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Samstag, 15. Mai 2010

Oben gibt' den ...
Von DM, 23:59

Heute ist zwar das Wetter besser, aber die Stadt dafür auch lauter und voller. Wochenend-Touristen bevölkern die engen Wege an den Kanälen. Den Vormittag verbringe ich im Changlangting-Garten, dem ältesten der Stadt. Hier... Ich sitze auf einer überdachten Terrasse und es dauert nicht lang, da werde ich zum Foto-Motiv. Der junge Tourist mit der Schnappschuss-Kamera verwickelt mich auch gleich in ein Gespräch über den großen technischen Fortschritt den Deutschland China gegenüber hat (im jüngsten SPIEGEL steht genau das Gegenteil). Ein älteres Ehepaar tritt auch noch hinzu. Vorbei ist's mit der andächtigen Ruhe.

Den Rest des Tages verbringe ich flanierend in der Nähe der vielverzweigten Kanäle und sitze mal hier, mal da. Gerade als ich in einem kleinen Straßenrestaurant ein paar Xiaolongbao (Maultaschen) vertilgen möchte, klingelt mein Telefon Sturm, das ich leider nicht im Hotel lassen kann, weil es mir derzeit auch als Armbanduhr dient. Ich stelle erst mich taub und dann das Telefon stumm, nach dem Essen gehe ich aber doch ran. Es ist natürlich unser manisch-depressives Sorgenkind Danyu dran, das sich mit seinen Eltern wegen ihres deutschen Sprachpartners (nein, nicht ich!) überworfen hat, der sie wohl heute besuchen wollte oder was weiß ich. Jetzt will sie ausziehen und für zwei Monate bei mir wohnen! Das ist natürlich eine blendende Idee – für alle, die ganz scharf darauf sind, in kürzester Zeit des Wahnsinns fette Beute zu werden. Außerdem hat meine 500-Yuan- Gäste-Luftmatratze ein ärgerliches Loch. Fast eine Stunde lang bricht meine Gesprächspartnerin fortwährend in Tränen aus. Ich versichere, dass Jesus am Ende für eine Lösung sorgen wird. (Normalerweise ist so ein Streit 24 Stunden später schon wieder Schnee von gestern. Manisch-depressiv eben.) Auch ich werde fast depressiv, bei dem Gedanken nämlich, dass ich Suzhou in einer Stunde verlassen muss, diese herrlich altmodische Stadt, in der man überall jenem China begegnet, in Gestalt von Drachenbooten, Rikschas, Pagoden, Teehäusern, Bonzais, stilisierten Parks und Pavillons, wie man es sich eigentlich immer vorgestellt hat. Vorher muss ich noch ins Hotel und mein Gepäck holen. Das Pärchen neben mir im Fahrstuhl weiß nicht, dass man, wenn man auf der Schaltfläche ein Stockwerk wählen möchte, zuvor mit der Zimmerkarte eine Sperre aktivieren muss. Ich mache das für sie. Die Dame bedankt sich auf Chinesisch. Ihr Partner weist sie zurecht: "Der Ausländer versteht dich doch nicht." Ich überlege kurz: Kommentiere ich das? Dann sage ich: "Er versteht!" Da lacht der Fahrstuhl. Fast zur Nebensache wird am Abend, wieder daheim, das Pokalfinale. 4:0 kommt Werder unter die Räder des Bayern-Express.

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Freitag, 14. Mai 2010

Oben gibt's den Himmel. Und ...?
Von DM, 23:59

Erst auf meiner Wanderung am Kaiserkanal entlang (das Kanalsystem hat Suzhou den Beinamen Venedig des Ostens eingetragen) treffe ich auf diverse Herbergen meiner üblichen Preisklasse, z.B. am Ende der Furengang-Straße.

Besonders angetan bin ich von einem Lese-Café, das über den Kanal gebaut ist. Wenn man den kalten Kaffee aus dem Fenster kippt, landet er gleich als Abwasser im Kanal – falls nicht gerade ein Gondoliere vorbeikommt... Ich schaue Rentnern beim Kartenspiel am Fischteich der Nord-Pagode Beisi Ta (errichtet 1576) zu und sehe aus angeblich 70 Metern Höhe die Stadt zu meinen Füßen liegen. Beim Nudelgericht im Straßenrestaurant an der Ecke werde ich die Attraktion der plötzlich wie Pilze aus dem Boden schießenden Arbeiter, die Touristen als Tischnachbarn sonst nicht erleben und denen ich erst mal erklären muss, warum mir die Universität Nanjing nur 4000 Yuan zahlt. Neugierig blättern die redseligen Jungs in meinem Lonely Planet aus den achtziger Jahren. Wenn ich den neben mir am Tisch nicht verstehe, schaue ich den jeweils anderen an, einer kann sogar ein paar Brocken Englisch und irgendwie kriege ich dann immer raus, was gerade die Frage war. Ärgerlich ist nur die feuchte Aussprache, die der eine hat. Ich befürchte: Der wird mir noch in die Suppe spucken.
Also setze ich lieber den Rundgang fort: Der Park zum Steinernen Löwen ("Shizilin") ist ziemlich touristenüberladen, da schaue ich lieber dem Blattfischer (also der Reinigungskraft) auf dem Teich bei der Arbeit zu. Oben in einem der Häuschen gibt es bunt bemalte Tonfiguren. Ich muss an die Belohnung für den steckbrieflich gesuchten Averell Dalton aus dem "Lucky-Luke"-Album "Vetternwirtschaft" denken: eine Gipsfigur. Abends lande ich vor den verschlossenen Toren des Pan-Tores und kann also weder das gut erhaltene Tor noch die Stadtmauer-Reste sehen. Ich wandere stattdessen weiter den äußeren, d.h. großen Kanal entlang. Den Uferpark erleuchten nach Anbruch der Dunkelheit bunte Lichter. In den Bäumen simulieren höchst originelle Lämpchen fallende Kometen. Hach, die Chinesen!... In der Kanalkurve gibt es einen künstlichen Wasserfall, angestrahlt in allen Farben des Regenbogens. Eine Zuschauerhorde steht dicht gedrängt in der Nähe dieses Spektakels am Ufer. Als ich näher komme, sehe ich, dass sie einem jungen Mann dabei zusehen, wie er seine Freundin oder Frau aus dem Wasser fischt oder sie davon abhält, sich in den Fluten zu versenken. Und ich denk', die schauen sich hier alle den Wasserfall an! Ich sehe wegen der Menschentraube nur die nackten Füße des Mädchens, die durch die schmale Betonreling hindurchschauen und eine verkrampfte Klammerhaltung einnehmen. Dazu ruft sie wiederholt: "Will nicht!" Jemand (ein Freund?) kommt mit wärmender Kleidung, ein anderer hat ihre Sandalen in der Hand. Dann war sie wohl doch schon im Wasser. Am Ende wird die offenbar Lebensmüde mit vereinten Kräften weggetragen. Man liest das jetzt immer öfter: In China sollen psychische Probleme im Zuge des Wirtschaftswunders zugenommen haben. Was lernen wir daraus? Ohne Damen keine Dramen! Ich ziehe weiter, sitze noch eine Weile am Wasser. Wie an einer Schnur aufgezogen schippern Drachenboote mit Touristen an Bord vorbei. Eine lärmende Horde Kinder, die denken, ich könne kein Chinesisch, berät sich neben mir, wer es wagt, sein Englisch an mir auszuprobieren. Zum Glück traut sich dann doch keiner. Ich stehe noch eine Weile auf einer der zahllosen Kanalbrücken, sehe den bunten Lichtern zu und lasse den Abend schließlich bei "Papa John's" Pizza ausklingen. "Better ingredients. Better pizza." Stimmt.

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Donnerstag, 13. Mai 2010

Oben gibt's den Himmel. Und unten?
Von DM, 23:59

Wohin könnte man sich am Himmelfahrtstag besser begeben als nach Suzhou, der Stadt, der in China sogar ein Sprichwort gewidmet ist, das jeder Chinese kennt: Oben gibt es den Himmel, unten Suzhou und Hangzhou. Berühmt ist die 2500 Jahre alte Stadt (mit dem Zug neunzig Minuten von Nanjing) für Seide, für ihre einst zwanzig Kanäle und mehr als 350 Brücken und ihre historischen Parks, früher von Künstlern raffiniert angelegte Refugien für Aristokraten, Gelehrte und pensionierte Beamte, heute Einnahmequellen im Sektor Tourismus.
Ich habe keinen Reisepass mitgenommen und muss es natürlich wieder mal auf ein Vabanquespiel ankommen lassen. Nach der Fahrt vom Bahnhof mit Bus Nr. 1, der einmal mitten durch die Stadt fährt, bekomme ich nun ungeahnte Schwierigkeiten beim Finden eines Hotels. Erst beim dritten Anlauf ist man bereit, mich aufzunehmen. Aber auch im "Hanting Express" gibt es zwei skeptische Rezeptionisten. Mit dem besten mir zu Gebote stehenden Pokergesicht stehe ich an der Rezeption und erkläre unerschütterlich: Das sei alles gar kein Problem. Auf dieser "grünen Karte", die mir von der Provinzregierung ausgestellt wurde, stehe nicht nur die Nummer meines deutschen Passes, sondern es sei doch dies auch unzweifelhaft ein hochgradig offizielles Dokument! Tja, das wisse er nicht, meint der junge Herr auf der anderen Seite verunsichert und ruft den Oberboss an, während ich demonstrativ gelassen mein zweites Pfefferminzbonbon aus der Dose auf der Theke in den Mund stecke. Am Ende werde ich in Gnaden aufgenommen. Trotzdem hat mich mein sprichwörtliches Glück auf dem Weg zum jeweils günstigsten Hotel diesmal im Stich gelassen: Für die zweite Nacht wird sogar noch ein Wochenendzuschlag fällig. Umgerechnet fast hundert Mark kosten mich die beiden Nächte hier! Dafür ist die Absteige aber auch bei weitem nicht so heruntergekommen wie meine sonstigen Klitschen.

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Samstag, 08. Mai 2010

Panda & Co.
Von DM, 23:59


Man kann sich natürlich schon die Frage stellen, was eine neunzehnjährige Studentin dazu bringt, mit einem mehr als doppelt so alten Hochschullehrer, der noch nicht mal ihr Lehrer ist, einen Ausflug zu machen, aber zum Glück muss ich das ja nicht beantworten. Ich benehme mich einfach so, als wäre ich selber gerade erst zwanzig, was mir gar nicht mal so schwer fällt. Xiao Li, bekannt vom Eintrag am 27. April, streift also mit mir durch den großzügig für die Gäste, aber weit weniger großzügig für die Tiere angelegten Zoo auf dem "roten Berg" im Norden der Stadt. Dabei werden wir von Regen überrascht, als wir den Gipfel des Hügelchens erreicht haben (der gar nicht rot ist) und müssen erst mal pausieren. Dabei werden meine letzten Kekse und Schoko-Oishis vertilgt. Die Kokosnuss kann keiner aufkriegen.

Danach schauen wir noch beim sensationellen "Liger" (Kreuzung aus Tiger und Löwe) vorbei sowie bei den anderen Raubkatzen, deren Gehege etwas größer ausgefallen ist. Panther und Leoparden haben dagegen schon das Käfig-Syndrom und schleichen verhaltensgestört ihre zwölf Quadratmeter auf und ab. Fröhlicher sind die Makaki-Affen (Pech - wir haben unsere Bananen schon selber gegessen) und am besten haben es natürlich die Panda-Bären, deren Stall allerdings grausam stinket. Die Giraffe lässt nur mal kurz den Hals aus ihrem Riesenstall rausgucken, die dickhäutigen Elefanten haben sich komplett verdünnisiert. Auch das Nilpferd ist abgetaucht und taucht nur zum Luftholen auf. Die Emus sind dafür erstaunlich zutraulich, obwohl sie uns durch den Zaun reichlich verstört anglotzen. Für den größten Lärm sorgt allerdings kein Tier, sondern Studentin Xiao Li, die sich im Riesenrad – das gehört auch zum Angebot – benimmt, als würde sie gleich den Löwen zum Fraß vorgeworfen. Dabei war das doch ihre Idee!
Leider erwische ich am Abend den falschen Ausgang und finde danach die U-Bahn nicht mehr. Dahin die souveräne Reiseleitung. Am Ende muss ich Xiao Li zur Strafe mit dem Bus bis zum Bahnhof bringen. Ich komme natürlich trotzdem noch rechtzeitig zur Meisterschaftsfeier (live aus Berlin) nach Hause!

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Montag, 03. Mai 2010

Du stirbst nicht
Von DM, 23:59


Danyu, die neurotische Künstlerin, die schon mehr als einmal Gegenstand im sin-o-meter war, z.B. als Fotomodell am 27.12.2009), liegt seit zwei Wochen mit Hepatitis E im Krankenhaus. Originalzitat: "Gai zenme wangdiao zhe shanghai (Wie soll ich diesen Schmerz vergessen)?" Nun ist ja heute dieser Feiertag (eigentlich ist der am 1. Mai, aber da der auf einen Sonnabend fiel, wird hier im Arbeiter- und Bauernstaat dann einfach der Montag rangeflickt) und so mache ich mich auf zu einer meiner berüchtigten Irrfahrten. Mit der U-Bahn bis zur Haltestelle Maigaoqiao, das geht ja noch, aber dann: Wo steckt dieser Bus Nr. 72? Ich renne bei fast 30 Grad im Schatten wie ein aufgeschrecktes Huhn herum. Da ist ein Bus 72, aber das ist in Wirklichkeit eine 22 (Zahl vorne übergeklebt). Fahrgäste, die auf einen anderen Bus warten, empfehlen mir Nr. 53. Auf dem Weg zu Nr. 53 hundert Meter weiter erblicke  ich aber unverhofft eine Nr. 72 im Straßenverkehr. Ich folge der Fährte bis zur nächsten Haltestelle. Da frage ich Fahrgäste, aber die haben beide keine Ahnung. Auf dieser Strecke gebe es keine Station namens "2. Nanjinger Krankenhaus". Also, folgere ich, falsche Richtung. Ich wechsele auf die Gegenseite. Zehn Minuten danach stehe ich an einem anderen Halt der Linie 72 und treffe kundigere Leute. Die zeigen mir die Schriftzeichen für das 2. Nanjinger Krankenhaus. Ich muss nur auf die andere Straßenseite. Im Klartext: Ich war eben gerade schon richtig! Ich ergattere einen Sitzplatz und beginne die Stationen mitzuzählen. Elf an der Zahl. Die erste ist die, an der ich vorher gerade die Unwissenden gefragt habe, die längst nicht mehr dort stehen. Am Ende hilft mir auch der Busfahrer, richtig auszusteigen.
Mit dem Krankenhausfahrstuhl des 2. Nanjinger Krankenhauses, das übrigens hochmodern und neu aussieht, lande ich dann erst mal auf Station. Nix wie wech. Endlich finde ich auf der anderen Gebäudeseite einen Fahrstuhl, der hoch bis zum 13. Stockwerk fährt. Dort tut Danyu total überrascht. Hätte ja nie gedacht, dass ich tatsächlich käme, und will mich auch gar nicht wieder weglassen. Sie hat ein Einzelzimmer erstritten (natürlich nicht das auf dem Foto), indem sie so lange Krach geschlagen hat, bis der Oberarzt klein beigab: Man könne sie doch nicht mit HIV- und Hepatitis-A-B-C-Leuten ins selbe Zimmer sperren, das sei ja lebensgefährlich! Wie man hört, geht's der Patientin schon wieder ganz gut.
Das passende Buch habe ich heute auch den ganzen Tag mit dabei (die Autorin besucht unsere Uni am 19. Mai): "Du stirbst nicht". Spielt im Krankenhaus.

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Dienstag, 27. April 2010

Der verborgene Campus
Von DM, 23:59


In den vier Freistunden, die ich dienstags vor dem Nachmittagsunterricht habe, fahre ich diesmal nicht nach Hause, sondern folge einer schon im letzten Jahr von der Studentin Xiao Li ("kleine Li") ausgesprochenen Einladung an ihre Uni. Damals hörte sich das alles so einfach an: Ja, meine Uni ist auch in Xianlin, jenem Baugebiet im Osten der Stadt. Komm doch mal vorbei!
Nun stelle ich zum wiederholten Male fest, dass die Wirklichkeit immer etwas komplexer ist als die Theorie. Mit Hilfe von Zhengang, einem Studenten des Jahrgangs 08, die ich gerade unterrichtet habe, finde ich immerhin die Bushaltestelle, wo ich umsteigen muss, dann rufe ich die Studentin aus Guangzhou (Kanton) an und erfahre, wie ich die nächste Station erreiche. Dort steige ich dann auch selbstbewusst aus und erreiche ein Uni-Gelände irgendwo in der Walachei, das noch halb nach Baustelle aussieht. Ich lese Xiao Li den englischen Namen, irgendwas mit Nanjing und Technik, am Telefon vor und warte, den neuesten "Spiegel" aufgeschlagen vor mir, auf einem Stein am Eingang. Links ragt ein gelber Kran vor einem wie einst von Christo, nur in Grün, verhüllten Bau in die Höhe. Xiao Li ruft wieder an, sagt, sie stehe am Eingang, ich blicke zum Eingang, sehe aber keine Xiao Li. Ich sag': Dascha komisch! und gehe zur Bibliothek. Xiao Li auch. Doch es wird jetzt immer offensichtlicher: Wir bewegen uns in zwei Paralleluniversen. Denn wieder schauen wir beide in die Röhre statt einander ins Antlitz. Ich drücke auf Xiao Lis Anweisung hin mein Telefon einer vorbeihuschenden Studentin in die Hand. Die klärt mich auf, dass ich mich auf dem falschen Uni-Campus befinde, der richtige sei aber nur dreihundert Meter Luftlinie entfernt. Also nix wie hin. Dort am Eingang des NANJINGER INSTITUTS FÜR INDUSTRIETECHNIK stoße ich nach einer weiteren Weile des Wartens auf eine völlig entkräftete und verschwitzte Xiao Li, die gequält so zu lächeln versucht wie unten auf dem Foto. Ich habe sie mit meiner Fernmeldeversion von Schnitzeljagd über den halben Campus ihrer Uni gehetzt.

Nun zeigt sie mir in etwas größerer Ruhe jenes kleine Reich, das von ihr und jenen Studentenhorden bevölkert wird, die uns auf den Wegen rund um einen kleinen künstlichen See entgegenströmen – auf dem Weg in die Mensa. Dort landen nach unserem kleinen Rundgang um den See auch Klein-Li und ich. Zu uns gesellt sich noch Ray, der den "English Club" der Uni leitet und mich gleich als Referenten anheuert, sowie Rays Freundin Linda. Beide können mein Chinesisch überhaupt nicht verstehen. Also suche ich schließlich das Weite, denn in 90 Minuten muss ich ja schließlich wieder unterrichten. Aber wie man's macht, macht man's verkehrt: Xiao Lis Zweifeln zum Trotz sitze ich zwar im richtigen Bus, aber der Anschlussbus zu meiner Uni, der D1-Bus, kommt und kommt nicht an'n Laden. Ein ums andere Mal schau' ich verzweifelt auf die Nummern der ankommenden Busse und komm' mir vor wie ein Lottospieler, der sich sagt: Mal muss man doch gewinnen! Aber: dreißig, vierzig Minuten lang immer dieselben Nummern – alle falsch. Die Nerven liegen blank! Doch was lange währt, wird endlich gut. D1 hat ein Einsehen. Ich komme trotzdem vier Minuten zu spät zum Unterricht. Meine Studenten sind schon ganz verstört.

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Freitag, 23. April 2010

Das große Alumni-Treffen
Von DM, 23:59

Zweiter Teil des Besuches aus Peking: das Ehemaligen-Treffen, zu dem außer ca. 80 Chinesen, die mal in Deutschland studiert haben, natürlich auch ich geladen bin. Nachmittags kann ich vorher auch endlich den Besichtigungstermin in der Bibliothek absolvieren und Hase-B. aus Peking also mein Imperium der bedruckten Seiten vorführen. Chen Dong alias Eva ist auch gerade da. Sie hatte da noch mal 'ne Frage... Hase-B. ist schon zum nächsten Termin geeilt. Ich begleite Eva noch zur U-Bahn. Die liegt auf dem Weg. Ich selbst gehe in den Park und lese den Buchpreis-Kandidaten "Grenzgang", ehe es dann zum angekündigten Bankett zurück Richtung Schanghai-Straße geht. So ein Essen muss man sich wie folgt vorstellen: In einem großen Doppelsaal mit einem knappen Dutzend runder Tische (an jeden passen zehn bis zwölf Personen) sitzen achtzig zumeist ältere Herren und Damen, die alle von ihrem Studienaufenthalt noch etwas Deutsch sprechen. Sie haben studiert in Hamburg, Bremen, Bonn, Aachen, Freiburg, München... Die Damen und Herren an meinem Tisch, die ich alle einzeln begrüße: der Leiter der Uni-Bibliothek, ein Professor an der Uni für Postwesen und Telekommunikation, ein Plasma-Physiker, ein Informatiker, der Assistent eines Wissenschaftlers, der keine Zeit hatte, eine Ex-Studentin der TU Aachen sowie, neben mir, Gastgeber Hase-B. und seine Übersetzerin. Auf dem Tisch stehen Bier, Wein, Cola und Orangensaft sowie kleine Tellerchen mit merkwürdig aussehenden Appetithäppchen. Nach einer kurzen Einführung durch Hase-B. und einer Dia-Schau häufen sich auf jedem Tisch die Köstlichkeiten so lange an, bis kein Platz mehr ist, etwa zwölf verschiedene Gerichte. Dann fängt irgendwer an einem zuzuprosten und dann wird rumgegangen und man prostet sich hier und da zu. Mir hat der übereifrige Assistent, der nur seinen Chef vertritt und kein Wort Deutsch kann, Wein ins Glas geschüttet. Zu spät habe ich ihn auf meinen Anti-Alkoholismus hingewiesen. Ich bleibe trotzdem bei Cola und Saft.

Hase-B. erzählt mir mit gesenkter Stimme von seinem vorigen Alumni-Treffen in Urumqi, der Hauptstadt von Xinjiang, der von der Ethnie der Uiguren dominierten Provinz. Beim dortigen Treffen sei das Zuprosten dann doch wesentlich stärker ausgeartet, dabei sind die Uirguren eigentlich muslimisch und dürfen also keinen Alkohol... Hase-B. weiß auch zu berichten von massiven Diskriminierungen und Marginalisierungen der Uiguren durch Ämter und Behörden, etwa von besser qualifizierten Studenten, die wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit bei der Studienplatzvergabe übervorteilt werden. Ungerechtigkeiten, die natürlich der gerne verschwiegene Grund für so manchen Aufruhr in der Vergangenheit sind. Nach etwa einer Stunde initiiert irgendein Chinese eine Aufbruchswelle, die dann einfach nicht mehr abreißen will. Am Ende sind noch zwei Tische besetzt: das deutsche Eck und die Deutsch-Studenten. Ich lerne Rebekka, die überraschend ins deutsch-chinesische Rechtsinstitut nachgerückte Juristin kennen, die vorher schon in Nanjing studiert hat, binnen 24 Stunden entschied, ihren sicheren Job bei einer Informatik-Firma hinzuschmeißen, und jetzt im gleichen Gebäude wohnt wie ich. Sie ersetzt den Bajuwaren-Peter, der aus dringenden "familiären Gründen" holterdiepolter nach Deutschland zurückreisen musste, was auch immer das heißen mag. Außerdem wieder mit von der Partie: Geo-Professor Wünnemann. Zusammen mit dem Chef aus Peking treten wir dann mal zu Fuß den Heimweg an. Verdauungsspaziergang. Jetzt dringend vonnöten.

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Donnerstag, 22. April 2010

Das große Warten
Von DM, 23:59

Hoher Besuch aus Peking hat sich angesagt, Herr Hase-B., der Dienststellenleiter des Austauschdienstes und damit so etwas wie mein Dienstvorgesetzter. Eigentlich wollten sie zu zweit kommen, aber sein Kollege laboriert an einer Thrombose. Da soll man lieber nicht fliegen! Ich habe natürlich rechtzeitig die Bibliothek in Schuss gebracht und jetzt sitze ich da – und warte und warte, aber wer nicht kommt, ist der angekündigte Besuch. Kollegin Rogler (siehe vorigen Eintrag) hat mittags schon mal angerufen und mitgeteilt, der Flug aus Peking habe fast zwei Stunden Verspätung gehabt. Aber halb vier wollte er jetzt da sein. Kurz vor vier verlasse ich verstört die Bibliothek und gehe ins Sprachlehrgebäude, wo die Fachbereichsleiterin extra einen Raum reserviert und die Studenten versammelt hat. Ich habe einen kleinen Vortrag mit dem Außenstellenleiter geplant. Professorin Kong wartet auch schon. Ich trete hinzu und kann leider nur von einer Verspätung berichten. Große Fragezeichen überall. Im selben Moment ruft Kollegin Rogler an, die mit dem ehrenwerten Gast im Büro des noch ehrenwerteren Vize-Präsidenten der Uni sitzt und nicht weg kann. Prompt entscheide ich mit Frau Kong die Veranstaltung ausfallen zu lassen und die Studenten zu entlassen. Großer Kollektivseufzer. Immerhin, tröste ich, können diejenigen Studenten, die ein bis zwei Semester in Deutschland studiert haben, zum morgigen Alumni-Treffen kommen. Wir weisen noch mal eigens darauf hin. Gemeinsam gehen Kong und ich dann in den Fachbereichs-"Salon", wo es zunächst eine Sitzung gibt. Mich schickt man in die Kaffeepause. Ich kann so das bisher ausgefallene Einzelgespräch mit dem Chef aus Peking zwischen Tür und Angel schieben. Frau Rogler verabschiedet sich: Sie hofft morgen isländischen Vulkanaschewolken trotzen und nach Deutschland fliegen zu können. Sie hat ja auch an der Uni Göttingen ein Büro und ist mal hier, mal da oder fliegt in die Luft. Zusammen mit Herrn Hase-B. begebe ich mich schließlich zur Lehrerkonferenz zu einer internen Runde. Als er schließlich den beiden Chefinnen je ein Geschenk überreichen will, erfahren wir von einer Verschiebung im Machtgefüge des Fachbereichs: Professorin Kong hat abgedankt und ist gar nicht mehr Vizedekanin. Schön, dass ich das auch mal erfahre!

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Mittwoch, 21. April 2010

Olé!
Von DM, 23:59

Irgendwie habe ich doch wieder den richtigen Riecher gehabt. Irgendwie muss ich geahnt haben, dass es sich lohnen würde, für das Halbfinal-Rückspiel gegen Olympique Lyon aufzustehen. Ich habe den Wecker auf 3 Uhr gestellt, aber ich kann ihn vor dem Klingeln wieder abschalten, denn exakt um 2.44 Uhr werde ich nach drei Stunden Schlaf von selbst wach, liege aber noch zehn Minuten, bis ich mich entschlossen vor den Fernseher schleppe und auch gar nicht mehr lange auf Olic' erstes Tor zu warten brauche. Nach dem Abpfiff, 0:3, kriege ich den Adrenalinpegel natürlich nicht mehr rechtzeitig auf Normal-Null und wälze mich noch zwei Stunden hellwach in der Koje herum. Vor mir liegen vier Unterrichtsstunden am Vormittag. Ich halte gut durch. Doch am Nachmittag, zwischen Mittagessen und Bibliotheksdienst, pfeifen meine Lider, schwer wie die Beine von Van Beuyten, die erste Halbzeit ab und ich muss mal kurz in die Kabine...

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Dienstag, 20. April 2010

Geballte Kompetenz
Von DM, 23:59

Kein April-Scherz: Heute Abend gab es einen Info-Vortrag, zu dem sich das hiesige Sprachlehrzentrum des Goethe-Instituts (mit meiner Kollegin Sommerfeld) und die Außenstelle der Göttinger Partner-Uni der Universität Nanjing, vertreten durch Frau Rogler (früher Lektorin des Akademischen Austauschdienstes in Guangzhou), mit mir zusammengetan haben. Außerdem bekommen wir eine wohlwollende Einführung durch einen Vertreter der Universität und ein Austauschstudent schildert den etwas anderen deutschen Studienalltag in Göttingen. Der Vortrag war mit ca. 60 Studenten gut besucht. Damit der Tag nicht zu lang wird, habe ich meine beiden Vormittagsstunden von 8 bis 10 auf nächsten Donnerstag verlegt. Ich hätte sonst auf dem Außencampus in Xianling einen 13-Stunden-Tag gehabt!

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Sonntag, 04. April 2010

Ostern
Von DM, 23:59

Auch ich kann hier im nicht-christlichen China zwei Tage lang Ostern feiern, weil morgen wegen des chinesischen Totenfestes zufällig auch frei ist. Mein Ostermontag sozusagen. Mit sonnigen 18 Grad und hellgrüner Frühlingsbelaubung stimmt auch das Ambiente.
Ich komme soeben von einem gemeinsamen Abendessen mit der Papierschneidekünstlerin Yuan Guan (unteres Bild rechts), Katja (oberes Bild, Mitte)  und ihren beiden Männern (sin-o-meter berichtete). Katjas Freund, der Pharmazeut, hat eingeladen. Hierbei handelt es sich um eine kleine Verschwörung, damit die Künstlerin, die uns eigentlich erneut alle einladen wollte, nicht schon wieder die Zeche zahlt. Als sie von der Kasse kommt, ist sie konsterniert: alles schon bezahlt!
Yuan Guan hat mich im Park getroffen, wo ich lesend den Nachmittag verbracht habe. Katja & Co. sind wegen einer Fahrradpanne verspätet. Wir gehen ihnen zur kleinen Tempelanlage am Südtor der Stadtmauer entgegen. Dort pese ich die Treppen rauf und runter, weil ich dem Torwächter gesagt habe, dass ich nur nach Freunden suche und also keinen Eintritt zahlen will, aber Katja & Co. sind inzwischen ganz woanders. Am Ende finden wir uns doch noch, posieren vor dem Tempel für ein Foto und haben uns das Oster-Abendessen in dem vornehmen Laden nahe der Stadtbibliothek redlich verdient.



Im GoDi heute Morgen war es fast schon wie in Großenaspe: Mit Karl, seiner Frau und den vier Kindern, die für den Nachmittag eine Fahrradtour geplant haben, hätte man sich ja vielleicht auch in Großenaspe am Kirchenportal unterhalten. Außerdem traf ich Pierre, einen Pharmazie-Forschenden aus Guinea. Na, der hat gestaunt, wie gut ich über sein Land Bescheid wusste!
Am schönsten war natürlich gestern der Sieg gegen Schalke. Die beiden bayerischen Ostereier im Schalke-Tor werden sicher nicht jedem so süß gemundet haben wie mir...
Gestern Vormittag habe ich mit meinem Hauskreis für ein Theaterstück geprobt, das wir nächsten Sonntag aufführen sollen. Das wird sicher lustig. Die Proben sind's auch schon: mein Pullover als Huhn!...
In der Nacht zuvor hat sich die arme Danyu bei mir ausgeheult, weil ihr deutscher Sprachpartner sie verführen wollte. Und sie weiß ja, dass sie sich als Christin auf so was nicht einlassen kann. Also ist sie in Panik weggelaufen und war danach total durch den Wind. Da machst was mit!

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Donnerstag, 01. April 2010

Vortrag zum Gründonnerstag
Von DM, 14:10

Diese Woche habe ich etwas mehr zu tun als sonst: Im Rahmen einer Ringvorlesung hat jeder aus dem zehnköpfigen Lehrkörper des Fachbereichs einmal im Semester eine vierstündige Vorlesung für den Absolventenjahrgang zu halten, bei freier Themenwahl. Diese Woche bin ich dran. Es handelt sich dabei um meine ersten zaghaften Versuche mit dem computergestützten Overheadprojektor-Nachfolgemodell Power-Point-Präsentation (PPP). Die Studenten beherrschen diese Präsentations-Software bei ihren Referaten aus dem Effeff und als Professor kann man ja schließlich nicht schlechter sein als seine Schützlinge. Trotzdem habe ich in der Vorbereitung z.T. ganz schön geflucht! Aber das ist nun vergessen. Am Montag habe ich Herta Müller vorgestellt, am heutigen Gründonnerstag gibt es die Vorlesung zum Osterfest: Unter dem Titel "Von Paulus zu Luther" handle ich in hundert Minuten 1500 Jahre Kirchen- und Kulturgeschichte ab - oder versuche es zumindest. Die Zeit wird natürlich zum Ende hin wieder knapp. Dafür habe ich mir am Anfang besonders viel Zeit genommen, um anhand von Johannes 3,16 oder dem Römerbrief einige Fundamente des christlichen Glaubens darzulegen, alles natürlich streng im Rahmen einer kulturgeschichtlichen Fachvorlesung, wie man es von mir erwartet!

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Samstag, 20. März 2010

Die Papierschneidekünstlerin
Von DM, 23:59


Man lernt ja doch immer wieder interessante Leute kennen. Heute ist es die Scherenschnittkünstlerin Yuan Guan. Für die Nicht-Eingeweihten: Es handelt sich hierbei um die Kunst, mit der Schere einen Papierbogen so zu bearbeiten, dass hernach ein Bild dabei herauskommt. Muss man erst mal können! Malen kann die Künstlerin auch. Ihr bevorzugtes Motiv sind Adam und Eva im Paradies bzw. der Baum des Lebens. Sie ist nämlich Christin und hat mich auch schon in der Gemeinde St. Paul's gesehen, wie sich alsbald herausstellt. Aber der Reihe nach: Hinter alldem steckt natürlich mal wieder meine rührige Kollegin, der charmante Österreich-Export Katja. Mit ihr treffe ich mich an der Nanjinger Bibliothek. Katja ist mit'm Radl da. Wir schauen uns in der Alten Galerie eine Schriftzeichenkunstausstellung an. Hintergrund des Treffens ist eine Delegation aus Hamburg, die am Mittwoch in Nanjing erwartet wird und die das Ziel hat im Mai, etwa zeitgleich mit der Eröffnung der EXPO in Schanghai, einen Vortrag samt Werkstatt an der Universität Nanjing abzuhalten. Es geht dabei um Marketing für die Stadt Hamburg oder so was. Habe ich auch nicht genau verstanden, aber jedenfalls kommen die. Und ich werde dann auch mal kommen. Wir wandern bis zu Katjas Domizil. Unterwegs kaufe ich gelbes Klebeband (für die Buchrückensignaturen meiner neuen Bücher) und wir stoßen auf gleich zwei Hundebesitzer, die ihren Vierbeinern nach der Verrichtung des Geschäfts die Geschäftsverrichtungsvorrichtungen abwischen. China, das Land der Riesenhaufen und Schmeißfliegenparadiese unter Löchern in Beton-Latrinen, auf dem Weg in die Moderne. Welches Beweises bedürfte es noch mehr? Zu Hause bei Katja gibt es einen Schneebesen für die Kopfmassage, Mandelmilch und Wiener Waffeln aus dem Traditionshause Manner. Katjas Bruder Roland, der auf Besuch ist, trifft mit Katjas Gerald aus Schanghai ein und weiter geht's zur Familie von Yuan Guan, die alle zum Jiaozi-Essen eingeladen hat. Die Mutter des Hauses ist so begeistert von Rolands Wiener Charme, dass sie ihn am liebsten abküssen möchte, was sie auch gleich mehrfach wiederholt. Roland ist derlei offenbar gewohnt: Er wird nicht mal rot! Ich spiele diesmal nur eine Nebenrolle. Kaum zu glauben, aber Roland isst sogar mehr als ich. Der Vater des Hauses, Pensionär, erweist sich als Pionier der Radioteleskop-Technik noch zu Maos Zeiten. Er hat an meiner Uni seinen wissenschaftlichen Abschluss gemacht und zeigt uns seine wissenschaftliche Arbeit aus jener Zeit: ein abgegriffenes abenteuerliches Konvolut aus Tabellen und Formen, eingeklebten Kopien verschiedener anderer Werke, handschriftlichen Passagen in Chinesisch und Schreibmaschinenseiten in Englisch. Die englischen Textteile, darunter ein Abstract, belegen den hohen Rang des Forschers. Denn Englisch war ja damals verpönt und wurde nur benutzt, wenn es gar nicht anders ging. Außerdem zeigt er uns Fotos von damals streng geheimen Radioteleskop-Antennen (ihr wisst schon, so ein Ding wie beim Finale von "Golden Eye") bei Kunming und Peking, die heute noch funktionstüchtig sind. Yuan Guans große Schwester hat einen amerikanischen Soldaten geheiratet und lebt in Washington D.C. Aber auch die Scherenschnittkünstlerin selbst, eine Absolventin der Nanjing Normal University, war mit ihren Werken bereits in den Vereinigten Staaten und hat international Anerkennung erfahren. Mit ihren Ausstellungen war sie in Hongkong, Washington, New York und Wien zu sehen, wo eine Arbeit von ihr sogar für das Ausstellungsplakat verwendet wurde, wie sie nicht ohne Stolz erzählt. 2003 gewann sie den Großen Preis des chinesischen Scherenschnitt-Festivals. Aber reich wird man dadurch auch nicht. Die Wohnung ist komfortabel, aber von Luxus keine Spur. Wir blättern noch etwas im Album der Künstlerin, aber ich werde langsam nervös, weil es schon nach zehn ist und ich glaube, dass auf CCTV-5 Frankfurt gegen Bayern zu sehen sein wird. Wir verabschieden uns also. Die Familie wickelt mir einen Original-Scherenschnitt ein. Ich sage: "Schön, den kann ich ja wunderbar mit Tesa bei mir ans Fenster hängen!" - "Bist du wahnsinnig?", schilt mich Katja. "Das ist ein Kunstwerk, das hängt man doch nicht ans Fenster!" (Dialog auf Deutsch geführt.) Nun ja, wieder was gelernt. Mit mehrmaligen Aufforderungen bald wiederzukommen verabschieden wir uns schließlich in den Fahrstuhl. Katja deutet vage in die Ferne. Dort sei der Bahnhof. Ich fahre von dort, so der Plan, mit der Metro nach Hause. Tatsächlich ist der Bahnhof aber noch eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt. Als ich ankomme, fährt auch keine Metro mehr, aber Bus Nr. 33 tut's auch. Ein rundum gelungener Abend – fast. Bayern verliert 1:2, aber Glück im Unglück: Das Spiel, das schon in der Halbzeitpause ist, als ich daheim ankomme, wird gar nicht übertragen. Der Scherenschnitt liegt eingepackt auf dem Tisch. Ich traue mich nicht, das Original-Kunstwerk noch mal zu berühren

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Mittwoch, 17. März 2010

Bären können fliegen
Von DM, 23:59

Leider haben mich ja meine treu sorgenden Viren davon abgehalten, mich persönlich von meiner Spanisch-Tutorin Constanza zu verabschieden, die erst mit ihrem Máximo Líder durch Tibet getourt ist und dann ihre Zelte in Nanjing abgebrochen hat. Aber nun meldet sie sich per E-Post zurück und schickt auch gleich ein Foto mit, das in diesem Eintrag freilich einen Anachronismus darstellt, denn es handelt sich um eine Aufnahme von der Weihnachtsfeier am 23. Dezember, über die hier im sin-o-meter unter der Überschrift Maximo und Magendrücken mehr zu lesen ist.

Fast zeitgleich meldet sich die junge Autorin Lu Min, die im Mai mit einem Künstler-Stipendium nach Göttingen geht und deren Kurzgeschichte "Tod an der Kreuzung" ich gerade in der chinesischen Kurzgeschichten-Anthologie "Unterwegs" gelesen habe, die ich jedem Prosa- oder China-Interessierten nur wärmstens empfehlen kann! Im Gegensatz zu den spröden und notorisch unaufgeregten Erzählungen, die einem zeitgenössische deutsche Autoren ständig zumuten, hält man hier noch ein Buch in der Hand, in dem auch tatsächlich etwas passiert: Bären können fliegen, ein korrupter Beamter versteckt sich im Bauch einer Prostituierten, Wanderarbeiter verschwinden spurlos beim Bau einer Autobahnbrücke und ein halbseitig Gelähmter segelt zusammen mit einer dicken Frau durch die Luft, nachdem der Gasbehälter einer Stickstoffdüngerfabrik explodiert ist. Die etwas andere Oster-Überraschung!

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Montag, 15. März 2010

Absolventen auf der Atemschaukel, Aspiranten im Auswahlgespräch
Von DM, 23:59

Tja, was soll ich sagen bzw. schreiben? Es gibt wenig Neues. Routine ist eingekehrt. Grüner Schleim besiedelt immer noch Hals und Nase. Unterricht  von Montag bis Mittwoch. Danach kann ich mich zwei Tage lang den Korrekturen widmen oder meinen Beitrag zur Ringvorlesung Ende März vorbereiten: "Von Paulus zu Luther - eine kleine (literarische) Kulturgeschichte".
Am Vormittag hatte ich Unterricht bei den Absolventen, die eine schwere Deutschprüfung hinter sich haben, ohne die sie den Abschluss nicht machen können. Doch zum Durchatmen bleibt wenig Zeit. Denn nun gilt es, die Aufmerksamkeit wieder auf die Abschlussarbeit zu lenken. Und ich mache etwas Werbung für die neuen Bücher, die das Goethe-Institut mir geschickt hat: Herta Müller und ihre "Atemschaukel" natürlich vorneweg. Dazu der neue Roman von Nora Bossong, die uns ja im letzten Semester persönlich die Ehre gegeben hat.
Die Bibliothek, wo die neuen Schmöker lagern, musste ich heute freilich nach einer Stunde schon wieder schließen, weil ich um 14 Uhr am Auswahlgespräch für die nächsten Doktoranden mitzuwirken hatte. Dass Aspirant Nummer drei unser aller werter Kollege Li Bin aus dem Fachbereich sein würde, traf mich völlig unvorbereitet. Es ist nun aber - weder für mich noch für die drei anwesenden Kolleginnen - nicht ganz einfach, hundertprozentig objektiv zu bleiben, wenn einer der drei Kandidaten, die für zwei Doktorandenplätze ausgewählt werden müssen, ein direkter Kollege ist, auf dessen Hochzeit man vor ein paar Monaten noch ausgiebig geschlemmt hat. Und siehe da, wer hätte das gedacht: Völlig überraschend landet Herr Li auf Platz 2!

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Dienstag, 02. März 2010

Die widerwärtige Welt der Viren
Von DM, 23:59

Genau genommen bin ich seit meiner Rückkehr aus dem sonnigen Süden pausenlos krank; das war 2004 im Februar genauso. Damals kam ich aus Hongkong in die Provinz Jilin zurück. Temperaturdifferenz: ca. 25 Grad. Ähnlich ist es jetzt hier. Heute haben wir um die fünf Grad, Regen. Der soll noch ungefähr zehn Tage anhalten. Der März ist hier meistens so. Die Folge: In meiner Nase befindet sich mehr grüner Schleim als Chlorophyll in einer Frühlingswiese. Am Wochenende war es besonders schlimm. Da kam noch eine Magenverstimmung dazu. Und immer das Geschwitze nachts, ich wache jede Nacht einmal klatschnass auf und kann mir das Wasser vom Arm streichen. Das nervt nur noch!
Außerdem fielen Telefon und Internet, wenn auch aus verschiedenen Gründen, gleichzeitig aus. (Ich weiß also erst seit heute, dass der FC B neuer Tabellenführer ist!!!) Und mein Vokabelheft, lebenswichtiger Lernstoff, ist auch unauffindbar! Und ich hab' mir, des Essens wegen anhaltender Appetitlosigkeit entwöhnt, auf die Zunge gebissen. Hat geblutet wie'n Schwein im Schlachthof. Also: War nicht so meine Woche...
Unerklärlicherweise bin ich aber zum Unterrichtsbeginn immer rechtzeitig wieder in Form (so auch 2004)! Das muss alles psychosomatisch sein! Seit Montag ist nun endlich wieder Unterricht. Das ist die beste Therapie, auch wenn ich krächze wie ein abgedrehter Hahn! Da ich ja auch schon etwas krank war, als ich die Studenten bei den Prüfungen im Januar letztmals sah, wirkt das jetzt ein bisschen komisch. Chen Dong alias Eva fragte auch schon, wie lange ich denn nun schon krank sei. Ich: "6 Wochen!" Jetzt noch etwas Husten und Halsweh, aber wenn ich den morgigen Unterrichtstag überstehe, woran ja niemand ernsthaft zweifelt, ist auch schon wieder fast Wochenende, da sich meine 12 Stunden auf drei Tage verteilen. Nur der Dienstag, also heute, ist hart, weil ich um acht Uhr morgens die erste und um 17 Uhr abends die letzte Unterrichtsstunde habe. Die vier Freistunden über Mittag habe ich genutzt, um nach Hause zu fahren. Ich musste schließlich im zuständigen Büro dringend mal die Sache mit dem Internet klären. Und wie man sieht, ist dieses Problem jedenfalls aus der Welt.

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Mittwoch, 24. Februar 2010

Putzerfische, Pistazien und Pampelmusen
Von DM, 23:59

Feiqian macht schlapp. Die letzten Stufen bis zum Aussichtspunkt mit der großen Antenne auf dem Gipfel der kleinen Hügelkette, die Wuyi säumt, muss ich allein bewältigen. Ihr steckt der Hongyan noch in den Knochen. Dabei macht sich die Sonne heute rar. Es ist dafür ziemlich schwül Mittags stärken wir uns beim Herrn Papa und ich lerne Feiqians fürsorgliche Großmutter kennen, die gemeinsam mit ihrem Sohn als Spezialität einen Fisch zubereitet hat. Feiqian zeigt mir auf ihrem tragbaren Computer noch ein paar Fotos von ihrer Reise nach Lijiang und Dali, wo ich ja auch schon war (2004). Danach machen wir uns auf zum letzten großen Höhepunkt der Reise: den heißen Quellen von Wuyi, einer Art Luxus-Kurbad. Man kommt sich vor wie in Bad Ems. In einer endlosen Folge von kleinen und großen Schwimm- und Planschbecken, deren Wasser aber mindestens immer Badewannen-, zuweilen auch Teekessel-Temperatur hat, warten hier Milch-, Kaffee-, oder Lavendelbäder und vieles andere mehr auf die Gäste, das meiste davon unter freiem Himmel mit Blick auf die immergrünen Berge von Zhejiang. Alles ist entweder gut für die Haut oder für die Gesundheit oder beides. Zunächst folge ich, während Feiqian das Milch- und Kaffee-Becken vorzieht, ihrem Papa und seiner jüngeren Tochter wagemutig in das Becken mit den Putzerfischen. Die kleinen Biester, so groß wie Stichlinge, geben einem zunächst einen Eindruck davon, wie es sich anfühlt, mit Piranhas dasselbe Nass zu teilen, denn sie sind ähnlich zudringlich, aber natürlich fressen die einen nicht mit Haut und Haaren, sondern sie begnügen sich mit kleinen Hautschuppen. Das soll gut sein für die Haut. Oder so. Jedenfalls habe ich danach dort, wo ich in Sanya beim Baden, von einer Welle umgerissen, am Arm verletzt wurde, zwei lange weiße Striche anstelle von schwarzbraunem Fibrin-Schorf und ich werde ungefähr zwei Wochen lang das Gefühl haben, dass es mich überall juckt, nämlich da, wo die Viecher sich an mir zu schaffen machten. Übrigens handelt es sich bei diesen Putzerfischen hier nachweislich um chinesische Exemplare, denn bei mir tummeln sich ungefähr drei bis viermal mehr von ihnen als bei den anderen im Becken. Ausländer in China – immer umringt von Neugierigen, ob Fisch, ob Fleisch! Später benutze ich zur Verblüffung einiger Kinder die zwei bis drei Meter lange Rutsche, stelle mich unter einen künstlichen Wasserfall und besuche noch das türkische Dampfbad. Dann in die Dusche, wo sogar das Shampoo gestellt wird. Es gibt noch einen kurzen Imbiss im Kur-Restaurant. Dann geht es heim zur Mutter. Dort lerne ich, nachdem Feiqian sich zum Vater verabschiedet hat (sie wohnt zumeist dort und muss noch packen, denn morgen um sieben geht es für sie nach Schanghai zum deutschen Konsulat), noch den Lebensabschnittsgefährten der Mutter kennen: Ich trete oben ins Wohnzimmer, als sie ihm gerade eine Spritze in den großen Zeh jagt, vermutlich Insulin. Ich bekomme noch Süßkartoffeln, Pampelmusen und Pistazien verabreicht, dann fährt mich der freundliche, leicht übergewichtige Herr mit der Injektion gemeinsam mit Feiqians Mutter zum Bahnhof. Abfahrt des Zuges (Sitzplatz 1. Klasse): eine halbe Stunde vor Mitternacht. Komisch, was juckt es mich denn überall? Also, diese Putzerfische, weiß nicht... Die putzen nächstes Mal vielleicht doch lieber das Klo!

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Dienstag, 23. Februar 2010

Das Astrologen-Dorf und der rote Felsen
Von DM, 23:59

Die letzte größere Aktion in dieser vorlesungsfreien Zeit: Ich reise auf Einladung von Feiqian alias "Julia" (siehe Jahresrückblick 15.1., Studentin links vom Pastor) in deren Heimat Wuyi (Provinz Zhejiang), zwei Stunden von Hangzhou entfernt. Mit dem Bummelzug bin ich 12 Stunden unterwegs, habe aber einen Platz im Schlafabteil. Verspätet komme ich gegen ein Uhr nachts am Bahnhof von Wuyi an. Leicht verfroren wartet Feiqian samt Papa schon am Ausgang. Der Papa hat ein Auto. Das setzt mich dann bei Feiqians Mama ab, die aber seit mehr als zehn Jahren von ihrem Papa geschieden ist und auch nicht mit ihm redet. Dort beziehe ich das kleine Eckzimmer im Parterre. Heizung gibt es bekanntlich südlich des Jangtse nicht. Das Zimmer ist eiskalt, aber es leuchtet das Lämpchen der Heizdecke, die für mich im Bett installiert wurde. Das ist auch gut so; schließlich ist Februar: mein Erkältungsmonat.. Tagsüber führt uns der Papa mit seiner neuen Frau und Feiqians Halbschwester in das (so die englische Beschilderung) Astronomen-Dorf Yuyuan. Es muss aber doch wohl eher ein Astrologen-Dorf sein. Denn in dem malerischen alten Ort kann ich keinerlei sternenkundliche, dafür umso mehr volkstümliche Elemente ausmachen, eine alte Bühne, einen Tempel etc. Man muss sich das Ganze vorstellen wie so eine Art Freilichtmuseum, in dem aber überall noch Leute wohnen - ganz echt und in Farbe. Farbenfroh präsentiert sich am Nachmittag auch der "Hongyan", der rote Felsen, der nach einem kleinen Mittagessen in rustikaler Umgebung, irgendwo auf einem kleinen Dorf irgendwo auf einem kleinen Hügel, angesteuert wird. Da darf ich dann mit Feiqian alleine raufkraxeln (es gibt überall Stufen, es lebe die Natur!). Zahlen muss ich auch für diesen Naturpark keinen Eintritt. Der Papa hat die Eintrittskarten immer irgendwie schon in der Hand. Er ist Beamter bei der Stadt und hat da vorher irgendwas mit seinen Kumpels von der Verwaltung gedreht. Weiß ich, was! Feiqian weiß auch von nix! Der Hongyan ("roter Felsen") erinnert von ferne an diesen berühmten Ayers Rock in der australischen Wüste, nur ist er nicht ganz so nackt und ragt auch nicht ganz so unvermittelt aus der Landschaft empor. Hier in Zhejiang ist es nämlich generell ein bisschen hügeliger als in Jiangsu. Die Sonne tobt sich an diesem Vorfrühlingstag richtig aus und das Thermometer kommt auf über 25 Grad. Ich kann jede Stufe nur unter Erduldung einer jähen Kopfschmerzattacke nehmen, die neueste Spielart meiner verschleppten Erkältung. Aber wir schaffen es dennoch auf den höchsten begehbaren Punkt, kommen noch durch eine gut auf Stufen durchschreitbare kleine Felsspalte und dann unterhalb der Steilseite des Hongyan, der steil wie die Eiger Nordwand und rot wie der Tennisplatz von Roland-Garros über uns aufragt, wieder nach unten. Auf einer kleinen Schaukel warten wir unten am Eingang auf Feiqians Papa. Wieder daheim schicken wir ihn mit seiner jungen Familie in den Feierabend. Feiqian macht noch eine kleine Stadtführung und wir essen ein paar Kebab-ähnliche Teigtaschen in dem Laden um die Ecke. Dann trifft sie bei KFC noch ein paar Freundinnen, die sie wegen ihres Deutschlandstudiums längere Zeit nicht sehen wird, und dann geht es ins Bett mit der Heizdecke.

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Mittwoch, 17. Februar 2010

Am Ende des Weges
Von DM, 23:59

Als ich morgens um zehn in Nanjing ankomme, bin ich so ausgeruht, dass ich dem Glitzern des Xuanwu-Sees, an dessen Nordende der Bahnhof liegt, nicht widerstehen kann und die ca. drei Kilometer bis nach Hause am See entlang zu Fuß zurücklege. Das Gepäck ist ja nicht mehr so schwer, seit ich die dicken Wintersachen nicht mehr spazieren, sondern am Leib trage. Aber mein Übermut rächt sich: Abends falle ich kränklich und mit Kopfschmerzen ins Bett. Eine zähe verschleppte Erkältung kündigt sich an.

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Dienstag, 16. Februar 2010

Im Schlafbus nach Kanton
Von DM, 23:59

Diese chinesischen Schlafbusse und ich, so viel steht fest, werden in diesem Leben keine Freunde mehr! Dabei habe ich noch Glück: Der Platz neben mir bleibt frei. Aber der Typ, der rechts von mir liegt, macht sich viel zu breit und der Anfang der Strecke führt durch Schlaglöcher wie im tiefsten Tibet. Außerdem wird mir erst viel zu spät klar, dass es an Bord ein WC gibt. Vorher habe ich mit wachsender Ungeduld auf eine Pause gewartet. So schläft man natürlich auch nicht tief und fest. Als wir pünktlich um 6 in Guangzhou (Kanton) ankommen, habe ich mit dem nächsten Problem zu kämpfen: Ausgerechnet die Guangzhou-Seiten hat ein ganz Schlauer vor etlichen Jahren aus meinem „Lonely Planet“-Reiseführer herausgerissen, weil er wohl nicht ständig mit einem dicken Buch reisen wollte. So bin ich jetzt ziemlich orientierungslos, habe aber Glück im Unglück: Bus-Bahnhof und Hauptbahnhof liegen hier praktisch am selben Fleck. Und ich schaffe es tatsächlich, noch eine Fahrkarte mit Schlafplatz für heute, 9.14 Uhr, nach Nanjing zu erwerben. Ich frühstücke bei McDonald's und reise dann auf blauen Dunst an eine U-Bahn-Station, die irgendwie interessant klingt, doch ich lande irgendwo in einer langweiligen Außenbezirks-Einöde, etwa so aufregend wie Neumünster-Wittorf. Im Zug falle ich dann erst mal in tiefen Schlummer. Denn anders als im so genannten Schlafbus, kann man im Zug wirklich schlafen. Nachts werde ich dann wieder munter, lege den tragbaren Computer vor mir auf die Liege und tippe: „Diese chinesischen Schlafbusse und ich, so viel steht fest...“

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