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Sonntag, 25. September 2011

Zu Besuch bei Kaisers
Von DM, 23:59

Student Xu Wen, von mir vor einer Weile mit einem Buch von weltgeschichtlicher Größe ausgestattet, hat mich zu einem kleinen Wandertag eingeladen. Mit von der Partie ist ein Student der Naturwissenschaften. Verblüffenderweise stoßen wir im Ming-Gräber-Park, einem etliche Quadratkilometer großen Areal, das ein Mausoleum für verschiedene Kaiser der Ming-Dynastie (14. bis 17. Jahrhundert) beherbergt, auf lauter Bekannte: Erst kreuzen am Rande des "Heiligen Pfads" mit den zwölf Tierskulpturen (Foto) Spitzenstudent Zhou Rui und die umtriebige Meiling mit ihren deutschen Sprachpartnern unseren Weg.

Danach ertappen wir Changting und Chen Ling (ebenfalls aus dem Abschlussjahrgang) beim Picknick mit zwei Damen aus einer Delegation der Partner-Universität Göttingen: alle zu Besuch bei Kaisers.
Endstation ist der Zixia-Badesee. Ein rarer Anblick: lauter Chinesen, die schwimmen können. Während der kurzen Rast am See werde ich prompt zum Opfer blutgieriger Moskitos, was uns zum raschen Aufbruch nötigt.

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Mittwoch, 21. September 2011

Mistverständnisse
Von DM, 23:59

Unser aller Pekinger Chef, Herr Hase-B., ist gemeinsam mit einem Referatsleiter des Akademischen Austauschdienstes anlässlich einer Tagung und wichtiger Gespräche mit Uni-Größen in der Stadt. Für den Abend habe ich für die Gäste aus Peking und ein paar deutsche Gastdozenten weisungsgemäß einen Tisch im Uni-Restaurant vor meiner Haustür bestellt und auch noch mal umbestellt, nachdem ich erfahren musste, dass Hase-B. und Co. erst eine Stunde später eintreffen würden als ursprünglich geplant. Denn nach acht Uhr kann man in den Universitätsrestaurants leider keine Feten mehr steigen lassen. Um die Zeit geht da nämlich schon das Licht aus.
Ich bin also mit meiner Reservierung ausgewichen in ein koreanisches Restaurant in Uni-Nähe. Um halb acht tauchen dank meiner exzellenten Wegbeschreibung auch die ersten Gäste auf, aber wo bleibt der hohe Besuch aus der Hauptstadt? Ist da was schief gelaufen? Ein Anruf auf meinem mobilen Hörapparat: "Ja, wir stehen jetzt hier im Eingangsbereich des koreanischen Restaurants. Wo seid ihr?" Der Eingangsbereich unseres Restaurants ist von unserem Platz aus bestens zu überblicken. Herr Hase-B. im falschen Film? In einer Parallelwelt? Was ist passiert? Ich werde meiner Verantwortung als Chef-Koordinator gerecht und betätige mich als Pfadfinder. Wir sind im fünften Stock, aber in den anderen Restaurants stehen keine Langnasen hilflos in der Gegend herum. Ich fahre per Rolltreppe wieder nach unten, blicke auf die Straße: kein Hase-B. weit und breit. Griff zum mobilen Fernsprechapparat: "Seid ihr denn auch wirklich an der U-Bahnstation Zhujianglu ausgestiegen?"
"Nee, äh, wir sind hier in Xinjiekou."
"Von Xinjiekou war ja auch nie die Rede. Ich hatte doch EXTRA geschrieben U-Bahnstation Zhujianglu!" Zitat aus meiner Wegbeschreibung: "Verwendung von Aufgang 4 der U-Bahn-Station Zhujianglu."
"Wir sind aber gar nicht mit der U-Bahn gekommen und der Taxifahrer hat uns hier rausgelassen." Zitat aus meiner Wegbeschreibung: "Tipp: sich auch dann an der Zhujianglu-Station in den Untergrund begeben um EXIT 4 (wichtig!) zu finden, wenn man mit dem Taxi kommt."
Ich suche nach einer Erklärung, die niemanden brüskiert: "Ich fürchte, der Taxifahrer war da keine große Hilfe."
"Und wir sind hier auch im vierten Stock. Und hier gibt es eine Rolltreppe und ein koreanisches Restaurant. Das passte alles genau zu deiner Beschreibung."
Ich sage: "Am besten, ihr fahrt jetzt mit der U-Bahn eine Station zurück, dann seid ihr da."
"Wir nehmen lieber ein Taxi."
"Nehmt ihr also ein Taxi. Vor dem Gebäude an der ZHUJIANG LU steht eine große, gelb-schwarze 'Transformers'-Figur; daneben erwarte ich euch."
Ich harre also ein paar Minuten an der großen, gelb-schwarzen "Transformers"-Figur aus, während sich ein paar Stockwerke über mir alles fragt, in welchem Raum-Zeit-Loch erst die Ehrengäste und dann ich verschwunden sein mögen. Schließlich taucht vor meinen Augen das Taxi mit den beiden Ver(w)irrten auf. "Zum Glück hat das Restaurant etwas länger auf", versuche ich, das Positive zu sehen.
Das Essen ist gut, der Abend verläuft fröhlich, bis mich Hase-B. mit der Auskunft schockt, für die von mir durchzuführende Kinder-Uni müssten ja noch viel mehr wichtige Leute, z.B. der Uni-Präsident und der Generalkonsul aus Schanghai, eingeladen werden, ob ich denn mit denen schon in Kontakt getreten sei. Ich höre von einer solchen Prominentenklausel zum ersten Mal. Kurz darauf stehe ich sogar noch dümmer da, als nämlich Hase-B. mit der bitteren Wahrheit herausrückt, wir müssten doch jetzt mal die Rechnung teilen. Das gab's ja noch nie: Der Chef bittet um ein informelles Besprechungsessen und der Akademische Austauschdienst lädt nicht ein! Ich habe in völlig konträrer Erwartung mein Portmonee einfach in der anderen Hosentasche gelassen, als ich mir die feinere Hose anzog. Zum Glück bekomme ich noch ca. 70.000 Yuan staatlicher Fördergelder für die Kinder-Uni. Da kann Hase-B. mir dann auch gerade noch mal mit 100 Yuan aus der Kreide helfen.

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Montag, 19. September 2011

Tweety und der weiße Kaffee
Von DM, 23:59

Wang Xige ist wieder da. Unlängst habe ich sie im sin-o-meter als Tweety vorgestellt. Wie immer meldet sie sich am Telefon auf Chinesisch und stellt mich vor fast unmöglich zu lösende Verständnisprobleme. Sie redet was von Kaffee. Benno, der neben mir steht, will was von einer Einladung zum Kaffee verstanden haben. Aber er war zu weit weg vom Telefon. Ich befinde mich gerade mit meinem frisch ernannten "Assistant Project Manager" im Büro der Uni-Druckerei um einen Werbedruckauftrag zu besprechen. Wenig später steht sie in der Tür und drückt mir Tüten mit Instant-Cappuccino in die Hand. Xige versucht mir mitzuteilen, dass sie das im letzten Semester ausgeliehene Buch "Schlaglichter der deutschen Geschichte" nicht mehr auffinden könne. Das müsse sie dann ersetzen, sage ich, aber sie solle man noch mal daheim gründlich suchen. Draußen erkläre ich dann noch in dürren Worten, dass ich Kaffee gar nicht trinke, aber ich verspreche, diesen "weißen Kaffee" wenigstens mal zu probieren und das Pulver dann weiterzuverschenken. (Mein Satz endet bei "mal probieren".)
Am Abend gibt es schon wieder ein feudales Diner. Diesmal hat die Linguistik-Professorin Chang ihre deutsche Kollegin Pittner zum Abschluss einer Vortragsreihe eingeladen. Gekommen sind auch Professor Hong (diesmal im schnieken Anzug) und eine Reihe ehemaliger Professoren des Deutsch-Instituts, alle um die achtzig Jahre alt. Neben mir sitzt die einzige Kollegin dieser Generation. Sie war dereinst die Lehrerin der jetzigen Chefriege und hat die ganze Kulturrevolution miterlebt. Sie drückt mir das Buch "Nachsinnen am Bodensee", eine Sammlung von eigenen Texten, in die Hand, die sie vermeint mir schon bei unserem letzten Zusammentreffen ausgehändigt zu haben, was aber nicht stimmt. Die erste Studentin, die später das Buch in der Bibliothek ausleiht, ist Xige. Der "weiße Kaffee" landet bei Benno, der das Projekt, dieses aus meiner Sicht ungenießbare Zeug zu verwerten, mal schön "managen" kann.

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Donnerstag, 15. September 2011

Assistant Project Manager
Von DM, 23:59

Im nächsten Monat bin ich so etwas wie der ausführende Produzent einer so genannten "Kinder-Universität". Es handelt sich dabei um eine Marketing-Aktion, bei der potentielle spätere Studenten (die jetzt noch Mittelschüler sind, aber Deutsch an der Schule lernen) für den Studienstandort Deutschland begeistert werden sollen. Zwei Referenten habe ich schon an Land gezogen. 7.000 Teuro soll ich ausgeben. Das wird schwer, denn ich darf leider nichts in schwarze Kassen abzweigen. Da ich ja noch was anderes zu tun habe, als mich um den ganzen Vorbereitungszirkus zu kümmern, habe ich - der Mensch denkt, Gott lenkt - die Stelle eines "Assistant Project Manager" an Benno vergeben, der in Nanjing zur Schule gegangen ist, aber in Schanghai studiert hat, mich regelmäßig in der Bibliothek aufsucht und glücklicherweise für sein Studium in Tübingen ein Praktikum benötigt. Heute kann ich ihm also all die lästigen Aufgaben wie T-Shirts-drucken-Lassen oder Mützen-drucken-Lassen ans Bein binden. Und er freut sich auch noch darüber. Gestern habe ich Benno formell engagiert und einen Vertrag mit Dienstsiegel und allem Schnickschnack ausgestellt, woraufhin Benno nach einigem Drucksen mit der drängenden Frage herausrückte, ob er denn nun bei diesem Projekt auch wirklich an bedeutender Stelle mitwirke. "Auf jeden Fall", versichere ich Benno. Über ihm gebe es nur noch zwei Etagen, mich und Herrn Hase-B. in Peking.
Heute verabreden wir uns an der Haltestelle von Bus Nr. 11 und Benno begleitet mich an seine ehemalige Schule, wo ich mit zwei Deutschlehrerinnen (die ältere unter ihnen ist seine ehemalige Lehrerin) das Unterfangen bespreche, Teilnehmer für die Kinder-Uni rekrutiere und das Projekt noch einmal ausführlich vorstelle. Wir sitzen in einem leeren Klassenraum, aber - pst! - die Klasse nebenan schreibt gerade einen Test.

Lesung im letzten Jahr: Lu Min und Svealena Kutschke

Es sind über dreißig Grad bei ca. 80 Prozent Luftfeuchtigkeit. Eigentlich habe ich wenig Lust, mich nachmittags zur Nanjinger Pädagogischen Hochschule zu begeben, wo eine Lesung mit den chinesischen Autoren Lu Min, Han Dong und Ye Zhaoyan stattfindet sowie mit dem deutschen Gast-Autor Kai Weyand. Meine Chefin, die Leiterin des Instituts für deutsche Philologie, moderiert. Das Oberthema, von meiner Chefin nach der Lektüre eines SZ-Kommentars zum Thema Guttenberg ausgewählt, lautet "Leistung", aber wie immer ist das den Dichtern aufs Auge gedrückt worden und sie lesen Texte, die nur für denjenigen etwas mit dem Thema zu tun haben, der genug Fantasie hat, um selbst Romane zu schreiben. Ich komme viel zu spät, weil ich das Gebäude Sui Yan Shu Fang (Studio für Buchdesign), in dem die Sitze aus zusammengeleimten Pappflächen bestehen, nicht ohne ortskundige Hilfe finden kann. Zum Glück ist neben Lijie, Absolventin unseres Fachbereichs vor einem Jahr, noch Platz. Schließlich fällt aus Zeitgründen auch noch die deutsche Übersetzung aus; zum Glück habe ich den "Spiegel" für solche Fälle immer dabei. Beim anschließenden Essen sitze ich neben Han Dong, der leider arg am Glimmstängel hängt und mir zwischen den Fluppen ein paar Eindrücke aus seinem Stipendiumsaufenthalt in Göttingen schildert. Wie alle Dichter hier gehört er zu den Geförderten des Künstleraustauschprogramms des Goethe-Instituts "Künstler in Residenz" in Partnerschaft mit den Universitäten Nanjing und Göttingen. Ich frage ihn, ob er die mit mir gut bekannte Danyu kenne. Ja, sagt er, was mache die denn eigentlich. Ist in Chicago, sage ich, studiert Theologie, aber sie verkracht sich ständig mit der Uni-Leitung. Auch Lu Min schüttle ich kurz die Hand. Immerhin hat sie mich vor zwei Jahren zum "Pfingstrosen"-Ballett eingeladen. Das verschweige ich Kai natürlich, der Lu Min sehr bemerkenswert findet. Unserer klügsten Studentin Yinyin haben allerdings die männlichen Autoren besser gefallen.

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Dienstag, 13. September 2011

"Ha - ha - ha!"
Von DM, 17:31

Nach drei Monaten meldet sich meine Partnerin für deutsch-chinesische Austauschstudien Jiakun (auf dem Foto rechts) per SMS, weil ich lange nichts von mir hören ließ. Sie fragt: "Are you o.k.?" Ich antworte: "I am now in Jiangsu Provincial jail. Beat  taxi lady again in court!"

Erklärung: Ich hatte noch einen blöden Witz gut bei ihr, nachdem sie im März nach einem Tennisball, der sie unglücklich traf, gescherzt hatte, ebenfalls per SMS, sie sei jetzt im Krankenhaus. Mein Deutschlehrer Gaipl hätte, betont langsam, gesagt: "Ha - ha - ha!"
Und was sagt Jiakun? Sie schickt zwei Nachrichten innnerhalb von 30 Sekunden. 1. "Ein Scherz!"
2. "Im Ernst?"

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Sonntag, 11. September 2011

Abschied von der Seidenreiher-Insel
Von DM, 23:59


Zum Frühstück streike ich mal wieder. Gestern Abend beim großen Abendessen habe ich wie üblich zu arg zugeschlagen. Und die Fußball- und Literaturgespräche mit Kai bis in die tiefe Nacht hinein fordern auch ihren Tribut. Fünf Minuten vor dem Ende der Frühstückszeit tauche ich im Restaurant auf, erkläre den Kollegen, ich hätte bisschen Magendrücken, und schlürfe noch einen süßen Wasserreisbrei in mich hinein.
Im Anschluss folgen eine kleine Wanderung am See entlang und auf eine Aussichtsplattform, bei der die Gefahr der Überanstrengung gleich Null ist. Nur die schwüle Hitze setzt mir zu. Ich suche etwas Spannung. Mein Ausflug auf einen künstlichen Felsen am See wird prompt zum Oh- und Ah-Fotomotiv. Bisschen peinlich. Damit sind die Höhepunkte unseres zweiten Tages auf der Seidenreiher-Insel, die eigentlich ja nur eine Halbinsel ist, auch schon genannt. Vor Einbruch der Dunkelheit sind wir wieder zu Hause.

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Samstag, 10. September 2011

Die Seidenreiher-Insel
Von DM, 23:59

Besuch von der Universität Göttingen: Unsere aus Deutschland zurückgekehrten Studenten des Jahrgangs 06 und die demnächst dorthin reisenden 07-Studentinnen nehmen mit zwei deutschen Dozentinnen teil an einer "Werkstatt" zur Wissenschaftssprache. Ich schau auch mal kurz vorbei. Mittags gehe ich mit Yixuan und Yijie (siehe Eintrag vom 27. Mai: oben links Yijie, unten links neben mir: Yixuan)  in Richtung eines nahe gelegenen Restaurants. Yijie biegt rechts ab, Yixuan und ich treffen eine wie immer blendend aufgelegte Yangliu, die die frisch gebackene Jura-Studentin Hao Hui (in Großenaspe bekannt als Inge), ihre Lieblingslehrer Qin Wen (auf dem Foto hinten im blauen Hemd) und Didus, ihren Freund und eine Freundin zum Essen eingeladen hat. Auf der Arbeit, irgendein Verwaltungsding, schiebt sie eine ruhige Kugel, weiß sie zu berichten. Yixuan muss sich vorzeitig verabschieden, denn die Werkstatt geht weiter. Zum Abschied gibt es die auch schon in Großenaspe berüchtigten Pemmikan-Platten (getrocknetes Rindfleisch), jetzt auch in Bonbon-Form im Angebot. Da kann man wirklich nicht widerstehen!

Gegen halb vier finde auch ich mich wieder im Gebäude der Wissenschafts-Werkstatt ein. Im Anschluss beginnt von hier aus nämlich der große deutsch-chinesische Lehrer-Ausflug auf die Bailudao- oder Seidenreiher-Halbinsel, ca. 80 km von Nanjing entfernt. Die Deutsch-Lehrer der Uni und ihre deutschen Gäste (zweimal Göttingen, einmal Freiburg) steigen in einen gut klimatisierten Charter-Bus. Die Studenten (zu Besuch sind Wang Dan und Minmin, die ihre Freundinnen Yijie und Yinyin besuchen) winken brav. Die Reise beginnt.
Am Zielort staunen Schriftsteller Kai Weyand und ich, die gemeinsam einen Luxus-Bungalow für Parteikader und neureiche Chinesen beziehen, nicht schlecht über den Komfort in der malerisch gelegenen Ferien-Anlage. Natürlich überlasse ich dem aus dem fernen Freiburg angereisten Gast den Schlafraum mit integriertem Bad und Seeblick. Wir bilanzieren: Hier könnte man das auch länger aushalten als ein Wochenende.
Die "heißen Quellen", die wir nach Einbruch der Dunkelheit ansteuern und bei deren erster Erwähnung ich isländische Geysire und pulsierende schweflige Ausstöße mit Dunst- und Nebelgewaber vor Augen hatte, erweisen sich als Wiederholung des Ausflugs mit Feiqian und ihrem Papa im Vorjahr (siehe sin-o-meter-Eintrag vom 24. Februar 2010). Auch diesmal amüsieren wir uns in einer Warmduscher-Badeanstalt mit Knabberfischen (oder auch ohne) in mineralogisch wertvollen Planschbecken, die in räumlich getrennten Plansch-Pavillons liegen, zwischen denen man sich, mit weißen Handtüchern behängt, unter freiem Himmel hin- und herbewegt. Neu für mich ist das "Tote Meer", wo das spaßige Im-Wasser-Treiben ohne Schwimmbewegungen jedoch jäh endet, sobald man einmal Wasser ins Auge bekommt. Nachdem die Jungs mich mit ins türkische Dampfbad geschleppt haben, das ihnen aber nicht heiß genug ist, sodass sie prompt in der Sauna landen, streike ich. In der Hitze halte ich nur fünf Minuten durch. Ich gehe lieber noch mal ins Jasminbad. Nach dem Heraussteigen gleite ich leider (wie nach der Ankunft schon einmal die Kollegin Prof. Chang) auf den feuchten Stufen aus und kann mich beim Sturz auf den Boden gerade noch mit dem linken Arm abfangen. Sonst wäre die Schulter womöglich schon wieder hi' gewesen. Nix passiert, sage ich dem erschrockenen Bademeister und begebe mich auf den Schreck noch mal zu den Putzerfischen, die ich nun ganz für mich allein habe. Schließlich gibt es eine Lautsprecher-Durchsage, die die (männlichen) Nanda-Lehrer zum Auftauchen auffordert. Die Professorinnen sind schon länger durch mit dem Programm. Ich erscheine mit zehminütiger Verspätung im Dusch- und Umzugsbereich des Thermalbads.
Originellerweise ist Kai Anhänger des SC Freiburg, der heute eine 7:0-Schlappe gegen einen wieder in Normalform spielenden FC B einstecken muss. Leider wird das Spiel nicht von CCTV-5 übertragen und wir ahnen nichts von dem spektakulären Ausgang der Partie. Für ihn zweifellos besser so.

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Sonntag, 28. August 2011

Vom Schubkarren gesprungen
Von DM, 23:59

Im Gottesdienst der Gemeinde mit dem Namen des Heiligen Paulus treffe ich Michaels Noch-Ehefrau Liuhongye (auf dem Foto von einer Geburtstagsfeier ganz rechts), die heute im Chor mitsingt. Nun bekomme ich mal ihre Version des Ehedramas zu hören: Der gute Michael sei ja ständig mit seiner Ex-Frau Xiu Qin zusammen und das könne sie nicht ertragen. Solange er sich von der nicht lossage, könne sie nicht mit ihm zusammen sein. Jetzt wolle er die Scheidung, was sie eigentlich auch nicht so gut findet. Ja, sage ich, ich hätte so was Ähnliches schon gehört... Schön sei das alles nicht.

Einen Tag später wird mir Michael schreiben, dass er schon so gut wie tot gewesen und erst seit fünf Tagen aus dem Krankenhaus raus sei, wo er zwei Herzoperationen über sich habe ergehen lassen müssen. Bei der zweiten sei ihm ein Herzschrittmacher eingesetzt worden. Seine Ehefrau kümmere sich nicht um ihn, sende höchstens ab und zu eine SMS, habe ihn in 15 Monaten zwanzig Mal verlassen. Das Geld für die Operation sei von der Xiu Qins Familie gekommen. (Mehr zum Ehedrama um Michael kann man hier nachlesen.)

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Samstag, 27. August 2011

Nie war er so wertvoll wie heute
Von DM, 23:59

Das hat man davon, wenn man mit einem T-Shirt mit dem Aufdruck "Run for Jesus" herumrennt. Eigentlich bin ich schon erschöpft, als ich von meinen zwanzig Runden im Wutaishan-Stadion zurückkomme und vor dem Eingang in das Wohnheim für ausländische Fachkräfte verpuste. Es sind heute 30 Grad und die 87 Prozent Luftfeuchtigkeit lassen die sich anfühlen wie 36. Inzwischen hat der Riesenhaufen Krempel, der da schon einen halben Tag stapelweise herumsteht Begleitung bekommen: Eine neu aus Hangzhou zugezogene US-Kollegin steht daneben und sieht so ratlos aus wie der sprichwörtliche Prophet, der vorm Berg steht und ruft: "Hebe dich hinweg", aber nichts passiert. Da wir schon bei biblischer Diktion sind: In diesem Moment ergreift der Heilige Geist Besitz von mir und ich stelle mich als Nachbar vor und biete sogleich meine Hilfe an. Das sieht ja ein Blinder, dass die Amerikanerin, etwa 50 Jahre alt, das nicht alleine bewerkstelligen wird. Angeblich sollen "helpers", von denen sie spricht, als hätte ein ominöses, aber nicht sehr vertrauenerweckendes Orakel sie prophezeit, irgendwann heute eintreffen und den Krempel schleppen, aber dreißig Minuten später sind die meisten Kisten und Möbel bereits in ihrem Zimmer, das natürlich im obersten Stockwerk liegt. Dabei komme ich mir vor wie der Hase in der berühmten Fabel vom Hasen und dem Igel. Immer wenn ich unten ankomme, um die nächste Kiste zu holen, steht die Ami-Tante schon da! Am Ende habe ich ungefähr achtzig Prozent geschleppt und deren Besitzerin zwanzig. Vor allem am Anfang der Schleppaktion scheint mein Eintreffen bei ihr auch den letzten Funken Bereitschaft, eine der Kisten auch nur anzufassen, zum Verlöschen gebracht zu haben. Immerhin: das weiße Stubentigerchen, das sich mit seinem Gelass unter den Umzugskartons befindet und von der Reise so verstört wurde, dass es unsichtbar geworden ist wie ein McGuffin, trägt sie selbst nach oben. Mehr und mehr macht sich bei mir aber nun bemerkbar, dass meine Beine gerade acht Kilometer gelaufen sind, doch meine Eitelkeit diktiert mir nur: "Kein Problem, ich schwitzte ja sowieso schon."
"You had a nice work-out", sagt sie schließlich, als ich mich verabschiede um mich zwischen meine eigenen vier Wände zu verkriechen, "I should offer you a drink." Aber leider habe sie ja nichts da, nur ihre 10 Tonnen Plunder. Und Katzenfutter.

Ich liege also so da, wie ich da so liege, und höre es plötzich draußen donnern. Gegen fünf Uhr geht ein gewaltiger Wolkenbruch nieder. Sicher ist die Herrin der tausend Kisten heilfroh, dass Kätzchen und Kisten jetzt nicht mehr draußen stehen. Ich finde allerdings, dass die verspäteten Hilfskräfte es mehr als verdient hätten, in diesem Regen die verbliebenen Bücherkisten reintragen zu müssen.

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Mittwoch, 24. August 2011

Der im Regen kam
Von DM, 23:59

Als ich in Hamburg das Flugzeug besteige, liegt mal wieder eine schwere Entscheidung hinter mir: die  Tube Zahnpasta der Marke DENTALUX , die mit 125 ml das zulässige Gesamtgewicht bei der Sicherheitsbehörde übersteigt, wegschmeißen oder extra wegen dieser einen Tube zurück zur Gepäckaufgabe? Jeder mit nur einem Gramm Menschenkenntnis weiß natürlich, wie ich mich hier entschieden habe und womit ich mir gleich die Zähne putzen werde.
Fürwahr, ein ereignisreicher Sommerurlaub liegt hinter mir mit lauter interessanten Begegnungen aus dem Einst und Jetzt, z.B. Ende Juli auf dem Abi-Jubiläumsnachtreffen auf freiem Felde mit 10 Teilnehmern (7 plus 3) oder auf Veranstaltungen mit prominenten Gastrednern wie dem künftigen SPD-Kanzlerkandidaten Steinbrück oder dem Prediger Hanspeter Wolfsberger, außerdem mit Tonnen von Heuballen, vielen Toren auf dem Fußballplatz, zwei bei der Bundesliga-Saisoneröffnung in Brokstedt, einem chinesischen Abendessen mit dem nächsten Sino-Großenasper und dessen Familie, noch mehr Schlemmereien auf der Dozenten-Konferenz in Bonn, mit einem Besuch auf der Hornburg des Götz von Berlichingen, dessen Goethe-Drama ich ja alljährlich hier in Nanjing lesen lasse (der Mann war nur 1,50 m groß oder seine Ritterrüstung ist eingelaufen), einer Tour über die Elbe nach Finkenwerder, einem Fachvortrag über steuerlich absetz- oder auch nicht absetzbare Vorsorgeaufwendungen, einem schwer zu versteuernden 5000-Euro-Nettogewinn durch Verkauf von Schweizer Franken, die ich vor zwei Jahren gekauft habe, mit Radtouren von Helmstadt-Bargen nach Bad Rappenau und Bad Oeynhausen nach Bünde ins Tabakmuseum, einem Wiedersehen mit Freunden vom ERF, die dieses Museum (jaja, die längste Zigarre der Welt!) schon vorher zu schätzen wussten, und der besten Cutterin seit Auslaufen der Arche Noah, mit zwei Mexiko-Rückkehrern, die zu 75 Prozent meine Kollegen in Ecuador waren, mit einem Onkel, den wir jetzt viel öfter sehen als früher und zu dem wir inzwischen auch nicht mehr Onkel sagen müssen, einem Propsten, der seinem Dienstzeitende und einem Anwachsen seiner Familie entgegensieht, einem Freund, der seinem Bruder Kühe gekauft hat, die keinen Gewinn abwerfen und einem anderen, der erst nur glaubt zu viele Chips gegessen zu haben und auf einmal im Krankenhaus liegt.
Natürlich gehören zu diesem Sommer auch meine größten Flops (und das Wetter war definitiv keiner!):

  • Mückenalarm! Die Mini-Vampire sind ja eigentlich ein Problem meines chinesischen Einsatzortes, aber meine Beine werden in Großenaspe von lautlosen, durchsichtigen Moskitos zerstochen und ich bin fast so schlimm dran wie Andy Morgan in "Flucht durch die Fieberhölle". Kein Tag in Großenaspe vergeht ohne neue Stiche. Nie wieder ohne meine Nanjinger Mückenabwehrplättchen!
  • Nach acht Jahren fällt da einem, den ich bisher für einen guten Freund hielt, ein, dass er mit mir nicht mehr reden möchte (das hätte er auch mal eher sagen können).
  • Schienenersatzverkehr auf der AKN-Strecke! Argl!
  • Die Kurlichtspiele in Bad Bramstedt sind geschlossen.
  • Postsparbuch-Abhebungen sind total überreglementiert.
  • "Person im Gleis", die mich am 15. Juli zwei Stunden verspätet in Wetzlar ankommen lässt, weil der Anschlusszug in Koblenz weg ist.

Auch als film-o-meter-Mann war ich wieder fleißig: "Harry Potter 7.2" (24 Grad), "Final Destination 5" (17 Grad), "Wickie auf großer Fahrt" (22 Grad), "Cirkus Columbia" (24 Grad). Und im Flugzeug schaffe ich es endlich, vier Filme am Stück zu schauen: "Wasser für die Elefanten" (film-o-meter-Kritik hier), "Source Code" (film-o-meter-Kritik hier), "Der Mandant" (20 Grad) und "Rio" (24 Grad).
Wo wir schon bei Gradzahlen sind: Geradezu verstörend ist das Wetter, das mich in Nanjing erwartet: 23 Grad und Regen - so kaltes Wetter habe ich hier im August noch nie erlebt. Im Bus zur Stadtmitte gebe ich mich betont zugeknöpft, damit ich mir nicht wieder eine Tante Lu ans Bein binde (Skandalgeschichte vergessen? Klick hier!). Zu Hause zeigt mir eine durch die Hitze verbogene und, ihres natürlichen Schwerpunktes verlustig gegangen, vom Sockel gefallene Wachskerze, welche Temperaturen hier im Sommer normal sind. Ich schlafe drei Stunden und erlebe nachmittags beim Einkaufen dann noch einen Reinfall: Die 400-Gramm-Erdbeerjoghurtbecher, von denen ich mich morgens fast ausschließlich ernähre, gibt es nicht mehr und der Brombeer-Joghurt, den ich zu kaufen vermeint habe, erweist sich als echte chinesische SpezIalität: Bohnen-Joghurt!

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Mittwoch, 06. Juli 2011

Auch ein Didus hat mal Glück
Von DM, 23:59

Erst begreife ich ja nicht so recht, was los ist, als mir der Herr am Flugsteig kurz vor dem Betreten der Röhre eine andere Bordkarte in die Hand drückt und mir eröffnet, man habe mich hochgestuft. Prompt finde ich mich in der 1. Klasse wieder - das mag ein Wechsel sein! Im Vergleich, meine ich, zum letzten Jahr, wo ich für einen massiven Skandal im Sperrbezirk sorgte (nachzulesen im sin-o-meter hier). Ich erfreue mich totaler Beinfreiheit und schaue einen Animationsfilm nach dem anderen an, erst "Rapunzel", dann "Rango". Damit bin ich in der VIP-Klasse, wo alle für ein banales Unterhaltungsprogramm viel zu wichtig sind, selbstredend in der Minderheit. Alles schläft, einsam wacht... Meine Jura-Kollegin Rebekka spreche ich auch nur noch einmal kurz, dabei hatten wir uns extra Plätze in derselben Reihe gesucht. "Never Let Me Go" ist der Name der Lektüre, die sie in der Hand hält. Immerhin sehe ich sie beim  Aussteigen noch einmal wieder, während die französische Kollegin mit dem italienischen Namen, die ebenfalls mit uns an Bord war, gar nicht mehr auftaucht. Sie ist wohl schon unterwegs nach Marseille.
Ich fliege weiter nach Hamburg, wo mein Glück dann auch schon wieder aufgebraucht ist. Die anvisierte Übernachtung bei einem befreundeten Pastor fällt mangels geschickter Planung meinerseits aus und mit der AKN komme ich nach 22 Uhr nur noch bis Bad Bramstedt. Die für ihre Langsamkeit berühmte Bummelbahn wird noch bummeliger durch einen schnöden Schienenersatzverkehr, der mysteriöserweise immer dann bemüht wird, wenn ich einmal im Jahr auf Heimaturlaub bin. Bei strömendem Regen (keine Jacke, kein Regenschirm) muss ich rüber in den Bus. Die Bummelbahn verbummelt noch mal 15 Minuten, ehe ich ins Taxi Mama umsteigen kann.

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Montag, 04. Juli 2011

Sauglocke
Von DM, 23:59

Ganz tolle Idee der Uni-Bürokratie, meine Karte-für-alles schon am 30. Juni ungültig zu machen und mir gleichzeitig eine Prüfung für den 2. Juli auf dem Außencampus Xianlin zuzuweisen. Um mit dem Uni-Bus zu fahren, benötige ich ja eigentlich eine gültige Karte-für-alles. Auch das in der Nacht zum 1. Juli abgelaufene Internetkonto kann ich ohne gültige Karte nicht aufladen. So entstehen meine letzten sin-o-meter-Einträge im Büro des Fachbereichs. Den tragbaren Computer mit dem chinesischen Windows-Betriebssystem bringe ich auf dem Weg ins Büro, wo ich einen Stapel mit Noten und Prüfungen ablade, der völlig verblüfften Dame vom Büro für ausländische Angelegenheiten zurück mit dem Vermerk: "Of no use in the current condition. Please install Acrobat Reader 9.0, Mozilla Firefox 5.0 and Mozilla Thunderbird 3.0". Alle drei unverzichtbaren Programme in deutscher Fassung habe ich mehr als einmal versucht, auf meinen neuen Computer zu laden. Als sich mein E-Mail-Programm mitsamt allen aktuellen E-Mails deinstalliert hat, nachdem ich mal wieder eine für mich nicht entzifferbare Meldung bekommen habe (in chinesischen Zeichen), ist mein Geduldsfaden gerissen und ich beende das dreimonatige Experiment, das wohl  meine Nerven oder meine Geduld oder meine Intelligenz oder alles zusammen auf die Probe stellen sollte. Zu Beginn des neuen Semesters wird man dann hier nachlesen können, ob das Computer-Elend in die nächste Runde geht oder sich das Drama endlich zum Guten wendet.
Zufällig erreicht mich bei der Gelegenheit auch noch eine Mitteilung der Hauptpost. Dort liege ein Päckchen für mich. Ich gehe direkt vom Büro für nervige Angelegenheiten dorthin, habe aber natürlich keinen Ausweis dabei. Ich erkläre, dass ich morgen fliege, also das Päckchen sieben Wochen lang nicht abholen können werde, sodass es dann vermutlich zurückgehen würde, der Wert ist auch nicht hoch. Was kann das nur sein? Vermutlich ein Scherz. Die Dame lässt sich erweichen, als ich mich schon zum Gehen gewandt habe. Nur Deutsche hätten das herzlos-bürokratisch durchgezogen. Inhalt des Päckchens: ein Mini-Propper (Plümper), mit dem meine geschätzte österreichische Kollegin Katja sich verabschiedet, deren Zeit in Peking abgelaufen ist. Das Ganze ist ein so genannter Insider-Scherz: Seit Jahr und Tag diskutieren wir über die Begriffe "Plümper" (hochdeutsch) und "Sau(g)glocke" (österreichisch).

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Sonntag, 03. Juli 2011

Liu Chao im Hitzekoller
Von DM, 23:59

Wegen meines guten Drahts zum "lieben Gott" soll ich zwar immer dafür beten, dass Liu Chao, die sich bei mir für eine Nacht einquartiert hat, ihren Studienplatz in München bekommt, aber mit zum Gottesdienst will sie trotzdem nicht. Ich lasse sie also auf ihrem Lager in meinem Wohnzimmer liegen und schicke ihr gegen halb zwölf eine SMS, sie solle mich am Ausgang der U-Bahnstation Minggugong treffen. In den internationalen GoDi darf sie als Chinesin sowieso nicht, das verbietet die KP. Ich wollte hier aber heute gerne hin, denn es ist die letzte Chance, sich von der sympathischen und immer hilfsbereiten Gabunerin Lydie (sin-o-meter berichtete) aus meinem Hauskreis zu verabschieden, die im Juni ihr Pharmazie-Magisterstudium erfolgreich abgeschlossen hat. Im Grunde ist ein Händedruck da zu wenig und ich müsste der aparten Afrikanerin ein Bussi auf die Wange drücken, aber das geht nicht. Schließlich bin ich Holsteiner und schulde meiner Herkunft ein gewisses Maß an Sittensprödigkeit.
Leider übersehe ich Liu Chao nach dem Aufstieg aus dem Untergrund und bewege mich zu einem anderen U-Bahn-Ausgang als dem vereinbarten. Als sie mich dort endlich findet, ist sie total durchgeschwitzt und leicht angesäuert. Ich sage: "Was soll ich denn sonst tun, wenn ich dich da nicht sehe?" Sie behauptet sich wegen der Hitze nur mal kurz untergestellt zu haben. Anscheinend bin ich in Nanjing schon etwas besser an die schwüle Hitze assimiliert als Liu Chao da oben in Tangshan. Ich will zu Fuß zu dem Restaurant, wo ich meinen Gast zum Essen einladen werde (eine alte Tradition: in Nanjing muss ich einladen, in Peking sie). Das ist noch ca. 1 km Fußweg - und das ohne Sonnenschirm, für eine Chinesin eine mittlere Katastrophe! Dann stolziert sie an einer Kreuzung auch noch völlig ohne Grund wie ein fehlprogrammierter Roboter in die falsche Richtung, während ich an der Fußgängerampel halte. Ich gehe weiter und warte auf einer Bank, dass sie auf dem Mobiltelefon anruft. "Du warst schon außer Rufweite, als ich merkte, dass du in die falsche Richtung gehst", erkläre ich der entnervten und aus allen Poren triefenden Ex-Studentin ca. zehn Minuten später. "Ich verstehe auch nicht, wie du in einer fremden Stadt so stur ohne mich losrennen kannst." Also, irgendwie ist heute nicht ihr Tag. Das leckere Essen in der "Grünen Küche", in die ich unlängst auch meine Studentinnen entführte (sin-o-meter berichtete), kann Liu Chao nur schleppend aufheitern. Sie grollt im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Immerhin kann man ja seinem Lehrer nicht wirklich grollen. Wir sind schließlich in der Heimat des großen Konfuzius! Erst als sie schon am Flughafen ist, spät am Abend (ich sitze wieder an meinen Klausuren), kommt noch die Einsicht per SMS, dass das Essen doch sehr lecker gewesen sei und ich ja sowieso immer Recht habe.

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Samstag, 02. Juli 2011

Didus humorlos
Von DM, 23:59

Sie könnten Glatzkopf-Li und Song Gang heißen und unmittelbar dem Roman Brüder von Yu Hua entsprungen sein, die beiden Rabauken im Grundschulalter, die völlig unbeeindruckt von meiner Präsenz in der klimatisierten ATM-Geldabhebungszelle fortfahren, sich den Gummiball hin- und her- und mich dabei auch gelegentlich anzuschießen, nicht ohne nachfolgendes albernes Kichern. Zweimal habe ich schon warnend protestiert wie ein Bär, den man im Winterschlaf geweckt hat. Jetzt hebe ich den in die Ecke gerollten Ball auf, lasse die Schiebetür aufgehen und mache einen kolossalen Torwartabstoß, der mir aber mal richtig schön gelungen ist. In hohem Ball fliegt der Ball über die ganze Kreuzung. Ich sehe nicht mal mehr, wo er landet. Den Jungs ist das Gesicht stehen geblieben wie einer Standuhr, dem das Perpendikel runtergefallen ist. Ich verlasse mit meinen gezückten Scheinen die Kabine.
Kann sein, dass ich heute bisschen schlecht gelaunt bin. Immerhin habe ich heute (am nur in Deutschland heiligen Wochenende) bis sechzehn Uhr eine Prüfung schreiben lassen und muss jetzt übers Wochenende noch 24 Prüfungsbögen korrigieren. Dabei ist seit Mittwoch Liu Chao wegen einer Schulung in der Stadt und will heute Abend noch bei mir einziehen. Ich lasse sie ein, zwei Notenbögen ausfüllen und zum Glück reicht ihr diesmal eine Decke auf dem Boden, sodass mir ein erneutes Drama mit der Luma erspart bleibt.

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Mittwoch, 29. Juni 2011

Der Gastspieler
Von DM, 23:59

Und nun die Pointe des Zusammentreffens mit Huilin. Letzte Woche und auch diese Woche spiele ich Tennis mit meinem Tenniskumpel Peter, und zwar wo? Genau dort, wo Huilin studiert: auf dem Gelände der Agrarwirtschafts-Uni. "Are you sure you are coming to my university?", fragt sie per SMS, als ich in der U-Bahn auf dem  Weg bin. Ich antworte: "Pretty sure!" Sie trifft dann sogar noch vor Peter auf dem Platz ein. Ihr Zimmer liegt in Sichtweite der Tennisanlage, ca. hundert Meter entfernt. Welch ein Zufall, staunen wir. Nachdem ich sie mit Peter bekannt gemacht habe und wir uns die Bälle um die Ohren hauen, immer in Furcht vor einem drohenden Gewitter, verschwindet Huilin, um uns zwei Dosen Pepsi zu kaufen, die sie vor dem Gehen in meine Tasche packt. "Du warst an meiner Uni", schreibt sie mir später, "ich bin Gastgeber, du bist Gast." Wer kann sich dieser Logik widersetzen?

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Sonntag, 26. Juni 2011

Das Mädchen auf der Bank
Von DM, 23:59

Das gibt es eigentlich nur im Film, dass ein Mann auf einer Bank im Park mit Blick auf einen malerischen See sitzt, dass eine junge Frau sich dazusetzt und dass die beiden in ein Gespräch geraten, das den ganzen Nachmittag (sechs Stunden) dauert. Im Film - oder in China. So geschehen mir, heute nach dem Gottesdienst. Ich wollte eigentlich nur in Ruhe Ostwind - Westwind lesen, aber nachdem ich einem Bettler auf Chinesisch erklärt habe, dass ich kein Kleingeld hätte, was Huilin mit einer anerkennenden Bemerkung bedacht hat, und nachdem ich erspäht habe, dass sie in einem dicken Wälzer über europäische Literatur blättert, kann ich meine Neugier nicht bezähmen und will natürlich wissen, ob sie zufällig das studiere, was ich unterrichte. Nein, dem ist nicht so, sie studiert an der Universität für Agrarwirtschaft undsoweiter undsofort. Sechs Stunden. Before Sunrise lässt grüßen.

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Donnerstag, 23. Juni 2011

Yanglius Abschied
Von DM, 23:59

Prüfungen erst morgen wieder. Ich liege noch mit laufender KlimAAnlage in der Koje, da hat Yangliu (sin-o-meter berichtete) schon zweimal angerufen. Sie tut es auch noch ein drittes Mal, nachdem ich mein Telefon laut geschaltet habe. Grund: Heute seien ihre Eltern da, um sie abzuholen. Sie laden mich als alten Freund der Familie zum Essen ins "Babela's" um die Ecke ein. Wer kann dazu schon nein sagen!?

Ihre Mama hat 'ne neue Frisur, die ich, aufmerksam wie immer, natürlich sofort bemerke (sie ist auch erst einen Tag alt). Ihr Papa schüttelt meine Hand und ich sehe den halbierten Zeigefinger, der bei meinem Besuch 2009 noch bandagiert war. Als wir in den Fahrstuhl steigen, merke ich endlich, dass der junge Mann, der sich immer in vornehmer Distanz zu uns gehalten hat, auch dazugehört. Es ist Yanglius Freund (auf dem Foto sieht man sie mit seinem Vorgänger). Ganz nett, wie ich finde. Er taut beim Essen auch noch etwas auf. Studiert Jura und macht ein Praktikum. Geld ist knapp. Leider wohnt er nicht so ganz in der Nähe ihrer Heimatstadt, in die sie heute erst mal zurückzieht, aber mal sehen...

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Mittwoch, 22. Juni 2011

"The Kids Are All Right"
Von DM, 23:59

Heute haben meine sechs Magister-Studentinnen Prüfung (darunter auch die zarte Yijie, siehe unten). In diesem Kurs gibt es nur As und Bs. So talentierte Studenten möchte man als Lehrer immer haben. Als Dankeschön für die sorgsam ausgearbeiteten Referate, die sogar meine immer überzogenen Erwartungen erfüllen, gibt es eine Einladung in die "Green Cuisine", ein vegetarisches Restaurant, in dem ich nicht zum ersten Mal mit Studenten zu Gast bin. Am Südausgang treffe ich mich im Anschluss an die Prüfung um halb 7 mit Yixuan, Wu Fei und Yijie, während Yinyin und die anderen beiden gerade im Bus an uns vorbeifahren. Yixuan hat sie gesehen! Sie waren am Nordende der Uni eingestiegen. Natürlich zeigt sich nach dem langen Warten am Busstand und danach im Bus, dass ich wieder mal Recht hatte: Mit der U-Bahn wären wir schneller gewesen...

Am Ende lassen sie es sich fast zu gut gehen. Yijie legt mir ein leckeres Bällchen nach dem anderen auf den Teller: "Was da genau drin ist weiß ich auch nicht, aber lecker, oder?" Die hochbegabte Yinyin will mir in der guten Laune des Abends einen Bären aufbinden: Sie sei ein philippinisches Waisenkind, adoptiert von zwei Frauen. Haha, sage ich, wohl zu viele amerikanische Filme gesehen. Das sei ja genau wie in dem Film "The Kids Are All Right", den ich übrigens NICHT empfehlen kann. Später wird sie schreiben: "Bitte nicht ernst nehmen. Ich war wohl besoffen!" Nur: In der "Green Cuisine" gibt es gar keinen Alkohol. Die dortigen Muultrecker sind Essigsäfte!

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Samstag, 18. Juni 2011

Während die anderen feiern...
Von DM, 23:59

..., nämlich das 25-jährige Abi-Jubiläum, feiern wir auch, d.h. Karl (siehe Eintrag vom 8. Juni) und ich, immerhin zusammen rund 4 % des Jahrgangs. Zwar handelt es sich eigentlich um ein Sommerfest aus Anlass des Abschieds der Familie von Bodelschwingh aus Nanjing nach immerhin drei Jahren, aber Karl und ich genehmigen uns desungeachtet einen Muultrecker auf "Abi '86". Außerdem macht der Sommer heute Pause, denn eine Kaltfront mit Regen hat die Temperatur auf für Nanjing im Juni sagenhafte 18-20 Grad sacken lassen. Als ich Karls Freund und früherem Kollegen Michael (sin-o-meter berichtete), der zusammen mit Gattin Linda ebenfalls zu den Gästen gehört, von meiner Unbill mit der Taxi-Tussi berichte, erklärt der sich spontan bereit, mir mit Rat und Tat zur Seite zu stehen: "Kopier das mal alles und gib es mir Montag. Ich habe einflussreiche Freunde." Nachdem Martin aus Simbabwe mir gestern bereits den Vorschlag einer siebenwöchigen Gebetskette ("to step on the devil's head") unterbreitet hat, dürfte es nun allmählich aufwärts gehen für mich in diesem desaströsen Drama.
Im späteren Verlauf des Abends gerate ich zwischen die Fronten von Karls Schwager Christian, der in Peking als Korrespondent der F.A.Z. tätig ist, und einer reichlich angeschäkerten blonden Deutschen mittleren Alters und Bildungsgrades, die plötzlich neben mir, ihm gegenüber sitzt und uns ein Gespräch aufzwingt. Dabei zieht sie eine Fluppe nach der anderen durch und wenn sie China erwähnt sagt sie "Scheina", als gäbe erst das ihr das Recht als Ausländerin ernst genommen zu werden. Dabei ist sie doch hier unter Deutschen. Scheina also, das Land sei ja viel besser, als die notorisch negativen Journalisten immer schrieben. So habe in einer Firma in Chongqing einst eine Schwangere, die in Wahrheit gar nicht schwanger gewesen sei, für einen Skandal gesorgt und der "Spiegel" sei voll drauf reingefallen. Ich gebe zu bedenken, dass der "Spiegel" eigentlich immer recht gut recherchiere und sich gründlich absichere. Christian geht dagegen eher undiplomatisch auf sie los und berichtet von brutalen Rechtsverletzungen, etwa beim Staudammbau. Die Frauen ausländischer Experten würden so was natürlich nicht zu sehen bekommen. Aber Journalisten hätten dorthin zu gehen, wo das offizielle China die Ausländer nicht so gern habe. Schon sind wir bei der Grundsatzfrage, ob China reif sei für die Demokratie. "Nein", schließt das die Dame kategorisch aus, die Diktatur sei gut für Scheina. Scheina sei ein Riesenreich, das keine Demokratie vertrage. Wenig später sind wir bei Hitler, der dann ja auch gut für Deutschland gewesen sein müsste. "Und überhaupt", meint Christian, "vielleicht solltest du etwas weniger trinken." Ich versuche bei der Hitler-Sache noch mal kurz zu vermitteln und bekomme als Lohn die volle Breitseite, noch ehe ich meinen Satz zu Ende gesprochen habe: Ha, Hitler sei ja ein Gegenbeispiel für Demokratie, da die Deutschen ihn selbst gewählt hätten. Schließlich wird es für die Dame auch Zeit, sich irgendwo noch was zu trinken zu besorgen. Kurz darauf muss auch ich gehen, um die U-Bahn noch zu erwischen, die zwanzig Minuten Fußmarsch entfernt verläuft.

Ich schaffe die U-Bahn, muss aber in Minggugong noch mal aussteigen, weil ich Danyu versprochen habe, ihr unverzüglich die Tasche auszuhändigen, die ich aus Versehen mitgenommen habe, als wir am Abend von der Uni aus mit dem Bus in die gleiche Richtung gefahren sind. Eigentlich wollte sie mich mal wieder in eine Kun-Oper einladen (siehe Eintrag Skandal im Sitzbezirk). Ich fand die Idee gut, hatte mir Karl doch am Mittwoch auch schon davon vorgeschwärmt. Letzte Woche standen wir bereits einmal vor dem Gebäude. Doch Danyu, deren Divenhaftigkeit nur noch von ihrem katastrophalen Organisationsvermögen übertroffen wird, hatte sich nicht mal informiert, ob und wann Vorstellung war. An dem Abend gar nicht. Als ich mich am Nachmittag am Computer über die historische letzte "Wetten dass..?"-Sendung mit Thomas Gottschalk informierte, auf dem Bild der beliebte Moderator mit Hunziker, Klum undsoweiter, fragte sie mich, ob ich das sei. Ich nutze natürlich die Gelegenheit und erwidere: "Klar, sieht man doch, dass ich das bin..." Ich hätte doch früher mal eine Fernsehsendung gehabt, in der ich gelegentlich mit Filmstars in Berührung gekommen sei. Immerhin ist dieser Teil der Erläuterungen wahrheitsgemäß. Und Danyu, die selbst kurz davor ist, einen Vertrag mit der lokalen TV-Station zu schließen - als Moderatorin oder Schauspielerin -, wundert sich nicht weiter. Nur die schönen Frauen um Gottschalk herum machen sie nervös... "Always so  many girls around you!", moniert sie. "Nur beruflich", erkläre ich. Langer Rede kurzer Sinn: Hätte sie auf ihre Diva-Allüren verzichtet und mich später auf dem Weg zum Bus nicht gebeten, ihre blöde Tasche zu tragen, damit sie ihr Dessert essen konnte, wäre ich auch sicher heute Abend nicht mit ihrer Tasche ausgestiegen.
Jetzt steht sie erleichtert, aber auch noch etwas zerknittert wegen der zehn unbeantworteten SMS auf meinem auf Stumm geschalteten Telefon auf der anderen Seite der elektronischen Fahrkartenkontrolle, um ihre Tasche mit dem neuen "Ei-Phone", Geschenk von Papa, das sie sich sowieso bald klauen lassen wird, in Empfang zu nehmen. Auf die Minute genau. Denn ich muss sofort wieder nach unten. Die U-Bahn, die jetzt kommt, ist nämlich definitiv die letzte heute.


Hängt ohne Tasche ganz schön durch: Hysterikern Danyu

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Sonntag, 12. Juni 2011

Das Pfingstwunder
Von DM, 23:59

Sie sehen nicht so aus, als könnten wir sie schlagen: große Kerls, die mit ihren einheitlich rot-weißen Trikots wirken wie eine eingespielte Mannschaft. Dagegen wir: eine bunt zusammengewürfelte Truppe aus fast so vielen Nationen wie von unserer Mannschaft Spieler auf dem Kunstrasen stehen. Unser Torwart sieht aus wie Bob Marley, unser Mittelfeldregisseur heißt Kennedy, hielt heute die Predigt und ist weit von der Idealfigur eines Fußballers entfernt. Die meisten sind Afrikaner, der 22-jährige Kanadier Ben und ich die einzigen Weißen in dem wilden Haufen der Nanjinger internationalen Gemeinde (NICF), die das Fußballfeld eigentlich für das alljährliche Abschiedspicknick gebucht hat, bei dem traditionell diejenigen Gottesdienstbesucher und Mitarbeiter mit Gebet und Gesang verabschiedet werden, die die Stadt (und meist auch das Land) im Sommer verlassen werden. Aber die durchtrainiert wirkenden Chinesen in den rot-weißen Trikots, die den Platz am Olympiazentrum (wo 2014 die Jugend-Olympiade stattfindet) ab vier Uhr haben, haben hinter unserem Rücken mit dem Ball am Fuß bereits das Feld übernommen; da hält es die Fußballverrückten unter uns nicht mehr an den Picknickkörben. Rasch ist ein halbstündiges Freundschaftsspiel ausgemacht. Und da spazieren sie auch schon, keine fünf Minuten sind gespielt, durch unseren Strafraum. Den Freistoß, der zum tödlichen Pass wird, habe ich an der Außenlinie verschuldet. Bob Marley im Tor kann nur noch zusehen, wie das 0:1 fällt. Die Euphorie währt nicht lang: In der Abwehr tun sich auch bei den langen Kerls Löcher auf. Vielleicht traut sich auch keiner dem in Ermangelung von Fußballschuhen barfuß spielenden Dribbelkünstler aus Malawi oder Ghana auf die Füße zu treten, der da im Sturmzentrum wirbelt. Er kommt zum Schuss: Ausgleich. Wenig später kann der Torwart der Chinesen einen Distanzschuss nicht festhalten. Der Ball trudelt vor meine Füße, ich muss nur noch in Gomez-Manier abstauben und bin froh, dass ich den Ball nicht über die Latte gehauen habe: Jubel über das 2:1. Nun verlieren die Chinesen völlig die Übersicht, agieren im Sturm harmlos wie Arminia Bielefeld, während die Afrikaner Samba tanzen zum 3:1. Und Ben, frisch gebackener Vater einer Tochter, gelingt Minuten vor Schluss sogar noch ein Wembley-Tor aus der Distanz. Endstand 3:1 oder 4:1 - es spielt keine Rolle. Wir staunen nur über dieses kleine Pfingstwunder, freuen uns und leeren Wasserflaschen im Akkord. Afrika steht im Fußball eben doch eine ganze Ecke vor den Chinesen. Gastfreundlich, wie Chinesen so sind, verbrüdern sie sich nach dem Spiel anerkennend mit uns. Beim obligatorischen Fototermin dienen sie uns als Fotografen. Einige wechseln auch mal schnell die Seite und kommen mit aufs Bild.
Die von mir beigesteuerte Wassermelone hat das Picknick unterdessen unbeschadet überstanden: Niemand hat sich getraut, sie aufzuschneiden. Ich schenke sie Bens dreiköpfiger Familie, die mit mir gemeinsam mit der U-Bahn nach Hause fährt.

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