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Matchball in der Metro

Es ist so eine Art Vogelschießen auf Großstadtniveau, das sich heute, am Sonnabend vor dem Drachenbootfest, rund um den Mochou-See ereignet: überall Stände, an denen man Getränke und Naschwerk erstehen kann, und ein Wettbewerb, bei dem natürlich keine Vögel und auch keine Tontauben geschossen werden, sondern bei dem das schnellste Boot gewinnt. Je drei Schiffe starten gegeneinander. Cathy hat mich zu diesem Spektakel überredet. Sie selbst ist mit einigen Freunden aus der deutsch-chinesischen Firma BSH (Bosch-Siemens-Haushaltsgeräte, Karls Firma) gekommen. Wir stehen am Westufer auf einer schwimmenden Plattform, die sich unter der Last der Zuschauer zeitweise bedenklich in den See senkt. Leider ist das Wetter ziemlich regnerisch und da ich für den Nachmittag von meinem Tennis-Kumpel Peter per SMS zu einer ominösen Tennis-Party ("You will cook for yourself!") anlässlich des Finales von Roland-Garros geladen bin, verlasse ich frühzeitig das sinkende Schiff, will sagen: bekomme gar nicht mehr mit, wie die Ruder-Mannschaft von BSH im Halbfinale ausscheidet, was Cathy mir aber flugs per SMS nachreicht. Auch BASF hat es nicht gepackt. Schlechter Tag für Deutschland. Guter Tag für China.
Peters Party ist von ganz eigener Art: Erst mal muss ich einem Chinesen an der U-Bahnstation mein Telefon in die Hand drücken, damit der mir auf Peters Instruktion hin die Richtung zeigen kann. Peter holt mich dann nach einem schweißtreibenden Fußmarsch an der Kreuzung Weigang ab. Danach hängen wir, ein halbes Dutzend Freunde und Kollegen, Kleinkram knabbernd am Stubentisch herum. Ein Amerikaner, den ich aus der Kirche kenne, muss wie zuvor ich mühsam per Telefonfernsteuerung ans Ziel gelotst werden. Dann gibt es eine Runde Frisbee im Park (mir zu heiß, ich schaue zu). Schließlich müssen die Gäste die Sachen für den Verzehr erst mal selber aus dem Supermarkt holen und selbst bezahlen, ehe sie sie dann selbst zubereiten. Ich verspreche Spaghetti. Da es die im SUGUO nicht gibt, weiche ich auf Hamburger aus. Dabei liegt der Kikoku (Kinder-Kochkurs mit Birte), zu dem mich Tante Anneliese in den Sommerferien 1981 oder 1982 überredet hat, so lange zurück, dass ich nur mit Mühe erinnere, wie die gehen. Aber irgendwie wird aus dem Kilo Hack, zwei Eiern und einer Zwiebel, die ich zwei Brillenträger aus dem Kreis der Geladenen schneiden lasse, dann doch noch ein echter Renner. Das liegt sicher nicht nur am Kikoku, sondern auch daran, dass ich die Verantwortung für das Salzen (zwei Esslöffel) einer der im Kochen etwas geübteren Damen überlassen habe, die neben mir in der Küche herumwuseln und deren Gerichte Güteklasse A haben, wie sich alsbald erweist. Der letzte Hamburger verschmort in der Pfanne, während wir längst alle satt in den Seilen hängen. Nach ein paar Runden UNO, bei denen ich mich vergeblich bemühe, vernünftige Regeln zu installieren, gibt es auch schon den ersten Ballwechsel zwischen der Chinesin Li Na und Schiavone aus Italien. Ärgerlicherweise müssen wir Peter beim Stand von 4:4 im zweiten Satz (völlig unnötiges Rebreak von Schiavone) alleine lassen, damit wir die letzte U-Bahn noch erwischen. Der Amerikaner hat schon seit dem ersten Satz alle nervös gemacht.
Noch mehr Chinesen als sonst kleben in der U-Bahn an ihren Mobiltelefonen. Sicher gibt es da überall Live-Ticker. Beim Umstieg in Linie 1, wo ich mich von meinen Mitreisenden trennen muss, dann nach einem zunächst missverständlichen Telefonat mit Peter die erlösende SMS: "Li Na win". Klarer Fall: Peters Englisch ist nicht so gut wie Li Nas Rückhand. Ich ärgere mich. Hätte es einen dritten Satz gegeben, hätte ich den bei mir zu Hause in aller Ruhe verfolgen können. Den entscheidenden Tie-Break (7:0) sehe ich an diesem Abend trotzdem noch: Das chinesische Sportfernsehen wiederholt die entscheidenden Bälle zum historischen Triumph in einer Endlosschleife.
Wird Didus die zarte Yijie erwürgen oder von ihr erschlagen werden?

Weder noch! Zwar ging der Prüfungsmarathon (drei Studentengruppen zu je neun Studenten und drei Professoren müssen in einer Disputation ihre B.A.-Arbeiten vorstellen) durchaus an die Substanz und fünf Studenten habe ich diese Woche schon mit lästigen mündlichen Nachprüfungen traktiert, aber Yijie, die in meiner Prüfungsgruppe sitzt und ihr Thema "Brigitte und Nüyou Love - Frauenzeitschriften in Deutschland und China" gekonnt vorgetragen hat, gehört natürlich nicht zu solchen Wackelkandidaten. Ihr wird heute die zweitbeste Leistung von allen bescheinigt. Da ist manch hartes Brot, das die Studenten in den vier Jahren zuvor zu kauen hatten, längst verdaut und somit auch kein Grund gegeben für gewalttätige Übergriffe.
Nach dem Prüfungsmarathon und der Notenkonferenz geht es dann traditionsgemäß in ein Restaurant (Studenten laden ein), in dem dann zwar nicht alle Hüllen, aber sehr wohl ein paar sittliche Hürden fallen. Dabei spreche ich gar nicht von gestellten Bildern, sondern von einigen vorwiegend männlichen Studenten, die dem Alkohol so stark zusprechen, dass es manchmal schon nicht mehr schön ist. Die sonst so eloquente Xinliu (nicht im Bild), die ich eben noch in pflegerischer Begleitung am Waschbecken vor dem WC angetroffen habe, liegt unansprechbar auf zwei Stühle hingestreckt. Yicheng, von mir im Vorjahr mit einer Nachprüfung drangsaliert, will mich zum Rauchen animieren. Er hält mich dabei so liebevoll im Arm, dass es den nüchternen Studentinnen beim Zusehen zu viel wird und eine ihn sanft von mir entfernt wie eine Zecke aus dem Hundefell. Lehrer Qin hat unterdessen zur Lulle gegriffen. Bisher wusste keiner von uns Kollegen, dass er raucht. Ex-Chefin Kong aus der Sippe des Konfuzius und dem edlen Weisen durch eine geradezu spröde anmutende Nüchternheit verpflichtet, kann ihre Entrüstung nur mit Mühe verbergen. Frau Chang muss wieder singen. Die Gläser sind wie üblich vorm Zerspringen. Und alles johlt. Ich muss eine Rede auf Chinesisch halten. Vier Sätze müssen reichen. Schließlich gellen "Jirou"-Rufe, auch deren englische Übersetzung "Muscle!" durch die Runde. Das ist der Kosename für den Kollegen Chang, der für sein ausgeprägtes Aufbautraining zwecks Erwerb einer präsentablen Muskelmasse berüchtigt ist. Er lässt (unterm T-Shirt, wie gesagt, nicht alle Hüllen fallen) seine Brustmuskeln zucken und zeigt seinen Bizeps. Die Mädchen sind völlig aus dem Häuschen. Bis auf Xinliu natürlich.

Schließlich wird es ruhiger. Vor allem Feiqian ist sprachlos. Denn Xiaoqi, seit gemeinsamem Deutschlandaufenthalt ihr Freund, hat als Conférencier so viel Antriebsflüssigkeit verbraucht, dass seine Kumpels ihn hinaustragen und hernach in ein Taxi verfachten müssen. "Die Party ist nun aus, und alle gehen nach Haus", resümiere ich. Eine Stunde später treffe ich auf dem Campus die brave Yangliu (sin-o-meter berichtete), die den Abend mit ihrem Freund ausklingen lässt, den ich bei der Gelegenheit auch endlich mal kennen lerne.
Die 30.000-Yuan-Frage
... lautet: "Akzeptieren Sie das?" und die Antwort lautet: "Nein!" und das Ganze hat natürlich wieder zu tun mit diesem Alptraum aus verwesendem Fleisch und hochtoupierten hellrot gefärbten Haaren, das hier aus unerfindlichen Gründen über eine Taxilizenz verfügt. Als hätte es noch eines Beweises bedurft, dass dieser Alptraum aus Gier und Fahruntüchtigkeit mit dem von mir verabreichten Kinnhaken noch gut bedient war, präsentiert sie nun vor den versammelten Polizeibeamten eine ganz neue Rechnung, bei der sich aufgrund irgendwelcher Arbeitskraftausfälle Unkosten auf 30.000 Yuan summierten, die ich natürlich zu begleichen hätte. Ich schüttele mit dem Kopf und traue kaum meinen Ohren. Auch die Belege für meine erste Rate, die man mir zur Einsicht überreicht, addieren sich nicht auf die bereits entrichtete Summe von 9.000 Yuan. Die Belege, die ich in der Hand halte, wirken in ihrer schieren Unzahl, als hätte jemand ein Jahr im Koma gelegen und sei dabei umfangreich medikamentös behandelt worden. Es ist alles mal wieder eine grausame Satire mit mir in der Hauptrolle! Es fing auch schon satirisch an heute Nachmittag nach dem Unterricht. Bei über dreißig Grad verlor ich, diesmal nicht von meinen treuen Kollegen begleitet, die ich nicht schon wieder belästigen wollte, erst mal die Orientierung, lief schließlich ein ganz anderes Polizeirevier an und stellte die dort versammelten Beamten mit meinen Aussagen erst mal vor ein Rätsel. Zum Glück rief Sophie, die Dame vom Auslandsamt, von der richtigen Polizeidienststelle zu meinem Ausbleiben befragt, zur rechten Zeit an. Ich reichte das Telefon einfach weiter. Dann gab es einen Lieferdienst der besonderen Sorte: Ich werde per Dienstwagen zur zuständigen Station eskortiert. Während dieser höchst skurrilen Dienstfahrt, ruft dann, um die Turbulenzen zum Höhepunkt zu treiben, Liu Chao aus Peking an, die erst mal einen Schreck bekommt: "Ich kann jetzt schlecht reden. Ich werde gerade von der Polizei abgeführt..." Schließlich betrete ich das Gelände der richtigen Polizeistation, wo die Tante mit dem hochtoupierten Haar schon auf mich wartet. Komisch, dass ich die eben nicht gefunden habe.
Bipolare affektive Störung
Beim Essen sind ihre Augen wie immer größer als der Mund. Jetzt soll ich die ganzen Suppen auslöffeln, die Danyu sich hat servieren lassen. Das Problem: Ich mag chinesische Suppen nicht besonders. Dann nervt die umtriebige Autorin so lange mit dem Gutachten, bis ich im Anschluss an das gemeinsame Mittagessen in eiskalt klimatisiertem Restaurant, das immerhin sie bezahlt (ohne zu wissen, dass heute mein Geburtstag ist), einwillige mit ihr ein Internetcafé aufzusuchen, um mir mal die E-Mail anzusehen, die eine New Yorker Anwältin geschickt hat. Ich bin zu ihrem Unwillen immer noch nicht überzeugt, aber sie kann die E-Mail ja mal an mich weiterleiten.
Als wir im Süden der Stadt in der Nähe des Stadttors Panmen den Kaiserkanal entlang wandern, auf dem Ausflugsschiffe an uns vorbeischwadronieren, kommt dann wieder ihre Bipolare affektive Störung zum Ausbruch. Danyu wird ausfallend, beleidigend und das Ganze klingt aus in der üblichen tränenreichen Depression, auf deren Höhepunkt sie sich (immerhin mit Blick auf den Kanal) an meiner Schulter ausheult. Das gibt sich aber wieder, als wir unter mächtigen Zeitdruck kommen und partout kein Bus zum Bahnhof kommt. Wir rennen zur großen Kreuzung – andere Bushaltestelle. Gerade noch erreichen wir einen Bus. Auf dem Bahnhof lasse ich sie zehn Minuten vor Abfahrt des Zuges alleine zum Bahnsteig rennen, während ich zur Gepäckaufbewahrung stürme und, da es die zweimal gibt, zunächst auch noch falsch anstehe. Wie immer schaffe ich den Zug dann doch noch. Fahrkarten hatten wir bereits mittags gekauft. In Nanjing wartet der Herr Papa, ein ca. sechzigjähriger, schmächtiger Mann mit grauem Haar, schon hinter der Absperrung. Danyu, geboren 1978, wird immer noch von Papa mit dem Auto abgeholt wie ein Schulmädchen. Kurz angebunden verabschiedet sie mich, nicht ohne zuvor noch mehrfach von dem Gutachten gesprochen zu haben.
Der Garten des Verwalters Wang
An der Nordpagode hole ich Danyu ab, die treue sin-o-meter-Leser bereits aus früheren Blog-Einträgen kennen und die die letzten acht Monate in den USA verbracht hat. Sie hat Neuigkeiten: Ihre Oma ist im Winter gestorben, aber ihr Vater wollte sie emotional nicht belasten und sie erfährt es erst bei ihrer Rückkehr. Die zweite Neuigkeit ist: Ihre Mutter sitzt wegen Falun-Gong-Aktivitäten im Gefängnis und kann nicht besucht werden. Wir durchschreiten gemeinsam den berühmten "Park des demütigen Verwalters Wang" aus dem beginnenden 16. Jahrhundert, der einige höchst malerische Ansichten bietet, weshalb er auch proppevoll ist. Das ist dann nicht mehr so malerisch. Natürlich ist dieses Treffen nicht ohne Hintergedanken. Die umtriebige Autorin, die in Chicago wegen ungebührlichen Verhaltens von der Katholischen Theologischen Universität (CTU) geflogen ist, bereitet einen Antrag zur Gewährung fortdauernder Residenz für herausragende Künstler in den USA vor. Und ich soll dafür eines von zehn Gutachten schreiben. Ich wende ein, dass ich kein einziges Werk von ihr gelesen hätte (ihre drei Bücher sind bisher nur in Chinesisch erschienen), wie sollte ich da ein Gutachten schreiben? Sie schlägt mir zwecks Bildung eines Urteils Zeitungskritiken und Resümees vor. Als ich immer noch Einwände habe, muss ich mir (sinngemäß) anhören, alle anderen Gutachter hätten ihr die Füße geküsst, um ihr ein Gutachten schreiben zu dürfen, nur ich hätte so überzogene Ansprüche.
Auf dem Tigerhügel
Vergleichsweise spontan habe ich mich, wie schon vor einem Jahr um diese Zeit, für ein verlängertes Wochenende in Suzhou entschieden. Ich kämpfe mich heute bis zum Gipfel des Tigerhügels, dem so genannten "Nummer eins Punkt" in Suzhou, vor. In einem von einem Kanal umschlossenen Park (12 Mark Eintritt)l thront auf dem Gipfel eines kleinen Hügels, zu dem man sich wahlweise durch das umgebende Wäldchen oder durch eine Reihe von Tempelportalen begibt, eine uralte Pagode, die, dem Schiefen Turm von Pisa nicht unähnlich, schon etwas angeschäkert ist und mithin leicht Schlagseite hat, weswegen sie leider auch nicht bestiegen werden kann. Etwas nervös bin ich schon am Eingang bei der Feststellung geworden, dass mein Telefon ausgerechnet heute kein Guthaben mehr aufweist, was aus zweierlei Gründen ärgerlich ist: 1. Meine Chefin, die Leiterin der Abteilung für Deutsche Philologie, hat quasi im Moment vor der Sperrung noch eine Mitteilung geschickt, ob ich ihre E-Mail schon gelesen hätte, was ich nun natürlich nicht bestätigen kann. E-Mail und Internet sind in diesen Tagen rund um den 60. Jahrestag der "Befreiung" Tibets ein Torso: ein Ding ohne Arme und Beine. 2. Gerade hat eine - man muss schon fast sagen: alte - Freundin ihren Besuch in Suzhou angekündigt, die bipolare Künstlerin Danyu. Zum Glück lässt mich der Ewige mal wieder nicht im Stich: In der Nähe des Eingangs zum Park findet sich ein "China-Mobile"-Laden. Für fünfzig Yuan kann ich aufladen und erfahre von der Chefin, dass ich ab nächster Woche einen Kurs (Zeitungslektüre) weniger habe. Die offizielle Begründung: Die Studenten wollten den beliebten Lehrer Qin vor dessen Abreise nach Deutschland noch mal im Unterricht erleben. Hat natürlich nichts damit zu tun, dass ich letzte Woche im Unterricht "Zeitungslektüre" eine Glosse durchgenommen habe, in der sich der Autor über die Zensur in China lustig machte, und eine andere, in der die Pressebeschränkungen während der Olympischen Spiele karikiert wurden, was am Schluss der Stunde mit der Frage quittiert wurde: "Können Sie bitte mehr Rücksicht auf unsere Gefühle nehmen?", worauf ich erwiderte: "Ich fürchte, da müssen Sie durch."

Sichtlich entspannt wandere ich den Kanal entlang - schicke Brücken überall - und kann schließlich die Parkwächterin sogar davon überzeugen, mich noch ein zweites Mal wieder in den Tigerhügel-Park zu lassen, obwohl die Technik meine Eintrittskarte als entwertet ablehnt. Leicht macht sie es mir freilich nicht: Ich muss am Ende eine alibihafte Quizfrage beantworten, mit der ich beweisen soll, dass ich schon drin war. Man wird ja noch mal fünf gerade sein lassen können! Dann bin ich drin und genieße nun den Park ohne die innere Unruhe, was die Chefin gewollt haben könnte. Die Quizfrage war eigentlich Blödsinn. Wenn ich vor fünf Wochen mit meiner ungültigen Karte hier gewesen wäre, wüsste ich ja auch noch, wie es in dem Park in etwa aussieht, und einen Prospekt habe ich auch. Ich bleibe so lange in dem Park, bis ich mich plötzlich ganz allein darin befinde und am Ausgang vor verriegelten Gittern stehe. Ich muss mal wieder klettern und springen.
Es wird dunkel und ich habe die üblichen Schwierigkeiten, einen Bus zu bekommen. Zum Glück habe ich einen Stadtplan mit allen Busverbindungen gekauft. Ich wandere in südlicher Richtung und bekomme dann einen Bus an einer etwa einen Kilometer entfernten Haltestelle.
Der Europa-Tag
... ist ein bisschen schwach auf der Brust. Die gemeinsam von Goethe-Institut und Alliance Française organisierte Ausstellung “Homo Urbanus Europeanus“ des französischen Fotografen Jean-Marc Caracci mit fünfzig Schwarzweißbildern aus 31 Hauptstädten Europas hat man nach fünfzehn Minuten ausgiebig in Augenschein genommen. Die als Konzert angekündigte Jazz-Musik der Gruppe "Wayne’s Basement”, eines 2009 in Schanghai gegründeten Akustik-Trios, ist mehr so eine Art Hintergrundgeplänkel. Und dass trotz zwanzig Mark Eintritt bei meinem leicht verspäteten Eintreffen in der ehemaligen Fabrikhalle (ich hatte bis 18 Uhr Unterricht) nur noch Reste am Büfett vorzufinden waren und sich die Getränkeauswahl auf Wein und Wasser beschränkt, ist für mich Grund genug für das Fazit: "Da geh' ich nicht wieder hin!" Daran ändern auch ein paar bekannte Gesichter wie Doppelmagisterstudentin Kathi oder meine Studentin "Eva", zugleich Goethe-Praktikantin, und auch die zwei netten jungen Damen von einer Unternehmensberatung nichts, mit denen ich ins Gespräch komme, nachdem eine von ihnen mir ein Taschentuch offeriert hat, weil ich mir beim Schlemmen der kargen Reste offenkundig die Finger eingesaut habe.
Pavillon der Dämmerung
Bei ziemlich schwülen 30 Grad Celsius und mehr picknicke ich heute mit der charmanten Li Jianqing im Park auf einer der Inseln im Xuanwu-See. Anders als bei unserem letzten Besuch an gleicher Stelle (sin-o-meter berichtete) bleibe ich heute von Störungen im Magen-Darm-Trakt verschont, obwohl ich fast alle zuvor im Supermarkt erworbenen Artikel selbst essen muss. Die kleine Li, wie sie sich selbst nennt, rührt nur Joghurt und Bananen an. Das kennt man ja von den jungen Damen mit ihrem Schlankheitswahn. Außerdem wird sie nicht müde, über die Hitze zu stöhnen, wobei ich ihre sittlich zu missbilligende Verwendung des englischen f-Wortes zu rügen habe. Ich muss zuweilen doch arg an der Kinderstube der kleinen Li zweifeln.
Abends treffe ich die Studentin Liu Meng, der ich noch eine Einladung zum Essen schulde. Da die kleine Li unbedingt noch einen Blick auf den See in der Dämmerung werfen möchte, wozu wir uns zu einem verlassenen Aussichtspunkt auf der Nordseite der Insel begeben, muss ich die Pizza-Verabredung mit Liu Meng um eine Stunde verschieben, was diese aber nicht übel nimmt.
Du, die Bude ist voll!
Heute ist meine kleine Bibliothek mal richtig gut besucht. Das so genannte Exzellenz-Programm (Vorbereitung von Vorzeige-Studenten auf ein Studium in Deutschland) unter der Leitung meiner Kollegin Katharina ist auf Exkursion und besucht in diesem Rahmen auch die deutsche Leihbücherei. Die muntere Studentenschar steht, während ich am Schreibtisch mit meiner Studentin Youjin über ihre B.A.-Arbeit zum "Grenzgang" von Stephan Thome (den kennen wir doch - sin-o-meter berichtete) beratschlage, schon eine ganze Weile draußen vor der Tür in der Gegend herum und Youjin und ich fragen uns: "Wollema se reilasse?" Da stürmen sie auch schon herein, die Horden!
Zur Belohnung für meine rudimentäre Einführung darf ich abends als Ehrengast am großen Pizza-Essen im deutschen Restaurant "Swede und Kraut" teilnehmen. Ich sitze neben Schneewittchen (die kennen wir doch - sin-o-meter berichtete). Auch von Kollegin Katharina gibt es Neues: Sie hat sich im Winter einen Amerikaner geangelt (oder von ihm angeln lassen), der auch mit am Tisch sitzt. Im Sommer wird in Amerika geheiratet. Man soll ja immer das tun, wovon man am meisten überzeugt ist!
Kalt erwischt
Kalt ist es heute erst mal nicht, als ich zum x-ten Mal mit meinen besten Freunden (richtig: Büchern) auf den Zijin-Berg im Osten von Nanjing steige. Ich verbringe dort lesend den Tag. Dann wird es dunkler und dunkler und schließlich fallen Tropfen. Ich stelle mich provisorisch in einem Felsspalt unter und als die Tropfen weniger werden, entscheide ich mich für den Abstieg, was sich als grandiose Fehlzündung in der Hirnschale erweist: Als ich etwa auf Stufe 857 von 1200 bin, werde ich von einem Wolkenbruch eiskalt erwischt. Ich kann gerade noch das T-Shirt ausziehen und in die Tasche stopfen. Danach bin ich binnen Sekunden nass wie ein Pudel in'ner Wassertonne. Als ich im Tal an der Bushaltestelle ankomme, ist der Regen vorbei. Aber mit Entsetzen stelle ich fest: Sommerlügen hat es in meiner wasserdurchlässigen Tasche schwer erwischt. Der Leineneinband löst sich unter Wasserflecken auf und färbt das mit in die Tasche gestopfte weiße T-Shirt zartrosa. Zu Hause werde ich mich mit Uhu als Restaurateur zu betätigen haben wie Mo aus Tintenherz. Adam und Evelyn hat es weniger schlimm erwischt. War auch zäher zu lesen.
Ostersonntag
Ich habe wieder mal mehr Glück als Verstand und bekomme noch einen Ostergottesdienst geboten, da in der Mochou-Kirche heute ausnahmsweise nachmittags ein englischsprachiger GoDi angeboten wird. Da die beiden Reisebusse bereits um halb neun aufgebrochen sind, hätte ich es sogar fast noch in den GoDi in der internationalen Gemeinde geschafft. Ich komme aber erst zum Abbau an und nerve die mit aufräumende Lydie, die im Küsterdienst tätige Pharmazie-Studentin aus Gabun, mit meiner bereits zweiten Aufforderung, nach meinem deutsch-chinesischen Vokabelheft zu schauen, das ich hier letzte Woche liegen lassen haben muss. Dabei hat Lydie, die nachmittags im Chor in der Mochou-Kirche singen soll, doch nun wahrlich andere Dinge im Kopf. Ausnahmsweise bin ich mal überpünktlich, denn der Gottesdienst in englischer Sprache, in dem der am Theologischen Seminar Nanjing tätige deutsche Theologe Sigurd Kaiser die Predigt halten wird und der eigentlich um 14 Uhr beginnen soll, verschiebt sich um eine Stunde, weil der vorherige chinesische GoDi Überlänge hat.
Schönes Osterei
Ist das eine geplante Osterüberraschung oder fällt nur zufällig auf dieses Wochenende? Jedenfalls ist doch auch mal 'ne schöne Idee: Das "Büro der Provinz Jiangsu für Belange ausländischer Experten" lädt mich und eine Reihe anderer Lehrkräfte meiner und mindestens einer anderen Nanjinger Universität zu einer dreitägigen Reise nach Hangzhou, die Hauptstadt der Nachbarprovinz Zhejiang ein, dreieinhalbstündige Busfahrt, Verpflegung, zwei Übernachtungen im Vier-Sterne-"Holiday-Hotel" und Eintrittspreise für Theater und Bootstour über den Xihu inklusive. Ich hätte die ganze Reise problemlos auch ohne Portmonee antreten können.

Ich lerne den nach Australien ausgewanderten Juden Max alias Menahem kennen, einen jovialen älteren Herrn, dessen Eltern auf abenteuerliche Weise in der Ukraine dem Holocaust entkommen sind, Bauern hatten sie versteckt. Menahem hat eine Schwäche für die deutsche Sprache, die er als Kind gelernt hat, ehe die Familie nach Israel auswanderte, und besteht darauf, dass ich ein paar Sätze auf Deutsch mit ihm wechsle. Das Verstehen sei gut, meint er, nur beim Sprechen hapere es. Ich werfe beim Essen so ziemlich alles in die Waagschale, was ich über israelische Geschichte weiß. Und da das Leben uns ja immer irgendwie auf die Dinge vorbereitet, die uns widerfahren, lese ich zufällig gerade das Buch "Andernorts" eines jüdischen Autors, in dem ein verrückter Rabbi meint, den Messias klonen zu können. So wirke ich wohl einigermaßen informiert über Israel.
Im Bus bin ich von Briten umgeben. Gleich zwei Damen heißen Sarah, eine davon ist aber Chinesin. Als sagenhafter Höhepunkt der Reise entpuppt sich die Tanz-Show "The Romance of the Song Dynastie", in der in einem halben Dutzend Kapiteln (von der Steinzeit bis in die Zeit der Song-Dynastie) die Geschichte dieses Fleckchens Erde visualisiert wird. Das Theater befindet sich in einer Art Freilichtmuseum, über dem ein aus einem Bergmassiv gemeißelter zehn Meter hoher Buddha thront. Überall stehen kostümierte Schwertkämpfer aus der Song- und anderen Dynastien in der Gegend herum oder führen Kabinettstückchen vor. Die etwa einstündige Theatervorführung raubt uns den Atem, insbesondere wenn die ganze Sitzreihe plötzlich zur Seite geschoben wird und neben uns, an dem Ort, an dem wir gerade noch saßen, Kanonen und Kämpfer aus dem Keller emporgeschwebt kommen und es plötzlich knallt und raucht und Feuer gespuckt wird wie in der Neujahrsnacht. Kämpfer schwingen sich auf Balustraden, die eben noch nicht zu sehen waren und ein kleines Baby wird vom Helden unter Gefahr für Leib und Leben vor den Schergen einer finsteren Macht gerettet. Nicht minder spektakulär ist der Wasserfall, der plötzlich von der Decke rauscht und die Bühne in einen Teich verwandelt, über den dann die hereingeschobenen Brückenhälften führen, aber – o Schreck! – die Brückenteile treiben so schnell wieder auseinander, wie sie eben hereinrauschten und trennen die Liebenden der Song-Dynastie, um deren Geschichte es hier ja eigentlich geht. Angesichts solche Effekte geraten die meisterhaft choreografierten Tanz- und Akrobatikdarbietungen der prächtig kostümierten und geschminkten Darsteller fast zur Nebensache, obwohl sie doch für sich genommen schon für genügend Ohs und Ahs gesorgt hätten. Wenn man China noch nicht liebt (oder das Lieben wegen irgendwelcher Taxitussis, die Zebrastreifen für eine Attraktion im Zoo halten, verlernt hat), hier spätestens lernt man es.
Der Weg vom Song-Dynastie-Freilichtmuseum zum legendären Westsee (Xihu) führt durch ein paar grüne Hügel, auf denen Tee angebaut wird, und ist leider von Kraftfahrzeugen verstopft. Erst gegen Abend kommen wir zu unserer Bootstour auf dem See. Erinnerungen an 2004 werden wach. Damals führte mich eine Konferenz in die legendäre Stadt und ich sah den berühmten See zum ersten Mal. Ich flaniere nach der Bootstour mal wieder auf abseitigen Wegen. Der chinesischen der beiden Sarahs gelingt es trotzdem, mich dabei im Bild festzuhalten.

Da liegt er flach - Teil 2
Es ist eine Premiere. Ich kann mich nicht entsinnen, dass ich in China schon mal krankheitsbedingt im Unterricht ausgefallen bin. Aber nach einer durchhusteten Nacht, in der ich kein Auge zugetan habe, schicke ich im Morgengrauen eine SMS an die Vizechefin, die für die Unterrichtsplanung zuständig ist, und melde mich krank. Ich gehe vormittags zum Uni-Doc in der Hankou Lu, werde - Sicherheit geht vor - auch gleich auf Tuberkulose geröntgt und bekomme schließlich Hustensaft und Pillen. Die erste Pulle Saft ist am nächsten Morgen schon leer. Ich hätte auch alles in einem Zug trinken können - hätte wohl genausoviel geholfen. Wieder kaum geschlafen, aber noch mal Unterricht ausfallen lasse ich nicht. Erst als ich mich durchringe, auch die Antibiotika zu nehmen, kriege ich die Bronchitis-Bakterien in den Griff.
Momentaufnahme für die Ewigkeit
Da hätte ich jetzt schon wieder Amok laufen können, als ich heute auf dem Weg zu einer kleinen Wandertour bin und an der Zhujiang Lu auf Bus Nr. 6 warte. Unweit von der Haltestelle steht mitten auf einem Zebrastreifen eine Frau, Kind auf dem Arm. Und wild hupend saust ein Auto auf sie zu. Momentaufnahme aus einem irren Universum. Oder Irrenuniversum?
"All very worrying in such circumstances"
Der geschätzte Engländer Michael W., 71 Jahre jung, schreibt mir von seiner bizarren Begegnung mit dem chinesischen Rechtssystem:

Sorry to hear about your run in with the Police last month, it is certainly a worry we can find ourselves in when it comes to them or us. Some years ago now in 2006. I was cycling home around 9.00pm on a summer evening when I stopped at the traffic lights, only to be confronted with an angry young Chinese man, who I was to find out through a lady interpreter who stopped to see what was happening, for as you know a crowd soon gathers around. It was that this young man said I had knocked him off his bicycle. I had never seen him in my life before. The Lady asked if I had anyone I could call to come and assist me as the Police were being called. I called my then Wife Xiu Qin and she came from our home, about 10 minutes away. Now when she arrived I thought she would go mad at this youth and also the Police who by then had arrived. But she did not and listened to what was being said about me knocking this youth off his bicycle. It was then decided by them to take us all to the Police Station, we in the Police car and our bicycles on a Police Lorry. At that time Xiu Qin not even asked me as to what happened, which I was upset about, it was all about what this youth was saying. At the Police Station, we and by then this youths Father and Girlfriend/Wife was also there, all talking away in Chinese. I got very upset as Xiu Qing was talking to them and the Police and not me. We then, Xiu Qin and me had to take this Youth to the Hospital for treatment and X-Rays on his arm, which he said hurt him and he was to show everyone a rip in his arm of his coat. We had to pay the medical bill at the Hospital, about 500RMB I seem to remember, I was getting very upset, although Xiu Qin paid it, it was my money and I was completely innocent of knocking this Youth off his bicycle. Well back at the Police Station, the Police told Xiu Qin that we had to pay a further 2,000 RMB. Xiu Qing had to go to the Bank Teller Machine down the road and get the money out. On returning back to the Police Station, Xiu Qin giving the money to the Police, he then started distributing the money out to all the people there. Even Xiu Qin got 50 RMB, I got nothing. Father, Girlfriend and the Youth got some and the Police put some in their draw of the desk. I was furious and was saying so all the time, but Xiu Qin never said anything to me to comfort me, very strange and upsetting I thought. By then it was 1.30pm in the morning as we rode home on the bicycles. I was furious with Xiu Qin and told her so. I said that we should divorce over this matter even. We went to bed in silence. Now at that time Xiu Qin's English, having only just known her just over a year was not too good and I could not as to this very day talk or understand Chinese. Later that morning, after we had got up I had a call from Sun Li, Xiu Qin's Daughter in Shanghai and she was to explain her Mama's action at the Police Station, for Mama had called her earlier to tell her what had gone on. It would appear the Police had told Xiu Qin that if she did not pay the money then they were going to Beat me Up. So that is why Xiu Qin paid the money and showed no comfort to me at the time. ALL VERY WORRYING IN SUCH CIRCUMSTANCES. We do have to be very careful here as you and I have found out.
Da liegt er flach...
... auf einer Bank.
Er fühlt sich schwach
und alt und krank.
So könnte man meinen Zustand heute zusammenfassen. Statt energiegeladen mit Bus Nr. 2 den zweiten Touri-Höhepunkt in Wuxi, den Xihui-Park, anzusteuern, leg ich mich nieder auf einer Bank in einem kleinen Park am Kanal. Ich verbringe lesend den Rest des Tages. Am Abend bekomme ich nur noch den Spätzug um halb neun. Ich kehre nach Erwerb der Fahrkarte noch einmal in die Stadt zurück und diniere in einem schlichten Restaurant unweit der Buslinie, die mich wieder zum Bahnhof bringt. Das Risiko muss ja überschaubar bleiben.
Wuxi - Yuantouzhu
Unten schimmert der See, eine riesige, spiegelblanke Fläche. Ich bin schon wieder schweißnass. Ich sprinte den dicht bewachsenen Hügel über knirschendes Laub hinab. Atemlos komme ich unten an. Da stehe ich vor einem Wassergraben. Wo bin ich hier?

Ich habe mir mal wieder auf Umwegen Eintritt zu einem touristischen Höhepunkt verschafft und mich auf der Insel Yuantouzhu nach Unterquerung einer geschlossenen Baustellenzufahrt querfeldein über zwei Hügel in die Nähe des 2200 qkm großen Tai-Sees gepirscht. Nur dieser schmale Graben trennt mich hier unten von einer Art Park direkt am See. Ich werfe meinen Rucksack schon mal ans andere Ufer. Es wäre doch gelacht, wenn ich nicht mit einem Satz da rüberkäme. Schließlich habe ich doch früher im Weitsprung mal 5,15 m geschafft! Ich nehme kurz Anlauf und lande mit einem Fuß im Schlamm und mit dem andern im Wasser. Ein Blick aufs Hemd zeigt: Ich habe mich total mit Wasser und Schlamm bespritzt. Das ist ungünstig, es zieht nämlich sowieso gerade eine Erkältung heran. Ich ziehe das Hemd aus und den Pullover aus dem Rucksack über. Wenigstens trocken. Ich weiß nicht genau, was das hier ist, aber ich sehe rasch, dass der kleine Graben ein paar Meter weiter links in einer Sackgasse endet. Dort hätte ich also trockenenen Fußes den Park betreten können.
Ein malerischer Blick auf den endlosen See vor mir, auf dem der Fischer und seine Frau im Sonnenuntergang in ihrer kleinen Barke über das Wasser gleiten, entschädigt mich für die feuchte Landung auf diesem irgendwie nach Privatgrundstück aussehenden, menschenleeren Gelände, das hervorragend gepflegt ist. Ein Geistersanatorium? In der Mitte gibt es einen Fischteich samt Pavillon und kleinen Brücken. Schließlich begegne ich doch ein paar Leuten, als ich die Uferpromenade entlangwandere. Hangaufwärts befindet sich ein großes, weißes Gebäude und ich erkenne: Das ist ein Erholungsheim für Parteikader der Provinz Jiangsu. Nur braucht von denen anscheinend derzeit keiner Erholung.
Ich folge einer asphaltierten Straße und lande schließlich auf einer Art touristischem Pilgerweg, der bergab der Küste folgt und gelegentlich Abstiege ans felsige Seeufer erlaubt. Ich komme vorbei an der "72-Gipfel-Villa" und dem Guangfu-Tempel. In einem einsamen Antik-Restaurant mit Seeblick, etwas weiter unterhalb, störe ich eine Gesellschaft, die auf dem Balkon feiert, nur kurz. Ich schau mal oben nach, da ist der Blick noch besser, aber alle Tische sind verwaist. Und auch ich kann nicht bleiben, um die Sicht auf die Drei-Hügel-Inseln mit dem Leuchtturm zu genießen. Auch hier am Ufer gibt es einen Leuchtturm. Ich passiere ihn, als es schon dunkelt, und erreiche ein künstliches Dorf mit Brücken und einem ausrangierten Schoner, dazwischen blühen überall die Kirschen und Pflaumen. Ein Traum in Weiß! Aber ich sehe nur noch die Kontraste.
Ich komme zum Ausgang. Hier sammelt ein Gratis-Touri-Bus die letzten Versprengten ein. Nach einigem Warten nimmt er uns alle mit zum Hauptportal. Dort sehe ich aber keinen Bus und entscheide mich, zu Fuß bis zur Brücke zu wandern, über die ich am frühen Nachmittag, Bus Nr. 1 vom Bahnhof und einen gewaltigen Stau hinter mir lassend, auf die Insel gelangt bin. Kurz vor der Brücke ist eine Haltestelle, doch hier fährt der Bus mit der richtigen Nummer einfach an mir und einem Pärchen vorbei. Auf dem Weg zur Bushaltestelle hinter der Brücke, also jenseits der Insel, überholt noch einmal der richtige Bus, aber nachdem ich kurz darauf die nächste Haltestelle erreicht habe, kommt keiner mehr, war ja klar. Nachdem ich eine halbe Stunde im Dunkeln gewartet habe, entschließe ich mich an der Hauptstraße auf einen anderen Bus zu warten. Schließlich bekomme ich einen, der nach eigener Auskunft ins Zentrum fährt. Zum Glück gibt es in Wuxi zwei nagelneue, bereits fertiggestellte und ziemlich auffällige Betonkolosse, zwischen denen irgendwo mein Hotel steht. Diese Orientierungspunkte helfen mir schließlich, zu einem Zeitpunkt, da alle Straßen grau sind, wieder ins Bett zu finden. Vorher hole ich mir allerdings im Supermarkt gegenüber einen Doppelpack im Sonderangebot: eine Flasche Cola mit einer Flasche Orangensaft. Die Cola leere ich noch auf der Straße zur Hälfte. War doch irgendwie warm heute.
Kein Zinn, aber Stahl und Beton
Wuxi, wörtlich übersetzt heißt das so viel wie "kein Zinn". Und tatsächlich mögen die Zinn-Reserven hier in der Mine von Wuxi ja vor etlichen Generationen (exakter gesagt: anno 220 v. Chr., am Ende der Han-Dynastie) zur Neige gegangen sein, dafür dominieren jetzt Stahl und Beton. Irgendwie habe ich heute am Bahnhof - ich brauchte mal einen Tapetenwechsel - die falsche Abzweigung genommen und lande zwischen monströsen Stahlbetongerippen. Links von mir reiht sich ein Hochhausbau an den anderen. Ich wandere weiter, wie immer nur von wenig Gepäck belastet, stoße im Schatten einer Autobrücke auf einen von Chinesen umlagerten Tisch im Freien. Hier werden muntere Wettspielchen veranstaltet. Ein Mann dreht zwei Münzen und man kann auf Kopf oder Zahl wetten. Bei zwei gleichen gewinnt man, wenn ich das richtig kapiert habe. Einer der Männer bietet mir eine Zigarette an, als ich zu lange herumstarre. Man muss auch mal nein sagen können... Leider fahren in diesem Gewerbegebiet keine Busse. An einer Hauptstraße steige ich dann einfach in den nächsten Bus ein, der Richtung Zentrum zu fahren scheint. Er fährt durch eine Straße, in der sämtliche Fassaden im alten, kolonialen Stil ausgehöhlt worden oder kurz vorm Abriss sind: alles Baustelle! Später scheitere ich dreimal auf der Suche nach einem bezahlbaren Hotel und nehme schließlich ein für meine Verhältnisse eher unbezahlbares. Wegen des verlängerten Wochenendes (Dienstag ist chinesisches Allerheiligen, Montag Brückentag) ist mal wieder alles auf Achse und ich lande also im "Holiday Hotel" für fast 300 Yuan die Nacht. Man gönnt sich ja sonst nichts.
Didi Ocean
Wenn ein Student in meiner Bibliothek ein Buch ausleihen will, muss er eine Kaution von 100 Yuan hinterlegen, die er beim Abschluss des Studiums, vorausgesetzt, alle Bücher sind heil und gesund wieder in die Regale zurückgekehrt, zurückfordern kann. Meist wird das aber vergessen. So hat sich im Laufe der Jahre auf dem dazugehörigen Konto eine stattliche Summe angesammelt und ich habe mich schon manches Mal gefragte, in was man denn diese Stange Geld investieren könnte. Neue Bücher? Kommen aus Deutschland. Neue Lampen? Kommen von der Uni. Nun, man kann wohl sagen: Nachdem ich von der hiesigen Polizeibehörde in einem so genannten Vermittlungsgespräch dazu verdonnert wurde, 9000 Yuan an eine durchgedrehte Verkehrssünderin zu entrichten, der ich mal anständig den Marsch geblasen habe, ist das Problem, wie dieses Geld möglichst schnell verplempert werden kann, aus der Welt. Diese rein chinesische Angelegenheit, die auf dem chinesischen Weg gelöst wurde, wird selbstverständlich auch mit rein chinesischem Geld geregelt. Und weder ich noch meine Krankenkasse müssen einen Pfennig zubezahlen. In die Buchführung kommt der Vermerk: Sonderausgabe. Die Sache ist nur: Ich hatte irgendwann 2009 mal die glorreiche Idee, die Geheimzahl der Bankkarte, die zu besagtem Kautionskonto gehört, der von meiner privaten Bankkarte anzugleichen. Diese Änderung habe ich leider bei der nächsten Abhebung nicht mehr im Kopf gehabt und stur dreimal, mit leichter Variation, die alte eingegeben, woraufhin die Karte selbstverständlich gesperrt war. Ich gehe also zum Bankschalter und erkläre, dass es ein Problem mit der Geheimzahl gebe. Die Bankangestellte schaut mich irritiert an und ich komme mir vor wie Danny Ocean bei einem seiner hochstaplerischen Coups oder wie Peter Voss, der Millionendieb. Oder vielleicht auch einfach nur wie Michel aus Lönneberga?
Das Konto wurde 2002 von einer chinesischen Kollegin eröffnet, der ich offensichtlich überhaupt nicht ähnlich sehe. Das sei so eine Art Firmenkonto, erläutere ich. Die neue Geheimzahl geht schon mal nicht, dann gebe ich also die alte ein. Ich tippe anscheinend aber immer zu langsam. Jedesmal wird der Code abgelehnt. Inzwischen ist eine Kollegin aufgetaucht. Auch ein freundlicher Herr versucht mir beim Eintippen behilflich zu sein. Da die Geheimzahlen nun sowieso nicht mehr geheim sind, schreibe ich der Schalterdame schließlich die beiden PI-Nummern auf, damit sie mir auch glaubt, dass ich die Geheimzahl wirklich kenne, und am Ende klappt es dann doch: Bargeld lacht! Mit diesem deutschen und von mir leitmotivisch verwendeten Originalzitat überreiche ich dann bei der Polizei die zweite Rate über 6000 Yuan. Wieder strahlt die Taxi-Tussi mit der Rübe auf der Oberlippe über beide Backen. Am Ausgang sage ich zu Li und Chang: "Noch so'ne Aktion wie heute und ich sitz' im nächsten Flieger nach Deutschland!" Da verschlägt's ihnen glatt die Sprache.
[sin-o-meter-Leser aufgepasst: neuer Eintrag auch am 13. März!]
Ich wollte doch einfach nur über die Straße
Es fängt genauso an und wird doch ganz anders als vor zwei Wochen. Wieder begleiten mich Li und Chang zur Polizeistation. Diesmal mit dabei ist auch ein Herr vom Sicherheitsdienst der Universität. Dass dessen Jungs tatenlos zusahen und nicht auf die Taxi-Tussi los sind, um mich von ihr zu befreien, nachdem sie mir schon auf Uni-Gelände gefolgt war, lässt nicht gerade auf den nötigen Beistand hoffen. Das stählerne Rollltor geht für uns auf. Wir betreten den Innenhof des weißen, zweistöckigen Gebäudes. Am Eingang steht die Taxi-Tante, die ich erst auf den zweiten Blick erkenne. Sie trägt ein schwarzes Kostüm, die gräulichen Haare mit Rot-Einschlag sind hochtoupiert und sie hat auch gleich die ganze Familie mitgebracht. Wir drängeln uns in das geräumige Büro im Erdgeschoss. Der freundliche Herr Joni ist nicht zu sehen, der junge Nachwuchsbeamte Wang hat übernommen.
Es beginnt damit, dass der schlanke, ältere Herr, der sich als Vater der Taxi-Tussi erweist, mir einen Nackenschlag verpasst, nachdem er erfahren hat, dass ich der ausländische Teufel bin. Der (also der Schlag) ist allerdings harmlos und wohl nur als Provokation gedacht. Wir setzen uns. Ich nehme Platz auf einem Stuhl zwischen zwei Schreibtischen mit Computern, vor mir, vornehm gekleidet übrigens wie ein Anwalt, Kollege Chang. Und nun beginnt das unwürdigste Prozedere, das ich je miterlebt habe: Ungefähr eine halbe Stunde lang geht eine wüste Schimpfkanonade auf mich nieder. Jeder ist mal dran: Papa, Ehemann, ein Bruder ist, glaube ich, auch dabei, der schießt auch für alle Fälle mal ein Foto fürs Internet von mir. Chang sitzt vor mir und übersetzt kein Wort. Ich verstehe nur "keine Moral". Chang erläutert einsilbig, das gehöre zum Standardrepertoire, die seien noch "ziemlich aufgeregt" und müssten sich erst mal austoben. Seitens der Polizei sind in der Tat auch keine Bemühungen zu erkennen, das große Schlammschmeißen einzudämmen. Die Beamten tun so, als wären sie gar nicht da. Meine Bitte, noch mal die Videoaufzeichnung anzuschauen: verhallt im Nichts. Ich sitze schweigend im Hintergrund und habe mir den SPIEGEL rausgeholt. Gab es da nicht gerade irgendwo einen Artikel über Polizeiaktionen gegen Demonstranten in Peking? Ich lese dann doch lieber was über Japan. Katastrophenstimmung nach dem Fukushima-GAU – das passt.
Um es kurz zu machen: Zwar schimpft sich diese ganze Aktion Vermittlungsgespräch, aber was immer ich an Einlassungen vorzubringen habe und ja auch beim letzten Termin zu Protokoll gegeben habe, also meine Sicht der Dinge spielt hier und heute und auch sonst nirgends eine Rolle: Für Verkehrsdelikte sei man nicht zuständig, hier gehe es nur um meine Gewaltanwendung, im Hinblick auf welche die Polizei zu dem Ergebnis gekommen sei, dass ich allein verantwortlich bin. Die Taxi-Tussi beklagt zwei Tage Arbeitsausfall. Die Taximiete pro Tag betrage 3000 Yuan, die habe sie natürlich auch an besagten zwei Tagen entrichten müssen. Hinzu kommen Krankenhauskosten: 3000 Yuan. Dafür soll ich aufkommen. Ich sage zu Chang: "Über die Krankenhauskosten kann man ja reden, aber dass sie zwei Tage lang kein Auto gefahren ist, war für ihren Fahrstil eine ziemlich angemessene Strafe. Damit habe ich der Stadt doch einen Riesendienst erwiesen. Zwei Tage sicherere Straßen Nanjing. Naja", füge ich hinzu, "musst du jetzt nicht wörtlich übersetzen!" Chang findet wieder diplomatische Worte, erreicht aber nichts: Das Verkehrsdelikt werde hier ja nicht verhandelt. Ja, ja, verstehe ich. Das Fazit lautet: Entweder ich erkläre mich bereit, die Summe von 9000 Yuan plus eventueller Zusatzkosten – schließlich leide die Taxi-Tante immer noch unter Beschwerden... "Beschwerden?", wende ich auf Deutsch ein, "guck sie dir doch an, die Frau ist kerngesund!" – entweder ich erkläre mich also bereit, die Summe zu zahlen, oder ich muss vor Gericht, das Ergebnis wäre gleich, nur ich müsste dann ein paar Tage ins Gefängnis. "Ja, super", sage ich, "gehe ich ins Gefängnis!" Und danach aber die Summe trotzdem zahlen. "Dann natürlich nicht ins Gefängnis!" Und so heißt es also am Ende: Bargeld lacht.
Was heitert sich auf einmal die Gemütslage auf bei der Taxi-Tussi und ihren zeternden Angehörigen, ein entspanntes Lächeln schleicht sich in so manches Gesicht. Und sogar die Warze auf der Oberlippe der Taxi-Tante, will mir scheinen, leuchtet plötzlich in einem viel satteren Braun, als ich die Polizeierklärung zur Entschädigung unterzeichne und mit dem schon bekannten roten Daumenabdruck besiegele. Natürlich muss das Geld auch jetzt direkt fließen. Überweisungen scheiden völlig aus. Bargeld lacht! Durch die so getroffene "gütliche Einigung" bleibe mir die weitere strafrechtliche Verfolgung mit drohendem Gefängnis erspart, werde ich belehrt, und die Polizei, die die erste Rate von 3000 Yuan, nachdem ich und Chang schnell rüber zum Geldautomaten geeilt sind, vor meinen Augen gleich an das vermeintliche Opfer weiterreicht, versichert, dass ich über alle real angefallenen und nunmehr von mir beglichenen Kosten Belege bekommen werde. Auf die bin ich schon gespannt! Angeblich hat sich die Tante ja durch meinen Schlag an den Hals eine Gehirnerschütterung zugezogen. Die einzige Erschütterung, die ich hier weit und breit registriere, ist allerdings die bei mir über das, was hier abgeht!
Am Ausgang habe ich dann sogar noch einen freundlichen Wink übrig für die Tussi und ihre Familie. Entspannung allenthalben. Vor dem eisernen Rolltor verabschiede ich mich auch von meinem dreiköpfigen Begleitpersonal und gehe gleich weiter Richtung Bibelkreis. Unterwegs kann ich mich etwas abreagieren – natürlich ohne irgendwo gegenzutreten. Denn auch wenn für mich längst klar ist, dass ich am Ende keinen roten Mao aus eigener Tasche bezahlen werde, bin ich doch stocksauer über die Art und Weise, wie ich hier vorgeführt worden bin.
Und woher wird nun das Geld kommen? Als CDU-Stammwähler verfüge auch ich natürlich über eine "schwarze Kasse". Mir muss nur die Geheimzahl wieder einfallen.
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