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Die arg traurige Geschichte vom armen Mäuschen
Der Unterricht ist für dieses Semester beendet. Es ist Prüfungszeit. Heute hatte ich bereits zwei meiner insgesamt fünf Prüfungen. In Zeitungslektüre mussten die Studenten ein Fax von Verona Pooth zu einer Nachricht umbauen, die Prüfung im Grundkurs Deutsch zum Abschluss der Lehrbucharbeit habe ich ganz auf den Film „Krabat“ zugeschnitten, den wir in der letzten Woche gesehen haben. Im Diktat können die Studenten nun zeigen, dass sie Wörter wie Müllersbursche oder Mühlräder wiedererkennen können. Das hat natürlich nicht überall gleich gut geklappt, wie ich bei den Korrekturen feststelle, die ich um sechs Uhr abends unterbrechen muss, weil das Abschiedsbankett der Uni ansteht. Dort beschwert sich die unter mir wohnende Japanerin über den Krach von neulich Nacht, als ich auf der Internetseite der Bahn versuchte, einen Zug zu buchen, was damit endete, dass eine Computer-Maus in die Ecke flog und danach nicht mehr zu gebrauchen war. „You have such a short temper“, sagt sie. „It's hot“, antworte ich.
Vortrag in Pukou
Ja, das wird jetzt leider kein so aufregender Eintrag, freut aber meinen Arbeitgeber. Im Rahmen einer Marketing-Offensive des Akademischen Austauschdienstes habe ich heute meinen zweiten Info-Vortrag über Leben und Studieren in Deutschland gehalten. Etwa vierzig Studenten waren in einem Hörsaal des Uni-Außencampus in Pukou erschienen. Meine Studentinnen "Theresa" und "Ilona" haben fleißig Werbung gemacht und das Organisatorische (Raum, Technik usw.) für mich übernommen. Angesichts der Tatsache, dass zwei schwere Prüfungswochen vor den Studenten liegen, ist der Besuch ganz erfreulich. Ganz im Sinne des Erfinders sind mehrheitlich Studenten anderer Fachbereiche erschienen, acht Zuhörer sind Deutsch-Studenten. Das Hauptinteresse der Studenten gilt nach wie vor der Anrechenbarkeit ihrer in China erbrachten Studienleistungen. Will man nach dem Erwerb eines B.A. in Deutschland weiterstudieren, geht das ja nur im selben Fach. Aber niemand möchte natürlich in Deutschland als Student ganz von vorne anfangen, als hätte er nicht schon vier akademische Jahre hinter sich.
Ganz fürsorglich - ist ja auch schon dunkel! - geleitet mich Studentin "Ilona", die heute auffällig gut riecht, nach kurzer Überbrückungslektüre in der klimatisierten und daher gut gefüllten Bibliothek abends um neun dann zum letzten Uni-Bus Richtung Nanjing.
Noch 'ne Freikarte
Gestern hat mir das Auslandsamt der Uni überraschend eine Freikarte für ein Konzert der "Nanjinger Philharmoniker" angeboten. Ich sage dankend zu und nehme gleich zwei. Meine beiden Schriftstellerinnen können leider nicht: Lu Min, die ja eine Revanche für den "Pfingstrosenpavillon" verdient hätte, bereitet sich auf ihre Frankreich-Reise vor und Echo alias Danyu hat eine Art Tumor am oder im Ohr und fliegt drei Tage nach Guangzhou zu einer Expertin. Sie ist ziemlich nervös deswegen (Gebetsanliegen!). Cathy sagt dann zu. Ich habe ihr eine E-Mail mit der Betreffzeile "Concert - one more try?" geschickt und beziehe mich dabei natürlich auf die Ton-Tortur vom letzten Mal (sin-o-meter berichtete). Diesmal gibt es glücklicherweise keine Tortur. Mit Beethoven und romantischen Komponisten stehen keine Disharmonien auf dem Programm. Cathy hat trotzdem Grund zur Klage: Der Frack des Komponisten sei ja total zerknittert. Den hätte man mal vorher bügeln sollen!
Als furiosen Rausschmeißer gibt es das Filmthema von "Fluch der Karibik". Das erkenne dann sogar ich wieder.
Beim Uni-Doc
Mein belgischer Kollege Serge hat mich auf die Idee gebracht: Man könne sich mit so einem Knie ja auch mal in Behandlung begeben. Seit dem desaströsen Unfall vom 18. Juli 2008 habe ich eine Patellasehnenentzündung oder -reizung. Reizend ist das gar nicht. Nach dem Fußball (wie am letzten Sonnabend) wird das Knie nämlich dick und schmerzt. Keine Ahnung, wieso ich so was bekomme und behalte, obwohl ich kaum noch Sport treibe, nur ab und zu Tennis oder gelegentlich Fußball, dazwischen aber z. T. monatelange Pausen.
Heute gehe ich also zum Gesundheitszentrum der Universität. Dafür musste ich mir gestern erst mal mein Medizinbuch vom Auslandsamt holen, eine Art Krankenscheinheft. Ich schlage mich durch bis zum Arzt in der Abteilung für Elektrotherapie. Die langen Gänge, die Türen, die Becken - alles erinnert ein bisschen an die altmodische Ausstattung im San-Zentrum 107 (Scholtz-Kaserne). Röntgen lehne ich ab, weil das definitiv keine Knochengeschichte ist. Der Doc und ich kommen überein, Elektrotherapie zu probieren. Ich bekomme also eine Elektrode aufs Knie gebunden und neben mir ist ein Trafo für die Regulierung der Stromzufuhr, vergleichbar mit dem in dem Folterdrama "Das Experiment". Ich denke auch an die Elektroschocks, die man zusammen mit Herzmassagen verabreicht, wenn jemand kurz vorm Sterben ist, oder an die Elektrozäune auf deutschen Kuh- und Pferdeweiden und mache mich auf das Schlimmste gefasst. Zum Glück handelt es sich aber nur um ein kribbeliges Gefühl, das sich langsam steigert und sich am Ende anfühlt wie eine Massage mit feinen Nadeln. Tut jedenfalls nicht weh. Außerdem bekomme ich so'ne Art flüssiges Finalgon. Nur zur äußerlichen Anwendung!
Alle sin-o-meter-Leser, die an den Einzigen, Wahren und Ewigen glauben, bitte ich um Gebet für diese leidige Kniegeschichte!
Ein Nachmittag im Olympiazentrum
Die Gemeinde hat eingeladen, und zwar alle nicht verheirateten Mitglieder und Besucher. Leider habe ich die Uhrzeit vergessen, wann das Treffen beginnen sollte. Als ich mittags in dem eigens dafür gebuchten Hotel ankomme, ist das Seminar schon halb vorbei. Ich bekomme aber trotzdem etwas zu essen. Nachmittags gibt es noch ein Video und gruppendynamische Sitzungen. Zwar hat man mir versichert, für überzeugte Alm-Öhis sei das Treffen auch geeignet. Trotzdem geht es aber am Ende doch nur ums Heiraten. Ich hätte erwartet, dass man wenigstens mal kurz am Rande deutlich macht, dass Paulus da ja ganz andere Schwerpunkte gesetzt hat und Heiraten laut 1. Korintherbrief eigentlich mehr so eine Art Notlösung für Schwächlinge ist, aber das ist in einer mehrheitlich aus Afrikanern zusammengesetzten Gruppe wohl nicht so vermittelbar. Ich erspare mir also den Hinweis. Man will ja auch nicht als Spielverderber gelten.
Auch am Nachmittag spiele ich wacker mit. Denn es gibt auf einem Spielfeld im nahe gelegenen Olympiazentrum (nein, Nanjing ist nicht Olympiastadt, aber es klingt halt besser), einem Feld mit echtem grünem Rasen, ein Fußballspiel, bei dem ich meine beiden hochkarätigen Chancen vergebe. Besonders die Steilvorlage von Kelvin aus Kenia hätte eigentlich ein Tor sein müssen! Aber bei dreißig Grad im Schatten kann ich nun mal nicht zu Höchstform auflaufen.
Auftritt Benno - Didus im Reisebüro
Er hat ihn sich redlich verdient, den Abend. Schließlich schreibt er, seit er mich auf der Konferenz der Deutsch-Dozenten in Schanghai bei der Besichtigung der Universität SISU traf, regelmäßig E-Mails und hat mir sogar eine virtuelle Ostergruß-Karte geschickt, während ich schon lange vergessen habe, wie der Student, der sich Benno nennt, eigentlich aussieht. Als er verspätet ins Café kommt, weiß ich erst gar nicht, dass er es ist. Wir ziehen um in das belgisch-deutsche Restaurant Swede & Kraut in Uni-Nähe und treffen dort auf die ersten Ausläufer des Deutschen-Stammtisches, auf den es Benno (ganz im Gegensatz zu mir) abgesehen hat. Ich erteile ein paar kluge Ratschläge, wie Benno nach dem Studium vielleicht ins Goethe-Institut einsteigen könnte, und erhalte als kleines Dankeschön anlässlich des morgigen Drachenbootfestes einen Riechbeutel gegen böse Geister und traditionelle chinesische Bohnenkuchen in hochfeiner Verpackung, die ich morgen mal mit zum Sprachtraining mit "Cathy" mitnehmen werde.
Bevor ich Benno treffe, bin ich schon auf 180, weil die Tante aus dem Reisebüro meinen Flug vergeigt hat. Ich hatte gebucht für den 8. Juli, Rückflug am 20. August, kein Umsteigen, kein Stress, etwas über tausend Mark. Aber ich sei ja nicht rechtzeitig gekommen, sagt die Tante im Reisebüro, nun sei der Flug hin. Ich bestehe darauf, die E-Mail zu sehen, die die Tante geschickt haben will. Sie dreht ihren Computerbildirm zu mir und da sehe ich den Fehler: Statt mir Nachricht an gmx.de zu schicken, hat sie zwei an gmx.ae geschrieben. Ich frage sie, was für ein Land das denn sein solle. "Ist doch nicht schwer: de für Deguo [= Deutschland]!", erkläre ich laut auf Chinesisch. Wenn man freilich nur in Schriftzeichen denkt und lebt, sagt einem .de natürlich nichts. Aber sehen meine d's vielleicht aus wie a's?!? Und hätte man nicht das Gehirn anschalten müssen, als die erste E-Mail zurückkam? Das alles versuche ich in der Fremdsprache darzulegen. Schließlich verlasse ich den Laden. Ich bin viel zu genervt um jetzt einen neuen Flug zu buchen. Außerdem habe ich ja das Treffen mit Benno.
Das Drachenbootfest

... kommt für Deutsche etwas spät, nämlich exakt eine Woche nach dem deutschen Himmelfahrtstag. Den Sinn des Feiertages erläutert nun exklusiv für sin-o-meter die chinesische Hobby-Historikerin Liu Chao:
Also, es gab einen berühmten Dichter von der Kriegszeit damals in China, ganz früh in der chinesischen Geschichte. Es gab verschiedene kleine Staaten in China, und jeder wollte durch den Krieg die Anderen aufessen und selber einen kompletten Staat für ganz China begründen. Der Dichter heißt Quyuan und er kommt aus einem Staat von den allen. Er ist sehr fähig, mutig und hat viele viele Treue zu dem Kaiser und dem Volk seines Staats, also, ein sehr guter Politiker. Er versuchte mit den anderen Politikern ihren Kaiser zu unterstützen, damit sein Staat es schaffen kann, einen kompletten Staat für ganz China zu begründen,aber sein Kaiser war leider dumm und blöd, er war selber unfähig und konnte keine einzige Sache gut erledigen, aber er hatte kein Vertrauen zu dem Quyuan und nahm die Vorschläge und Meinungen von Quyuan nicht an. Er hat Quyuan bestraft und ihn ganz weit von der Hauptstadt deportiert, nur weil Quyuan ständig ihn überredet hatte, vernünftig zu sein. Quyuan war sehr depressiv und traurig. Sein politischer Traum konnte nicht verwirklicht werden und seine Treue verstand der Kaiser auch nicht. Er hat viele, viele schöne Geschichten bei seiner deportierten Zeit geschrieben. In denen hat er durch die Wörter seine Furcht für die Zukunft seines Saates, seine Liebe zu seinem Vaterland und seinem Volk geäußert. Deswegen war er sehr beliebt beim Volk.
Als Folge wurde der Zustand seines Staates natürlich immer schlechter, weil die anderen Staaten zunehmend stärker und reicher waren. Und es kam ein Tag, da wurde Quyuans Staat von einem der anderen überfallen und der Kaiser wurde aufgegeben. Quyuan war so traurig und verzweifelt. Er wollte sich nicht von den Feinden beleidigen lassen, deshalb hat er sich ermordet, ins Wasser... Der Fluss heißt "Mi Luo Jiang". Die Leute machten das Essen "Zong Zi" und haben es in den Fluss geworfen, um es zu vermeiden, dass große Fische seine Leiche essen. Also ist der Drachenbootstag eigentlich ein Gedenktag.
Passend dazu gibt es auf dem See, an dem ich mich zum Sprachtraining treffe, auch ein paar Boote mit Drachenkopf. Jedoch: Cathy will auch nach der vierten Nachfrage keinen von Bennos Bohnenkuchen essen. Kein Wunder, es sind ja auch keine richtigen "Zong Zi"!
Die Freikarte
Vor wenigen Tagen sprach ich im Zusammenhang mit der entzückenden Nachwuchsautorin Lu Min (sin-o-meter berichtete) noch von einer Tanzfläche, prompt lädt sie mich zu einer Tanz-Vorstellung ein und spendiert mir eine Freikarte. Ich habe zwar zuerst gedacht: Was soll das denn? Tanzen: langweilig! Allerdings hat sie in ihrer E-Mail auch grandios untertrieben und mich vielsilbig vor der langen Anreise nach Wei Gang im Osten der Stadt gewarnt: „If you don't want to go to the theater, trust me, I can understand it.“ Doch dann entpuppt sich der Abend - Lu Min erwischt mich am Eisstand neben der Bushaltestelle kurz vor dem Verzehr von Eis Nummer zwei - als ein echter Höhepunkt. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus: Es handelt sich um eine phänomenal choreografierte Darbietung (vielleicht am ehesten vergleichbar mit einem Musical wie „Cats“ oder „König der Löwen“) des Stücks „Pfingstrosenpavillon“ des berühmten chinesischen Shakespeare Tangxianzu aus der Ming-Dynastie: In einem Pfingstrosenpavillon erscheint der liebenswerten Hauptfigur der Mann ihrer Träume. Doch sie erfährt, dass er nicht mehr lebt. Vor Gram stirbt sie. Doch der Verehrte lebt. Auf einem Markt entdeckt er ihr Bild und sucht, ergriffen von analogen Gefühlen, seinerseits nach ihr. Seine Nachforschungen ergeben: Die Geliebte ist verstorben. Damit findet unser Held sich nicht ab. Er sucht das Grab auf und erweckt durch seine Liebe die Angebetete vom Tode.
Das alles erzählt nur mit Tanz, Bewegung, Kostümen, Musik (kein Gesang), nicht zuletzt aber auch mit einem spektakulären Bühnenbild und visuellen Spezialeffekten aus dem Computer nacherzählt wurde. Na gut, alles etwas theatralisch, aber wenn Theater nicht theatralisch sein darf, wer dann? Das Famose für mich als Ausländer: Sprachbarrieren gibt es nicht, weil Tanztheater ohne Dialoge auskommt. Allerdings muss Lu Min immer wieder Zusammenhänge erklären, weil Chinesen natürlich über kulturelles Vorwissen verfügen, das mir fehlt. Ohne Übertreibung kann ich sagen: Dafür hätte ich notfalls sogar Geld ausgegeben! Bei uns würde so was vermutlich um die 50 Euro kosten. Nur mit Mühe kann ich nach der Vorstellung wenigstens das Taxi bezahlen. Allerdings habe ich während der Fahrt bei Lu Min mal etwas nachgehakt und glaube jetzt, dass das eine Sonderdarbietung (Vorvorvorpremiere) für Parteikader und Linientreue war. So richtig wollte sie ja mit dem Quell dieser sagenhaften Elite-Freikarten nicht heraus, denn den meisten ist Parteimitgliedschaft gegenüber Westlern etwas peinlich.
Innerhalb und außerhalb des Klassenraums
Die Bachelor-Arbeiten, mit denen ich in den letzten Wochen als Erstgutachter ein zweifelhaftes Vergnügen hatte und die heute Grundlage einer Art Disputation sind (drei Professoren fragen, sechs Studenten antworten), sind im Grunde eine Farce, da die Note pauschal nach dem Ende des mündlichen Prüf-Gesprächs vergeben wird. Arithmetik spielt dabei kaum eine Rolle, was man schon daran sieht, dass ich für die von mir betreuten Studenten gar keine Note zu Protokoll geben muss. Sie sitzen auch nicht in meiner Disputations-Gruppe. In der Notenkonferenz wird in erster Linie verhandelt, wer besser als wer war, und im Wesentlichen steht diese Rangliste schon vorher fest, d.h., wer vorher eine Lusche war, bekommt jetzt auch keine bessere Note. Lusche bleibt ja auch meist Lusche. Erschwerend hinzu kommt, dass ein Gutachter gerade in Deutschland ist, da ist das mit dem Begutachten so'ne Sache. Naja, wo gehobelt wird, fallen Späne. Und insgesamt werden die Noten schon stimmen...
Im Anschluss an Disputation und Notenkonferenz brechen wir gegen sieben Uhr abends auf zur Abschlussfeier in einem rustikalen Restaurant in Uni-Nähe. Rustikal, d. h. etwas weniger gesittet, als der Unterricht gemeinhin abläuft, verläuft dann auch das gesellige Miteinander. Ziel der Runde ist im Grunde ein Fundamentalbesäufnis oder die Lösung der Frage: Trinkt Student Prof unter den Tisch oder umgekehrt? Ich betätige mich als Spaßbremse und bremse das Ansinnen, mich zu einem Bier-Schälchen (!) zu überreden, mit den vergleichsweise humorlos vorgetragenen Worten aus: "Glaub mir, das haben schon ganz andere versucht." Die Erfolgschance sei mit null noch hoch eingeschätzt. Der Kollege, der neben mir sitzt, meint, ich hätte es gut. Als Ausländer drohe mir ja kein Gesichtsverlust, wenn ich Alkohol verweigerte.
Nach zwei Stunden, als ich nämlich so vollgestopft bin mit Leckereien (die es auch gab), dass kein Pfefferminzblättchen mehr rein geht, breche ich auf. Student "Jan" beklagt sich bereits leicht delirierend: "Herr Mehrens, mit Ihnen macht das überhaupt keinen Spaß!" Ich repliziere: "Ja, ich geh' ja jetzt, dann können Sie viel mehr Spaß haben!" Bierernst ist das natürlich nicht zu nehmen.
Mit nach Hause genommen habe ich das Bild der glühenden Studentin "Lea", die eigentlich eine der Besten ist. Sie hatte schon am Anfang so einen roten Kopf, dass ich dachte: Wieso ist die so rot, hat die 'n Sonnenbrand? Aber heute ist es doch ganz bedeckt! Wirklich, der Kopf sah aus, dass man glauben musste, gleich gibt's 'ne Explosion. Aber kurz danach war sie auf einmal ganz blass und kriegte kaum noch ein Augenlid hochgezogen. Angeblich hat Bier diese Wirkung hervorgerufen. Was lernen wir daraus? Es gibt Intelligenz innerhalb und außerhalb des Klassenraums.
Picknick

Heute nach dem GoDi von NICF gibt es ein Picknick in einem Park nahe des Xuanwu-Sees. Ich habe Echo alias Danyu ins Foyer bestellt, die aus Chicago zurück ist und sich sogleich per E-Mail gemeldet hat. Zum Picknick sind nämlich auch Inländer zugelassen (zum GoDi bekanntlich nicht - wegen religiöser Propaganda). Diesmal ist die exzentrische Autorin zehn Minuten zu früh und beklagt sich, ich hätte das ja schlecht beschrieben. Mit Bussen geht es in den Park. Danyu kann sich bei einer Chinesin, die neben uns sitzt, erkundigen, wie sinnvoll es ist, einen Amerikaner zu heiraten. Immerhin kann sie als Frau eines Ausländers jeden GoDi besuchen und so viele Kinder in die Welt setzen, wie sie will; dafür fällt das Streiten schwerer, weil einem in der Fremdsprache nicht so schnell die richtigen ... Worte einfallen. Danyu weiß immer noch nicht recht, ob sie ihren fast sieben Jahre jüngeren boy-friend heiraten (Antrag liegt vor) oder abservieren soll. Anscheinend hat er ihr auch eine Szene gemacht, als sie ihm letzte Woche eröffnete, dass sie Chicago definitiv verlassen und ihr Studium dort abbrechen werde. Ich, dessen Lebensweisheit bekanntlich über jeden Zweifel erhaben ist, gebe ihr den Rat, ein Jahr der Trennung verstreichen zu lassen. Wenn er sie dann immer noch heiraten wolle, könne sie ja noch mal neu darüber nachdenken. Es lebe die Seifenoper, deren Hauptfigur man nicht selbst ist!
Zum Abschluss gibt es ein Fußballspiel, bei dem meine Mannschaft 3:0 verliert. Anschließend auf dem Weg zum Bus muss ich mir mal wieder anhören, ich sei ja kein Gentleman, weil ich einfach ohne Danyu aufgebrochen sei. Wenn ein Mann mit einer Frau irgendwohin gehe, meint sie, müsse er beim Aufbruch auf sie warten. Ich sage: In der Bibel steht nirgendwo was von Gentleman-sein-Müssen. Kann aber auch sein, dass der Clooney-Effekt (siehe Foto) mich bisschen arrogant gemacht hat.
Noch eine Schriftstellerin
Ein historischer Tag: Köhler wird zum zweiten Mal Bundespräsident, der VfL Wolfsburg zum ersten Mal Fußballmeister (mit einem Trainer, der das Handwerk des Erfolgs bei der erfolgreichsten deutschen Fußballmannschaft aller Zeiten gelernt hat, die sich diesmal mit Platz 2 begnügen muss). Und was macht Didus an so einem historischen Tag? Er trifft sich schon wieder mit einer Schriftstellerin, diesmal mit der zauberhaften Lu Min, die bereits seit zehn Jahren schreibt (davon fünf mit Erfolg) und inzwischen 60 Kurzgeschichten und fünf Romane veröffentlicht hat. Da kann ich mit meinen beiden Anthologie-Beiträgen wahrlich nicht mithalten. Im Oktober wird sie anlässlich des Erscheinens eines Bandes mit chinesischen Kurzgeschichten in deutscher Sprache, der einen Text von ihr enthält, für zehn Tage nach Frankfurt zur Buchmesse kommen. Vorher will 3-Sat in China einen Beitrag über sie drehen. Wir sprechen außerdem über die Filme Almodovars, Chen Kaiges und Zhang Yimous. Weil Lu Mins Englisch nicht so gut ist und ich mich immer wieder in Chinesisch versuchen muss, was gelegentliches Nachschlagen in meinem Vokabelheft einschließt, dauern meine Darlegungen etwas länger. Nachdem ich schließlich auch noch eine meiner jüngsten Plot-Ideen vorgetragen habe, ist meine Pizza endgültig kalt. „I hope to see you again“, verabschiedet sich die junge Autorin höflich, ehe sie zum nächsten Termin eilt. Wenn sie einem die Hand schüttelt, nimmt sie beide Hände wie ein Mädchen, das einen Unwilligen auf die Tanzfläche ziehen will.
Fortbildung Landeskunde
Dr. Dagmar Giersberg reist als Gast des Goethe-Instituts Peking durch China und unterweist im Rahmen einer Fortbildung Deutsch-Lehrer - heute Nachmittag uns in Nanjing - in Methoden des innovativen Landeskundeunterrichts. Viele Deutsch-Lehrer(innen), einige ehemalige Studenten, eine Mittelschullehrerin auch aus der Nachbarprovinz Zhejiang sind neben Kollegen des Instituts aufmerksame Zuhörer und Mitmacher in der abwechslungsreichen Werkstatt. Natürlich geht es immer wieder auch um kulturelle Unterschiede und Vorurteile. Am interessantesten die Antworten der Kollegen, die meisten mit Deutschland-Erfahrungen, auf die Frage nach typischen Unterschieden zwischen Deutschland und China. Hier einige Aussagen (aus dem Gedächtnis zitiert):
"Ich dachte, als ich in der Stadt [Passau] auf die Straße hinaussah, das ist so schön; bisher dachte ich, so was gibt es nur auf Bildern, aber hier konnte ich sehen, dass diese Bilder ja Vorlagen in der Wirklichkeit haben."
"Mir fiel auf, dass Deutsche kinderfeindlich sind. Sie müssen immer leise sein und wenn sie sich nicht richtig verhalten, wird gleich geschimpft."
"Deutsche Autofahrer sind so aggressiv."
"Deutsche sind so ungeduldig. Aber das ist normal. Chinesen gibt es so viele, wenn die alle so ungeduldig wären, könnte das Leben nicht funktionieren. Sie müssen also mehr Geduld haben." - "Aber beim Einsteigen in den Bus, da sind die Chinesen viel ungeduldiger." - "Das hat nichts mit Ungeduld zu tun, sondern mit Erziehung. Chinesen sind in diesem Fall nicht zur Ordnung erzogen wie Deutsche."
"In Deutschland ist das Individuum viel wichtiger. Deutsche sind irgendwie viel unabhängiger. Das ist bewundernswert."
"In China gibt es so ein Grund-Flirren. Am meisten vermisse ich Ruhe. Mal eine Klassik-CD auflegen und nichts anderes hören, das geht in China nicht, irgendein Straßengeräusch kommt immer dazwischen."
Um sechs geht es nach Hause und dann gleich weiter. Auf dem Weg zum Bibelkreis treffe ich eine der Teilnehmerinnen der Fortbildung, die Dame aus Zhejiang, in der U-Bahn, muss mich aber nach zwei Stationen verabschieden.
Ich weiß wieder nicht, wo der Bibelkreis tagt, und klopfe einfach an eine Tür, hinter der Stimmen hörbar sind. In dem Wohnheimzimmer, in das ich hereingebeten werde, rasiert ein Afrikaner dem anderen gerade den Schädel kahl. Gewissermaßen auch so'ne Art Lektion in Landeskunde. Der Barbier weiß immerhin, wo die Bibelstunde ist, und lotst mich ans Ziel ein Stockwerk tiefer.
Cathys Cousin und die Ton-Tortur
Dauerregen in Nanjing und Temperatursturz auf 18 Grad. (Wir waren letzte Woche schon bei 35!) Das Sprachtraining findet heute im Café Skyways, der deutsch-belgischen Bäckerei, einer Ausländer-Fundgrube, statt. Dieselbe Idee wie ich und Cathy alias Jiakun hat Cui Heng, eine meiner Studentinnen, die hier ihrerseits mit einer Deutschen den Sprachaustausch pflegt. Cathy bekommt einen Anruf von ihrem Cousin, der zwölf Jahre in Wien an einer Hochschule für Musik studiert hat und jetzt an der Musikhochschule von Nanjing unterrichtet, Schwerpunkt Jazz und Populärmusik. Wir sind geladen zu einer Darbietung von Gästen der Hamburger Musikhochschule im Auditorium der Hochschule.
Cathy traut ihren Ohren nicht und will schon nach dem dritten Stück das Weite suchen. Die Hamburger schlagen die Instrumente, anstatt ihnen friedvoll-heitere Harmonien zu entlocken: Zwölftonmusik und die Folgen. Ich beruhige Cathy mit der Erklärung: „Das ist Kunst!“ und wir bleiben bis zum Ende. Danach lädt uns Cathys Cousin in sein Büro ein und wir trinken einen Tee. Dann entschädigt er uns mit einem etwas gefälligeren Klavierstück für die erlittene Ton-Tortur.
Der Mann auf der Brücke

Zur Feier des Tages mache ich mich heute auf zur ersten Nanjinger Brücke über den Jangtse (hier nicht im Bild), die ich zweimal die Woche auf dem Weg zum Außencampus überquere. Da sitzt man freilich im Bus und kann die Szenerie nicht so genau in Augenschein nehmen. Das wird heute anders, habe ich mir vorgenommen. Ich lasse ein paar Frachtschiffe unter mir passieren und meinen Blick schweifen bis zum diesigen Horizont, von wo her eine endlose Frachter-Armada auf mich, den Mann auf der Brücke, zusteuert. Für 15 Yuan darf ich mit dem Fahrstuhl vom Brückenpfeiler nach unten düsen, wo mich der Große-Brückenpark erwartet. Unten im Foyer des Pfeilers, der eher ein Turm ist, steht eine Mao-Statue, davor liegen Blumen aus Plastik. Die können genauso wenig verwelken wie der immer jugendliche Mao in seinem Pekinger Mao-Soleum. Ein metergroßes Farbfoto hängt an der Wand, das die Einweihung dieser kombinierten Eisenbahn- und Autobrücke im Jahre 1968 zeigt, als der Große Vorsitzende noch unter den Lebenden weilte: vor dem Podium Tausende von Menschen mit roten Fahnen und Mao-Bildern, so wie es das heute wohl nur noch in Nordkorea gibt. Damals war das Ganze ein Wunder des Kommunismus.
Ich überwinde eine niedrige Mauer und wandere zum Jangtse-Ufer, wo ein paar Angler in der Sonne dösen. In der Mündung eines Seitenarms hat ein Kutter festgemacht. Eine Frau lässt ebenso wie ihr Nachbar, der vom Ufer aus fischt, ein riesiges Netz in das braungraue Brackwasser sinken und hofft, dass nach ein paar Minuten, wenn sie das Netz aus der Brühe zieht, Fische darin zappeln. Fehlanzeige. Ihr Nachbar auf meiner Seite des Ufers hatte mehr Glück. Ich frage mich, wer solche Fische essen soll und muss daran denken, dass ich am gestrigen Donnerstag in der Mensa Fischkopf hatte. Die werden ja wohl nicht hier im Jangtse gefangen worden sein? Die Brühe stinkt wie tausend tote Tümpelkröten, vor mir im Wasser treiben zwei aufgeblähte Wasserleichen: ersoffene Katzen, eine grau-weiß, eine braun. Eine von ihnen stinkt bereits mächtig gegen den Wind. Auf der Flanke, die aus dem Wasser ragt, sitzen hundert Fliegen.
Ich mache mich vom Acker und zum Yuejiang-Turm auf, der unweit des Jangtse-Ufers auf einer 60-Meter-Anhöhe thront. Ich komme unterwegs durch enge Altstadt-Gassen, die genau so sind, wie man sich das alte China, also das China vor der großen kapitalistischen Wende, vorstellt: enge Alleen mit Wäsche an den Fenstersimsen und Chinesen, die vor der Hütte auf Schemeln sitzen und sich mit Brettspielen die Zeit vertreiben. Ich strande zweimal in einer Sackgasse. Einmal verweist man mich des Grundstücks. Zugwaggons stehen hier auf dem Abstellgleis. Über still gelegte Eisenbahnschienen gelange ich schließlich doch noch auf den rechten Weg. Allerdings verirre ich mich zunächst noch in den uninteressanten Jinghai-Tempel unterhalb des Hügels. Dann aber kann ich die Stadt endlich unter mir lassen. Auf der Mauer, die den Turm-Hügel umgibt, raste ich und fange mir prompt zwei Moskitostiche ein. Schließlich erklimme ich den Gipfel und die sechs Etagen des Turmes, die als Ausstellungshallen dienen. Die Aussicht ist imposant, obwohl die aufziehende Gewitterfront den Blick und das Wohlbefinden doch zusehends trübt. Rund um den Turm flaniert eine Gruppe von Soldaten in Uniform. Die haben anscheinend schon Wochenende und stehen nun überall im Weg. Um sechs mache ich mich auf den Rückweg.
Vor dem beginnenden Regen fliehe ich in ein KFC-Restaurant. Danach will ich zum Hauskreis, aber auf der Bank vor dem Klohäuschen, das ich noch schnell aufsuchen will, bevor ich in Bus Nummer 100, den Doppeldecker-Bus, steige, spricht mich ein junger Mann an und ich komme zwanzig Minuten zu spät. Der Hauskreis ist nicht zu Hause, ich weiß nicht, wo sie tagen. Also gehe ich unverrichteter Dinge nach Hause und schaue den Scorsese-Klassiker „Zeit der Unschuld“.
Schöngeistiges mit Schildkröte in Schüsselchen
Noch ein Termin: Am Abend bin ich in einem feudalen Restaurant am Xuanwu-See dabei, als sich die Gäste – Marcel Beyer und seine Schweizer Freundin sind bereits abgereist – mit Vertretern des Yilin-Verlags treffen, des wohl angesehensten Verlags der Stadt. Ich bin bereits ein Begriff für die Cheflektorin, die beim Essen neben mir sitzt. Denn einerseits hat Professor Hong, der für den Verlag die „Pariser Lehrjahre“ übersetzt hat, jenes Buch, für das er mich vor drei Tagen letztmals kontaktiert hat, sich bereits lobend über mich geäußert und außerdem arbeiten auch noch zwei jüngere Kollegen des Deutsch-Instituts nebenher als Übersetzer für den Verlag, dessen Programm sich liest wie das kleine Einmaleins der europäischen Literaturgeschichte. Im Programm sind übrigens auch die NARNIA-Bücher von C.S. Lewis. „Harry Potter“ musste man indes der Pekinger Konkurrenz überlassen. Die Lektorin, Frau Lu, die ebenfalls bestens Deutsch spricht, ist eingeklemmt zwischen mir und dem Walser-und-Wolf-Biografen und kann keinen Widerspruch wagen, als wir den abwesenden Herrn Beyer unisono zum „kommenden Mann“ der deutschen Literaturszene erklären. „Da kommt noch ein großer Wurf“, töne ich und lasse das klingen, als sei nur Marcel Reich-Ranickis Urteil noch maßgeblicher als das meine. Und Herr Magenau kann das natürlich nicht anders sehen. Dass ich gerade auf Seite 200 seiner Walser-Biografie bin, hilft natürlich auch, solche Übereinstimmungen zu erzielen. Dass ich Marcel Beyer vor einem Jahr nur vom Hörensagen kannte, muss ja hier keiner wissen. Stattdessen gebe ich lieber zu: In dieser Liga mitspielen zu dürfen (und auch zu können) bereitet mir einen Heidenspaß! Die Schildkröte im Schüsselchen rühre ich dagegen nicht an und mache mich lieber über die Datteln mit Reiseinlage her, die auch Professor Kautz so sehr zu schätzen weiß.
Nach so viel Fachsimpelei über Schöngeistiges wage ich natürlich kaum von meinen eigenen bescheidenen Ambitionen als Schriftsteller für Jugendliteratur zu reden. Auf dem Weg zurück am See entlang komme ich mit Frau Lu aber doch noch über dieses und jenes ins Gespräch. Man sollte mal in Verbindung bleiben, findet sie. Dem freundlichen Übersetzungs-Professor habe ich zum Abschluss noch eine Briefsendung nach Deutschland mit auf den Weg gegeben und ihm das Buch von Echo untergejubelt, ein Geschenk, das er ja ohnehin viel besser verwerten kann als ich.
Im Regen stehen gelassen
Da haben sie mich im Regen stehen lassen, die Gäste, die ich am Südportal des Uni-Geländes erwarte, um sie zum Vortragssaal unseres Sprachlehrgebäudes zu führen. Aber keiner kommt. Stattdessen kommt der große Regen. Da muss ich jetzt durch. Ich sage dem Pförtner Bescheid, dass ich anderswo nach den Gästen Ausschau halte. Doch auch am Südportal in der Guangzhou Lu ist keiner zu sehen. Dann folge ich einer Eingebung und haste schnell auf mein Zimmer, um zu telefonieren. Katja meldet, dass das Taxi eine Viertelstunde Verspätung habe. Ich verständige rasch die Institutsleiterin, werfe mir meine Regenjacke über und zurück geht’s zum Portal. Schließlich treffen die werten Gäste ein. Aber - o Schreck! - es fehlt an Schirmen. „Wenn wir fünf Minuten durch den Regen müssen, sind wir nass!“, ist der Professor überzeugt. Am Ende geht es doch irgendwie.
Im Hörsaal 304 erklärt Marcel Beyer, der an einem Roman vier bis fünf Jahre arbeitet und zwischendurch mit Auftritten dieser Art und Lesungen seine Brötchen verdient, ein paar seiner von den Expressionisten Trakl und Benn beeinflussten Gedichte. Zufällig nehme ich gerade Gedicht-Interpretationen im Unterricht durch und habe - schon weniger zufällig - ein Beyer-Gedicht als Hausaufgabe aufgegeben. Aber ich muss doch Studenten direkt aufrufen, ehe sie sich trauen, endlich zu fragen, was es mit Marcels Gedicht Schnee denn nun eigentlich auf sich hat. Danach sind wir endlich alle schlauer: Lyrik ist, lernen wir dann, wenn man erst so ganz versteht, worum es in den Versen geht, wenn man den Dichter fragen kann. Freimütig gesteht der Dichter außerdem, von Metrik nicht viel zu verstehen und eher assoziativ zu seinen Versen zu kommen.
Nach dem Mittagessen im Uni-Restaurant referiert der Journalist und Literaturkritiker Jörg Magenau über seine Arbeit an den Biografien von Christa Wolf und Martin Walser: Schriftstellerkarrieren in Ost und West ist sein Vortrag überschrieben. Noch ein Zufall: Die Fachbereichsleiterin hat seinerzeit ihre Magister-Arbeit über Christa Wolf geschrieben und kann also kräftig mitmischen. Die meisten Reaktionen aber erntet schließlich Professor Kautz, der in den sechziger Jahren für die Botschaft der „DDR“ als Übersetzer und Dolmetscher tätig war und Persönlichkeiten getroffen hat (Chou En-lai), die heute in China legendär sind. Da er aber selbst nach dieser vaterländischen Tätigkeit nicht willens war, in den Sozialistischen Einheitsbrei Deutschlands (SED) einzutreten, galt er fortan im Arbeiter- und Bauernparadies als komischer Kauz und musste sich nach der Rückkehr seinen Lebensunterhalt anderswo verdienen. So wurde der studierte Sinologe Experte für literarische Übersetzung aus dem Chinesischen. Als die Mauer fiel, hatte er gerade einen Preis für eine seiner Übersetzungen gewonnen und darauf mit seiner Frau so oft mit Sekt angestoßen, dass an eine Autofahrt zum Ort des historischen Geschehens nicht mehr zu denken war.
Geschickt garniert der Siebzigjährige seine Anekdoten mit chinesischen Wörtern, was ihm die ungeteilte Sympathie der Studenten einbringt. Da ist doch der Regen von heute Morgen glatt vergessen!
Im Café-Séparée
Die große Woche ist gekommen, der mutmaßliche Semester-Höhepunkt mit dem Besuch der drei Gäste, die die Bosch-Stiftung im Rahmen ihrer Aktion WORTWECHSEL nach China gelockt hat. Neben dem renommierten Autor Marcel Beyer (siehe Eintrag vom 23.10.2008), einer Art Stenzi mit Locken und noch etwas mehr literarischem Talent, sind der Martin-Walser-Biograf Jörg Magenau und der Übersetzer chinesischer Autoren Professor Ulrich Kautz zu Besuch. Zum Mittagessen treffe ich die Gäste nebst meiner mit österreichischem Charme ausgestatteten Bosch-Kollegin Katja in einem Café in Uni-Nähe. Ebenfalls zu Gast sind chinesische Autoren: eine Kinderbuchautorin und zwei bereits recht angesehene Autoren, von denen sich einer als Bayern-Fan zu erkennen gibt, sowie die reizende Nachwuchsschriftstellerin Liu Min, die ich nach Danyu alias "Echo" frage, deren Bekanntschaft ich ja ebenfalls kürzlich gemacht habe. Tatsächlich kennt sie ihre Kollegin. Na, sage ich, dann können wir uns ja demnächst zu einer Autorenrunde treffen, wenn Echo wieder aus Chicago zurück ist, und tausche noch rasch Visitenkarten aus.
Einige Studenten haben sich zu dem eher informellen Austausch ebenfalls eingestellt. Wir sitzen in einem Séparée des Cafés, abgetrennt vom Rest des Planeten durch einen Diskretionsvorhang. Um halb vier eile ich zum Bibliotheksdienst. Dort stellt sich umgehend Professor Hong mit den Druckfahnen seiner Übersetzungsarbeit zu dem Skandalbuch von Nicolaus Sombart, "Lehrjahre in Paris", ein. Er hätte da noch mal 'ne Frage... Ich übersetze schnell einen französischen Satz in der Schreibweise des 16. Jahrhunderts und als Lohn kündigt Hong prompt wieder eine Einladung zum Essen an. Ich weise ihn auf das Treffen hin, das ja parallel einen Steinwurf entfernt weitergeht, dort könne er einen deutschen Übersetzer treffen, doch Hong glaubt, da passe er nicht rein. Er ist ein Eigenbrötler.
Internationales Gartenfest
Karls früherer Kollege Michael ist auch eingeladen zur Garten-Party und nimmt mich freundlicherweise mit. Er holt mich am „John-Rabe-Haus“ ab. (Der deutsche Held von 1937 ist ja mittlerweile auch in Deutschland ein Begriff; der unlängst verliehenen Lola (Deutscher Filmpreis) sei Dank.) Mit seinem schwarzen Passat, chinesische Variante, wartet Michael bereits, als ich am Eingang des kleinen Museums eintreffe. Vorher habe ich rasch für die vier Kinder ein paar Schoko-Tüten eingekauft und dabei noch 30 Yuan gespart, wieso, weiß ich auch nicht so genau. Das Grillfest im Garten von Karls Villa erweist sich dann als hochgradig international. Außer den drei Chinesen Michael, seiner Frau Linda und deren Tochter Jenny, die bereits weitgehend akzentfrei Englisch spricht, finden sich lauter internationale Paare ein. Man kommt sich vor wie beim Grand Prix de la chanson: Italien, Dänemark, Tschechien, England, die Philippinen und natürlich die USA sind neben Deutschland vertreten, weil Liebe angeblich ja keine Ländergrenzen kennt... Etwa zwanzig Kinder tollen in Haus und Garten herum. Karl und Charlotte haben ein großes Trampolin gekauft, das zieht auch an anderen Tagen die ganze Nachbarschaft an. Die meisten Gäste sind übrigens auch Nachbarn. Alle leben sie in dieser Wohnkolonie, die fast ausschließlich von so genannten ausländischen Fachkräften besiedelt wird. Die deutsche Ärztin Rita gibt mir ein paar Tipps, wie man sich gegen Mücken wehren kann. Ich glaube nicht, dass es hilft.
Zum Fußball im Garten kommt es auch noch. Ich versuche mich als Torwart und kassiere ein Ding nach dem anderen. Allerdings geht es ja hier nicht um die Wurst, die ist schon vertilgt. Zum Glück war ich vorausschauend genug, noch ein Extra-Hemd mitzubringen, denn man schwitzt bei den 33 Grad, die wir heute haben, schon im Sitzen.
Die Rückkehr der Bestie
Die Bestie ist zurück, die Bestie Hitze mit dem siebenköpfigen Monster Skito (abgekürzt Mo. Skito) im Gefolge. Täglich klettert das Thermometer vor meinen fassungslosen Augen, seit der Mai gekommen ist, ein bis zwei Grad höher und ich frage mich, wohin das noch führen soll. Zu Mücken natürlich. Und die halten sich mal wieder an keine Regel, stechen mich tagsüber draußen nicht weniger als nachts drinnen. Und da! Da war schon wieder eine. Fliegt direkt hier am Bildschirm vorbei und streckt mir die Zunge raus. Unter Loriots Filzlaus-Mikroskop hätte man das sehen können! Die halten sich an keine Regel. Sie dringen nachweislich durch verschlossene Fenster ein, wirklich! Da muss irgendwo eine 0,2 Nanometer große Ritze sein oder sie fliegen unter dem Klimaanlageschlauch durch. Und wer hat eigentlich diesen Mist erfunden, dass Mücken erst am Ende des Sommers saugen, weil sie das Menschenblut für das Ausbrüten ihrer Eier brauchen? Welcher Konrad-Lorenz-Superbesserwisser-Verhaltensforscherspinner hat diese Legende in die Welt gesetzt, die Menschen wie mich in falsche Sicherheit wiegt? Alles Quatsch! Die saugen aus purer Lust an der Freud'. Und die saugen auch nicht einmal und dann ist fertig. Nein, die sind wie Säuglinge. Die schlürfen etwas, dann haben sie plötzlich keinen Appetit mehr, rülpsen erst mal und wollen lieber spielen statt trinken und dann haben sie auf einmal wieder Hunger und stechen noch mal. Ergebnis: Mein linkes Bein ist übersät mit kleinen ekligen Pusteln in Kniekehlen, am Fuß, am Bein, vornehmlich im Wadenbereich. Hinzu kommt, dass man ja bei dieser elenden Hitze auch nicht mehr weiß, ob es juckt, weil überall Schweiß aus den Poren kommt, oder ob das der neueste Anschlag von Monster Skito ist. Überhaupt jucken Mückenstiche im Sommer viel mehr als im Winter. Und wer hat eigentlich den Mist erfunden, dass Mückenstiche nicht jucken, wenn man 24 Stunden lang Übermenschliches leistet und heldenhaft wie ein Iron Man aufs Kratzen verzichtet oder die Stiche mit Seife einreibt? Alles Quatsch.
Was? Juckt euch alles nicht? In Deutschland gibt es jetzt noch keine Mücken? Na, vielen Dank!
Also Themawechsel. Passend zur Hitze bin ich jetzt in einem Hauskreis mit lauter Afrikanern gelandet, die sich in einem Wohnheimzimmer der Universität für Pharmazeutik treffen. Wenn die kleine Ruby (Tochter des Simbabwers Martin) mal nicht kräht wie eine Trillerpfeife mit kaputter Kugel, dann kann man auch ganz gut hören, was die Geschwister im Herrn aus Gabun, Kamerun, Simbabwe und Sambia zu erzählen haben. Ich finde es natürlich grandios, dass das Leben mich auf so einen Hauskreis durch 18 Monate Westafrika vorzubereiten wusste. So fällt mir die Integration in diesen speziellen Kreis, in den sich immer wieder Afro-Französisch einschleicht, obwohl offiziell in Englisch getagt wird, natürlich nur halb so schwer. Und an Zufall glauben, wie ich gerade las, ja nur Ignoranten.
Viel los diese Woche: Gestern haben mir Kollegin Katja und ihr Freund Gerald, soeben von wichtigen Treffen in Deutschland zurück, geholfen einen Gutschein einzulösen, den ich erhielt, als Liu Chao im ausstellenden Restaurant in meinem hilfreichen Beisein ihre Energiekrise bekämpft hat. Dadurch, dass wir 100 Yuan Verzehrkosten überschreiten, werden uns nun 50 Yuan erlassen. Am Ende zahle ich aber trotzdem über hundert Yuan. Wo ist da denn nun die Ersparnis? Naja, und morgen geht's zu einer Gartenparty, zu der Ex-Mitschüler Karl von B. geladen hat. Ich freue mich schon auf Fußball mit den Kindern im Garten.
Mittags habe ich mit einer Kollegin zu Mittag gegessen. Sie fühlt sich manchmal ein bisschen marginalisiert in der Gruppe der Lehrer. Da gibt es auch Irritationen über Fachbücher, die, ohne sie zu konsultieren, angeschafft wurden - kleine Kompetenzrangeleien wie wohl in jeder "Firma". Anlass unserer Zusammenkunft war die Auswahl von sieben Studenten-Kurzgeschichten für einen Verlags-Wettbewerb, darunter so verheißungsvolle Titel wie "Di-Da-Di" (Platz 6 für den originellen Mobiltelefon-Krimi), "Eine Klingel in der Nacht" (eine Gruselgeschichte, Platz 5) oder "Huzi" (1. Platz). "Huzi" ist die Geschichte eines alten Mannes, dessen Hund Huzi gestorben ist und der sich vereinsamt fühlt, nachdem seine Frau gestorben ist und er auch von Sohn und Schwiegertochter nicht so richtig willkommen geheißen wird. Nach Auskunft der Autorin musste sie selbst beim Schreiben weinen (oder fast), denn es handle sich um eine wahre Geschichte.
Ja, auch ich breche viel lieber in Tränen aus wegen einer bewegenden Geschichte als wegen desaströser Grammatik. Das ist aber auch bei den Aufsätzen, die ich im Rahmen der Zwischenprüfungswoche diese Woche schreiben ließ und heute korrigiere, zusehends weniger der Fall. Auch die Klausur zur "Zeitungslektüre" (brandaktuelles Thema: Klinsmanns Rauswurf; im März haben wir noch ein Interview mit dem optimistischen Bayern-Trainer behandelt, welche Dramaturgie!) ist gut ausgefallen. Da sind schon einige Fortschritte zu ... Siehst du, jetzt hat sie mich erwischt: Diesen Stich auf der Innenseite des linken Unterschenkels hatte ich doch eben noch nicht, oder? Und warum eigentlich immer links?
"Xiexie, Yijie!"
Nachdem ich heute nach dem Unterricht noch mal nachgefragt habe, schickt Klassensprecherin Yijie endlich das Gruppenfoto von der Tour zum Fantawild-Park (sin-o-meter berichtete), DER Alternative zum Wildpark Eekholt. Ich schreibe prompt zurück: "Xiexie, Yijie!" (übersetzt: "Danke, Cecilia!").
Links von mir: Wu Yu, Xinhang und (halb kniend) Feiqian, hinter mir die Computer- Jungens. In der Mitte rechts von mir: Hao Hui, Youjin und Du Li.
Untere Reihe links von mir: Yang Liu, Yi Xuan und Xin Liu.
Untere Reihe rechts von mir: Liu Chao, Yijie mit (Sonnenbrille und) Wang Dan, Xi Min und Yinyin mit Minmin.

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