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Samstag, 27. Dezember 2008

Emilies Ernst und Emilies Ehrgeiz
Von DM, 23:59

Emilie kommt frisch von einer Prüfung anlässlich ihrer bevorstehenden Taufe in einer Woche und ist deswegen auch 25 Minuten verspätet. Naja, wer hätte dafür wohl mehr Verständnis als ich!? Trotzdem lungere ich schon so lange am Eingang der U-Bahn herum, dass mir von vorbeikommenden Chinesen schon die ersten Zigaretten angeboten werden. Man muss auch mal nein sagen können! Schließlich kommt Emilie nervös über die Straße gehechtet. Während eines knapp einstündigen Marsches um den Xuanwu-See verlange ich ihr bei einbrechender Dämmerung mit meinem Französisch-Konversationsprogramm einiges ab. Wir wärmen uns anschließend in einem Restaurant der gefürchteten Einkaufsmeile Hunan Lu auf. Sie, sagt Emilie, halte ja persönlich nicht so viel vom Einkaufen, nur ihre Freundinnen... Nichtsdestoweniger kennt sie sich hier erstaunlich gut aus und bringt uns sicher ans Ziel. Und ich stelle fest: Emilie ist zwar tatsächlich so ehrgeizig, wie sie immer tut, aber längst nicht so ernst.

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Donnerstag, 25. Dezember 2008

Fröhliche Weihnacht!
Von DM, 23:59

Ich bin sehr dankbar, dass die internationale Gemeinde, die sich im Hotel trifft, für heute Abend zu einer Weihnachtsfeier mit üppigem Buffet und buntem Programm eingeladen hat. Ich lerne diesmal drei Studenten aus Mauritius kennen, beim Essen sitze ich neben dem Informatik-Studenten Kelvin aus Kenia, der später einen Tanz aufführen wird, und anschließend bei den festlichen Darbietungen neben einem Mann aus dem Tschad. „Ich habe eine afrikanische Seele“, sage ich bei solchen Begegnungen oft und erzähle von meinen 17 Monaten in Conakry (wo übrigens gerade ein Militärputsch für Unruhe sorgt, über den der Mann aus dem Tschad auch Bescheid weiß).
Nach dem Essen gibt es unter anderem ein Theaterstück frei nach Charles Dickens' „Weihnachtsmärchen“. Und die Afrikaner sorgen mal wieder dafür, dass die Angelegenheit nicht zu dröge, sondern zwischenzeitlich sogar zu einem heißen Tanz wird. Das Ganze klingt feierlich in einem Kerzenmeer mit „We Wish You A Merry Christmas“ aus. Als ich gegen elf nach Hause trotte, frage ich mich: Wenn ich nicht zur Gemeinde des Einzigen und Wahren zählen würde, wie hätte ich dann heute Weihnachten verbringen sollen? Es lebe die Gemeinde des Herrn!

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Mittwoch, 24. Dezember 2008

Von Reiskuchen und Ostereiern
Von DM, 23:59

Ich habe gar keine Brandrede gehalten. Ich habe nur gesagt: „Liebe Studenten, einige von Ihnen sind ja sehr schlau und haben einen Text aus dem Internet kopiert und mir abgegeben. Aber wie soll ich denn Ihre Fehler korrigieren und Ihren Aufsatz verbessern, wenn der Text gar nicht von Ihnen ist? Da lernen Sie doch nichts.“ Und jetzt zitiere ich mal aus zwei E-Mails, die ich am Abend in meinem Postfach vorgefunden habe. Studentin A: „Ich bitte um Ihre Entschudigung, dass ich den Aufsatz aus dem Internet kopiert habe. Ich kann keine Gründe dafür finden, weil ich weiß, dass es falsch und unehrlich ist. Aber ich brauche Ihre Entschudigung, denn es sehr wichtig für mich selbst ist. Ich werde niemals mehr so tun.“ Und Studentin B noch melodramatischer: „Ich schämte mich heute im Unterricht zu Tode. Solche Sache werde ich nie wieder tun und ich werde sehr fleißig mit der Prüfung befassen.“ Ich bin schon gespannt darauf, was sich Studentin C ausdenkt. Übrigens kann ich gar nicht so böse auf sie sein, denn diese drei Arbeiten hatte ich in Null Komma nichts durchkorrigiert. Fehler gab es nämlich nur dort, wo zu Tarnzwecken der Text verändert worden war.
Im Übrigen ein ziemlich arbeitsreicher Heiligabend. Denn zusätzlich zu den vier Unterrichtsstunden hatte ich auch noch eine mehrstündige Sprechstunde. Da es der letzte Unterrichtstag des Semesters für mich war, kamen noch einmal viele mit ihren Fragen, um für die Prüfung in Form zu kommen. Weihnachtlich wurde es in der Unterrichtsstunde „Grundkurs Deutsch“, wo ich mit einem „Fröhliche Weihnachten“ aus 26 Kehlen begrüßt wurde und traditionelle Reiskuchen überreicht bekam. Das war's dann aber auch mit Weihnachten, vor allem das Wetter spielte überhaupt nicht mit. Sonnige zwölf Grad passen schließlich überhaupt nicht zum Heiligen Abend. Und dann legte mir die Deutsch-Institutsleitung zusätzlich zu ihrem einsilbigen Weihnachtsgruß noch ein völlig unpassendes dickes Osterei ins E-Mail-Fach: Ich darf im nächsten Semester alle B.A.-Abschlussarbeiten korrigieren. Hierbei handelt es sich um ca. 20 Hausarbeiten à 15 Seiten. 80 Zeitstunden plus X, die ich nur mit Korrekturen verbringen soll. Dann doch lieber 'ne Rute!

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Sonntag, 21. Dezember 2008

Sigurd
Von DM, 23:59

Sigurd, den Namen kennen viele nur aus dem gleichnamigen Comic. Doch eine Comic-Figur ist dieser Sigurd nicht. Bei dem Sigurd, den ich heute nach dem vorweihnachtlichen GoDi treffe, handelt es sich um einen deutschen Theologen, der am Nanjinger Theologie-Seminar lehrt. Er ist mit einer Chinesin verheiratet, die er in Deutschland kennen gelernt hat. Die beiden haben zwei kleine Kinder, die die Lieblinge ihrer Umgebung sind. Ich schiebe seiner Frau den deutschen Kinderwagen, in dem die Jüngste gerade nicht sein möchte, über die Straße und zum Lohn werde ich prompt zum Essen eingeladen. Hier erfahre ich mehr: Die Stelle, auf der Sigurd sitzt, entstand nach dem Besuch des EKD-Ratsvorsitzenden in Nanjing vor zwei Jahren. Dass ein frommer Theologe auf diese Stelle zur Ausbildung von Pastoren, die später in registrierten chinesischen Gemeinden Dienst tun werden, gelangt ist, darf man als gutes Zeichen werten. Denn wer die EKD kennt, weiß, dass das ja nicht selbstverständlich ist.

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Samstag, 20. Dezember 2008

Drei Männer am See
Von DM, 23:59

Wie sehr liebe ich den Nanjinger Dezember! Die meisten Tage bisher waren sonnig mit zwölf bis 16 Grad und auch den heutigen diesigen und bedeckten Tag, der dem, was wir mit Weihnachtsstimmung verbinden, zumindest nahe kommt, würde ich niemals gegen einen der heißen Septembertage eintauschen, allerdings auch nicht gegen einen deutschen Dezembertag. (Die Tage sind auch länger, mit Tageslicht von 6.45 bis 17.15 Uhr.)
Am Ufer des Xuanwu-Sees sprechen mich zwei Arbeiter an. Vor allem das Chinesisch des ersten Mannes habe ich mehr erraten als verstanden. Er spricht „gongzuo“, also „Arbeit“, „gonguo“ aus. Zum Glück stellen Leute, die einen ansprechen, in der Regel immer dieselben Fragen. Sie zücken ihre Zigaretten, bleiben noch eine Zigarettenlänge und fragen mich aus, bis mein Wortschatz versiegt.

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Freitag, 19. Dezember 2008

Der Besuch der jungen Dame
Von DM, 23:59

Ich denke, das wird mein Nachbar Jim sein, bei dem ich immer wasche, weil bei ihm meine Waschmaschine steht. Sicher will er mir mitteilen, dass die Wäsche fertig ist. Wer sollte sonst am Freitag Nachmittag bei mir klingeln? Aber vor der Tür steht eine der herausragenden Studentinnen des dritten Studienjahrs. Sie hat sich den deutschen Namen Anja zugelegt und möchte ihren verspätet fertig gewordenen Aufsatz doch lieber persönlich abgeben. Sie habe sich sowieso gerade in der Gegend mit einer Freundin getroffen. Da ich ja nicht unhöflich sein will, bitte ich Anja herein, mäkele beim Überfliegen der mir ausgehändigten Blätter an ihrer Rechtschreibung herum und einen Ananas-Saft habe ich auch noch für sie. Da steht sie also in meinem Zimmer und ich denke, nun muss ich erst mal meine Wäsche holen. Nachher ist die Sonne weg und dann trocknet nichts mehr... So kommt es also dazu, dass eine Studentin ihrem Prof dabei zusieht, wie er seine Bett- und Unterwäsche auf dem Balkon an die Leine hängt. (Zum Glück ist das Unterhemd mit den tausend Löchern nach meinem Unfall im Juli bei den gebrauchten Mullbinden im Krankenhaus geblieben!) Und sie darf mir einen Kleiderbügel für das 13 Jahre alte, fast transparente Karo-Hemd reichen. Ist irgendwie auch wieder so eine Woody-Allen-Situation, wie ich sie in meinem Leben schon öfter erlebt habe.
Nach der Wäsche-Nummer sind wir (wen wundert's?) in Null Komma nichts bei privatesten Themen. Seit der Invasion der Studenten anlässlich der Weihnachtsfeier (sin-o-meter berichtete) ist mir dieser Jahrgang ohnehin wesentlich vertrauter. Später, als ich die Bibliothek öffne, leiht sich „Anja“ noch vier Exemplare der neuen „Leichte-Lektüre“-Bände aus, die mir gerade aus Deutschland geschickt wurden; das sind vereinfachte Fassungen von Klassikern wie „Götz von Berlichingen“, „Die Räuber“ oder „Nathan der Weise“. Mit Xiaochen alias „Anja“ klingt der Tag dann auch aus: Ich lese ihren Aufsatz. Es ist der längste und beste von allen. Wenn ich's nicht besser wüsste, würde ich sagen: Die versucht mich zu beeindrucken. Aber zum Glück weiß ich ja alles besser. Immer.

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Dienstag, 16. Dezember 2008

Es ist nicht alles Gold...
Von DM, 23:59

Lagebesprechung mit der Leiterin des Instituts für deutsche Sprache (die diesmal ich zum Essen einlade) – eine Art Semesterbilanz, bei der sie mir sehr geschickt (meist in Frageform) zu verstehen gibt, dass in meinen Kursen noch längst nicht alles Gold ist, was glänzt. Die Studenten verstehen oft nur Bahnhof, wenn ich unterrichte, es fehlt in vielen Unterrichtseinheiten der Schwerpunkt und eine klare Struktur sei zumeist auch nicht zu erkennen. Vielleicht solle man in „Kultur und Geschichte“ auch etwas mehr Kultur und weniger Geschichte unterrichten. Ist mir da nicht das Stäbchen im Mund stecken geblieben? Nein, es gab Nudeln mit Messer und Gabel und auch in China wird nicht alles so heiß gegessen, wie es gekocht wird.

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Sonntag, 14. Dezember 2008

Sonntags im Café
Von DM, 23:59

Nun also doch: eine Stunde Französisch mit der viel beschäftigten Emilie. Nach dem GoDi gehen wir in ein Café und ich bestelle eine Erdbeermilch. Ich erfahre, dass sie von ihrem Chef ausgesaugt wird wie eine Zitrone. Ein durchaus typischer Fall: Die Frauen werden zu Disziplin und Fleiß erzogen, damit sie es im späteren Leben zu etwas bringen, denn Frauen haben es ja immer schwerer. Im Studium strengen sie sich viel mehr an als ihre männlichen Kollegen. Und das weiß man dann in den Firmen, wo die Mädchen irgendwann landen, auch zu schätzen, indem man sie arbeiten lässt bis zum Umfallen. Viele von ihnen kommen während der Woche in Anbetracht der oft langen Anfahrtswege zur Arbeit kaum zu etwas anderem. Auch das ist Wirtschaftswunder-China.

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Donnerstag, 11. Dezember 2008

Stille Nacht, heilige Nacht...
Von DM, 23:59

Durchgangsverkehr in meiner Wohnung! Es ist so weit: Heute findet das große Glühweinkochen statt. Auch ein Obstsalat für erwartete 150 bis 200 Gäste muss vorbereitet werden. Meine Küche wird später aussehen wie Sau. Aber irgendwas muss ich ja auch beitragen zur Weihnachtsfeier. (Zu meinem intellektuellen Beitrag später.) Fast zwanzig Studenten fühlen sich in verschiedenen Phasen und Etappen in meiner Bude wie zu Hause. Mit meinen parallelen Korrekturen geht es wenig voran. Ich kann mich irgendwie nicht konzentrieren, wenn die ganze Wohnung nach Wein riecht, in meinem Schlafzimmer fünf Leute am Computer an den letzten Feinheiten des Programmpapiers feilen und meine Küche sich in eine Weinschenke verwandelt. Immerhin schaffen es einige Studentinnen doch, mich einigermaßen zu beeindrucken. Ich muss an den Film Plötzlich Prinzessin denken, als ich die Studentin mit dem deutschen Rufnamen Ilona ohne Brille, frisch geschminkt und später am Abend auch noch im traditionellen chinesischen Kleid sehe, weil sie zu den vier Moderatorinnen gehört. Dem veränderten Aussehen ist es auch zu verdanken, dass die Verabredung auf dem Campus schon wieder schief gegangen ist. (Ich muss die Studenten irgendwo treffen, da sie sonst meine Wohnung nicht finden.) Ich habe Ilona am Telefon nicht nur falsch verstanden, sondern dann auch einfach nicht erkannt ohne Brille. Ihr Mantel kam mir zwar bekannt vor, aber statt ihr auf Verdacht laut ihren Namen nachzurufen, um dann peinlich berührt festzustellen, dass ich mich geirrt habe, tue ich, was sonst nicht meine Art ist: jungen Frauen hinterherrennen. Als ich sie fast eingeholt habe, dreht sie sich instinktiv um und dann weiß ich, dass ich doch richtig lag.
Der Abend ist das mir aus Yanji-Zeiten bekannte kreative Schaulaufen. Wie immer zeigen sich die Studenten, die chinesischen Ilonas, Anjas und Timos dieser Welt, von ihrer besten Seite. Die deutschen Studenten, die ebenfalls zu den Gästen gehören, tragen das turbulente Theaterstück Deutschland sucht den Weihnachtsstar vor. Ich verzichte diesmal auf meinen sonst stets mit Spannung erwarteten Blockflötenvortrag und lese stattdessen die Geschichte Leckere Weihnachtsplätzchen von Großmutter vor, bei der Studenten ständig auf irgendwelche Stichwörter rennen müssen.

Was kann mir wohl mehr auf den Nerv gehen als eine Weihnachtsfeier, auf der Jesus nicht mal in einer Nebenrolle vorkommt, von dem ihm gebührenden Ehrenplatz ganz zu schweigen! Die Nebenrolle jedenfalls, das habe ich mir fest vorgenommen, werde ich ihm verschaffen. Zwar habe ich während meiner Ansprache (Programmpunkt 2) nicht das Gefühl, dass man sich für meine Ausführungen sehr interessiert, das geht aber der Konkurrenz von der KP regelmäßig zu festlichen Anlässen ebenso. Und ich habe meine Drohung wenigstens wahr gemacht: Wenn ich bei dieser Weihnachtsfeier eine Rolle spiele, dann sorge ich dafür, dass von Christus, dem Weltenretter, die Rede ist. Er wäre sonst in der Tat auch nicht vorgekommen. Allerdings ist auf KPCh-Kongressen sicher auch nicht mehr viel von Marx die Rede. Ausgleichende Gerechtigkeit gewissermaßen. Meine Rede (einschließlich Gedicht) für alle, die es interessiert, als Anhang zu diesem Eintrag. Naja, immerhin klingt das Fest mit Stille Nacht, gesungen von einem Studentenchor, nach viel Theater, Karaoke und nur bedingt weihnachtlichen Liedvorträgen wenigstens adäquat aus. Und gelangweilt hat sich auch keiner.

Stellen Sie sich vor, liebe Gäste, Sie sind auf einer Geburtstagsfeier. Sie treffen viele Freunde und unterhalten sich bestens. Nur wer eigentlich das Geburtstagskind ist, das weiß keiner so genau, und gratuliert hat auch noch niemand. Das ist Weihnachten! Allen Legenden des Kapitalismus zum Trotz ist Weihnachten aber nachweislich nicht das Fest des Weihnachtsbaums mit dem schönen Schmuck, es ist auch nicht das Fest des Weihnachtsmannes oder der Geschenke und - kaum zu glauben - es ist auch nicht das Fest der Kaufhäuser, auch wenn dort alljährlich das beliebte Weihnachtslied angestimmt wird: „Süßer die Kassen nie klingeln.“
Sondern: Weihnachten ist ein christliches Fest. Die geweihte Nacht heißt auch heilige Nacht. Das etwas vernachlässigte Geburtstagskind heißt Jesus und ist der Christus, das heißt so viel wie: Retter der Welt. Ich weiß ja nicht, ob man in einer kommunistischen Volksrepublik gern daran erinnert wird,  in Deutschland wird man es auch nicht immer, aber so ist die Sachlage. Und da ich ja hier nicht nur als Lehrer für Deutsch als Fremdsprache an einer chinesischen Universität stehe, sondern auch als Kulturbotschafter der Bundesrepublik kann ich Ihnen diese schlichte Erkenntnis nicht ersparen.
Es wird noch skandalöser: Die Bibel, in der die Geschichte Jesu als Dokument aufgezeichnet ist, das viele Systeme und Mächtige hat kommen und gehen sehen, schildert nicht nur die Geburt Jesu, die Weihnachtsgeschichte, da drin stehen auch Sätze, Aussprüche von Jesus wie: „Man kann nicht Gott dienen und dem Mammon!“ Bevor unsere Studenten gleich ihre elektronischen Wörterbücher zücken und in die Tasten hauen, sage ich lieber schnell, was das bedeutet: Mammon ist der Gott des Geldes. Sie sehen, worauf ich in Zeiten der Finanzkrise hinaus will und wahrscheinlich würde mir hier sogar das chinesische Wirtschaftsministerium zustimmen: Hätten die da drüben im Westen doch lieber ihrem Gott gedient als diesem unseligen Mammon! Dann hätte der unwiderstehliche Glanz des Geldes vielleicht nicht ganze Banken, ganze Nationen in den Bankrott gestürzt! Man sehe es mir nach, wenn ich behaupte: Ab und zu täte es den westlichen Kulturen ganz gut, sich auf ihre Werte und Wurzeln zu besinnen. Sonst heißt es am Ende nämlich: „Rette sich, wer kann!“ Und das heißt hier: „wenn er kann“. Wo er doch den Retter gar nicht mehr kennt.
Ich sprach von Wurzeln und sich besinnen – das sind die Stichwörter, um zum Ende zu kommen. Auch ich besinne mich auf meine Wurzeln und verwandle mich wieder zurück in meine gewohnte Gestalt als Literaturwissenschaftler und lasse diese kurze Ansprache besinnlich ausklingen: mit einem zeitgenössischen Weihnachtsgedicht, extra so ausgewählt, liebe Studenten, das Sie auch diesmal Ihre Wörterbücher stecken lassen können:

Heilige Nacht

Kam,
kam herab.
Kam zur Welt
und erhellte die Nacht.
Kam.

Rettet,
rettet uns
aus dem Griff
der ganz finsteren Macht.
Rettet.


Hilft,
hilft uns
gehen. Jeder Schritt
lässt verblassen die Nacht.
Hilft.

Lass,
lass geschehen,
lass uns sehen
solch ein Wunder vollbracht.
Lass.

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Samstag, 06. Dezember 2008

Die Kücheninspektionsdelegation
Von DM, 23:59

Ja, es lebe die Sommerzeit. Wenn ihr die noch hättet da drüben, hätte ich schon um fünf ins Bett gekonnt. Stattdessen konnte ich mir bis halb vier die Nacht mit Korrekturen um die Ohren schlagen, bis endlich gebührenfrei, live und in Farbe das Fußballspiel Bundesliga-Tabellenzweiter (FC B) gegen Bundesliga-Tabellenführer (Hoffenheim) angepfiffen wurde. Wie das ausging und warum ich danach nicht sofort einschlafen konnte, ist ja inzwischen klar: 2:1 in der zweiten Nachspielminute für den Noch-Tabellenzweiten...
Seit einiger Zeit bekomme ich regelmäßig Anrufe von einer Studentin des dritten Studienjahrs. Das hat seinen Grund: Große Ereignisse werfen ihren Schatten voraus und das heißt in diesem Fall: Weihnachtsfeier. Die gibt es alljährlich unter Mitwirkung der meisten Deutsch-Studenten und einiger Professoren, insbesondere natürlich des Deutschen unter ihnen. Nun habe ich auch allmählich herausgefunden, was meine Rolle bei dem ganzen Theater sein wird: meine Küche zur Verfügung zu stellen, damit Glühwein im Akkord gekocht und in Thermoskannen umgefüllt werden kann.
Den Nachmittag habe ich bei sonnigem Wetter auf den Inseln im Xuanwu-See verbracht. Darauf habe ich lange gewartet. Im Dezember ist der Eintritt nämlich 10 Yuan billiger...
Am Abend kommt die dreiköpfige studentische Kücheninspektionsdelegation. Zunächst verpassen wir uns, weil ich am Nordtor statt am Südtor auf sie warte. Schließlich finden wir aber zusammen und nach der Begutachtung der Küche und Feststellung der Fehlbestände holen wir noch Weihnachtsschmuck aus der Bibliothek, der dort seit einem Jahr auf seinen Einsatz wartet. Zum Abendessen gehen wir zu Babela's, einem chinesischen Pizza-Restaurant. Wenn ich die Studenten jetzt gut behandle, behandeln sie vielleicht später auch meine Küche etwas besser, sage ich mir und schmeiß'ne Runde!

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Samstag, 29. November 2008

Die Stadt, die nicht endet - Teil 2
Von DM, 23:59

Schanghai ist zwar die Stadt, die nicht endet, aber meine Zeit hier endet heute. Freilich reise ich nicht übereilt ab – das wäre dem nach dem ausgedehnt langen Abend (Abschiedsessen) gestern dringend nötigen Entspannungsprogramm, sprich Ausschlafen, auch abträglich gewesen –, sondern treffe mich, das ist ja schon fast Tradition, mit ehemaligen Studentinnen aus meiner YUST-Zeit. Diesmal ist der Jahrgang 01 dran. Programmpunkt eins: ein Abstecher zur Hafenpromenade am Fluss Huangpu (Foto) mit Blick auf den legendären Turm in Pudong, dem Manhattan Schanghais. 2004 war ich übrigens noch zu Gast im damals höchsten Wolkenkratzer des wie aus dem Nichts erwachsenen Stadtteils und aß ein Eis an einem Fenster mit Aussicht. Aber wo ist der Kratzer, das höchste Gebäude Chinas, denn jetzt nur geblieben? Ex-Studentin „Stella“, die übrigens nach drei Jahren mit ihrer Dauerwelle und der fehlenden Brille, vielleicht auch wegen des lackierten Handtäschchens nicht wiederzuerkennen ist, klärt mich auf: Inzwischen steht direkt nebenan ein neuer Wolkenkratzer, der siebzig Meter höher ist. Da fällt „mein“ Wolkenkratzer, der Jin-Mao-Turm, kaum noch auf. Sic transit gloria mundi!
Schließlich – Programmpunkt 2 – finden wir in der Einkaufsstraße Nanjing Lu ein appetitliches Restaurant mit Fensterplatz und famosem Blick auf die Wolkenkratzerlinie von Pudong. Nicht so famos sind andere Aussichten, nämlich die, dass die beiden in Kürze einen Ort gefunden haben werden, an dem sie das an YUST Gelernte vertiefen können – und damit meine ich selbstverständlich nicht nur Deutsch...
Vor der Abreise um 20.20 Uhr muss ich noch mein Gepäck aus dem Hotel holen. Etwaige Komplikationen halte ich diesmal dank eines großzügigen Zeitplans auf Distanz. Dafür holt mich in Form einer kolossalen Kopfschmerzattacke der Schnupfen ein, den ich dem kalten Hotelzimmer zu verdanken habe. Schanghai gilt als südchinesische Stadt und im südchinesischen Subtropengebiet sind Heizungen unüblich.

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Donnerstag, 27. November 2008

Die Stadt, die nicht endet
Von DM, 23:59

Eine nicht immer ganz glückliche Verbindung, das sind in China seit jeher Hotelzimmertüren und ich. In Xi'an war ich im Winter 2005 drei Stunden lang Sturm klopfender und krakeelender Gefangener meines eigenen Zimmers, weil das Schloss defekt war (bei externem WC!) und ein Jahr zuvor in Longsheng an den Reisterrassen kann der nächtliche Besucher, der meine Klamotten nach Geld durchwühlte, während ich schlafend daneben lag, seine diebischen Absichten in Anbetracht eines Fensters in steiler Wand auch nur durch die Tür verwirklicht haben. Diesmal war die Sache fast noch rätselhafter: Ich komme zurück von der Ausstellungseröffnung „Zoe – Kind am Kabel“, Bilder, mit denen ein Fotokünstler privaten Trennungsschmerz verarbeitet, und bin plötzlich selbst getrennt: von meinem Bett. Die Tür lässt sich zwar öffnen, aber der Sicherheitsriegel, der sich nachweislich nur von innen vor die Tür schieben lässt, verhindert das Eintreten. Ich rufe meinen österreichischen Zimmergenossen Richard, der eigentlich nicht als Früh-zu-Bett-Geher berüchtigt ist durch den Schlitz. Dann eile ich in die Lobby. Dort sitzt Richard mit einigen Deutschlehrer-Kollegen zusammen bei ein paar Bier und scheint den Ernst der Lage gar nicht zu begreifen. Die Rezeption lässt einen Techniker kommen und als Richard, der übrigens an der YUST, meiner Ex-Uni, unterrichtet, dann endlich ins Bett will und vom Gang aus zwei Männern in Arbeitskleidung dabei zusehen darf, wie sie sich bei inzwischen offener Tür an dem Riegel zu schaffen machen, reagiert er verstört. „Hab' ich dir doch erzählt!“, sage ich. Es handelt sich nur noch um die Wiedermontage des Riegels. Danach funktioniert alles wieder reibungslos. Schließlich kann sich Richard vor Lachen kaum noch halten. Wie für alle Rätsel der Menschheitsgeschichte gibt es natürlich auch für dieses eine einfache Erklärung. Nur kennen wir die nicht.
Noch mehr gibt es von diesem Tag zu berichten, der nicht drögen Konferenzdiskursen gewidmet war, sondern als Ausflugstag das Programm auflockern sollte. Dazu begeben wir uns zunächst auf den zwei Stunden langen Weg zum Außencampus der SISU, wo die Chinesen mal wieder Erstaunliches bewerkstelligt haben. Die diversen Unterrichtsgebäude sind architektonisch den diversen Herkunftsländern der Sprachen nachempfunden, die hier gelehrt werden: Eines sieht aus wie eine Moschee, ein gewaltiges englisches Herrenhaus ist zu bestaunen und das Hauptgebäude erinnert von ferne an den Petersdom. Theologie wird hier aber natürlich nicht unterrichtet.

Eine Studentin, die von der für sie zuständigen Lektorin als „rosa Phantom“ bezeichnet wird, beeindruckt an der Seite von drei weiteren studentischen Deutsch-Leuchten durch einen Vortrag im Loriot-Stil, der Vortrag und Parodie eines Vortrags in einem ist. Was auch immer intendiert war – grandios! Dass sie vom Großstadtleben gleichsam abgeschnitten sind, sehen die Studenten als Vorteil: „So gibt es wenig Ablenkung für uns und wir können uns auf das Studium konzentrieren.“
Danach geht es auf den höchsten Berg von Schanghai, eine Erhebung, kaum höher als der Ketelvierth, auf der eine katholische Kirche steht, die schon schlechtere Tage gesehen hat (nämlich während der Kulturrevolution). Schließlich führt die Reiseroute uns noch in die so genannten Wasserdörfer nahe Schanghai; das sind alte chinesische Wohn- und Gewerbehäuser, die an einem Kanal liegen, was als chinesisches Venedig gepriesen wird. Aber der Vergleich mit den Amsterdamer Grachten trifft vielleicht eher zu. Auf dem Weg zurück präge ich im Bus den Spruch von der Stadt, die nicht endet, denn dieser Eindruck entsteht unweigerlich, wenn man stundenlang an Hochhäusern vorbeifährt und einfach nicht ans Ziel kommt. Zum Vergleich: Der Ballungsraum Schanghai hat 15 Mio. Einwohner, ganz Holland 16.

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Montag, 24. November 2008

Vergissmeinnicht
Von DM, 23:59

Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn mal alles reibungslos geklappt hätte. Als ich gegen 18 Uhr in dem Konferenzhotel der SISU (Shanghai International Studies University) ankomme, fordert man beim Einbuchen an der Rezeption einen Ausweis von mir. Der liegt natürlich in Nanjing! Kurze Ratlosigkeit. Was tun? Ich schlage vor, wieder nach  Nanjing zurückzureisen, um das dringend nötige Papier zu holen, weiß allerdings, dass es anderswo auch schon ohne Ausweis ging (allerdings in zumeist weniger vornehmen Absteigen). Zum Glück findet mich die von der Deutsch-Abteilung der SISU zum Empfang der Konferenzteilnehmer abgestellte Studentin Lili, wie sie später, des Deutschen mächtig, mit eben diesen Worten bekennen wird, sehr nett und hilft mir aus der Bredouille, indem sie für mich bürgt. Dann geleitet sie mich zu dem zehn Fußminuten entfernt gelegenen Konferenzsaal an der Universität. Unterwegs revanchiere ich mich für die Hilfe mit ein paar Ratschlägen für ihre Magisterarbeit. In dem Hörsaal, in dem die Deutsch-Lektoren in China, Taiwan und der Mongolei tagen, stehe ich zunächst herum wie Falschgeld, dann weist mir ein studentischer Assistent einen Platz. Und zu essen wird es heute Abend auch noch etwas geben. Die SISU lädt ein. Und wer steht, der Zufall will es so, auf einmal in der Schlange zum Buffet neben mir?

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Samstag, 22. November 2008

Ein Tag im November
Von DM, 17:59

Eigentlich wollte ich mich nach dem Erwerb einer Fahrkarte zur Deutschlektoren-Konferenz in Schanghai von Montag bis Freitag nächster Woche am Eingang zum Xuanwu-See mit Emily bzw. Emilie treffen, um das erste französisch-chinesische Sprach-Gipfeltreffen zu eröffnen. Aber irgendwie muss da eine E-Mail verloren gegangen sein, denn das Treffen findet nicht statt und ich wandere alleine am Seeufer entlang. So bin ich's ja schließlich auch gewohnt. Herrliches Novemberwetter übrigens, ein bisschen diesig, aber sehr angenehme Herbsttemperaturen so um die vierzehn Grad. Als Kind erklärte ich ja den November forsch zu meinem Lieblingsmonat, allerdings hatte das mehr mit dem Klang des Namens zu tun als mit dem Wetter. Hier in Nanjing ist der November bisher allerdings tatsächlich der angenehmste Monat gewesen. Bei Sonnenschein kann ich immer noch mit kurzer Hose und freiem Oberkörper auf dem Balkon sitzen.
Und noch was Schönes: Dank FC-B-Anhängerin Julia (sin-o-meter berichtete am 14.9.) kann ich mich den ganzen Tag auf den heutigen Abend freuen, wo Bayern gegen Cottbus live ausgestrahlt wird. Ich habe mit Julia folgendes Abkommen geschlossen: Wenn sie mir jede Woche eine E-Mail schickt, welches Spiel der Bundesliga samstags im chinesischen Fernsehen übertragen wird, beantworte ich ihr im Gegenzug per E-Mail eine Grammatikfrage. Ist doch fair, oder? Das Ganze endet auch noch hochgradig erfreulich mit 4:1. Sagt da noch jemand was gegen Novembertage?

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Donnerstag, 20. November 2008

Kür der Besten
Von DM, 23:59

Gestern habe ich erfahren, dass ich zwei Professorinnen zur Nanjinger Fremdsprachenschule (bei uns würde man das wohl humanistisches Gymnasium nennen) begleiten darf, um bei der Auswahl von zwei Kandidaten mitzuwirken, die von der extrem schweren Hochschulaufnahmeprüfung (chinesisches Abitur) befreit werden und im Herbst direkt zu uns kommen dürfen, um Deutsch zu studieren. Zunächst mal werden wir in einen eiskalten Konferenzraum geführt und dort legt man allen Hochschullehrern (auch der Fachbereich Französisch, Japanisch u.a. sind vertreten) erst mal einen diskreten Briefumschlag auf den Tisch. Inhalt: der nicht ganz unbeträchtliche Betrag von 400 Yuan als Aufwandsentschädigung. Ich kann meine nächste Barabhebung also noch etwas verschieben und denke nicht zum ersten Mal, seit ich hier bin, an den alten Bibelspruch: „Wer da hat, dem wird gegeben werden; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.“
Vier Schüler, die an der Schule alle bereits sechs Jahre Deutsch gelernt haben, wurden für das Prüfverfahren ausgewählt. Es gibt eine Männerquote: Da die Mädchen generell besser sind und meistens ihre männlichen Konkurrenten weit hinter sich lassen, sitze ich mit drei Schülern und einer Schülerin in dem kleinen Prüfungsraum, der eigentlich ein Büro ist, und lese ein Diktat vor. Danach beaufsichtige ich noch eine Stunde der schriftlichen Prüfung. Es schließen sich, nach einer kurzen Pause, vier Einzelgespräche, also mündliche Prüfungen, an. Professorin Kong eröffnet den Dialog mit dem Prüfling, in den ich mich dann ebenso wie die zweite Kollegin einschalte. Ein Schüler, der im Rahmen eines Austauschprogramms bereits ein Jahr in Berlin war, will uns unbedingt das (kopierte) Zeugnis der Berliner Schule vorlegen, in der er gelernt hat. Ich stutze bei einigen grammatisch korrekten, aber doch holprigen Formulierungen und über den Satz (ich zitiere aus dem Gedächtnis: „[...] und lies sich gut in den Klassenverband eingliedern.“ Entweder Berlin bekräftigt durch eine Schulsekretärin, die sofort entlassen werden müsste, und drei unterzeichnende Studienräte, die ebenfalls „lassen“ nicht von „lesen“ unterscheiden können, den durch die jüngsten PISA-Ergebnisse genährten lamentablen Ruf der Stadt im Bildungssektor oder, was ich – PISA hin oder her – eher für wahrscheinlich halte: Hier liegt uns eine Fälschung vor. Für das Bildungsland Deutschland hoffe ich, dass letzteres der Fall ist. Dafür spricht immerhin, dass der Schüler mit dem Zeugnis nach der Auswertung beider Prüfungsteile den letzten Platz belegt. Platz eins war im Grunde schon vor dessen Bestätigung qua Prüfung vergeben: an das Mädchen.

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Mittwoch, 19. November 2008

Weltliteratur
Von DM, 23:59

Heute fuhr ich nach der Sprechstunde mit der Studentin im Bus zurück, die eine fromme Großmutter hat. Weil ich den Bettlern hin und wieder ein paar „Groschen“ in die Büchsen schmeiße, die an Bushaltestellen lauern, kommen wir ins Gespräch darüber, wie man eigentlich wissen kann, was richtig und falsch ist. Dreimal dürft ihr raten, nach welchem interessanten Buch der Weltliteratur sie mich später fragen wird.

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Samstag, 15. November 2008

Unterwegs nach Purple Mountain - Teil 3
Von DM, 23:59

Zwar gilt der Jugendkreis-Klassiker „Mit meinem Gott kann ich Wälle zerschlagen, mit meinem Gott über Mauern springen“ auch in China, doch als ich auf meiner Querfeldein-Wanderung durch menschenleeres (!) Gebiet an einer großen Mauer anlange und – zack – auch schon auf dem Pfeiler sitze, fällt mir ein, dass vor zwei Wochen eine für Müllentsorgung oder -überwachung zuständige Frau oben in der Nähe des Gipfels von einem Weg abriet, den ich einschlagen wollte, weil er in militärisches Sperrgebiet führe, und eingedenk meines halbtägigen Militärgewahrsams an der Grenze zu Russland im August 2005 lasse ich lieber Vorsicht walten und werde prompt durch einen Hinweis auf einem Stahltor bestätigt: MILITARY AREA. ENTRY PROHIBITED. Man muss ja sein Blatt auch nicht überreizen. Also wieder zurück nach oben und dann auf ausgetretenen Touristenpfaden wieder runter. Negative Begleiterscheinung dieser Vorsicht: Ihr habt hier heute nichts Spannendes zu lesen. Und auch nicht Neues. Studenten, die an mir ihr Englisch ausprobieren, sind nicht neu, auch nicht im Fall dieses Architekturstudenten, der mich oben unweit der Seilbahn anspricht und bald nach Südaustralien will, aber als Begriff für Architektur „Mechanical engineering for buildings“ verwendet. Vor Australien übt er daher noch ein bisschen Englisch, z.B. mit deutschen Wanderern.
Auch nicht neu ist Hans. Den Mann, der letzten Sonntag überraschend im GoDi aufgetaucht war, treffe ich kurz vor Sonnenuntergang zufällig unten am Fuße des Berges vor dem „Weißes-Pferd-Park“.
Für die Statistik hier noch die Anzahl der Foto-Termine: vier, und zwar eine Gruppe Jugendlicher, ein kleiner Knirps, der eigentlich gar nicht wollte, aber für seinen Papi musste, und ein hübsches junges Mädchen. Beim vierten Mal, das war schon beim Abstieg, habe ich nicht mehr genau hingeschaut, wer da genau mit mir abgelichtet werden wollte.

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Dienstag, 11. November 2008

Schwiegersöhne haben's leichter
Von DM, 23:59

Ja, ich gebe es zu: Die Dinge wiederholen sich, das sin-o-meter bietet nur noch banale Alltagsgeschichten.
Heute klingelt im Seminar zum Thema „Verfassen einer wissenschaftlichen Abschlussarbeit“ kurz vor Schluss das Mobiltelefon eines Studenten. Normalerweise finde ich das ja nicht so toll, doch rasch stellt sich heraus, dass Professorin Kong am anderen Ende der Leitung spricht. Sie lässt mir ausrichten, dass gleich nach dem Seminar Prof. Hallmeyer, ein Gast aus Mannheim, einen Vortrag zur Gesprächsanalyse (Teilbereich der Textlinguistik) halten wird, zu dem ich mitsamt allen Studenten des Seminars natürlich auch geladen bin. Die Kollegin entschuldigt sich auch gleich: „Habe ganz vergessen dir zu sagen.“ Der Professor ist sehr freundlich, nicht so das Klima in dem Raum, das Fenster nach Norden oder Westen hat, jedenfalls ist die Sonne nicht zu sehen und ich bekomme kalte Füße. Zur Entschädigung bittet Prof. Kong den deutschen Professor, einen Kollegen und mich zum Essen in das feine Restaurant Xin Zazhi. Ich krame immer mal wieder meine angestaubten Brocken aus einem Brinker-Seminar in Hamburg 1990 hervor (Klaus Brinker, angesehener Textlinguist) und der Professor aus Deutschland weiß mit dem Ergebnis einer empirischen Untersuchung zu generationsübergreifenden Gesprächen innerhalb von Familienverbänden zu verblüffen: Dabei, so erklärt er, bildeten sich archaische Muster ab: Die Schwiegertochter habe tendenziell die geringsten Redeanteile. Schwiegersöhne hätten's leichter. Professorin Kong bestätigt: Das könne in der Tat in China auch so sein.

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Sonntag, 09. November 2008

Unverhofftes Wiedersehen
Von DM, 23:59

Nanu, wer stellt sich denn da heute im GoDi der internationalen Gemeinde als Neuling vor? Hans, ein mir bekannter Student aus Deutschland und gleich daneben eine deutsche Studentin, die schon auf dem Ausflug zum Qixia-Berg (sin-o-meter berichtete) mit dabei war. Da sind sie also wieder, die U-Boot-Christen, die unvermittelt wie aus dem Nichts mitten im Meer der Möglichkeiten auftauchen. Allerdings bekennt Hans, der Stil sei nicht so ganz sein Ding. Heute predigte ein Kameruner (ich vermute das, weil er ein Englisch mit französischem Einschlag spricht, das aber wiederum so gut ist, dass es eben nur Kamerun sein kann) mit dem für Schwarzafrikaner typischen Temperament und einer mitunter auch etwas gewollten Exegese. Dann muss er die Predigt spontan abkürzen, weil es schon halb zwölf ist (GoDi-Beginn: 9.30Uhr). Noch eine Deutsche gesellt sich nach dem GoDi zu der kleinen Gruppe Deutscher: Simone, Gast aus einer kleineren Stadt zwischen Schanghai und Nanjing.

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Samstag, 08. November 2008

Unterwegs nach Purple Mountain - Teil 2
Von DM, 23:59

Diesmal nehme ich die Seilbahn. Man gönnt sich ja sonst nichts. Kostet auch nur umgerechnet sieben Mark, dafür kann man in Deutschland nicht mal 'ne halbe Stunde – so lange dauert der Seilzug auf die 448 Meter – Zug fahren. Diesmal ist das Wetter kälter und doch viel besser als vor einer Woche. Denn endlich sehe ich die Wolkenkratzerlinie von Nanjing. Im Mittagsdunst sieht sie entschieden ein bisschen postkartenreif aus, auch wenn man mit New York natürlich nicht mithalten kann. Im Vordergrund erstreckt sich die kilometerlange Seilbahn, die endlose Folge lindgrün überdachter Zweisitzer, über die grün-bunten Hänge des Purpur-Bergs. Kalt ist es geworden. Immerhin scheint nach zwei Tagen Dauerregen wieder die Sonne. Ich wandere über den Grat – auch hier breite, gepflasterte Wege – hinab ins Tal auf der Südseite der Hügelkette. Dort erwartet mich der Linggu-Park mit einer riesenhaften Pagode. Dass einem ein Wanderweg einfach abgeschnitten wird, indem man an einem Kontrollpunkt umgerechnet 16 Mark Eintritt zahlen muss, kommt mir reichlich ungelegen. Ich dringe in das 16-Mark-Areal, das ich ja nur als Wanderer, nicht als Tourist durchqueren will, also lieber über die so genannte grüne Grenze ein, jenseits der ausgetretenen Touristenpfade. Dabei bleibt meine schöne, graue Posthose an dem Stacheldraht hängen, der den zwei Meter hohen Zaun krönt. Naja, vom Rad fallen ist schlimmer. Selbstverständlich würdige ich die Pagode kaum eines Blickes, ich bin ja nicht als Tourist hier, sondern als Wanderer auf der Durchreise, gelange dann aber immerhin noch zur Sun-Yat-Sen-Gedenkstätte (unweit des bereits besuchten Mausoleums, siehe 13.9.). Schließlich passiere ich einen Amüsierpark, komme an einem seismologischen Institut vorbei, dessen Hunde mich verbellen, und lande zusammen mit einem Trupp Jugendlicher, denen ich es einfach gleichtue, in Bus Nr. 2, der mich zurück bringt in die Stadtmitte. Nächste Woche dann Teil 3, wenn das Wetter so bleibt.

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