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ALLLÖEs sInnlos
GERadehabIchMEINETastaturzertrümmert,weIlderFCBSCHONWIEDERverlorenhAt. Nach3NIederlagenIn folge befIndeIch mIchIN eInerDauerdepreSSIon und werdehIer erst wIeder schreIben, wennder FC B endlIch auf einerCL_PosItIon steht!!! AlLES SINnlos!
Schlechte Laune

Sie kann sich vor Verabredungen mit dem netten Ami namens Paul kaum noch retten. Ein paar andere Sachen hatte sie diese Woche auch noch vor, meine Sprachlernpartnerin Cathy. Gestern hat sie ihm abgesagt. Heute Nachmittag taucht er auch in unserem Café auf (wo ich sie vor zwei Wochen einander vorgestellt habe) und setzt sich ein paar Tische weiter drüben hin, grüßt sie aber nicht. Dialogausschnitt:
"Wieso grüßt er denn nicht?"
"Hat dich nicht gesehen."
"Klar hat er. Ich habe ihn doch auch gesehen."
"Wenn du ihn gesehen hast, wieso hast du ihn dann nicht gegrüßt?"
"Du versteht von Frauen nicht mal 50 %!"
"Kann sein, ich hatte ja nie eine Schwester."
"Ist er noch da?"
Leider ist Cathy immer nur mittelmäßig gelaunt, wenn sie in schwierige Geschichten gerät ("I cannot say no to a man!"), deswegen muss ich heute im Sprachtraining wieder ganz schön einstecken, ehe ich mich dann bei meiner Deutsch-Lektion revanchiere. Anschließend schleppt sie mich in ein Restaurant mit, wo sie sich mit einer Freundin verabredet hat, die sie irgendwie anstrengend findet; ich fungiere als Puffer. Die Freundin, die einen tschechischen Freund namens Martin Draga hat, der zur Zeit nicht da ist, erweist sich dann doch als recht patent und findet mich "cute", was sie so oft wiederholt, dass ich es auch garantiert nicht für einen Ausrutscher halte. Fanden meine Studenten auch mal, erwidere ich, bis sie Noten von mir bekamen...
Werte Gäste
Schon wieder Essen mit dem Kollegium. Anlass sind drei Gäste: das Professoren-Ehepaar Paul mit Sohn (der bei uns als Aushilfslehrer tätig ist, so ein Zufall!), das Vorträge halten wird, und ein Ex-Deutsch-Lektor der Uni Schanghai, der unter chinesischen und osteuropäischen Studenten eine Studie zur Evaluation des Deutsch-Niveaus durchführt. Der sitzt neben mir und wettert auch schon wieder gegen Guttenberg. Ich erwidere, dass ich es schlimmer finde, wenn einer Steine auf Menschen geworfen hat, die diese gefährlich am Kopf hätten verletzen können. Von einem Rücktritt des früheren deutschen Außenministers ist mir in dem Zusammenhang nichts bekannt geworden, von einer Entschuldigung auch nicht. (Mehr dazu hier.) Aber das findet der mutmaßliche 68er-Sympathisant mit Blick auf den armen, alten Professor,der so brutal getäuscht wurde, natürlich nicht so der Rede wert. Wahrscheinlich glaubt er auch noch, Ho-Chi-Minh hätte weniger vietnamesische Zivilisten auf dem Gewissen als die US-Armee. Den Linken ist eben einfach nicht zu helfen. Außerdem fragt er mich, wo man denn in Nanjing einen drauf machen könne. Ich winke ab. Ich sei im Grunde ein langweiliger Typ und hätte nichts übrig für Geselligkeit in lauten Hütten. "Wir können uns ja die Woche noch mal treffen", schlägt er zum Abschied der Runde vor, in der es natürlich auch noch um heiterere Dinge ging, aber ich habe keine Lust. Ich habe jetzt 16 Semesterwochenstunden Unterricht, teile ich wahrheitsgemäß mit! Soll er sich doch'n paar Ewig-Linke suchen und mit denen durch die Bars tingeln.
Mausetot
Mein Computer raubt mir noch den letzten Nerv! Ständig verweigert er mit der billigen Ausrede "virtual memory too low" die Zusammenarbeit. Jetzt haben sie mir eine neue Mühle gekauft, einen tragbaren Computer, aber die ganzen Installationen sind auf Chinesisch, ich kann das Ding nicht ans Internet anschließen und die Maus blinkt einmal kurz auf, danach gibt sie keinen Pieps mehr von sich. Mausetot sozusagen. Der mir bereits mehrfach zugesagte Installations-Assistent (eine lebende Person) sagt ständig ab. Schließlich habe ich die Nase voll und trage bei meinem E-Mail-Programm qua Abwesenheitsschaltung ein, dass ich keine Anhänge mehr öffnen kann. Wenn die Uni nicht dafür sorgt, kann ich eben auch meine Computer-basierte Arbeit nicht mehr vernünftig ausüben!
Am wichtigsten ist auf'm Platz!
Tennis-Kumpel Alain ist in der Dusche ausgerutscht und kann momentan kein Tennis spielen. Er hat sich den kleinen Finger der rechten Hand am Klobecken aufgerissen. Cathy springt ein. Die schlägt zwar nicht so doll, aber ich kann dann besser retournieren. Erst mal müssen wir aber qua Telefonanruf beim Tennismeister die sturen Jungs vertreiben, die den Platz nicht räumen wollen. Schnöseltruppe! Cathy hält dem einen resolut das Telefon ans Ohr. "Noch zwei Bälle!", sagt er.
45 Minuten später taucht der schriftstellernde Amerikaner Paul auf, der offenbar (so empfindet sie es) ein Auge auf sie geworfen hat. Am Wochenende haben wir mit Paul und einem befreundeten Pärchen Karten gespielt und ich habe mich so dusselig beim Kartenhalten und Regelverstehen angestellt, dass jeder neben mir aussah wie Cincinnati Kid. Das gilt insbesondere für Paul und Cathy, die heute (Cathys freier Tag) schon wieder zocken wollen, weswegen Cathy schon die ganze Zeit nervös auf die Uhr blickt. "Ich verspäte mich! Der redet nie wieder mit mir!" Dann ist er aber plötzlich da, schaut noch ein paar Minuten zu und Cathy haut mir plötzlich mit solcher Wucht die Bälle um die Ohren, als hätte sie beim letzten Bällesammeln heimlich eine Ladung Kryptonit eingeworfen. Aber ich weiß schon, was kommt: Am Sonnabend jammert sie mir wieder vor, er sei nicht ihr Typ, was solle sie machen, sie könne nicht nein sagen, wenn ein Mann sie einlade. "Du bist ein wirkliches Mädchen", sage ich dann immer.
Note und Elend
Heute steht also die gute Su während der Bibliotheks-Öffnungszeit reumütig vor meinem Schreibtisch. Ich kann's schon nicht mehr hören: "muss mich entschuuuldigen ... keine Zeit ... so viele andere Prüfungen" etc. Immer dieselbe Leier!
Fein raus ist Su trotzdem, denn ihr schwache Leistung fällt unter den Tisch, und zwar komplett. Und das geht so: Gestern beim Essen mit den anderen Lehrkräften des Deutsch-Instituts(das Kind von des Kollegen Li ist hundert Tage alt geworden, da gibt man einen aus!) hatte ich der für die Noten zuständigen Kollegin bereits eröffnet, dass es mit Sus Arbeit nicht weit her sei. Und dabei musste ich erfahren, dass sie die Endnoten bereits eingetragen hat und nicht mehr ändern kann.
Der Reihe nach, damit jeder sin-o-meter-Leser den Fall versteht: Vier Studentinnen erhielten Ende des letzten Semesters die Genehmigung eine schriftliche Arbeit erst zu Beginn des neuen Semester abzugeben, weil sie unter extremer Prüfbelastung standen. Doch die Uni-Verwaltung spielt nicht mit und fordert die unverzügliche Festlegung der Noten. Die Kollegin rechnet den Durchschnitt der von mir bisher aus Tests und Mitarbeit ermittelten Noten aus und trägt das ein - unabänderlich. Was mir die vier Kandidatinnen also jetzt, fünf Wochen später, abgeben, kann der letzte Müll sein, an der Note ändert das nichts mehr. Da kann man dann schon mal am Sinn von Leistungsnachweisen zweifeln.
Auch sonst ist mein Leben farbig, mitunter zu farbig. Mein Computer öffnet bestimmte Dateien nicht mehr, dafür hat er angefangen, für einge ungeöffnete Dateien aus unerklärlichen Gründen statt Schwarz eine blaue Schriftfarbe zu verwenden. Das ist wohl kein so gutes Zeichen. Schon die ganze Woche über liege ich dem Auslandsamt der Universität in den Ohren mit dem Begehren, mir doch einen neuen Computer zu gewähren. Bisher Fehlanzeige.
Danke, Dr., äh, Guttenberg
Deutschlehrer in China können sich auf der Internetseite "Deutsch-lehren-China.org" zum Fall Guttenberg äußern. Mein Kommentar:
1. Chinesen sehen, wie ernst es in Deutschland genommen wird, wenn jemand schummelt. Und viele Politiker aus China sind insgeheim froh, dass sie nicht in D. promoviert haben. Und Quertreiber wie der Prof. aus Bremen, die würden wohl, naja...
2. Das Thema wird ernster genommen, weil man ja sieht, wie streng in der westlichen Öffentlichkeit damit umgegangen wird. Will man in der Bildung wirklich auf West-Niveau kommen, muss man hier aufholen.
3. Unsere Arbeit wird leichter, denn wir haben hervorragendes Anschauungs- und Unterrichtsmaterial, das wir benutzen können, um zu sagen: Schummeln geht nicht.
Fazit: Danke, Dr., äh, Guttenberg.
Guten Tag, Guttenplag!
Nicht nur dieser ominöse Plagiatjäger aus Bremen spürt Internet-Kopien auf, auch zu meinem Tagesgeschäft gehört dies, weshalb ich meinen Studenten des letzten Jahres mit Blick auf die in den nächsten Wochen abzuschließende Bachelorarbeit anlässlich des gestrigen Unterrichts gleich ein paar bei tagesschau.de kopierte Texte zur Guttenberg-Affäre zusammengestellt habe (selbstverständlich mit Quellenangabe), darunter das aufschlussreiche Interview mit einem Plagiatjäger. Motto: Wenn bei uns ein Minister wegen so was Stress kriegt, kriegt ihr aber hier an der Uni erst recht Stress, wenn ihr nicht ordentlich zitiert! Aber dann - o Graus! - gibt mir Studentin Su direkt nach dem Unterricht einen verspäteten Text (Teil der Abschlussarbeit) ab, bei dem zwei Drittel aus nur einer Quelle stammen - wörtlich abgeschrieben, ohne Fußnote, ohne Anführungszeichen. Guten Tag, Guttenplag!
Tweety

Sie hat die Stimme des Kanarienvogels Tweety aus "Tweety und Sylvester", sie kann eigentlich gar nicht richtig Deutsch, lernt das irgendwie in so'm Abendkurs. Sie will Moderatorin im Fernsehen werden. Und sie leiht sich ständig irgendwelche Bücher aus, die entfernt etwas mit Fernsehen zu tun haben (z.B. "Filmanalyse" oder "Schönheit") und von denen ich kaum glauben kann, dass sie sie versteht. Manchmal leiht sie auch gar nichts aus. Wenn ich in meiner Bibliothek ein Buch für sie im Computer eintrage, beugt sie sich so über mich, dass mir ihre schwarzen Dauerwellen fast ins Gesicht hängen, und wenn sie schließlich geht, wirft sie mir an manchen Tagen diese schlagersängerhaften Kusshände zu: Xige, die sich auch Charlotte nennt, ist wieder mal eine von den Personen, für die man nach China kommen muss, um sie kennen zu lernen. In Deutschland würde es so was nicht geben. Bisschen peinlich ist mir, dass die Erdnüsse noch in der Schublade liegen, die sie mir letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hat. Ich schiebe die Lade, in der ich was gesucht habe, schnell wieder zu. Charlotte hat sich eine Probepackung von Chanel No. 5 kommen lassen. Sie führt mir den Umschlag vor wie ein Zirkusdirektor springende Löwen und fragt, ob das gut rieche. Eingedenk des Nebels, mit dem Du Li vor der Weihnachtsfeier hier auftrat, lasse ich mich zu der Aussage hinreißen: "Das ist mal ein Duft, der hat Klasse!" Dabei verstehe ich doch von so was gar nichts!... Ansonsten strapaziere ich aber immer gern Charlottes Geduld und lasse sie endlos warten. Die Eskapaden der verhaltensauffälligen Schriftstellerin Danyu (sin-o-meter berichtete) hängen mir schließlich noch nach. Daher: immer schön reserviert bleiben und auf den Computer gucken!
Michael in Nöten
Abends auf Michaels Party habe ich mich längst wieder beruhigt. Michael, dem sonst so agilen Engländer, geht es nicht gut. Seine dritte Frau, die offenbar depressiv oder neurotisch oder beides gleichzeitig ist (sin-o-meter berichtete), nimmt ihre Medikamente nicht. Dass sie knapp dreißig Jahre jünger ist als er, mag auch eine Rolle spielen. "But I cannot divorce her", stöhnt Michael, der seine eigene Party schon um acht verlässt, "because in China you're not allowed to divorce a mentally disturbed person. She is not responsible." Inzwischen sieht man Michael immer öfter mit seiner Ex-Frau, also der zweiten. Der ersten Chinesin. Jennifer im heimischen England (Nr. 1 von allen) redet ja nicht mehr mit ihm. Jedenfalls nicht so richtig viel. Woran man wieder mal sieht, dass ich in punkto Lebensplanung bisher alles richtig gemacht habe. Gegen halb neun setzen sich Floria, die soeben ihre von mir seit Weihnachten verwahrte Tupperdose (sin-o-meter berichtete) in Empfang genommen hat, und Party-Stammgast Leo ab in Richtung einer anderen Englisch-Party und wollen mich mitschnacken; ich habe aber keine Lust und gehe zu Fuß nach Hause.

Böse gewesen
Nein, man kann es nicht entschuldigen. Ich bin böse gewesen. Es ist keine Entschuldigung, dass die Tante, die ihre Sachen da am Eingang zur Tartanbahn auf einer Decke ausgebreitet hat, gewiss keine Lizenz hat, hier Handel zu treiben. Dass ich zwanzig Runden lang davon genervt worden bin, dass Leute die Tartanbahn am Wutaishan-Sportplatz zum Spazierengehen nutzen und mir auf irgendeiner der Bahnen immer im Weg stehen, ist auch keine Entschuldigung. Und beim Schlussspurt, den ich ja brauche, um auch meine Sprintfertigkeiten in Schuss zu halten, und bei dem ich immer von der Bahn direkt ins Freie laufe, muss sicher auch nicht über diese blöde Decke führen, aber man sucht eben atemlos und bei hohem Tempo den kürzesten Weg und am Ausgang standen überall Leute, die man ja nicht einfach umrennen darf... Kurzum, ich bin auf irgendein Kinderspielzeug getreten. Und während ich also Richtung Basketballhalle auf dem Parkplatz auslaufe, höre ich plötzlich die untersetzte Verkäuferin irgendetwas hinter mir her rufen. Und in mir bildet sich spontan diese aggressive Attitüde etwa folgenden Inhalts: "Die Alte machst du jetzt so klein mit Hut. Dass der Ausländer total austickt und sie anschreit, damit rechnet sie gewiss nicht." Da steht sie auch schon hinter mir. Ich dreh' mich um. Sie hält mir irgendwas Rosafarbenes in transparenter Plastikfolie vor die Nase. Da bin ich also raufgetreten. Vermutlich soll ich das jetzt kaufen. Ich werd' ihr was husten! Und wieder einmal schaffe ich es, dass alle Anwesenden, die Verkäufer von Wasser und Tennisschlägern in den kleinen Läden links, sämtliche Spaziergänger, Kinder, Rentner, Raucher, Freizeitsportler an den Geräten rechts, Frauen mit und ohne Hündchen, in ihren Bewegungen wie durch den Einsatz eines Zyklostrahls erstarrt, mich anglotzen wie E.T., den Außerirdischen. Denn ich bin ein Amok laufender Ausländer, der die Gelegenheitsverkäuferin anbrüllt, was sie denn hier ihren Tinnef verkaufen müsse, das sei hier ein Sportgelände und kein Marktplatz. Wolle sie was verkaufen, solle sie doch woanders hingehen! Leider schimpfe ich auf Chinesisch nicht gut. Weiß der Geier, ob irgendwer verstanden hat, was ich sagen wollte. Ausrastende Menschen treffen ja oft nicht mal in Deutsch den richtigen Ton. Sprachlos habe ich die Tante nun allerdings wahrlich nicht gemacht. Sie keift, ihrerseits die Tonlage drastisch erhöhend, zurück (ich verstehe kein Wort). Dann zieht sie aber doch unverrichteter Dinge ab. Wer weiß, ob der ausländische Teufel nicht noch handgreiflich wird (in einem kurzen Aufblitzen meines bösen Ichs sehe ich mich ihr das rosa Teil aus der Hand reißen und darauf wie wild herumspringen). Ich werfe ihr noch etwas auf Französisch hinterher (ich fluche oft auf Französisch, es klingt irgendwie ästhetischer und mein Wortschatz ist auch viel besser). Dann bin ich weg.
Zu Hause wundere ich mich, woher ich nach dem Schlussspurt noch so viel Luft hatte. Das bedeutet eigentlich, dass ich mich nicht voll verausgabt habe. Außerdem fühle ich mich böse. Die Bibel hat Recht: Das Trachten des Menschenherzen ist böse von Jugend auf. Und wir ermangeln des Ruhmes, den wir bei Gott haben sollten. Sogar ich, Didus I. Eine Ausrede gilt aber dann doch: Ich hätte der Tante das rosa Teil auch ohne Adrenalin-Explosion nicht bezahlen können. Beim Laufen bleibt (neben den guten Sitten) auch das Portmonee zu Hause.
Per aspera ad Aufschlag
Heute geht es meinem Magen-Darm-Trakt schon besser (ist auch nichts mehr drin), wir haben fünfzehn frühlingshafte Grad. Aber der Betreiber des Uni-Tennisplatzes ist nicht zu sehen. Ich überrede Alain, meinen französischen Kollegen, nicht ganz ohne Mühe, über den Baum auf den Maschendrahtzaun zu steigen und dann auf der Innenseite des Zauns wieder hinabzusteigen. Der Seiteneinstieg ins Tennis gelingt. Die Jungs, die um zwei Uhr mit Schlüssel hereinspaziert kommen, staunen nicht schlecht. Leider nicht über meinen Aufschlag. Apropos schlagen: Wir müssen noch 13 Tage tot schlagen, ehe der Unterricht wieder beginnt...
Zum Glück sind die Bücher für meine Bibliothek gekommen: dreißig Werke der zeitgenössischen Liteatur. Ich lese "Schuld" an zwei Tagen durch, es folgt "Der Himmel ist kein Ort".
Zurück in Nanjing
Ich habe wohl zu viel Braun gesehen und muss noch vor der Ankunft in Nanjing das ach so unbeliebte Zug-WC aufsuchen, das ja nur ein feuchtes Loch im Boden ist. Oder ist mit den Kunminger Eierkuchen was faul gewesen, von denen ich mich seit zwei Tagen ernähre? Ich komme um halb elf an und fahre gleich mit Gepäck vom Bahnhof per U-Bahn weiter in den GoDi von St. Paul's (drei Sonntage in Folge ohne GoDi, das geht nun wirklich nicht) und nerve anschließend Emilie alias Li Yuan, die gerade eine Horde Amerikaner um sich geschart hat, nerve sie also, da sie ja beim "Carrefour" mit dem Einkauf zu tun hat, mit meinem Vaniltrunk-Päckchen. Sie solle doch mal dafür sorgen, dass man so was künftig auch in Nanjing kaufen könne. Emilie macht mit ihrer Digital-Kamera ein Beweisfoto.
Und dann ist für heute auch Schluss mit Lustig: Der Februar, in dem ich einfach immer krank werde (vor einem Jahr, sin-o-meter berichtete, war es noch schlimmer), holt mich ein und ich verbringe gefühlte 50 Prozent des Sonntags auf dem WC, die andere Hälfte im Bett. Glück im Unglück, dass ich bereits zu Hause bin und nicht, wie im August 2003 auf dem Weg von Yichang nach Yanji, zwei Tage mit Darmkrämpfen vor einem ständig besetzten Zug-WC zubringen muss.

Und schon ist die Reise in die Tropen nur noch eine Erinnerung, aber eine schöne!
Alles schietegal mit Aso & Zial
Alles hätte so schön sein können, wäre nicht nachts in Guiyang Familie Aso in Begleitung ihrer Schwiegermutter aus dem Hause Zial zugestiegen, was ich gleich daran merke, dass man nachts um vier erst mal ein kleines Pläuschchen in keinesfalls gedämpftem Ton hält, wovon ich selbstredend wach werde. Dass um sie herum alles schläft, ist Aso und Zial schietegal. Wäre alles ruhig geblieben, wäre ich wahrscheinlich trotzdem wach geworden, denn Schwägerin Aso ist übergewichtig und hat so lange nicht geduscht, dass mir auf der Pritsche über ihr potenzierter Schweißgeruch in die Nase steigt. Der Aso-Säugling kriegt ständig Schreikrämpfe, nach denen mir auch des öfteren zumute ist.
Als ich morgens in meine Badelatschen steigen will, trete ich in ein Stück Birne. Hoppla, muss da reingerollt sein! Der Boden sieht ohnehin längst aus wie eine Müllhalde. Der freundliche Mann, der mit seinem Sohn zu den Gelben Bergen unterwegs ist, lässt Frau Aso und ihr Kind freundlicherweise auf seiner Pritsche Platz nehmen (weshalb ich nie das Bett unten, sondern immer eins oben oder ganz oben nehme), wofür sich das kleine Pupgesicht gleich bedankt, indem es einen braunen Fleck aufs weiße Laken setzt, wofür dann die zunächst ratlose Zugbegleiterin Abhilfe schaffen muss. Schließlich setzt das Kind auch noch ein Häuflein mitten auf den Boden. Dabei haben sie dem kleinen Büxenschieter doch eine Pampers hinten reingestopft, aber offenbar weiß man im Hause Aso ebensowenig wie im Hause Zial, wie so'n Ding funktioniert. Immerhin: Diesen braunen Fleck machen sie selbst weg. Nachts quartiert sich Schwiegermutti Zial (sie liegt eigentlich über mir in der dritten Etage) verbotenerweise um in das freie Bett gegenüber, 2. Etage, und wird prompt von der Zugbegleiterin erwischt. Es sei wegen des Kindes, redet sie sich heraus, das sei krank. Statt über die Leiter runter- und dann wieder auf der anderen Seite hochzusteigen, macht Frau Zial Turnübungen unter Verwendung meiner Pritsche. Ehe sie mir mit ihren Socken noch aufs Kopfkissen steigt, nehme ich das doch lieber mal weg. Spät nachts zieht sie dann noch mal um, dann wird es ihr aber offenbar zu riskant und sie zieht wieder zurück. Ich glaube wirklich, Aso und Zial sind das erste Mal auf Zugreise! Und du ahnst es nicht: Die Familien Aso und Zial werden bis zur Endstation Nanjing meine treuen Reisegefährten sein. Prost Pup!
Die letzte Mission
Ja, eine Mission habe ich heute, ehe um exakt 16.18 Uhr der Zug K 156 mit mir an Bord die zweitägige Reise nach Nanjing antritt, noch zu erfüllen: Ich muss mich mit den Gelben eindecken. Die gelben Mini-Tetra-Paks, die in meiner Schulzeit von der Firma Alster stammten und mit süßer Vanillemilch gefüllt sind, gibt es in Nanjing nicht. Im Kunminger "Carrefour", auf den ich gestern gestoßen bin, mache ich erst die Verkäuferinnen nervös, weil das von mir gewünschte Milchpaket nicht verfügbar ist, und kaufe dann sämtliche Einzelbestände auf. Im nächsten Supermarkt kommen noch mal acht dazu, sodass ich nun mit deutlich mehr Gepäck die Heimreise antrete, als ich vor drei Wochen bei der Anreise hatte.
Im Zug lerne ich eine sehr kontaktfreudige junge Chinesin aus Ürümqi kennen. Sie steigt nachts um und reist dann zu einer Freundin nach Peking weiter. Das Frühlingsfest ist für sie nicht das große Familienfest, weil ihre Eltern geschieden sind. Die Pritsche gegenüber belegt ein Vater mit seinem (geschätzt) zwölfjährigen Sohn. Sie wollen gemeinsam nach Huangshan reisen und die Gelben Berge erklimmen. Das habe ich schon hinter mir (sin-o-meter berichtete, hier nachzulesen). Der Junge wird mir in den nächsten dreißig Stunden zahllose Löcher in den Bauch fragen. Naja, ist gut für die Sprachpraxis...
Papa John's und Winter's Bone
Jetzt gibt's richtig Stress im Herijun-Hotel: Es gibt fast nichts und das ist dann auch noch vorzeitig alle. Der rundliche Herr nebst Gattin ist sogar noch später als ich zum Frühstücksbuffet erschienen, das bis halb zehn verfügbar sein soll. Aber es gibt nur vier Sorten wässrigen Reisschleim (zwei salzige und zwei süße), die Eier sind alle. Die letzten beiden waren geplatzt und werden gerade von mir verzehrt. Der zähe, saure Salat ist nicht der Rede wert. Getränke: Fehlanzeige. Da kann man schon mal ausrasten und der hungrige Herr tobt sich gleich für mich mit aus. Denn Recht hat er. Das hier, das ist ein Witz. Und wieso werden kurz nach neun schon keine Eier mehr nachgeliefert, wenn man bis halb zehn frühstücken kann? Aber die Bedienung ist nicht klein zu kriegen. Nach wenigen Minuten dampfen er und seine Frau miesepetrig wieder ab. Der Reisschleim wollte wohl nicht rutschen. Ich nehm' dagegen vier Schüsseln. Man muss nehmen, was man kriegen kann!
Auf dem Weg in den "Shulin", den legendären Steinwald (von Wind und Regen in bizarre Formen gemeißelte Felsbrocken) hundert Kilometer östlich von Kunming, gerate ich in eine Krise: Am Anfang bin ich noch guter Dinge und gebe an der Busstation einem deutschen Pärchen, das auf dem Weg nach Jinghong ist, ein paar Tipps. Aber allein schon die halbe Stunde Busfahrt zur Ost-Busstation (Dongzhan) kostet wieder unnötig Zeit. Dann will mir die blöde Gans am Fahrkartenschalter des Dongzhan - klarer Fall von keine Lust, heute am Feiertag zu arbeiten - keine Fahrkarte ausstellen, den Grund verstehe ich nicht. Ich gehe nach unten zum Buseinstieg. Ja, hier fahren Busse zum Steinwald ab, aber es gibt ein furchtbares Gedränge. Vermutlich ist es im Park ähnlich. Außerdem gibt man mir zu verstehen: erst oben Fahrkarte kaufen! Schließlich lasse ich den Steinwald sausen, ich verspüre eine kaum zu bezwingende Reisemüdigkeit in den Gliedern und abgesehen davon habe ich so was Ähnliches schon 2008 in Antequera bei Malaga gesehen.
Ich setze mich in einen Bus Richtung Stadtzentrum, verpasse aber die Kehrwiederspitze, wo ich hätte aussteigen sollen, und befinde mich nach 45 Minuten wieder am Ausgangsort. Soll so sinnlos mein Urlaub ausklingen? Ich lasse mir von der Auskunft noch mal die Station nennen, an der ich aussteigen soll, bitte auch den Fahrer um Hilfe und beim zweiten Versuch klappt es dann schon viel besser. Ich streife ziellos in der Gegend herum, finde eine alte Moschee, die wieder hergerichtet wurde und in der es im ersten Stock einen Gebetssaal gibt - auch das ist das neue China -, schaue mir noch mal Ost- und Westpagode an, die ich zuletzt 2004 besichtigt habe, als Kunming eine Riesenbaustelle war, ganze Viertel hinter Bauzäunen verschwanden, und lande schließlich bei "Papa John's", wo es angeblich die beste Pizza gibt. Aber die Pizza ist so erkaltet wie Papa John's Geschäftsidee. In einem DVD-Laden kaufe ich mir den für vier Oscars nominierten Film "Winter's Bone" fürs Abendprogramm meines letzten Urlaubstages.
Karniggels
Man kann ja nun eines wahrlich nicht behaupten: dass diese chinesischen Schlafbusse Schlafbusse heißen, weil man in ihnen so gut schlafen kann. Dabei habe ich noch Glück: Mein Bus ist ungewöhnlich leer, vermutlich wegen der vielen Zusatzbusse, die im Einsatz sind, damit jeder Chinese rechtzeitig zum morgigen Frühlingsfest zu Hause ankommt. Ich bin unterdessen, obwohl es gerade hell wird, noch nicht mal in Kunming angekommen, jedenfalls nicht im Zentrum. Der Schlafbus hat uns an der entlegenen West-Station abgesetzt. Ich muss mit einem Bus der Kategorie K für fünf Yuan weiterfahren.
Unweit des Bahnhofs finde ich das recht vornehme Herijun-Hotel und schlafe erst mal drei Stunden. Dann geht es mit Bus 44 an den Dian-See. Im Haigeng-Park am Seeufer sind die Möwen los. Kein Wunder: Für 1 Yuan wird den Touristen hier Brot angeboten, das nur ein Ziel hat: Möwenschnäbel. Ich folge der Hubin-Lu und setze hier meinen Anfang Juli 2009 (siehe hier) aus Zeitgründen abgebrochenen Ausflug fort. Am Fuß der Westberge, einem steil am Westufer des Sees aufragenden Massiv, frage ich einen Polizisten nach dem Weg. Da solle es doch auch irgendwo Stufen geben und tatsächlich: Folgt man der Hauptstraße links hundert Meter und geht dann unter der Straßenbrücke hindurch landet man direkt an den Stufen. Als ich am Long Men ("Drachentor"), dem spektakulär in den Felsen gehauenen Tempelareal bin, wird leider schon geschlossen. Nicht weiter schlimm, denn ich finde einen Weg, der noch viel weiter nach oben führt, und lande schließlich auf den steil den Dian-See überragenden zerklüfteten Felsen. Es gibt hier einen netten kleinen Pavillon mit großartigem Blick auf den See und die Stadt dahinter. Ich klettere eine Weile zwischen den scharfkantigen Felsen herum. Auf der anderen Seite des Grats befindet sich eine kleine Beton-Ortschaft.
Als ich wieder hinabsteige, liegt Kunming schon im Dunkeln und ich genieße den zeitgleich mit dem Sonnenuntergang einsetzenden Farbenrausch der Feuerwerke, die überall unter mir wie diese kleinen, bunten Papierregenschirme, die man auf cremige Torten steckt, aus den Straßenschluchten hervorgeschossen kommen. Gegen neun sitze ich wieder in Bus 44. Wer jetzt draußen ist, werkelt unter Garantie an Feuerwerkskörpern herum.
Ansonsten sitzt heute Abend jeder, aber auch jeder Chinese vor dem Fernseher und schaut sich die bereits legendäre Gala an, die auf gleich vier staatlichen Kanälen gleichzeitig läuft und deren Zuschauerresonanz man sich vorstellen muss wie eine geballte Ladung aus Komödienstadl, Musikantenstadl, Melodien für Millionen und "Wetten dass..?" mit Originalauftritten von Madonna und Take That, vielleicht noch mit einem kleinen Fußballländerspiel in der Mitte. Bevor ich mich gegen Mitternacht Richtung McDonald's aufmache, wo man jetzt immerhin noch was zu essen bekommt, mache ich vor den Türen meiner Nachbarn die Probe aufs Exempel: Ja, überall läuft die Frühlingsfestgala. Natürlich auch bei McDonald's. Die Jungs und Mädels von der Spätschicht haben gemäß Stallorder alle Hasenöhrchen auf dem Kopf, egal ob das aussieht wie Gesäß mit Ohren oder nicht (auf jeden Fall noch schlimmer als die penetranten Nikolausmützen zur Weihnachtszeit). Natürlich nicht wegen Ostern, sondern weil morgen das Jahr des Karnickels beginnt. Aber auch sie sollen heute nicht Trübsal blasen, weil sie arbeiten müssen: Um elf überfallen ihre Kollegen von der nächsten Schicht sie zum gemeinsamen Hasenöhrli-Gruppenfoto und jagen draußen ein paar Böller und Raketen in die Luft. Für mein Eis muss ich trotzdem immer noch zahlen. Als das bunte, laute Spektakel kurz vor Mitternacht seinen Siedepunkt erreicht, mache ich mich durch eine wie ausgestorben wirkende Stadt auf den Weg zurück ins Hotel. Nein, der Himmel fällt mir nicht auf den Kopf; es hört sich nur so an.
Fake Kings

Wir kommen zu meiner letzten touristischen Aktivität hier in der Region Xishuangbanna. Es gibt laut der Broschüre der freundlichen Damen aus dem Touristenbüro hier in der Stadt das so genannte "Mengle Great Buddhist Monastery". Tatsächlich komme ich mit Buslinie 4 ganz leicht dorthin. Das Kloster liegt auf einem der Hügel am Rand von Jinghong, wo es noch von Baustellen wimmelt. Das Kloster selbst scheint offenbar auch noch nicht alt zu sein. Der goldene Buddha hinter dem Tempelgebäude ist auf dem Bild in der Broschüre noch gar nicht zu sehen. Ich wandere eine Sandpiste durch einen unfertigen Park direkt auf das imposante Areal zu, muss aber dann am Kassenhäuschen an mich halten: Umgerechnet 16 D-Mark verlangt die Tante am Schalter für den Eintritt. Das ist doch nun wirklich das Letzte: Ein neu aus dem Boden gestampftes, seelenloses Bauwerk, kulturgeschichtlich so bedeutend wie ein Wolkenkratzer in Schanghai und dann ein Eintrittspreis wie für die Verbotene Stadt in Peking! Da lachen ja die Hühner! Ich denke: Die Chinesen sind wirklich die Könige des Nachgemachten (engl. "fake kings") und streife durch die Siedlung nebenan, der die Planierraupen, weil unten eine neue Straße entsteht, den zweiten Zufahrtsweg zugeschüttet haben.
Den Rest des Tages verbringe ich in und am Swimmingpool. Nachdem ich den Anfang gemacht habe, wird es rasch voller. Die Kinder amüsieren sich noch planschend, als es zu tröpfeln begonnen hat und ich längst wieder umgezogen bin.
Glückliche Fügung
Vor der Abreise muss ich nun noch schnell 30.000 krötige Kip ausgeben, denn ich habe das Wechselgeld für meine Yuan in Kip bekommen. Ich kaufe ein "Beng-Beng", das ist die thailändische Version von "Lion", Waffeln, die auf der vor mir liegenden Busfahrt einfach nicht weniger werden wollen, und Mandarinen. Ich bin so im Kaufrausch, dass ich die Abfahrt des Busses gar nicht bemerkt habe. Ich winke dem Fahrer kurz zu: Moment, nur noch 10.000 klägliche Kip, dann bin ich an Bord! Also schnell noch ein "Beng-Beng"!
Wieder bin ich nicht die einzige weiße Langnase im Bus. Ich lerne einen irischstämmigen Neuseeländer kennen, der in Changchun unterrichtet und gerne mal einen hebt, wie er bekennt (wie sollte es bei der Herkunft auch anders sein?), und direkt vor mir sitzt ein deutscher Abiturient, der schon zwei Monate auf einer thailändischen Insel ohne Strom hinter sich hat. An der Grenze, die wir nach einer knappen Stunde erreichen, gibt es keine Probleme. Die scheint aber ein völlig verwahrloster Spanier zu haben, der hinterm Zoll hilflos herumsteht und mich fragt, wie er weiterreisen soll, und mir erst mal ein wirres synkretistisches Traktat auf einem A4-Blatt aushändigt, ehe er unserem Bus zusteigt. Ich lese nur "Atman - espiritu - alma infinitesimal" und Jesus-Zitate neben Krishna- und Buddha-Zitaten. Die Überschrift lautet (übersetzt aus dem Spanischen): "Kleine ökologische Information". Als wir in Mengla eingetroffen sind, bringe ich den jungen Deutschen in dem Hotel unter, in dem ich vor ein paar Tagen noch Gast war, in dem ich aber zögere erneut abzusteigen, weil der Raum mit Internetzugang nicht frei ist, und den Spanier, der dringend um die billigste Absteige bittet, in der 5-Mark-Klitsche. Glücklich verabschiedet er sich von mir, nachdem ich die Verhandlungen übernommen habe. Der Neuseeländer nimmt gleich den nächsten Bus und reist weiter. Ich gehe im "Dico's" essen und entscheide dann ebenfalls weiterzureisen - nach Jinghong.
Dort treffe ich noch bei Tageslicht ein, bin aber leider an einem Ort rausgeschmissen worden, den ich nicht kenne. Ich folge meinem unterentwickelten Orientierungssinn und lande in einer mir dann doch bekannten Straße. Glückliche Fügung: Ich befinde mich in der Nähe der Busstation für Fernreisen und meine nächste Tour wird ja eine Fernreise - nämlich ins 500 Kilometer weiter nördlich gelegene Kunming. Ich nehme ein Hotel der teureren Kategorie (die Reisekasse ist noch voll). Es verfügt, angrenzend an einen eigenen Park, sogar über einen eigenen Swimmingpool, wirbt der Hoteljunge, der mich zu meinem Zimmer in Haus 8 führt. Das ist nun wirklich die Krönung und so heißt das Hotel auch: "Crown-Hotel". Anschließend erwerbe ich eine Fahrkarte für den morgigen Nachtbus. Abfahrt: 22.05 Uhr.
Luang Namtha
Mit einer weiteren handschriftlich ausgefüllten Fahrkarte über 55.000 monopolygeldhafte Kip geht es weiter nach Luang Namtha; für die knapp 200 Kilometer braucht der Bus auf seiner Berg- und Talfahrt an die fünf Stunden. Wieder geht es per Tuc-Tuc an der Seite von westlichen Touristen in die Stadt. Zumindest erwarte ich bei einer der größten Orte des Landes eine Stadt, aber wohin wir gelangen, das sieht wieder nur aus wie ein an den Seiten ausfransendes Wiemersdorf. Da der Nachmittag schon angebrochen ist, folge ich einem Geistesblitz: Direkt gegenüber der Haltestelle des Tuc-Tuc befindet sich ein Fahrradverleih. Für weitere 10.000 krass billige Kip miete ich mir die preiswerteste Mühle, packe die Tasche mit dem tragbaren Computer vorne in den Korb, lasse den Rucksack auf dem Rücken und mache mich sofort an die Besichtigung dessen, was hier in Laos als Provinzhauptstadt durchgeht. Ich radle stadtauswärts und komme in ein Dorf, durch das nur eine Sandpiste führt. Einige Gebäude lassen französische Bauart erkennen – ein koloniales Relikt? Zuvor schon habe ich an einigen Amtsgebäuden neben der Tulpenschrift auch Französisch entdeckt. Und am Ortseingang von Luang Namtha steht ein Schild, das verkündet, dass hier die Deutsche Entwicklungsbank den Aufbau einer Berufsschule mitfinanziert. Die Dorfbewohner sehen großmütig über mich hinweg, die Kinder blicken fasziniert.
Auf dem Rückweg schrecke ich die Bedienung eines an den Seiten offenen Restaurants mit Flussblick aus der Nachmittagsruhe auf. Sie kann leider kein Englisch. Aber als der langmähnige Sohn des Hauses auf seinem Moped ankommt, steht das Gericht schon vor mir. Für weitere 10.000 klug angelegte Kip habe ich mir mit Hilfe eines Fotos auf der Speisekarte ein vegetarisches Gericht kommen lassen. Ich überlege: Wenn ich morgen wieder nach China reisen möchte, dann sollte ich jetzt schnell die Sache mit der Fahrkarte und der Unterkunft regeln. Der Bus fährt schon um 8.30 Uhr ab. Da meine Uhr immer noch auf chinesische Zeit eingestellt ist, ist das für mich zwar erst 9.30 Uhr, aber trotzdem will ich morgen früh nicht wieder mit dem Tuc-Tuc-Fahrer feilschen müssen. Ich entscheide mich für die Masche von gestern, radle die acht Kilometer zur Busstation und nehme das reichlich bescheidene Hotel dahinter. Ich kann zum Glück in Yuan zahlen, sodass ich heute kein Geld mehr eintauschen muss. Endlich bin ich mein Gepäck los. Wie befreit radle ich zurück, biege von der Hauptstraße ab und finde den staubigen Sandweg, auf der Detlev Buck die exotische Eingangsszene von Same Same But Different gedreht hat (naja, gedreht haben könnte). Kinder werfen Steine gegen ein Schild am Wegesrand, ein Stein prallt mir vor den Bauch. Ich fahre zwischen den abgeernteten Reisfeldern weiter in ein kleines Dorf. Hier ist die Zeit stehen geblieben. Lauter Holzhütten. Aber außer mir hat sich noch ein Touri-Pärchen auf einem Motorroller hierhin verirrt und lässt sich einheimische Webarbeiten zeigen. Ich esse auf einem Feld hinter dem Dorf ein paar Kekse.
Die letzte Station vor Sonnenuntergang ist der Hügel mit der Pagode. Von hier hat man einen tollen Blick auf ganz Luang Namtha. Der Mönch will mir eine Eintrittskarte verkaufen, als ich mich in den Pagoden-Innenraum verirre. Bin schon wieder weg. Es wird dunkel. Ich pese den steilen Sandweg wieder runter, lande hinter einer Brücke am Fluss, in dem sich ein Mann und eine Frau waschen. Man sieht nur ihre Umrisse. Ich wahre trotzdem Diskretionsabstand. Der junge Mann hält dann doch noch kurz ein Schwätzchen auf Englisch mit mir. Dann wird es ihm zu kühl. Es ist schon nach sieben. Ich fahre ins touristisch geprägte Zentrum von Luang Namtha, um das Fahrrad wieder abzugeben. Jetzt sieht man ohnehin nichts mehr. Dann schaue ich noch kurz auf dem Nachtmarkt vorbei. Auch nicht gerade der Riesenmenschenauflauf, aber doch der belebteste Ort um diese Uhrzeit. Viele Touristen sitzen vor schmalen Ständen und essen Einheimisches. Ich finde schließlich einen Sandwich-Stand, für fünftausend spottbillige Kip erhalte ich hier einen würzigen Croque mit hellroter Soße. Ich bestelle gleich noch einen.
Langsam wird mir kalt. Und nun will der aufmerksame Leser natürlich wissen, wie Didus ohne fahrbaren Untersatz die acht Kilometer zum Hotel zurückzulegen gedenkt. Tuc-Tuc scheidet aus. Nun, es zeigt sich ganz einfach mal wieder, dass es Marathonläufer auf dieser Welt einfach leichter haben als andere Menschen. Ich jogge durch die Nacht zurück. Aber es gibt an der Straße tatsächlich Straßenlaternen! Auf einem Grundstück rechts von mir findet eine Tanzveranstaltung statt, ich laufe kurz auf der Stelle und schaue zu; dann muss ich weiter. Ganz dunkel wird es erst kurz vor der Kreuzung, auf der ich Richtung Busstation abbiege.
In meinem Hotel gibt es Abkühlung: Die Dusche, eigentlich nur ein viel zu kurzer Gartenschlauch, verfügt nicht über warmes Wasser.
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