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Innerhalb und außerhalb des Klassenraums
Die Bachelor-Arbeiten, mit denen ich in den letzten Wochen als Erstgutachter ein zweifelhaftes Vergnügen hatte und die heute Grundlage einer Art Disputation sind (drei Professoren fragen, sechs Studenten antworten), sind im Grunde eine Farce, da die Note pauschal nach dem Ende des mündlichen Prüf-Gesprächs vergeben wird. Arithmetik spielt dabei kaum eine Rolle, was man schon daran sieht, dass ich für die von mir betreuten Studenten gar keine Note zu Protokoll geben muss. Sie sitzen auch nicht in meiner Disputations-Gruppe. In der Notenkonferenz wird in erster Linie verhandelt, wer besser als wer war, und im Wesentlichen steht diese Rangliste schon vorher fest, d.h., wer vorher eine Lusche war, bekommt jetzt auch keine bessere Note. Lusche bleibt ja auch meist Lusche. Erschwerend hinzu kommt, dass ein Gutachter gerade in Deutschland ist, da ist das mit dem Begutachten so'ne Sache. Naja, wo gehobelt wird, fallen Späne. Und insgesamt werden die Noten schon stimmen...
Im Anschluss an Disputation und Notenkonferenz brechen wir gegen sieben Uhr abends auf zur Abschlussfeier in einem rustikalen Restaurant in Uni-Nähe. Rustikal, d. h. etwas weniger gesittet, als der Unterricht gemeinhin abläuft, verläuft dann auch das gesellige Miteinander. Ziel der Runde ist im Grunde ein Fundamentalbesäufnis oder die Lösung der Frage: Trinkt Student Prof unter den Tisch oder umgekehrt? Ich betätige mich als Spaßbremse und bremse das Ansinnen, mich zu einem Bier-Schälchen (!) zu überreden, mit den vergleichsweise humorlos vorgetragenen Worten aus: "Glaub mir, das haben schon ganz andere versucht." Die Erfolgschance sei mit null noch hoch eingeschätzt. Der Kollege, der neben mir sitzt, meint, ich hätte es gut. Als Ausländer drohe mir ja kein Gesichtsverlust, wenn ich Alkohol verweigerte.
Nach zwei Stunden, als ich nämlich so vollgestopft bin mit Leckereien (die es auch gab), dass kein Pfefferminzblättchen mehr rein geht, breche ich auf. Student "Jan" beklagt sich bereits leicht delirierend: "Herr Mehrens, mit Ihnen macht das überhaupt keinen Spaß!" Ich repliziere: "Ja, ich geh' ja jetzt, dann können Sie viel mehr Spaß haben!" Bierernst ist das natürlich nicht zu nehmen.
Mit nach Hause genommen habe ich das Bild der glühenden Studentin "Lea", die eigentlich eine der Besten ist. Sie hatte schon am Anfang so einen roten Kopf, dass ich dachte: Wieso ist die so rot, hat die 'n Sonnenbrand? Aber heute ist es doch ganz bedeckt! Wirklich, der Kopf sah aus, dass man glauben musste, gleich gibt's 'ne Explosion. Aber kurz danach war sie auf einmal ganz blass und kriegte kaum noch ein Augenlid hochgezogen. Angeblich hat Bier diese Wirkung hervorgerufen. Was lernen wir daraus? Es gibt Intelligenz innerhalb und außerhalb des Klassenraums.
Picknick

Heute nach dem GoDi von NICF gibt es ein Picknick in einem Park nahe des Xuanwu-Sees. Ich habe Echo alias Danyu ins Foyer bestellt, die aus Chicago zurück ist und sich sogleich per E-Mail gemeldet hat. Zum Picknick sind nämlich auch Inländer zugelassen (zum GoDi bekanntlich nicht - wegen religiöser Propaganda). Diesmal ist die exzentrische Autorin zehn Minuten zu früh und beklagt sich, ich hätte das ja schlecht beschrieben. Mit Bussen geht es in den Park. Danyu kann sich bei einer Chinesin, die neben uns sitzt, erkundigen, wie sinnvoll es ist, einen Amerikaner zu heiraten. Immerhin kann sie als Frau eines Ausländers jeden GoDi besuchen und so viele Kinder in die Welt setzen, wie sie will; dafür fällt das Streiten schwerer, weil einem in der Fremdsprache nicht so schnell die richtigen ... Worte einfallen. Danyu weiß immer noch nicht recht, ob sie ihren fast sieben Jahre jüngeren boy-friend heiraten (Antrag liegt vor) oder abservieren soll. Anscheinend hat er ihr auch eine Szene gemacht, als sie ihm letzte Woche eröffnete, dass sie Chicago definitiv verlassen und ihr Studium dort abbrechen werde. Ich, dessen Lebensweisheit bekanntlich über jeden Zweifel erhaben ist, gebe ihr den Rat, ein Jahr der Trennung verstreichen zu lassen. Wenn er sie dann immer noch heiraten wolle, könne sie ja noch mal neu darüber nachdenken. Es lebe die Seifenoper, deren Hauptfigur man nicht selbst ist!
Zum Abschluss gibt es ein Fußballspiel, bei dem meine Mannschaft 3:0 verliert. Anschließend auf dem Weg zum Bus muss ich mir mal wieder anhören, ich sei ja kein Gentleman, weil ich einfach ohne Danyu aufgebrochen sei. Wenn ein Mann mit einer Frau irgendwohin gehe, meint sie, müsse er beim Aufbruch auf sie warten. Ich sage: In der Bibel steht nirgendwo was von Gentleman-sein-Müssen. Kann aber auch sein, dass der Clooney-Effekt (siehe Foto) mich bisschen arrogant gemacht hat.
Noch eine Schriftstellerin
Ein historischer Tag: Köhler wird zum zweiten Mal Bundespräsident, der VfL Wolfsburg zum ersten Mal Fußballmeister (mit einem Trainer, der das Handwerk des Erfolgs bei der erfolgreichsten deutschen Fußballmannschaft aller Zeiten gelernt hat, die sich diesmal mit Platz 2 begnügen muss). Und was macht Didus an so einem historischen Tag? Er trifft sich schon wieder mit einer Schriftstellerin, diesmal mit der zauberhaften Lu Min, die bereits seit zehn Jahren schreibt (davon fünf mit Erfolg) und inzwischen 60 Kurzgeschichten und fünf Romane veröffentlicht hat. Da kann ich mit meinen beiden Anthologie-Beiträgen wahrlich nicht mithalten. Im Oktober wird sie anlässlich des Erscheinens eines Bandes mit chinesischen Kurzgeschichten in deutscher Sprache, der einen Text von ihr enthält, für zehn Tage nach Frankfurt zur Buchmesse kommen. Vorher will 3-Sat in China einen Beitrag über sie drehen. Wir sprechen außerdem über die Filme Almodovars, Chen Kaiges und Zhang Yimous. Weil Lu Mins Englisch nicht so gut ist und ich mich immer wieder in Chinesisch versuchen muss, was gelegentliches Nachschlagen in meinem Vokabelheft einschließt, dauern meine Darlegungen etwas länger. Nachdem ich schließlich auch noch eine meiner jüngsten Plot-Ideen vorgetragen habe, ist meine Pizza endgültig kalt. „I hope to see you again“, verabschiedet sich die junge Autorin höflich, ehe sie zum nächsten Termin eilt. Wenn sie einem die Hand schüttelt, nimmt sie beide Hände wie ein Mädchen, das einen Unwilligen auf die Tanzfläche ziehen will.
Fortbildung Landeskunde
Dr. Dagmar Giersberg reist als Gast des Goethe-Instituts Peking durch China und unterweist im Rahmen einer Fortbildung Deutsch-Lehrer - heute Nachmittag uns in Nanjing - in Methoden des innovativen Landeskundeunterrichts. Viele Deutsch-Lehrer(innen), einige ehemalige Studenten, eine Mittelschullehrerin auch aus der Nachbarprovinz Zhejiang sind neben Kollegen des Instituts aufmerksame Zuhörer und Mitmacher in der abwechslungsreichen Werkstatt. Natürlich geht es immer wieder auch um kulturelle Unterschiede und Vorurteile. Am interessantesten die Antworten der Kollegen, die meisten mit Deutschland-Erfahrungen, auf die Frage nach typischen Unterschieden zwischen Deutschland und China. Hier einige Aussagen (aus dem Gedächtnis zitiert):
"Ich dachte, als ich in der Stadt [Passau] auf die Straße hinaussah, das ist so schön; bisher dachte ich, so was gibt es nur auf Bildern, aber hier konnte ich sehen, dass diese Bilder ja Vorlagen in der Wirklichkeit haben."
"Mir fiel auf, dass Deutsche kinderfeindlich sind. Sie müssen immer leise sein und wenn sie sich nicht richtig verhalten, wird gleich geschimpft."
"Deutsche Autofahrer sind so aggressiv."
"Deutsche sind so ungeduldig. Aber das ist normal. Chinesen gibt es so viele, wenn die alle so ungeduldig wären, könnte das Leben nicht funktionieren. Sie müssen also mehr Geduld haben." - "Aber beim Einsteigen in den Bus, da sind die Chinesen viel ungeduldiger." - "Das hat nichts mit Ungeduld zu tun, sondern mit Erziehung. Chinesen sind in diesem Fall nicht zur Ordnung erzogen wie Deutsche."
"In Deutschland ist das Individuum viel wichtiger. Deutsche sind irgendwie viel unabhängiger. Das ist bewundernswert."
"In China gibt es so ein Grund-Flirren. Am meisten vermisse ich Ruhe. Mal eine Klassik-CD auflegen und nichts anderes hören, das geht in China nicht, irgendein Straßengeräusch kommt immer dazwischen."
Um sechs geht es nach Hause und dann gleich weiter. Auf dem Weg zum Bibelkreis treffe ich eine der Teilnehmerinnen der Fortbildung, die Dame aus Zhejiang, in der U-Bahn, muss mich aber nach zwei Stationen verabschieden.
Ich weiß wieder nicht, wo der Bibelkreis tagt, und klopfe einfach an eine Tür, hinter der Stimmen hörbar sind. In dem Wohnheimzimmer, in das ich hereingebeten werde, rasiert ein Afrikaner dem anderen gerade den Schädel kahl. Gewissermaßen auch so'ne Art Lektion in Landeskunde. Der Barbier weiß immerhin, wo die Bibelstunde ist, und lotst mich ans Ziel ein Stockwerk tiefer.
Cathys Cousin und die Ton-Tortur
Dauerregen in Nanjing und Temperatursturz auf 18 Grad. (Wir waren letzte Woche schon bei 35!) Das Sprachtraining findet heute im Café Skyways, der deutsch-belgischen Bäckerei, einer Ausländer-Fundgrube, statt. Dieselbe Idee wie ich und Cathy alias Jiakun hat Cui Heng, eine meiner Studentinnen, die hier ihrerseits mit einer Deutschen den Sprachaustausch pflegt. Cathy bekommt einen Anruf von ihrem Cousin, der zwölf Jahre in Wien an einer Hochschule für Musik studiert hat und jetzt an der Musikhochschule von Nanjing unterrichtet, Schwerpunkt Jazz und Populärmusik. Wir sind geladen zu einer Darbietung von Gästen der Hamburger Musikhochschule im Auditorium der Hochschule.
Cathy traut ihren Ohren nicht und will schon nach dem dritten Stück das Weite suchen. Die Hamburger schlagen die Instrumente, anstatt ihnen friedvoll-heitere Harmonien zu entlocken: Zwölftonmusik und die Folgen. Ich beruhige Cathy mit der Erklärung: „Das ist Kunst!“ und wir bleiben bis zum Ende. Danach lädt uns Cathys Cousin in sein Büro ein und wir trinken einen Tee. Dann entschädigt er uns mit einem etwas gefälligeren Klavierstück für die erlittene Ton-Tortur.
Der Mann auf der Brücke

Zur Feier des Tages mache ich mich heute auf zur ersten Nanjinger Brücke über den Jangtse (hier nicht im Bild), die ich zweimal die Woche auf dem Weg zum Außencampus überquere. Da sitzt man freilich im Bus und kann die Szenerie nicht so genau in Augenschein nehmen. Das wird heute anders, habe ich mir vorgenommen. Ich lasse ein paar Frachtschiffe unter mir passieren und meinen Blick schweifen bis zum diesigen Horizont, von wo her eine endlose Frachter-Armada auf mich, den Mann auf der Brücke, zusteuert. Für 15 Yuan darf ich mit dem Fahrstuhl vom Brückenpfeiler nach unten düsen, wo mich der Große-Brückenpark erwartet. Unten im Foyer des Pfeilers, der eher ein Turm ist, steht eine Mao-Statue, davor liegen Blumen aus Plastik. Die können genauso wenig verwelken wie der immer jugendliche Mao in seinem Pekinger Mao-Soleum. Ein metergroßes Farbfoto hängt an der Wand, das die Einweihung dieser kombinierten Eisenbahn- und Autobrücke im Jahre 1968 zeigt, als der Große Vorsitzende noch unter den Lebenden weilte: vor dem Podium Tausende von Menschen mit roten Fahnen und Mao-Bildern, so wie es das heute wohl nur noch in Nordkorea gibt. Damals war das Ganze ein Wunder des Kommunismus.
Ich überwinde eine niedrige Mauer und wandere zum Jangtse-Ufer, wo ein paar Angler in der Sonne dösen. In der Mündung eines Seitenarms hat ein Kutter festgemacht. Eine Frau lässt ebenso wie ihr Nachbar, der vom Ufer aus fischt, ein riesiges Netz in das braungraue Brackwasser sinken und hofft, dass nach ein paar Minuten, wenn sie das Netz aus der Brühe zieht, Fische darin zappeln. Fehlanzeige. Ihr Nachbar auf meiner Seite des Ufers hatte mehr Glück. Ich frage mich, wer solche Fische essen soll und muss daran denken, dass ich am gestrigen Donnerstag in der Mensa Fischkopf hatte. Die werden ja wohl nicht hier im Jangtse gefangen worden sein? Die Brühe stinkt wie tausend tote Tümpelkröten, vor mir im Wasser treiben zwei aufgeblähte Wasserleichen: ersoffene Katzen, eine grau-weiß, eine braun. Eine von ihnen stinkt bereits mächtig gegen den Wind. Auf der Flanke, die aus dem Wasser ragt, sitzen hundert Fliegen.
Ich mache mich vom Acker und zum Yuejiang-Turm auf, der unweit des Jangtse-Ufers auf einer 60-Meter-Anhöhe thront. Ich komme unterwegs durch enge Altstadt-Gassen, die genau so sind, wie man sich das alte China, also das China vor der großen kapitalistischen Wende, vorstellt: enge Alleen mit Wäsche an den Fenstersimsen und Chinesen, die vor der Hütte auf Schemeln sitzen und sich mit Brettspielen die Zeit vertreiben. Ich strande zweimal in einer Sackgasse. Einmal verweist man mich des Grundstücks. Zugwaggons stehen hier auf dem Abstellgleis. Über still gelegte Eisenbahnschienen gelange ich schließlich doch noch auf den rechten Weg. Allerdings verirre ich mich zunächst noch in den uninteressanten Jinghai-Tempel unterhalb des Hügels. Dann aber kann ich die Stadt endlich unter mir lassen. Auf der Mauer, die den Turm-Hügel umgibt, raste ich und fange mir prompt zwei Moskitostiche ein. Schließlich erklimme ich den Gipfel und die sechs Etagen des Turmes, die als Ausstellungshallen dienen. Die Aussicht ist imposant, obwohl die aufziehende Gewitterfront den Blick und das Wohlbefinden doch zusehends trübt. Rund um den Turm flaniert eine Gruppe von Soldaten in Uniform. Die haben anscheinend schon Wochenende und stehen nun überall im Weg. Um sechs mache ich mich auf den Rückweg.
Vor dem beginnenden Regen fliehe ich in ein KFC-Restaurant. Danach will ich zum Hauskreis, aber auf der Bank vor dem Klohäuschen, das ich noch schnell aufsuchen will, bevor ich in Bus Nummer 100, den Doppeldecker-Bus, steige, spricht mich ein junger Mann an und ich komme zwanzig Minuten zu spät. Der Hauskreis ist nicht zu Hause, ich weiß nicht, wo sie tagen. Also gehe ich unverrichteter Dinge nach Hause und schaue den Scorsese-Klassiker „Zeit der Unschuld“.
Schöngeistiges mit Schildkröte in Schüsselchen
Noch ein Termin: Am Abend bin ich in einem feudalen Restaurant am Xuanwu-See dabei, als sich die Gäste – Marcel Beyer und seine Schweizer Freundin sind bereits abgereist – mit Vertretern des Yilin-Verlags treffen, des wohl angesehensten Verlags der Stadt. Ich bin bereits ein Begriff für die Cheflektorin, die beim Essen neben mir sitzt. Denn einerseits hat Professor Hong, der für den Verlag die „Pariser Lehrjahre“ übersetzt hat, jenes Buch, für das er mich vor drei Tagen letztmals kontaktiert hat, sich bereits lobend über mich geäußert und außerdem arbeiten auch noch zwei jüngere Kollegen des Deutsch-Instituts nebenher als Übersetzer für den Verlag, dessen Programm sich liest wie das kleine Einmaleins der europäischen Literaturgeschichte. Im Programm sind übrigens auch die NARNIA-Bücher von C.S. Lewis. „Harry Potter“ musste man indes der Pekinger Konkurrenz überlassen. Die Lektorin, Frau Lu, die ebenfalls bestens Deutsch spricht, ist eingeklemmt zwischen mir und dem Walser-und-Wolf-Biografen und kann keinen Widerspruch wagen, als wir den abwesenden Herrn Beyer unisono zum „kommenden Mann“ der deutschen Literaturszene erklären. „Da kommt noch ein großer Wurf“, töne ich und lasse das klingen, als sei nur Marcel Reich-Ranickis Urteil noch maßgeblicher als das meine. Und Herr Magenau kann das natürlich nicht anders sehen. Dass ich gerade auf Seite 200 seiner Walser-Biografie bin, hilft natürlich auch, solche Übereinstimmungen zu erzielen. Dass ich Marcel Beyer vor einem Jahr nur vom Hörensagen kannte, muss ja hier keiner wissen. Stattdessen gebe ich lieber zu: In dieser Liga mitspielen zu dürfen (und auch zu können) bereitet mir einen Heidenspaß! Die Schildkröte im Schüsselchen rühre ich dagegen nicht an und mache mich lieber über die Datteln mit Reiseinlage her, die auch Professor Kautz so sehr zu schätzen weiß.
Nach so viel Fachsimpelei über Schöngeistiges wage ich natürlich kaum von meinen eigenen bescheidenen Ambitionen als Schriftsteller für Jugendliteratur zu reden. Auf dem Weg zurück am See entlang komme ich mit Frau Lu aber doch noch über dieses und jenes ins Gespräch. Man sollte mal in Verbindung bleiben, findet sie. Dem freundlichen Übersetzungs-Professor habe ich zum Abschluss noch eine Briefsendung nach Deutschland mit auf den Weg gegeben und ihm das Buch von Echo untergejubelt, ein Geschenk, das er ja ohnehin viel besser verwerten kann als ich.
Im Regen stehen gelassen
Da haben sie mich im Regen stehen lassen, die Gäste, die ich am Südportal des Uni-Geländes erwarte, um sie zum Vortragssaal unseres Sprachlehrgebäudes zu führen. Aber keiner kommt. Stattdessen kommt der große Regen. Da muss ich jetzt durch. Ich sage dem Pförtner Bescheid, dass ich anderswo nach den Gästen Ausschau halte. Doch auch am Südportal in der Guangzhou Lu ist keiner zu sehen. Dann folge ich einer Eingebung und haste schnell auf mein Zimmer, um zu telefonieren. Katja meldet, dass das Taxi eine Viertelstunde Verspätung habe. Ich verständige rasch die Institutsleiterin, werfe mir meine Regenjacke über und zurück geht’s zum Portal. Schließlich treffen die werten Gäste ein. Aber - o Schreck! - es fehlt an Schirmen. „Wenn wir fünf Minuten durch den Regen müssen, sind wir nass!“, ist der Professor überzeugt. Am Ende geht es doch irgendwie.
Im Hörsaal 304 erklärt Marcel Beyer, der an einem Roman vier bis fünf Jahre arbeitet und zwischendurch mit Auftritten dieser Art und Lesungen seine Brötchen verdient, ein paar seiner von den Expressionisten Trakl und Benn beeinflussten Gedichte. Zufällig nehme ich gerade Gedicht-Interpretationen im Unterricht durch und habe - schon weniger zufällig - ein Beyer-Gedicht als Hausaufgabe aufgegeben. Aber ich muss doch Studenten direkt aufrufen, ehe sie sich trauen, endlich zu fragen, was es mit Marcels Gedicht Schnee denn nun eigentlich auf sich hat. Danach sind wir endlich alle schlauer: Lyrik ist, lernen wir dann, wenn man erst so ganz versteht, worum es in den Versen geht, wenn man den Dichter fragen kann. Freimütig gesteht der Dichter außerdem, von Metrik nicht viel zu verstehen und eher assoziativ zu seinen Versen zu kommen.
Nach dem Mittagessen im Uni-Restaurant referiert der Journalist und Literaturkritiker Jörg Magenau über seine Arbeit an den Biografien von Christa Wolf und Martin Walser: Schriftstellerkarrieren in Ost und West ist sein Vortrag überschrieben. Noch ein Zufall: Die Fachbereichsleiterin hat seinerzeit ihre Magister-Arbeit über Christa Wolf geschrieben und kann also kräftig mitmischen. Die meisten Reaktionen aber erntet schließlich Professor Kautz, der in den sechziger Jahren für die Botschaft der „DDR“ als Übersetzer und Dolmetscher tätig war und Persönlichkeiten getroffen hat (Chou En-lai), die heute in China legendär sind. Da er aber selbst nach dieser vaterländischen Tätigkeit nicht willens war, in den Sozialistischen Einheitsbrei Deutschlands (SED) einzutreten, galt er fortan im Arbeiter- und Bauernparadies als komischer Kauz und musste sich nach der Rückkehr seinen Lebensunterhalt anderswo verdienen. So wurde der studierte Sinologe Experte für literarische Übersetzung aus dem Chinesischen. Als die Mauer fiel, hatte er gerade einen Preis für eine seiner Übersetzungen gewonnen und darauf mit seiner Frau so oft mit Sekt angestoßen, dass an eine Autofahrt zum Ort des historischen Geschehens nicht mehr zu denken war.
Geschickt garniert der Siebzigjährige seine Anekdoten mit chinesischen Wörtern, was ihm die ungeteilte Sympathie der Studenten einbringt. Da ist doch der Regen von heute Morgen glatt vergessen!
Im Café-Séparée
Die große Woche ist gekommen, der mutmaßliche Semester-Höhepunkt mit dem Besuch der drei Gäste, die die Bosch-Stiftung im Rahmen ihrer Aktion WORTWECHSEL nach China gelockt hat. Neben dem renommierten Autor Marcel Beyer (siehe Eintrag vom 23.10.2008), einer Art Stenzi mit Locken und noch etwas mehr literarischem Talent, sind der Martin-Walser-Biograf Jörg Magenau und der Übersetzer chinesischer Autoren Professor Ulrich Kautz zu Besuch. Zum Mittagessen treffe ich die Gäste nebst meiner mit österreichischem Charme ausgestatteten Bosch-Kollegin Katja in einem Café in Uni-Nähe. Ebenfalls zu Gast sind chinesische Autoren: eine Kinderbuchautorin und zwei bereits recht angesehene Autoren, von denen sich einer als Bayern-Fan zu erkennen gibt, sowie die reizende Nachwuchsschriftstellerin Liu Min, die ich nach Danyu alias "Echo" frage, deren Bekanntschaft ich ja ebenfalls kürzlich gemacht habe. Tatsächlich kennt sie ihre Kollegin. Na, sage ich, dann können wir uns ja demnächst zu einer Autorenrunde treffen, wenn Echo wieder aus Chicago zurück ist, und tausche noch rasch Visitenkarten aus.
Einige Studenten haben sich zu dem eher informellen Austausch ebenfalls eingestellt. Wir sitzen in einem Séparée des Cafés, abgetrennt vom Rest des Planeten durch einen Diskretionsvorhang. Um halb vier eile ich zum Bibliotheksdienst. Dort stellt sich umgehend Professor Hong mit den Druckfahnen seiner Übersetzungsarbeit zu dem Skandalbuch von Nicolaus Sombart, "Lehrjahre in Paris", ein. Er hätte da noch mal 'ne Frage... Ich übersetze schnell einen französischen Satz in der Schreibweise des 16. Jahrhunderts und als Lohn kündigt Hong prompt wieder eine Einladung zum Essen an. Ich weise ihn auf das Treffen hin, das ja parallel einen Steinwurf entfernt weitergeht, dort könne er einen deutschen Übersetzer treffen, doch Hong glaubt, da passe er nicht rein. Er ist ein Eigenbrötler.
Internationales Gartenfest
Karls früherer Kollege Michael ist auch eingeladen zur Garten-Party und nimmt mich freundlicherweise mit. Er holt mich am „John-Rabe-Haus“ ab. (Der deutsche Held von 1937 ist ja mittlerweile auch in Deutschland ein Begriff; der unlängst verliehenen Lola (Deutscher Filmpreis) sei Dank.) Mit seinem schwarzen Passat, chinesische Variante, wartet Michael bereits, als ich am Eingang des kleinen Museums eintreffe. Vorher habe ich rasch für die vier Kinder ein paar Schoko-Tüten eingekauft und dabei noch 30 Yuan gespart, wieso, weiß ich auch nicht so genau. Das Grillfest im Garten von Karls Villa erweist sich dann als hochgradig international. Außer den drei Chinesen Michael, seiner Frau Linda und deren Tochter Jenny, die bereits weitgehend akzentfrei Englisch spricht, finden sich lauter internationale Paare ein. Man kommt sich vor wie beim Grand Prix de la chanson: Italien, Dänemark, Tschechien, England, die Philippinen und natürlich die USA sind neben Deutschland vertreten, weil Liebe angeblich ja keine Ländergrenzen kennt... Etwa zwanzig Kinder tollen in Haus und Garten herum. Karl und Charlotte haben ein großes Trampolin gekauft, das zieht auch an anderen Tagen die ganze Nachbarschaft an. Die meisten Gäste sind übrigens auch Nachbarn. Alle leben sie in dieser Wohnkolonie, die fast ausschließlich von so genannten ausländischen Fachkräften besiedelt wird. Die deutsche Ärztin Rita gibt mir ein paar Tipps, wie man sich gegen Mücken wehren kann. Ich glaube nicht, dass es hilft.
Zum Fußball im Garten kommt es auch noch. Ich versuche mich als Torwart und kassiere ein Ding nach dem anderen. Allerdings geht es ja hier nicht um die Wurst, die ist schon vertilgt. Zum Glück war ich vorausschauend genug, noch ein Extra-Hemd mitzubringen, denn man schwitzt bei den 33 Grad, die wir heute haben, schon im Sitzen.
Die Rückkehr der Bestie
Die Bestie ist zurück, die Bestie Hitze mit dem siebenköpfigen Monster Skito (abgekürzt Mo. Skito) im Gefolge. Täglich klettert das Thermometer vor meinen fassungslosen Augen, seit der Mai gekommen ist, ein bis zwei Grad höher und ich frage mich, wohin das noch führen soll. Zu Mücken natürlich. Und die halten sich mal wieder an keine Regel, stechen mich tagsüber draußen nicht weniger als nachts drinnen. Und da! Da war schon wieder eine. Fliegt direkt hier am Bildschirm vorbei und streckt mir die Zunge raus. Unter Loriots Filzlaus-Mikroskop hätte man das sehen können! Die halten sich an keine Regel. Sie dringen nachweislich durch verschlossene Fenster ein, wirklich! Da muss irgendwo eine 0,2 Nanometer große Ritze sein oder sie fliegen unter dem Klimaanlageschlauch durch. Und wer hat eigentlich diesen Mist erfunden, dass Mücken erst am Ende des Sommers saugen, weil sie das Menschenblut für das Ausbrüten ihrer Eier brauchen? Welcher Konrad-Lorenz-Superbesserwisser-Verhaltensforscherspinner hat diese Legende in die Welt gesetzt, die Menschen wie mich in falsche Sicherheit wiegt? Alles Quatsch! Die saugen aus purer Lust an der Freud'. Und die saugen auch nicht einmal und dann ist fertig. Nein, die sind wie Säuglinge. Die schlürfen etwas, dann haben sie plötzlich keinen Appetit mehr, rülpsen erst mal und wollen lieber spielen statt trinken und dann haben sie auf einmal wieder Hunger und stechen noch mal. Ergebnis: Mein linkes Bein ist übersät mit kleinen ekligen Pusteln in Kniekehlen, am Fuß, am Bein, vornehmlich im Wadenbereich. Hinzu kommt, dass man ja bei dieser elenden Hitze auch nicht mehr weiß, ob es juckt, weil überall Schweiß aus den Poren kommt, oder ob das der neueste Anschlag von Monster Skito ist. Überhaupt jucken Mückenstiche im Sommer viel mehr als im Winter. Und wer hat eigentlich den Mist erfunden, dass Mückenstiche nicht jucken, wenn man 24 Stunden lang Übermenschliches leistet und heldenhaft wie ein Iron Man aufs Kratzen verzichtet oder die Stiche mit Seife einreibt? Alles Quatsch.
Was? Juckt euch alles nicht? In Deutschland gibt es jetzt noch keine Mücken? Na, vielen Dank!
Also Themawechsel. Passend zur Hitze bin ich jetzt in einem Hauskreis mit lauter Afrikanern gelandet, die sich in einem Wohnheimzimmer der Universität für Pharmazeutik treffen. Wenn die kleine Ruby (Tochter des Simbabwers Martin) mal nicht kräht wie eine Trillerpfeife mit kaputter Kugel, dann kann man auch ganz gut hören, was die Geschwister im Herrn aus Gabun, Kamerun, Simbabwe und Sambia zu erzählen haben. Ich finde es natürlich grandios, dass das Leben mich auf so einen Hauskreis durch 18 Monate Westafrika vorzubereiten wusste. So fällt mir die Integration in diesen speziellen Kreis, in den sich immer wieder Afro-Französisch einschleicht, obwohl offiziell in Englisch getagt wird, natürlich nur halb so schwer. Und an Zufall glauben, wie ich gerade las, ja nur Ignoranten.
Viel los diese Woche: Gestern haben mir Kollegin Katja und ihr Freund Gerald, soeben von wichtigen Treffen in Deutschland zurück, geholfen einen Gutschein einzulösen, den ich erhielt, als Liu Chao im ausstellenden Restaurant in meinem hilfreichen Beisein ihre Energiekrise bekämpft hat. Dadurch, dass wir 100 Yuan Verzehrkosten überschreiten, werden uns nun 50 Yuan erlassen. Am Ende zahle ich aber trotzdem über hundert Yuan. Wo ist da denn nun die Ersparnis? Naja, und morgen geht's zu einer Gartenparty, zu der Ex-Mitschüler Karl von B. geladen hat. Ich freue mich schon auf Fußball mit den Kindern im Garten.
Mittags habe ich mit einer Kollegin zu Mittag gegessen. Sie fühlt sich manchmal ein bisschen marginalisiert in der Gruppe der Lehrer. Da gibt es auch Irritationen über Fachbücher, die, ohne sie zu konsultieren, angeschafft wurden - kleine Kompetenzrangeleien wie wohl in jeder "Firma". Anlass unserer Zusammenkunft war die Auswahl von sieben Studenten-Kurzgeschichten für einen Verlags-Wettbewerb, darunter so verheißungsvolle Titel wie "Di-Da-Di" (Platz 6 für den originellen Mobiltelefon-Krimi), "Eine Klingel in der Nacht" (eine Gruselgeschichte, Platz 5) oder "Huzi" (1. Platz). "Huzi" ist die Geschichte eines alten Mannes, dessen Hund Huzi gestorben ist und der sich vereinsamt fühlt, nachdem seine Frau gestorben ist und er auch von Sohn und Schwiegertochter nicht so richtig willkommen geheißen wird. Nach Auskunft der Autorin musste sie selbst beim Schreiben weinen (oder fast), denn es handle sich um eine wahre Geschichte.
Ja, auch ich breche viel lieber in Tränen aus wegen einer bewegenden Geschichte als wegen desaströser Grammatik. Das ist aber auch bei den Aufsätzen, die ich im Rahmen der Zwischenprüfungswoche diese Woche schreiben ließ und heute korrigiere, zusehends weniger der Fall. Auch die Klausur zur "Zeitungslektüre" (brandaktuelles Thema: Klinsmanns Rauswurf; im März haben wir noch ein Interview mit dem optimistischen Bayern-Trainer behandelt, welche Dramaturgie!) ist gut ausgefallen. Da sind schon einige Fortschritte zu ... Siehst du, jetzt hat sie mich erwischt: Diesen Stich auf der Innenseite des linken Unterschenkels hatte ich doch eben noch nicht, oder? Und warum eigentlich immer links?
"Xiexie, Yijie!"
Nachdem ich heute nach dem Unterricht noch mal nachgefragt habe, schickt Klassensprecherin Yijie endlich das Gruppenfoto von der Tour zum Fantawild-Park (sin-o-meter berichtete), DER Alternative zum Wildpark Eekholt. Ich schreibe prompt zurück: "Xiexie, Yijie!" (übersetzt: "Danke, Cecilia!").
Links von mir: Wu Yu, Xinhang und (halb kniend) Feiqian, hinter mir die Computer- Jungens. In der Mitte rechts von mir: Hao Hui, Youjin und Du Li.
Untere Reihe links von mir: Yang Liu, Yi Xuan und Xin Liu.
Untere Reihe rechts von mir: Liu Chao, Yijie mit (Sonnenbrille und) Wang Dan, Xi Min und Yinyin mit Minmin.

Cathy und Hillson und ich

Bereits zum zweiten Mal treffe ich mich heute am Xuanwu-See mit Cathy, die in Wirklichkeit Jiakun heißt und in einem Tourismus-Institut Koreanisch unterrichtet. Wir haben uns zum ersten Mal auf einer von Michaels legendären Partys kennen gelernt und sie wollte gern ihr Deutsch etwas aufbessern; wer kann dazu schon nein sagen, wenn er so hilfsbereit ist wie ich? Sie ist übrigens eine gute Lehrerin, was sich darin erweist, dass sie mich die zweite Hälfte des Spätnachmittags in Chinesisch unterweist: Wie du mir, so ich dir! Letzte Woche waren wir anschließend in einem mittelmäßigen Restaurant essen, heute folgen wir dem Ruf des Michael-Nachfolgers Hillson. Denn Michael, so vernehme ich zu meiner Überraschung, befindet sich im Scheidungsstress! Die Ehe mit einer etwas jüngeren Chinesin hat irgendwie nicht funktioniert. Aber Michael trage sich bereits mit neuen Heiratsabsichten. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus. Heraus kommt dafür, dass Michaels künftige Ex-Gattin wohl auch gar kein Englisch konnte. Ich sage: Sich dafür zu entscheiden sein Leben mit jemandem zu verbringen, ist ja schon 'ne harte Nummer. Wenn dieser Jemand aber nicht dieselbe Muttersprache spricht, ist das Hochseilakrobatik, aber wenn man sich fast gar nicht verständigen kann, dann ist das Hochseilakrobatik ohne Seil! (Naja, so habe ich das zumindest sinngemäß gesagt.) Aber jeder muss eben das tun, wovon er am meisten überzeugt ist. Und wovon man nicht überzeugt ist, das sollte man eben nicht tun. Das war immer schon mein Motto. Hillson ist derweil davon überzeugt, dass er in Michaels Fußstapfen treten kann. Aber Cathy, die ist von Hillson gar nicht überzeugt. Sie fühlt sich von ihm genervt. "He's always so pushy!", sagt, nein, klagt sie. Er dränge sie immer, schicke ständig eine SMS und wenn sie die ignoriere habe sie ihn gleich an der Strippe. Ich wusste ja immer, dass diese Mobiltelefone einen Haken haben... Leider kommen wir so spät zur Party, dass nur noch ein paar Pizzastücke zu uns gelangen. Dafür darf Cathy mit Hillson singen und ich treffe Jerry, eine tätowierte US-Variante von Michael, und Eveline, die ich schon aus dem GoDi kenne oder, besser gesagt, sie mich. Eveline doziert so lange über Schlafmangel, dass schließlich alle ermüdet aufbrechen. Aber es reicht noch für ein Gruppenfoto.
Nachttaxi ins Badehaus
Mit Echo (sin-o-meter berichtete) wird es garantiert nicht langweilig. Echo ist eine Frau mit sensationell schlechtem Orientierungssinn und zwölf Minuten Verspätung. Mit dem Taxi will sie in ein Spezialitäten-Restaurant. Das liegt aber, wie sich erweist, als wir aussteigen, nur fünf Minuten Fußweg von unserem Treffpunkt entfernt. Und ist schon voll. Wir landen in einem Eisladen der Marke Hägar (oder so), wo wir für vier Kugeln Eis umgerechnet zwanzig Mark bezahlen. Danach lasse ich mich wieder in ein Taxi setzen. Echo führt uns zu einem Badehaus. "Früher war hier ein Restaurant", versichert sie. Zwischenzeitlich habe ich sie versucht davon zu überzeugen, dass die bibeltreuen Christen die einzig wahren Gläubigen sind und man den Rest vergessen kann. Im selben Atemzug versuche ich sie in ihrem Studienort Chicago, wohin sie bald zurückkehren wird, in die Willow-Creek-Gemeinde zu lotsen. Erfolgreich gelotst hat sie uns schließlich wider Erwarten auch noch, und zwar in ein Feinschmecker-Restaurant. Dort will sie gleich tausend verschiedene Gerichte bestellen. Ich sage: "Wer soll das alles essen?" Am Ende gehen wir mit drei Packungen Essensresten nach Hause und Echo beschwert sich, dass ich das Taxi zuerst zur Uni lenke. "You are no gentleman", beklagt sie sich. Ich stimme zu, gebe aber zu bedenken, dass ich sie beim Einstieg zu fragen versucht hätte, aber nicht zu Wort gekommen sei. Zwischendurch habe ich sie auch schon mal als "stupid" kritisiert; man sieht, wir verstehen uns.
Auf dem Weg vom Eisladen zum Badehaus (oder Massagesalon, was immer das war) wechselt Echo überraschend das Thema und erzählt mir auf einmal alles von ihrem katholischen "boy-friend" in den USA, der sie sofort heiraten möchte. Sie wisse aber nicht so recht. Er rede auch nie über seinen Glauben. Ich sage: Wenn er dich sofort heiraten will, spricht das immerhin für seine redlichen Absichten. Anders als mit ihrem "boy-friend" war sie mit einem Fremden aus dem Internet allerdings bereits handelseinig geworden, was Heiraten anbelangt. Es handelt sich um einen Geschiedenen mit zwei Kindern, den sie nie gesehen hat, der aber ohne jeden Zweifel ihr Seelenverwandter sein müsse, auch wenn der Kontakt jetzt abgerissen sei. Zu guter Letzt hatte sie auch noch eine Liebesaffäre mit ihrem Verleger, der nach deren Scheitern dafür gesorgt habe, dass sie mit ihrem Roman (ein Exemplar hat sie mitgebracht) nicht viel Geld verdient hat. Gegen halb drei bin ich zu Hause. Ich verlasse das Taxi zehn Minuten nach ihr und habe mich also doch noch als "Gentleman" erwiesen. Nun muss Echo aber wirklich schnellstens nach Chicago zurück, finde ich.
Im Zirkus
Nach einem Vortrag an der China-Universität für Kommunikation, an der meine Kollegin Katja, die Österreicherin, lehrt, einem Vortrag mit etwa 65 Zuhörern am Freitagabend, der im Rahmen einer Marketing-Aktion für das deutsche Hochschulwesen stattfindet, die zu meinem Aufgabenprofil gehört, lande ich, weil eine deutsche Praktikantin morgen achtzehn wird, mit Katja und einigen ihrer Studenten im Mazzo, das ist so ein ... Nachtclub. Also, so was von dekadent! Ich kam mir zunächst vor wie in einem indischen Tempel, alles Gold, Kronleuchter und teurer Teppich und so. Da werden Früchte auf Riesentabletts serviert wie in einem Harem, die Ohren gefoltert wie in einer Disko, Whisky getrunken und gezockt wie in einem Western-Saloon und auf die Pauke gehauen wie bei einer Polka. Für Zirkus-Ambiente sorgt ein kleinwüchsiger Clown, der Pudel aus Luftballons dreht.
Aber China ist hier schon wieder besser als Deutschland, denn dort passen sicher keine uniformierten Polizeibeamten in der Bar auf, dass nichts aus dem Ruder läuft (höchstens Derrick in Zivil). Und tanzende Damen im Bikini gibt es hier nur auf Monitoren. Alles noch ganz züchtig. Das Gehirn scheint in solchen Bars aber trotzdem am Eingang abgegeben werden zu müssen, den Rest bläst die Musik weg. Deswegen kann ich auch nicht länger als fünfzehn Minuten bleiben (exakt gestoppt), denn ohne Hirn bin ich nur die Hälfte wert. Ich kann aber gar nicht sagen, dass ich bereue mitgegangen zu sein. Auch wenn ich nichts mehr von den Verheerungen mitbekommen habe, die der eine Liter Whisky, der komplett ausgetrunken worden sein soll, unter den kaum erwachsenen Student(inn)en angerichtet hat, war dieser Ausflug in die chinesische Halbwelt doch sehr interessant. Hatte, wie gesagt, was von Zirkus. Da geht man auch rein, guckt sich die Clowns und die wilden Tiere an und geht wieder nach Hause.
Warum Jack London und Hermann Hesse Elementares gemeinsam haben
Am heutigen Nachmittag bin ich Teil einer fünfköpfigen Prüfungskommission, die in einer mündlichen Prüfung über die Zulassung von Bewerbern für den Magisterstudiengang an der Uni Nanjing befinden soll. Sechs Studenten versuchen bei Antworten auf Fragen zu ihrer Motivation und ihren Vorkenntnissen in Linguistik und Literaturwissenschaft zu glänzen; zwei davon sind Studenten unseres eigenen Fachbereichs und schließen in diesem Semester mit einem B.A. ab. Die Studentin, die sich auf meine Nachfrage für Hesses "Steppenwolf" interessiert, weil sich das Buch für einen Vergleich mit Jack London eigne, da dieser ja auch Bücher über Wölfe ("Wolfsblut") geschrieben habe, hätte lieber gleich gesagt, dass sie keine Ahnung von Literatur hat. Auch die erste Kandidatin kann mich mit ihren zaghaften Antworten gar nicht überzeugen. "Für mich ist die durchgefallen", bekunde ich forsch, erfahre aber sogleich, dass die Bewerberin, die nicht mal zu sagen wusste, was sie an Deutsch interessiert und warum sie weiter Deutsch studieren möchte, die beste schriftliche Zulassungsprüfung abgeliefert hat.
Ostersonntag
An Ostern zieht es mich dann doch wieder eher in die konservative St.-Paul's-Gemeinde. Allerdings sind die noch nicht mal fertig mit dem chinesischen GoDi, der vorher stattfindet, als ich eintreffe. Und dabei hatte ich mich so beeilt, um noch halbwegs pünktlich zu kommen. Ostern ist eben was Besonderes. So predigt dann heute in der Kirche der deutsche Theologe Sigurd (bekannt durch den Eintrag vom 21.12.2008). Allerdings muss ich sagen, dass mich kaum etwas in der Kirche mehr nervt als Prediger, die ihre Kinder als Exempel zur Veranschaulichung von geistlichen Inhalten verwenden. Zwar kommt das in China natürlich doppelt gut an, aber ich kann die Masche "wie mein kleiner Sohn neulich, als..." nicht mehr hören. Danke, reicht! Immerhin kann ich Sigurds Englisch viel besser verstehen als das seiner chinesischen Brüder und Schwestern im Herrn.
Apropos Schwestern im Herrn, die geschätzte Schwester im Herrn Lili hat für mich ein paar Lieder kopiert, die dank einer Reportage auf Bibel-TV in christlichen Kreisen in Deutschland unter dem Titel "Hymnen Kanaans" offenbar zu einigem Ruhm gekommen sind und noch exportiert werden sollen.
Nachmittags gibt es für mich - wer hätte das gedacht? - sogar noch ein paar Schoko-Ostereier. Und deutschen Kuchen. Denn ich bin zu Gast bei einer sechsköpfigen Familie aus Deutschland und spiele in deren Garten mit den Kindern und deren Papa Fußball. Das mag so weit noch nicht kurios genug für eine sin-o-meter-Notiz sein. Aber interessant wird die Sache zweifellos, wenn ich verrate, dass dieser Papa vor 24 Jahren mit mir im Musik- und Mathe-Grundkurs saß und aus Großenaspe, Ortsteil Brokenlande, stammt. Genau wie mich hat es Karl von B. aus beruflichen Gründen nach Nanjing verschlagen. Er wohnt mit seiner Familie, zwei Mädchen, zwei Jungs und eine Ärztin (seine Frau), in einer kleinen Villa mit Garten in einem beschaulich-adretten Wohnviertel für ausländische Experten am Stadtrand, abgeschirmt durch Sicherheitskräfte und beschränkten Zugang. Meine An- und Abreise erfolgt durch Karls persönlichen Chauffeur!
Was lernen wir daraus? Im Leben geschieht nicht immer das Wahrscheinlichste! (Das Fußballspiel im Garten gewinnen aber trotzdem die Senioren.)
Fantawild
Der dritte Tag von Liu Chaos Kurzurlaub führt bis an den Rand totaler Erschöpfung. Nach nur vier bis fünf Stunden Schlaf müssen wir schon wieder raus. Heute findet nämlich der allsemestrige Studentenausflug statt. Die Studenten des zweiten Studienjahres haben den Fantawild-Abenteuerpark von Wuhu in der Nachbarprovinz Anhui zum Zielort erkoren. Wir werden mit dem Taxi abgeholt, treffen den Rest der Schar vor dem Bus am Außencampus der Uni und landen in der chinesischen Version von Disney World mit Cowboystadt, Astro- und Azteken-Tempel, Wasserrutsche und Achterbahn. Der (un-)heimliche Höhepunkt allerdings ist, von Liu Chao mit sensationellem Gespür für das Wesentliche entdeckt, eine 3-D-Tour durch eine von Godzilla und seinen Kumpels verwüstete Großstadt. Schon das Haus, in dem die Schau dargeboten wird, spricht für sich: Es steht auf dem Kopf und auf dem Dach, das eigentlich das Fundament ist, turnen Saurier herum. In einer Art Flugsimulation wird man auf einem Pseudo-Raumgleiter an brennenden Häuserfassaden vorbei, mitunter auch durch sie hindurch geschleudert. Aus den Ruinen lugen überall gierige Tyrannosaurier hervor. Gelegentlich schnappen sie auch nach einem. Liu Chao kreischt für eine Chinesin erfreulich wenig. Wir können dem Grauen mit knapper Not entkommen. Die 4-D-Unterwasser-Show nach Motiven von "Findet Nemo" ist auch nicht schlecht. Für die vierte Dimension sorgen Windstöße, Wasserspritzer und ein Rumpeln im Sitz. Außerdem sind wir dabei, wie per Greenscreen-Effekt harmlose Chinesen zu Supermännern und Kriegshelden oder Ungeheuern werden. Leider geht im Dunkeln meine Sonnenbrille verloren.
Im Bus zurück nach Nanjing spielen wir mit einigen Studenten Mau-Mau mit verschärften Großenasper Regeln und zu Hause liefern Liu Chao und ich völlig übermüdet noch eine ganz lausige Leistung in dem beliebten Kniffel-Plagiat „Der große Wurf“ ab. Mir gelingt nicht mal 'ne kleine Straße, von „großem Wurf“ kann folglich keine Rede sein. Schließlich schleppe ich Liu Chao und ihre Koffer noch zum Bahnhof. Sie wird im Nachtzug nach Peking schlafen wie ein Stein und ich in der Bude mit dem Müllberg.
Noch ein Friedhof
Den heutigen Karfreitag widmen wir passenderweise dem riesigen Ming-Gräber-Areal unterhalb des Purpur-Bergs. Ein von einer Mauer umschlossenes Gelände dient dem ersten Kaiser der Ming-Dynastie, der sich vor 600 Jahren durch grausame Strenge um die Einheit des Reiches verdient gemacht hat, als Rückzugsgebiet seit seinem Ableben. Neben ihm liegen offenbar auch seine Nachfolger. Trotz eines Eintrittspreises von 70 Yuan dürfen wir noch nicht mal deren Ruhe stören, weil das eigentliche Mausoleum Baustelle ist.
Von den malerischen Ming-Gräbern geht es dann mit dem Bus zum Xuanwu-See, wo irgendwann das zweimillionste Foto entstanden sein muss. Oder beim Essen danach. Denn gut ausgebildete Chinesinnen fotografieren auch noch beim Essen. Als Entschädigung erhalte ich einen 50-Yuan-Gutschein fürs Zu-viel-Essen, den ich aber nur durch Noch-mehr-Essen einlösen kann.
Auf dem Friedhof
Liu Chao wird zur Touristin im eigenen Land und ich zum Touristen in der eigenen Stadt. Wir besuchen den Yuhuatai-Friedhof, der mit Aussichtsturm, Museum, Gedenkstätte und einem exakt 42,3 Meter hohen Mahnmal den Märtyrern von Maos Revolution gewidmet ist, strammen Kommunisten, die seinerzeit, Ende der zwanziger Jahre und Mitte der dreißiger Jahre, für ihren Glauben einfach hingerichtet wurden (von Angehörigen der Kuomintang, der nationalistischen Partei von Chiang Kai-shek). Liu Chao macht ungefähr eine Million Fotos. Die Fotos, die ich mache, sind angeblich von minderer Qualität, was ich nicht verstehe, denn das Lächeln der Chinesin im Bildmittelpunkt sieht auf allen Bildern immer hundertprozentig gleich aus. Was kann ich da noch falsch gemacht haben? Anschließend machen wir noch einen Abstecher zur Einkaufsmeile am Konfuzius-Tempel, wo dann zu vorgerückter Stunde irgendwann das einmillionste Foto entstanden sein muss, denn nach Sonnenuntergang leuchtet hier alles fotogen-farbenfroh wie am Piccadilly Circus. Dem hält kein chinesischer Auslöser auf Dauer stand.
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