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Yanglius Abschied
Prüfungen erst morgen wieder. Ich liege noch mit laufender KlimAAnlage in der Koje, da hat Yangliu (sin-o-meter berichtete) schon zweimal angerufen. Sie tut es auch noch ein drittes Mal, nachdem ich mein Telefon laut geschaltet habe. Grund: Heute seien ihre Eltern da, um sie abzuholen. Sie laden mich als alten Freund der Familie zum Essen ins "Babela's" um die Ecke ein. Wer kann dazu schon nein sagen!?
Ihre Mama hat 'ne neue Frisur, die ich, aufmerksam wie immer, natürlich sofort bemerke (sie ist auch erst einen Tag alt). Ihr Papa schüttelt meine Hand und ich sehe den halbierten Zeigefinger, der bei meinem Besuch 2009 noch bandagiert war. Als wir in den Fahrstuhl steigen, merke ich endlich, dass der junge Mann, der sich immer in vornehmer Distanz zu uns gehalten hat, auch dazugehört. Es ist Yanglius Freund (auf dem Foto sieht man sie mit seinem Vorgänger). Ganz nett, wie ich finde. Er taut beim Essen auch noch etwas auf. Studiert Jura und macht ein Praktikum. Geld ist knapp. Leider wohnt er nicht so ganz in der Nähe ihrer Heimatstadt, in die sie heute erst mal zurückzieht, aber mal sehen...
"The Kids Are All Right"
Heute haben meine sechs Magister-Studentinnen Prüfung (darunter auch die zarte Yijie, siehe unten). In diesem Kurs gibt es nur As und Bs. So talentierte Studenten möchte man als Lehrer immer haben. Als Dankeschön für die sorgsam ausgearbeiteten Referate, die sogar meine immer überzogenen Erwartungen erfüllen, gibt es eine Einladung in die "Green Cuisine", ein vegetarisches Restaurant, in dem ich nicht zum ersten Mal mit Studenten zu Gast bin. Am Südausgang treffe ich mich im Anschluss an die Prüfung um halb 7 mit Yixuan, Wu Fei und Yijie, während Yinyin und die anderen beiden gerade im Bus an uns vorbeifahren. Yixuan hat sie gesehen! Sie waren am Nordende der Uni eingestiegen. Natürlich zeigt sich nach dem langen Warten am Busstand und danach im Bus, dass ich wieder mal Recht hatte: Mit der U-Bahn wären wir schneller gewesen...
Am Ende lassen sie es sich fast zu gut gehen. Yijie legt mir ein leckeres Bällchen nach dem anderen auf den Teller: "Was da genau drin ist weiß ich auch nicht, aber lecker, oder?" Die hochbegabte Yinyin will mir in der guten Laune des Abends einen Bären aufbinden: Sie sei ein philippinisches Waisenkind, adoptiert von zwei Frauen. Haha, sage ich, wohl zu viele amerikanische Filme gesehen. Das sei ja genau wie in dem Film "The Kids Are All Right", den ich übrigens NICHT empfehlen kann. Später wird sie schreiben: "Bitte nicht ernst nehmen. Ich war wohl besoffen!" Nur: In der "Green Cuisine" gibt es gar keinen Alkohol. Die dortigen Muultrecker sind Essigsäfte!
Während die anderen feiern...
..., nämlich das 25-jährige Abi-Jubiläum, feiern wir auch, d.h. Karl (siehe Eintrag vom 8. Juni) und ich, immerhin zusammen rund 4 % des Jahrgangs. Zwar handelt es sich eigentlich um ein Sommerfest aus Anlass des Abschieds der Familie von Bodelschwingh aus Nanjing nach immerhin drei Jahren, aber Karl und ich genehmigen uns desungeachtet einen Muultrecker auf "Abi '86". Außerdem macht der Sommer heute Pause, denn eine Kaltfront mit Regen hat die Temperatur auf für Nanjing im Juni sagenhafte 18-20 Grad sacken lassen. Als ich Karls Freund und früherem Kollegen Michael (sin-o-meter berichtete), der zusammen mit Gattin Linda ebenfalls zu den Gästen gehört, von meiner Unbill mit der Taxi-Tussi berichte, erklärt der sich spontan bereit, mir mit Rat und Tat zur Seite zu stehen: "Kopier das mal alles und gib es mir Montag. Ich habe einflussreiche Freunde." Nachdem Martin aus Simbabwe mir gestern bereits den Vorschlag einer siebenwöchigen Gebetskette ("to step on the devil's head") unterbreitet hat, dürfte es nun allmählich aufwärts gehen für mich in diesem desaströsen Drama.
Im späteren Verlauf des Abends gerate ich zwischen die Fronten von Karls Schwager Christian, der in Peking als Korrespondent der F.A.Z. tätig ist, und einer reichlich angeschäkerten blonden Deutschen mittleren Alters und Bildungsgrades, die plötzlich neben mir, ihm gegenüber sitzt und uns ein Gespräch aufzwingt. Dabei zieht sie eine Fluppe nach der anderen durch und wenn sie China erwähnt sagt sie "Scheina", als gäbe erst das ihr das Recht als Ausländerin ernst genommen zu werden. Dabei ist sie doch hier unter Deutschen. Scheina also, das Land sei ja viel besser, als die notorisch negativen Journalisten immer schrieben. So habe in einer Firma in Chongqing einst eine Schwangere, die in Wahrheit gar nicht schwanger gewesen sei, für einen Skandal gesorgt und der "Spiegel" sei voll drauf reingefallen. Ich gebe zu bedenken, dass der "Spiegel" eigentlich immer recht gut recherchiere und sich gründlich absichere. Christian geht dagegen eher undiplomatisch auf sie los und berichtet von brutalen Rechtsverletzungen, etwa beim Staudammbau. Die Frauen ausländischer Experten würden so was natürlich nicht zu sehen bekommen. Aber Journalisten hätten dorthin zu gehen, wo das offizielle China die Ausländer nicht so gern habe. Schon sind wir bei der Grundsatzfrage, ob China reif sei für die Demokratie. "Nein", schließt das die Dame kategorisch aus, die Diktatur sei gut für Scheina. Scheina sei ein Riesenreich, das keine Demokratie vertrage. Wenig später sind wir bei Hitler, der dann ja auch gut für Deutschland gewesen sein müsste. "Und überhaupt", meint Christian, "vielleicht solltest du etwas weniger trinken." Ich versuche bei der Hitler-Sache noch mal kurz zu vermitteln und bekomme als Lohn die volle Breitseite, noch ehe ich meinen Satz zu Ende gesprochen habe: Ha, Hitler sei ja ein Gegenbeispiel für Demokratie, da die Deutschen ihn selbst gewählt hätten. Schließlich wird es für die Dame auch Zeit, sich irgendwo noch was zu trinken zu besorgen. Kurz darauf muss auch ich gehen, um die U-Bahn noch zu erwischen, die zwanzig Minuten Fußmarsch entfernt verläuft.
Ich schaffe die U-Bahn, muss aber in Minggugong noch mal aussteigen, weil ich Danyu versprochen habe, ihr unverzüglich die Tasche auszuhändigen, die ich aus Versehen mitgenommen habe, als wir am Abend von der Uni aus mit dem Bus in die gleiche Richtung gefahren sind. Eigentlich wollte sie mich mal wieder in eine Kun-Oper einladen (siehe Eintrag Skandal im Sitzbezirk). Ich fand die Idee gut, hatte mir Karl doch am Mittwoch auch schon davon vorgeschwärmt. Letzte Woche standen wir bereits einmal vor dem Gebäude. Doch Danyu, deren Divenhaftigkeit nur noch von ihrem katastrophalen Organisationsvermögen übertroffen wird, hatte sich nicht mal informiert, ob und wann Vorstellung war. An dem Abend gar nicht. Als ich mich am Nachmittag am Computer über die historische letzte "Wetten dass..?"-Sendung mit Thomas Gottschalk informierte, auf dem Bild der beliebte Moderator mit Hunziker, Klum undsoweiter, fragte sie mich, ob ich das sei. Ich nutze natürlich die Gelegenheit und erwidere: "Klar, sieht man doch, dass ich das bin..." Ich hätte doch früher mal eine Fernsehsendung gehabt, in der ich gelegentlich mit Filmstars in Berührung gekommen sei. Immerhin ist dieser Teil der Erläuterungen wahrheitsgemäß. Und Danyu, die selbst kurz davor ist, einen Vertrag mit der lokalen TV-Station zu schließen - als Moderatorin oder Schauspielerin -, wundert sich nicht weiter. Nur die schönen Frauen um Gottschalk herum machen sie nervös... "Always so many girls around you!", moniert sie. "Nur beruflich", erkläre ich. Langer Rede kurzer Sinn: Hätte sie auf ihre Diva-Allüren verzichtet und mich später auf dem Weg zum Bus nicht gebeten, ihre blöde Tasche zu tragen, damit sie ihr Dessert essen konnte, wäre ich auch sicher heute Abend nicht mit ihrer Tasche ausgestiegen.
Jetzt steht sie erleichtert, aber auch noch etwas zerknittert wegen der zehn unbeantworteten SMS auf meinem auf Stumm geschalteten Telefon auf der anderen Seite der elektronischen Fahrkartenkontrolle, um ihre Tasche mit dem neuen "Ei-Phone", Geschenk von Papa, das sie sich sowieso bald klauen lassen wird, in Empfang zu nehmen. Auf die Minute genau. Denn ich muss sofort wieder nach unten. Die U-Bahn, die jetzt kommt, ist nämlich definitiv die letzte heute.

Hängt ohne Tasche ganz schön durch: Hysterikern Danyu
Das Pfingstwunder
Sie sehen nicht so aus, als könnten wir sie schlagen: große Kerls, die mit ihren einheitlich rot-weißen Trikots wirken wie eine eingespielte Mannschaft. Dagegen wir: eine bunt zusammengewürfelte Truppe aus fast so vielen Nationen wie von unserer Mannschaft Spieler auf dem Kunstrasen stehen. Unser Torwart sieht aus wie Bob Marley, unser Mittelfeldregisseur heißt Kennedy, hielt heute die Predigt und ist weit von der Idealfigur eines Fußballers entfernt. Die meisten sind Afrikaner, der 22-jährige Kanadier Ben und ich die einzigen Weißen in dem wilden Haufen der Nanjinger internationalen Gemeinde (NICF), die das Fußballfeld eigentlich für das alljährliche Abschiedspicknick gebucht hat, bei dem traditionell diejenigen Gottesdienstbesucher und Mitarbeiter mit Gebet und Gesang verabschiedet werden, die die Stadt (und meist auch das Land) im Sommer verlassen werden. Aber die durchtrainiert wirkenden Chinesen in den rot-weißen Trikots, die den Platz am Olympiazentrum (wo 2014 die Jugend-Olympiade stattfindet) ab vier Uhr haben, haben hinter unserem Rücken mit dem Ball am Fuß bereits das Feld übernommen; da hält es die Fußballverrückten unter uns nicht mehr an den Picknickkörben. Rasch ist ein halbstündiges Freundschaftsspiel ausgemacht. Und da spazieren sie auch schon, keine fünf Minuten sind gespielt, durch unseren Strafraum. Den Freistoß, der zum tödlichen Pass wird, habe ich an der Außenlinie verschuldet. Bob Marley im Tor kann nur noch zusehen, wie das 0:1 fällt. Die Euphorie währt nicht lang: In der Abwehr tun sich auch bei den langen Kerls Löcher auf. Vielleicht traut sich auch keiner dem in Ermangelung von Fußballschuhen barfuß spielenden Dribbelkünstler aus Malawi oder Ghana auf die Füße zu treten, der da im Sturmzentrum wirbelt. Er kommt zum Schuss: Ausgleich. Wenig später kann der Torwart der Chinesen einen Distanzschuss nicht festhalten. Der Ball trudelt vor meine Füße, ich muss nur noch in Gomez-Manier abstauben und bin froh, dass ich den Ball nicht über die Latte gehauen habe: Jubel über das 2:1. Nun verlieren die Chinesen völlig die Übersicht, agieren im Sturm harmlos wie Arminia Bielefeld, während die Afrikaner Samba tanzen zum 3:1. Und Ben, frisch gebackener Vater einer Tochter, gelingt Minuten vor Schluss sogar noch ein Wembley-Tor aus der Distanz. Endstand 3:1 oder 4:1 - es spielt keine Rolle. Wir staunen nur über dieses kleine Pfingstwunder, freuen uns und leeren Wasserflaschen im Akkord. Afrika steht im Fußball eben doch eine ganze Ecke vor den Chinesen. Gastfreundlich, wie Chinesen so sind, verbrüdern sie sich nach dem Spiel anerkennend mit uns. Beim obligatorischen Fototermin dienen sie uns als Fotografen. Einige wechseln auch mal schnell die Seite und kommen mit aufs Bild.
Die von mir beigesteuerte Wassermelone hat das Picknick unterdessen unbeschadet überstanden: Niemand hat sich getraut, sie aufzuschneiden. Ich schenke sie Bens dreiköpfiger Familie, die mit mir gemeinsam mit der U-Bahn nach Hause fährt.
Cruise Missile
Langsam wird die Zeit knapp für Karl, denn seine drei Jahre an der Spitze von Bosch-Siemens-Haushaltsgeräte in Anhui neigen sich dem Ende zu. Wir haben daher beschlossen, uns vor der großen Abschiedsparty noch mal zu treffen. Karl hat ein mexikanisches Restaurant mit Klinik-unter-Palmen-Flair ausgewählt. Wir sitzen also draußen unter Palmen und essen Enchilladas. Ich erzähle von der 30.000-Yuan-Frage und Karl wetzt bereits die Messer, um mit Hilfe eines Anwalts Druck zu machen. Am Nebentisch wird es unterdessen immer lauter. Drei befreundete Chinesen sitzen dort um ein durchsichtiges Bierfass herum, das die Gestalt einer Cruise-Missile-Mittelstreckenrakete hat und offenkundig auch genau demselben Zweck dient, nämlich möglichst viele Menschen in möglichst kurzer Zeit außer Gefecht zu setzen. Als ich bereits im Aufbruch begriffen bin, verbrüdert sich Karl kurz entschlossen mit der Horde. Der auf der uns zugewandten Seite sitzende, etwa vierzig Jahre alte Herr erweist sich als Anwalt. Wer weiß, vielleicht heuert Karl den nach ein paar Bier noch für mich an! Der Tisch ist klebrig-feucht; das ist kein Wunder, denn beim Zapfen geht jedes Mal die Hälfte am Glas vorbei. Oder die Gläser sind so randvoll gefüllt, dass sie unmöglich unfallfrei am Munde anlangen können. Karl stimmt in den fröhlichen Zapf-mich-oder-ich-fress-dich-Reigen ein, der Rhythmus, wo man immer mit muss. Also bleibe ich noch etwas. Plötzlich ist einer der drei Freunde verschwunden. Als er torkelnd wieder auftaucht, strandet er erst mal bei den zwei Damen am Nebentisch, um ihnen einen auszugeben. Er hatte ja auch zuvor schon überdeutlich bekundet, dass eine von denen ihm gefalle. Sicher haben die beiden Chinesinnen genau von diesem Moment den ganzen Tag geträumt!
Inzwischen besteht die Cruise Missile nur noch aus durchsichtigem Glas. Ich denke, nun ist bald Schluss hier. Karl hat bereits einen Anruf von Charlotte bekommen. Ja, er sei quasi im Aufbruch befindlich. Ungünstig nur, dass jetzt gerade - ich traue kaum meinen Augen - noch einmal nachgerüstet wird und die zweite Bierrakete mitten auf dem Tisch andockt. Das ist für mich das richtige Signal. Da ich kein Bier trinke, bin ich in der Runde ohnehin so etwas wie der Spielverderber von der Friedensbewegung, eine Rolle, die mir so wenig behagt, dass ich schließlich nach mehrfacher Ankündigung aufbreche. Es ist schon nach elf. Ich werde vielsilbig verabschiedet. Doch am Ausgang bleibe ich bei meinen beiden blonden deutschen Kolleginnen Kathi und Kathi hängen, die die Cruise Missile schon eine Weile aus kritischer Distanz beäugt haben. Nicht, dass da noch was in die Luft fliegt!
Liebeskummer
Heute ist ein landesweiter Feiertag: das Drachenbootfest. Ich sitze nach einem heftigen Regen, der die Luft abgekühlt hat, mit meiner derzeitigen Lektüre am Hanzhong-Tor auf einer Bank - immer auf der Hut vor Mücken. Da, wo ich eben saß, hat mich eine allzu lautstark auftretende Rentnertruppe vertrieben. Hier nun steht schon eine ganze Zeit ein langer, sportlich wirkender Student in knallblauer Trainingsjacke ziellos in der Gegend herum. Schließlich setzt er sich neben mich und beginnt eine Unterhaltung. "I am sad today!", bekennt er mit belegter Stimme. "I just broke up with my girl-friend." Ich erspare ihm die Nachfrage, ob nicht vielleicht eher die Freundin mit ihm Schluss gemacht habe, so wie er die Sache aufnimmt. Denn ich weiß natürlich genau, wie der arme Junge sich fühlt. Schließlich kenne ich die Situation ja aus einer ganzen Reihe amerikanischer Fernsehserien und zeige mich gewappnet mit Ratschlägen auf dem Niveau von: "Alles ist schwer, ehe es leichter wird" oder: "Am Anfang ist es schwer, nach ein paar Wochen wird es besser". Er bedankt sich, als hätte er soeben Rat von einem weisen Shaolin-Mönch eingeholt, und setzt seinen Weg durch den grauen Tag fort. Schließlich vertreiben mich auf dem Pflaster vor mir Fußball spielende Kinder, deren Zielgenauigkeit zu wünschen übrig lässt. Alles ist schwer, ehe es leichter wird!
Matchball in der Metro

Es ist so eine Art Vogelschießen auf Großstadtniveau, das sich heute, am Sonnabend vor dem Drachenbootfest, rund um den Mochou-See ereignet: überall Stände, an denen man Getränke und Naschwerk erstehen kann, und ein Wettbewerb, bei dem natürlich keine Vögel und auch keine Tontauben geschossen werden, sondern bei dem das schnellste Boot gewinnt. Je drei Schiffe starten gegeneinander. Cathy hat mich zu diesem Spektakel überredet. Sie selbst ist mit einigen Freunden aus der deutsch-chinesischen Firma BSH (Bosch-Siemens-Haushaltsgeräte, Karls Firma) gekommen. Wir stehen am Westufer auf einer schwimmenden Plattform, die sich unter der Last der Zuschauer zeitweise bedenklich in den See senkt. Leider ist das Wetter ziemlich regnerisch und da ich für den Nachmittag von meinem Tennis-Kumpel Peter per SMS zu einer ominösen Tennis-Party ("You will cook for yourself!") anlässlich des Finales von Roland-Garros geladen bin, verlasse ich frühzeitig das sinkende Schiff, will sagen: bekomme gar nicht mehr mit, wie die Ruder-Mannschaft von BSH im Halbfinale ausscheidet, was Cathy mir aber flugs per SMS nachreicht. Auch BASF hat es nicht gepackt. Schlechter Tag für Deutschland. Guter Tag für China.
Peters Party ist von ganz eigener Art: Erst mal muss ich einem Chinesen an der U-Bahnstation mein Telefon in die Hand drücken, damit der mir auf Peters Instruktion hin die Richtung zeigen kann. Peter holt mich dann nach einem schweißtreibenden Fußmarsch an der Kreuzung Weigang ab. Danach hängen wir, ein halbes Dutzend Freunde und Kollegen, Kleinkram knabbernd am Stubentisch herum. Ein Amerikaner, den ich aus der Kirche kenne, muss wie zuvor ich mühsam per Telefonfernsteuerung ans Ziel gelotst werden. Dann gibt es eine Runde Frisbee im Park (mir zu heiß, ich schaue zu). Schließlich müssen die Gäste die Sachen für den Verzehr erst mal selber aus dem Supermarkt holen und selbst bezahlen, ehe sie sie dann selbst zubereiten. Ich verspreche Spaghetti. Da es die im SUGUO nicht gibt, weiche ich auf Hamburger aus. Dabei liegt der Kikoku (Kinder-Kochkurs mit Birte), zu dem mich Tante Anneliese in den Sommerferien 1981 oder 1982 überredet hat, so lange zurück, dass ich nur mit Mühe erinnere, wie die gehen. Aber irgendwie wird aus dem Kilo Hack, zwei Eiern und einer Zwiebel, die ich zwei Brillenträger aus dem Kreis der Geladenen schneiden lasse, dann doch noch ein echter Renner. Das liegt sicher nicht nur am Kikoku, sondern auch daran, dass ich die Verantwortung für das Salzen (zwei Esslöffel) einer der im Kochen etwas geübteren Damen überlassen habe, die neben mir in der Küche herumwuseln und deren Gerichte Güteklasse A haben, wie sich alsbald erweist. Der letzte Hamburger verschmort in der Pfanne, während wir längst alle satt in den Seilen hängen. Nach ein paar Runden UNO, bei denen ich mich vergeblich bemühe, vernünftige Regeln zu installieren, gibt es auch schon den ersten Ballwechsel zwischen der Chinesin Li Na und Schiavone aus Italien. Ärgerlicherweise müssen wir Peter beim Stand von 4:4 im zweiten Satz (völlig unnötiges Rebreak von Schiavone) alleine lassen, damit wir die letzte U-Bahn noch erwischen. Der Amerikaner hat schon seit dem ersten Satz alle nervös gemacht.
Noch mehr Chinesen als sonst kleben in der U-Bahn an ihren Mobiltelefonen. Sicher gibt es da überall Live-Ticker. Beim Umstieg in Linie 1, wo ich mich von meinen Mitreisenden trennen muss, dann nach einem zunächst missverständlichen Telefonat mit Peter die erlösende SMS: "Li Na win". Klarer Fall: Peters Englisch ist nicht so gut wie Li Nas Rückhand. Ich ärgere mich. Hätte es einen dritten Satz gegeben, hätte ich den bei mir zu Hause in aller Ruhe verfolgen können. Den entscheidenden Tie-Break (7:0) sehe ich an diesem Abend trotzdem noch: Das chinesische Sportfernsehen wiederholt die entscheidenden Bälle zum historischen Triumph in einer Endlosschleife.
Wird Didus die zarte Yijie erwürgen oder von ihr erschlagen werden?

Weder noch! Zwar ging der Prüfungsmarathon (drei Studentengruppen zu je neun Studenten und drei Professoren müssen in einer Disputation ihre B.A.-Arbeiten vorstellen) durchaus an die Substanz und fünf Studenten habe ich diese Woche schon mit lästigen mündlichen Nachprüfungen traktiert, aber Yijie, die in meiner Prüfungsgruppe sitzt und ihr Thema "Brigitte und Nüyou Love - Frauenzeitschriften in Deutschland und China" gekonnt vorgetragen hat, gehört natürlich nicht zu solchen Wackelkandidaten. Ihr wird heute die zweitbeste Leistung von allen bescheinigt. Da ist manch hartes Brot, das die Studenten in den vier Jahren zuvor zu kauen hatten, längst verdaut und somit auch kein Grund gegeben für gewalttätige Übergriffe.
Nach dem Prüfungsmarathon und der Notenkonferenz geht es dann traditionsgemäß in ein Restaurant (Studenten laden ein), in dem dann zwar nicht alle Hüllen, aber sehr wohl ein paar sittliche Hürden fallen. Dabei spreche ich gar nicht von gestellten Bildern, sondern von einigen vorwiegend männlichen Studenten, die dem Alkohol so stark zusprechen, dass es manchmal schon nicht mehr schön ist. Die sonst so eloquente Xinliu (nicht im Bild), die ich eben noch in pflegerischer Begleitung am Waschbecken vor dem WC angetroffen habe, liegt unansprechbar auf zwei Stühle hingestreckt. Yicheng, von mir im Vorjahr mit einer Nachprüfung drangsaliert, will mich zum Rauchen animieren. Er hält mich dabei so liebevoll im Arm, dass es den nüchternen Studentinnen beim Zusehen zu viel wird und eine ihn sanft von mir entfernt wie eine Zecke aus dem Hundefell. Lehrer Qin hat unterdessen zur Lulle gegriffen. Bisher wusste keiner von uns Kollegen, dass er raucht. Ex-Chefin Kong aus der Sippe des Konfuzius und dem edlen Weisen durch eine geradezu spröde anmutende Nüchternheit verpflichtet, kann ihre Entrüstung nur mit Mühe verbergen. Frau Chang muss wieder singen. Die Gläser sind wie üblich vorm Zerspringen. Und alles johlt. Ich muss eine Rede auf Chinesisch halten. Vier Sätze müssen reichen. Schließlich gellen "Jirou"-Rufe, auch deren englische Übersetzung "Muscle!" durch die Runde. Das ist der Kosename für den Kollegen Chang, der für sein ausgeprägtes Aufbautraining zwecks Erwerb einer präsentablen Muskelmasse berüchtigt ist. Er lässt (unterm T-Shirt, wie gesagt, nicht alle Hüllen fallen) seine Brustmuskeln zucken und zeigt seinen Bizeps. Die Mädchen sind völlig aus dem Häuschen. Bis auf Xinliu natürlich.

Schließlich wird es ruhiger. Vor allem Feiqian ist sprachlos. Denn Xiaoqi, seit gemeinsamem Deutschlandaufenthalt ihr Freund, hat als Conférencier so viel Antriebsflüssigkeit verbraucht, dass seine Kumpels ihn hinaustragen und hernach in ein Taxi verfachten müssen. "Die Party ist nun aus, und alle gehen nach Haus", resümiere ich. Eine Stunde später treffe ich auf dem Campus die brave Yangliu (sin-o-meter berichtete), die den Abend mit ihrem Freund ausklingen lässt, den ich bei der Gelegenheit auch endlich mal kennen lerne.
Die 30.000-Yuan-Frage
... lautet: "Akzeptieren Sie das?" und die Antwort lautet: "Nein!" und das Ganze hat natürlich wieder zu tun mit diesem Alptraum aus verwesendem Fleisch und hochtoupierten hellrot gefärbten Haaren, das hier aus unerfindlichen Gründen über eine Taxilizenz verfügt. Als hätte es noch eines Beweises bedurft, dass dieser Alptraum aus Gier und Fahruntüchtigkeit mit dem von mir verabreichten Kinnhaken noch gut bedient war, präsentiert sie nun vor den versammelten Polizeibeamten eine ganz neue Rechnung, bei der sich aufgrund irgendwelcher Arbeitskraftausfälle Unkosten auf 30.000 Yuan summierten, die ich natürlich zu begleichen hätte. Ich schüttele mit dem Kopf und traue kaum meinen Ohren. Auch die Belege für meine erste Rate, die man mir zur Einsicht überreicht, addieren sich nicht auf die bereits entrichtete Summe von 9.000 Yuan. Die Belege, die ich in der Hand halte, wirken in ihrer schieren Unzahl, als hätte jemand ein Jahr im Koma gelegen und sei dabei umfangreich medikamentös behandelt worden. Es ist alles mal wieder eine grausame Satire mit mir in der Hauptrolle! Es fing auch schon satirisch an heute Nachmittag nach dem Unterricht. Bei über dreißig Grad verlor ich, diesmal nicht von meinen treuen Kollegen begleitet, die ich nicht schon wieder belästigen wollte, erst mal die Orientierung, lief schließlich ein ganz anderes Polizeirevier an und stellte die dort versammelten Beamten mit meinen Aussagen erst mal vor ein Rätsel. Zum Glück rief Sophie, die Dame vom Auslandsamt, von der richtigen Polizeidienststelle zu meinem Ausbleiben befragt, zur rechten Zeit an. Ich reichte das Telefon einfach weiter. Dann gab es einen Lieferdienst der besonderen Sorte: Ich werde per Dienstwagen zur zuständigen Station eskortiert. Während dieser höchst skurrilen Dienstfahrt, ruft dann, um die Turbulenzen zum Höhepunkt zu treiben, Liu Chao aus Peking an, die erst mal einen Schreck bekommt: "Ich kann jetzt schlecht reden. Ich werde gerade von der Polizei abgeführt..." Schließlich betrete ich das Gelände der richtigen Polizeistation, wo die Tante mit dem hochtoupierten Haar schon auf mich wartet. Komisch, dass ich die eben nicht gefunden habe.
Bipolare affektive Störung
Beim Essen sind ihre Augen wie immer größer als der Mund. Jetzt soll ich die ganzen Suppen auslöffeln, die Danyu sich hat servieren lassen. Das Problem: Ich mag chinesische Suppen nicht besonders. Dann nervt die umtriebige Autorin so lange mit dem Gutachten, bis ich im Anschluss an das gemeinsame Mittagessen in eiskalt klimatisiertem Restaurant, das immerhin sie bezahlt (ohne zu wissen, dass heute mein Geburtstag ist), einwillige mit ihr ein Internetcafé aufzusuchen, um mir mal die E-Mail anzusehen, die eine New Yorker Anwältin geschickt hat. Ich bin zu ihrem Unwillen immer noch nicht überzeugt, aber sie kann die E-Mail ja mal an mich weiterleiten.
Als wir im Süden der Stadt in der Nähe des Stadttors Panmen den Kaiserkanal entlang wandern, auf dem Ausflugsschiffe an uns vorbeischwadronieren, kommt dann wieder ihre Bipolare affektive Störung zum Ausbruch. Danyu wird ausfallend, beleidigend und das Ganze klingt aus in der üblichen tränenreichen Depression, auf deren Höhepunkt sie sich (immerhin mit Blick auf den Kanal) an meiner Schulter ausheult. Das gibt sich aber wieder, als wir unter mächtigen Zeitdruck kommen und partout kein Bus zum Bahnhof kommt. Wir rennen zur großen Kreuzung – andere Bushaltestelle. Gerade noch erreichen wir einen Bus. Auf dem Bahnhof lasse ich sie zehn Minuten vor Abfahrt des Zuges alleine zum Bahnsteig rennen, während ich zur Gepäckaufbewahrung stürme und, da es die zweimal gibt, zunächst auch noch falsch anstehe. Wie immer schaffe ich den Zug dann doch noch. Fahrkarten hatten wir bereits mittags gekauft. In Nanjing wartet der Herr Papa, ein ca. sechzigjähriger, schmächtiger Mann mit grauem Haar, schon hinter der Absperrung. Danyu, geboren 1978, wird immer noch von Papa mit dem Auto abgeholt wie ein Schulmädchen. Kurz angebunden verabschiedet sie mich, nicht ohne zuvor noch mehrfach von dem Gutachten gesprochen zu haben.
Der Garten des Verwalters Wang
An der Nordpagode hole ich Danyu ab, die treue sin-o-meter-Leser bereits aus früheren Blog-Einträgen kennen und die die letzten acht Monate in den USA verbracht hat. Sie hat Neuigkeiten: Ihre Oma ist im Winter gestorben, aber ihr Vater wollte sie emotional nicht belasten und sie erfährt es erst bei ihrer Rückkehr. Die zweite Neuigkeit ist: Ihre Mutter sitzt wegen Falun-Gong-Aktivitäten im Gefängnis und kann nicht besucht werden. Wir durchschreiten gemeinsam den berühmten "Park des demütigen Verwalters Wang" aus dem beginnenden 16. Jahrhundert, der einige höchst malerische Ansichten bietet, weshalb er auch proppevoll ist. Das ist dann nicht mehr so malerisch. Natürlich ist dieses Treffen nicht ohne Hintergedanken. Die umtriebige Autorin, die in Chicago wegen ungebührlichen Verhaltens von der Katholischen Theologischen Universität (CTU) geflogen ist, bereitet einen Antrag zur Gewährung fortdauernder Residenz für herausragende Künstler in den USA vor. Und ich soll dafür eines von zehn Gutachten schreiben. Ich wende ein, dass ich kein einziges Werk von ihr gelesen hätte (ihre drei Bücher sind bisher nur in Chinesisch erschienen), wie sollte ich da ein Gutachten schreiben? Sie schlägt mir zwecks Bildung eines Urteils Zeitungskritiken und Resümees vor. Als ich immer noch Einwände habe, muss ich mir (sinngemäß) anhören, alle anderen Gutachter hätten ihr die Füße geküsst, um ihr ein Gutachten schreiben zu dürfen, nur ich hätte so überzogene Ansprüche.
Auf dem Tigerhügel
Vergleichsweise spontan habe ich mich, wie schon vor einem Jahr um diese Zeit, für ein verlängertes Wochenende in Suzhou entschieden. Ich kämpfe mich heute bis zum Gipfel des Tigerhügels, dem so genannten "Nummer eins Punkt" in Suzhou, vor. In einem von einem Kanal umschlossenen Park (12 Mark Eintritt)l thront auf dem Gipfel eines kleinen Hügels, zu dem man sich wahlweise durch das umgebende Wäldchen oder durch eine Reihe von Tempelportalen begibt, eine uralte Pagode, die, dem Schiefen Turm von Pisa nicht unähnlich, schon etwas angeschäkert ist und mithin leicht Schlagseite hat, weswegen sie leider auch nicht bestiegen werden kann. Etwas nervös bin ich schon am Eingang bei der Feststellung geworden, dass mein Telefon ausgerechnet heute kein Guthaben mehr aufweist, was aus zweierlei Gründen ärgerlich ist: 1. Meine Chefin, die Leiterin der Abteilung für Deutsche Philologie, hat quasi im Moment vor der Sperrung noch eine Mitteilung geschickt, ob ich ihre E-Mail schon gelesen hätte, was ich nun natürlich nicht bestätigen kann. E-Mail und Internet sind in diesen Tagen rund um den 60. Jahrestag der "Befreiung" Tibets ein Torso: ein Ding ohne Arme und Beine. 2. Gerade hat eine - man muss schon fast sagen: alte - Freundin ihren Besuch in Suzhou angekündigt, die bipolare Künstlerin Danyu. Zum Glück lässt mich der Ewige mal wieder nicht im Stich: In der Nähe des Eingangs zum Park findet sich ein "China-Mobile"-Laden. Für fünfzig Yuan kann ich aufladen und erfahre von der Chefin, dass ich ab nächster Woche einen Kurs (Zeitungslektüre) weniger habe. Die offizielle Begründung: Die Studenten wollten den beliebten Lehrer Qin vor dessen Abreise nach Deutschland noch mal im Unterricht erleben. Hat natürlich nichts damit zu tun, dass ich letzte Woche im Unterricht "Zeitungslektüre" eine Glosse durchgenommen habe, in der sich der Autor über die Zensur in China lustig machte, und eine andere, in der die Pressebeschränkungen während der Olympischen Spiele karikiert wurden, was am Schluss der Stunde mit der Frage quittiert wurde: "Können Sie bitte mehr Rücksicht auf unsere Gefühle nehmen?", worauf ich erwiderte: "Ich fürchte, da müssen Sie durch."

Sichtlich entspannt wandere ich den Kanal entlang - schicke Brücken überall - und kann schließlich die Parkwächterin sogar davon überzeugen, mich noch ein zweites Mal wieder in den Tigerhügel-Park zu lassen, obwohl die Technik meine Eintrittskarte als entwertet ablehnt. Leicht macht sie es mir freilich nicht: Ich muss am Ende eine alibihafte Quizfrage beantworten, mit der ich beweisen soll, dass ich schon drin war. Man wird ja noch mal fünf gerade sein lassen können! Dann bin ich drin und genieße nun den Park ohne die innere Unruhe, was die Chefin gewollt haben könnte. Die Quizfrage war eigentlich Blödsinn. Wenn ich vor fünf Wochen mit meiner ungültigen Karte hier gewesen wäre, wüsste ich ja auch noch, wie es in dem Park in etwa aussieht, und einen Prospekt habe ich auch. Ich bleibe so lange in dem Park, bis ich mich plötzlich ganz allein darin befinde und am Ausgang vor verriegelten Gittern stehe. Ich muss mal wieder klettern und springen.
Es wird dunkel und ich habe die üblichen Schwierigkeiten, einen Bus zu bekommen. Zum Glück habe ich einen Stadtplan mit allen Busverbindungen gekauft. Ich wandere in südlicher Richtung und bekomme dann einen Bus an einer etwa einen Kilometer entfernten Haltestelle.
Der Europa-Tag
... ist ein bisschen schwach auf der Brust. Die gemeinsam von Goethe-Institut und Alliance Française organisierte Ausstellung “Homo Urbanus Europeanus“ des französischen Fotografen Jean-Marc Caracci mit fünfzig Schwarzweißbildern aus 31 Hauptstädten Europas hat man nach fünfzehn Minuten ausgiebig in Augenschein genommen. Die als Konzert angekündigte Jazz-Musik der Gruppe "Wayne’s Basement”, eines 2009 in Schanghai gegründeten Akustik-Trios, ist mehr so eine Art Hintergrundgeplänkel. Und dass trotz zwanzig Mark Eintritt bei meinem leicht verspäteten Eintreffen in der ehemaligen Fabrikhalle (ich hatte bis 18 Uhr Unterricht) nur noch Reste am Büfett vorzufinden waren und sich die Getränkeauswahl auf Wein und Wasser beschränkt, ist für mich Grund genug für das Fazit: "Da geh' ich nicht wieder hin!" Daran ändern auch ein paar bekannte Gesichter wie Doppelmagisterstudentin Kathi oder meine Studentin "Eva", zugleich Goethe-Praktikantin, und auch die zwei netten jungen Damen von einer Unternehmensberatung nichts, mit denen ich ins Gespräch komme, nachdem eine von ihnen mir ein Taschentuch offeriert hat, weil ich mir beim Schlemmen der kargen Reste offenkundig die Finger eingesaut habe.
Pavillon der Dämmerung
Bei ziemlich schwülen 30 Grad Celsius und mehr picknicke ich heute mit der charmanten Li Jianqing im Park auf einer der Inseln im Xuanwu-See. Anders als bei unserem letzten Besuch an gleicher Stelle (sin-o-meter berichtete) bleibe ich heute von Störungen im Magen-Darm-Trakt verschont, obwohl ich fast alle zuvor im Supermarkt erworbenen Artikel selbst essen muss. Die kleine Li, wie sie sich selbst nennt, rührt nur Joghurt und Bananen an. Das kennt man ja von den jungen Damen mit ihrem Schlankheitswahn. Außerdem wird sie nicht müde, über die Hitze zu stöhnen, wobei ich ihre sittlich zu missbilligende Verwendung des englischen f-Wortes zu rügen habe. Ich muss zuweilen doch arg an der Kinderstube der kleinen Li zweifeln.
Abends treffe ich die Studentin Liu Meng, der ich noch eine Einladung zum Essen schulde. Da die kleine Li unbedingt noch einen Blick auf den See in der Dämmerung werfen möchte, wozu wir uns zu einem verlassenen Aussichtspunkt auf der Nordseite der Insel begeben, muss ich die Pizza-Verabredung mit Liu Meng um eine Stunde verschieben, was diese aber nicht übel nimmt.
Du, die Bude ist voll!
Heute ist meine kleine Bibliothek mal richtig gut besucht. Das so genannte Exzellenz-Programm (Vorbereitung von Vorzeige-Studenten auf ein Studium in Deutschland) unter der Leitung meiner Kollegin Katharina ist auf Exkursion und besucht in diesem Rahmen auch die deutsche Leihbücherei. Die muntere Studentenschar steht, während ich am Schreibtisch mit meiner Studentin Youjin über ihre B.A.-Arbeit zum "Grenzgang" von Stephan Thome (den kennen wir doch - sin-o-meter berichtete) beratschlage, schon eine ganze Weile draußen vor der Tür in der Gegend herum und Youjin und ich fragen uns: "Wollema se reilasse?" Da stürmen sie auch schon herein, die Horden!
Zur Belohnung für meine rudimentäre Einführung darf ich abends als Ehrengast am großen Pizza-Essen im deutschen Restaurant "Swede und Kraut" teilnehmen. Ich sitze neben Schneewittchen (die kennen wir doch - sin-o-meter berichtete). Auch von Kollegin Katharina gibt es Neues: Sie hat sich im Winter einen Amerikaner geangelt (oder von ihm angeln lassen), der auch mit am Tisch sitzt. Im Sommer wird in Amerika geheiratet. Man soll ja immer das tun, wovon man am meisten überzeugt ist!
Kalt erwischt
Kalt ist es heute erst mal nicht, als ich zum x-ten Mal mit meinen besten Freunden (richtig: Büchern) auf den Zijin-Berg im Osten von Nanjing steige. Ich verbringe dort lesend den Tag. Dann wird es dunkler und dunkler und schließlich fallen Tropfen. Ich stelle mich provisorisch in einem Felsspalt unter und als die Tropfen weniger werden, entscheide ich mich für den Abstieg, was sich als grandiose Fehlzündung in der Hirnschale erweist: Als ich etwa auf Stufe 857 von 1200 bin, werde ich von einem Wolkenbruch eiskalt erwischt. Ich kann gerade noch das T-Shirt ausziehen und in die Tasche stopfen. Danach bin ich binnen Sekunden nass wie ein Pudel in'ner Wassertonne. Als ich im Tal an der Bushaltestelle ankomme, ist der Regen vorbei. Aber mit Entsetzen stelle ich fest: Sommerlügen hat es in meiner wasserdurchlässigen Tasche schwer erwischt. Der Leineneinband löst sich unter Wasserflecken auf und färbt das mit in die Tasche gestopfte weiße T-Shirt zartrosa. Zu Hause werde ich mich mit Uhu als Restaurateur zu betätigen haben wie Mo aus Tintenherz. Adam und Evelyn hat es weniger schlimm erwischt. War auch zäher zu lesen.
Ostersonntag
Ich habe wieder mal mehr Glück als Verstand und bekomme noch einen Ostergottesdienst geboten, da in der Mochou-Kirche heute ausnahmsweise nachmittags ein englischsprachiger GoDi angeboten wird. Da die beiden Reisebusse bereits um halb neun aufgebrochen sind, hätte ich es sogar fast noch in den GoDi in der internationalen Gemeinde geschafft. Ich komme aber erst zum Abbau an und nerve die mit aufräumende Lydie, die im Küsterdienst tätige Pharmazie-Studentin aus Gabun, mit meiner bereits zweiten Aufforderung, nach meinem deutsch-chinesischen Vokabelheft zu schauen, das ich hier letzte Woche liegen lassen haben muss. Dabei hat Lydie, die nachmittags im Chor in der Mochou-Kirche singen soll, doch nun wahrlich andere Dinge im Kopf. Ausnahmsweise bin ich mal überpünktlich, denn der Gottesdienst in englischer Sprache, in dem der am Theologischen Seminar Nanjing tätige deutsche Theologe Sigurd Kaiser die Predigt halten wird und der eigentlich um 14 Uhr beginnen soll, verschiebt sich um eine Stunde, weil der vorherige chinesische GoDi Überlänge hat.
Schönes Osterei
Ist das eine geplante Osterüberraschung oder fällt nur zufällig auf dieses Wochenende? Jedenfalls ist doch auch mal 'ne schöne Idee: Das "Büro der Provinz Jiangsu für Belange ausländischer Experten" lädt mich und eine Reihe anderer Lehrkräfte meiner und mindestens einer anderen Nanjinger Universität zu einer dreitägigen Reise nach Hangzhou, die Hauptstadt der Nachbarprovinz Zhejiang ein, dreieinhalbstündige Busfahrt, Verpflegung, zwei Übernachtungen im Vier-Sterne-"Holiday-Hotel" und Eintrittspreise für Theater und Bootstour über den Xihu inklusive. Ich hätte die ganze Reise problemlos auch ohne Portmonee antreten können.

Ich lerne den nach Australien ausgewanderten Juden Max alias Menahem kennen, einen jovialen älteren Herrn, dessen Eltern auf abenteuerliche Weise in der Ukraine dem Holocaust entkommen sind, Bauern hatten sie versteckt. Menahem hat eine Schwäche für die deutsche Sprache, die er als Kind gelernt hat, ehe die Familie nach Israel auswanderte, und besteht darauf, dass ich ein paar Sätze auf Deutsch mit ihm wechsle. Das Verstehen sei gut, meint er, nur beim Sprechen hapere es. Ich werfe beim Essen so ziemlich alles in die Waagschale, was ich über israelische Geschichte weiß. Und da das Leben uns ja immer irgendwie auf die Dinge vorbereitet, die uns widerfahren, lese ich zufällig gerade das Buch "Andernorts" eines jüdischen Autors, in dem ein verrückter Rabbi meint, den Messias klonen zu können. So wirke ich wohl einigermaßen informiert über Israel.
Im Bus bin ich von Briten umgeben. Gleich zwei Damen heißen Sarah, eine davon ist aber Chinesin. Als sagenhafter Höhepunkt der Reise entpuppt sich die Tanz-Show "The Romance of the Song Dynastie", in der in einem halben Dutzend Kapiteln (von der Steinzeit bis in die Zeit der Song-Dynastie) die Geschichte dieses Fleckchens Erde visualisiert wird. Das Theater befindet sich in einer Art Freilichtmuseum, über dem ein aus einem Bergmassiv gemeißelter zehn Meter hoher Buddha thront. Überall stehen kostümierte Schwertkämpfer aus der Song- und anderen Dynastien in der Gegend herum oder führen Kabinettstückchen vor. Die etwa einstündige Theatervorführung raubt uns den Atem, insbesondere wenn die ganze Sitzreihe plötzlich zur Seite geschoben wird und neben uns, an dem Ort, an dem wir gerade noch saßen, Kanonen und Kämpfer aus dem Keller emporgeschwebt kommen und es plötzlich knallt und raucht und Feuer gespuckt wird wie in der Neujahrsnacht. Kämpfer schwingen sich auf Balustraden, die eben noch nicht zu sehen waren und ein kleines Baby wird vom Helden unter Gefahr für Leib und Leben vor den Schergen einer finsteren Macht gerettet. Nicht minder spektakulär ist der Wasserfall, der plötzlich von der Decke rauscht und die Bühne in einen Teich verwandelt, über den dann die hereingeschobenen Brückenhälften führen, aber – o Schreck! – die Brückenteile treiben so schnell wieder auseinander, wie sie eben hereinrauschten und trennen die Liebenden der Song-Dynastie, um deren Geschichte es hier ja eigentlich geht. Angesichts solche Effekte geraten die meisterhaft choreografierten Tanz- und Akrobatikdarbietungen der prächtig kostümierten und geschminkten Darsteller fast zur Nebensache, obwohl sie doch für sich genommen schon für genügend Ohs und Ahs gesorgt hätten. Wenn man China noch nicht liebt (oder das Lieben wegen irgendwelcher Taxitussis, die Zebrastreifen für eine Attraktion im Zoo halten, verlernt hat), hier spätestens lernt man es.
Der Weg vom Song-Dynastie-Freilichtmuseum zum legendären Westsee (Xihu) führt durch ein paar grüne Hügel, auf denen Tee angebaut wird, und ist leider von Kraftfahrzeugen verstopft. Erst gegen Abend kommen wir zu unserer Bootstour auf dem See. Erinnerungen an 2004 werden wach. Damals führte mich eine Konferenz in die legendäre Stadt und ich sah den berühmten See zum ersten Mal. Ich flaniere nach der Bootstour mal wieder auf abseitigen Wegen. Der chinesischen der beiden Sarahs gelingt es trotzdem, mich dabei im Bild festzuhalten.

Da liegt er flach - Teil 2
Es ist eine Premiere. Ich kann mich nicht entsinnen, dass ich in China schon mal krankheitsbedingt im Unterricht ausgefallen bin. Aber nach einer durchhusteten Nacht, in der ich kein Auge zugetan habe, schicke ich im Morgengrauen eine SMS an die Vizechefin, die für die Unterrichtsplanung zuständig ist, und melde mich krank. Ich gehe vormittags zum Uni-Doc in der Hankou Lu, werde - Sicherheit geht vor - auch gleich auf Tuberkulose geröntgt und bekomme schließlich Hustensaft und Pillen. Die erste Pulle Saft ist am nächsten Morgen schon leer. Ich hätte auch alles in einem Zug trinken können - hätte wohl genausoviel geholfen. Wieder kaum geschlafen, aber noch mal Unterricht ausfallen lasse ich nicht. Erst als ich mich durchringe, auch die Antibiotika zu nehmen, kriege ich die Bronchitis-Bakterien in den Griff.
Momentaufnahme für die Ewigkeit
Da hätte ich jetzt schon wieder Amok laufen können, als ich heute auf dem Weg zu einer kleinen Wandertour bin und an der Zhujiang Lu auf Bus Nr. 6 warte. Unweit von der Haltestelle steht mitten auf einem Zebrastreifen eine Frau, Kind auf dem Arm. Und wild hupend saust ein Auto auf sie zu. Momentaufnahme aus einem irren Universum. Oder Irrenuniversum?
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