjing International Christian Fellowship). Ich ahne schon, dass er mich am Anfang der Predigt erwähnen wird, denn ich hätte es an seiner Stelle auch getan. Mein Leitartikel mit dem Titel "Earthquakes", der groß oben auf dem Blättchen prangt, das jeder am Eingang in die Hand gedrückt kriegt, bekommt nach dem schweren Erdbeben in Japan vor zwei Tagen prophetische Qualität. Zwar benutzt mein Text das Thema Erdbeben nur metaphorisch und bezieht sich eher auf Libyen als auf Japan, aber es wirkt natürlich trotzdem irgendwie überirdisch, dass ich meinen Text fünf Tage vor der historischen Katastrophe von Fukushima so betitelt habe. Sicher habe ich heute eine bessere Leserquote als mit "Harry the Dog", "Wisdom of the Flesh" oder "Easily Breaking Glass".
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