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Donnerstag, 27. November 2008

Die Stadt, die nicht endet
Von DM, 23:59

Eine nicht immer ganz glückliche Verbindung, das sind in China seit jeher Hotelzimmertüren und ich. In Xi'an war ich im Winter 2005 drei Stunden lang Sturm klopfender und krakeelender Gefangener meines eigenen Zimmers, weil das Schloss defekt war (bei externem WC!) und ein Jahr zuvor in Longsheng an den Reisterrassen kann der nächtliche Besucher, der meine Klamotten nach Geld durchwühlte, während ich schlafend daneben lag, seine diebischen Absichten in Anbetracht eines Fensters in steiler Wand auch nur durch die Tür verwirklicht haben. Diesmal war die Sache fast noch rätselhafter: Ich komme zurück von der Ausstellungseröffnung „Zoe – Kind am Kabel“, Bilder, mit denen ein Fotokünstler privaten Trennungsschmerz verarbeitet, und bin plötzlich selbst getrennt: von meinem Bett. Die Tür lässt sich zwar öffnen, aber der Sicherheitsriegel, der sich nachweislich nur von innen vor die Tür schieben lässt, verhindert das Eintreten. Ich rufe meinen österreichischen Zimmergenossen Richard, der eigentlich nicht als Früh-zu-Bett-Geher berüchtigt ist durch den Schlitz. Dann eile ich in die Lobby. Dort sitzt Richard mit einigen Deutschlehrer-Kollegen zusammen bei ein paar Bier und scheint den Ernst der Lage gar nicht zu begreifen. Die Rezeption lässt einen Techniker kommen und als Richard, der übrigens an der YUST, meiner Ex-Uni, unterrichtet, dann endlich ins Bett will und vom Gang aus zwei Männern in Arbeitskleidung dabei zusehen darf, wie sie sich bei inzwischen offener Tür an dem Riegel zu schaffen machen, reagiert er verstört. „Hab' ich dir doch erzählt!“, sage ich. Es handelt sich nur noch um die Wiedermontage des Riegels. Danach funktioniert alles wieder reibungslos. Schließlich kann sich Richard vor Lachen kaum noch halten. Wie für alle Rätsel der Menschheitsgeschichte gibt es natürlich auch für dieses eine einfache Erklärung. Nur kennen wir die nicht.
Noch mehr gibt es von diesem Tag zu berichten, der nicht drögen Konferenzdiskursen gewidmet war, sondern als Ausflugstag das Programm auflockern sollte. Dazu begeben wir uns zunächst auf den zwei Stunden langen Weg zum Außencampus der SISU, wo die Chinesen mal wieder Erstaunliches bewerkstelligt haben. Die diversen Unterrichtsgebäude sind architektonisch den diversen Herkunftsländern der Sprachen nachempfunden, die hier gelehrt werden: Eines sieht aus wie eine Moschee, ein gewaltiges englisches Herrenhaus ist zu bestaunen und das Hauptgebäude erinnert von ferne an den Petersdom. Theologie wird hier aber natürlich nicht unterrichtet.

Eine Studentin, die von der für sie zuständigen Lektorin als „rosa Phantom“ bezeichnet wird, beeindruckt an der Seite von drei weiteren studentischen Deutsch-Leuchten durch einen Vortrag im Loriot-Stil, der Vortrag und Parodie eines Vortrags in einem ist. Was auch immer intendiert war – grandios! Dass sie vom Großstadtleben gleichsam abgeschnitten sind, sehen die Studenten als Vorteil: „So gibt es wenig Ablenkung für uns und wir können uns auf das Studium konzentrieren.“
Danach geht es auf den höchsten Berg von Schanghai, eine Erhebung, kaum höher als der Ketelvierth, auf der eine katholische Kirche steht, die schon schlechtere Tage gesehen hat (nämlich während der Kulturrevolution). Schließlich führt die Reiseroute uns noch in die so genannten Wasserdörfer nahe Schanghai; das sind alte chinesische Wohn- und Gewerbehäuser, die an einem Kanal liegen, was als chinesisches Venedig gepriesen wird. Aber der Vergleich mit den Amsterdamer Grachten trifft vielleicht eher zu. Auf dem Weg zurück präge ich im Bus den Spruch von der Stadt, die nicht endet, denn dieser Eindruck entsteht unweigerlich, wenn man stundenlang an Hochhäusern vorbeifährt und einfach nicht ans Ziel kommt. Zum Vergleich: Der Ballungsraum Schanghai hat 15 Mio. Einwohner, ganz Holland 16.

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Montag, 24. November 2008

Vergissmeinnicht
Von DM, 23:59

Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn mal alles reibungslos geklappt hätte. Als ich gegen 18 Uhr in dem Konferenzhotel der SISU (Shanghai International Studies University) ankomme, fordert man beim Einbuchen an der Rezeption einen Ausweis von mir. Der liegt natürlich in Nanjing! Kurze Ratlosigkeit. Was tun? Ich schlage vor, wieder nach  Nanjing zurückzureisen, um das dringend nötige Papier zu holen, weiß allerdings, dass es anderswo auch schon ohne Ausweis ging (allerdings in zumeist weniger vornehmen Absteigen). Zum Glück findet mich die von der Deutsch-Abteilung der SISU zum Empfang der Konferenzteilnehmer abgestellte Studentin Lili, wie sie später, des Deutschen mächtig, mit eben diesen Worten bekennen wird, sehr nett und hilft mir aus der Bredouille, indem sie für mich bürgt. Dann geleitet sie mich zu dem zehn Fußminuten entfernt gelegenen Konferenzsaal an der Universität. Unterwegs revanchiere ich mich für die Hilfe mit ein paar Ratschlägen für ihre Magisterarbeit. In dem Hörsaal, in dem die Deutsch-Lektoren in China, Taiwan und der Mongolei tagen, stehe ich zunächst herum wie Falschgeld, dann weist mir ein studentischer Assistent einen Platz. Und zu essen wird es heute Abend auch noch etwas geben. Die SISU lädt ein. Und wer steht, der Zufall will es so, auf einmal in der Schlange zum Buffet neben mir?

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Samstag, 22. November 2008

Ein Tag im November
Von DM, 17:59

Eigentlich wollte ich mich nach dem Erwerb einer Fahrkarte zur Deutschlektoren-Konferenz in Schanghai von Montag bis Freitag nächster Woche am Eingang zum Xuanwu-See mit Emily bzw. Emilie treffen, um das erste französisch-chinesische Sprach-Gipfeltreffen zu eröffnen. Aber irgendwie muss da eine E-Mail verloren gegangen sein, denn das Treffen findet nicht statt und ich wandere alleine am Seeufer entlang. So bin ich's ja schließlich auch gewohnt. Herrliches Novemberwetter übrigens, ein bisschen diesig, aber sehr angenehme Herbsttemperaturen so um die vierzehn Grad. Als Kind erklärte ich ja den November forsch zu meinem Lieblingsmonat, allerdings hatte das mehr mit dem Klang des Namens zu tun als mit dem Wetter. Hier in Nanjing ist der November bisher allerdings tatsächlich der angenehmste Monat gewesen. Bei Sonnenschein kann ich immer noch mit kurzer Hose und freiem Oberkörper auf dem Balkon sitzen.
Und noch was Schönes: Dank FC-B-Anhängerin Julia (sin-o-meter berichtete am 14.9.) kann ich mich den ganzen Tag auf den heutigen Abend freuen, wo Bayern gegen Cottbus live ausgestrahlt wird. Ich habe mit Julia folgendes Abkommen geschlossen: Wenn sie mir jede Woche eine E-Mail schickt, welches Spiel der Bundesliga samstags im chinesischen Fernsehen übertragen wird, beantworte ich ihr im Gegenzug per E-Mail eine Grammatikfrage. Ist doch fair, oder? Das Ganze endet auch noch hochgradig erfreulich mit 4:1. Sagt da noch jemand was gegen Novembertage?

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Donnerstag, 20. November 2008

Kür der Besten
Von DM, 23:59

Gestern habe ich erfahren, dass ich zwei Professorinnen zur Nanjinger Fremdsprachenschule (bei uns würde man das wohl humanistisches Gymnasium nennen) begleiten darf, um bei der Auswahl von zwei Kandidaten mitzuwirken, die von der extrem schweren Hochschulaufnahmeprüfung (chinesisches Abitur) befreit werden und im Herbst direkt zu uns kommen dürfen, um Deutsch zu studieren. Zunächst mal werden wir in einen eiskalten Konferenzraum geführt und dort legt man allen Hochschullehrern (auch der Fachbereich Französisch, Japanisch u.a. sind vertreten) erst mal einen diskreten Briefumschlag auf den Tisch. Inhalt: der nicht ganz unbeträchtliche Betrag von 400 Yuan als Aufwandsentschädigung. Ich kann meine nächste Barabhebung also noch etwas verschieben und denke nicht zum ersten Mal, seit ich hier bin, an den alten Bibelspruch: „Wer da hat, dem wird gegeben werden; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.“
Vier Schüler, die an der Schule alle bereits sechs Jahre Deutsch gelernt haben, wurden für das Prüfverfahren ausgewählt. Es gibt eine Männerquote: Da die Mädchen generell besser sind und meistens ihre männlichen Konkurrenten weit hinter sich lassen, sitze ich mit drei Schülern und einer Schülerin in dem kleinen Prüfungsraum, der eigentlich ein Büro ist, und lese ein Diktat vor. Danach beaufsichtige ich noch eine Stunde der schriftlichen Prüfung. Es schließen sich, nach einer kurzen Pause, vier Einzelgespräche, also mündliche Prüfungen, an. Professorin Kong eröffnet den Dialog mit dem Prüfling, in den ich mich dann ebenso wie die zweite Kollegin einschalte. Ein Schüler, der im Rahmen eines Austauschprogramms bereits ein Jahr in Berlin war, will uns unbedingt das (kopierte) Zeugnis der Berliner Schule vorlegen, in der er gelernt hat. Ich stutze bei einigen grammatisch korrekten, aber doch holprigen Formulierungen und über den Satz (ich zitiere aus dem Gedächtnis: „[...] und lies sich gut in den Klassenverband eingliedern.“ Entweder Berlin bekräftigt durch eine Schulsekretärin, die sofort entlassen werden müsste, und drei unterzeichnende Studienräte, die ebenfalls „lassen“ nicht von „lesen“ unterscheiden können, den durch die jüngsten PISA-Ergebnisse genährten lamentablen Ruf der Stadt im Bildungssektor oder, was ich – PISA hin oder her – eher für wahrscheinlich halte: Hier liegt uns eine Fälschung vor. Für das Bildungsland Deutschland hoffe ich, dass letzteres der Fall ist. Dafür spricht immerhin, dass der Schüler mit dem Zeugnis nach der Auswertung beider Prüfungsteile den letzten Platz belegt. Platz eins war im Grunde schon vor dessen Bestätigung qua Prüfung vergeben: an das Mädchen.

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Mittwoch, 19. November 2008

Weltliteratur
Von DM, 23:59

Heute fuhr ich nach der Sprechstunde mit der Studentin im Bus zurück, die eine fromme Großmutter hat. Weil ich den Bettlern hin und wieder ein paar „Groschen“ in die Büchsen schmeiße, die an Bushaltestellen lauern, kommen wir ins Gespräch darüber, wie man eigentlich wissen kann, was richtig und falsch ist. Dreimal dürft ihr raten, nach welchem interessanten Buch der Weltliteratur sie mich später fragen wird.

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Samstag, 15. November 2008

Unterwegs nach Purple Mountain - Teil 3
Von DM, 23:59

Zwar gilt der Jugendkreis-Klassiker „Mit meinem Gott kann ich Wälle zerschlagen, mit meinem Gott über Mauern springen“ auch in China, doch als ich auf meiner Querfeldein-Wanderung durch menschenleeres (!) Gebiet an einer großen Mauer anlange und – zack – auch schon auf dem Pfeiler sitze, fällt mir ein, dass vor zwei Wochen eine für Müllentsorgung oder -überwachung zuständige Frau oben in der Nähe des Gipfels von einem Weg abriet, den ich einschlagen wollte, weil er in militärisches Sperrgebiet führe, und eingedenk meines halbtägigen Militärgewahrsams an der Grenze zu Russland im August 2005 lasse ich lieber Vorsicht walten und werde prompt durch einen Hinweis auf einem Stahltor bestätigt: MILITARY AREA. ENTRY PROHIBITED. Man muss ja sein Blatt auch nicht überreizen. Also wieder zurück nach oben und dann auf ausgetretenen Touristenpfaden wieder runter. Negative Begleiterscheinung dieser Vorsicht: Ihr habt hier heute nichts Spannendes zu lesen. Und auch nicht Neues. Studenten, die an mir ihr Englisch ausprobieren, sind nicht neu, auch nicht im Fall dieses Architekturstudenten, der mich oben unweit der Seilbahn anspricht und bald nach Südaustralien will, aber als Begriff für Architektur „Mechanical engineering for buildings“ verwendet. Vor Australien übt er daher noch ein bisschen Englisch, z.B. mit deutschen Wanderern.
Auch nicht neu ist Hans. Den Mann, der letzten Sonntag überraschend im GoDi aufgetaucht war, treffe ich kurz vor Sonnenuntergang zufällig unten am Fuße des Berges vor dem „Weißes-Pferd-Park“.
Für die Statistik hier noch die Anzahl der Foto-Termine: vier, und zwar eine Gruppe Jugendlicher, ein kleiner Knirps, der eigentlich gar nicht wollte, aber für seinen Papi musste, und ein hübsches junges Mädchen. Beim vierten Mal, das war schon beim Abstieg, habe ich nicht mehr genau hingeschaut, wer da genau mit mir abgelichtet werden wollte.

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Dienstag, 11. November 2008

Schwiegersöhne haben's leichter
Von DM, 23:59

Ja, ich gebe es zu: Die Dinge wiederholen sich, das sin-o-meter bietet nur noch banale Alltagsgeschichten.
Heute klingelt im Seminar zum Thema „Verfassen einer wissenschaftlichen Abschlussarbeit“ kurz vor Schluss das Mobiltelefon eines Studenten. Normalerweise finde ich das ja nicht so toll, doch rasch stellt sich heraus, dass Professorin Kong am anderen Ende der Leitung spricht. Sie lässt mir ausrichten, dass gleich nach dem Seminar Prof. Hallmeyer, ein Gast aus Mannheim, einen Vortrag zur Gesprächsanalyse (Teilbereich der Textlinguistik) halten wird, zu dem ich mitsamt allen Studenten des Seminars natürlich auch geladen bin. Die Kollegin entschuldigt sich auch gleich: „Habe ganz vergessen dir zu sagen.“ Der Professor ist sehr freundlich, nicht so das Klima in dem Raum, das Fenster nach Norden oder Westen hat, jedenfalls ist die Sonne nicht zu sehen und ich bekomme kalte Füße. Zur Entschädigung bittet Prof. Kong den deutschen Professor, einen Kollegen und mich zum Essen in das feine Restaurant Xin Zazhi. Ich krame immer mal wieder meine angestaubten Brocken aus einem Brinker-Seminar in Hamburg 1990 hervor (Klaus Brinker, angesehener Textlinguist) und der Professor aus Deutschland weiß mit dem Ergebnis einer empirischen Untersuchung zu generationsübergreifenden Gesprächen innerhalb von Familienverbänden zu verblüffen: Dabei, so erklärt er, bildeten sich archaische Muster ab: Die Schwiegertochter habe tendenziell die geringsten Redeanteile. Schwiegersöhne hätten's leichter. Professorin Kong bestätigt: Das könne in der Tat in China auch so sein.

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Sonntag, 09. November 2008

Unverhofftes Wiedersehen
Von DM, 23:59

Nanu, wer stellt sich denn da heute im GoDi der internationalen Gemeinde als Neuling vor? Hans, ein mir bekannter Student aus Deutschland und gleich daneben eine deutsche Studentin, die schon auf dem Ausflug zum Qixia-Berg (sin-o-meter berichtete) mit dabei war. Da sind sie also wieder, die U-Boot-Christen, die unvermittelt wie aus dem Nichts mitten im Meer der Möglichkeiten auftauchen. Allerdings bekennt Hans, der Stil sei nicht so ganz sein Ding. Heute predigte ein Kameruner (ich vermute das, weil er ein Englisch mit französischem Einschlag spricht, das aber wiederum so gut ist, dass es eben nur Kamerun sein kann) mit dem für Schwarzafrikaner typischen Temperament und einer mitunter auch etwas gewollten Exegese. Dann muss er die Predigt spontan abkürzen, weil es schon halb zwölf ist (GoDi-Beginn: 9.30Uhr). Noch eine Deutsche gesellt sich nach dem GoDi zu der kleinen Gruppe Deutscher: Simone, Gast aus einer kleineren Stadt zwischen Schanghai und Nanjing.

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Samstag, 08. November 2008

Unterwegs nach Purple Mountain - Teil 2
Von DM, 23:59

Diesmal nehme ich die Seilbahn. Man gönnt sich ja sonst nichts. Kostet auch nur umgerechnet sieben Mark, dafür kann man in Deutschland nicht mal 'ne halbe Stunde – so lange dauert der Seilzug auf die 448 Meter – Zug fahren. Diesmal ist das Wetter kälter und doch viel besser als vor einer Woche. Denn endlich sehe ich die Wolkenkratzerlinie von Nanjing. Im Mittagsdunst sieht sie entschieden ein bisschen postkartenreif aus, auch wenn man mit New York natürlich nicht mithalten kann. Im Vordergrund erstreckt sich die kilometerlange Seilbahn, die endlose Folge lindgrün überdachter Zweisitzer, über die grün-bunten Hänge des Purpur-Bergs. Kalt ist es geworden. Immerhin scheint nach zwei Tagen Dauerregen wieder die Sonne. Ich wandere über den Grat – auch hier breite, gepflasterte Wege – hinab ins Tal auf der Südseite der Hügelkette. Dort erwartet mich der Linggu-Park mit einer riesenhaften Pagode. Dass einem ein Wanderweg einfach abgeschnitten wird, indem man an einem Kontrollpunkt umgerechnet 16 Mark Eintritt zahlen muss, kommt mir reichlich ungelegen. Ich dringe in das 16-Mark-Areal, das ich ja nur als Wanderer, nicht als Tourist durchqueren will, also lieber über die so genannte grüne Grenze ein, jenseits der ausgetretenen Touristenpfade. Dabei bleibt meine schöne, graue Posthose an dem Stacheldraht hängen, der den zwei Meter hohen Zaun krönt. Naja, vom Rad fallen ist schlimmer. Selbstverständlich würdige ich die Pagode kaum eines Blickes, ich bin ja nicht als Tourist hier, sondern als Wanderer auf der Durchreise, gelange dann aber immerhin noch zur Sun-Yat-Sen-Gedenkstätte (unweit des bereits besuchten Mausoleums, siehe 13.9.). Schließlich passiere ich einen Amüsierpark, komme an einem seismologischen Institut vorbei, dessen Hunde mich verbellen, und lande zusammen mit einem Trupp Jugendlicher, denen ich es einfach gleichtue, in Bus Nr. 2, der mich zurück bringt in die Stadtmitte. Nächste Woche dann Teil 3, wenn das Wetter so bleibt.

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Freitag, 07. November 2008

Aus dem Rennen
Von DM, 23:59

Pustekuchen. Ich lese eher versehentlich meine Nachrichten unter dem alten Dienstleister web.de und an die Adresse schickt Herr Li (sinngemäß): Wir haben unsere Auswahl schon gemacht. Wer etwas dagegen hat, bitte umgehend mitteilen, da wir bis heute 18 Uhr die Liste an die Veranstalter in Guangzhou schicken müssen. Natürlich ist diese Frist längst Vergangenheit (denn ich lese die Nachricht ja einen Tag später) und natürlich haben Herr Li und seine Kollegen zwei (von insgesamt acht) ganz andere Studenten ausgewählt, als ich es getan hätte. Für mich zählt ja nur Grammatik. Ich repliziere leicht gereizt: „Eure Kandidaten werden kaum Chancen haben. Die waren bei mir schon am ersten Abend aus dem Rennen.“ Ich ergänze (sinngemäß): Naja, nun ist's geschehen. Machen wir das Beste draus. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten und ist eine sehr ausführliche Begründung für die Entscheidung, an der sich ja nun nichts mehr ändern lässt.
Da fragt man sich natürlich: War meine Meinung wirklich gefragt?

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Donnerstag, 06. November 2008

Wieder debattieren
Von DM, 23:59

Heute wieder Debattier-Probe. Ich muss aber korrigieren. Einer E-Mail zufolge soll überraschend bereits morgen feststehen, wen wir entsenden. Ich rufe also den zuständigen Lehrer, Herrn Li (genau, der, der am 9. Oktober wieder ins Bett durfte) an und der sagt mir: „Nein, heute ist nur die Vorauswahl. Entscheidende Auswahl, wie gesagt, Sonntag.“ Ich kann also beruhigt weiterkorrigieren.

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Mittwoch, 05. November 2008

Der Tintenkiller der Zukunft
Von DM, 23:59

Zwischenprüfungswoche. Das bedeutet stöhnende Studenten an allen Fronten und Korrekturen (an insgesamt 77 Prüfungen) bis zwei Uhr nachts. Die herausragende Beobachtung innerhalb dieser Woche ist wohl die Studentin, die mit folgender innovativer Technik ihre Fehler verschwinden lässt: Der Tintenkiller der Zukunft, der hier entwickelt wurde, ist Tesafilm, den man auf das auszutilgende Wort drückt und dann wieder abreißt mit dem Ergebnis: Papier dünner, Fehler futsch. Verblüffend!
Ausgerechnet der Absolventenjahrgang scheitert an einer vermeintlich leichten Übung. Der mit Fehlern gespickte Ausschnitt aus einer fiktiven Abschlussarbeit hat bei den meisten Studenten nach der Zwischenprüfung mehr Fehler als vorher. Ziel der Klausur war aber eigentlich, alle Fehler auszumerzen, und nicht, neue hinzuzufügen, indem man richtige Sätze vermurkst: 80 Prozent durchgefallen. Da müssen wir wohl noch mal ran.

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Sonntag, 02. November 2008

Afrikaner unter sich
Von DM, 23:59

Heute bin ich wieder im englischsprachigen GoDi der St.-Paul's-Kirche. Ich treffe zwei Liberianer, einen Mann, eine Frau, die in Nanjing studieren. Beide sind in dicke, grüne Armeemäntel gehüllt. Immerhin haben wir jetzt tagsüber mitunter nur noch 15 bis 19 Grad. Das sind für Westafrikaner extrem niedrige Temperaturen. Ich gebe mich sofort als Exil-Guineer zu erkennen – und siehe da, der Student der Technischen Universität war zur selben Zeit in der Dschungelregion von Guinea wie ich (1996): er als Flüchtling in einem südguineischen Flüchtlingslager (wegen des Bürgerkriegs in Liberia, siehe auch „Blood Diamond“), ich auf Missionstour mit dem Jesus-Film. Wir fachsimpeln über Afrika, dass die Chinesen neben uns aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Schließlich mache ich mich auf den Weg nach Hause. Na, noch nicht ganz, denn unten vor dem Eingang steht Emilie (französische Schreibweise) mit einer Freundin und kommt noch mal auf die geplanten études françaises (sin-o-meter berichtete) zu sprechen. Mal sehn...

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Samstag, 01. November 2008

Unterwegs nach Purple Mountain
Von DM, 23:59

Heute ist der Zijin- oder Purpur-Berg dran. Er befindet sich westlich vom Xuanwu-See, den ich auf meinem Weg passiere, und ist Teil eines riesigen Naherholungsgebietes, in dem sich auch das Sun-Yat-Sen-Mausoleum befindet, das ich Mitte September (sin-o-meter berichtete) als Teil der Spezialveranstaltung für ausländische Lehrkräfte bereits besichtigen durfte. Das ganze Unterfangen ist im Grunde eine Miniatur-Ausgabe meiner Huangshan-Tour: Im Verhältnis zur Größe des Areals sind genauso viele Leute auf den steinernen Treppen unterwegs. Wie dort gibt es eine parallele Seilbahn für Faule und Fußkranke und einen tiefer gelegenen Antennengipfel, wie dort stellt sich mit zunehmender Dienstgipfelhöhe auch wieder der berüchtigte Clooney-Effekt  (sin-o-meter berichtete) ein. In einem Rast-Pavillon finde ich mich unvermittelt in einer kichernden vierköpfigen Mädchengruppe wieder; die trauen sich noch nicht. Wenig später aber darf ich für eine gemischte Gruppe posieren (das peinliche Fragen übernehmen die Jungs). Oben auf dem höchsten Punkt, dem Purpur-Gipfel, treffe ich sie wieder. Eines der Mädchen hat das Kunststück fertig gebracht, ihr Kuscheltier, einen ca. einen Meter langen hellblauen Plüsch-Delfin, bis hierher auf dem Arm zu tragen. Das ist wahre Liebe! Immerhin sieht der Delfin mit seinen Knopfaugen ungefähr so viel von der Tiefe, die wir überragen, wie ich, denn heute ist ganz Nanjing in einen dichten Dunstschleier gehüllt.

Ich raste eine Zeit lang auf einer Treppe vor einem Pavillon. Unten auf dem Platz, den ich überblicke, amüsiert sich ein Trupp Ausflügler mit den üblichen Spielchen (sin-o-meter berichtete). Hinter mir kichert es schon wieder: Offenbar hat sich ein Mädel den Spaß gemacht, sich mit meinem Rücken als Hintergrund vor dem Pavillon ablichten zu lassen. Dann kommt ein Junge, wohl aus derselben Gruppe, die Treppe emporgestiegen, will ein Foto mit mir. Und kaum dass ich eingewilligt habe, husch, sitzt die Kichererbse auch schon neben mir. Clooney von vorne ist eben doch besser.
Ich sitze noch ein paar Minuten allein. Ehe dann aber die nächsten Kandidaten von unten kommen, geht es bergab mit mir. Doch auch unten im Tal, wo ich in einem Park, in dem viele Hunde, die gute Aussichten haben nie in einer Suppenschüssel zu landen, Auslauf haben, auf einem Felsen meine letzte Pause einlege, bin ich nicht lange allein: Ein ehemaliger Angestellter oder Beamter des öffentlichen Dienstes, Stadtverwaltung oder so, über sechzig und schon pensioniert, wie er mir erzählt, probiert an mir sein nicht ganz unangestrengtes Englisch aus. Jeden Satz kaut er einmal für sich vor, ehe er ihn an mich richtet. Hat was von Professor Hastig aus der Sesamstraße. Denn es entstehen minutenlange Gesprächspausen, in denen ich hilflos in die Luft gucke. Europäer können so was eigentlich nicht, solche Gespräche führen. Ich erfahre immerhin, warum der Berg heißt, wie er heißt, weil nämlich die Felsen oben eine braunrote Färbung haben. Ist mir gar nicht so aufgefallen. Da der rüstige Rentner nicht die geringsten Anstalten macht, von meiner Seite zu weichen, blase ich am Ende zum Aufbruch. Er ist mir behilflich und begleitet mich zu einer Bushaltestelle, an der Bus Nr. 20 halten wird, der mich zum Nordrand der Uni bringt. Da er offenbar nie ohne eine alte Armeekarte das Haus verlässt, verdanke ich dem freundlichen Herrn schließlich auch noch die wertvolle Information, auf welcher Höhe ich mich auf dem Höhepunkt des heutigen Tages befunden habe, nämlich auf exakt 448 Metern. Huangshan in Miniatur eben.

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Donnerstag, 30. Oktober 2008

Debattier-Wettbewerb
Von DM, 23:59

Da soll ich bewerten, schulen und bei der Auswahl helfen. Wir treffen uns nachmittags im Salon des Instituts. Insgesamt acht Studenten sind in der Endauswahl als Kandidaten der Universität Nanjing für den Deutsch-Debattierwettbewerb in Guangzhou. Zwei werden am Ende geschickt werden. Drei Lehrer, mich eingerechnet, hören sich an, was die Studenten hier in deutscher Sprache zuwege bringen. Das spannende Thema, das ihnen zum Üben aufgedrückt wurde, lautet: Leben in der Stadt oder am Stadtrand, was ist besser? Ich komme am Ende zu einer etwas anderen Einschätzung als die chinesischen Kollegen. Bei mir kann man nämlich nur punkten, wenn die Grammatik stimmt.

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Grand Prix d'Asievision de la Chorégraphie
Von DM, 23:59

„Friendship with the Five Continents“ ist der Titel einer Gala aus Anlass des „30. Geburtstages freundschaftlichen Austausches der Provinz Jiangsu mit dem Ausland“. Eigentlich wollte ich beim Büro für ausländische Angelegenheiten nur fragen, ob mein Scanner schon repariert sei, da erfahre ich, man suche schon dringend nach mir. Es wird eilig telefoniert und ehe ich weiß, wie mir geschieht, führt mich eine Assistentin zum Ostausgang des Universitätsgeländes, wo ein Bus mit lauter ausländischen Professoren und Studenten auf mich wartet. Ich sitze neben einem Geologie-Professor, der Kurzzeitdozent in Nanjing ist. Als er erklärt, er komme aus Deutschland, können wir das Gespräch auf Deutsch fortsetzen. „In meinem Wohnheim war ein Zettel, der besagte, wir würden zu dem Empfang um 17.40 Uhr abgeholt“, erkläre ich. Aber die Zeit wurde geändert, sodass die ursprünglich mir mitgeteilte Zeit doch die richtige war. Was uns erwartet, wissen wir alle nicht, aber es wird was zu essen geben, und zwar, wie wir sogleich sehen, in einer Ausstellungshalle des Expo-Geländes Nanjing, einem riesigen, neu aus dem Boden gestampften  Areal, das jetzt am Abend überall bunt leuchtet. In der mit rotem Teppich ausgelegten Halle befinden sich geschätzte tausend Leute an verschiedenen Tischen. Ich sitze zwischen Karen, einer Lehrerin aus den USA, die ich aus der St.-Paul's-Gemeinde kenne, und amerikanischen Studenten. Es gibt ein Drei-Gänge-Menü und deutsches Brot (woher haben die das?), nebenbei halten die üblichen Repräsentanten der Provinzverwaltung die standesgemäßen Reden.
Das setzt sich auch im Stadion des Olympiazentrums fort, einer geschlossenen Arena. Doch dann verschwinden die offiziellen, roten Pappmaché-Aufsteller oder Spruchbänder und die Konferenzteilnehmer davor, um einer atemberaubenden Schau Platz zu machen: Künstler aus verschiedenen Ländern bieten einen Mix aus Musik, Akrobatik und Tanz. Ein Bilderrausch aus Farben, Funken und Figuren, der wegen seiner Vielfalt von ferne an den Grand Prix de la Chanson erinnert.  Wie dort bleiben auch hier die Deutschen leider etwas blass: Eine Musik-Kapelle mit Mädchen in weißen Kniestrümpfen, kurzen blauen Röcken und weißen Hemden, die Männer passend dazu im weißen Hemd, sorgt dafür, dass das klassische Deutschlandbild ja nicht ins Wanken gerät. Wer solche Blasmusiker hat, braucht keine Klischees mehr! Naja, immer noch einen Tick besser als die No Angels! Auch das Fernsehen (die Rundfunkanstalt von Jiangsu) ist dabei und wirbelt mit Kameras auf der Bühne herum.
Ein Höhepunkt ist am Schluss, gegen 22.30 Uhr, natürlich mal wieder China: Ein Ausschnitt aus einer Peking-Oper wird gezeigt. Ihr kennt das: Da singt eine Frau in höchsten Quietscheentchen-Tönen und ist umgeben von kostümierten Hofschranzen und -schergen in traditioneller chinesischer Dynastiekluft. Ich denke: Tja, damals durften nur Männer in der Peking-Oper singen, das ist ja nun, wie man sieht (und hört), vorbei. Da wird die Sängerin nach der Darbietung von dem Moderatoren-Duo interviewt und entpuppt sich als Mann. Und der singt abschließend ein Duett mit sich selbst: als quietschhohe Frauenstimme und normale Männerstimme: wirklich beeindruckend!
Dass ich zuvor zweimal meine Eintrittskarte liegen ließ und erst mit einer Ersatzkarte ausgestattet doch noch zugelassen werden konnte, zuvor jedoch am Eingang als Depp vom Dienst zurückbleiben und schließlich in der Halle wegen der Kartennummer von allen anderen aus dem Bus getrennt sitzen musste, fällt da wirklich nicht mehr ins Gewicht.

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Mittwoch, 29. Oktober 2008

Von verlorenen Schlüsseln und verdampftem Wassser
Von DM, 23:59

Irgendwie bin ich im Alltag angekommen. Das erkennt man daran, dass sich auch die üblichen Peinlichkeiten endlich wieder einstellen. Ich komme nach Hause und stelle beim Versuch die Wohnung aufzuschließen verstört fest, dass mein Schlüssel weg ist. Habe ich den im Unterricht liegen lassen? Ich gehe zur Rezeption, um nach einem Ersatzschlüssel zu fragen. Dort liegt mein Schlüssel. Ich muss ihn stecken gelassen haben.
Nachmittags dann die erste Fachbereichs- bzw. Institutssitzung in meinem Beisein. Der Weg führt durch eine dichte, graue Nebelsuppe. Die Abschlussarbeiten werden verteilt: Jeder der insgesamt zehn Hochschullehrer darf zwei Studenten betreuen. Das wird ein Spaß!
Szenenwechsel: Ich sitze am Computer, um Prüfungen zu erstellen (damit werde ich noch den Rest der Woche zu tun haben). Was ist eigentlich aus dem Wasser geworden, das ich vor geraumer Zeit auf den Herd gestellt habe? Antwort: Das Wasser ist Dampf und der Kochtopf Schrott.

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Montag, 27. Oktober 2008

Morgens halb sieben in China
Von DM, 23:59

Ich muss mich beeilen rechtzeitig zum Bahnhof zu kommen, damit ich den Zug nicht verpasse. Ich steige ein und erblicke in der Bahn eine Person, die ich kenne. Ich überlege, ob ich sie anspreche, aber ich kann, nein, ich will das jetzt nicht. Meine Lippen sind versiegelt. Ich bleibe stehen. Muss sowieso bald aussteigen. Habe ich mein Fahrrad dabei, das ich festhalten muss? Weiß nicht mehr. Dann hält die AKN auf Höhe der Autobahn, an der Brücke, obwohl da gar keine Haltestelle ist. Die bekannte Person steigt auch aus. Es geht zurück Richtung Großenaspe, Surhalf (dort hatte ich im August meine Physiotherapie). Ich denke: Was soll der Quatsch, wieso nehme ich die AKN, wenn ich nur in den Surhalf will? Ich richte nun das Wort an die Person neben mir: „Da hätte ich auch direkt hingehen können, das wäre schneller gegangen.“
Was man so träumt zwischen 6.12 Uhr und 6.21 Uhr, wenn man den Wecker noch mal kurz zum Schweigen bringt, ehe man aufstehen muss am Montagmorgen...

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Sonntag, 26. Oktober 2008

Dann macht es BUMM!
Von DM, 23:59

Es hat gekracht. Instinktiv blicke ich, selbst gerade dabei, die riesige Kreuzung zwischen Guangzhou Lu und Shanghai Lu zu überqueren, da die Fahrbahn gerade frei zu sein schien, nach rechts in Richtung des Knalls und werde Zeuge des Zusammenstoßes einer jungen Motorroller-Fahrerin mit einem roten Auto. Da man ja hier üblicherweise geht oder fährt, wenn kein Auto kommt, weiß ich nicht mal, wer Schuld hat, aber ich glaube, das Auto hatte Grün. Drei, vier Meter weit wird das Kraftrad nach vorne geschleudert. Die Fahrerin (ohne Helm, ist hier nicht so üblich) ist derweil von ihrem Gefährt in ihre ursprüngliche Fahrtrichtung geworfen worden und liegt da erst mal verstört auf dem Asphalt, kommt aber schon wieder hoch. Der Fahrer hat gehalten und hilft. Warnblinker hat er vergessen (ist hier wohl auch nicht so üblich). Vielleicht, denke ich, sollte ich mir lieber doch kein Fahrrad zulegen hier. Schließlich neige ich ebenfalls dazu, bei Rot über die Ampel zu fahren. Ist in China ja auch ganz normal.
Bleiben wir erst mal zu Fuß unterwegs: Ich promeniere durch einen Park, der letztes Jahr neu angelegt wurde und noch nicht  ganz fertig ist, und sinne über dies und jenes nach. Was habe ich eigentlich letztes Jahr um diese Zeit gemacht. Wie war das, als damals die Uhren plötzlich anfingen anders zu gehen? Und gingen sie danach richtig oder falsch? Hier gehen die Uhren auch anders, aber es gibt keine Sommerzeit (nur eine Stunde später Bundesliga). Ab und zu staune ich noch, dass Gott mich so mir nichts, dir nichts wieder nach China entlassen hat. Aber es ist ein guter Weg, den er mit mir geht. Und ich bin hier als Christ nicht allein: Heute Morgen im Gottesdienst der internationalen Gemeinde (Predigt von einem agilen Filipino) gab es eigens einen Empfang für allein stehende Leute. Ich lernte Afrikaner aus Ghana und Gabun, aus Nigeria, Simbabwe und der Zentralafrikanischen Republik kennen, eine Medizinstudentin aus Mikronesien (die ich nach dem Mückenbestand auf ihrem ach so paradiesischen Südsee-Eiland befragte), eine Neuseeländerin, natürlich auch ein paar Amerikaner und Amerikanerinnen (eine sieht aus wie Sandra Bullock) und: eine Schwäbin. Als ich sie um ihre E-Mail-Adresse bat (um eine weitere Sprachpartnerin für meine Studentinnen zu gewinnen), stellte sich heraus, dass wir kurz zuvor bereits per E-Mail miteinander kommuniziert hatten, weil sie schon auf meiner Kontaktliste stand. Ich bin ja hier auch so eine Art Koordinierungsstelle für deutsche Studenten. Diejenige, die mein Päckchen fand, fragte mich sogar, ob ich (ich: seit 6 Wochen hier) wisse, wo es hier einen des Englischen mächtigen Zahnarzt gebe. Sie hat ihn aber auch so gefunden und schrieb mir zum Beweis dessen eine Nachricht: „Wurzelbehandlung erfolgreich hinter mich gebracht, juhu!“

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Donnerstag, 23. Oktober 2008

Libr-o-meter
Von DM, 12:59

Was dem film-o-meter die neuesten Filme, sind dem sin-o-meter die neuesten Bücher: Für meine Bibliothek spendet mir das Goethe-Institut jährlich die von den Kritikern (und von mir) favorisierten Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt. Filme sehe ich kaum noch. Ich lese. Was auch sonst, bei solchem Service: Der neue Walser, Lenz, Handke, Enzensberger sind inzwischen bei mir eingetroffen. Als Sonderwunsch habe ich noch „Krabat“ von Otfried Preußler angefordert.
Per E-Mail bekomme ich heute von einer deutschen Studentin Nachricht, dass da ein Paket für mich unten am Empfang ihres Hotel-Wohnheims liege. Da ist wohl was falsch zugestellt worden! Ein Glück, dass sie mich von dem Studententreffen am 20. September (sin-o-meter berichtete) kennt. Sonst hätte ich „Krabat“ und das dramatische Einwandererschicksal „Das dunkle Schiff“ von Sherko Fatah vielleicht gar nicht erhalten. Buch des Monats ist für mich indes „Flughunde“ von Marcel Beyer, ein nicht mehr ganz druckfrisches Buch aus „meiner“ Bibliothek, das nachvollziehbar zu machen versucht, wie Helga Goebbels ihren Vater sah (wen's interessiert: Kritik von mir bei Amazon.de).

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