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Sonntag, 15. Februar 2009

Eine unglückliche Verbindung
Von DM, 23:59

Eine große Überraschung war es ja nicht, dass am Freitag nach zwanzig Stunden Reisezeit mein Gepäck nicht mit angekommen war. Ich schaute mal wieder in die Röhre (aus der die Koffer aufs Fließband fallen). Reisegepäck und ich: seit Mexiko 2002 eine unglückliche Verbindung. Heute nach dem GoDi (Emilie hat gleich wieder eine Französisch-Lektion bekommen) machte ich mich dann auf zum Flughafen. Vorher musste ich aber noch zum Carrefour, dem großen Lebensmittelmarkt, denn dort gibt es nach Emilies Auskunft einen Uhrmacher. Dort lasse ich also meine chinesische Rolex reparieren. (Weil es dann doch nur noch dreißig Minuten bis zum Abflug waren, hatte ich mir in der Hektik der Abreise am Donnerstag den Rucksack so gewaltsam über den Arm gestreift, dass ein Metallstab aus der Halterung brach. Am Schalter drängelte ich mich mal wieder vor, die anderen hatten doch sicher mehr Zeit. Die hatte ich dann in Frankfurt und Peking: insgesamt sechs Stunden Aufenthalt.)
Nun habe ich also wieder einen Chronometer am Arm. Auf dem Rückweg vom Carrefour-Markt gehe ich unerklärlicherweise in die falsche Richtung und lande ohne mein Wissen im Wohngebiet meines Kollegen, Herrn Li. Der erkennt mich verwundert auf der Straße und erklärt, dass es zur U-Bahn genau in die entgegengesetzte Richtung gehe. „Mein innerer Kompass ist wohl defekt“, erkläre ich das Missgeschick. Heile Uhr, kaputter Kompass, naja, irgendwas läuft immer schief. Vielleicht liegt mir auch nur das 1:2 gegen Hertha BSC noch schwer auf dem Gemüt.
Wohlan, nun hole ich also das Gepäck. In Zhonghuamen, wo es die Busse zum Flughafen gibt, falle ich einem Taxifahrer in die Hände. Als Sammeltaxi ist der Preis (25 Yuan) ebenso niedrig wie mit dem Bus, aber der Taxifahrer! Der fuhr, als hätten wir alle noch ein Reserveleben im Kofferraum. Wir, das sind ein Ehepaar mit Kind, noch ein anderer Fahrgast und ich, der ich verwegen auf dem Beifahrersitz Platz genommen habe. Wie in „French Connection“ jagt der Mann neben mir mit 120 Sachen über die Autobahn, drängelt sich an allen Kraftfahrzeugen vor und neben uns vorbei, der Standstreifen dient regelmäßig zum Linksüberholen. Die  Hupe lässt er gar nicht erst wieder los, lohnt nicht. An der Autobahngebührenstelle saust er winkend rechts außen durch die mit einem Benzinkanister oder einem Stuhl, ich habe das so schnell nicht sehen können, nur notdürftig gesperrte Spur. Also, so möchte ich in Deutschland auch mal Auto fahren dürfen. Als Beifahrer treibt einen dieser Juhu-Fahrstil aber eher ins Gebet. Endlich wurde mir auch der Satz „Autofahren ist viel gefährlicher als Fliegen“ mal so richtig anschaulich. Wie im Flug waren wir dann auch da. Statt sonst fünfzig Minuten betrug die Fahrzeit diesmal nur eine knappe halbe Stunde. Das liegt aber auch daran, dass heute ja Sonntag ist. Der Taxifahrer will mich noch als Fahrgast für die Rückfahrt gewinnen. Ich lasse mir 50 Yuan wechseln, erkläre, dass ich zurück mit dem Bus fahren will, und bin weg. Orientierungslos begebe ich mich auf die Suche nach dem Häuschen für vermisstes Gepäck gleich neben der Ausgabestelle, wo ich vorgestern noch in die Röhre schaute. Nach drei Fehlversuchen werde ich fündig: Dort sitzen drei Frauen herum und schlagen den Tag tot. Eine davon hatte ich, nach der Stimme zu urteilen, gestern am Telefon. (Sie hört sich an wie Susanne Klickerklacker.) Jetzt erspähe ich aber sofort meinen grünen Rucksack, der ja wirklich schon viel mitgemacht hat. Es ist sogar alles da. Nur die Raffaello, die Liu Chao bestellt hat, sehen leider arg gequetscht und ramponiert aus. Vielleicht sollte ich den einen, den man in dem Zustand ja keinem mehr zumuten kann, lieber selbst...?

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Sonntag, 08. Februar 2009

Hamburg im Winter
Von DM, 23:59

Frech, wie ich bin, sprenge ich nach dem GoDi in der internationalen Gemeinde am Holstenwall den Koreanerinnen-Stammtisch und zwinge den Mädels ein Gespräch auf. Und du ahnst es nicht: Was dabei herauskommt, ist, dass eine von den vier Damen eine unbekannte Bekannte ist. Die Koreanerin Hannah L. ist nämlich eine ehemalige YUST-Studentin mit bestem Draht, damals wie heute, zu denjenigen meiner Kollegen, die schon vor mir da waren. Ich kannte sie also nur aus Berichten anderer, weil sie schon in Deutschland war, als ich an der YUST begann. Trotzdem wiedererkannt! Als wären das noch nicht genug der seltsamen Fügungen treffe ich daraufhin im Park – ich bin unterwegs zu einem Treffen mit meinem alten SMD-Mitstreiter Andreas K.– noch die unvergessene Marlene W., eine der Teilnehmerinnen an dem Schulpraktikum in Quito 2005, an der Seite ihres ebenfalls Quito-erprobten Erwählten. Und dazwischen rieselt leise der Schnee.

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Freitag, 23. Januar 2009

Dichterlesung
Von DM, 23:59

Sicher der Höhepunkt meines Deutschlandsaufenthalts: Erst wandle ich an der Seite meines kinokundigen Nachfolgers noch mal auf alten film-o-meter-Pfaden und sehe in der Frankfurter Pressevorführung „Die unglaubliche Geschichte des Benjamin Button". Einen Tag später, also heute, bin ich dann zu Gast beim ERF. Im Raum Monte Carlo darf ich vor einer Gruppe von knapp dreißig Kindern einen Auszug aus „Karl und Konsorten – Die Formel-1-Affäre“ vorlesen. Und die Kinder hören tatsächlich zu! Ehrlich, so was könnte ich öfter machen. Außerdem gibt es ein (kurzes) Wiedersehen mit vielen lieb gewonnenen Kollegen und Kolleginnen aus meinem früheren Leben. Abends bei der Zockerrunde im Hause Rapsilber wird die legendäre Zocker-Traudl schmerzlich vermisst. Aber auch ohne die Konkurrenz dieser gerissenen Gegenspielerin reicht es für mich mal wieder nicht zum Gesamtsieg. Die Nacht verbringe ich im frisch bezogenen Eigenheim des Ehepaars Mertens unweit meiner einstigen Radelstrecke an der Lahn. In den folgenden Tagen werde ich noch auf einer Überlandwanderung das Ziel knapp verfehlen und mit dem männlichen Teil der Familie Simon Einblick in die höchsten Räumlichkeiten einer alten Ritterburg nehmen. Wir sprachen schließlich eingangs vom Höhepunkt.

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Samstag, 17. Januar 2009

Operation gelungen, Patient fährt!
Von DM, 23:59

Kinder, was kann man schlafen nach so einer Operation! Morgens und abends und nachts. Ansonsten erinnere ich mich nur noch an die zwei Reißer auf dem beliebten Fernsehkanal Das Vierte, die ich gestern Abend mit regem Interesse vom Bett aus verfolgte. Heute hau' ich ab. Ich bin entlassen. Bekomme auch nur noch eine dürftige Suppe statt des Menüs, für das ich mich am Donnerstag noch eintragen ließ. Die Hakenplatte aus Metall samt den sechs Schrauben hat man mir auf eigenen Wunsch auf den Nachttisch gelegt. Sie kann nicht wiederverwendet werden, obwohl sie noch aussieht wie neu. Das Ding erinnert passend zum Thema an einen Fahrradschraubenschlüssel, nur dass hier die Löcher alle gleich groß sind. Die Taubheit im Arm wird noch etwas bleiben, sagt der Arzt; außerdem muss ich schon wieder zur Füsiotherapie. Ich verlasse die Klinik und um zu beweisen, wie wenig mich doch so ein Sturz vom Radl mit zwei Operationen aus der Bahn werfen kann, lege ich die vierzehn Kilometer zurück nach Hause mit dem Fahrrad zurück, das seit zwei Tagen draußen am Fahrradständer auf mich wartet. Und nur weil sich die Gurke, von der ich gestürzt bin, unterdessen nicht mehr in meinem Besitz befindet, lasse ich es mir nehmen, diesen Rückweg nicht auf dem Unfallgerät anzutreten. Und natürlich fahre ich auch hier und da ein bisschen freihändig, jawohl! In Brokenlande schaue ich noch kurz bei Totti Heller vorbei, der überraschenderweise sogar da ist und ausnahmsweise nicht an der Seite seines Arbeitgebers Arved Fuchs arktische Mysterien erforscht, weil er heute ganz trivial für seine Mutter die Küche renoviert, wovon ich ihn jedoch ca. eine Stunde lang abhalte, ehe ich wieder meinen Drahtesel besteige, der übrigens keine guten Bremsen und kein Licht mehr hat. Vielleicht ... hätte ich die Gurke doch behalten sollen!

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Donnerstag, 15. Januar 2009

Operation gelungen, Patient lebt!
Von DM, 23:59

Begib dich in das Krankenhaus, gehe nicht über los, ziehe keine 4000 Mark ein. Leider ist es kein Monopoly-Spiel, das mich zum zweiten Mal binnen eines halben Jahres auf den OP-Tisch bringt, sondern eine so genannte Metallentfernung. Wieder wache ich also in einem Klinikzimmer auf; diesmal, in der Lehmannklinik zu Neumünster, liege ich allerdings allein. Ansonsten ist alles wie dereinst im Juli: Wieder habe ich eine bandagierte Schulter, wieder hängt an mir so eine Plastikflasche dran, in die einige Kubikzentimeter eigenen Blutes getropft sind. Und wieder gilt meine erste Sorge dem Austausch der peinlichen OP-Kluft gegen eigene Kleidungsstücke des täglichen Gebrauchs.

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Dienstag, 06. Januar 2009

"Schacht! Schacht!"
Von DM, 23:59

Der schönste Moment der heute stattfindenden mündlichen Prüfungen, die ich zusammen mit einer deutschen Studentin durchführe, die Konversation unterrichtet, ist zweifellos, als die Studentin mit dem deutschen Namen Cecilia ihr Wunschlos zieht. Ich habe fünf Dialoge einüben lassen. Dann darf das Prüflingsduo zwei Lose ziehen und eines der beiden ausgewählten Themen ablehnen. Cecilia, die ohnedies mit fast akzentfreiem Deutsch (und auch sonst) zu entzücken weiß, springt vor Freude mehrfach in die Luft und ruft: „Schacht! Schacht!“ Gemeint ist ein Lehrbuchtext, in dem der garstige Herr Schacht durch unhöfliches und arrogantes Betragen seine Sekretärin zur Kündigung treibt und am Ende zerknirscht allein dasteht. Cecilie macht daraus mit ihrer kaum minder begabten Partnerin ein Zwei-Frau-Bühnenstück von hohem Lehr- und Mehrwert und voller Emotionen. Noch dramatischer war kurz zuvor übrigens die Darbietung von „Jenny“, die mit ihrer Partnerin ebenfalls Losglück hat und die Sekretärin so zusammenstaucht, dass sogar der Prüfer es mit der Angst zu tun bekommt. Schließlich weiß er, dass Jenny normalerweise brav und still im Unterricht sitzt und kein Wässerchen trüben kann.
Die Baozi (sin-o-meter berichtete) verschenke ich nachmittags an die Hilfsarbeiter, die mir die Waschmaschine des ausgezogenen Nachbarn und dessen Gasflasche in meine Wohnung getragen und installiert haben. Der Mann im Blaumann zögert erst irritiert, aber als ich erkläre, dass ich die Baozi ja wohl schlecht fünf Wochen lang bei mir in der Küche stehen lassen kann, ohne dass die Fleischfüllung Schaden nimmt (wofür ich im Chinesischen allerdings einfachere Worte finde), ist er dann doch willig. Kurze Zeit später sind die beiden Jungs wieder da und schließen die Waschmaschine am Wasserhahn an (was sie zunächst noch nicht zu können vermeinten). Baozi sind doch eine hilfreiche Angelegenheit!
Ansonsten korrigiere ich, bis ich weiße Mäuse sehe, und das wird heute, ich meine natürlich: morgen, um 3 Uhr in der Frühe passieren. Zum Glück hat mir mein Ex-Kollege Helmut aus Yanji eine geniale Excel-Datei kopiert, in der ich die Noten nur eintragen muss; Excel rechnet dann alles für mich aus. (Der Anruf bei Helmut erfolgte vor einigen Tagen, nachdem ich drei Stunden lang versucht hatte, mir so einen Excel-Notenrechner selbst zu erstellen. Gut, wenn man irgendwann einsieht, dass es Dinge gibt, die andere Menschen viel besser können als man selbst.)

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Sonntag, 04. Januar 2009

Dem Alm-Öhi wär' das nicht passiert!
Von DM, 23:59

Heute Morgen auf dem Weg zum GoDi lauert mir Yuca auf. Die Japanerin, die ein Stockwerk unter mir wohnt, hatte mir, als sie im Bus neben mir saß, mal signalisiert, dass so ein christlicher GoDi sie durchaus interessieren könnte. Dann habe ich ihr versprochen: Nächstes Mal, wenn ich gehe, klopfe ich vorher bei dir an und sage Bescheid. Gestern Abend war Yuca dann aber zu überrascht, um zuzusagen. Über Nacht hat sie es sich dann, wie sie mir erklärt, anders überlegt.
Kurz nachdem wir Platz genommen haben, werde ich diskret rausgewinkt und der „Kirchendiener“ fragt mich, ob Yuca eine Einheimische sei, die sind ja nicht zugelassen. Ich erläutere schmallippig, sie sei Japanerin, und bin schon wieder auf meinem Platz. Und das war noch nicht alles an vermeidbaren Scherereien: Kaum ist der GoDi aus, bringt mich ein übermütiger amerikanischer Bruder im Herrn mächtig in Schwierigkeiten, als er erklärt, ich sei ja heute viel fröhlicher und strahlender und ausgelassener usw. als sonst. Der Grund sei ja offensichtlich, keine Frage, sie, die Dame neben mir, „mache meinen Tag“, was natürlich großer Blödsinn ist. In Wahrheit ist der Alm-Öhi mein Vorbild und ich mache am liebsten alles alleine außer vielleicht essen gehen. Aber man kann ja nun auch nicht sagen: „Was laberst du da für'n Käse!“ Das wäre ja auch Yuca gegenüber unhöflich. Yuca bilanziert dann, als wir im Regen nach Hause zurückgehen, dass das ja mal eine sehr interessante Erfahrung gewesen sei, und verschweigt den Amerikaner dezent. Jetzt bin ich gespannt, ob sie dieses Experiment noch mal wiederholt. Immerhin werden zwischen meinem jetzigen GoDi und dem nächsten mindestens sechs Wochen liegen.

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Mittwoch, 31. Dezember 2008

Von Stromverlusten und Lotteriegewinnen
Von DM, 23:59

Der Altjahrsabend ist eine Dublette des Heiligen Abends, nur das noble Diner fällt diesmal aus. Gut gelaunt feiert die internationale Gemeinde in ihrem Hotelsaal und ich feiere mit. Neben mir steht ein Inder, der im Laufe der Nacht auch noch mächtig auftauen wird. Das bunte Programm wird kurz vor Mitternacht zum Zwecke des unerlässlichen Countdowns unterbrochen. Danach geht es noch fast bis ein Uhr. Den Silvester-Nachmittag hat mir die Studentin mit dem deutschen Namen „Ilona“ vertrieben, die einen Extra-Termin in der Bibliothek ausgemacht hat, um nach einem Buch zu recherchieren. Der Hauptanteil der Zeit geht allerdings dafür drauf, dass ich ihr Referat zu Präpositionen in Deutsch und Englisch auf Fehler durchlese. Schließlich kommen wir auch noch vom Thema ab und reden über Sitten und Gebräuche anlässlich des bevorstehenden Frühlingsfestes. Dort bekommen die Kinder von den Eltern Geld. Das müssen sie allerdings am nächsten Tag zurückzahlen, weil die Eltern es noch zur Finanzierung ihrer Ausbildung brauchen. Es wandert (zurück) aufs Sparkonto. Dann doch lieber Weihnachten, da darf man die Geschenke wenigstens behalten, lache ich. Prompt ist die Batterie des tragbaren Computers alle und die Bücher, die Ilona eigentlich noch ausleihen wollte, muss ich zu Hause nachtragen, wo das Stromkabel liegt. Dorthin bringt mir Ilona dann auch das Buch, aus dem sie noch rasch ein paar Seiten kopiert hat.
Wenig später, d.h. um halb sechs, sitze ich mit den chinesischen Kollegen des Fachbereichs Deutsch zum Jahresausklang in einem Restaurant direkt gegenüber von meiner Wohnung. Es wird fröhlich gespeist und geprostet. Der gesamte Fachbereich Fremdsprachen füllt in Gestalt seiner Lehrkräfte den Saal. Ehemalige Deutsch-Professoren kommen an unseren Tisch, um mit den jüngeren Kollegen einen zu heben, und ich muss ständig Cola nachfüllen, weil ich ja immer auf Ex trinke (die Sprite ist schon alle)... Bei einem Lotteriespiel gewinne ich Nüsse und meine Kollegen einen Kanister Sonnenblumenöl. Zum Schluss, gleichsam als Neujahrs-Gratifikation gibt es noch ein Paket mit chinesischen Baozi (Hefeteigbrötchen mit Fleischfüllung), die für das gesamte nächste Jahr reichen dürften.

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Sonntag, 28. Dezember 2008

Michael lädt ein
Von DM, 23:59

 Nach dem heutigen GoDi treffe ich wieder mal auf Michael (sin-o-meter berichtete am 12. Okt.). Doyi, zwanzig Jahre jung, hält mir plötzlich ihr Telefon ans Ohr. Am anderen Ende der Leitung spricht Kata, eine Deutsche, die nicht an Gott glaubt, wie Doyi mir erzählt, mit der sie sich aber nächsten Sonnabend treffen will, um was Lustiges zu machen. Kata ist mit der Situation noch überforderter als ich. Doyis Freundin, die daneben steht, erläutert mir, dass ich da nicht kommen müsse und das auch einfach vergessen könne.
Michael rettet die etwas verfahrene Lage und lädt Doyi, mich und ein paar andere GoDi-Gäste zu einer fröhlichen Runde im koreanischen Restaurant gegenüber der St.-Paul's-Kirche ein. Da haben die bereits eine Art Stammtisch. Ich sitze neben einem Kunstmaler, der leider kein Englisch spricht, aber dafür toll zeichnen kann. Daneben sitzt Doyi.

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Samstag, 27. Dezember 2008

Emilies Ernst und Emilies Ehrgeiz
Von DM, 23:59

Emilie kommt frisch von einer Prüfung anlässlich ihrer bevorstehenden Taufe in einer Woche und ist deswegen auch 25 Minuten verspätet. Naja, wer hätte dafür wohl mehr Verständnis als ich!? Trotzdem lungere ich schon so lange am Eingang der U-Bahn herum, dass mir von vorbeikommenden Chinesen schon die ersten Zigaretten angeboten werden. Man muss auch mal nein sagen können! Schließlich kommt Emilie nervös über die Straße gehechtet. Während eines knapp einstündigen Marsches um den Xuanwu-See verlange ich ihr bei einbrechender Dämmerung mit meinem Französisch-Konversationsprogramm einiges ab. Wir wärmen uns anschließend in einem Restaurant der gefürchteten Einkaufsmeile Hunan Lu auf. Sie, sagt Emilie, halte ja persönlich nicht so viel vom Einkaufen, nur ihre Freundinnen... Nichtsdestoweniger kennt sie sich hier erstaunlich gut aus und bringt uns sicher ans Ziel. Und ich stelle fest: Emilie ist zwar tatsächlich so ehrgeizig, wie sie immer tut, aber längst nicht so ernst.

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Donnerstag, 25. Dezember 2008

Fröhliche Weihnacht!
Von DM, 23:59

Ich bin sehr dankbar, dass die internationale Gemeinde, die sich im Hotel trifft, für heute Abend zu einer Weihnachtsfeier mit üppigem Buffet und buntem Programm eingeladen hat. Ich lerne diesmal drei Studenten aus Mauritius kennen, beim Essen sitze ich neben dem Informatik-Studenten Kelvin aus Kenia, der später einen Tanz aufführen wird, und anschließend bei den festlichen Darbietungen neben einem Mann aus dem Tschad. „Ich habe eine afrikanische Seele“, sage ich bei solchen Begegnungen oft und erzähle von meinen 17 Monaten in Conakry (wo übrigens gerade ein Militärputsch für Unruhe sorgt, über den der Mann aus dem Tschad auch Bescheid weiß).
Nach dem Essen gibt es unter anderem ein Theaterstück frei nach Charles Dickens' „Weihnachtsmärchen“. Und die Afrikaner sorgen mal wieder dafür, dass die Angelegenheit nicht zu dröge, sondern zwischenzeitlich sogar zu einem heißen Tanz wird. Das Ganze klingt feierlich in einem Kerzenmeer mit „We Wish You A Merry Christmas“ aus. Als ich gegen elf nach Hause trotte, frage ich mich: Wenn ich nicht zur Gemeinde des Einzigen und Wahren zählen würde, wie hätte ich dann heute Weihnachten verbringen sollen? Es lebe die Gemeinde des Herrn!

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Mittwoch, 24. Dezember 2008

Von Reiskuchen und Ostereiern
Von DM, 23:59

Ich habe gar keine Brandrede gehalten. Ich habe nur gesagt: „Liebe Studenten, einige von Ihnen sind ja sehr schlau und haben einen Text aus dem Internet kopiert und mir abgegeben. Aber wie soll ich denn Ihre Fehler korrigieren und Ihren Aufsatz verbessern, wenn der Text gar nicht von Ihnen ist? Da lernen Sie doch nichts.“ Und jetzt zitiere ich mal aus zwei E-Mails, die ich am Abend in meinem Postfach vorgefunden habe. Studentin A: „Ich bitte um Ihre Entschudigung, dass ich den Aufsatz aus dem Internet kopiert habe. Ich kann keine Gründe dafür finden, weil ich weiß, dass es falsch und unehrlich ist. Aber ich brauche Ihre Entschudigung, denn es sehr wichtig für mich selbst ist. Ich werde niemals mehr so tun.“ Und Studentin B noch melodramatischer: „Ich schämte mich heute im Unterricht zu Tode. Solche Sache werde ich nie wieder tun und ich werde sehr fleißig mit der Prüfung befassen.“ Ich bin schon gespannt darauf, was sich Studentin C ausdenkt. Übrigens kann ich gar nicht so böse auf sie sein, denn diese drei Arbeiten hatte ich in Null Komma nichts durchkorrigiert. Fehler gab es nämlich nur dort, wo zu Tarnzwecken der Text verändert worden war.
Im Übrigen ein ziemlich arbeitsreicher Heiligabend. Denn zusätzlich zu den vier Unterrichtsstunden hatte ich auch noch eine mehrstündige Sprechstunde. Da es der letzte Unterrichtstag des Semesters für mich war, kamen noch einmal viele mit ihren Fragen, um für die Prüfung in Form zu kommen. Weihnachtlich wurde es in der Unterrichtsstunde „Grundkurs Deutsch“, wo ich mit einem „Fröhliche Weihnachten“ aus 26 Kehlen begrüßt wurde und traditionelle Reiskuchen überreicht bekam. Das war's dann aber auch mit Weihnachten, vor allem das Wetter spielte überhaupt nicht mit. Sonnige zwölf Grad passen schließlich überhaupt nicht zum Heiligen Abend. Und dann legte mir die Deutsch-Institutsleitung zusätzlich zu ihrem einsilbigen Weihnachtsgruß noch ein völlig unpassendes dickes Osterei ins E-Mail-Fach: Ich darf im nächsten Semester alle B.A.-Abschlussarbeiten korrigieren. Hierbei handelt es sich um ca. 20 Hausarbeiten à 15 Seiten. 80 Zeitstunden plus X, die ich nur mit Korrekturen verbringen soll. Dann doch lieber 'ne Rute!

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Sonntag, 21. Dezember 2008

Sigurd
Von DM, 23:59

Sigurd, den Namen kennen viele nur aus dem gleichnamigen Comic. Doch eine Comic-Figur ist dieser Sigurd nicht. Bei dem Sigurd, den ich heute nach dem vorweihnachtlichen GoDi treffe, handelt es sich um einen deutschen Theologen, der am Nanjinger Theologie-Seminar lehrt. Er ist mit einer Chinesin verheiratet, die er in Deutschland kennen gelernt hat. Die beiden haben zwei kleine Kinder, die die Lieblinge ihrer Umgebung sind. Ich schiebe seiner Frau den deutschen Kinderwagen, in dem die Jüngste gerade nicht sein möchte, über die Straße und zum Lohn werde ich prompt zum Essen eingeladen. Hier erfahre ich mehr: Die Stelle, auf der Sigurd sitzt, entstand nach dem Besuch des EKD-Ratsvorsitzenden in Nanjing vor zwei Jahren. Dass ein frommer Theologe auf diese Stelle zur Ausbildung von Pastoren, die später in registrierten chinesischen Gemeinden Dienst tun werden, gelangt ist, darf man als gutes Zeichen werten. Denn wer die EKD kennt, weiß, dass das ja nicht selbstverständlich ist.

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Samstag, 20. Dezember 2008

Drei Männer am See
Von DM, 23:59

Wie sehr liebe ich den Nanjinger Dezember! Die meisten Tage bisher waren sonnig mit zwölf bis 16 Grad und auch den heutigen diesigen und bedeckten Tag, der dem, was wir mit Weihnachtsstimmung verbinden, zumindest nahe kommt, würde ich niemals gegen einen der heißen Septembertage eintauschen, allerdings auch nicht gegen einen deutschen Dezembertag. (Die Tage sind auch länger, mit Tageslicht von 6.45 bis 17.15 Uhr.)
Am Ufer des Xuanwu-Sees sprechen mich zwei Arbeiter an. Vor allem das Chinesisch des ersten Mannes habe ich mehr erraten als verstanden. Er spricht „gongzuo“, also „Arbeit“, „gonguo“ aus. Zum Glück stellen Leute, die einen ansprechen, in der Regel immer dieselben Fragen. Sie zücken ihre Zigaretten, bleiben noch eine Zigarettenlänge und fragen mich aus, bis mein Wortschatz versiegt.

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Freitag, 19. Dezember 2008

Der Besuch der jungen Dame
Von DM, 23:59

Ich denke, das wird mein Nachbar Jim sein, bei dem ich immer wasche, weil bei ihm meine Waschmaschine steht. Sicher will er mir mitteilen, dass die Wäsche fertig ist. Wer sollte sonst am Freitag Nachmittag bei mir klingeln? Aber vor der Tür steht eine der herausragenden Studentinnen des dritten Studienjahrs. Sie hat sich den deutschen Namen Anja zugelegt und möchte ihren verspätet fertig gewordenen Aufsatz doch lieber persönlich abgeben. Sie habe sich sowieso gerade in der Gegend mit einer Freundin getroffen. Da ich ja nicht unhöflich sein will, bitte ich Anja herein, mäkele beim Überfliegen der mir ausgehändigten Blätter an ihrer Rechtschreibung herum und einen Ananas-Saft habe ich auch noch für sie. Da steht sie also in meinem Zimmer und ich denke, nun muss ich erst mal meine Wäsche holen. Nachher ist die Sonne weg und dann trocknet nichts mehr... So kommt es also dazu, dass eine Studentin ihrem Prof dabei zusieht, wie er seine Bett- und Unterwäsche auf dem Balkon an die Leine hängt. (Zum Glück ist das Unterhemd mit den tausend Löchern nach meinem Unfall im Juli bei den gebrauchten Mullbinden im Krankenhaus geblieben!) Und sie darf mir einen Kleiderbügel für das 13 Jahre alte, fast transparente Karo-Hemd reichen. Ist irgendwie auch wieder so eine Woody-Allen-Situation, wie ich sie in meinem Leben schon öfter erlebt habe.
Nach der Wäsche-Nummer sind wir (wen wundert's?) in Null Komma nichts bei privatesten Themen. Seit der Invasion der Studenten anlässlich der Weihnachtsfeier (sin-o-meter berichtete) ist mir dieser Jahrgang ohnehin wesentlich vertrauter. Später, als ich die Bibliothek öffne, leiht sich „Anja“ noch vier Exemplare der neuen „Leichte-Lektüre“-Bände aus, die mir gerade aus Deutschland geschickt wurden; das sind vereinfachte Fassungen von Klassikern wie „Götz von Berlichingen“, „Die Räuber“ oder „Nathan der Weise“. Mit Xiaochen alias „Anja“ klingt der Tag dann auch aus: Ich lese ihren Aufsatz. Es ist der längste und beste von allen. Wenn ich's nicht besser wüsste, würde ich sagen: Die versucht mich zu beeindrucken. Aber zum Glück weiß ich ja alles besser. Immer.

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Dienstag, 16. Dezember 2008

Es ist nicht alles Gold...
Von DM, 23:59

Lagebesprechung mit der Leiterin des Instituts für deutsche Sprache (die diesmal ich zum Essen einlade) – eine Art Semesterbilanz, bei der sie mir sehr geschickt (meist in Frageform) zu verstehen gibt, dass in meinen Kursen noch längst nicht alles Gold ist, was glänzt. Die Studenten verstehen oft nur Bahnhof, wenn ich unterrichte, es fehlt in vielen Unterrichtseinheiten der Schwerpunkt und eine klare Struktur sei zumeist auch nicht zu erkennen. Vielleicht solle man in „Kultur und Geschichte“ auch etwas mehr Kultur und weniger Geschichte unterrichten. Ist mir da nicht das Stäbchen im Mund stecken geblieben? Nein, es gab Nudeln mit Messer und Gabel und auch in China wird nicht alles so heiß gegessen, wie es gekocht wird.

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Sonntag, 14. Dezember 2008

Sonntags im Café
Von DM, 23:59

Nun also doch: eine Stunde Französisch mit der viel beschäftigten Emilie. Nach dem GoDi gehen wir in ein Café und ich bestelle eine Erdbeermilch. Ich erfahre, dass sie von ihrem Chef ausgesaugt wird wie eine Zitrone. Ein durchaus typischer Fall: Die Frauen werden zu Disziplin und Fleiß erzogen, damit sie es im späteren Leben zu etwas bringen, denn Frauen haben es ja immer schwerer. Im Studium strengen sie sich viel mehr an als ihre männlichen Kollegen. Und das weiß man dann in den Firmen, wo die Mädchen irgendwann landen, auch zu schätzen, indem man sie arbeiten lässt bis zum Umfallen. Viele von ihnen kommen während der Woche in Anbetracht der oft langen Anfahrtswege zur Arbeit kaum zu etwas anderem. Auch das ist Wirtschaftswunder-China.

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Donnerstag, 11. Dezember 2008

Stille Nacht, heilige Nacht...
Von DM, 23:59

Durchgangsverkehr in meiner Wohnung! Es ist so weit: Heute findet das große Glühweinkochen statt. Auch ein Obstsalat für erwartete 150 bis 200 Gäste muss vorbereitet werden. Meine Küche wird später aussehen wie Sau. Aber irgendwas muss ich ja auch beitragen zur Weihnachtsfeier. (Zu meinem intellektuellen Beitrag später.) Fast zwanzig Studenten fühlen sich in verschiedenen Phasen und Etappen in meiner Bude wie zu Hause. Mit meinen parallelen Korrekturen geht es wenig voran. Ich kann mich irgendwie nicht konzentrieren, wenn die ganze Wohnung nach Wein riecht, in meinem Schlafzimmer fünf Leute am Computer an den letzten Feinheiten des Programmpapiers feilen und meine Küche sich in eine Weinschenke verwandelt. Immerhin schaffen es einige Studentinnen doch, mich einigermaßen zu beeindrucken. Ich muss an den Film Plötzlich Prinzessin denken, als ich die Studentin mit dem deutschen Rufnamen Ilona ohne Brille, frisch geschminkt und später am Abend auch noch im traditionellen chinesischen Kleid sehe, weil sie zu den vier Moderatorinnen gehört. Dem veränderten Aussehen ist es auch zu verdanken, dass die Verabredung auf dem Campus schon wieder schief gegangen ist. (Ich muss die Studenten irgendwo treffen, da sie sonst meine Wohnung nicht finden.) Ich habe Ilona am Telefon nicht nur falsch verstanden, sondern dann auch einfach nicht erkannt ohne Brille. Ihr Mantel kam mir zwar bekannt vor, aber statt ihr auf Verdacht laut ihren Namen nachzurufen, um dann peinlich berührt festzustellen, dass ich mich geirrt habe, tue ich, was sonst nicht meine Art ist: jungen Frauen hinterherrennen. Als ich sie fast eingeholt habe, dreht sie sich instinktiv um und dann weiß ich, dass ich doch richtig lag.
Der Abend ist das mir aus Yanji-Zeiten bekannte kreative Schaulaufen. Wie immer zeigen sich die Studenten, die chinesischen Ilonas, Anjas und Timos dieser Welt, von ihrer besten Seite. Die deutschen Studenten, die ebenfalls zu den Gästen gehören, tragen das turbulente Theaterstück Deutschland sucht den Weihnachtsstar vor. Ich verzichte diesmal auf meinen sonst stets mit Spannung erwarteten Blockflötenvortrag und lese stattdessen die Geschichte Leckere Weihnachtsplätzchen von Großmutter vor, bei der Studenten ständig auf irgendwelche Stichwörter rennen müssen.

Was kann mir wohl mehr auf den Nerv gehen als eine Weihnachtsfeier, auf der Jesus nicht mal in einer Nebenrolle vorkommt, von dem ihm gebührenden Ehrenplatz ganz zu schweigen! Die Nebenrolle jedenfalls, das habe ich mir fest vorgenommen, werde ich ihm verschaffen. Zwar habe ich während meiner Ansprache (Programmpunkt 2) nicht das Gefühl, dass man sich für meine Ausführungen sehr interessiert, das geht aber der Konkurrenz von der KP regelmäßig zu festlichen Anlässen ebenso. Und ich habe meine Drohung wenigstens wahr gemacht: Wenn ich bei dieser Weihnachtsfeier eine Rolle spiele, dann sorge ich dafür, dass von Christus, dem Weltenretter, die Rede ist. Er wäre sonst in der Tat auch nicht vorgekommen. Allerdings ist auf KPCh-Kongressen sicher auch nicht mehr viel von Marx die Rede. Ausgleichende Gerechtigkeit gewissermaßen. Meine Rede (einschließlich Gedicht) für alle, die es interessiert, als Anhang zu diesem Eintrag. Naja, immerhin klingt das Fest mit Stille Nacht, gesungen von einem Studentenchor, nach viel Theater, Karaoke und nur bedingt weihnachtlichen Liedvorträgen wenigstens adäquat aus. Und gelangweilt hat sich auch keiner.

Stellen Sie sich vor, liebe Gäste, Sie sind auf einer Geburtstagsfeier. Sie treffen viele Freunde und unterhalten sich bestens. Nur wer eigentlich das Geburtstagskind ist, das weiß keiner so genau, und gratuliert hat auch noch niemand. Das ist Weihnachten! Allen Legenden des Kapitalismus zum Trotz ist Weihnachten aber nachweislich nicht das Fest des Weihnachtsbaums mit dem schönen Schmuck, es ist auch nicht das Fest des Weihnachtsmannes oder der Geschenke und - kaum zu glauben - es ist auch nicht das Fest der Kaufhäuser, auch wenn dort alljährlich das beliebte Weihnachtslied angestimmt wird: „Süßer die Kassen nie klingeln.“
Sondern: Weihnachten ist ein christliches Fest. Die geweihte Nacht heißt auch heilige Nacht. Das etwas vernachlässigte Geburtstagskind heißt Jesus und ist der Christus, das heißt so viel wie: Retter der Welt. Ich weiß ja nicht, ob man in einer kommunistischen Volksrepublik gern daran erinnert wird,  in Deutschland wird man es auch nicht immer, aber so ist die Sachlage. Und da ich ja hier nicht nur als Lehrer für Deutsch als Fremdsprache an einer chinesischen Universität stehe, sondern auch als Kulturbotschafter der Bundesrepublik kann ich Ihnen diese schlichte Erkenntnis nicht ersparen.
Es wird noch skandalöser: Die Bibel, in der die Geschichte Jesu als Dokument aufgezeichnet ist, das viele Systeme und Mächtige hat kommen und gehen sehen, schildert nicht nur die Geburt Jesu, die Weihnachtsgeschichte, da drin stehen auch Sätze, Aussprüche von Jesus wie: „Man kann nicht Gott dienen und dem Mammon!“ Bevor unsere Studenten gleich ihre elektronischen Wörterbücher zücken und in die Tasten hauen, sage ich lieber schnell, was das bedeutet: Mammon ist der Gott des Geldes. Sie sehen, worauf ich in Zeiten der Finanzkrise hinaus will und wahrscheinlich würde mir hier sogar das chinesische Wirtschaftsministerium zustimmen: Hätten die da drüben im Westen doch lieber ihrem Gott gedient als diesem unseligen Mammon! Dann hätte der unwiderstehliche Glanz des Geldes vielleicht nicht ganze Banken, ganze Nationen in den Bankrott gestürzt! Man sehe es mir nach, wenn ich behaupte: Ab und zu täte es den westlichen Kulturen ganz gut, sich auf ihre Werte und Wurzeln zu besinnen. Sonst heißt es am Ende nämlich: „Rette sich, wer kann!“ Und das heißt hier: „wenn er kann“. Wo er doch den Retter gar nicht mehr kennt.
Ich sprach von Wurzeln und sich besinnen – das sind die Stichwörter, um zum Ende zu kommen. Auch ich besinne mich auf meine Wurzeln und verwandle mich wieder zurück in meine gewohnte Gestalt als Literaturwissenschaftler und lasse diese kurze Ansprache besinnlich ausklingen: mit einem zeitgenössischen Weihnachtsgedicht, extra so ausgewählt, liebe Studenten, das Sie auch diesmal Ihre Wörterbücher stecken lassen können:

Heilige Nacht

Kam,
kam herab.
Kam zur Welt
und erhellte die Nacht.
Kam.

Rettet,
rettet uns
aus dem Griff
der ganz finsteren Macht.
Rettet.


Hilft,
hilft uns
gehen. Jeder Schritt
lässt verblassen die Nacht.
Hilft.

Lass,
lass geschehen,
lass uns sehen
solch ein Wunder vollbracht.
Lass.

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Samstag, 06. Dezember 2008

Die Kücheninspektionsdelegation
Von DM, 23:59

Ja, es lebe die Sommerzeit. Wenn ihr die noch hättet da drüben, hätte ich schon um fünf ins Bett gekonnt. Stattdessen konnte ich mir bis halb vier die Nacht mit Korrekturen um die Ohren schlagen, bis endlich gebührenfrei, live und in Farbe das Fußballspiel Bundesliga-Tabellenzweiter (FC B) gegen Bundesliga-Tabellenführer (Hoffenheim) angepfiffen wurde. Wie das ausging und warum ich danach nicht sofort einschlafen konnte, ist ja inzwischen klar: 2:1 in der zweiten Nachspielminute für den Noch-Tabellenzweiten...
Seit einiger Zeit bekomme ich regelmäßig Anrufe von einer Studentin des dritten Studienjahrs. Das hat seinen Grund: Große Ereignisse werfen ihren Schatten voraus und das heißt in diesem Fall: Weihnachtsfeier. Die gibt es alljährlich unter Mitwirkung der meisten Deutsch-Studenten und einiger Professoren, insbesondere natürlich des Deutschen unter ihnen. Nun habe ich auch allmählich herausgefunden, was meine Rolle bei dem ganzen Theater sein wird: meine Küche zur Verfügung zu stellen, damit Glühwein im Akkord gekocht und in Thermoskannen umgefüllt werden kann.
Den Nachmittag habe ich bei sonnigem Wetter auf den Inseln im Xuanwu-See verbracht. Darauf habe ich lange gewartet. Im Dezember ist der Eintritt nämlich 10 Yuan billiger...
Am Abend kommt die dreiköpfige studentische Kücheninspektionsdelegation. Zunächst verpassen wir uns, weil ich am Nordtor statt am Südtor auf sie warte. Schließlich finden wir aber zusammen und nach der Begutachtung der Küche und Feststellung der Fehlbestände holen wir noch Weihnachtsschmuck aus der Bibliothek, der dort seit einem Jahr auf seinen Einsatz wartet. Zum Abendessen gehen wir zu Babela's, einem chinesischen Pizza-Restaurant. Wenn ich die Studenten jetzt gut behandle, behandeln sie vielleicht später auch meine Küche etwas besser, sage ich mir und schmeiß'ne Runde!

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Samstag, 29. November 2008

Die Stadt, die nicht endet - Teil 2
Von DM, 23:59

Schanghai ist zwar die Stadt, die nicht endet, aber meine Zeit hier endet heute. Freilich reise ich nicht übereilt ab – das wäre dem nach dem ausgedehnt langen Abend (Abschiedsessen) gestern dringend nötigen Entspannungsprogramm, sprich Ausschlafen, auch abträglich gewesen –, sondern treffe mich, das ist ja schon fast Tradition, mit ehemaligen Studentinnen aus meiner YUST-Zeit. Diesmal ist der Jahrgang 01 dran. Programmpunkt eins: ein Abstecher zur Hafenpromenade am Fluss Huangpu (Foto) mit Blick auf den legendären Turm in Pudong, dem Manhattan Schanghais. 2004 war ich übrigens noch zu Gast im damals höchsten Wolkenkratzer des wie aus dem Nichts erwachsenen Stadtteils und aß ein Eis an einem Fenster mit Aussicht. Aber wo ist der Kratzer, das höchste Gebäude Chinas, denn jetzt nur geblieben? Ex-Studentin „Stella“, die übrigens nach drei Jahren mit ihrer Dauerwelle und der fehlenden Brille, vielleicht auch wegen des lackierten Handtäschchens nicht wiederzuerkennen ist, klärt mich auf: Inzwischen steht direkt nebenan ein neuer Wolkenkratzer, der siebzig Meter höher ist. Da fällt „mein“ Wolkenkratzer, der Jin-Mao-Turm, kaum noch auf. Sic transit gloria mundi!
Schließlich – Programmpunkt 2 – finden wir in der Einkaufsstraße Nanjing Lu ein appetitliches Restaurant mit Fensterplatz und famosem Blick auf die Wolkenkratzerlinie von Pudong. Nicht so famos sind andere Aussichten, nämlich die, dass die beiden in Kürze einen Ort gefunden haben werden, an dem sie das an YUST Gelernte vertiefen können – und damit meine ich selbstverständlich nicht nur Deutsch...
Vor der Abreise um 20.20 Uhr muss ich noch mein Gepäck aus dem Hotel holen. Etwaige Komplikationen halte ich diesmal dank eines großzügigen Zeitplans auf Distanz. Dafür holt mich in Form einer kolossalen Kopfschmerzattacke der Schnupfen ein, den ich dem kalten Hotelzimmer zu verdanken habe. Schanghai gilt als südchinesische Stadt und im südchinesischen Subtropengebiet sind Heizungen unüblich.

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